1939 Joaquín Rodrigo (1901-1999) – Konzert für Guitarre und Orchester (Concierto de Aranjuez)

Aranjuez kennt man hierzulande vor allem aus Schillers „Don Carlos“, dessen spanisches Schauspiel mit den Satz beginnt: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.“ Mit diesem Satz könnte man auch weite Teile der Entwicklung der neueren Kunstmusik überschreiben. Spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhundert war – jedenfalls in ihrer mitteleuropäischen Kernregion – die „Belle Époque“ der Kunstmusik mehr oder weniger vorbei. Auf dem Hintergrund der sozialen Katastrophen des 20. Jh. wurde die Musik hier zunehmend zum Medium der Reflexion über die Welt und ihre Probleme und zum Experimentierfeld zur Gewinnung außergewöhnlicher Erfahrungen und Erkenntnisse. Die Fragen, die man dabei verhandelte, waren meist von ernster und abstrakter Natur. Die Musikliebhaber folgten diesen Fragestellungen, vor allen aber den Antworten, welche die Komponisten darauf fanden, nur begrenzt. Dem entsprechend war das Verhältnis von Komponist und Publikum in erster Linie von Spannungen geprägt. Die – gute alte – Zeit, in welcher der gebildete Bürger die zeitgenössische Musik ohne weiteres als seine Musik empfand, war damit zum Ende gekommen. So ist es denn auch kein Wunder, dass danach nur noch wenige Werke der Kunstmusik ins allgemeine Bewusstsein vordrangen. Insbesondere aus den letzten zwei Dritteln des 20. Jahrhundert hat kaum mehr ein Werk der „seriösen“ Musik eine Popularität erlangt, wie sie Schlüsselwerke der Klassiker haben.

 

Die Ausnahme ist Rodrigos „Concierto de Aranjuez“. Es ist eines der bekanntesten Werke der „klassischen“ Musik überhaupt. Den Ganztonvorhalt, mit dem das Thema des zweiten Satzes beginnt, hat man sogar die berühmteste „Sekunde“ der Musik genannt. Das Werk wurde im Jahre 1939 komponiert, drei Jahre nachdem mit „Carmina Burana“ ein weiteres der raren Werke der neueren Musik entstand, die es noch ins allgemeine Bewusstsein schafften. Mit dem „Concierto der Aranjuez“ beschwört Rodrigo noch einmal die schönen Tage der Musik. Schon der Titel, der auf den gleichnamigen barocken Sommerpalast der spanischen Könige und seine prachtvollen Gartenanlagen anspielt, zeigt, dass es dabei weniger um die akuten Probleme der Zeitgenossen ging, wie sie etwa der zu Ende gehende spanische Bürgerkrieg durchaus stellte, sondern in erster Linie darum, sich einmal davon zu erholen. Dennoch ist Rodrigos Konzert keine bloße Unterhaltungsmusik. Der Komponist schöpft zwar reichlich aus der spanischen Folklore, insbesondere dem Flamenco, verarbeitet diese aber mit den seriösen Mitteln des Neoklassizismus, eine der herrschenden Kompositionsströmungen seiner Zeit. Im langsamen Satz geht es sogar außerordentlich ernsthaft zu. Rodrigo soll mit dessen Komposition begonnen habe, nachdem er erfahren hatte, dass bei der Schwangerschaft seiner Frau eine lebensgefährliche Komplikation aufgetreten sei. Man hat diesen beeindruckenden Satz daher als Gebet oder besser noch als Zwiegespräch mit Gott interpretiert, zumal Rodrigo darin eine Saeta anstimmt, eine Klagemelodie, die bei den Festprozessionen der Semana Santa in Sevilla erklingt.

 

Für Rodrigo, der im Alter von 3 Jahren fast vollständig erblindete, war das Werk der Auftakt für eine ganze Reihe von Konzerten, die er teilweise im Auftrag bekannter Instrumentalisten schrieb, darunter mehrere Konzerte für bis zu vier Gitarren. Der Komponist, dessen Leben das problematische 20.Jh. fast ganz ausfüllt, hatte in der Folge wichtige Ämter im spanischen Kulturleben inne und wurde, anders als seine mitteleuropäischen Kollegen, in hohem Maße vom Publikum geliebt. Dafür, und nicht zuletzt, weil er, allen persönlichen und gesellschaftlichen Problemen zum Trotz, die „gute“ Stimmung (bei)behielt, wurde er 1991 in den Adelsstand mit dem sinnigen Titel eines „Marquis der Gärten von Aranjuez“ erhoben.

 

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