Briefe aus der Wendezeit – Teil 4

Stuttgart, 21.2.90

Lieber Frank,

während alles über die deutsche Einheit redet, lohnt es sich vielleicht noch einmal, auf die Zweistaatlichkeitsdiskussion und ihre Ableger zurück zu kommen – Deutschland schwierig Vaterland!

Die noch vor Kurzem ziemlich dezidiert vorgetragene Meinung, es gelt das politische Gebilde der DDR mit seiner „in vierzig Jahren gewachsenen eigenen Identität“ zu erhalten, vor allem um die „Errungenschaften des Sozialismus“ zu retten, ist erstaunlich schnell gealtert und wirkt jetzt wie der Schnee von gestern. Durch die Konfrontation mit den „westlichen Lebensverhältnissen“ ist ihr gewissermaßen die innere Substanz davongelaufen. Interessant an der Diskussion um den Dritten Weg ist fast nur noch die Schnelligkeit, mit der sie zusammengebrochen ist. Denn mehr alles andere verweist dies auf den Druck, unter dem sich die Bevölkerung der DDR befunden hat. Historiker und Soziologen werden das Schicksal dieser Diskussion einmal als besonders beeindruckendes Beispiel dafür heranziehen, wie  Ideen von den Tatsachen ganz einfach überrollt werden können. Sie ist in der Tat ein ungewöhnliches Schauspiel, diese Revolution ohne geistige Führer und Vordenker. Immerhin hat sie sich gegen Konzepte durchgesetzt, die jahrzehntelang (eigentlich sogar ein Jahrhundert lang) mit einem Aufwand propagiert wurden, der in der Geschichte ziemlich beispiellos ist (dabei sehe einmal von einer schon mehrfach angesprochenen anderen Doktrin ab). Marx hat wieder einmal recht: Das Sein bestimmt das Bewußtsein; was ja wohl auch heißt, das man die Köpfe der Menschen über ein gewisses Maß hinaus nicht manipulieren kann. Hinzu kamen die mehr als unklaren Zukunftsaussichten eines Dritten Weges. Was wäre er anderes gewesen als ein weiteres Experiment auf dem Rücken eines Volkes, das bereits zwei Mal tragisch in die Irre geführt worden ist? Wer hätte hierfür die Verantwortung nicht nur zu übernehmen (wie dies Honecker jetzt „billigerweise“ mit Worten getan hat), sondern auch wirklich tragen können? Nicht gerade passend war es zudem, wenn derartige Experimente von unserer Seite propagiert wurden. Man wurde dabei das Gefühl nicht los, als hingen einige Intellektuelle damit ihren Träumen über das Schicksal anderer nach, wobei sie deren Verwirklichung vermutlich lieber in der kapitalistischen Hälfte der Welt abwarten wollten. Angesichts der gegebenen Tatsachen sind Rufe nach neuen Experimenten auch so gut wie verstummt (was keine unbedeutende Angelegenheit ist – immerhin scheint damit eine Denkepoche zu Ende zu gehen). Vielleicht wird die Bedeutung der Revolutionen des letzten Jahres einmal darin gesehen werden, dass das Volk mit Tatsachen die ziemlich freihändigen Behauptungen über seien Willen widerlegt hat, die seine selbsternannten Interpreten pausenlos im Mund führten.

Inzwischen ziehen sich die Verfechter der Zweistaatlichkeit auf eine neue Verteidigungslinie zurück, auf die Behauptung nämlich, dass Deutschland als Ganzes eine Gefahr sei. Eine Variation dieser Behauptung ist die von allen möglichen Seiten erhobene Forderung nach irgendwelchen Garantien, wobei keiner so recht sagt, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Und damit einher geht die Rückverwandlung unserer Verbündeten (und der Sowjetunion) in Siegermächte. Ich muß gestehen, daß ich diese Diskussion mit einem unguten Gefühl verfolge und sie selbst als Gefahr betrachte. Schon eine andauernde Selbstzerfleischung eines Volkes kann nur zu politischen Neurosen führen (einige haben wir schon – u.a. den neuen Rechtsradikalismus). Noch weniger kann es gut gehen, wenn andere Regierungen Deutschland, weil es unter ganz anderen Bedingungen versagt hat, auf Dauer wie einen Unzurechnungsfähigen behandeln wollen. Im Politischen muß es wie im Persönlichen so etwas wie Verjährung geben, ein Institut, das dem Rechtsfrieden, im Völkerrecht also dem Frieden unter den Völkern dient. Und diese Verjährung sollte doch spätestens eintreten, wenn die Generation abgetreten ist, die für früheres Unglück unmittelbar verantwortlich ist. Auch wenn unmittelbar Betroffene vielleicht noch Probleme mit dem Frieden haben, wofür man Verständnis haben kann, so wäre doch von den Regierungen mehr nach vorne gerichtetes Denken und damit Vernunft zu erwarten.

Es war vielleicht eine der größten politischen Leistungen der letzten 40 Jahre, dass es gelungen ist, aus höchst belasteten Nachbarschaftsbeziehungen (wie denen zu Frankreich) das Freund – Feind Denken herauszubekommen. Tatsächlich hatte die Verständigung zwischen den Menschen bereits eine Normalität erreicht, dass man sich zu fragen anfing, wie die Verbissenheit vergangener Zeiten überhaupt möglich war. Diese Errungenschaft gilt es zu bewahren und nicht durch Rühren in alten Wunden zu gefährden. Ich kann nur hoffen, dass durch die unguten Diskussionen dieser Tage nicht zu viel des – offensichtlich sehr dünnen – Porzellans zerschlagen wurde.

Und nichts gegen die Verteidigungsinteressen der Sowjetunion. Aber im Augenblick klingt es so, als seien die „Garantien“ nur erforderlich gegen einen deutschen Gesamtstaat, der durch eine Vergrößerung um 16 Millionen Menschen gerade auf ein Viertel der Bevölkerung der Sowjetunion angewachsen wäre (von der Größe des Territoriums und deren Waffenarsenalen mal ganz abgesehen. Komisch, wenn von übermäßiger Größe und den daraus resultierenden Ungleichgewichten die Rede ist, fällt mir immer zuerst die Sowjetunion ein. (Davon, dass sie die Gefahren übermäßiger Größe gerade erst exemplarisch verwirklicht und eine ganze Reihe von Ländern in den Ruin getrieben hat, – insoweit besteht denn doch ein wesentlicher Unterschied zur westlichen Führungsmacht – will ich gar nicht weiter reden).

Aber ich will nicht aufrechnen. Eigentlich meine ich, dass das Denken in Konfrontationskategorien insgesamt höchst überflüssig ist und dass man die europäischen Probleme nur in partnerschaftlicher Diskussion in den Griff bekommen kann – wobei sich, wenn keiner Hegemonialansprüche stellt, schon bald herausstellen wird, dass der ganze militärische Quatsch überflüssig ist.

Womit wir wieder bei meiner Lieblingsidee sind. Daß alles Quatsch war, zeigt am besten der augenblickliche Zustand der NVA. Einstmals hatte sie das bestgezimmerte Feindbild aller Armeen. Jetzt wo man es ihnen genommen hat, wollen die Burschen nicht mehr. Und nun diskutiert man gar über ein Zusammenlegen dieser Männerspielzeuge, was im Verhältnis zueinander ihrer Aufhebung gleich kommt (ein altes mathematisches Gesetz -1 + 0 = 0; man hat bloß noch nicht gemerkt, dass es sich um ein universelles Gesetz handelt und dass seine umgangssprachliche Version lautet: zum Streiten gehören immer zwei – oder anders formuliert: Löse Deine Armeen auf und die „gegnerischen“ Soldaten fragen sich, warum sie durch den Dreck robben sollen. Irgendwann, wenn auch spät, kapieren das auch die Generäle, spätestens wenn niemand mehr im Dreck liegt,  und ganz am Ende auch unsere Verteidigungsminister.). Ich bin mal gespannt, wer von uns beiden Recht behält mit der Zieldimension, innerhalb deren die Militärspielereien aufhören – oder, ich bin ja kompromisbereit, auf ein Minimum reduziert werden. Allerdings werden wir es nur erfahren, wenn ich Recht habe.

Ein paar Worte noch zur deutschen Einheit. Was mich zur Zeit am meisten interessiert, ist, wie die Übergangsregelungen lauten werden. Renten, Sparguthaben und Währung nicht in Griff zu bekommen, können sich unsere Stürmer und Dränger nicht leisten, wiewohl es vermutlich „ein bisschen“ teurer kommen wird, als sie es zuzugeben wagen.

Aber bislang habe ich zu folgenden Fragen wenig  Überzeugendes gehört:

Wo liegen – vorläufig – die Grenzen des Vermögenserwerbs durch die Kapitalisten in der DDR? Man wird ja die ungleichen Vermögensmassen kaum ungeschützt aufeinander loslassen können – und doch will man Kapital in der DDR.

Wie sollen die Löhne der DDR – Bewohner alsbald auf unser Niveau gehoben werden? Ohne vergleichbare Produktivität kann dies ja nicht möglich sein. Schließlich kann man Wohlstand nicht ausschließlich durch administrative Maßnahmen herbeizaubern.

Wie sollen die Verzerrungen innerhalb der Wirtschaft der DDR ausgeglichen werden, die mit dem Einmarsch westlichen Kapitals unausweichlich auftreten werden? Es liegt auf der Hand, dass man nicht von heute auf morgen eine gesamte Volkswirtschaft modernisieren kann. Die Entwicklung wird von Inseln der Produktivität in Gang gesetzt werden, die im Laufe der Zeit ausstrahlen werden. Dazwischen wird es erhebliche Untiefen geben. Manche Inselwirtschaften sind ziemlich zählebig (vgl. das duale System in den meisten Entwicklungsländern).

Wie kann in Kürze der erforderliche administrative Apparat geschaffen werden? Auch die kapitalistische Wirtschaft lebt ja nicht nur von Ingenieuren, Arbeitern und Maschinen. Und das administrative „Know How“ setzt nicht nur entsprechende Gesetze, sondern vor allem geschulte und erfahrene (!) Anwender und das heißt Interpolatoren voraus (Beamte, Manager, Steuer- und Betriebsberater, Anwälte – bei Euch gibt es 600 Anwälte, bei uns 40.000 – , etc).

Ich weiß nicht, wie man diese Fragen unter dem Zeitdruck vernünftig lösen will, unter den uns einige Leute hier setzen wollen. Schließlich gibt es kein Modell für die Überleitung zweier so unterschiedlicher Systeme. Eine untunliche Eile würde zu ungeheueren Improvisationsverlusten führen. Deshalb sehe ich im Augenblick keine andere Lösung als mit ziemlich geräumigen  Übergangsphasen zu rechnen. Und für diese Zeit sind Eure Interessen vermutlich am besten von einer Regierung der DDR zu wahren – daher so bald keine Vereinigung der beiden Staaten.

Zur Zeit wird reichlich viel aus der Hüfte geschossen, wobei sich niemand so recht darüber im Klaren zu sein scheint, wer davon getroffen wird. Fast rührend ist dabei die Hilflosigkeit Euer Pfarrer- Anwalts- und Jungpolitiker. In manchem erinnern sie mich an Medizinmänner, die die Wirklichkeit durch magische Rituale und Formeln zu bannen versuchen (bloß dass das Volk rationalistischer als seine Führer ist). Und manche klingen sie wie Papageien, die nachplappern, was sie nicht verstehen (können). Es gibt ja Leute die behaupten, in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem setze sich die ökonomische Rationalität auch gegen den mangelnden Sachverstand der Eliten durch. Vielleicht haben sie ja Recht – wenigstens für die Übergangphase.

So viel für heute.

Grüsse

Klaus


Stuttgart, 1.3.1990

Lieber Frank,

es ist wieder einmal Historisches passiert – im Kleinen. Nach soviel Theorie war nun endlich Praxis von Nöten. So hielt es uns nicht länger bei Briefen, Diskussionen, Zeitungen und Fernseher. Samstag, 24.2., fuhren wir kurzentschlossenen nach Franken, wo mein Bruder nicht weit von der Grenze wohnt. Wir konnten es nicht erwarten. Noch am gleichen Tag, gegen 17 Uhr begaben wir uns zum Grenzübergang Hellingen – voller Erwartungen und erregter Gefühle. Eine frisch angelegte Straße führte vom Grenzort unvermittelt in einen Wald, mitten darin auf einer Lichtung fanden sich einige Container, in denen Grenzbeamte saßen. Ja und dann war schon Endstation. Judi durfte nicht einreisen. Sie brauchte ein Visum wegen ihres australischen Passes und das war – Ordnung muß auch inmitten einer Revolution sein – nur im 130 Kilometer entfernten Hirschberg zu haben. Da standen wir mit unseren aufgewühlten Politgefühlen als zwei von der Bürokratie begossene Pudel – mitten in einem fränkischen Wald. Theorie und Praxis sind eben doch zwei Paar Schuhe. Vermutlich ist die Erfahrung nicht ganz untypisch für die deutsch-deutsche Annäherung. Der Teufel der Vereinigung steckt am Ende im Detail und so manche hochgesteckte Erwartung wird wohl noch enttäuscht werden.

Nun – Judi hatte ein Einsehen mit meinen verwirrten „vaterländischen“ Gefühlen. Sie war bereit, in der einzigen Kneipe des gottverlassenen Grenzdorfes abzuwarten, bis mein erster Drang nach Osten befriedigt war und so fuhr ich denn alleine über die Grenze. Die neue Straße ging noch bis zum ersten DDR-Ort (Hellingen), dann endeten die glatten Straßenränder und es galt auf Schlaglöcher zu achten.

Mit wie weit geöffneten Augen und welcher Erregung man ein Land betrachtet, das einem so lange und unter so gewalttätigen Umständen verschlossen war, brauche ich Dir nicht weiter zu schildern, Du hast es gerade hinter Dir. Allerdings sind unsere Reisen wohl in zwei verschiedene Richtungen, bloß dass meine Reise in die Vergangenheit zu führen schien. Fasziniert streifte ich durch die holprigen, z.T. noch ungepflasterten Straßen von Heldburg, einem größeren Dorf mit einer stattlichen gotischen Kirche, die Innen recht gepflegt aussah. Ich weiß nicht, ob Du es dekadent findest, aber ich spürte so etwas wie Freude darüber, daß die großen Modernisierer, die Vereinfacher und Begradiger hier noch nicht am Werk waren. überall fielen mir Details auf, die bei uns längst wegsaniert wären, verwitterte Türen, steinerne Regenfänger, Beschläge, Schnitzereien. Auffallend, dass einige Fachwerkhäuser gut, manche sogar (verdächtig?) prächtig herausgeputzt waren. Vieles freilich harrt noch der Renovierung. Hoffentlich sucht man dabei nicht Zuflucht bei „pflegeleichten“ Kunststoffassaden, wie so häufig bei uns. Ich fürchte, daß ihr demnächst von einer höllischen Spezies dienstbarer Geister überfallen werdet, die nicht nur im Vermögen geschäftsungewandter Hausbesitzer, sondern auch in den Stadtbildern eine teuflische Spur zu hinterlassen pflegt. Wir nennen sie Fassadenhaie -und Ihr solltet an jeder Straßenecke eine Warnung gegen sie anbringen.

Natürlich sah ich auch verfallende Häuser, eingestürzte Dächer, zugige Fenster und ungepflegte Betriebe. Aber in manchem Haus wurde auch eifrig gewerkelt (beim ein oder anderen stand ein Fahrzeug mit westdeutschem Kennzeichen davor, im Kofferraum der Werkzeugkasten; jetzt ist die Zeit, sich einen Landsitz zuzulegen!).

In der beginnenden Dämmerung machte ich noch eine kleine Rundfahrt durch die umliegenden Ortschaften und fuhr dabei einige Kilometer am Grenzzaun entlang. Die Fertigung von Metallgitterzäunen muß bei Euch ein ganzer Wirtschaftszweig gewesen sein – (er wird, obgleich konkurrenzlos, wohl nicht zu halten sein). Dann wurde es dunkel und ich befreite Judi aus ihrer Dorfkneipe.

Natürlich ließen wir uns von den Bürokraten nicht so leicht abschütteln. Gemessen an den Jahrzehnten, die wir bislang gewartet hatten, waren zwei Stunden Umweg ein Klacks. Am Tag darauf, Sonntag, fuhren wir also (mit Bruder und unserer Ältesten) nach Hirschberg, wo uns neue Abenteuer erwarteten. An der Grenze angekommen, fanden wir am Schalter des „Reisebüros der DDR“ nur einen zugezogenen Vorhang. Es fehlte jeder Hinweis darauf, was daraus zu schließen sei. Mehrere Ausländer warteten offenbar schon seit einiger Zeit. Vor ein paar Jahren stand ich im gleichen schäbigen Raum, damals um für mich eine jener absurden „Identitätsbescheinigungen“ für die Fahrt nach Berlin (West) abzuholen, die bei fehlendem Reisepaß auf der Grundlage unseres Personalausweises (!) ausgestellt wurden – gegen einen kräftigen Obolus für Schalk-Goladkowskis Devisenkasse versteht sich. Seinerzeit herrschte gedrückte Stimmung im Raum. Man schluckte seinen Ärger über die demütigende Behandlung durch die Grenzbeamten notdürftig herunter und fluchte allenfalls leise vor sich hin – vor lauter Angst, daß einem die Durchfahrt durch das Arbeiter- und Bauernparadies verwehrt werden könnte. Ohnehin war man durch das ungeheure Brimborium dieser Grenze eingeschüchtert, den mehrfachen Sperren und allgegenwärtigen Zäunen, Sicherheitsstreifen, Wachhunden, Maschinenpistolen und Wachtürmen. Jetzt herrschte in diesem Raum geradezu eine revolutionäre Stimmung. Man beschwerte sich lautstark wegen der mangelnden Information über den Fortgang des Verfahrens und ließ seinem Sarkasmus über den dürftigen Fortschritt in der Menschenbehandlung freien Lauf. Die angegriffenen Beamten, verteidigen sich nur noch mit Resten der früheren Selbstherrlichkeit. Schließlich erschien die Dame, die an einem der meistbefahrenen Grenzübergänge Europas allein für die Abfertigung der Ausländer zuständig war – sie war beim Mittag gewesen. Sie erklärte, daß Judi für die Einreise in die DDR eine „touristische Leistung“ buchen müsse – am preisgünstigsten sei ein Campingaufenthalt, Kostenpunkt 25 Mark (West versteht sich) plus 3 DM Buchungsgebühr. Tatsächlich wurde uns ein Buchungsbeleg in dem üblichen Format der Tourismusbranche ausgestellt für einen Campingplatz namens „Kleiner Galgenteich“ in 8424 Altenberg, von dem man uns nicht einmal sagte, wo er sich befindet, ganz abgesehen davon, daß Judi nicht gewünscht hatte, die touristische Leistung gerade auf diesem in Anspruch zu nehmen. (Vielleicht kannst Du uns mitteilen, wo der ohne Zweifel idyllische Ort liegt, denn unser monumentaler „Deutscher Generalatlas mit Ortregister spart diesen Eueren Teil unseres Vaterlandes kurzsichtigerweise aus.) Es scheint, daß man von sich der Gewohnheit noch nicht ganz hat trennen können, die Dinge beim falschen Namen zu nennen (oder sie bei Bedarf geradezu in ihr Gegenteil umzudefinieren, wie z.B. beim „antifaschistischen Schutzwall). Nun Modrow hat zur Zeit wahrscheinlich Wichtigeres zu tun, als sich mit der Terminologie des Zwangsumtauschs zu beschäftigen und so haben wir das Ganze als Kuriosität der Revolution abgebucht.

Aber mit dieser Zahlung hatte es nicht sein Bewenden. All dies war erst die Vorraussetzung für ein Visum. Der Beamte am Schlagbaum, der nun wieder hierfür zuständig war – er war gottlob nicht beim Essen – erlaubte sich zunächst einmal den (allerdings eher unwirsch vorgetragenen) Scherz, das Visum sei bei der Botschaft zu beantragen. Gegen eine Gebühr von 15 DM, die wir gegenüber dieser Drohung geradezu als Wohltat empfinden mußten (vermutlich auch sollten), gewährte er uns dann doch den ersehnten Stempel. Nach diesem stattlichen Eintrittsgeld von 43 DM, (plus einem beachtlichen Hindernislauf) konnte nun auch Judi das noch immer leicht kratzbürstige Land betreten.

Wir fuhren entlang der südlichen Grenze der DDR und kamen dabei auch durch einige mittelgroße Städte wie Saalfeld und Rudolstadt (von denen ich vorher noch nie gehört hatte). Das war dann keine fränkische Idylle mehr. In den Dörfern scheint ja eine gewisse erhalten gebliebene Eigeninitiative dem Verfall Grenzen zu setzen. Jetzt fielen die heruntergekommenen Industrieanlagen auf, die zerfallenden Altstadtbezirke und die trostlosen Neubaugebiete in der berüchtigten Plattenbauweise (letztere scheint zum äußeren – und vermutlich ziemlich langlebigen – Markenzeichen der DDR bestimmt zu sein); all das eingenebelt in den wahrlich umwerfenden Braunkohlequalm. Irgendwo stand eine alte Fabrikantenvilla im prächtigsten französischen Neorenaissancestil. Durch den ungepflegten Garten, in dem noch allerhand Statuen und Brunnen beziehungslos umherstanden, liefen dicke Industrierohre, die zu einer häßlichen Chemiefabrik im Hinterhof führten – sozialistische Romantik. Die Bevölkerung nahm unsere Anwesenheit anscheinend nicht weiter zur Kenntnis. Man könnte von einem kühlen oder Nicht – Empfang sprechen und über dessen Gründe spekulieren – ja wer zu spät kommt, den …

Angesichts der langen Reise war unser Programm ziemlich gedrängt. Wir beschlossen daher, keine Zeit für eine Einkehr zu vergeuden, solange es hell war. Als es dann aber dunkel war, wurde uns, d.h. vor allem unserem Magen klar, daß die Restaurants in der DDR nicht gerade dicht gesät sind. Und so verließen wir das Land nach einer kurvigen Fahrt durch den Thüringerwald – kräftig verfahren haben wir uns auch noch – mit leerem Magen aber von der touristischen Leistung „gefülltem“ Geldbeutel.

Ich war auch noch an den folgenden beiden Tagen in der DDR. Darüber werde ich Dir im nächsten Brief berichten. Inzwischen ist auch Dein historisch-dialektischer Brief hier angekommen – auch hierüber im nächsten Brief.

Ich füge Dir noch einen Aufsatz des Chefs der baden-württembergischen Zentralbank, Kloten, aus der Stuttgarter Zeitung bei, der ein mögliches Szenario für die Wirtschaftsangleichung unserer beiden Länder enthält. Danach werden die künftigen Löhne in der DDR ihren Ausgangspunkt im jetzigen Lohnniveau haben. Ich weiß nicht, ob dies insbesondere aber die Konsequenzen hieraus, all denen klar sind, die es jetzt mit der Vereinigung so eilig haben. Bei einem jährlichen Zuwachs von 10% (entsprechend der Steigerung der Produktivität, die Kloten annimmt) würde dies bedeuten, daß die Löhne noch auf viele Jahre deutlich niedriger als in der Bundesrepublik wären. Dies kann aber nur bedeuten, daß viele Waren, die im Westen produziert werden, auf längere Sicht kaum zu bezahlen sein werden, zumal deutlich größere Anteile Eures Einkommens künftig für Wohnung und Grundnahrungsmittel benötigt werden. Dies würde heißen, daß Waren für Euren Markt weitgehend bei Euch oder in einem anderen „Billigland“ produziert werden müssen. Wie dieses Nebeneinander zweier Märkte in einem Land funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Wird der Abfluß in den „goldenen Westen“ nicht immer weiter gehen? Sollen etwa Beamte „Hüben“ und „Drüben“ unterschiedlich bezahlt werden – in West Berlin anders als in Ost Berlin?

So viel für heute

Grüße

Klaus


Berlin 2.3.1990

Lieber Klaus!

Ich bleibe dabei: Das Beeindruckendste in dieser Revolution ist Deine erwachte Schreibwut – und damit erstmal herzlichen Dank für Deinen Brief vom 14.02.90. Da ich nicht mehr ohnehin Geschriebenes einfach nochmals ausdrucken und Dich damit bombardieren kann, sind mir Deine Briefe zur Zeit einziger Ansporn, etwas zu Papier zu bringen. Von allein würde ich es derzeit wahrscheinlich nicht tun.

Ringsumher warten alle mehr oder weniger apathisch auf irgendwas – und die Nervenzusammenbrüche häufen sich. Bei Paula vorgestern Abend. Angstzustände, Weinkrampf. Nachts, auf dem Weg von der Toilette fiel sie dann buchstäblich um – Ohnmacht, Erbrechen. Naja. Der Notarzt kam nach einer dreiviertel Stunde, hat den Blutdruck gemessen und gesagt, wir sollten dann am nächsten Morgen in die Poliklinik gehen. Da sie allein noch nicht den Weg zum Arzt machen konnte, bin ich gestern nicht zur Arbeit und habe sie begleitet. Die „Ausbeute“ war ein Beruhigungsmittel, Salbe für die Blutergüsse (sie ist bei der Ohnmacht gegen die Türkante geschlagen) und ein Krankenschein für die nächsten 8 Tage. Es wird einem schon was geboten hier für 10% Sozialversicherungsbeitrag.

(Letzter) Auslöser war hwsl., daß sie immer noch nicht weiß, ob sie im Betrieb bleiben kann, aber am Vortag erfahren hatte, ihre Abteilung würde erstmal „umstrukturiert“ (für Paula mit kräftigem Einkommensverlust) – und zwar ab 1. März. Als wir zu Hause abends gemeinsam einen entsprechenden Protest formulieren wollten, konnte sie plötzlich den Stift nicht mehr halten, weinte, hatte Schwindelgefühle und Atemnot und weiter siehe oben.

Das Verhalten ihres Betriebes (Dewag, Werbebranche, ein ehemaliger Parteibetrieb, der sich viel und vorrangig mit „Stadtgestaltung“, Umzügen, Volksfesten, Demonstrationen etc. befaßt hat) ist in gewissem Sinne typisch. Die Gewerkschaften sind praktisch tot (falls sie überhaupt je gelebt haben) und unsere „Wirtschaftskapitäne“ führen sich derzeit auf wie die schlimmsten Urkapitalisten (oder das, was sie dafür halten). Der Knalleffekt dabei ist, daß es im wesentlichen noch dieselben Leute sind, die vor einem halben Jahr mit Parteiabzeichen am Revers und langem Zeigefinger die „Zweidrittelgesellschaft“ verteufelt haben. Allein die Drohung, es würde demnächst nach Aspekten der Effektivität verfahren, macht sie zu reißenden Sozialtigern. Der Verdacht drängt sich auf, daß etliche eine ausgesprochene Ätsch-Haltung einnehmen und ein prickelndes Gefühl dabei empfinden dem dummen Volk nun einmal vorzuführen, was es sich mit seiner unbegründeten Revolution alles so eingehandelt hat.

Folgerichtig verstärken sich die Zukunftsängste und mit ihnen der Wunsch nach einem „Ende mit Schrecken“ statt eines „Schrecken ohne Ende“. Alles läuft zunehmend in Richtung eines bedingungslosen Anschlusses nach dem berühmten Artikel 23 GG. Leider tut auch die Bundesregierung nichts, was den Leuten hier irgendwelche Hoffnungen macht, und so geht der Trend in Richtung Zusammenbruch der Wirtschaft, obwohl es einen sachlichen Grund dafür eigentlich gar nicht gibt. Sicher, wir hatten ein mieses Wirtschaftssystem. Aber daß es innerhalb von wenigen Wochen nun nicht mal mehr dazu taugen soll, Land und Leute auf dem erreichten Niveau zu halten, ist natürlich Quatsch.

Sich in der ziemlich verworrenen Lage bei uns zurecht zu finden, ist praktisch nur noch möglich, wenn man sehr scharf die Frage stellt, wem (von denen, die überhaupt entscheiden können) die einzelnen Entwicklungen und Entscheidungen nützen. Insofern kommt man sehr schnell darauf, daß die unsichere Situation und die Ängste der Menschen eigentlich zwei Gruppen in die Hände arbeiten: Unseren alten Führern, die sich damit im nachhinein bestätigt fühlen können, und den Machthabern bei Euch, die unseren Laden um so billiger bekommen, je trostloser es hier aussieht.

Die meisten von denen, die einst diese Revolution ausgelöst und/oder begrüßt haben, stehen ergriffen vor dem, was daraus geworden ist. Das beste Beispiel dafür sind wohl unsere Künstler, die im Herbst eine hervorragende Rolle spielten, und sich nun (und ich sage das ohne jeden Vorwurf) vor allem um ihre persönliche Zukunft sorgen (und kümmern). Praktisch wird auch nach der Wahl niemand da sein, der mit der Bundesregierung noch irgendwelche ernsten Verhandlungen führen kann. Auch der ersten (und letzten) unserer demokratisch gewählten Regierungen wird nichts anderes übrigbleiben, als ergeben die Beschlüsse von Herrn Kohl zur Kenntnis zu nehmen.

Der nimmt derweil eiskalt in Kauf, daß auch bei Euch die Zukunftsängste zunehmen und der Ärger auf die übersiedelnden Zonis wächst. Über letzteres bin ich gar nicht mal so böse, denn wenn überhaupt haben wir in den zukünftigen östlichen Bundesländern nur dann eine Chance, wenn sich hier alle darüber im klaren sind, daß sie stetig, allmählich und vor allem nur gemeinsam vorankommen. Solange das Geld des Bundeshaushaltes für die Übersiedler ausgegeben wird, statt es in die „Zurückgebliebenen“ zu investieren, und es für jedermann lukrativer ist, im Westen arbeitslos zu sein statt im Osten zu ackern, wird daraus jedoch nichts. Jeder wird dann auch weiterhin sein Problem einfach dadurch lösen, daß er rübergeht.

Trotzdem bin ich ein wenig optimistisch, auch aufgrund der Interessenlage von Herrn Kohl. Kurz vor der Wahl wird er sicher ein paar Bonbons versprechen für den Fall, daß seine Freunde hier ans Ruder kommen, und ich rechne auch mit ein paar handfesten Drohungen für den Fall, daß nicht. Im Hinblick auf eine vielleicht schon gemeinsame Bundestagswahl im Dezember kann es sich auch niemand leisten, 12 Millionen neue Wähler hier zu verärgern.

Die Bonbons können natürlich um so kleiner sein, je verunsicherter hier die Leute sind usw. Ich denke also, es wird (mit schrecklichen Überschwingern nach allen Seiten aber) irgendwie doch in die richtige Richtung laufen – vorausgesetzt, es gelingt der Bundesrepublik sich zu beherrschen, den glänzenden Sieg des Kapitalismus bis zur Neige auskosten zu wollen. Falls nicht, hätte ich doch arge Bedenken, nicht zuletzt auch was die Sozialstaatlichkeit angeht. Nicht umsonst fordern schon die ersten Unternehmerverbände die Wiedereinführung der 40-Stundenwoche (für mich allerdings würde das bedeuten, daß ich täglich eine Dreiviertelstunde eher nach Hause könnte) und es wird nicht der letzte Angriff auf Eure (und künftig unsere) „Errungenschaften“ sein.

Außenpolitisch sieht es noch trauriger aus. Auf das herrliche Gefühl, Polen und vor allem Russen ein wenig zappeln zu lassen, will der Herr Bundeskanzler offenbar nicht verzichten. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, daß in seinen neuen Bundesländern etwa 300 000 Mann Sowjetarmee stehen, die (wie schon mal) zwar nicht die besten aber die meisten Panzer haben, besetzt mit Männern, die auch ohne eisgekühlte Coca kämpfen, und von Offizieren kommandiert werden, die auch nicht von Pappe sind, zumal sie seit fünf Jahren nicht mehr so viel saufen.

Es ist beeindruckend, mit welcher Unverfrorenheit jemand die Grenzfrage einer Gesamtdeutschen Regierung zuschiebt (daß er da formal im Recht ist, weiß ich als Hobby-Deutschlandpolitiker natürlich), die Frage der NATO-Mitgliedschaft aber wie selbstverständlich sofort und allein entscheidet. Hier hoffe ich auf „Genschman“, den ich mir gut auch als gesamtdeutschen Außenminister vorstellen kann. (Vor einem gesamtdeutschen Bundeskanzler Kohl, Waigel oder gar Rühe bewahre uns Gott!)

Apropos Politiker: Sicher ist Euch nicht entgangen, daß das Gros unserer gegenwärtigen Politszene einem Kasperle – Theater gleicht, das sich bemüht, ein Stück mit dem Titel „Bundesrepublik“ aufzuführen. Es ist peinlich, zumal unsere Marionetten auch noch mit ihren Puppenführern gemeinsam auftreten müssen, damit man erkennt, was sie spielen wollen/sollen. Farblos sind sie alle und damit ist auch klar, warum derzeit bei uns 2/3 Modrow für den sympathischsten Politiker halten, aber nur 15 % seine Partei wählen.

Genug für heute. Viele Grüße an Judy und die Kinder

Dein Frank


Bad Honnef 8.3.1990

Lieber Frank,

sicher wunderst Du Dich über den ungewohnten Absendeort, aber ich bin zur Zeit für eine Woche auf einer Tagung der Bundesfinanzakademie in unmittelbarer Nähe unseres Bundesdorfes. Rhöndorf, Adenauers Wohnsitz, liegt gleich um die Ecke. Idyllisch ist es ja bisweilen hier. Die Gegend ist klimatisch begünstigt. Architektonisch fühlt man sich wegen der vielen Villen fast an Italien erinnert. Aber hierhin eine Hauptstadt zu verlegen, war doch wohl mehr eine Idee des alternden Adenauers, dessen Wünsche hinsichtlich des Ambiente offen sichtlich schon von Ruhestandsbedürfnissen geprägt waren (darüber welche Auswirkungen dies auf seine Deutschlandpolitik hatte, will ich lieber nicht spekulieren).

Drüben in Bonn rauchen jetzt die Köpfe und der Rauch zieht über den Rhein bis zu uns herüber, wo natürlich, auch mit unseren Referenten aus der Ministerialbürokratie, eifrig über die „Lage der Nation“ diskutiert wird. Allenthalben ist Ratlosigkeit darüber zu verspüren, wie die Dinge in der Eile vernünftig weitergehen sollen. Wir Juristen sehen naturgemäß die praktischen Probleme, zumal wir in unserer Funktion als Sozialfeuerwehr die Feuer zu löschen haben, die die Politiker legen und dabei möglichst revolutionäre Flächenbrände mit der Ausrüstung für juristische Friedenszeiten eindämmen sollen. Nach einer Woche Bilanzsteuerrecht weiß ich, dass Ihr gerade dabei seid, Euch aus dem Paradies des Steuerrechts zu vertreiben. Hier sind als Folge des steuerlichen Sündenfalls mindestens 100 000 Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Bilanzbuchhalter u.a. zur (wohlbezahlten) Arbeit im Schweiße ihres Angesichts verdammt. Im Paradies soll es dagegen ganze 100 Steuerberater geben. Und dann gibt es hier noch die Wirtschaftsstaatsanwälte, wie ich, die dafür zu sorgen haben, dass es sich die genannten 100 000 und Millionen andere Paradiesflüchtlinge nicht zu gut gehen lassen (das entspricht etwa der Rolle, welche die Unterteufel mit ihren Dreizacks auf den alten Höllenbildern haben). Ob ihr Euch nicht nach dem Paradies zurücksehnen werdet? Manche tun es ja wohl schon, wenn man die steigenden Wahlaussichten der PDS in Betracht zieht.

Auch hier an der Akademie ist die Hektik schon ausgebrochen. In zwei Wochen erwartet man die ersten Spitzenbeamten Eurer Finanzverwaltung, die man in einem Schnellkurs auf den wilden Westen und seinen Steuerdschungel vorbereiten will. Auch sonst herrscht ziemliche Unruhe hier. Mancher Ministerialer muss um den Verlust seines sauer ersparten Vermögens bangen, nachdem die Bonner Grundstückspreise in den Keller fallen. Adenauers Grille macht(e) halt noch keine Hauptstadt.

Aber ich wollte Dir noch über meine restlichen Erlebnisse in der DDR berichten. Montag, 26.2., fuhr ich mit 3 Kindern – rein deutsche Mannschaft, Judi war der Spass zu teuer – wieder über die Grenze, diesmal ohne Probleme. Wir kamen über einige malerische Städtchen (z.B. Römhild mit einem großen Schloss, indem man einfach so wohnen kann, allerdings tatsächlich einfach) nach Meiningen. Das war etwas für mein Gemüt nicht nur, weil hier einige große Musiker am Werk waren (Reger, Richard Strauss, Hans v. Bülow). Meiningen, das ist ein elegisches Gedicht von einer Residenzstadt in einem vergilbten Bilderbuch aus der guten alten Zeit. Kirche, Schloss und Theater beherrschen die Szene, – ganz wie es sich gehört(e). Noch deutlicher als in den vergangenen Tagen wurde mir hier, dass Eure mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft zur städtebaulichen „Innovation“ in manchen Fällen geradezu zum Glücksfall werden könnte. Wo gibt es bei uns noch so unberührte Stadtzentren wie in Meiningen. Restauriert wäre die Stadt ein nostalgisches Schmuckstück – allerdings wird es teuer, vielleicht zu teuer werden. Die Zeit, da man glaubte, Altes erst einmal gründlich „modernisieren“ zu müssen, ist ja Gott sei Dank weitgehend vorbei. Ihr habt sie gewissermaßen verschlafen, was in diesem Fall tatsächlich einmal zu begrüßen ist. So besteht die auf Chance, das, was noch erhalten werden kann, ohne moderne Verkrampfungen zu retten. Hoffentlich wird sie genutzt. Bremsen muss man vor allem die Kreissparkassen, die sich gern durch Betonmonumente in historischer Umgebung verewigen (die Euren sind ja zur Zeit noch geradezu putzig). übrigens „beneide“ ich Euch in diesem Zusammenhang um Eure Ruinen; bei uns sind auch die erhalten gebliebenen längst „weggeputzt“.

Wegen des dauerhaften Regens verzogen wir uns zu nächst einmal in die bemerkenswert gut eingerichtete Stadtbibliothek. In den Regalen lagen jetzt eine ganze Reihe westdeutscher Zeitungen. Ich bekam bekam erstmals den „Sputnik“ in die Hände (wirkt eher dürftig heute); und eine DDR – Rechtszeitschrift, in der allerhand Unbeholfenes über Grundrechte stand, verpackt in einen Sprachwulst à la Marx und Hegel, der bei uns ziemlich seltsam wirken würde. In einer Bäckerei aßen wir etwas Kuchen und als Sebastian den seinen auf den Boden fallen ließ, brachte ihm die Verkäuferin sofort ein neues Stück, das sie aber nicht bezahlt haben wollte. Das hat unsere kapitalistischen Kinder, die gewohnt sind, solche Risiken selbst zu tragen, mehr als alles andere in der DDR beeindruckt.

Der Zufall wollte, dass wir auf unserem Weg durch die Stadt an einem prächtigen neobarocken Gebäude vorbeikamen (solche Gebäude ziehen mich allemal an). Es stellte sich heraus, dass darin die lokalen Justizbehörden beheimatet waren (früher gehörte es der Dresdener Bank), Grund genug, um einen Blick hineinzuwerfen. Die Pförtnerin meinte auf meine Frage, ob man an einer Sitzung teilnehmen könne, Zutritt sei nur am Anfang der Sitzung möglich, da man sonst stören würde – eine äußerst vorsorgliche Dame. Daraufhin ritt mich der Teufel und ich fragte, ob ich mit einem Staatsanwalt sprechen könne. Man führte mich gleich zum Chef der Bezirksstaatsanwaltschaft, für den ein deutsch – deutscher Kontakt ebenfalls eine Premiere war. Die Revolution mache ja nun so manches möglich, was noch vor Kurzem undenkbar gewesen sei, staunte er und unterhielt sich mit mir 1 1/2 Stunden ziemlich freimütig über Gestriges und Heutiges und die nicht eben bequeme Lage, die ein Staatsanwalt der DDR zwischen Beidem einnimmt. Staatsanwälte und Revolutionäre sind ja nicht gerade füreinander gemacht, da sie den Gesichtspunkt der (bestehenden) Ordnung naturgemäß unterschiedlich gewichten. Aber bei Euch scheinen die Revolutionäre die Staatsanwälte gegen eben jenen Staat angerufen zu haben, deren Anwalt sie sind, was für einige Staatsanwälte wohl nicht ohne – zeitlich gestreckte – Schizophrenie zu bewältigen sein dürfte. (Vielleicht braucht ihr dafür demnächst einige Leute ohne übermäßige Deformation der Hals- und Lendenwirbelsäule – ein gutes Angebot müsste ich mir glatt überlegen).

Zu allem Überfluss ist die Staatsanwaltschaft unversehens auch noch zum Hüter der Prinzipien der Revolution geworden, was sich ausgerechnet zum Vorteil der gestürzten Staatsusurpatoren auswirkt (so etwas nennt man dann Revolutionswirren). Das aufgebrachte Volk, so berichtete mir der Bezirksstaatsanwalt, verlange die schnelle Bestrafung der „Schuldigen“, aber diese haben, wen wundert es, in vielen Fällen kein Strafgesetz geschaffen, das auf sie angewandt werden könnte. So wäre eine Nachgeben gegenüber den – verständlichen – Forderungen nach Vergeltung nur möglich, wenn fundamentale demokratische Grundsätze außer Acht gelassen würden, etwa der Grundsatz, dass Strafe vor Beginn der Tat in einem Gesetz bestimmt sein muß. Eine schnelle Bestrafung wird bei der Komplexität der Handlungsgeflechte, die bei politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten in der Regel zu beurteilen sind, meist nur durch einen „revolutionären“ Verstoß gegen diesem Grundsatz möglich sein. Das gilt um so mehr als die Betroffenen, so „mein“ Bezirksstaatsanwalt, nicht gerade ausagefreundlich (und ggfs wahrheitsliebend) sind und die „Zeugen“ meist auch nicht die wünschenswerte Distanz zum Tatgeschehen haben (Die Verfahrensweise der französischen Revolutionsgerichte, insbesondere des Pariser Gerichtes mit Revolutionstaatsanwalt Fouqier – Tinville, wo alles sehr schnell ging, ist wohl besser nicht als Maßstab heranzuziehen, ganz abgesehen davon, dass sie den eilfertigen Chefankläger am Ende selbst den Kopf kostete.)

Daß ausgerechnet eine Staatsanwaltschaft, die nicht zuletzt wegen der exzessiven Anwendung von Gummi- und Auffangparagraphen („staatsfeindliche Verbindungen“ oder so ähnlich), nicht gerade als Garant der Rechtsstaatlichkeit ausgewiesen ist, nun durch Beharren auf den genannten Grundsätzen den revolutionären Elan bremsen muß (und hiebei offenbar nicht immer auf Verständnis stößt), ist eine merkwürdige Paradoxie der sanften Revolution. Geradezu absurde Ergebnisse kann die juristische Behandlung von öffentlichen Behauptungen über die verhaßte „nebenamtliche“ Stasitätigkeit von „unbescholtenen“ Bürgern zeitigen. Da die Stasiarchive aus humanitären Gründen nicht zur Einsicht freigegeben werden (ein Beschluß der Revolutionäre), können sich Personen, die Stasimitarbeiter offen legen, selbst dann nicht gegen die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage wegen Verleumdung verteidigen, wenn ihre Behauptung stimmt (Hier ist nämlich der einzige anerkannte Fall, wo es im Strafprozeß eine Beweislastumkehr gibt, also der Satz „Im Zweifel für den Angeklagten“ nicht gilt. Die Stasileute profitieren also unter Umständen von diesem Grundsatz und seiner Ausnahme).

Als Praktiker interessierte mich natürlich, wie sich eine Behörde in der Not hilft, daß alte Gesetze, wiewohl noch in Kraft, nicht mehr angewandt werden (können) und neue noch nicht vorhanden sind – man wartet ab, wie ich hörte. Oder, wie man mit der Fülle der Anzeigen fertig wird, die jetzt gegen die ehemaligen Machthaber und deren Helfer erstattet werden – man sucht Rückendeckung für die mangelnde Bearbeitung bei dem Kirchen. Auch sonst erfuhr ich viele interessante Details aus diesen Tagen, etwa über die Angst der Bevölkerung vor der Vereinahmung durch den Westen, konkret geworden etwa für alteingesessene Meininger Ladenbesitzer, die befürchten müssen, von den allenthalben umherschweifenden kapitalistischen Konkurrenten aus ihren Ladenlokalen gedrängt zu werden, weil diese ein mehrfaches der bisher üblichen Miete bieten. Oder über die Eigentumsprobleme, die sich daraus ergeben, dass sich die alte Herrschaft – offenbar in der Erwartung einer längeren Dauer ihres Imperiums (solche Erwartungen und wie man sich täuschen kann, sind uns ja nicht unbekannt) – nicht die Mühe gemacht hatten, die alten Grundbücher zu berichtigen; selbst vor dem Gerichtsgebäude seien kürzlich acht nadelgestreifte Herren gestanden, die sich auffällig für das Prachthaus interessiert hätten (Kundschafter der Dresdener Bank, wie vermutet wird). Des weiteren über die Probleme der Rechtsangleichung (Rechtsanwalt in der DDR sollte man jetzt werden; es gibt Arbeit auf Jahrzehnte und vorläufig keine Konkurrenz). Am Schluß meinte er auf meine Frage nach der Öffentlichkeit der Sitzungen, es sei natürlich nicht so, wie es die Dame unten an der Pforte gesagt habe (letztere kümmerte sich übrigens vorbildlich um die Kinder, trocknete ihnen die n nassen Haare und beschäftigte sie, die „langsam“ unruhig wurde, mit Kreuzworträtseln). Aber es sei eben typisch für das ganze und – noch immer wirksame? – System gewesen, dass alle die Diskrepanz zwischen hehren Prinzipien und einer damit kaum zu vereinbarenden Praxis getragen hätten. Auch Rechtsanwälte wie Schnur oder de Maiziere hätten bei Gericht nicht etwa die jetzt für untragbar oder verfassungswidrig gehaltenen Gesetze in Frage gestellt, sondern hätten häufig auf schuldig plädiert und nur versucht, im konkreten Fall so viel wie möglich für ihren Mandanten herauszuholen.

(A propos Schnur – heute 8.3. – kam die Nachricht von den Stasikontakten dieses Herrn und den promten Solidaritätsbekundungen der politischen Freunde in Ost – und natürlich West. Man sieht, dass das Erlernen parteipolitischer Verhaltensmuster bei Euch große Fortschritte gemacht hat. Dazu gehört allemal, vor näherer Kenntnis der relevanten Tatsachen, insbesondere vorhandener Akten, eine eindeutige Beurteilung derselben abzugeben – entsprechend der momentanen Interessenlage versteht sich (das haben wir etwa in unserer Parteispendenaffaire zu Hauf erlebt – von Barschel ganz zu schweigen).

Übrigens gelang es uns nach einer zauberhaft pittoresken Fahrt durch das Tal der Werra in Hildburghausen sogar noch Judis touristische Leistung zu verfuttern – kurz vor Schließung (20 Uhr!?) des offenbar einzigen Restaurants der Stadt am schön renovierten aber vollkommen ausgestorbenen historischen Marktplatz. Allerdings hatte meine Schwägerin mit diesem Erfolg nicht gerechnet (und wir nicht mit ihrem Zweifel), und hatte ein extrem opulentes Mahl vorbereitet. Höflichkeitshalber mußte ich daher noch ein zweites Mal essen und litt diesmal an überfülltem Magen.

Am nächsten Tag war ich mit meinem Bruder nochmals Drüben. Wir fuhren über Schleusingen (wieder ein prächtiges Schloss) nach der Bezirkshauptstadt Suhl, dessen brutale Mischung von moderner Klotzarchitektur und historischer Stadt mich an Übles bei uns erinnerte. Es fehlte nicht viel und wir hätten uns, angesteckt durch die allgemeine Aufbruchstimmung, auch auf den Pfad jener kapitalistischen Glücksritter begeben, die Euer Land z.Zt. nach allen wirtschaftlichen Richtungen durchstreifen. Wir Kapitalisten jagen, wie Du mittlerweile bemerkt haben wirst, ständig dem Traum des Schlossbesitzens nach. Da wir Kleinen denselben jedoch allenfalls in einem sozialistischen (gewesenen) Land verwirklichen können, haben wir tatsächlich die „Gelegenheit“ beim Schopf ergriffen und Erkundigungen über ein Objekt von einigermaßen bürgerlichen Dimensionen in Hellingen unweit der Grenze eingezogen. Das alte Gemäuer, das auf sozialistische Weise allein von einer alten und offensichtlich nicht sehr begüterten Frau bewohnt wurde, strebte aber bereits so malerisch dem Verfall zu, dass unsere Träume allenfalls bei Erhalt der augenblicklichen Lohn- und Währungsrelationen zu verwirklichen gewesen wären. Aber diese „traumhafte Lage“ sind wir gerade dabei, uns zu vermasseln. So haben wir unsere Besitzwünsche, wie meist, auf die „geistigen Werte“ reduziert, mit anderen Worten, statt des Schlosses haben wir am Ende ein paar Bücher gekauft. Das eine trägt den Titel „Ewiger Frieden“ und enthält eine umfangreiche Sammlung deutscher Stimmen zu diesem Thema aus der Zeit um 1800. Ein weiteres ähnliches Buch wird man vermutlich nach weiteren 200 Jahren, wenn nach Deinem Zeitplan die Männer erwachsen geworden sind, über die Friedensdiskussion um das Jahr 2000 herausgeben. Darin werden natürlich, wenn das Werk beachtlich sein soll, Teile unseres Briefwechsels erscheinen müssen. Das heißt wir müssen dafür sorgen, dass er sich bis dahin erhält. (A propos Erhaltung: Ich bin, wie ich jetzt festgestellt habe, schon an der Erhaltung der Grundlagen des eben erworbenen Vorläuferbandes beteiligt. Darin abgedruckt ist eine „Neue vermehrte Auflage“ der Kant´schen Schrift „Zum ewigen Frieden“ von 1796. Und ebendiese befindet sich – original – in meinem Besitz. Der Begleittext – S 516 – bezeichnet sie als den geistigen Kulminationspunkt der Friedensdiskussion – kein Wunder, denn eine These darin lautet „Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören – S- 84 -. Du siehst, ich bin in guter Gesellschaft.

Das zweite Buch ist Klaus v.Dohnanyi’s „Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre“ Seine Ausführungen zur offenen Gesellschaft und der daraus resultierenden Wirtschaftsordnung sowie seine Argumente für die deutsche Einheit kann ich Dir empfehlen. Die Schilderungen unserer Verhältnisse geraten allerdings gelegentlich etwas zu idyllisch. Die Deutschen Demokratischen Revolutionäre freilich, die er mit dem Buch ansprechen und beraten will, haben bei Euch mittlerweile nicht mehr viel zu sagen. Heute müsste er den Brief an die Bonner Parteizentralen schreiben. Auch Eure Revolution frisst ihre Kinder. Aber da es eine sanfte Revolution ist, werden ihre Kinder auch auf sanfte Weise verspeist, d.h. sie werden nicht mehr zur Kenntnis genommen.

Grüsse

Klaus

PS  Eigentlich wollte ich noch auf Deinen letzten beiden Briefe antworten (auch der vom 2.3. ist inzwischen hier) Aber dieser – ohnehin schon zu lange – Brief muss jetzt erst einmal weg. Ich würde gerne wissen, ob Du alle meine Briefe erhalten hast. In Deinen beiden Briefen erwähnst Du nur meine Briefe vom 30.1. und 14.2.. Dazwischen liegen noch 2 Briefe vom 5.und 10.2. Vor allem der vom 5.2. war wichtig, weil er die (positive) Antwort auf die Frage enthielt, ob unsere Einladung noch steht. Ihr kommt doch im Mai?

Ich hoffe Paula ist wieder auf den Beinen und hat wieder Mut gefasst. Ich denke, dass er nicht ganz ungerechtfertigt ist. Denn trotz aller Probleme, es kann nur aufwärts gehen, das haben meine Besuche in der DDR gezeigt.

Grüsse

Klaus

 

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