Ein- und Ausfälle – Gott und sein Erscheinungsbild

Die abrahamitischen Religionen haben mit der Entfernung der anthropomorphen Götter“bilder“, wie sie etwa die Antike kannte, eine offensichtliche gedankliche Schwäche in der Gotteskonzeption beseitigt: den Widerspruch zwischen der Gestalt Gottes (oder gar der Götter) und den Fähigkeiten und Funktionen, die ihm zugesprochen wurde. Ein Weltschöpfer etwa, der in menschlicher oder gar tierischer Gestalt daherkommt, ist nicht besonders überzeugend, da doch jedem die Begrenztheit der menschlichen (und tierischen) Möglichkeiten vor Augen steht. Allenfalls Fabelwesen, wie sie etwa die südasiatischen Religionen kennen, konnten diesen Widerspruch etwas abmildern (weswegen die Götter dort etwa zahlreiche Arme haben; dieses Phänomen findet sich auch bei indianischen Göttern). Die abrahamitischen Religionen haben die Überbrückung dieser Kluft optimiert, indem sie die absoluten Qualitäten Gottes und sein „Erscheinungsbild“ in Einklang brachten. Sie machten ihn unsichtbar, „unvorstellbar“ (und also auch nicht darstellbar), mit der Folge, dass seine Mängel nicht mehr sofort ins Auge sprangen. Daher haben sie mit einer gewissen logischen Konsequenz auf die Religionen herabgesehen, die diesen Widerspruch nicht gelöst haben. Dies dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass die abrahamitischen Religionen einen so großen Erfolg bei den Intellektuellen hatten. (Allerdings hatte das Christentum zu diesem Dünkel das geringste Recht, da es insbesondere mit der Christusgestalt das anthropomorphe Element durch die Hintertür wieder eingeführt und dazu mit der Dreifaltigkeit einen logisches Durcheinander der Extraklasse schuf.). Insofern haben die abrahamitischen Religionen so etwas wie gedanklichen Fortschritt gebracht. Tatsächlich hat die Beseitigung dieses Widerspruches den wirklichen – realistischen – Logikern denn auch das Leben ziemlich schwer gemacht.

Ein- und Ausfälle – Islam und Gewalt

In einen Prozess, der 2008 in Deutschland gegen einen eine Gruppe von Islamisten geführt wurde, haben die Angeklagten mit einer Ausführlichkeit, die aus Stolz zu resultieren schien, über ihre Pläne berichtet, möglichst viele Amerikaner umzubringen. Auf die Frage, ob sie ihr letztendlich gescheitertes Unterfangen bereuten, gab einer ihrer Anwälte an, daran hindere sie ihre religiöse Überzeugung.  In diesem Satz kommt wohl einer der grundsätzlichsten Unterschiede zwischen (aufgeklärtem) Christentum und Islam zum Ausdruck: die gänzlich unterschiedliche Haltung zum Töten von Menschen. Wenn es um Verstöße gegen religiöse Normen geht, denkt man in islamischen Kulturen recht schnell an die Tötung dessen, der gegen die Norm verstoßen haben soll. Der Koran selbst liefert eine Reihe von Beispielen dafür  (sogar der bloße Abfall vom Glauben wird mit dem Tod bedroht). Und da Politik und Religion in islamischen Kulturen nur sehr unvollkommen getrennt sind, ruft man auch in politischen Dingen schnell nach dem Tod des Gegners(wenn man ihn nicht gleich herbeiführt – ggfs unter Vernichtung möglichst vieler auch unbeteiligter Menschen). Bezeichnend hierfür ist, dass es hier kein Problem zu sein scheint, Sätze wie „Allah ist groß“ und „Tod den Amerikanern etc“ unmittelbar nebeneinander zu stellen. Natürlich hat auch das Christentum in Sachen Normverstoß und Tötungssanktion alles andere als eine reine Weste. Im aufgeklärten Christentum allerdings hat sich die Verbindung dieser beiden Elemente weitgehend gelöst – woraus allerdings auch resultiert, dass man die christlichen Gesellschaften, die diese Verbindung noch nicht vollständig gelöst haben, indem sie etwa noch die Todesstrafe kennen, als wenig aufgeklärt und damit insofern als dem Islam nahe stehend charakterisieren muss.

1919 Edward Elgar (1857-1934) Konzert für Violoncello und Orchester e-moll

Edward Elgars Cellokonzert teilt – zumindest in Deutschland – das Schicksal seines Schöpfers: es wird, nicht anders als der Meister selbst, von der Musikpublizistik äußerst stiefmütterlich behandelt. Der Self-made-Man gilt, wiewohl er die englische Kunstmusik nach einer Durststrecke von 200 Jahren wieder zurück auf die internationale Bühne brachte, offenbar als Figur einer randständigen Region der europäischen Kunstmusik, weswegen er in den gängigen Musikführern meist nur kursorisch abgehandelt wird. Sein Cellokonzert wird dabei sogar häufig überhaupt nicht erwähnt. In der Praxis erfreut sich das Werk hingegen erheblicher Beliebtheit. Wesentlich dazu beigetragen hat Elgars Landsmännin Jaqueline du Pré. Sie spielte das Stück im Alter von 17 Jahren erstmals bei ihrem spektakulären öffentlichen Debüt im Jahre 1962. In ihrer nur elf Jahre dauernden Weltkarriere, die durch die Erkrankung an Multipler Sklerose plötzlich abgebrochenen wurde, hat sie das Werk immer wieder aufgeführt und ihm dabei ihren persönlichen Stempel aufgedrückt. Legendär ist die Filmaufnahme aus dem Jahre 1967, die sie als entrückte, teilweise wie in Trance spielende zugleich aber äußerst präsente Interpretin des Werkes unter der Leitung ihres jungen Ehemannes Daniel Barenboim zeigt.

Das viersätzige Konzert hat in mancher Hinsicht einen problematischen Hintergrund. Man hat im Zusammenhang mit ihm immer wieder von herbstlicher Tönung und von einer Stimmung des Abschiednehmens und der Resignation gesprochen. Tatsächlich markiert das Werk einen Wendepunkt sowohl in Elgars Leben als auch in seiner künstlerischen Karriere. Es entstand unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, einem Ereignis, in dem Elgar das Ende der Epoche des kunstbegeisterten imperialen Englands sah, dessen musikalischer Repräsentant er gewesen ist. Man hat daher die gedämpfte Stimmung des Konzertes als Ausdruck der Trauer über den Untergang einer Lebensform interpretiert.

Für Elgar selbst ging seinerzeit ebenfalls eine Epoche zu Ende. Bedingt durch die wirtschaftlichen Probleme, welche der Krieg nach sich zog, war auch er gezwungen, seinen Lebensstil ändern. Er konnte sich etwa das großzügige Landhaus Severn, welches er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes erworben hatte, nicht länger leisten. Wenige Monate nach der Fertigstellung des Cellokonzertes starb auch noch seine über alles geliebte Frau Alice, die für den eher scheuen Komponisten, der angesichts seiner autodidaktischen Bildung immer wieder von Selbstzweifeln geplagt wurde, gerade auch in Hinblick auf seine schöpferische Tätigkeit die wichtigste Stütze war. Mit ihrem Tod verlor Elgar jegliche Motivation zur Komposition größerer Werke. Erst zehn Jahre später verspürte er wieder nachhaltigere schöpferische Impulse. Der inzwischen betagte Komponist begann auf Anregung von George Bernhard Shaw, mit dem er befreundet war, mit der Arbeit an einer dritten Symphonie und beschäftigte sich mit einer Oper. Die angefangenen Projekte wurden jedoch durch seinen Tod im Jahre 1934 unterbrochen. Das Cellokonzert ist daher das letzte bedeutende Werk aus der Feder des Komponisten geblieben.

Auch das Werk selbst hatte zunächst mit einigen Problemen zu kämpfen. Es fing damit an, dass die Vorbereitung der Uraufführung, die am 27. Oktober 1919 unter denkbar schlechten Vorzeichen stand. Die Präsentation erfolgte im Rahmen des Konzertes, mit dem das London Symphonie Orchestra die Saison eröffnete. Der Hauptteil sollte dabei von dessen neuen Dirigenten Albert Coates, das Cellokonzert von Elgar dirigiert werden. Da Coates einen guten Einstand haben wollte, nahm er die Probenzeit, die zur Verfügung stand, fast ganz für sich in Anspruch. Elgar konnte sein Werk am Tag vor der Uraufführung mit einem Orchester, dessen Dienstzeit bereits abgelaufen war und das dazu die Noten noch nicht gesehen hatte, nur hastig durchspielen. Auch die Zeit für die Einspielspielprobe am folgenden Tag überzog Coates mit ausgiebiger Arbeit am „Waldweben“ von Richard Wagner, einem Komponisten, dem Elgar im Übrigen sehr viel verdankte. Der Meister kam erst zum Zug, als die Probenzeit schon um eine halbe Stunde überschritten war. Nur die Rücksicht auf den seinen Freund Felix Salmond, der den Solopart spielte, hielt Elgar davon ab, der Forderung seiner Frau nachzugeben, die Aufführung abzusagen. Hinzu kam, dass die Londoner kurz nach dem Kriege Anderes im Sinn hatten, als auf ein neues Werk des patriotischen Autors von „Pomp and Circumstances“ zu warten, den sie kurz zuvor noch so hoch gefeiert hatten. Das Konzert war daher schlecht besucht. Der Kritiker des „Observer“ stellte denn auch nicht nur dies bedauernd fest, sondern vor allem, dass Coates Teil des Konzert zwar wunderbar gewesen sei, sich aber „bei Elgar ein so großartiges Orchester wohl noch nie so schlecht dargestellt habe.“ Die Reaktion auf das Konzert war insgesamt eher zurückhaltend.

Nichtsdestoweniger hat das Werk die Musikpodien der Welt erobert. Viele räumen ihm nach dem Konzert von Dvorak den zweiten Platz auf der Rangliste der Werke ein, welche die Ausdrucksmöglichkeiten des Violoncellos auszuschöpfen wissen. Tatsächlich ist ja auch kein anderes Instrument so sehr dazu geeignet, die elegische Stimmung zum  Ausdruck zu bringen, welche in diesem Werk vorherrscht.

Weitere Texte zu Werken von Elgar und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Ein- und Ausfälle – Bausünde oder Bauverbrechen?

Der Begriff „Bausünde“ ist eine viel zu harmlose Beschreibung dessen, was gewisse(nlose) Investoren und ihre architektonischen Helfer der (Um)Welt antun. Er klingt zu sehr nach Vergeltung im Jenseits, an die bzw. an das dieser Menschentypus vermutlich sowieso nicht glaubt. Davon abgesehen ist bei dieser Art von Verfehlung die Möglichkeit von Vergebung konotiert. Richtiger wäre es, von Baudelikten –  dementsprechend in schweren Fällen von Bauverbrechen – zu sprechen. Damit wäre auch klargestellt, dass die Strafe im Hier und Jetzt zu erfolgen hätte.

Ein- und Ausfälle – Chinesische Strafen für schlechte Architektur

Der Ming-Kaiser Yong Le soll den Architekten der Verbotenen Stadt von Peking, weil dieser zum wiederholten Male nicht genügend gute Entwürfe für die Ecktürme des Palastes vorgelegt hatte, eines Tages mit dem Tode bedroht haben, falls er nicht bis zum nächsten Morgen qualitätvollere Pläne vorlege. Der Architekt, der nicht wusste, wie er den Ansprüchen des Kaisers  gerecht werden sollte, sei, so heißt es,  daraufhin in Verzweiflung gefallen und habe sich die ganze Nacht nur damit beschäftigt, seiner geliebten Grille einen schönen Käfig zu bauen. Als der Kaiser am nächsten Morgen kam, um zu sehen, was der Architekt unter der Todesdrohung zu Stande gebracht hatte, habe dieser sich in sein Schicksal ergeben auf sein bevorstehendes Ende vorbereitet. Der Kaiser habe aber die Zeichnung für den Grillenkäfig auf dem Tisch des Architekten entdeckt und geglaubt, dass es sich dabei sich um den Entwurf für die Türme handele. Er sei davon begeistert gewesen und habe den Architekten begnadigt.

 Ob diese Geschichte wahr ist, wird man angesichts der Art, wie man im alten China Geschichte schrieb und bestimmten Zwecken dienlich machte, wohl nie erfahren. Man kann für den armen Architekten und alle seine Kollegen nur hoffen, dass sie Übertreibungen der Art enthält, wie sie im Zusammenhang mit chinesischen Kaisern üblich waren. Aber auch wenn nicht viel Wahres daran sein sollte, so zeigt die Geschichte in jedem Fall, welch` hohen Stellenwert die Qualität der Architektur im alten China hatte. Das gegenteilige Extrem ist der vollkommene Mangel an Respekt vor der Öffentlichkeit und ihren Repräsentanten, den ungezählte Architekten in unseren Breiten und Zeiten an den Tag legen.

Ein- und Ausfälle – Müssen wir Angst vor den Chinesen haben?

Wir sehen seit einiger Zeit verwundert, wie im Osten des eurasischen Kontinents eine gewaltige Macht entsteht. China zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf von Selbstzerfleischung und ideologisch bedingtem  Missmanagement, in dem es ein Jahrhundert steckte, nachdem es durch den Westen gedemütigt und geschunden worden war. In wenigen Jahrzehnten hat das Reich der Mitte eine Entwicklung durchgemacht, für die der Westen Jahrhunderte gebraucht hat. Das Land ist in dieser Zeit von einem Entwicklungsland zu einer führenden Industrienation geworden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Das chinesische Gesellschaftssystem ermöglicht es, Entscheidungen in einem Tempo zu vorzubereiten und zu verwirklichen, von dem der Westen nur träumen kann. Hinzu kommt, dass die ungeheuren menschlichen Ressourcen des Landes noch weitgehend unausgeschöpft sind. Geht man davon aus, dass sich die Entwicklung in ähnlicher Weise fortsetzt wie in den letzten Jahrzehnten, dann werden in China in den nächsten Jahrzehnten weitere Hunderte von Millionen äußerst fleißiger und hoch motivierter Menschen in den modernen Wirtschaftskreislauf eintreten. Nach allem Ermessen wird der Westen dem nichts Vergleichbares entgegenzusetzen haben. Schon jetzt kann man sich daher ausrechnen, dass sich dadurch die Machtgewichte in der Welt zu Lasten des Westens erheblich verschieben werden. Müssen wir also Angst vor China haben?

 

Nach den Maßstäben, die Europa und seine kulturellen Ableger insbesondere in Amerika in der Vergangenheit entwickelt haben, ist die Angst berechtigt. Der Westen hat seine Stärke und die Schwächen der wenig oder anders entwickelten Länder immer konsequent für seine Zwecke genutzt. Sein Bestreben war in erster Linie die Expansion und die Ausbeutung fremder Ressourcen. Die Mittel, mit denen er operierte, waren dabei alles andere als skrupulös. Wo nötig hat man sich dafür andere Länder kurzerhand einverleibt, indem man sie zu Kolonien erklärte. Im schlimmsten Fall wurde die Bevölkerung gar versklavt oder vernichtet. Das Ergebnis war, dass der Westen vom großen Kuchen der Weltökonomie das bei weitem größte Stück bekam. Unsere Jahrhunderte lange wirtschaftliche (und damit militärische) Übermacht bedeutete für die Unterlegenen also meist nichts Gutes. Würde China die Macht, die es schon hat oder in absehbarer Zeit haben wird, ähnlich nutzen, würde es uns tatsächlich schlimm ergehen.

 

Sind solche Befürchtungen aber berechtigt oder spiegeln sie nur unsere eigene Denkweise? Letztendlich beantworten kann diese Frage naturgemäß niemand. Ein Indiz dafür, wie sich die Dinge entwickeln könnten, kann aber der Blick in die Vergangenheit sein. Denn da sich die Grundlagen einer Kultur in der Regel nur sehr langsam ändern, kann man davon ausgehen, dass die Linien, welche die Vergangenheit eines Kulturkreises bestimmten, im Großen und Ganzen auch noch in der Zukunft weiter gezogen werden. Für den Westen lässt sich feststellen, dass sich die Neigung zur Ausbeutung fremder Ressourcen seit der Antike wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und noch heute vorhanden ist. Wenn die Entwicklung Chinas ebenso konsequent verlaufen sollte, könnten wir beruhigt sein. Chinas Kultur war nämlich nie in vergleichbarer Weise auf Expansion oder Ausbeutung fremder Länder und Menschen gerichtet, wie die westliche Kultur.

 

Wiewohl China über drei Jahrtausende die absolut größte Macht im Osten des eurasischen Kontinents war, hat sie nie einen Kolonialkrieg geführt, geschweige denn, wie der Westen, Eroberungen unter dem Deckmantel der Ausbreitung der angeblich einzigen richtigen Religion betrieben. Dabei wäre es ihm angesichts seiner menschlichen und technischen Ressourcen ein Leichtes gewesen, weniger entwickelte Völker zu unterwerfen. Die Chinesen waren lange vor den Europäern im Besitz von explosiven Substanzen, nutzten sie aber nie, um damit zu schießen, also um Andere damit unter Druck zu setzen. Noch bevor die Europäer sich dazu aufmachten, die Welt mit wenigen kleinen Schiffen zu erforschen und zu erobern, waren die Chinesen mit einer Flotte von riesigen Schiffen auf den Weltmeeren unterwegs. Sie verzichteten aber darauf, ihre Expeditionen oder gar sonstige politische Projekte durch die Unterwerfung und Ausbeutung der entdeckten Länder und Völker zu finanzieren, was Europa wie selbstverständlich tat (man denke an die Finanzierung der spanischen Reconquista durch die Edelmetallimporte aus Amerika). Zwar waren auch die Chinesen nicht unkriegerisch, wiewohl der Beruf des Kriegers bei ihnen – auch dies im Gegensatz zu Europa – kein hohes Ansehen genoss. Bei ihren Kriegen handelte sich aber entweder um innerchinesische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Machtzentren oder um Kriege gegen benachbarte Völker, die der Sicherung der Grenzen dienten. Zu letzterem Zwecke haben die Chinesen zeitweilig auch Grenzvölker beherrscht oder sich über die Grenzen ihres Kulturkreises ausgedehnt. Im Großen und Ganzen ruhte das Reich der Mitte aber in sich selbst. Es war nicht an Expansion sondern an der Sicherung seiner inneren Stabilität interessiert. Das sichtbarste Zeichen dieses Denkens ist die chinesische Mauer. Mit einem Aufwand, dessen Größe nur noch mit der künftigen Wirtschaftskraft Chinas verglichen werden kann, hat man hier ein singuläres Bauwerk geschaffen, das nur dazu diente, sich Ruhe vor fremden Eindringlingen zu verschaffen.

 

Die Befürchtungen betreffend die Rolle Chinas in der heutigen Welt kann man denn auch schwerlich mit dessen Vergangenheit begründen. Sie resultieren vielmehr daraus, dass das politische System des Landes wenig durchschaubar ist und China in neuerer Zeit eine expansive Politik gegenüber Taiwan und Tibet betrieben hat. Was das gegenwärtige politische System betrifft, so handelt es sich um einen Import aus dem Westen des eurasischen Kontinentes, der in der Tat eine starke aggressiv-missionarische Komponente hatte. Nachdem die Schwächen dieses Systems offenbar geworden sind, hat sich sein missionarischer Aspekt stark abgeschwächt, sodass insofern kaum mehr sonderlich aggressive Impulse zu erwarten sind. Was die Politik gegenüber Taiwan und Tibet angeht, so ist ein Vergleich mit dem, was Europa in der Vergangenheit betrieben hat, kaum möglich.  Zu beiden Gebieten hat China historische Beziehungen. Auch wenn insbesondere in Falle Tibets offensichtlich auch geostrategische Aspekte im Spiel sind, erscheint das Verhalten Chinas hier doch in einem anderen Licht als die Eroberungsaktivitäten, welche sich die Europäer meinten leisten zu dürfen.

 

Eine Gefahr für die Welt würde China aber – abgesehen von möglichen Revanchegelüsten, die gut nachvollziehbar wären, für die es aber erstaunlich wenige Anhaltspunkte gibt –  wenn der Kapitalismus, der sich in diesem Land auszubreiten beginnt, notwendigerweise eine aggressive Außenpolitik nach sich ziehen würde, wenn man also auf Grund der Eigengesetzlichkeit des Kapitalismus die Auflösung der restriktiven außenpolitischen Tradition Chinas befürchten müsste. Dafür, dass dies der Fall sein könnte, spricht natürlich die Verbindung von Kapitalismus und Aggressivität, welche man für den Westen zu konstatieren hat. Es spricht aber auch einiges dafür, dass die Neigung zur Aggression in Europa unabhängig vom Kapitalismus entstanden ist. Darauf deutet insbesondere die Tatsache, dass die (Außen)Politik in Europa schon von der Antike bis zu den Kreuzzügen des Mittelalters durch Gewalt gekennzeichnet gewesen ist, ausbeuterisches Verhalten bei uns also bereits lange vor der Entstehung des Kapitalismus gang und gäbe war. Die Kombination von Kapitalismus und Aggressivität ist wohl eine spezifisch europäische Erfindung. Sie kann nicht ohne weiteres auch für China unterstellt werden, das, wie gesagt, eine ganz andere Tradition hat. Deswegen sollten gerade wir diesem erstaunlichen Land nicht mit übermäßigem Misstrauen oder gar Angst entgegentreten – ganz abgesehen davon, dass wir von den Impulsen, welche der Aufstieg Chinas der Weltökonomie gibt, erheblich profitieren.

1896 Enrico Bossi (1861- 1925) Orgelkonzert a-moll

Die Komponisten der italienischen Romantik sind, soweit es sich nicht um Opernkomponisten handelt, hierzulande kaum bekannt. Dies zeigte sich sehr deutlich als vor einigen Jahrzehnten die „Messa per Rossini“ gefunden wurde, die Verdi anlässlich des Todes von Rossini im Jahre 1868 gemeinsam mit zwölf der berühmtesten Komponisten Italiens komponierte. Außer Verdi selbst war selbst den Musikkennern keiner der anderen Komponisten ein Begriff, wiewohl diese, wie die Uraufführung des Werkes in Stuttgart im Jahre 1988 zeigte, offensichtlich sehr versierte Könner waren. Ähnliches gilt für den Italiener Enrico Bossi, der zu den Spätromantikern zu zählen ist. Er war zu seiner Zeit ein hochberühmter Organist und Orgeltheoretiker, ein erfolgreicher Komponist sowie ein geachteter Kompositionslehrer an verschiedenen großen Instituten seines Heimatlandes. Konzertreisen führten ihn weit in die Welt hinaus – er verstarb auf der Rückreise von einer Reise nach Amerika im Jahre 1925 auf einem Schiff im Atlantik.

Bossi, der einer Dynastie von Organisten entstammt und auch eine solche begründete, hinterließ ein großes Ouevre mit Werken aller Gattungen. Berühmt waren vor allem seine Vokalwerke, deren Gegenstand die großen Themen der christlich-abendländischen Überlieferung und Geschichte waren. Einen Schwerpunkt seines Gesamtwerkes bilden naturgemäß Kompositionen für Orgel. Darunter ist auch ein Orgelkonzert aus dem Jahre 1896 mit der aparten Besetzung Orgel, Streichorchester, vier Hörner und Pauken. Das dreisätzige Stück ist, wiewohl es nicht eben viele große Orgelkonzerte gibt, so wenig bekannt wie sein Autor. In einem wichtigen deutschsprachigen Orgelmusikführer etwa wird es nicht erwähnt. Dabei handelt es sich um ein wahrhaft eindrucksvolles Werk reifster Spätromantik, das die expressiven Möglichkeiten der romantischen Orgel, die Bossi in Italien einführte, voll zur Geltung bringt. Zarte Passagen, die den aufkommenden musikalischen Impressionismus ahnen lassen, stehen neben gewaltigen Klangapotheosen und erdbebenartigen Tiefen, singuläre Tonszenarien, wie sie nur die Königin der Instrumente erzeugen kann. Bemerkenswert sind die dichte thematische Verarbeitung, die hohe harmonische Flexibilität mit phantasiereichen Modulationen und die bei aller Komplexität wunderbar schlüssige Form. Insoweit hat offensichtlich die zeitgenössische mitteleuropäische Symphonik und die Harmonik Richard Wagners Pate gestanden. Das Orchester ist der kongeniale Partner des Soloinstrumentes. Es ist nicht nur auf das Dichteste in das musikalische Geschehen verwoben, sondern auch mit großen Soli betraut, so die tiefen Streicher, die dabei bis zu vierfach geteilt werden, oder das fulminant schmetternde Hornquartett.

Alles in Allem ist nicht nachzuvollziehen, wieso dieses mitreißende Werk in unseren Breiten bislang keinen Nachhall gefunden hat.

1756 Josef Haydn (1732–1809) Konzert für Orgel und Orchester C- Dur Hoboken Verz. XVIII:1

Haydns Orgelkonzert in C-Dur ist ein Werk seiner Frühzeit als Musiker. Gerade über diese Zeit ist aber noch weniger bekannt als über Haydns Leben insgesamt. Wir wissen nur aus einem autobiographischen Brief aus dem Jahre 1776 von ihm selbst, dass er, nachdem er im Alter von 17 Jahren wegen Stimmbruchs aus den Chorknabendienst am Wiener Stephansdom entlassen wurde, zunächst auf der Straße stand und sich „in Unterrichtung der Jugend ganze 8 Jahr Kummerhaft herumschleppen“ mußte. „Durch dieses Elende brot“, so merkt Haydn an, „gehen viele genien zu grund, da ihnen die Zeit zum studieren manglet.“ Auch er selbst wäre diesem Schicksal nicht entgangen, wenn er seinen „Compositions Eyfer nicht in der Nacht fortgesetzt hätte.“ Seine ersten Biographen berichten, dass sich Haydn in dieser Zeit weitgehend autodidaktisch an Hand von zwei Klassikern der Kompositionslehre fortgebildet habe, dem Kontrapunktlehrbuch „Gradum ad parnassum“ von Johann Josef Fux aus dem Jahre 1725 und Johann Mathessons „Der vollkommene Kapellmeister“ von 1739. Starken Einfluss auf sein musikalisches Verständnis hatten auch die ersten sechs Sonaten von Carl Philippp Emanuel Bach, einem wichtigen Wegbereiter des empfindsamen Stils. Haydn sagte einmal: „Wer mich gründlich kennt, der muß finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke.“ Vor allen aber, so heißt es in seiner biographischen Skizze von 1776, „schrieb ich fleißig, doch nicht ganz gegründet, bis ich endlich die Gnade hatte, von dem berühmten Herrn Porpora … die ächten Fundamente der Setzkunst zu erlehrnen.“ Haydn war zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr im Übrigen ein musikalischer Gelegenheitsarbeiter, der hier und dort einsprang, wo ein nicht unbegabter Musiker benötigt wurde.

Ein Gelegenheitswerk ist auch das Orgelkonzert in C-Dur, welche nach Haydns eigener, allerdings fast 50 Jahre später erfolgten Datierung im Jahre 1756 entstand. Das Werk soll nach Angaben des frühen Haydn-Biographen Griesinger für die Zeremonie des feierlichen Klostergelübtes seiner Schülerin Therese Keller geschrieben worden sein, die am 12. Mai 1756 stattfand. Ebenfalls nach diesen Angaben waren zwischen Lehrer und Schülerin zarte Bande gewachsen, die aber durch die Entschlossenheit der Eltern des Mädchens, ihre zweite Tochter im Kloster unterzubringen, jäh unterbrochen wurden. Ähnlich wie Mozart und Dvorak heiratete Haydn später die Schwester seiner frühen Liebe, was auch in seinem Fall nur die zweitbeste Wahl war. Haydns Ehe wird sogar als sehr unglücklich geschildert.

Vielleicht ist dieser emotionale Aspekt der Grund dafür, dass Haydn das Orgelkonzert – und ein Salve Regina, das möglicherweise für den gleichen Anlass entstand – fast fünfzig Jahre lang aufbewahrte. Erst im Jahre 1803, sechs Jahre vor seinem Tod, bot er das Werk dem Verleger Breitkopf an, und zwar – was bei Haydns ausgeprägtem Geschäftssinn auffällt – ohne hierfür eine Gegenleistung zu verlangen. Griesinger, der die Verhandlungen mit Breitkopf führte, teilte diesem mit, er solle ihm von Haydn sagen, "welch` alten Bart es habe.“ Später schreibt er noch, das Konzert sei „vielleicht über die Epoche des heutigen Geschmacks aber in seiner Art und für den Sammler Haydn`scher Musik gewiß merkwürdig.“

Das ungewöhnlich lange Werk ist ein Dokument der Zeit des stilistischen Umbruchs, in der Haydn aufwuchs, und der Suche nach seinem persönlichen Stil, welcher wesentlich den Stil der Epoche prägen sollte. Reste überkommener formaler Strukturen und Floskeln barocker Rhetorik finden sich daher neben Elementen des aufkommenden galanten Stils. Eine besondere persönliche Note ist, wie allgemein beim frühen Haydn, noch nicht festzustellen. Auffällig ist allerdings, dass es sich bei dem Werk nicht, wie bei den Orgelkonzerten dieser Zeit üblich, um bloße unterhaltsame Spielmusik handelt, sondern dass immer wieder, selbst im tänzerischen 3/8 Takt des Finales, ernste Töne zu hören sind. Möglicherweise hat dies mit dem besonderen Anlass des Entstehens und Haydns persönlicher Betroffenheit zu tun.

Weitere Texte zu Werken von Haydn und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 19 und Ende

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Es gilt Abschied zu nehmen von Malakka. Fiona, die englische Lehrerin, die wir auf Tioman kennengelernt haben, erwartet uns am Abend in Singapur. Wir holen die Kinder vom Schwimmbad ab, wo es ihnen, wie sie meinen, mindestens so gut ging, wie uns bei den Babachinesen, sammeln das Gepäck im Hotel ein und tragen es durch die stechende Hitze zum Busbahnhof. Da der Bus nach Singapur gerade weggefahren ist, haben wir Zeit, im Busbahnhof zu Mittag zu essen. In seinen Mauern findet sich auf engstem Raum alles, was das asiatische Herz begehrt, Fahrkartenschalter, Garküchen, Läden, und ein Markt, in dem der ganze gewachsene Reichtum des Landes in Körben und Säcken ausgestellt ist – eine Fülle von Obst, Körnern, Hülsenfrüchten.

Wir lassen uns mitten im Gedränge nieder, verspeisen die übliche Nudelsuppe mit Porzellanlöffeln und genehmigen uns geraffeltes Wassereis, ein im wahrsten Sinne des Wortes gemischtes Vergnügen. Das giftgrüne Eis ist mit diversen bunten Gelatinewürfeln, Maiskörnern und Bohnen garniert. Damit investieren wir am letzten Reisetag das gesamte Kapital des Vertrauens in die Hygiene malaysischer Gastwirte, das wir auf der Reise angesammelt haben.

Abfahrt von Malakka und damit vom kulturellen Schlusspunkt einer Reise, die mit so viel Natur begann. Über weite Strecken sind am Straßenrand wieder die romantischen Kampongs. Sie sind so malerisch in Palmenhainen verstreut, dass einem beim Gedanken an die Bäume und Siedlungen in der Heimat, die zur Zeit kahl sind, der Weltschmerz befallen könnte. Hunderte und aberhunderte Mal wiederholt sich die Szenerie. Und doch werden Auge und Gemüt nicht satt von den vorbeifliegenden Bildern tropischen Wohlbefindens. Es ist wie eine Fahrt durch das Paradies. Vielleicht muss man sich das Paradies überhaupt so vorstellen: vorbeifliegend an einem Bus, aus dem man nicht aussteigen kann.

Unterwegs hält der Bus auf einem großen Reisemarkt. Wir kaufen ein Stück der hochgepriesenen Eierfrucht. Sie verbreitet, wie wir alsbald feststellen, einen nicht eben vertrauenserweckenden Geruch. Die Versicherung, dass sich dieser nicht auf den Geschmack auswirke, hält der Wirklichkeit, wie wir meinen, nur unvollkommen stand. Daher brechen wir den Versuch schnell ab. Die kaum angebissene, übrigens nicht billige, Frucht geben wir einem Malayen, der sich über das unerwartete Geschenk freut. Er hat gerade mehrere Taschen voll von dieser (Un-)Kostbarkeit gekauft, wofür er ein Vermögen bezahlt hat. Wir ziehen es vor, bei so banalen Früchten wie Mangos und Ananas zu bleiben.

Weiter südlich häufen sich Gummi- und Palmölplantagen. In endlosen Rhythmen ziehen Palmengewölbe und Kautschukkolonaden an uns vorbei. Nach langer Fahrt tauchen wir – es ist längst dunkel – in das Lichtermeer von Singapur ein. Wir sind wieder in einer anderen Welt. Mehr denn je fällt auf, wie geordnet und durchgestaltet, mit anderen Worten, wie künstlich eine solche Stadtwelt ist. Der Bus fährt durch die endlosen Vororte der Millionenstadt, dann mitten durch das märchenhafte Geglitzer des Zentrums, in dem unter bunt angestrahlten Palmen auf betörende Weise orientalischer Luxus zur Schau gestellt wird. Für die meisten Asiaten ist dies das Paradies.

Die Kinder begrüßen das altmodische Hotel, wo wir unser Gepäck abholen müssen, als sei es ihr Zuhause. Vor zwei Wochen war die Stimmung noch eine andere. Vom blitzblanken Australien kommend war ihnen das altchinesische, leicht schmuddelige Gemäuer in einem der letzten traditionellen Viertel der Stadt noch alles andere als geheuer vorgekommen. Reisen, so zeigt sich erneut, heißt Maßstäbe ändern.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 18

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

4.4.1985

Das Frühstück findet in einem sauberen Miniaturpfannkuchenrestaurant gleich gegenüber dem Hotel statt. Es ist direkt an die große Moschee gebaut. Eine Tür führt von dort ins Innere des Gotteshauses, das wir auf diese Weise besichtigen können. Es ähnelt mit seinem geschlossenen Innenraum dem einer Kirche.

Für das Besichtigungsprogramm des Tages bietet sich wieder die Schwimmbadlösung an. Dadurch erlangen Judi und ich freie Hand für die Paläste der Babachinesen, jene Häuser mit den auffallenden Fassaden, die wir am gestrigen Abend durch Zufall entdeckt haben.

Die Geschichte der Babachinesen scheint aus 1001-Nacht zu sein. Der Kaiser von China kommt darin vor und 500 schöne Brautjungfern. Diese kamen einst mit der Tochter des Kaisers aus dem fernen China, als diese den Sultan von Malakka heiratete. So feierte man ein großes und prächtiges Hochzeitsfest. Es war aber auch Politik im Spiel. Der Kaiser dachte, als er seine Tochter mit dem Muselmanen vermählte, auch ein wenig an die Straße von Malakka. Die Idee, viele Brautjungfern mitzusenden, war Teil seiner Geostrategie und erwies sich als sehr weitsichtig. Die jungen Damen, die ohne Zweifel äußerst anmutig waren, heirateten nämlich hochstehende Malayen. Ihre Nachkommen wurden schließlich die Babachinesen, welche eine besondere Oberschicht bildeten und die malayischen und die chinesischen Traditionen pflegte. Natürlich sorgten sie dafür, dass das Verhältnis zu China freundlich gestaltet wurde – Kolonialismus auf chinesisch. Die Babachinesen wurden reich und leben, da sie nicht gestorben sind, noch heute. Und zwar nicht schlecht, wie eine Besichtigung ihrer Häuser zeigt.

Wir gehen die Straße auf und ab, in der sich die schönsten ihrer Prachthäuser befinden. In einige kann man hineinschauen und stellt fest, dass sie – wiewohl eher schmal – äußerst geräumig sind. Wie Reihenhäuser sind sie in die Tiefe gebaut, entsprechend den günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Babachinesen allerdings ein bisschen weiter, als man es sonst kennt, im Schnitt fünfzig bis siebzig Meter.

Die meisten haben einen Eingangsraum, über den normale Besucher nicht hinauskommen. Auch hier muss man aber nicht darben. Prächtige altchinesische Malereien hängen an den Wänden und die Möbel sind wahre Wunderwerke der Schnitzkunst, ungeheure Anhäufungen von Ornamenten mit Perlmuteinlagen, die kaum zum Benutzen vorgesehen zu sein scheinen. Manche Häuser muten wie chinesische Tempel an. Sie haben große Hallen mit den üblichen schwarz-roten Balkenkonstruktionen. In anderen findet sich das ganze Repertoire europäischer Palastinnenarchitektur – Stuckaturen, Säulen mit Prachtkapitellen, Akanthusrankenfriese etc.

Einige der Häuser kann man besichtigen, darunter das vielleicht prächtigste. Es ist ein wahres Schloss von einem Reihenhaus. Der Eintrittspreis ist ebenfalls hochherrschaftlich. Für einen Schnelldurchgang lässt man uns den Preis nach. Schon der erste Eindruck stellt alles in den Schatten, was wir hier gesehen haben. Die Möbel der Eingangsräume sind wahre Exuberanzen des Ornaments im chinesischen Stil. Dann kommt der Salon, der alles übertrumpft. Man ist im Stil eines asiatischen fin de siècle eingerichtet, elegant und verspielt. Wir dürfen auch die inneren Gemächer betreten. Im Zentrum des Hauses ist ein Atrium, das Licht für die umliegenden Zimmer gibt. In seiner Mitte befindet sich ein Bassin, rund herum läuft ein Rankenfries. Besonders prachtvoll geschnitzt ist die Treppe, die in das Obergeschoß führt.

In der Tiefe des Hauses folgen eine Reihe weiterer Räume. Sie sind mit europäisierenden Möbeln ausgestattet, die im 19. Jahrhundert offenbar in Malakka hergestellt wurden. Ansonsten geht es eher viktorianisch zu. Besonders herausragende Stücke hat man in Vitrinen ausgestellt, den Hochzeitsornat eines Babachinesen aus feinstem Brokat mit Seide, wertvolles chinesisches Porzellan und eine prächtig gedeckte Tafel. Am Ende des "Hauses" gelangen wir in die Küche, die zur Verköstigung einer ziemlich großen Familie ausgelegt ist. Reihenweise hängen blankgeputzte Kupfertöpfe an den Wänden.

Die ganze Anlage ist noch geräumiger als die anderen Familienpaläste der Babachinesen. Man hat drei Häuser zusammengelegt, zwei an der Straßenfront, – dadurch ist das Anwesens ungewöhnlich breit – und ein weiteres im hinteren Bereich. Mit dem Atrium und der Tiefenstaffelung erinnert es an pompeianische Häuser. Vermutlich haben die Architekten – es sollen Europäer gewesen sein – angesichts des heidnischen Reichtums der Babachinesen an die antike Luxusstadt gedacht. Der Stil, der sich hier entwickelt hat, wird daher, nicht zu Unrecht, malakkischer Palladianismus genannt. So fern, wie wir im Dschungel von Taman Negara dachten, war der italienische Vitruv also gar nicht von Malaysia.

Wir haben die Besichtigung schon fast beendet und sind, da wir den niedrigen Preis mit der Zusage eines kurzen und ungeführten Rundgangs erhandelt haben, schon auf dem Sprung, dieses innenarchitektonische Wunderwerk wieder zu verlassen, als uns ein freundlicher mittelalterlicher Herr anspricht und beginnt, uns in gepflegtem Englisch die ausgestellten Dinge zu erläutern. Es stellt sich heraus, dass es der Hausherr persönlich ist. Bereitwillig erzählt er uns über die einzelnen Einrichtungsgegenständen und deren Beziehung zur Familiengeschichte. Damit füllt sich mit Leben, was bislang nur Kunstgewerbe war. Die Bilder an den Wänden werden zu den Eltern und Großeltern unseres Führers, er selbst ist als Kind auf einem Familienfoto zu sehen. Die Gegenstände erhalten eine Funktion und werden mit bestimmten Ereignissen verknüpft. Der alte Buick etwa aus den 30-er Jahren, der auf einem Bild zu sehen ist, ist der Wagen des Großvaters; die fertig gedeckte Tafel ist für die Totenmahlzeit bestimmt, die den Ahnen einmal im Jahr zubereitet wird. Eindrucksvoll berichtet unser Cicerone über den Ahnenkult, der jeweils drei Generationen zurückreicht und die zentrale "religiöse" Pflicht des Chinesen ist.

Die Ahnen zu ehren, hat der nette Herr allerdings Grund genug. Sie legten im 19. Jahrhundert den Grundstein für den offenbar ernormen Besitz der Familie. Als Unternehmer der ersten Generation begannen sie Mitte des letzten Jahrhunderts mit dem Zinnabbau, wurden binnem Kurzem sehr wohlhabend, bauten das Prachthaus und statteten es mit allem Komfort aus, den China und Europa zu bieten hatten. Das Bad ist mit italienischen Fließen gekachelt, die Möbel kommen zum Teil aus England. Und man hatte im fernen Malaysia bereits ein Auto, als dies selbst in Europa noch ein seltener Luxus war. Es versteht sich, dass man hoch gebildet war, Europa bereiste und Pretiosen sammelte. Stolz erläutert uns der Hausherr die herrlichen Stücke von chinesischem Porzellan, die überall im Hause zu finden sind. Die nachfolgenden Generationen haben mit den Pfunden der Ahnen weitergewuchert und auf den jeweils neuesten Märkten Malaysias immer eine führende Rolle gespielt. Unser Führer ist – natürlich – im Ölgeschäft und geht im Ölhochhaus von Kuala Lumpur ein und aus.

Man könnte meinen, dass dieser steinreiche und in großen Geschäften stehende Mann anderes zu tun habe, als ein paar beliebige Touristen durch sein Haus zu führen (das er übrigens nicht mehr bewohnt; er hat sich ein neues Haus gebaut, weil ihm das Reihenhaus zu eng und zu unmodern geworden war.) Das Gegenteil ist der Fall. Mit geradezu naiver Freude an der Geschichte seiner Familie führt er uns durch sein Reich. Zu keinem Zeitpunkt müssen wir den Eindruck gewinnen, dass er die Führung hinter sich bringen wolle. Ganz unbefangen plaudert er über seine Jugend und seine geschäftlichen Erfolge. Schließlich lädt er uns auch noch zu Tee und Gebäck ein.

Jetzt rächt sich unsere Sparsamkeit. Wir müssen bei unserer Legende bleiben, wonach wir in Eile seien. Wiewohl wir liebend gerne noch mehr vom Märchen der Babachinesen gehört hätten, müssen wir, indem wir wartende Kinder vorschieben, auf unseren Abgang drängen. Auch dies geht aber nicht ohne ein Photo vom Hausherrn vor der prächtigen Kolonadenfassade seines Hauses ab. Und er besteht darauf, auch uns davor abzulichten.

Herzlicher Abschied nach dieser höchstpersönlichen Führung durch das Paradies der Babachinesen. (wieder ein Paradies – es scheint deren mehrere zu geben.) Allzu viele Besucher des Palastes dürften diesen Service in Zukunft allerdings nicht genießen. Das Gebäude wurde, auf Bitten des Touristenbüros, erst vor wenigen Tagen für Besucher geöffnet. Noch ist der Besuch der Touristen auch für den Besitzer ein Abenteuer.

Goldenes Malakka. Die Babachinesen setzen seine große Handelstradition fort. Die Stadt war allen politischen Wechselfällen zum Trotz immer ein besonders glücklicher Nutznießer der Eitelkeiten, die das Gold repräsentiert. Erst war es der Pfeffer – klein aber gehaltvoll – ,der hier umgeschlagen wurde. In Europa wurde er mit Gold aufgewogen. Malakka wurde dadurch ein kosmopolitisches Handelszentrum, in dem, wie ein Reisender um 1450 berichtete, 84 Sprachen gesprochen wurden.

Politisch sollte das "braune Gold" der Stadt (wie dem größten Teil der Welt) zum Verhängnis werden. Der Pfeffer wurde zum Gewürz der Weltgeschichte. Aber es wurden europäische Gerichte damit gewürzt. Die Gier nach dem "braunen Gold" und der Wille, unliebsame Zwischenverdiener wie Malakka auszuschalten, war in Europa so groß, dass man die sagenhaften Pfefferinseln zu suchen begann, was das Zeitalter der Entdeckungen auslöste. Malakka wurde dadurch zum Spielball der Kolonialmächte, aber es blieb Drehscheibe des Ostasienhandels.

Als man im 19. Jahrhundert in Malaysia die wichtigsten Zinnvorkommen der Welt fand, profitierte wiederum Malakka vom nunmehr grauen Gold und als alle Welt Autos und also Reifen haben musste, vom Saft der Gummibäume – weißem Gold. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich der Schwerpunkt des Ostasienhandels zwar mehr und mehr nach Singapur. Dann aber wurde schwarzes Gold in Malaysia gefunden. Jetzt hatten die Bürger von Malakka, die bereits vom grauen und weißen Gold reich geworden waren, allen voran die Babachinesen, das Kapital für die erforderlichen Investitionen in die Ölindustrie. Damit verdienen sie sich heute eine goldene Nase.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Um 1715 Georg Philipp Telemann (1681 – 1767)Konzert für zwei Flöten, Violine, Violoncello und Streicher

Telemann hat man lange für einen flachen Vielschreiber und musikalischen Großunternehmer gehalten, der eine Art Fließbandverfahren zur Herstellung von klingender Massenware praktizierte. Diese Bewertung kam im 19. Jh. auf und stützte sich hauptsächlich auf dem ungeheureren Umfang des Telemann`schen Gesamtwerkes, das größer als das von Bach und Händel zusammen ist, die auch nicht gerade im Ruf mangelnder Fruchtbarkeit stehen. Das Urteil kontrastiert allerdings auf`s Deutlichste mit der Wertschätzung, welche die Kenner in ganz Mitteleuropa dem umtriebigen Sachsen zu seinen Lebzeiten entgegen brachten – Johann Sebastian Bach etwa erhielt seine Stelle als Thomaskantor in Leipzig erst, nachdem Telemann abgesagt hatte. Es beruhte auch nicht auf einer wirklichen Kenntnis seiner Kompositionen. Eine solche war schon deswegen kaum möglich, weil man diese Werke im 19. Jh. nicht spielte. Außerdem waren die Noten – eine Folge seiner Beliebtheit – über halb Europa verstreut und im Übrigen weitgehend verschollen. Telemanns Werk war daher auch nicht annähernd zu überblicken. Eine systematische Erfassung erfolgte erst in den letzten Jahrzehnten und selbst diese ist noch voller Lücken. Seitdem hat sich die Einschätzung dieses Komponisten deutlich gewandelt. Je mehr Werke aus den Archiven von Kirchen und Fürstenhäusern gezogen werden, desto deutlicher wird, welch ein außerordentlich einfallsreicher Musiker er war und dass er sich immer auf der Höhe der musikästhetischen Fragestellungen seiner Zeit befand. 

Neben seinem riesigen kirchenmusikalischen Werk hat Telemann auch eine Fülle von Instrumentalmusik für alle möglichen Anlässe geschrieben, darunter eine große Zahl von Konzerten. Bekannt sind heute rund 100 Werke allein dieser Gattung. Weit mehr gelten als verschollen. Bemerkenswert ist die große Breite der Formen. Es gibt drei und viersätzige Konzerte, Werke im französischen oder in Vivaldis Stil, Solo- Doppel- und Gruppenkonzerte mit bis zu vier Soloinstrumenten und Concerti grossi. Auch bei der Besetzung herrscht eine große Vielfalt mit zum Teil sehr aparten Kombinationen, etwa mit so seltenen Instrumenten wie Violetten, Clarinen oder Chalumeaux.

Dem ungeachtet nahm Telemann gegenüber der Form des Konzertes eine skeptische Haltung ein. In einem autobiographischen Text von 1731 begründete er dies damit, dass „ich in den meisten Concerten … zwar viele Schwierigkeiten und krumme Sprünge, aber wenig Harmonie und noch schlechtere Melodie antraff, wovon ich die erstere hasste, weil sie meiner Hand und Bogen unbequem waren und wegen Ermangelung der letzteren Eigenschaften (Harmonie und Melodie), als wozu mein Ohr durch die Frantzösischen Musiquen gewöhnt war, nicht lieben konnte noch imitieren mochte.“ Sein eigenes künstlerisches Credo formulierte er demgegenüber in den Versen:

Ein Satz, der Hexerey in seine Zeilen fasst,

Ich meine, wann das Blatt viel schwehre Gänge führet,

Ist musicierenden fast immer Last,

wobei man offtmals genug Grimassen spühred,

ich sage ferner so: Wer vielen nutzen kann,

Thut besser, als wer nur für wenige schreibet;

Nun dient, was leicht gesetzt, durchgehend jedermann:

Drum wirds am besten seyn, dass man bei diesem bleibet.“ 

Dieses Bekenntnis hat in einer Zeit, in der man „schwer-gängige“ Musik liebte, sicher dazu beigetragen, dass Telemann als künstlerisches Leichtgewicht angesehen wurde. Heute neigt man eher zu der Ansicht, dass er ein Vorläufer der Frühklassik war, die unter anderem mit der  Empfindsamkeit ein ähnliches Musikideal propagierte.

Das viersätzige Konzert für zwei Flöten, Violine, Violoncello und Streicher dürfte wie die meisten seiner Konzerte in Telemanns Zeit als städtischer Musikdirektor in Frankfurt in den Jahren 1712-1721 entstanden sein. Im Vordergrund stehen auch hier nicht der Wettstreit der „Parteien“ oder die virtuose Zuschaustellung der Solisten, sondern die thematische Verknüpfung von Solo und Tutti und damit die Verständlichkeit der Komposition. Jeder der vier Solisten hat dennoch seinen großen Auftritt. Zusammen entwickeln sie dann eine barocke Klangpracht, die ihres Gleichen sucht. Telemanns programmatischen Vorstellungen entsprechend gibt es natürlich genügend Harmonie und gute Melodien. Das gilt in besonderem Maße für den langsamen Satz, in dem  vor dem Hintergrund einer Siciliano-Begleitung auf höchst empfindsame Weise ein liedhaftes Motiv weit ausgesponnen wird. Angesichts dieses eindrucksvollen und zugleich unterhaltsamen Werkes versteht man nur zu gut, warum Telemann in seiner Zeit so außerordentlich hoch geschätzt wurde. Erstaunlich ist allerdings, dass das Stück heute kaum bekannt ist und selten gespielt wird. Dies ist eigentlich nur damit zu erklären, dass das alte Pauschalurteil über diesen großen Musiker noch immer nachwirkt.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies –Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 17

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Wir schlendern durch die Gassen mit ihren aneinandergebauten kleinen Häusern. Hübsche Fassaden finden sich hier und dort. In der Nähe der Tempel kommen wir an einer chinesischen Sargschreinerei vorbei. Die großen geschwungenen Behältnisse aus massivstem Holz – Hauptteil und Abdeckung bestehen jeweils aus einem Stück – sind auf der Straße gestapelt. Sie sind so schwer, dass man mehrere Personen benötigt, um sie auch nur anzuheben. Mancher Urwaldriese landet so auf einem chinesischen Friedhof.

Unerwartet stehen wir vor einem Komplex von rot getünchten Gebäuden. Ein Hauch von Heimat weht um diesen Platz. Hier befand sich das alte holländische Verwaltungszentrum aus dem 17. Jahrhundert. In rötlicher Eintracht stehen "Palast" und Kirche, die Insignien kolonialer Macht, nebeneinander. Von diesem bescheidenen Platz, der sich in einer europäischen Kleinstadt befinden könnte, wurde einst das riesige hinterindische Kolonialreich regiert, ein Reich, das um vieles größer war als das des jeweiligen "Mutterlandes". Es liegt eine merkwürdige Ironie in der Vorstellung, dass die großen Entdecker und Eroberer von einem solchen Provinzstädtchen träumten, wenn sie an Gewürzinseln und Fernosthandel, ja an die Herrschaft über ganz Südostasien dachten. Nur zu deutlich zeigt die idyllische Beschränktheit dieses Machtzentrums, mit welcher Arglosigkeit die Einheimischen den europäischen Welteroberern begegneten. Und sie legt die ganze Schamlosigkeit bloß, mit der sich die "Langnasen" fremden Eigentums bemächtigten.

Wir betreten den verschachtelten ehemaligen Verwaltungspalast. Er ist eher spartanisch eingerichtet. Heute befindet sich dort eine erstaunlich großmütige Ausstellung über die Epoche europäischer Hypertrophie, in der Wahrnehmen und In-Besitz-Nehmen nur schlecht getrennt wurden. Auch vom vorkolonialen Malakka ist einiges zu sehen, vor allem Darstellungen des alten Sultanspalastes, der eine wahre Apotheose malakkischer Spitzgiebeligkeit gewesen sein muss. Man kann düstere Spekulationen darüber anstellen, warum von ihm nichts mehr übrig ist.

Spätestens diese Ausstellung hat ein Problem verdeutlicht. Mit dem Anwachsen des kulturellen und historischen Angebotes beginnt die Interessenlage von Erwachsenen und Kindern auf dieser Reise erstmals deutlich auseinanderzudriften. Erstaunlicherweise findet sich eine Lösung, die beiden "Parteien" gerecht wird. Malakka hat ein Schwimmbad. Ich nehme zur Abkühlung der Gemüter den heißen Gang zurück in die Stadt in Kauf, um im Hotel die Badesachen zu holen. Dann gehen die Kinder einem kühlen Schwimm- und die Eltern einem weniger kühlen Besichtigungsvergnügen nach.

Man muss in Malakka das älteste "europäische" Gebäude Asiens gesehen haben – eine Festung – mit dazu gehörender Kirche versteht sich. Viel ist von der einst mächtigsten portugiesischen Festung im fernen Osten nicht übrig, im Wesentlichen ein prächtiges Tor und die Ruine der Kirche. Albuquerque, der große portugiesische Welteroberer der ersten Generation, ließ das Bollwerk Anfang des 16. Jahrhunderts bauen, nachdem er im Jahre 1511 die schon damals bedeutende Handelsstadt mit nur 800 Portugiesen "eingenommen" hatte. Die Festung war der vorläufige Schlussstein im neuen Weltreich des kleinen europäischen Seefahrervolkes.

Man brauchte damals nicht viel, um ein Weltreich aufzubauen. Eine Festung in Mozambique, die eine oder andere in Indien, eine weitere in Malakka und der Segen des Papstes – das war die Grundlage für die Herrschaft über die Hälfte der – neuen – Welt. Diese hatte Portugal anno domini 1494 – Amerika war gerade entdeckt – im Vertrag von Tordesillas vom Papst zur Aneignung erhalten. Auf westlich-rationale Weise zog man in diesem wohl erstaunlichsten Vertrag der Weltgeschichte in der Nähe der Kapverdischen Inseln kurzerhand einen geraden Strich von Pol zu Pol und teilte so die neue Welt gerecht zwischen den "Findern" Spanien und Portugal. Fünfunddreißig Jahre später, als die "Parteien" dieses Vertrages zu Lasten Dritter nähere Kenntnis von der Lage und dem ungeheuren Umfang der Beute hatten, präzisierten sie die Grenzziehung noch einmal im Vertrag von Saragossa. Bei der Auslegung des Vertrags von Tordesillas waren nämlich unerwartete Schwierigkeiten aufgetreten. Albuquerque hatte die molukkischen Gewürzinseln, um die sich die Welt damals drehte, 1512 von portugiesischer Seite, also von Osten kommend, entdeckt. Die Spanier hatten sie zehn Jahre später von Westen, also von ihrer Seite gefunden. Irgendwo in der Nähe der Molukken verschwimmen nun aber aus europäischer Sicht Ost und West, so dass die schöne klare Grenzziehung von Tordesillas ausgerechnet bei den heißbegehrten Gewürzinseln ins Wanken geriet. Darüber hinaus stritten die ehrenwerten Finder um den „rechtsgültigen“ Aneignungsmodus. Albuquerque hatte die Inseln zwar als Erster entdeckt, er hatte aber – ein unverzeihlicher Fehler für einen rechten Eroberer – vergessen, sie in der erforderlichen förmlichen Weise in Besitz zu nehmen. Das wiederum hatten die verspäteten Spanier nicht versäumt. (wahrscheinlich haben sie eine Fahne in den Strand gesteckt und ein paar hohe Worte in den Wind gesprochen). Nachdem, wie man sieht, beide gute Gründe für ihren Anspruch auf die Inseln hatten, einigte man sich unter Gentlemen. Die Portugiesen bekamen die ostasiatischen Kleinode. Spanien musste sich mit dem unförmigeren amerikanischen Kontinent trösten, was ihm, wie bekannt, nicht sonderlich schwer gefallen ist.

Eine Hinterlassenschaft aus dieser Zeit, ist auch die Portugiesische Siedlung. Wir fahren mit dem Bus einige Kilometer die Küste entlang und schlendern durch die Straßen dieser menschlichen Insel. Hier wohnt, 350 Jahre nach der Vertreibung der Portugiesen durch die Holländer, eine zirka 2000 Personen starke Kolonie, die Traditionen aus der portugiesischen Zeit beibehalten hat. Die Portugiesen hatten keine Einwendungen gegen eine Vermischung der Rassen. Noch heute soll man hier, wenn man genau hinsieht europäische Gesichtszüge feststellen können (man muß in der Tat ziemlich genau hinschauen). Die handvoll Mischlinge, die übrig geblieben ist, hat sich über die Jahrhunderte nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch die portugiesische Sprache erhalten, was angesichts der gänzlich andersartigen Umgebung und der völligen Abkoppelung vom "Mutterland" wie ein soziales Wunder erscheint. In der Siedlung, die einen gewissen Wohlstand ausstrahlt, sind allenthalben Hinweise auf christliche Gebräuche zu sehen. Wahrscheinlich ist das, was von der portugiesischen Sprache übrig geblieben ist, eine Fundgrube für Sprachhistoriker.

Es herrscht eine entspannte Abendstimmung in der lebhaften kleinen Kolonie. Zahlreiche Kinder spielen auf der Straße. Alle scheinen aufgeräumt den lauen Abend zu genießen.

In der anbrechenden Dämmerung laufen wir ein gutes Stück in Richtung Stadt zurück. Den Rest fahren wir mit dem Bus. Ein gesprächiger Inder will wissen, welche Früchte wir in Malaysia kennen gelernt haben. Wärmstens empfiehlt er uns die Eierfrucht, ein stachliges Riesengewächs in der Form eines überdimensionalen Schwartemagens, das hier überall in den Läden zu haben ist. Sie ist vermutlich die größte Baumfrucht, die die Welt kennt, kann mehr als einen halben Meter lang sein und über 10 Kilogramm wiegen. Wehe wem das Obst auf den Kopf fällt.

Fröhlich kommen uns am Schwimmbad die ausgetobten Kinder entgegen. In der Nähe des Strandes essen wir in einer geradezu unasiatisch ordentlichen Ansammlung von Straßengarküchen. Der Nachtisch wird im Hotel in Form eines Ananaswettessens gereicht. Die Kinder meinen, jeder eine ganze Ananas essen zu können. Die Augen sind aber größer als die Mägen.

Wir spazieren noch ein wenig durch die abendlichen Gassen. Gegenüber dem Tempel dringt aus einem Haus lautes Trommeln. Wir schauen in den Eingang hinein und werden Zeugen der Probe für einen wilden Drachentanz. Junge Leute hantieren mit einer furchterregenden Drachenmaske, die von zwei Personen im textilen Körper des langen Ungetiers getragen wird. Der Drache soll sich zu ohrenbetäubenden Trommelschlägen aufbäumen, wozu der eine Träger blitzschnell auf die Schultern des anderen klettern muss. Man ist mit großem Eifer und beachtlicher Akrobatik bei der Sache. Auch die Kleinen – sie sind höchstens 6 bis 8 Jahre alt – dürfen sich beteiligen. Sie versuchen sich an den komplizierten Rhythmen der Trommel, was sie mit Verve und Bravour bewerkstelligen.

Beim letzten Gang durch die Stadt – die Kinder sind bereits im Bett – treffen wir in einer Seitengasse auf eine kleine Halle, die zur Straße hin offen ist. Darin befindet sich eine große Zahl von Chinesen, die nach einem offensichtlich strengen Ritual im Kreis gehen. Die ernsten Mienen und die schwarze Kleidung deuten auf eine Trauerzeremonie. Im hinteren Teil des Raumes ist eine Art Altar aufgebaut, an dem ein Priester hantiert. Nach einiger Zeit schließt er sich dem Marsch der Trauergemeinde an. Ein junger Mann tritt auf die Straße, legt verschiedene Gegenstände aus Papier in die Regenrinne und zündet sie an. Im Raum ist ein ganzer Tisch voller Papiergeschenke für den Toten, darunter Stühle und ein Auto. Nachdem der Marsch beendet ist, hebt im hinteren Teil des Raumes ein lautes Kreischen an. Klageweiber stimmen ein herzerweichendes Geheul an. Danach beginnt sich die Trauergesellschaft zu verlaufen. Man geht seiner Wege, so als habe man die Erfüllung einer Pflicht abgeschlossen. Bei aller Ernsthaftigkeit ist während der ganzen Zeremonie immer Distanz zu spüren gewesen. Das Leid wurde offensichtlich durch das Ritual gebändigt. Es gab keine unkontrollierten Gefühlsausbrüche. Selbst das vehemente Klagegeheul hatte etwas Formales. Nie hatte man den Eindruck, dass der Tod auch für die Lebenden eine Tragödie sei.

Auf unserem Gang durch die Stadt geraten wir in eine schmale Straße, in der sich prächtige Häuserfassaden finden, einige davon sind geradezu palastartig. Wie Reihenhäuser stehen sie unmittelbar aneinander, jede Fassade in einem anderen Stil. Die Palette reicht von klassisch-chinesisch bis zum europäischem Klassizismus. Die Straße bedarf dringend der Nachbearbeitung bei Tageslicht.

Den Rest des Abends verbringen wir in einem größeren Gartenrestaurant, in dem sich das bescheidene Nachtleben von Malakka zu konzentrieren scheint. Junge Leute fahren mit Autos und Motorrädern vor. Sonst tut sich nicht viel. In der Nacht genießen wir unsere Klimaanlage.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 16

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

3.4.1985

Abfahrt von K-L. Früh raus, keine Zeit für ein richtiges Frühstück, Rucksäcke auf und zum riesigen Busbahnhof, wo schon großes Gedränge herrscht. Der Bus nach Malakka ist ohne Kühlung, es steht also eine heiße Reise bevor. Die Fahrt durch die Vorstädte von Kuala Lumpur zeigt, dass das Reihenhauszeitalter auch im dünnbesiedelten Malaysia angebrochen ist. Es folgen palmenumrandetes Land, Felder, Plantagen. Irgendwo am Straßenrand, wo der Bus anhält, versuchen wir vergebens, unser mageres Frühstück nachzubessern.

Mit der Annäherung an Malakka ändert sich der Stil der Häuser. Immer häufiger finden sich romantisch anmutende geschweifte Dächer mit spitzen Giebeln, die sich wie Schiffsschnäbel in die Höhe recken. Bei neueren Bauten sind gelegentlich ganze Dachorgien aufeinandergetürmt. Überhaupt ist eine deutliche Betonung des spielerischen Elementes in der Architektur festzustellen, hübsche Schnitzereien finden sich, Erker, prächtige Eingangstreppen. Dazu sind die Häuser malerisch in Palmenhainen verstreut. Die Fahrt durch diese üppige Kulturlandschaft ist eine einzige Freude voller Abwechslung. Irgendwo verlassen wir die stark befahrene Nord-Süd Straße und nähern uns auf kleineren Straßen der alten Hafenstadt Malakka.

Der Name Malakka hat einen großen Klang. Es schwingt etwas von Seefahrtabenteuern darin, Pfeffer ist im Spiel, Piraten und Weltpolitik. Die Stadt beherrschte einst die wichtige Meeresstraße zwischen der malayischen Halbinsel und Sumatra und war Zentrum eines mächtigen Reiches. Ihr Ruhm war so groß, dass man nicht nur dieses Meerestor nach Ostasien, sondern auch die ganze riesige Halbinsel nach ihr benannte.

Der erste Eindruck dieser Stadt von einst welthistorischer Bedeutung ist nicht eben bedeutend. Der Bus hält – unmotiviert, wie es scheint – auf einem kleinen Platz in einem nichtssagenden modernen Viertel. Weit und breit ist nichts von Piraten und Pfefferkontoren zu sehen. Dazu kommt, dass der Versuch, unseren inzwischen mächtig angewachsenen Hunger zu stillen, fehlschlägt. Vergeblich laufen wir die Umgebung der Bushaltestelle nach einem geöffneten Restaurant ab. Es ist zwei Uhr. In einem ordentlichen Büroviertel ist die Mittagszeit dann wohl vorbei.

Ein Passant, den wir nach Hotels gefragt haben, versucht uns – wieder einmal – davon zu überzeugen, dass für uns ein solches nur in den modernen Teilen der Stadt, also in der Nähe der Bushaltestelle, in Frage kommen könne. Als wir uns dennoch auf den Weg ins alte Zentrum begeben, läuft er uns nach, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir die falsche Richtung eingeschlagen hätten. Wir bleiben unserer antiquarischen Linie aber treu. Der Erfolg scheint uns schon bald recht zu geben.

Ein erster Hauch von fernöstlicher Seeromantik zieht vorbei. Wir überqueren einen kleinen Fluss, in dem einige abenteuerlich anmutende Holzdschunken liegen. Das war es aber dann auch schon. Jenseits des Flusses tut sich eine Kleinstadtidylle auf, enge Gassen mit niedrigen Häusern, in deren Untergeschoß sich chinesische Läden befinden, in denen Allesmögliche verkauft wird – das Ganze ziemlich geordnet und nicht gerade exotisch. Eine kleine Moschee von merkwürdig "unislamischem" Aussehen fällt auf. Mit ihrem grünen Dach und den gedrungenen Proportionen sieht sie irgendwie tropisch aus – hier muss Sumatra im Spiel sein. Die riesige Nachbarinsel – sie ist fast viermal so groß wie der malaysische Teil der Halbinsel Malakka – gehörte einmal fast ganz zum Reich von Malakka. Ihr Einfluss spiegelt sich auch in den "fremdländischen", weil nicht-arabischen Formen der großen Moschee wieder, in deren Nähe wir ein Quartier suchen.

Wir finden "unser" Hotel – in einem typischen Altstadtgebäude mit blumengeschmücktem Innenhof. Es gelingt uns sogar, den erhöhten zivilisatorischen Ansprüchen gerecht zu werden, die wir nach allgemeiner lokaler Meinung stellen sollen. Erstmals leisten wir uns den Luxus von air conditioning. Mitenthalten im Preis – er beträgt für uns fünf etwa so viel wie für eine Person in Deutschland – ist auch ein Bad, überflüssigerweise mit heißem Wasser.

Schon kurze Zeit nach dem Einzug in unser kühles Luxusgemach fällt auch ohne Bad oder Dusche alle Klebrigkeit von uns ab. Die Lebensgeister, die von Hitze und Hunger danieder geworfenen waren, erheben sich wieder. Aber wir sind nicht nach Malakka gekommen, um uns an heimatlichen Temperaturen in einem Hotelzimmer zu erfreuen. Also machen wir uns wieder auf den Weg. Beim Verlassen unseres Zimmers wird nun umso deutlicher, welche Verhältnisse draußen herrschen. Feucht-heiße Luft schlägt uns entgegen, dass es uns fast den Atem verschlägt. Nach einiger Zeit hat man sich aber daran wieder gewöhnt.

Was hat Malakka zu bieten? Zunächst hoffentlich etwas zu Essen. Schon wenige Meter von unserem Hotel entfernt, findet sich eine kleine chinesische Spelunke, die wir zum Erstaunen der Einheimischen betreten. Man schenkt uns darob besonders freundliche Aufmerksamkeit und bereitet uns ein sehr schmackhaftes Mahl. Dann kommen andere Köstlichkeiten. In der gleichen Straße befindet sich, nicht weit von der eher bescheidenen großen Moschee, der alte chinesische Tempel, ein wirklich "großes", originales Bauwerk aus einer Zeit, lange bevor die Engländer die Vorfahren der heutigen malaysischen Chinesen als Arbeiter für Plantagen und Zinnminen ins Land holten. Der Tempel wurde Anfang des 18. Jahrhunderts von einem großen chinesischen Baumeister gebaut und soll einer der schönsten außerhalb Chinas sein. Ein ganz anderes und ganz neues malaysisches Abenteuer beginnt.

Nach all der Natur und der nur nachempfundenen religiösen Architektur im jungen Malaysia stehen wir erstmals vor dem gewachsenen Bauwerk einer fernen alten Hochkultur: außen geschweifte Dächer, dezent geschmückt mit feinen, lackierten Szenerien, an der geschwungenen Giebelwand eine Reihe locker hingeworfener Fresken; im Innern raumschaffende Balkenkonstruktionen, Betonung der Breite mehr als der Tiefe, schwarze und tiefrote Farben, durchsetzt mit Gold, überall elegante Schnitzereien; alles sehr ehrwürdig. Viel Betrieb herrscht um den Tempel nicht. Der Mangel an steifer Würde und Weihe fällt auf. Die einheimischen Besucher bewegen sich mehr wie an einem Ort, an dem man zu Hause ist. Eine Frau – sie gehört offenbar zu den Tempelbetreuern – schenkt den Kindern getrocknete Pflaumen, die man wohl im Tempel verspeisen soll. Ganz unbefangen streichelt sie den Kindern über die Blondschöpfe. Im Tempel verrichten Chinesen rituelle Handlungen. Man schüttelt aus einer Blechdose, in der sich ein Bündel dünner Stäbchen befindet, geräuschvoll ein einzelnes Stäbchen heraus. Scheitert der Versuch, der einige Geschicklichkeit erfordert, fällt also mehr als ein Stäbchen auf den Steinboden, wird das Ganze ohne einen Anflug von Peinlichkeit wiederholt. Andere werfen kleine abgerundete Hölzer auf den Boden und lesen sie wieder auf. Es scheint sich um so etwas wie himmlische Glücksspiele zu handeln, eine Mischung von aktiver Zukunftsgestaltung und Schicksalsergebenheit, die, wiewohl sie auch für andere Religionen nicht untypisch ist, hier besonders ins Auge fällt.

Draußen im Hof des Tempels befinden sich einige Blechtonnen, in denen Feuer lodert. Wir beobachten eine alte Frau, die gerade dabei ist, Gegenstände aus Papier zu verbrennen, darunter, wie sich bei näherem Hinsehen erweist, Papierhemden. Mit dieser Beobachtung löst sich ein Rätsel, das sich uns auf dem Weg zum Tempel gestellt hat. In einigen Läden haben wir eine Menge ziemlich fragil erscheinender Bekleidungsstücke gesehen. Vor allem die Schuhe schienen – bei aller Preisgünstigkeit – reichlich leicht gebaut. Sie sind, was uns jetzt klar wird, ebenfalls aus Papier und werden, wie die Hemden, verbrannt, um die Bedürfnisse der Ahnen im Jenseits zu befriedigen. Das gleiche gilt für alle anderen Waren in diesen Geschäften. Liegestühle, Schränke, Betten und Geschirr – der gesamte angebotene Hausrat ist von Papierqualität, was uns, wie offenbar den Ahnen, zunächst auch nicht aufgefallen war. Es scheint, dass die Chinesen bei den Ahnen Bedürfnisse vermuten, die weit über das hinausgehen, was nach unseren Vorstellungen durch himmlische Notwendigkeiten bedingt sein könnte. Sie begnügen sich daher nicht damit, die Ahnen mit Segenswünschen und Fürbitten auszustatten, sondern gewähren ihnen greifbaren Komfort. Erstaunlicherweise lassen sie die Vorfahren sogar am technologischen Fortschritt teilnehmen. Via Verbrennung schicken sie ihnen auch Gegenstände, die ihnen zu Lebzeiten noch nicht bekannt sein konnten. Es gibt Kameras aus Papier, Radios, Videorecorder und Fernsehgeräte. Dabei haben die Fernsehgeräte ein erfrischend kühles Bild von den Schweizer Alpen auf dem Schirm, dem Wunschtraum eines jeden Bewohners der Tropen, die es offenbar auch im Jenseits gibt.

Größere Gegenstände wie Autos und Häuser bieten die Ahnenfachgeschäfte praktischerweise in verkleinerter Form an. Es scheint, dass die Dimensionen im Jenseits variabel sind (eine Vorstellung, an der Einstein seine Freude gehabt hätte). Im Übrigen kann man für wenig Geld Banknoten kaufen. Die riesigen Nennwerte lassen auf eine jenseitsmäßige Inflation schließen, was bei dieser Art der Geldschöpfung freilich kein Wunder ist.

Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, nach welchen Kriterien sich ein Chinese für ein Geld- oder Sachgeschenk entscheidet. Denn wenn man Geld schenken kann, dann muss es im Jenseits ja auch etwas zu kaufen geben. Sieht man von den erwähnten relativistischen und politökonomischen Problemen ab, kann man davon ausgehen, dass es nach der Vorstellung der Chinesen im Jenseits ziemlich irdisch zugeht. Ihnen fehlt offenbar unser abstrakter Begriff von der ewigen Glückseeligkeit, unter der sich bei uns ja auch niemand so recht etwas vorstellen kann. Tatsächlich haben ja auch die chinesischen Kultfiguren, – etwa die allgegenwärtigen Löwen und Drachen – etwas Handfestes und Unideales.

Angesichts dieser chinesischen Vorstellungswelt kommt man unweigerlich ins Grübeln über den Ursprung und die Folgen der Abstraktion im Religiösen. Jetzt fehlt mir Kulit. Wir hätten uns sicher stundenlang darüber unterhalten, ob die religiösen Abstraktionen, insbesondere die Vorstellung von einem unsichtbaren Gott und einem abstrakten Paradies, welche sich in einer Ecke des östlichen Mittelmeerraumes entwickelte, die in abstrakten Dingen generell recht fruchtbar war, die Suche des Abendlandes nach den unsichtbaren Gesetzen der Wissenschaft und der Technologie provozierte, die später zu der stupenden Durchsetzungsfähigkeit der westlich-rationalen Kultur über alle anderen Kulturen der Welt führen sollte, zu Welteroberung und Kolonialismus, am "Ende" aber auch zu politischer Freiheit und zur "Entdeckung" der Menschenrechte.

In unmittelbarer Nachbarbarschaft dieses Tempels findet sich noch ein weiterer chinesischer Tempel. Den Bürgern von Malakka war das prächtige alte Gebäude offenbar nicht gut oder nicht modern genug. So bauten sie in neuester Zeit gleich daneben mit großem Aufwand einen noch größeren Tempel, dessen weite Hallen nur so von Marmor blitzen. Neben dem ehrwürdigen alten Bauwerk wirkt er neureich und hat keine Atmosphäre.

Wir schlendern durch die Gassen mit ihren aneinandergebauten kleinen Häusern. Hübsche Fassaden finden sich hier und dort. In der Nähe der Tempel kommen wir an einer chinesischen Sargschreinerei vorbei. Die großen geschwungenen Behältnisse aus massivstem Holz – Hauptteil und Abdeckung bestehen jeweils aus einem Stück – sind auf der Straße gestapelt. Sie sind so schwer, dass man mehrere Personen benötigt, um sie auch nur anzuheben. Mancher Urwaldriese landet so auf einem chinesischen Friedhof.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 15

2.4.1985

K L. Vom Hotel aus laufen wir im Schatten der schmalen Laubengänge durch die Reste des Chinesenviertels mit seinen überquellenden Läden. Irgendwo geraten wir in einen chinesischen Tempel mit weitläufigen Haupt- und Nebenräumen, alle mit rot-schwarzem Gebälk und reichen Goldornamenten ausgestattet. Dann kommen Viertel aus neuerer Zeit. Leider fehlen hier die erprobten Laubengänge – vermutlich weil diese Art internationaler Architektur hier genauso wie in Toronto aussehen muss, wo man keiner Laubengänge bedarf. Es wird also heiß.

Eine Zeitlang suchen wir Schutz in einem supermodernen riesigen Bankgebäude. In der weiten Schalterhalle herrscht vielrassige Geschäftigkeit. Nonnenhaft verhüllte islamische Malayinnen arbeiten neben Chinesinnen, die nach dem letzten Schick herausgeputzt sind, wahre Paradiesvögel die einen, trocken prosaisch die anderen, dazwischen Inderinnen, modern und mit dem traditionellen Sari gekleidet. Die Männer geben sich modisch und hell. Es ist das bunte Bild einer jugendlich fühlenden Gesellschaft in Aufbruchstimmung. Von Abkapselung und Intoleranz, die Malaysia schon einige Unruhe beschert haben, ist nichts zu spüren.

Erholt von diesen kühlen Hallen begeben wir uns ins "alte" Zuckerbäckerviertel um den Bahnhof. Türmchen und Erkerchen, Dachhelme und Hufeisenbögen – an den kolonialen Verwaltungsgebäuden ist die ganze Pracht islamisch-asiatischer Formen aufgeboten. Dazwischen fällt der Blick auf die neuen Betongebirge, die den Charme von Tafelbergen ausstrahlen. Aus neuerer Zeit ist auch die Nationalmoschee, ein antizuckerbäckerischer Geradlinienbau, der nicht viel mehr als eine beachtliche Ausdehnung und teure Materialen zu bieten hat. Zur Besichtigung müssen wir uns eine dunkle Robe überwerfen. Darunter können wir ermessen, welche heiße Prüfungen Allah für die Ungläubigen bereit hält.

Nach dem religiösen Nationalmonument folgt das weltliche. Wir sind wieder am Ölfirmengebäude. Diesmal gehen wir hinein – schon weil es darin kühl ist. Drinnen glänzt und blitzt es von poliertem Marmor und Messing. Zum vollständigen Klischee von der geldtriefenden Ölbranche fehlt eigentlich nur noch, dass der „Dallas“-Filmbösewicht J. R. Ewing, der hierzulande ein großes Publikum hat, aus einem der Aufzüge tritt. In dem geschäftigen Gebäude herrscht die Reinlichkeit des Kampongs, allerdings multipliziert mit der Anzahl der Stockwerke des Büroturmes. Zwei Frauen gehen ständig mit überdimensionalen Staubwischern über den ohnehin schon spiegelblanken Steinboden der Eingangshalle.

Nicht weit von diesem Geldtempel befindet sich mitten im Stadtzentrum der Cricket-Club, eine naiv-ländliche Kolonialidylle im Tudorstil mit einem ziemlich platzgreifenden saftig grünen Rasen, das Ganze umragt von Wolkenkratzern.

Wir schlendern durch das traditionelle Geschäftsviertel, bewundern die prächtigen indonesischen Batiken mit ihren sattbraunen Farben auf hellem Untergrund und staunen über Korkschnitzereien aus China, haarfeinen Gebilden, die in immer neuen Variationen luftige Pavillons mit geschweiften Dächern zeigen, die in knorrigen, durchweg von zwei Störchen bevölkerten Landschaften stehen. Am Eingang eines jeden Geschäftes sind Verkaufsstände für die vielfältigen technischen Kleinwaren, die in Süd- und Ostasien hergestellt werden, Taschenrechner, Computerspiele, Billigquarzuhren und Ähnliches. Wir decken uns mit Reisemitbrinseln ein. Die Hitze ist auf dem Höhepunkt angekommen. Deswegen suchen wir in den Kaufhäusern vornehmlich die Nähe der Düsen, aus denen die klimatisierte Luft strömt. Manche der berüchtigten tropischen Erkältungen hat darin ihre Ursache.

Mittagsrast – der Schweiß fließt dabei in besonders ergiebigen Strömen. Wir lassen uns in einem jener Restaurants am Straßenrand nieder, in denen die Einheimischen zu essen pflegen, bestehend aus dem überdachten Gang entlang eines Gebäudes, Tischen und Stühlen in dessen Schatten und einer Reihe improvisierter Küchen, die sich halb auf der Straße befinden. Aus den Gasflaschen strömen mit großem Druck die Flammen, mit denen in zahlreichen Kesseln und Pfannen so heftig gekocht und gebraten wird, dass kaum ein magenturburlierendes Bakterium eine Chance auf Überleben haben dürfte. Die ohnehin durch drangvolle Enge und Menschenmassen wohltemperierte Umgebung wird dadurch noch zusätzlich aufgeheizt. Eine jener köstlichen Nudelsuppen, nahe dem Siedepunkt serviert, tut bei stehender Luft ein Übriges, um unseren Flüssigkeitshaushalt in Bewegung zu halten.

Es ist Mittagszeit. Von überall kommen die Berufstätigen und lassen sich in dem engen Gang nieder. Die chinesischen Köche hantieren mit der Fingerfertigkeit von Taschenspielern in ihren Kochgefäßen. Elegant befördern sie die vorbereiteten Zutaten aus zahlreichen Tellern und Schalen in die brodelnden Töpfe und zischenden Pfannen. In wenigen Minuten sind die schmackhaftesten Gerichte hergestellt. Man darf sich allerdings nicht daran stören, dass dazu auch rohe Fischaugen von der Größe einer mittleren Glasmurmel gehören können.

Wir brechen zur großen Batu-Höhle auf. Einer der vielen Kleinbusse bringt uns in mühsamer, immer wieder von Staus unterbrochener Fahrt an den Rand der Stadt. Er hält vor einem steilen Berg, an dessen Fuß umfangreiche Anlagen zum Empfang größerer Publikumsmassen zu sehen sind. Eine lange steile Treppe – schon ihr bloßer Anblick erzeugt Schweißausbrüche – führt in die riesige Höhle. Der Ort ist wahrlich wildromantisch. Oben am Eingang der Höhle hängen Felsspitzen, die wie in Gustav Dore’s Höllenbildern gewissermaßen mit der Schwerkraft nach unten gewachsen zu sein scheinen. Die Höhle – 50 bis 80 Meter hoch und breit und mehr als doppelt so lang – ist eine heilige Stätte der Hindus. In ihrer bizarren Wildheit scheint sie wie geschaffen für die hinduistische Mystik, die zum Düsteren neigt und daher das Höhlenleben liebt. In einigen Felsnischen sind Brahmanen mit nacktem Oberkörper und weißen Streifen im Gesicht, die mit rußigen Flammen hantieren. Man kann in den dunklen Ecken der Höhle die Spuren größerer Brandopfer sehen. Es fällt nicht schwer, sich das große Hindufest vorzustellen, das hier jedes Jahr stattfindet: Zehntausende, in bunte Tücher gehüllt, füllen dann den Felsendom, allenthalben steigt dunkler Rauch auf, Messingschlagwerk erklingt in eintönigen Rhythmen, gelegentlich hebt ohrenbetäubender Lärm von plärrenden Blasinstrumenten an, der im hohen Gewölbe wiederhallt.

Nach hinten öffnet sich die Höhle wieder. Man findet sich am Boden einer kraterartigen Öffnung. Kreisrunde Wände steigen etwa 50 Meter senkrecht in die Höhe, wo man einen Ausschnitt des Himmels sieht. In den Wänden tummeln sich zahlreiche kleine und kleinste Affen. Auf abenteuerliche Weise bewegen sie sich flink in der steilen Wand und meistern gelassen schier unüberwindlich scheinende Klüfte und Überhänge – möglichst noch mit einem Affenbaby am Bauch. Das Vertrauen der Affen in die Beherrschung ihres Körpers scheint unbegrenzt zu sein.

In Sachen Sozialmoral sind die Affen weniger vorbildlich. Wir haben einige Bananen bei uns, die wir an kleinere Affen und eine Mutter mit Kind verteilen wollen – nach dem Motto: erst die Kinder, dann die Frauen und Mütter etc. Dieses Motto wird vom Anführer der Gruppe allerdings nicht geteilt. Schon durch seine bloße Ankunft schlägt er die Mitglieder seiner Horde, welche wir bevorzugen, in die Flucht. Denen, die nicht genügend Abstand halten, macht er durch wildes Nachsetzen klar, wem die Bananen zuerst zustehen. Als es uns – es ist schwierig genug – gelingt, ein paar Bananenstücke an ihm vorbei in die Mäuler seiner hungrigen Untertanen zu schmuggeln, setzt es Hiebe. In wilder Jagd geht es durch die ganze Felswand, wobei erst richtig klar wird, wozu die Affen ihre phänomenale Geschicklichkeit benötigen. Auch gegenüber den Schenkern lässt es der bärbeißige Alte an der nötigen Höflichkeit missen. Er stiehlt den verschreckten Kindern die Bananen geradezu aus der Hand. Ungenügend befriedigten Forderungen versucht er durch Zähnefletschen und Fauchen Nachdruck zu verleihen. Tioman und Taman Negara waren tatsächlich das Paradies. Die Affen hielten sich versteckt, statt den Menschen den Spiegel vorzuhalten.

Wir verlassen dieses Wunderwerk der Natur und fahren mit dem Bus zurück zum Hotel. Gerade haben wir uns vom Schmutz des Tages befreit, da steht Kulit in der Tür, zwei Stunden vor der verabredeten Zeit. Er hätte halt die zwei Stunden gewartet, wenn wir noch nicht da gewesen wären, meint er – asiatische Zeitbegriffe.

Gemeinsam machen wir die Probe auf`s malaysische Modernitätsexempel. Wir haben die Absicht, ein Telefongespräch nach Hause zu führen, um den Zeitpunkt unserer Rückkunft mitzuteilen. Zuerst gilt es, das Auslandsfernamt ausfindig zu machen. Sehr bekannt scheint es nicht zu sein. Dort wo es nach Kulit’s Ansicht sein soll, findet es sich nicht, wo uns Passanten hinschicken ebenso wenig und wo es sein könnte, ist Dienstschluss. Nach einer Odyssee durch Hinterhöfe treten wir schließlich durch eine nicht näher gekennzeichnete Tür, steigen ein schäbiges Treppenhaus hinauf und landen in einem kahlen Wartesaal, welcher das Tor zur Welt darstellt.

Offensichtlich haben wir das alte Malaysia eingeholt. Das weitere Geschehen hat wenig mit den Glitzerfassaden der Bankpaläste und Ölwolkenkratzer zu tun. Es heißt, Formulare ausfüllen; Warten bis die internationale Leitung frei ist; Aufruf, die Kabine zu betreten; erneutes Abfragen der gewünschten Nummer; wieder Warten auf die internationale Leitung; keine Verbindung, weil die Nummer falsch verstanden wurde (warum haben wir eigentlich das Formular ausgefüllt?); Anschluss in Europa angeblich besetzt; Warten; wieder in die Kabine; nochmaliges Abfragen der Nummer; Warten auf die Leitung (gibt es nur eine?); besetzt (vielleicht führt Mutter daheim Dauergespräche); weiter Warten; noch mal in die Kabine; immer noch besetzt (so lange sind ihre Gespräche nun auch wieder nicht); Warten, Warten, Warten. Stunden verrinnen, Hunger breitet sich aus. Soll man lieber ein Telegramm schicken? Machen wir erst noch einen Versuch bei den Nachbarn, besetzt (auch dort Dauergespräche?); es folgen weitere Versuche. Judi verlässt das Telefonlokal, um die Kinder zu füttern. Kulit, in all den technologischen Wirren eine unerschütterliche Stütze unserer Fassung, bleibt mit mir für einen letzten Versuch. Entnervt brechen wir diesen ab. Zweifel kommen auf, ob wir jemals über Kuala Lumpur hinaus gekommen sind. Wir schicken ein Telegramm und verlassen eiligst diese unrühmliche Zentrale internationaler Kommunikation.

Ausgehungert eilen wir dem Rest der Familie nach. Wir treffen ihn im nächsten Sraßenrestaurant beim Kampf mit chinesischen Suppen an, die sich wegen ihrer hohen Temperatur dem Heißhunger verweigern.

Als die todmüden Kinder im Bett sind, ist der Abend weitgehend vorbei. Wir versuchen den Rest, den uns das technologische Desaster noch für philosophische Gespräche übrig gelassen hat, in einem der einfachen Restaurants zu verplaudern. Zu der vorgerückten Stunde werden wir daran aber durch die Redseeligkeit und ausufernde Gastfreundschaft nicht mehr ganz nüchterner Gaststättenbesucher gehindert, die uns immer wieder zum Trinken animieren wollen. Wir ziehen uns daher wieder auf das bereits erprobte Mäuerchen vor unserem Hotel zurück. Kulit berichtet von seinen Plänen, den Betrieb seines Onkels, bei dem er bislang noch wohnt, zu übernehmen. Von den Erlösen will er dann seine Insel kaufen.

Abschied von Kulit mit großer Herzlichkeit. Natürlich tauschen wir Adressen, sprechen gegenseitige Einladungen aus. Wir spüren jedoch, dass wir ihn nie wiedersehen werden. Wir werden wohl nie erfahren, ob er seine Insel im Tropenmeer bekommt oder ob sie und die Orang Asli eines Tages von einer Frau ersetzt werden, die seinen Hang teilt, über den Ursprung der Dinge zu spekulieren.

1791 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622

Die meisten Musikliebhaber dürften sich schon einmal gefragt haben, welche Musik wir von Mozart noch bekommen hätten, wenn er weitere zwanzig oder gar vierzig Jahre gelebt hätte. Die Frage stellt sich insbesondere angesichts der singulären Werke, welche dieser scheinbar grenzenlos kreative und entwicklungsfähige Musiker in seiner späten Schaffensphase komponierte. Vor allem die Werke seines letzten Lebensjahres verleiten zu Spekulationen darüber, wie es wohl weiter gegangen wäre. Denn nicht nur in der „Zauberflöte“ hört man neue Töne, etwa in der Art Harmonieführung in den Terzetten der drei Damen und der drei Knaben. Auch das Requiem, das in seiner Unvollendetheit wie ein Symbol für das plötzlich abgebrochene Schaffen Mozarts dasteht, lässt neue Perspektiven der Ausdruckskraft erahnen. Und schließlich ist da das Klarinettenkonzert, welches Mozart zwei Monate vor seinem Tod vollendete.

Mit dem Konzert für Klarinette hat Mozart das Referenzwerk für dieses Instrument und eines seiner beliebtesten und eindrucksvollsten Stücke überhaupt geschaffen. Bis heute ist es das Klarinettenkonzert schlechthin. Vor allem in dem inzwischen legendären langsamen Satz hat Mozart die emotionalen und atmosphärischen Möglichkeiten des Instrumentes maßstabsetzend ausgelotet. Ein vergleichbar bedeutendes Werk für dieses Instrument ist nur noch das Klarinettenquintett von Johannes Brahms, das genau 100 Jahre später entstand.

Die Klarinette war damals ein noch sehr junges Instrument. Ihre heutige Form bildete sich erst um die Mitte des 18. Jh. heraus. Mozart lernte die Klarinette 1778 in Mannheim kennen. Begeistert schrieb er seinerzeit an seinen Vater: „Ach wenn wir nur clarinetti hätten! – sie glauben nicht was eine sinfonie mit flauten, oboen und clarinetten einen herrlichen Effekt macht.“ Noch im Mannheim schrieb er seine Konzertante Symphonie für Bläser, bei der die Klarinette als Soloinstrument eingesetzt ist. Fortan integrierte er die Klarinette schrittweise in seine Kompositionen.

In Wien lernte Mozart dann den Klarinettisten Anton Stadler kennen, mit dem er nicht nur in musikalischen Dingen verbunden war. Stadler war offenbar eine labile Persönlichkeit, trank und ging dem Glückspiel nach und pumpte ausgerechnet Mozart, dessen finanzielle Verhältnisse selbst nicht eben geordnet waren, um erhebliche Mengen Geld an. Aber er war auch ein ausgezeichneter Musiker. Bekannt war er vor allem dafür, dass er die tiefen Register der Klarinette beherrschte. Um den Tonraum zu erweitern, ließ er das Instrument sogar durch Verlängerung zur Bassetklarinette weiterentwickeln. Mozart schrieb für ihn zwei bedeutende Werke, 1789 das Klarinettenquintett und 1791 eben das Klarinettenkonzert, beide wohl für die Bassetklarinette.

Der Plan für die Komposition des Konzertes war vermutlich in Prag entstanden, wohin Mozart Ende August 1791 mit seiner Frau und seinem Adlatus Franz Xaver Süßmayr gereist war, um an der Uraufführung seiner Oper „Titus“ im Rahmen der Krönungsfeierlichkeiten für Kaiser Leopold II. teilzunehmen. Dort traf er mit Stadler zusammen, der an der Aufführung mitwirkte. Offenbar sagte er ihm dabei die Komposition des Konzertes zu, das bei einer Benefizveranstaltung am 16. Oktober 1791 in Prag aufgeführt werden sollte. Mitte September kehrte Mozart zurück nach Wien und hatte noch zwei Wochen, um die letzten Teile der „Zauberflöte“ zu schreiben und deren Uraufführung am 30. September vorzubereiten. Eine Woche danach berichtete er nach der Rückkunft aus dem Theater seiner Frau Constance, die in Kur war, brieflich begeistert vom Erfolg der Oper, die täglich gespielt wurde. Zur Feier des Tages, schreibt er, „ließ ich mir …..schwarzen koffé hollen, wobey ich eine herrliche Pfeiffe toback schmauchte; dann instrumentierte ich fast das ganze Rondo vom Stadler“ (gemeint ist der letzte Satz des Klarinettenkonzertes, der, bedenkt man Mozarts Arbeitspensum bis zur Uraufführung der Zauberflöte, wohl nach dieser entstanden sein dürfte, was die gute Stimmung erklären könnte, die in ihm herrscht). Acht Tage später war, wie gesagt, die Aufführung des Konzertes angesetzt. Bis dahin mussten die Stimmen noch ausgeschrieben und nach Prag geschickt werden. Stadler muss das nicht eben einfache Werk also praktisch vom Blatt gespielt haben, was zeigt, wie gut er gewesen ist.

Im gleichen Brief finden sich übrigens interessante Bemerkungen über Stadler und Süßmayr. Mozart schreibt, er sehe nun ein, „dass er [Süßmayr] ein Esel ist – versteht sich, nicht der Stodla [wienerisch für Stadler], der ist nur ein bissel ein Esel, nicht viel – aber der [Süssmayr] – Ja der ist ein rechter Esel.“ Der Hintergrund dieser Bemerkung ist nicht bekannt. Mozart  war sich aber offenbar darüber im Klaren, dass Stadler nicht ganz seriös war, scheint aber, da auch er Künstler und zugleich (Billiard)Spieler war, ein gewisses Verständnis für ihn gehabt zu haben. Dass Stadler nicht sonderlich zuverlässig war, zeigt denn auch die Tatsache,  dass er das Autograph des Konzertes alsbald versetzte, wodurch es verloren gegangen ist. Bis heute weiß man daher nicht sicher, ob das Konzert tatsächlich, wie allgemein angenommen, für Stadlers Bassetklarinette geschrieben ist.

Das Klarinettenkonzert sollte Mozarts letztes Instrumentalwerk bleiben. Danach beschäftigte er sich im Wesentlichen nur noch mit „seinem“ Requiem, das der brave Süßmayr, für den Mozart offenbar weniger Verständnis hatte, nach dem Tod des Meisters, der  am 5.12.1791 eintrat, sehr achtbar vollendete.

Weitere Texte zu Werken Mozarts und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 14

 Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Die Waldmenschen ziehen, so berichtet er, in Gruppen bis zu zwanzig Personen im Dschungel umher, lassen sich hier und dort nieder und bleiben, solange der natürliche Vorrat an Nahrung am jeweiligen Ort reicht. Sie haben genaue Kenntnisse über die Nutzbarkeit von Pflanzen. Ansonsten würden sie sich von der Jagd ernähren, bei der sie das Blasrohr verwendeten. Über die lose zusammengefügten Kleingruppen hinaus gebe es so gut wie keinen größeren sozialen Zusammenhang, keinen Stamm oder gar Staat. Der Wechsel von einer zur anderen Gruppe sei zwanglos und finde vor allem zur Lösung von Spannungen innerhalb der derselben statt. Die Gruppen stünden prinzipiell in einem freundlichen Verhältnis zueinander. Sie kämen sich auch kaum ins Gehege, denn der tropische Wald biete allen genügend Platz und Mittel zur Befriedigung ihrer äußerst einfachen Bedürfnisse.

Kriminalität sei praktisch unbekannt, Eigentums und Bereicherungsdelikte schon mangels Eigentum an beweglichen Sachen. Die Vorstellung, dass jemandem etwas gehören könnte, was er nicht gerade bei sich trägt, sei ihnen fremd. Es spiegele sich hierin der Mangel an Abstraktionen, ein Umstand, der sich in allen Lebensbereichen auswirke. Es fehle etwa die Vorstellung, dass man eine bloß geistige Beziehung zu einer Sache, dass man also einen Anspruch darauf haben könne. Damit fehlt freilich eine schier unerschöpfliche Quelle des Streitens und Rechtens, des Bedarfs, Normen zu schaffen und damit der Anreiz, immer differenziertere und immer geistigere Fähigkeiten zur Auseinandersetzung auszubilden. Eine zeitlang spekulieren wir über den Rattenschwanz von Konsequenzen, welche sich aus dem Begriff des Eigentums ergeben. Kulit ist überzeugt, er sei die Erbsünde, die den Menschen mit sich und Seinesgleichen entzweit habe. Zu allen Zeiten hätten die Menschen empfunden, dass die Versuche, das Eigentum zu rechtfertigen, eine zweifelhafte Überzeugungskraft haben. Die Folge sei die tendenzielle Instabilität der Systeme, die auf Eigentum aufbauen, Kriege und soziale Spannungen.

Wir kehren zurück zu den Orang Asli. Ansprüche, so meine ich mit meiner europäischen Seele, müsse es doch im Emotionalen geben, ein nicht-materielles Band etwa zwischen Frau und Mann bestehen. Auch hier fehle jede Institution, berichtet Kulit. Zwar gäbe es so etwas wie eine Ehe. Man feiere die Hochzeit in bescheidener Form, etwa indem man einen etwas größeren Affenbraten herrichte. Aber es folgten keine Verpflichtungen daraus. Jeder, auch die Frau, sei frei, sich einen neuen Partner zu suchen. Emotionale Probleme, die daraus resultieren können, löse man, indem man die Gruppe verlasse.

Abstraktionen, fährt Kulit fort, hervorgehobene Positionen also, gäbe es auch im Aufbau der Gruppen kaum. Es gäbe keine Hierarchie, zumindest keine, der man sich nicht ohne weiteres entziehen könne. Ebenso wenig gäbe es ausgeformte religiöse Dogmen oder Riten. Man habe eine numinose Vorstellung von Geistern, die jeder für sich konkretisieren könne. Mangels religiöser Überbauten gäbe es auch keine Machtausübung durch religiösen Druck, kein Ausnützen religiöser Bindungsgefühle für irdische Zwecke. „Begraben“ werde in der Krone der Bäume – damit man näher am Himmel sei, meint Kulit unter Verwendung eines eher islamisch-christlichen Höhenbegriffs.

Wie weit die Orang Asli von unserem Denken entfernt seien, zeige auch eine kaum entwickelte Vorstellung davon, dass eine gezielte Einwirkung auf die Gesundheit möglich sei. Sogar dass andere Menschen, Malayen etwa oder Weiße, dazu in der Lage sein könnten, entziehe sich ihrer Vorstellungskraft, weswegen sie von der Möglichkeit medizinischer Hilfe keinen Gebrauch machten. Ihre häufigen Hauterkrankungen – Pilzkrankheiten von der ständigen Feuchtigkeit des Dschungels, insbesondere vom Schlafen auf dem nackten Boden – nähmen sie wie ein Schicksal auf sich und versuchten keine Hilfe in der Zivilisation zu erlangen.

Ihre Behausungen seien für wenige Wochen gebaut. Sie sollen eigentlich nur vor dem Regen schützen. Überhaupt sei ihnen jeder längerfristige Versorgungs- und Schutzgesichtspunkt unbekannt. Das Klima und die Fülle des Dschungels legten es nicht nahe, solche Perspektiven zu entwerfen. Da die äußeren Bedingungen das ganze Jahr über gleich blieben, sei Vorsorge zur Deckung des Lebensbedarfes nicht erforderlich. Reizvolle Überlegungen lassen sich daran anknüpfen – Gedanken etwa über das Entstehen von Abstraktionen als Folge des Zwangs, über den Tag hinausdenken zu müssen.

Mangels Konfrontation mit anderen, aggressiven Sozialsystemen bestehe auch keine Notwendigkeit, Verteidigungsvorsorge zu treffen. Die weiche Mentalität der malayischen „Nachbarn“, mit denen es in dem weiten und leeren Land ohnehin wenig Berührungspunkte gab, habe kein Bedürfnis für Konkurrenzanstrengungen entstehen lassen. Damit sei aber nie die Entwicklung in Gang gekommen, die durch ständiges Abgrenzen und Vergleichen, vor allem aber über die Rüstungsspirale zum unaufhaltsamen „Fortschritt“ führe. So fehle denn auch der Drang zur Überordnung, zum Übertrumpfen, fehlen die dazugehörigen Abwehrprozesse, die Versuche, den Konkurrenzkampf zu regeln, seine Verkleidung in Ideologie und damit überhaupt das dynamische Element in den Sozialbeziehungen.

Wir geraten ins Schwärmen. Die Orang Asli scheinen uns einen Blick fast in die Stunde Null der menschlichen Sozialbeziehungen zu ermöglichen. Bedingt durch eine seltene Kombination äußerer Umstände wie Klima, insuläre Lage, Reichtum der Natur und dünne Besiedlung, befinden wir uns hier möglicherweise vor Beginn fast all der gesellschaftlichen Prozesse, die moderne Gesellschaften kennzeichnen. Auf dem Negativ des Bildes der „primitiven“ Gesellschaftsform erscheinen plötzlich, deutlich wie auf einem Röntgenbild, die Strukturen unserer eigenen Gesellschaft.

Darüber kommen wir endgültig ins Philosophieren. Eine merkwürdige Mischung biblischer und sozialutopischer Dimensionen tut sich auf. Ist die menschliche Geschichte, wie alte Mythen behaupten, von einem paradiesischen Zustand ausgegangen? War der Sündenfall der Beginn der Sozialprozesse? Wie von selbst ergibt sich daraus die Frage, welche die Menschen noch heute bewegt: Ist das Paradies unwiederbringlich verloren oder bewegen wir uns auf ein neues Paradies zu, für das die Wirren der Sozialprozesse nur ein Durchgangsstadium sind, in dem nach unendlich schmerzhaften Läuterungen ihre Widersprüche „endlich“ aufgehoben sind? Können wir, wenn es ein neues Paradies geben wird, den Weg dahin beeinflussen, die Entwicklung beschleunigen, wie viele Denker meinten? Oder sind alle Spekulationen über alte und neue Paradiese nur aus der Sehnsucht geboren, die der Spiegel des Unvollkommenen ist? Wäre das künftige Paradies also nur die Projektion eines nie gewesenen verlorenen Paradieses in die Zukunft?

Ich beginne mich zu fragen, ob Kulits erstaunlicher Bericht über die Orang Asli von solchen Gedanken geprägt ist. Hat der malayisch-islamische Romantiker auf der Suche nach einem neuen Paradies die alte Vorstellung vom ursprünglichen Paradies, die Islam und Christentum teilen, über die Wirklichkeit der Waldmenschen geworfen? Postuliert er, wie schon die europäische Aufklärung, den „guten Wilden“ zum Zwecke der Besserung moderner Gesellschaften?

Wir kommen auch auf das verlorene Paradies der Orang Asli zu sprechen. Viele Waldmenschen verdingen sich als Führer durch den Urwald, verdienen Geld und kaufen produzierte und damit knappe Dinge. Mit den Gegenständen, die nicht alle haben, beginnen die Probleme. Begehrlichkeit und Neid entstehen, es werde gestohlen, der Diebstahl müsse vertuscht werden, Heimlichkeiten, Spannungen und Rechtskonflikte entstehen, Normen und der Mangel daran werden bewusst. Der ganze Prozess der sozialen Evolution komme mit allerlei Geburtswehen und Verwachsungen stockend in Gang. Er habe die große Sorge, dass die Orang Asli diesen Prozess nicht überstehen, denn er gehe in einem Tempo vonstatten, der ihnen den Atem rauben müsse.

Es ist spät geworden. Wir wandern zurück in die nun ruhiger gewordene Stadt. Nochmals lassen wir uns in der Nähe unseres Hotels auf einem Mäuerchen nieder und führen unser nie erlahmendes Gespräch über Malaysia fort. Erst als Kulit Gefahr läuft, den letzten Bus zu seiner Wohnung zu verpassen, die offenbar ziemlich weit außerhalb liegt, nehmen wir Abschied. Wir verabreden uns auf den nächsten Abend im Hotel.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 13

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

1.4.1985

Abschied vom Dschungelcamp. Das Abschiedsgeschenk der Campverwaltung kommt in Form einer saftigen Rechnung für die Anfahrt. Ihr Abrechnungssystem ist ebenso archaisch wie der Dschungel. Auf welchem Niveau rationaler Abstraktion sich unsere westlichen Lebenssysteme befinden, zeigen erst die erstaunlichen Alternativen, die andere Systeme aufzubieten haben. Der Fahrpreis etwa wird im Urwald nicht allgemein aus einer Gesamtkalkulation, sondern mittels Dividieren der Fahrtkosten durch die Anzahl der Fahrgäste eines Bootes jedes Mal individuell errechnet. Da unser Boot mit 6 Personen besetzt war, haben wir also 5/6 des Fahrpreises zu zahlen. Pech für uns, wenn die Campverwaltung das Boot nicht einmal zur Hälfte belegt und auf einigen Sitzen Versorgungsmaterial für das Camp transportiert. Und Glück für unseren mitreisenden Nationalparksammler. Nachdem die stolze Zusage des Tourist Office Managers von Kuantan, dass die Fahrt für die Kinder frei sei, irgendwo im Dickicht von Taman Negara hängengeblieben ist, profitiert unser Mitfahrgast nicht nur ungerechtfertigt von seinen Empfehlungsschreiben, sondern auch noch von unserem Kinderreichtum. Schlaue Travellers haben deswegen schon ausgerechnet, dass es günstiger ist, eine Nacht länger im Camp zu bleiben, als in einem unterbesetzten Boot zurückzufahren. Immerhin haben wir das Glück, wenigstens auf der Rückfahrt in einem gefüllten Boot fahren zu können.

Am Landesteg werden wir von zwei unserer Dschungelfreunde verabschiedet. Die Rückfahrt geht rasend schnell den Fluss hinab, wiewohl die Hinfahrt wegen der Gegenströmung schneller erschien. Es ist ein Morgen, wie man ihn sich nicht eindrucksvoller vorstellen kann. Prächtige Dschungelbilder bieten sich am Flussufer, grüne Wände zunächst, in denen gelegentlich ein Baum in voller Lila-Blüte auffällt, dann dicht gestaffeltes Bergland mit undurchdringlichem Bewuchs. Nach deutlich kürzerer Fahrt kommen wir in Tembeling an. Jetzt ist es der erste Vorposten der Zivilisation.

Wir schnallen die Rucksäcke an und treten den heißen Marsch zur Hauptstraße an, wo der Bus abfahren soll. Ein "freundlicher" Autofahrer – er stand schon an der Bootsanlegestelle – bietet uns eine Fahrt nach Jerantut an. Lässig wirft er hin, dass der Bus höchst selten fahre, der nächste erst ganz spät. Da er damit offensichtlich eine ziemlich unbescheidene Fahrpreisforderung begründen will, lehnen wir dankend ab. Damit geben wir uns allerdings einem ziemlich ungewissen Schicksal hin. Es ist in keiner Weise abzusehen, wann ein Bus fährt. Also üben wir uns in asiatischer Geduld. Wir lassen uns unter einem größeren Baum an der Hauptkreuzung nieder und harren der Dinge.

Schon bald nehmen dieselben einen – auch finanziell – günstigen Verlauf. Ein Bus erscheint und bringt uns in Kürze über die bereits bekannte Berg- und Talbahnstrecke nach Jerantut. Dort steht auch schon ein Anschlussbus nach Temerloh bereit.

Im Bus freunden sich die Kinder mit einem jüngeren Malayen an, den wir schon vom Dschungelcamp kennen. Es ist jener "Führer", der uns vor zwei Tagen so freundlich über mögliche Dschungeltouren beriet. Am Busbahnhof von Temerloh – vor der reich bekuppelten Moschee – hilft er uns, einen Bus in Richtung Kuala Lumpur ausfindig zu machen – der direkte Bus war uns gerade vor der Nase weggefahren. Die Wartezeit bis zur Abfahrt des Busses verbringen wir gemeinsam in einem Restaurant an der Haltestelle und unterhalten uns. Unser neuer Freund – sein Name ist Kulit – spricht ein ziemlich differenziertes Englisch, wenngleich mit starkem Akzent, und hat eine gänzlich offene Art, mit uns umzugehen. Von Beruf ist er Flugzeugmechaniker. Da er ebenfalls nach Kuala Lumpur fährt, bietet er sich uns als Führer an. Wir merken sogleich, dass die Furcht vor aufgedrängten Diensten und den finanziellen Forderungen, die daraus in der Regel resultieren, hier nicht angebracht ist.

Der Bus ist laut und scheppert nervenaufreibend. Wir fahren durch eine hügelige Kampong- und Plantagenlandschaft. Dann wird es ziemlich gebirgig. Vor uns liegen die Camerlon-Highlands, auf denen sich eine der berühmten wohltemperierten Hill Stations befand, in die sich die kolonialen Engländer auf der Flucht vor dem tropischen Klima zurückzuziehen pflegten. Heute ist oben ein großes Casino, dessen ausladender Gebäudekomplex von weitem zu sehen ist. Die ganze Gegend hat etwas gartenhaftes und macht einen sehr gepflegten Eindruck.

Am Fuß der Highlands, in denen Tee angebaut wird, wechseln wir den Bus. Im Busbahnhof ist großes Gedränge. Alles will in die Hauptstadt. Wir haben etwas Zeit, die wir auf dem nahen großen Kinderspielplatz verbringen. In seinen weitausladenden Bäumen hat sich eine besonders reiche Kolonie von Baumfarnen niedergelassen, kreisrunde Prachtexemplare mit auskragendem Rand und einem Durchmesser bis zu zwei Metern.

Die weitere Busfahrt geht durch Hochland und damit durch höchst eindrucksvolle Dschungelberge, weite Hangflächen mit einem Wald dicht wie ein Fell, dessen bräunlich grünes Gesamtbild gelegentlich durch hellgrüne Bananeninseln aufgelockert wird – all das im strahlendsten Nachmittagslicht. Ein Jammer, dass wir wieder einmal im Bus sitzen.

Die vielen Steigungen der Straße scheinen unserem Bus nicht zu schmecken. An einem besonders steilen Stück fängt er an zu zischen und zu spritzen. Der Fahrer hält an, alles steigt aus. Wasser fließt aus dem Kühler. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Befürchtungen und Erinnerungen an die Anfahrt zum Taman Negara kommen auf. Aber man behält auch hier die Ruhe, wartet ein wenig, steigt wieder ein und fährt ab. Es folgen weitere Dschungelberge, dann aber auch schon modernere Siedlungen. Schließlich erreichen wir Kuala Lumpur auf einem Busbahnhof, der weit außerhalb der Stadt liegt. Steigen wir also zum fünften Male an diesem Tage um und fahren mit einem weiteren Bus in die Stadt.

Die Suche nach einem Hotel, das unseren altchinesischen Vorstellungen und unseren finanziellen Verhältnissen entspricht, ist in der explodierenden Metropole nicht einfach. Die Stadt wird zwar zu zwei Dritteln von Chinesen bewohnt, mit dem alten China hat man aber nicht mehr viel im Sinn. Von allen Seiten fressen sich Wolkenkratzer und Einkaufszentren in das alte Chinesenviertel aus zwei- bis dreistöckigen Häusern. Wir ziehen durch die Reste dieses Viertels, klettern finstere Treppen hinauf und hinab, besichtigen und verhandeln, bis die Kinder des schweißtreibenden Spieles müde sind. Dann geht Kulit unter Hintanstellung seiner Bedenken gegen unseren altchinesischen Geschmack aufopferungsvoll mit mir alleine weiter in der fast schon aufgegebenen Hoffnung, ein zugleich preiswertes und nicht allzu lautes Hotel zu finden. Wir finden das Idealhotel: ein geräumiges Zimmer zu einem alten Park, zentrale Lage, Tee steht bereit in chinesischem Porzellan, freundliche chinesische Wirte, denen der unerwartete Kinderbesuch gefällt. Allgemeines Duschen folgt. Kulit gehört schon fast zur Familie. Auch er nutzt die Gelegenheit, um sich zu erfrischen.

Schließlich lädt uns Kulit auch noch zum Abendessen ein. An sich befinden wir uns mitten in einem Viertel mit vielen jener chinesischen Straßenküchen, die wir schätzen gelernt haben. Aber Kulit hat anderes mit uns vor. Zunächst machen wir eine ziemlich ausgedehnte Wanderung durch die Geschäftsviertel der Stadt moderne Zweckarchitektur, wie überall in der Welt, die abends ausgestorben ist. Auf einer Flussinsel steht eine märchenhaft beleuchtete Moschee mit feinen Säulenumgängen in maurischem Stil. Ob sie viel älter ist als die Bankgebäude und Firmenzentralen, ist fraglich, Kuala Lumpur ist eine sehr junge Stadt. Von der Wanderung, deren Zweck unklar bleibt, ist uns ziemlich warm geworden. Ein kräftiger Regenguss überrascht uns und bringt Kühlung. Dann wird klar, warum wir durch die Geschäftsviertel irren. Kulit sucht nach einem Bankautomat, um das nötige Geld zum Bestreiten seiner Einladung abzuheben. Mehrere Anläufe sind ohne Erfolg, was ihm äußerst peinlich ist.

Schließlich erreichen wir einen Platz, auf dem sich eine Reihe von Straßenrestaurants befindet, die sich nicht wesentlich von denen in der Nähe unseres Hotels unterscheiden. Sie sind allenfalls etwas weniger chaotisch angeordnet. Zunächst ist Rechnen angesagt. Was können wir uns leisten? Kulit will auf keinen Fall einen Zuschuss von unserer Seite annehmen. Er verhandelt schließlich mit einem Wirt, der ihm, obwohl er ihn nicht kennt, einen Kredit einräumt, womit dieser ohne Zweifel ein ehernes Gesetz der Straßenbranche bricht. Kulit ist ziemlich aufgeregt und gibt sich alle Mühe, uns so gut wie möglich zu bewirten.

Nach dem Mahl – wir bestellten bescheiden, Kulit selbst aß kaum etwas – Rückmarsch zum Hotel mit müden Kindern. Sie gehen nach diesem langen Tag mit Freuden ins Bett. Eigentlich hätten wir uns jetzt gerne in einer der typischen Spelunken in der Nähe unseres Hotels niedergelassen. Aber Kulit hat wieder andere Pläne. Er führt uns zum Hochhaus der Ölfirmen, einem erst kürzlich fertiggestellten Prachtbau, der als neues Wahrzeichen die Silhouette der Stadt beherrscht. Hoch ragt der riesige weiße Büroturm mit seinen ungeniert maurischen Stilelementen in den Himmel; unten sind weitläufige Anlagen und Unterbauten, in denen es eher amerikanisch zugeht, MacDonalds ist vertreten, blitzblanke Geschäfte und Banken, überall Marmor – zweifelsohne aus Carrara – saubere Helle, entsprechend gekleidete junge Menschen. Ausstattung und Dimensionen dürften in Europa nicht so leicht ihresgleichen finden. Kulit will uns offensichtlich zeigen, wie der neue Stil seines Landes ist.

Wir lassen uns auf einer Terrasse des Riesenkomplexes nieder, vor uns ein herrlicher Blick auf die City von Kuala Lumpur im nächtlichen Beleuchtungszauber, unten erleuchtete Terrassengärten, über uns der weiße Turm aus Tausend-und-eine-Nacht. Hier entwickelt sich ein langes Gespräch, in dem uns Kulit seine erstaunliche malayische Seele ausbreitet.

Wir streifen zunächst Probleme Malaysias, erfahren, dass das Malayische eine indogermanische Sprache mit zahlreichen indischen und chinesischen Einspengseln ist. Lange sprechen wir über die Rolle des Islam in einer Gesellschaft, die kaum zur Hälfte moslemisch ist, in der die Religion Mohammeds aber dennoch Staatsreligion und das Staatsoberhaupt immer einer der malayischen Sultane ist. Bemerkenswert auch, was Kulit über die Macht der islamischen "Kirche" berichtet. Verstöße gegen islamisches Sittenrecht werden von islamischen Gerichten unter Umständen sogar mit Geldstrafen belegt, die dazu auch noch vollstreckt werden können. Gegen derartige Eingriffe in das Gewissensleben gebe es zwar den Appell an die zivilen Gerichte, aber man überlege gerade, diesen abzuschaffen.

Uns ist aufgefallen, dass sich die Frauen in Malaysia ziemlich frei bewegen können. So kommen wir auf die offensichtlich unterschiedliche Handhabung des Islam im "Westen" und in Süd-Ost-Asien zusprechen. Kulit hat eine klimatische Erklärung. Die rigiden Formen des Islam, vor allem in Arabien, sind für ihn die Folge der harten Lebensbedingungen der Steppen- und Wüstenvölker. Mit dem Koran, auf den er allein und direkt zugreifen will, hätten solche Verhärtungen nichts zu tun. Weit distanziert er sich von der islamischen Dogmatik und deren beamteten Sachwaltern. Der islamische Glaube der Bumiputras, der ursprünglichen malayischen Landbevölkerung, sei im Übrigen allenthalben von animistischen Elementen aus der Zeit vor der islamischen Eroberung durchsetzt. Bei der Erläuterung dieses Phänomens lässt der malayische Flugzeugmechaniker Kulit zu unserem größten Erstaunen erkennen, dass er mit philosophischen Fragestellungen aus dem alten Europa vertraut ist. Er vergleicht den Animismus und seine allgegenwärtigen guten und bösen Geister mit dem Pantheismus des niederländischen Philosophen Spinoza.

Überhaupt wird immer deutlicher, wie wenig die gängige Vorstellung vom sozial eingebetteten Asiaten auf ihn zutrifft. Kulit lebt offenbar ein Einzelgängerdasein und versucht im Dschungel zu sich selbst zu finden. Sein Traum ist, sich irgendwann einmal eine einsame Insel vor der Küste zu kaufen, um sich dort als Fischer von aller modernen Welt zurückzuziehen. Jede freie Minute, so berichtet er, verbringe er bei den Waldmenschen, den Orang Asli, im Taman Negara oder in den Wäldern unweit von Kuala Lumpur, durch die wir am Nachmittag gefahren sind. Er kenne ihre Sprache, die mit dem Malayischen nichts gemein habe und sehr einfach sei. Meist begnügten sie sich mit kurzen Zurufen. Er selbst habe sich ein kleines Wörterbuch gemacht.

Was er dann über das Leben der Orang Asli erzählt, klingt wie ein Märchen aus dem Sozialparadies, Rousseau hätte es nicht besser erfinden können.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 12

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

31.3.19 85

 

Flussfahrt. Den Plan einer Wanderung zur Fledermaushöhle, den der Malaye gestern anregte, haben wir fallengelassen. Stattdessen mieten wir für den Tag ein einfaches hölzernes Kanu, einen Einbaum dessen Kanten man mit Brettern leicht erhöht hat. Ausgestattet mit Proviant und Lektüre geht es auf Dschungelflusswanderung. Wir bewegen das nicht eben leichte Boot mit vier einfachen Paddeln bestehend aus einem Stock, an dem ein Holzbrett befestigt ist.

Die Fahrt geht den Nebenfluss des Tembeling hinauf, an dem wir gestern entlang gelaufen waren. Anfangs ist die Strömung schwach, das Wasser tief und dunkel. Wir kommen daher recht gut voran. Mit kühner Statik hängen große Bäume in den Fluss. Sie spenden willkommenen Schatten. Nach etwa einer Stunde passieren wir unseren gestrigen Badeplatz. Jetzt stoßen wir in Neuland vor. Das Wasser wird flacher und schneller. An einigen Stellen müssen wir uns mit allen vier Paddeln kräftig ins Zeug legen. Dann kommen wieder ruhigere Passagen. Offene Strecken wechseln mit tunnelartigen Passagen aus dichtem Bewuchs, in denen tausend Lichtreste auf dem Wasser tanzen.

Schließlich liegt vor uns eine lange schattige Gerade mit unruhigem, flachem Wasser. Hier kommen wir an die Grenzen unserer Wasserkraft. Cinqui und ich müssen aussteigen und das Boot schieben und ziehen. Zum Glück bietet sich ein Rastplatz in der Sonne an. Es ist ein umgestürzter Urwaldriese, der am Ufer im Wasser liegt. Sein Stamm ist so geräumig, dass man quer darauf liegen kann. Zum Ufer hin bildet er eine kleine Lagune. Die Kinder beginnen alsbald, dieselbe für Schiffsaktivitäten zu nutzen.

Wir haben uns gerade auf unserem Baumstrand eingerichtet, da kommt ein Boot den Fluss hinunter – mit guten Bekannten, dem Bundeswehroffizier, dem Elektriker und dem Studenten. Sie sind den Fluss ein gutes Stück weiter hinaufgefahren und berichten von Stromschnellen und recht abenteuerlichem Wasser. Aus Sorge um ihr Gepäck, vor allem die Kameras, haben sie die Fahrt jedoch abgebrochen.

Eine Weile genießen wir gemeinsam die Stille des Flusses. Dann regt sich Tatendrang. Wir, das heißt der Elektriker, der Student, Cinque und ich beschließen, eine Expedition weiter den Fluss hinauf zu machen, ohne Gepäck. Das Boot ist mit uns bis an die Grenze seiner Belastbarkeit gefüllt. Zuerst gilt es, das flache Stück zu überwinden, an dem wir zuvor gescheitert waren, was unter dem Gelächter der Zurückgebliebenen zunächst misslingt. Wir treiben in die falsche Richtung ab. Dann kämpfen wir uns in ruhigere Gewässer vor. Nach einiger Zeit erreichen wir die ersten Stromschnellen. Sie zwingen uns, das Boot zu verlassen und es mit vereinten Kräften durch das turbulente Wasser zu schieben. Es folgen ein ruhigeres Stück, erneute Stromschnellen und wieder Aussteigen, Ziehen und Schieben. Dies wiederholt sich mehrere Male und ist einigermaßen anstrengend. Am meisten werden jedoch die Füße in Mitleidenschaft gezogen, die immer wieder zwischen die großen glatten Steine des Flussbodens rutschen. Cinqui und ich haben immerhin Sandalen an. Das sind zwar auch nicht gerade die idealen Wildwasserwanderschuhe. Es geht uns aber immer noch besser als unseren barfüßigen Begleitern, die ihre Hilfe beim Überwinden von Stromschnellen wegen wunder Füße bald einstellen müssen. Da es nicht überall möglich ist, die Stromschnellen zu Fuß zu umlaufen, müssen wir die beiden im Boot gegen die ohnehin schon verstärkte Strömung ziehen. In der tropischen Mittagshitze ist also Schwerstarbeit zu leisten. Sie wird allerdings durch die permanente Wasserkühlung erleichtert.

Die Uferlandschaft wird inzwischen immer grandioser. Bäume von mehreren Metern Dicke hängen in oft abenteuerlicher Schräglage in den Fluss hinein. Einer der Riesen ist erst kürzlich abgebrochen und streckt nun seinen mächtigen zerzausten Stumpf in die Höhe. Schließlich gelangen wir an die sogenannte obere Badestelle, dem letzten Punkt, den Motorboote noch erreichen können. Der Fluss weitet sich hier zu einem weiten runden Bassin mit fast stehendem Wasser, das weitgehend im Schatten riesiger Bäume liegt – ein Bild weiherhaften Friedens an dem sonst eher unruhigen Gewässer.

Am anderen Ende des Bassins fließt der Fluss beschaulich durch ein tiefes Felsenbett. Es wäre ein Jammer, hier umzukehren. Nun da wir diese Region, die für Paddelboote an sich nicht mehr zugänglich ist, erreicht haben, packt uns der Ehrgeiz. Die Strapazen der "Fahrt" sind plötzlich vergessen. Mit vereinten neuen Kräften paddeln wir bis zu einer Verengung, durch die der Fluss mit beachtlicher Geschwindigkeit hindurchrauscht. Wir klettern auf die Felsen am Ufer und ziehen das Boot gemeinsam an der Schnur durch die reißende Strömung. Es folgt wieder ruhigeres Wasser bis unweigerlich die nächste Stromschnelle erreicht ist, die allerdings steiniger als alle vorangegangenen ist.

Wir überwinden noch zwei oder drei weitere Eng- und Flachstellen bis wir nach rund fünf Stunden strapaziösen Kampfes an der Grenze des Machbaren angekommen sind. Das Gefälle der Flusses wird immer stärker, große Steine versperren den Weg und die Stromschnellen nehmen den Charakter von Wasserfällen an. Wir machen das Boot fest und erklettern eine 30 bis 40 Meter lange Moräne aus ausgelaugtem angeschwemmtem, Pflanzenmaterial, um den weiteren Verlauf des Flusses zu sichten. Dabei stellt sich heraus, dass es keinen Sinn macht, weiter vorzudringen. Wenn wir weiterkommen wollten, müssten wir das schwere Boot über erhebliche Strecken tragen. So brechen wir die Expedition ab. Alle haben das Gefühl, etwas Außerordentliches erlebt zu haben. Unsere zufällig zusammengekommene Mannschaft ist dabei in kurzer Zeit zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.

Der Lohn der Arbeit sollte die Rückfahrt werden. Mit beachtlichem Tempo geht es flussabwärts. Bei den ersten Stromschnellen saugt die Strömung das Boot noch ohne unser Zutun durch die tiefste Stelle hindurch. Die folgenden Engstellen werden zum Prüfstein unserer Navigationskunst, auf den wir des Öfteren ziemlich unsanft auflaufen. Dann ist es soweit. Das Boot ist mit der Spitze auf einem Stein hängengeblieben, die Strömung dreht es zur Seite bis es schließlich kippt. Die ganze Mannschaft landet kopfüber im rauschenden Fluss.

Beim nächsten Mal schießt das Boot mit so viel Elan in tieferes Wasser, dass die Flut über Bord strömt, worauf wir, im Boot sitzend, langsam untergehen. Wir halten das Boot an der Bordwand fest, damit es uns nicht entgleitet, und fahren unter Wasser weiter. Ein unbeteiligter Beobachter hätte eine merkwürdige Szene gesehen: drei Männer und ein Kind, die, bis zur Brust im Wasser, in einer stabilen Reihe regungslos den Fluss hinunter gleiten

Nach einem weiteren Umsturz treiben wir ein längeres tiefes Stück kieloben. Zur Abwechselung liegen wir eine zeitlang auf dem Rücken des Bootes, bis sich die Möglichkeit ergibt, es wieder umzudrehen und zu entwässern.

Zu dieser feuchten und turbulenten Flussfahrt gesellt sich noch ein kräftiges Tropengewitter. Donner grollt, während das Boot auf Steine kracht und nass werden wir, ob wir im Boot oder im Wasser sind. Ein kenterndes Boot im Dschungel, eine unerschrockene, tatkräftige und eingeschworene Mannschaft kämpft bei permanentem Frohsinn gegen die Naturgewalten der grünen Hölle – es wäre Zigarettenreklame, wenn es nicht wahr wäre.

Wir passieren unseren Baumstrand. Er ist leer. Judi, die Kleinen und der Bundeswehroffizier haben, nachdem sich die Expedition weit über die in Aussicht genommene Zeit ausgedehnt hatte, nicht länger auf uns gewartet. Das "Schlimmste" ist nun hinter uns. Allerdings haben wir auch jetzt noch keine Ruhe. Das Boot hat in den Stromschnellen ein Leck abbekommen. Der Wassereinbruch ist so stark, dass das Boot in wenigen Minuten volläuft und nur noch schwer zu manövrieren ist. Mangels Schöpfkelle – wir haben sie als lästiges "Gepäck" im anderen Boot gelassen – müssen wir das Wasser jetzt mit Händen und Paddeln hinausbefördern.

Erschöpft treiben wir den immer ruhiger werdenden Fluss hinab. Über uns breitet sich ein grandioser Gewitterwolkenhimmel aus. Unter den herabhängenden Bäumen ist es dunkel. Die Ruhe nach dem Sturm ist eingekehrt. Die ungewöhnliche Flussfahrt endet an der Mündung des Tembeling, dessen reißende Fluten hinabzufahren auch ein Abenteuer wäre – allerdings nur in eine Richtung.

Beim abendlichen Travellerstreff im Restaurant berichtet jeder über seine Erlebnisse. Auch unsere Mund läuft über. Uli, der Bundeswehroffizier, erzählt von seinen fast hautnahen wild life Erfahrungen. Vor einigen Tagen übernachtete er in einem „hide“, etwa sechs bis acht Stunden vom Camp entfernt. Nachts rieb sich ein Elefant an den Stützen, auf denen die Schlafstatt angebracht ist, mit entsprechenden Fernwirkungen in der Höhe. Insgesamt sei das wild life aber auch dort draußen eher spärlich gewesen. Engere Berührung mit dem wild life haben wir noch an "unserem" um die Ecke gelegenen „hide“.

Am späten Abend begibt sich die ganze Corona voll Abenteuerlust in den finsteren Urwald, um wild life zu erleben. Diesmal haben wir Taschenlampen dabei, die klären sollen, ob wir es bei den bislang gesichteten Schatten mit einem Spiel der Natur oder der Phantasie zu tun hatten. Genügend Licht bringen jedoch auch die Taschenlampen nicht in die "Dinge", sodass es bei der erlkönighaften Zweideutigkeit bleibt. Nach andächtigem Schweigen und durch Ehrfurcht vor dem nächtlichen Urwald gekühltem Abenteuermut geht jeder zu seiner Schlafstatt zurück.

Wie hautnah die Berührung mit dem wild life war, zeigt sich erst, als ich bereits im Bett liege. Auf meinem Bettlaken ist plötzlich ein frischer Blutstropfen. Während ich herauszufinden suche, wie er dorthin kam, beginne ich ernsthaft an meiner Fähigkeit zweifeln, Natur und Phantasie auseinander zu halten. Das Bett ist vollständig von einem Moskitonetz umgeben. Daher kann jede Ursache außerhalb des Bettes ausgeschlossen werden. Dennoch sind alle Recherchen nach einer natürlichen Ursache des Blutfleckens, die nach Lage der Dinge an meinen Beinen sein muss, ohne Erfolg. Die Verwirrung steigert sich, als noch ein zweiter und ein dritter Blutfleck hinzukommen. Damit bricht die Hypothese zusammen, es könne sich vielleicht doch um einen älteren Blutfleck handeln. Da absolut nichts zu finden ist, was das Blut erklären könnte scheinen die malyaischen Nachtgeister am Werk zu sein.

Das Rätsel löst sich dann aber, wie könnte es anders sein, auf westlich-rationale Weise. Der Gewitterregen vom Nachmittag hat die „leaches“ aktiviert, die wegen ihrer mangelnden Tätigkeit in der Natur bei uns schon in den Verdacht geraten sind, in der Hauptsache die Phantasie der Traveller zu beunruhigen. Eines der harmlosen Tierchen mit dem schlechten Ruf hat sich bei unserer nächtlichen Pirsch unter meinem kleinen Zeh eingegraben, wo es fast nicht zu sehen ist. Freiwillig verlässt es das lauschige und offensichtlich nahrhafte Plätzchen nicht. Es muss erst mit einer brennenden Zigarette nachgehofen werden. Kurz darauf entdecke ich einen weiteren der stillen Gäste am anderen Bein. Unbemerkt hat er sich bis an die Wade hinauf geschlichen. Am Morgen erfahren wir, dass auch andere Teilnehmer unserer kurzen Nachtexpedition den gleichen ungebetenen Besuch festgestellt haben.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 11

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30.3.1985

Dschungelwanderung. Ausgestattet mit Rucksack, Trinkwasser und Proviant – im Restaurant gab es Kuchen, gebackene Bananen, etc. – geht es auf den großen Marsch durch den Dschungel. Die Schuhe werden mit Baygon eingespritzt, um die „leaches“ abzuschrecken. Bald ist das fast schon gewohnte Dschungelbild um uns: Brettwurzelbäume, Palmlichtungen, wilde Lianenformen. Der Weg – er ist einigermaßen hergerichtet – führt einen steilen Berg hinauf, der kein Ende nehmen will. Es ist still. Von Ferne hallen nur die gellenden Rufe der Gibbons durch den Wald, affenähnliche Tiere, die man nie zu Gesicht bekommt. Gelegentlich sieht man die „leaches“ am Boden. Sie sind wie kleine Würmer, die sich in die Höhe recken, um so ihr Opfer angehen zu können. Von unserem Baygonspray scheinen sie beeindruckt zu sein. Zwei Deutsche von der gestrigen Runde begegnen uns – wer sonst.

Nach einem extremen Steilstück lichtet sich schließlich der Wald. Wir treten auf eine kleine Felsplatte. Vor uns breitet sich ein weiter Blick über die Dschungellandschaft des Nationalparkes aus. Steil abfallend liegt unter uns eine waldige Tiefe, durch die ein braunes Gewässer fließt. Der Blick verliert sich in weiter Ferne. Das ist er nun, der älteste Dschungel der Welt. Naturgeschichtliche Dimensionen tun sich auf. 130 Millionen Jahre alt soll der Wald sein, will heißen, dass sich die klimatischen und biologischen Verhältnisse so lange nicht verändert haben. Man kann sich in die Rolle eines Entdeckers versetzen, der, auf einer Höhe angekommen, plötzlich unberührtes (durch bewusst entdeckende Menschen unberührtes!) Land unter sich ausgebreitet sieht, und der sich mit einem kribbelnden Gefühl ins Unbekannte aufmacht, um völlig neue Horizonte zu eröffnen. Irgendwo dort in der vollkommen unerschlossenen Wildnis liegt der Gunang Tahan, Malaysias höchster Berg mit 2200 Metern. Ein Schild unten im Camp zeigt in seine Himmelsrichtung mit dem Vermerk: 8 Tage. Es gibt Abenteurer, die sich mit Hilfe eines einheimischen Führers dorthin auf den "Weg" machen. Proviant für zwei Wochen ist mitzunehmen.

Auf der Felsplattform trifft sich ein Großteil des gestrigen Abendtisches. Man ruht aus von den Strapazen des Aufstieges und genießt den Ausblick. Der Weg bleibt noch ein Stück auf der Höhe. Wieder öffnet sich der Blick in die Weite der Landschaft. Wir sitzen in einer Schutzhütte und lassen Gedanken und Gefühle in die Ferne ziehen.

Der Abstieg geht extrem Steil die Bergflanke hinab. Er ist mit Stufen und Geländern gesichert. Dann befinden wir uns in der Tiefe, über die unser Blick eben schweifte. Wir sind im dichtesten Dschungel mit großartigen Solitärbäumen – manche Brettwurzeln sind 6 bis 8 Meter hoch und bilden Nischen in denen man bequem wohnen könnte. Ein Tier wird gesichtet. Es ist ein dicker etwa 30 Zentimeter langer Tausendfüßler – wild life. Es gibt abenteuerlich verdrehte Lianenkonstruktionen, in denen die Kinder tollen. Gelegentlich passieren wir Lichtungen mit Bananenstauden und sonstigem Gewächs, dessen saftiggrüne Blätter in der Sonne aufleuchten. Auch eine Reihe von kleinen Bachschluchten ist zu überqueren. Der Weg lässt erahnen, dass wir uns am Rande eines Flusstales befinden.

Mitten im Dschungel findet eine merkwürdige Begegnung statt. Die denkbar entferntesten Pole menschlichen Lebens treffen aufeinander. Eine kleine Gruppe von Personen gänzlich unmalayischen Aussehens kommt uns entgegen. Voran geht eine Frau, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist. Um die Schultern trägt sie ein Tuch, in dem sich ein wenige Wochen alter Säugling befindet. Es folgen zwei Kinder, etwa 10 bis 14 Jahre alt, ebenfalls barfuss und fast ganz nackt – sie tragen Bananen und ähnliches; dahinter ein Mann, bekleidet mit einer kurzen Hose und Turnschuhen. In seinem Rucksack befindet sich ein Kanister, der nach Petrolium riecht. Die Personen erinnern im Aussehen an die australischen Ureinwohner, sind dunkelhäutig und haben schwarzes krauses Haar. Auf bezeichnende Weise kontrastiert dies mit den leuchtenden Blondschöpfen unserer Kinder. Zwei Familien, durch Jahrtausende der Entwicklung von einander getrennt, stehen sich gegenüber: dunkelhäutige Waldbewohner auf der ältesten heute noch existierenden Stufe menschlichen Lebens und weiße Zivilisationsmenschen des entgegengesetzten Extrems.

Zum Glück gibt das Baby einen schnellen Anknüpfungspunkt. Stolz packt die Mutter den kleinen Jungen aus dem Schultertuch. Man hat ihm die Haare bis auf ein kleines Bündel über der Stirn abgeschnitten. Ein sprachloser Austausch von Reaktionen der Rührung findet statt. In elementaren Punkten sind die Zivilisationen dann doch wieder nicht sehr weit voneinander entfernt. Dann geht jede Familie wieder ihres Weges. Die Waldmenschen verschwinden hinter Palmblättern. Sie lassen uns in weichreichenden Gedanken über den Menschen und seine erstaunliche Entwicklung zurück. Es wäre interessant zu wissen, was den Waldmenschen jetzt durch den Kopf geht. Die kurze Begegnung ist zweifellos das denkwürdigste Erlebnis dieser Reise.

Nach kurzer Wanderung erreichen wir den Fluss und damit die versprochene, von den Kinder lange herbeigesehnte Badegelegenheit. Zuerst ist einige Skepsis zu überwinden. Das Wasser erscheint merkwürdig dunkel. Bei näherer Inspektion zeigt sich aber, dass es glasklar ist und seine dunkel-braune Färbung von einigen Schwebstoffen bezieht. Woher sollte es auch schmutzig sein? Krokodile oder ähnlich badewidriges Getier gibt es, wie man uns schon im Camp versicherte, im System des Tembeling und seiner Nebenflüsse nicht. Also tauchen wir in die herrlich kühle Flut. Die Kinder fangen sich einen kleinen Baumstamm ein, der daher geschwommenen kommt, und bauen mit allerlei Stöcken ein Boot. Damit fahren sie am Ufer auf und ab.

Es ist ein stiller Ort. Der Fluss – er ist zirka 20 Meter breit – fließt ruhig dahin. Man hört allenfalls gelegentliche Vogelstimmen. Ein größerer leuchtend blauer Vogel streift immer wieder in steifem Flug knapp über die Wasseroberfläche. Sonst ist von Tieren nichts zu sehen. Schräg vor uns liegt eine kleine Insel im Fluss. Dahinter biegt der Fluss nach rechts ab. Dadurch macht die Waldwand des gegenüberliegenden Ufers eine eindrucksvolle Biegung.

Nach und nach finden sich weitere Dschungelwanderer ein. Ein Australier spricht mich auf meinen Beruf als Staatsanwalt an, den er – die Travellerswelt ist klein – schon vor diesem Dschungeltreff irgendwie erfahren hat. So entspinnt sich fern jeglicher Zivilisation ein langes Gespräch über Wirtschafts- und Computerkriminalität, organisiertes Verbrechen und sonstige Gebrechen hochentwickelter Gesellschaften. Noch merkwürdiger ist das Gespräch, das ich mit einem jungen Deutschen vom gestrigen Abendtisch führe. Wir befassen uns, während wir im Tropenfluss stehen, mit einem der hochkarätigsten Produkte europäischen Sommerfrischenbedürfnisses: palladianischen Villen. Ausführlich diskutieren wir, gelegentlich in die kühlen Fluten tauchend, Probleme der Renovierung dieser hochartifiziellen Lustgebäude im fernen Italien. Mein Gesprächspartner ist Architekt und hat längere Zeit an der Wiederherstellung einer palladianischen Villenanlage gearbeitet. Auf die Arbeit stieß er durch Zufall auf einer Italienreise. Spontan entschloss er sich gegen Kost und Logis – in der Villa – mitzuarbeiten. Er blieb ein Jahr als dienstbarer Kostgänger – eine europäische Variante des Travellerlebens. Im Laufe seiner Tätigkeit lernte er, da die Villenbesitzer alle in Verbindung miteinander stehen, zahlreiche andere Villen kennen, von Palladio aber auch von anderen Baumeistern. Er forschte in alten Papieren und Plänen und kam so zu höchst intimen Kenntnissen über die italienische Villenkultur. Mitten im Dschungel öffnet sich, kaum dass wir die Waldmenschen hinter uns gelassen, eine Schatzkiste, in der die prächtigsten Edelsteine europäischer Kultur funkeln – wahrlich, es gibt auch geistige Abenteuer.

Mit herannahender Essenszeit – man muss zwei Stunden im Voraus bestellen – machen wir uns auf den Rückweg zum Camp. Hierzu brauchen wir nur dem Fluss zu folgen. Das Camp liegt an der Einmündung dieses Flusses in den wesentlich reißenderen Tembeling. Auf einer Wegkreuzung kurz vor dem Camp stehen einige einfache Hütten aus Palmblättern. Auf dem Platz, den sie bilden, spielen einige Waldmenschen mit einem Ball aus geflochtenen Zweigen Fußball. Auch ein Lederfußball kommt zum Vorschein. Wir befinden uns praktisch mitten in der guten Stube der Waldmenschen. Eine "Hütte" aus geflochtenen Matten steht auf Stelzen. Darin wird offenbar geschlafen. Daneben stehen Hütten, die praktisch nur aus einem A-förmigen Palmblattdach bestehen, das über dem nackten Boden steht und nur etwa einen Meter hoch ist. Darin sitzen Frauen und kochen auf einem Holzfeuer. Der Rauch zieht durch das Palmdach ins Freie. In der Hütte steht ein Kofferradio, aus dem Popmusik tönt. Einige Kinder – sie laufen praktisch nackt umher – haben offensichtlich eine Hautkrankheit. Ihre Haut ist am ganzen Körper aufgesprungen, sodass sie von lauter weißen Schuppen übersät sind.

Hier in der Nähe des Camps – wohl auch von ihm – lebt offenbar die Übergangsform der Waldmenschen. Sehr überzeugend sieht das nicht aus. Das Schicksal der australischen Ureinwohner und der Indianer kommt einem in den Sinn. Nicht weit von den Waldmenschen befindet sich das Kraftwerk des Camps, eine schwere Dieselturbine, die einen Höllenlärm macht.

Während wir auf das Abendessen warten, gehe ich mit Sassi und Lucy zur Bootsanlegestelle. Von der Höhe des Steilufers blickt man auf den Tembeling, der mehr als 10 Meter unter uns fließt. In der Regenzeit steigt er stark an und füllt das tiefe Bett fast bis auf unsere Höhe aus. Die Zeichen seines gewaltigen Wirkens sind an der ausgewaschenen Uferböschung deutlich zu sehen. Es herrscht eine tropische Abendstimmung mit leuchtenden Himmelsfarben. In der Ferne zuckt Wetterleuchten aus einem Gebirge von Wolken.

Abends bunte Runde im Restaurant. Die Australier von Cherating – Waltzing Mathilde – sind eingetroffen. Ein neuseeländischer Arzt mit Freundin ist dabei und die Deutschen von gestern. Zu uns gesellt sich ein junger malayischer Mann und macht uns bereitwillig allerlei Tourenvorschläge für den nächsten Tag. Er scheint einer jener erstaunlich unaufdringlichen Führer zu sein, die im Camp auf Aufträge warten. Auf sympatisch -malayische Weise berücksichtigen sie auch die Interessen der zu Werbenden, etwa indem sie sagen, bei welchen Touren man sie nicht benötigt. Er empfiehlt eine Wanderung auf der anderen Seite des Tembeling – zur Fledermaushöhle.

Ein Diavortrag über das Camp und den Dschungel wird gezeigt. Er ist eine willkommnene Nachbereitung unserer Tageswanderung. Es soll hier 400 verschiedene Baumarten auf einem Quadratkilometer geben. Auf dem Weg zu unserem Bungalow läuft uns der Bootsgenosse von der Hinfahrt über den Weg. Wir laden ihn auf unsere Veranda ein. Der Abendplausch in den Bambussesseln hat wahrhaft koloniale Züge und erinnert an Kipling oder Vicky Baum. Unser Gast macht mit Hilfe von Empfehlungsschreiben irgendwelcher Doktores, die die Empfänger offenbar für wichtig halten, eine Reise durch alle möglichen Naturreservate Asiens. Allerdings scheinen ihn, wie seine Erzählungen zeigen, weniger die Natur als die aufwendige Betreuung und die kostenlose Bewirtung zu interessieren. In Taman Negara hat man offenbar mehr Programm für ihn gemacht, als ihm lieb war. Er ist im Dschungel zusammengebrochen, aus Salzmangel, wie er meint.

Nochmals zieht es uns zum benachbarten Hide. In der Finsternis tasten wir uns bis zum Hochsitz vor. Angestrengt starren wir in das Dunkel. Das Ergebnis ist nicht weniger unklar, als am gestrigen Abend. Es bleibt offen, ob wir der Natur oder unserer Imagination nachspähen.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 10

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29.3.1985

Frühes Aufstehen, höchst eiliges Frühstück und ab auf die Straße. Dort soll – zu unbestimmter Zeit – ein Bus nach Kuantan abfahren, der uns zum Anschlussbus nach Jerantut bringen soll. Es gibt weder eine Haltestelle noch einen Fahrplan. Wir warten. Nichts tut sich.

Die Zeit wird knapp. Um 14 Uhr müssen wir an einem Bootssteg im Zentrum der Halbinsel sein. Schließlich ist genug gewartet, wir gehen über zu aktiver Verkehrspolitik, per Anhalter. Ein netter junger Mann nimmt uns in seinem Kleinbus mit. Mit der Ruhe und der Selbstsicherheit eines Malayen fährt er in Richtung Kuantan. Unterwegs biegt er in eine Siedlung ab, als habe er dort etwas zu erledigen. Er hält aus dem Auto ein lässiges Schwätzchen mit einem Mann, der zufällig auf der Straße zu stehen scheint, ihm aber offenbar bekannt ist. Dann fährt er weiter, so als habe er seine Erledigung beendet. Alles geschieht ohne Eile und Drang. Ein bestimmter Zweck seiner Fahrt ist nicht zu erkennen. Er bringt uns aber, ohne etwas dafür zu wollen, direkt zum Busbahnhof, wo unser Bus nach Jerantut noch wartet.

Vertrauen erweckend sieht der Bus nicht aus. Es ist nicht klimatisiert und auch nicht gerade geräuscharm. Mit Höllenlärm knattert er in das Landesinnere hinein. Die Straße führt durch hügeliges Land mit weitläufigen Palmen- und Gummiplantagen. Erste Rast machen wir nach 80 Kilometern auf dem geschäftigen Busbahnhof von Temerloh, gleich neben einer großen vielzwiebeltürmigen Moschee. Dort versorgen wir uns mit Mangos und gebratenen Bananen. Im Schneckentempo geht es dann weiter nach Norden. Der Bus wird immer langsamer. Dann kommt die zweite Rast – in einer Werkstatt. Mit der landesüblichen Gelassenheit und mit angemessenen Pausen versucht man irgendeinem technischen Problem auf die Spur zu kommen. Eine Information über Grund und Dauer der Unterbrechung ist nicht vorgesehen.

Es ist heiß. Die Geduld der Passagiere ist asiatisch. Nach einer halben Stunde – es ist halb Eins – frage ich vorsichtig an, wann es weitergehe. Man antwortet mit beschwichtigenden Gesten. Vermutlich wundert man sich über diesen unruhigen Europäer. Nichts tut sich. Es folgen: weitere Nachfrage – Vertrösten; dringliche Nachfrage – der Anschein von Aktivitäten; eindringliche Schilderung unserer Lage (mangels Sprachkenntnisse auf beiden Seiten unter Einsatz von Händen und Füßen) – Ankündigung eines Ersatzbusses; Drohen mit Verlassen des Gebäudes zu Fuß – erneutes Versprechen eines Ersatzbusses; endgültiger Entschluss, es per Anhalter zu versuchen, In-die-Tat-Umsetzen durch Schultern der Rucksäcke und zielstrebiges Ausschreiten in Richtung Tor. Da endlich kommt bei Mannschaft und Fahrgästen Bewegung in Richtung auf einen Ersatzbus auf, der schon die ganze Zeit auf dem Hof stand.

Auf fast leerer Straße – die Verkehrsmenge nähert sich hier im Landesinneren dem Faktor Null – und mit begrüßenswertem Tempo geht es nun nach Jerantut. Dort kommen wir kurz nach halb zwei Uhr an, was uns tatsächlich noch eine Chance gibt, unser Dschungelboot zu erreichen. Sofort beginnen Verhandlungen wegen eines Taxis zur Weiterfahrt nach Tembeling. Mit einem altersschwachen Peugeot-Diesel geht die Fahrt auf einer Strasse weiter, die wie eine Berg- und Talbahn  kerzengrade über die Hügel gelegt ist. Wenn es rauf geht, könnte man alle Hoffnung verlieren. Runter holt der alte Wagen aber alles wieder auf. Dann hofft man, dass die Bremsen funktionieren. Der Fahrer scheint darauf zu vertrauen, nicht benutzen zu müssen. Punkt zwei Uhr sind wir an der Anlegestelle. In der Eile lassen wir unseren gesamten Proviant im Taxi liegen, darunter die Kinderspielzeugschokolade, die wir  eigens für die 60 Kilometer lange Bootsfahrt gekauft haben.

Man wartet bereits auf uns. Wir sind namentlich per Telex angekündigt worden. Die lange Bootsfahrt ist, wie sich herausstellt, höchst exklusiv. Außer uns sind nur noch ein wenig gesprächiger Deutscher und drei Mann Besatzung mit von der Partie. Auch unser Gefährt ist eine Überraschung. Das hölzerne Boot ist vollkommen flach, zirka 15 Meter lang und nur etwas über einen Meter breit.

Es geht sofort los. Auf unsere Bitte hält man kurz nach dem Start noch einmal an, damit wir in Tembeling unsere verlorengegangenen Vorräte ergänzen können. Der Ort ist eine gänzlich unmalayische Ansammlung von Rosthütten, die auf dem Steilufer des Flusses Telom steht. Den Müll, meist Plastik und Blechverpackungen weltweit bekannter Produkte, kippt man direkt aus den Häusern auf das Ufer, sodass dieses eine einzige Müllhalde ist. Der letzte Außenposten der Zivilisation ist zugleich auch ihre übelste Steigerung.

Schnell erledigen wir die wichtigsten Einkäufe, besorgen Bananen, Bisquits, und Getränke. Im Stehen trinken wir noch einen heißen Tee – wer weiß, wann es wieder was zu trinken gibt. Vor allem benötigen wir einen Spray gegen die berüchtigten "leaches", Blutegel, die einen überall im Dschungel anfallen sollen. Man empfiehlt uns Baygon, hergestellt in Leverkusen.

Es geht wirklich los. Pfeilschnell schießt das Boot, angetrieben von einem starken Außenbordmotor, in den Fluß Tembeling, der genau gegenüber dem gleichnamigen Ort in den größeren Telom mündet. In rasender Fahrt geht es nun den glatten Fluss hinauf. Die starke Gegenströmung und unsere niedrige Sitzposition verstärken den Eindruck hoher Geschwindigkeit. Zunächst sieht man noch Menschen am Ufer. Gelegentlich wird ein Boot entladen. Auch baden Leute in den braunen Fluten. Dann werden die Anzeichen von Besiedlung in diesem Gebiet, das nur noch mit Booten zugänglich ist, immer dünner.

Der Dschungel breitet sich bald bis an das Ufer aus. Wie eine große grüne Wand zieht er sich den Kurven des Flusses entlang. Zeitweilig geht es durch bergiges Gebiet. Das Boot rast mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Kurven, die nun enger werden. So ähnlich muss sich ein Skifahrer beim Riesenslalom fühlen. Auf den Bergen sieht man dichten Urwald. Über allem ragen die Baumriesen in den Himmel. Einmal liegen Wasserbüffel auf einer Sandbank.

Dann beginnt Taman Negara, der Nationalpark. Von da an fahren wir nur noch durch dichten Wald. Ab und zu liegen gestürzte Urwaldriesen im Wasser. Drei  Stunden lang starren wir wie gebannt in die unberührte Landschaft. Dann treffen wir an der Mündung eines Nebenflusses auf allerlei Betriebsamkeit. Hoch auf dem Ufer liegt, mitten im ältesten Urwald der Welt, das Camp.

Die Unterbringung ist alles andere als unzivilisiert. Wir bekommen einen geräumigen Doppelbungalow. Er hat zwei vollständige Wohneinheiten, jeder mit einer veritablen Badewanne. Verbunden sind die beiden Teile durch eine schattige Terrasse mit bequemen Sitzmöbeln. Ein eigener Terrassenventilator sorgt auch im Freien für Kühlung. Gleich unter uns fließt, tief eingegraben, der Tembeling. Koloniale Gefühle kommen auf.

Wir machen einen kleinen Rundgang durch das Camp, das zirka 150 bis 200 Leute beherbergen kann. Die vielen flachen Gebäude sind so auseinandergezogen, dass die Verbindung zur Landschaft erhalten bleibt. In der beginnenden Dämmerung unterziehen wir den Dschungel einem kurzen kritischen Test. Er muss sich natürlich an Tioman messen lassen. Zu unserer leichten Enttäuschung besteht er den Test nicht. Tioman verdirbt alle Maßstäbe. Ohne Tioman hätten wir vermutlich auch über Cherating keine merkwürdigen Fragen gestellt.

Immerhin soll es hier aber die Möglichkeit geben, Urwaldtiere zu beobachten. Die besten Beobachtungsplätze, "hides" genannt, sind weit draußen im Dschungel. Man übernachtet in Schutzhütten direkt am Beobachtungsort. Ein hide ist aber auch direkt am Camp. In der Dämmerung schleichen wir durch ein Stück Dschungel und klettern auf einen Hochsitz. Vor uns liegt eine ziemlich weite Lichtung. Darin sind ein paar Schatten erkennbar. Lange rätseln wir, ob sie sich bewegen, was der Beweis dafür wäre, dass es sich um Tiere und nicht bloß um aufgewühlten Boden handelt. Sehr lebhaft sind die möglichen Tiere jedenfalls nicht. Die Indizien für ihre Existenz bleiben im wahrsten Sinne des Wortes schemenhaft.

Wesentlich deutlicher machen sich allerhand Kleintiere bemerkbar. Auch sie kann man nicht sehen, dafür umso besser hören. Um uns findet ein Dschungelkonzert von bislang nicht gekannten Dimensionen statt. Lautstarke Insekten, vor allem Zikaden, kennt man ja auch in europäischen Breiten. Gemessen am Tonvolumen, das man hier antrifft, sind deren Klänge aber die reinste Kammermusik. Hier ist ein Riesenorchester am Werk, dessen Mitglieder im Dauerfortissimo spielen. Hinzu kommt, dass auch die Zahl der Instrumententypen vervielfacht ist. Ganz unterschiedliche Melodien bilden unendlich viele Kontrapunkte. Manche spielen ein Thema an, das ein paar Meter weiter von einem anderen erwidert wird. Andere scheinen alleine vor sich hin zu musizieren. Unter jedem Blatt scheint ein Musikant zu sitzen, der seine Stimme gegen allen anderen zu Gehör bringen will. Und Blätter gibt es genügend im Dschungel.

Abendessen in einem der beiden Restaurants – es gibt Nasi Goreng. Während des Essens erscheinen an der offenen Seitenwand des Restaurants zwei überdimensionale "Rehe", etwa so groß wie Pferde. Sie lassen sich von den Touristen füttern. Auch gegen das Streicheln ihres rauhen Felles haben sie keine Einwände – original wild life im Touristenrestaurant.

Eine Gruppe deutschsprachiger Touristen findet sich zusammen, bürgerliche Travellers: ein ehemaliger Bundeswehroffizier, der seit Jahren auf allen Kontinenten herumreist, ein Elektriker aus Berlin, ein Gartenarchitekt, ein Schüler und andere. Man bleibt bis das Restaurant schließt.

Heimweg zum Bungalow – in der Ferne verklingt das Dschungelkonzert. Kurz nach Mitternacht wird das Dieselkraftwerk abgeschaltet. Damit gibt es kein Licht mehr im Haus. Auch der Ventilator fällt aus. Durch den luftigen Bungalow zieht jedoch angenehme Waldluft. Auf der Veranda tollen sich in der Nacht irgendwelche Tiere. Zu sehen bekommt man sie nicht. Wahrscheinlich wissen sie, dass es nachts kein Licht gibt.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985- Teil 9

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

28.3.1985

Man lässt uns nicht darben. Das Frühstück ist opulent. Anschließend ziehen wir in einen geräumigen Doppelbungalow. Die Kinder haben die eine Hälfte, wir die andere. Plötzlich erschallt der Ruf, es würden Kreiselspiele gezeigt. Vorne an der Straße ist eine Busladung Pauschaltouristen angekommen, lauter Deutsche. Drei makellos gekleidete Malayen führen ihnen das traditionelle Kreiselspiel vor. Nach gebührend gravitätischer Vorbereitung werden die fast 40 Zentimeter breiten schweren Kreisel auf eine Platte gesetzt. Man zieht kräftig an einem Band. Dann drehen sich die Kreisel "regungslos" bis zu 20 Minuten lang. Die Menge betrachtet sie leicht ratlos und klatscht artig Applaus, wenn nach theatralischer Aktion wieder ein Kreisel in Gang gesetzt ist. Der Höhepunkt ist das Werfen der Kreisel, was, nach den Gesichtern der Akteure zu urteilen, das Schwierigste ist. Die Kreisel werden aus einigen Metern Entfernung auf die Platte geschleudert, wo sie wiederum ihre endlosen Kreise ziehen. Auch ein Affe wird vorgeführt. Er darf ein paar Kokosnüsse von einer Palme holen.

Cherating hat sich im Übrigen gemausert. Einige der unscheinbaren Hütten am Straßenrand haben sich in Souvenirläden verwandelt. Man kann dort unter Anderem verkleinerte Versionen der Kreisel kaufen. Die Frage bleibt allerdings: warum gerade in Cherating? Kampongromantik am Straßenrand?

Die Aufmerksamkeit der Gruppe verlagert sich auf unsere Kinder. Man fragt sie, was sie, leicht geschürzt und braungebrannt wie sie sind, hier mitten in der Schulzeit im fernen Malaysia tun. Ein übersprudelnder Sassi stiehlt den kreiselschleudernden Edelmalayen schließlich ganz die Schau. Er erzählt von seinen unpauschalierten Erlebnissen auf Tioman.

In der Nähe soll sich ein Club Méditerranée mit einem schönen Strand befinden. Vielleicht, denken wir,  löst sich dort das Rätsel von Cherating. Wir wandern also entlang der Landstraße, um zum Clubgelände zu gelangen. Nach einer dreiviertel Stunde treffen wir auf einen schnurgeraden Strand. In nobler Abgeschiedenheit befindet sich dort die Anlage des Clubs, eine Luxusburg aus ineinander verschachtelten und aufeinander geschichteten Kampongelementen. Zu nahe dürfen wir ihr nicht kommen. Der Torwächter pfeift uns sofort zurück. Man kann sich also fast wie zu Hause fühlen.

Lange hält es uns nicht an diesem ungastlichen Ort. Der Strand entspricht durchaus nicht dem, was man hierzulande beanspruchen kann. Im Gegensatz zu Cherating ist er schmal und sehr steil, wodurch die Wellen kurz und heftig brechen. Kein Mensch badet außer uns. Auch im Club scheint nicht gerade sprühendes Leben zu herrschen. Der Clubstrand ist genauso leer wie der unsrige. Wahrscheinlich baden sie dort im Schwimmbad. Hier ist das Rätsel von Cherating also auch nicht zu lösen.

Am frühen Nachmittag kehren wir, des öden Strandes müde, ins "lebhaftere" Cherating zurück. Die Sonne zeigt mehr als je zuvor, was sie in diesen Breiten vermag. Der Rückweg wird zur Qual. "Daheim" erholen wir uns im Travellersverschlag bei Tee und Spezereien. Danach genießen wir die ruhige Nachmittagsstimmung an "unserem" Strand. Einige Einheimische und Travellers sind da. Man kann von Strandleben sprechen.

Mit tiefer gehender Sonne strebt man zurück zum Futternapf im Kampong. Die Travellerschar wartet an den langen Tischen und ist gespannt darauf, was sich die Gastgeber diesmal ausgedacht haben, um sich Freude an unserem Appetit zu verschaffen. Das Mahl, das mit allerlei tropischen Zutaten versehen ist, lässt wieder nichts zu wünschen übrig.

Abends Travellergespräche. Ein junger Italiener, einer der seltenen Weltenbummler dieser Nation, unterhält die Gesellschaft bis spät in den Abend hinein. Er berichtet lebhaft von seinen jahrelangen Reisen auf allen fünf Kontinenten und macht sich über die mangelnde Abenteuerlust seiner Landsleute lustig. Wenn er zwischen seinen Reisen wieder einmal einen Versuch gemacht habe, in seinem lombardischen Heimatdorf zu leben, sei er bereits nach wenigen Wochen wieder reif für weitere Abenteuer gewesen. Mit von der abendlichen Partie ist im Übrigen ein Heer von Moskitos, die man erst zu spät mit Räucherspiralen vertreibt. Allgemeines Jucken und Kratzen ist die Folge.

Erstmals schlafen wir auch unter Moskitonetzen. Es ist angenehm "kühl" im Bungalow – wir haben die Fenster geöffnet. Die malayischen Nachtgeister verschonen uns aber. Wahrscheinlich sind sie nationalistisch.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 8

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

27.3.1985

Morgens stehen allerlei Thermoskannen mit heißem Wasser bereit. Wir können damit nicht nur, wie geraten, unseren eigenen Tee zubereiten, sondern auch noch den unabdingbaren Vorrat für die Reise auffüllen. Anschließend findet das Frühstück wieder in der Bäckerei unter dem Hotel statt. Das Gepäck lassen wir zunächst einmal im Hotel.

Die Befürchtung, wir könnten wesentliche touristische Aspekte von Kuantan übersehen haben, treibt uns auf die Suche nach dem lokalen Tourist-Office. Zufällig verhandelt dort gerade jemand über die Einreise in den Nationalpark Taman Negara, von dem wir unterwegs immer wieder gehört haben. Nach Gerüchten, die in Travellerskreisen kursieren, soll man ihn zur Zeit eigentlich nicht besuchen können. Wie sich nun herausstellt, ist es doch möglich, muss aber beim zuständigen Ministerium in Kuala Lumpur besonders beantragt werden. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es, wie hier, durch das Tourist-Office und dazu noch alsbald geschieht. Der freundliche Manager setzt Telefon und Telexgerät in Bewegung und verkündet nach erstaunlich kurzer Zeit, dass wir am übernächsten Tag einreisen können. Punkt 14 Uhr müssten wir an einer Anlegestelle in Tembeling, einem kleinen Ort im Zentrum der Halbinsel sein, von wo uns ein Boot sechzig Kilometer in den Dschungel fahre. Für die Kinder, so verkündet er stolz, habe er eine kostenlose Bootsfahrt erreichen können.

Das gibt uns Zeit für Cherating. Schon vor hunderten von Kilometern, an der Grenze, hat man uns diesen Ort in einem Atemzug mit Tioman empfohlen. Also packen wir erwartungsfroh unsere sieben Sachen und begeben uns zum Busbahnhof. Abfahrt ist jede Stunde. Cherating, über das wir nichts wissen, scheint ein bedeutender Ort zu sein.

Ein Bummelbus, der an jeder Ecke hält, bringt uns etwa vierzig Kilometer weiter nach Norden. An einer nicht weiter auffälligen Stelle hält er. Der Schaffner verkündet, wir seien in Cherating. Wir steigen aus, der Bus fährt weiter und wir stehen alleine mitten in der Landschaft. Außer ein paar Kampongs unter Kokospalmen ist nicht viel zu sehen, kein Strand, keine spektakuläre Landschaft. Wo ist Cherating?

Am Stamm einer Palme finden wir ein leicht lädiertes Schild, das auf eine Unterkunft hinweist, die uns schon an der Grenze genannt wurde. Offensichtlich sind wir am richtigen Ort, es fragt sich nur warum. Wir folgen dem Schild. Schon nach wenigen Metern verläuft sich der Weg zwischen den Kampongs. Als wir etwas verunsichert in einem der Häuser nachfragen, bedeutet man uns, das wir das Ziel erreicht hätten, eben dies sei der gesuchte Ort. Ein Bett sei allerdings nicht frei. Dennoch weist man uns nicht ab, sondern ist höchst bemüht, uns anderweitig unterzubringen. Man fragt bei Verwandten in der Nachbarschaft nach. Von dort kommt der Dolmetscher, ein großer älterer Engländer im Sarong, weißhaarig, hager, mit mächtigem weißem Bart und nacktem Oberkörper – George Bernard Shaw in Tropenausgabe. Er erklärt, dass wir die erste Nacht im Nachbarkampong schlafen können. Dann werde ein Bungalow frei.

Wieder einmal vertreiben wir einen dienstbaren Kostgänger. Der alte Engländer – er gehört offenbar zum Inventar des Hauses – räumt sein eigenes Zimmer. Wir bekommen zwei Doppelzimmer am Rande des riesigen Hauptraumes, abgetrennt von diesem durch eine jener Wände, die nicht bis an die Decke gehen. Man legt großen Wert auf Sauberkeit. Den blitzsauberen Hauptraum dürfen wir nicht mit Schuhen betreten. Er ist etwa hundert Quadratmeter groß, spärlich möbliert, aber mit einem Fernseher und dazugehöriger Sitzgruppe ausgestattet. So wohnen wir denn einmal in einem Kampong, dem einstöckigen auf Pfählen stehenden traditionellen Holzgebäude, und im wahrsten Sinne des Wortes unter einem Dach mit einer malayischen Familie. Die Kinder fühlen sich sofort zu Hause. Sie springen um den Kampong herum und kümmern sich um eine junge Ziege, die eine Verletzung am Fuß hat.

Wir werden weiter in die Regeln von Cherating eingeführt. Die Verpflegung – man bietet Halbpension – erfolgt im benachbarten Kampong. Dort hat man für die Travellers einen Verschlag mit langen Tischen angebaut, in den man uns hineinbittet. Sogleich bietet man uns Tee und Bisquits, gebackene Hörnchen mit Fleischfüllung und Bananen in unbegrenzter Menge an, ein ständiger und kostenloser Service, der praktisch auf Vollpension hinausläuft. Mit stetem Lächeln und aufmunternder Freundlichkeit werden wir geradezu genötigt, ordentlich zuzupacken. Jeder Biss scheint den Wirtsleuten ein persönliches Vergnügen zu bereiten – ein erstaunlicher Mangel an gastronomischer Professionalität, wenn man bedenkt, dass die Häufung von Reisenden, wie hier, in der Regel regelmäßig den gegenteiligen Effekt erzeugt.

Wir begeben uns zum Strand. Er liegt nicht etwa vor der Haustür, wie man angesichts der "Berühmtheit " von Cherating erwarten könnte. Zuerst ist ein sumpfiger Kokospalmenwald zu durchqueren, in dem einige verlassene und verkommene Kampongs stehen. Der Sumpf resultiert aus den Abwässern der Kampongs, die direkt in den Sand abgelassen werden. In Bodenvertiefungen treten sie wieder an die Oberfläche. Manchmal bilden sie Tümpel, in denen eine große Zahl kleiner springender Fische lebt. Als wir uns nähern, erheben sie sich in einer großen Wolke und fliehen davon.

Der Strand ist wenig spektakulär, eine lange flache Bucht, die auf der einen Seite in niedrige Felsen übergeht. Vermutlich sind solche Buchten an dieser Küste zuhauf zu finden. Unmittelbar am Strand sind eine kleine, ausgestorbene Ferienkolonie aus winzigen Häuschen und ein Restaurant mit lauter Musik aber keinen Gästen. Überhaupt ist so gut wie kein Betrieb – off season Stimmung. Warum gerade Cherating? Die Lage ist es auch nicht. Wahrscheinlich ist es "nur" ein gut propagierter Familienbetrieb zur Bewirtung von Travellers.

Das Meer ist flach. Um untertauchen zu können, muss man eine längere Wanderung zurücklegen. Wir baden in den milden Wellen und spielen mit den Kindern Fangen im Wasser. Eine kleine Felsenbucht dient als Heimathafen.

Abends ist allgemeines Treffen im Verschlag. Zirka 20 bis 30 Travellers, meist junge Leute, finden sich ein. Reisende mit kleinen Kindern hat man hier noch nie gesehen, daher einige Verwunderung und Fragen. Man speist gemeinsam. Das Mahl ist opulent und reichlich, Grundton malayisch. Bei uns sitzt zunächst ein Paar aus Australien, das nicht eben vor Temperament sprüht. Die Unterhaltung ist stockend. Aufregendstes Thema ist – aus der Sicht des weiblichen Teiles des Paares – die Tatsache, dass Australiens bekanntester Song und gewissermaßen die inoffizielle Nationalhymne, "Waltzing Mathilde", vom Komponisten ins Ausland verkauft wurde – die Bedeutung des Ereignisses lässt sich erst ermessen, wenn man sich vorstellt, "Hänschen Klein" würde an einen japanischen Mischkonzern verkauft.

Ein junger Deutscher berichtet von Hakenwürmern, die er sich beim Barfusslaufen – auf Tioman, wie er meint – zugezogen habe. Jetzt muss er am Tag 20 verschiedene Tabletten schlucken, um die kleinen Tiere daran zu hindern, durch die Blutbahn ins Gehirn vorzudringen, wo sie offenbar einiges Unheil anrichten können. Sie sollen sich insbesondere in der Nähe von offenen Toiletten aufhalten. Nachdenklich betrachten wir danach unsere eigenen Füße und rekonstruieren unsere Toilettenbesuche. Wir meinen, immer Schuhe getragen zu haben. Dott ging gerne barfuss, hoffentlich nicht auch auf die Toilette.

Der Rest des Abends ist zu einem erheblichen Teil mit dem Versuch ausgefüllt, die Kinder vom malaysichen Fernsehen weg und ins Bett zu bekommen. Die Erfinder des Kampong haben nicht mit den modernen Medien gerechnet. So nimmt man, da die Wände nicht bis zur Decke gehen, im Schlafzimmer am Fernsehgeschehen im Hauptraum teil.

Man lädt uns ein, mit vor dem Fernseher Platz zu nehmen. Es läuft ein amerikanischer Film mit Untertitel – Weltkultur im Kampong. Amerika beherrscht überhaupt den Bildschirm. In den malaysichen Tageszeitungen werden die neuesten Episoden der Endlosserie "Denver Clan" regelmäßig in großer Aufmachung besprochen. Die Nation leidet mit Christel und Blake. Wie lange wird sich die weiche malayische Seele halten gegen die permanenten Attacken einer Alexis auf Takt und Scham?

In unserem Kampong ist die europäische und asiatische Seele vorerst noch harmonisch vereint. Die Herrin des Hauses, eine freundliche Malayin mittleren Alters, liegt neben dem Riesen aus England, der sie gelegentlich streichelt, auf dem Sofa. Er selbst hat den Sanftmut der Malayen angenommen. Sein ganzes Wesen ist Abgeklärtheit und Weichheit, allerdings von der bewussten und gewollten Art, die einem Europäer wohl allein möglich ist. Peinlich achtet er darauf, dass die Regeln eingehalten werden, vielleicht zu peinlich. Nach dem Waschen – draußen unter der Himmelsdusche – habe ich vergessen, meine Schuhe auszuziehen. Sofort ergreift er vorwurfsvoll schweigend den Besen und kehrt mir nach. Schmutz war wohl kaum wegzukehren, aber der Regelverstoß.

Die Nacht ist heiß und unruhig. In unserem Zimmer steht die Luft. Es fehlt ein Ventilator. Dennoch hat man uns gebeten, das Fenster nicht zu öffnen – aus Angst vor nächtlichen Einsteigern. Die asiatische Seele denkt dabei vermutlich nicht nur an menschliche Störenfriede. Wir halten uns an die Regeln und bringen den malayischen Nachtgeistern ein schweißnasses Opfer dar. Draußen auf der nahen Landstraße donnern die ganze Nacht zahllose Lastwagen entlang. Sie transportieren abgeholzte Urwaldriesen, meterdicke Stämme, aus deren Holz die Vertäferung irgendeiner Chefetage in Amerika, Japan oder Europa gefertigt werden wird. Auch die Geister der westlichen Welt verlangen ihr nächtliches Opfer.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

1872 Georges Bizet (1838 – 1875) Arlésienne-Suiten 1 und 2

Bizet ist in allem ein Gewächs der Stadt Paris. Mit Ausnahme von zwei Reisen verbrachte er sein ganzes Leben in der französischen Metropole. Als Künstler allerdings sollte er die Stadt immer wieder verlassen. Dies war auch bei seiner Arlésienne-Musik der Fall, die ihn in die Provence führte.

Bizet zeigte früh eine besondere musikalische Begabung, weswegen ihn seine Eltern, die beide Musiker waren, schon mit dem Erreichen des Mindestalters von 10 Jahren auf das Konservatorium schickten. Dort wurde er mit führenden Figuren der Pariser Musikszene wie Berlioz, Gounod und Halevy aber auch Rossini bekannt, die ihn nach Kräften förderten. Im Alter von 19 Jahren erhielt er das begehrte staatliche Stipendium des „Prix de Rome“, welches der Grundstein für viele französische Künstlerkarrieren war. Dieses war eine der beiden Gelegenheiten, bei denen er Paris verließ.

Das Pariser Musikleben drehte sich im 19. Jh. vor allem um Bühnenmusik. Es spielte sich unter der Führung einiger rühriger Impressarios weitgehend im Dreieck der großen musiktheatralischen Institutionen Opéra, Théatre Lyrique und Opéra-Comique ab, die sich mit spektakulären Aufführungen und Neuerscheinungen gegenseitig zu überbieten versuchten. Komponisten aus ganz Europa versuchten hier Fuß zu fassen. So ist es kein Wunder, dass es auch Bizet zur der Bühne zog, auf der sich die großen Dramen der Kunstwelt vollzogen. In seinem kurzen Leben hat er denn auch nicht weniger als 12 musikalische Bühnenwerke komponiert, darunter mit der Oper „Carmen“ das erfolgreichste musiktheatralische Werk der Klassik überhaupt.

Im weiteren Sinne ein Bühnenwerk ist auch Bizets Arlésienne-Musik, die nach den Glanznummern aus „Carmen“ seine bekannteste Komposition ist. Dabei handelt es sich um Musikeinlagen zu einem Schauspiel des provencalischen Schriftstellers Alfonse Daudet. Dieser war zunächst als Erzähler in Erscheinung getreten, suchte aber ebenfalls den Erfolg auf der Bühne. Nachdem Daudet mit reinen Theaterstücken wenig Erfolg hatte, versuchte er es mit der Kombination von Musik und Schauspiel nach Art eines Vaudeville, einem „Theatergenre zur kommerziellen Unterhaltung eines subbürgerlichen Publikums“, zu dem Musikeinlagen gehörten. Unter dem Titel L`Arlésienne dramatisierte er hierfür eine beliebte, nur wenige Seiten lange melodramatische Episode aus seinem Werk „Briefe aus meiner Mühle“, die im bäuerlichen Milieu der Provence spielt.

Den Auftrag hierzu hatte er von Léon Carvalho erhalten, der seinerzeit dem Théatre de Vaudeville vorstand. Der notorische Impressario hat in seiner Karriere die ganze Dramatik des Theaterlebens erfahren – angefangen vom Bankrott des Théatre Lyrique über bedeutende Uraufführungen in der Opéra-Comique – so „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach und Massenets „Manon“ -  bis hin zum verheerenden Brand dieses Theaters mit über 100 Toten einschließlich einer entsprechenden Anklage, Freispruch in zweiter Instanz und Wiedereinsetzung in seine Funktionen. Carvalho bediente mit Vorliebe das Bedürfnis der Hauptstädter nach Exotik. Da dem Publikum der Weltstadt bereits die Provence exotisch erschien, witterte er bei Daudets Stoff Bühnenwirksamkeit. Mit der Musik zu dem Schauspiel beauftragte er Bizet, den er als ausgewiesenen Exotiker kannte. Dieser hatte für ihn und das Théatre Lyrique schon seine in fremdländischem Ambiente angesiedelten Opern „Die Perlenfischer“ (Ceylon), „La jolie fille de Perth“ (Schottland) und „Ivan IV“ (Altrussland) komponiert (letztere kam übrigens nie auf den Spielplan, sondern wurde erst während der deutschen Besatzung von Paris im zweiten Weltkrieg von einem Schwaben, dem Studienrat Dr. Hartmann aus Horb am Neckar wieder entdeckt; er führte sie 1946 auszugsweise an einem so „exotischen“ Ort wie Schloss Mühren bei Horb mit Klavierbegleitung auf).

Bizet war für Carvalho nicht zuletzt deswegen der geeignete Mann für die provencalische Thematik, weil dieser ihm begeistert von seinen Erlebnissen in Südfrankreich berichtet hatte, das er auf dem Weg zum Antritt seines Romstipendiums bereist hatte. Schon damals hatte Bizet an seine Eltern geschrieben:  „Es ist malerisch, imposant, und ein Künstler muss einfach davon profitieren.“ Die Wirkung war fünfzehn Jahre später noch nicht verflogen. Bizet ging mit großer Ernsthaftigkeit an die eher periphere Aufgabe und schrieb für die drei Akte des Schauspiels insgesamt 27 kurze höchst charakteristische Stücke. Dabei verwendete er auch provencalische Melodien. Neben dem mehrfach variierten markanten Thema aus dem Vorspiel, das so etwas wie das Markenzeichen der Arlésienne-Musik wurde, ist dies in der „Farandole“ und in „Er dou Guet“ der Fall.

„L´Arlésienne“ ist ähnlich wie Carmen ein Eifersuchtsdrama. In beiden Fällen ist die weibliche Hauptfigur eine femme fatale, die einen einfachen und rechtschaffenen Mann in die Verzweiflung und zur Zerstörung seines Lebens treibt. Die Frau aus der Stadt Arles tritt in dem Stück allerdings nie auf, sondern hängt nur wie ein drohend unbestimmtes Schicksal über der ländlichen Familie. Die entfesselten Gefühle und Zwiespältigkeiten des Geschehens hat Bizet in kongenialer Weise in Musik gefasst.

Eine Besonderheit der Komposition, die ursprünglich für ein Ensemble von nur 26 Instrumenten, darunter 5 Celli und nur eine Bratsche geschrieben war, ist die Verwendung des Saxophons. Das Instrument, das der belgische  Instrumentenbauer Sax rund vier Jahrzehnte zuvor erfunden hatte, war bis dato nur in der Militärmusik etabliert. Im Schauspiel dient es zur Charakterisierung der Figur des „Innocent“, des geistig zurückgebliebenen, zugleich aber merkwürdig hellsichtigen Bruders der männlichen Hauptperson, der, wiewohl in einer Nebenrolle, die heimliche Schlüsselfigur der  psychologisierenden Handlung ist.

Anders als von Daudet erhofft, war dem Schauspiel, das am 1. Oktober 1872 erstmals über die Bühne des Théatre de Vaudeville ging, kein Erfolg beschieden. Es verschwand nach nur elf Aufführungen in der Theaterversenkung mit der Folge, dass Daudet nie wieder etwas für die Bühne schrieb. Nicht in Vergessenheit geriet aber Bizets Musik, der eigentlich nur eine Nebenrolle zugedacht war. Schon vier Wochen nach der Uraufführung führte Jules Pasdeloup,  ein anderer der großen Pariser Impressarios und bedeutender germanophiler Dirigent, im Circe d`Hiver mit großem Erfolg die erste Arlésienne-Suite auf, die der Komponist selbst zusammengestellt und für großes Orchester neu instrumentiert hatte. Nicht einmal 3 Jahre später sollte Pasdeloup Teile daraus bei der Beerdigung Bizets spielen, der im Alter von 36 Jahren starb, nachdem er auf eine letzte imaginierte Reise nach Südspanien gegangen war, die ihm posthum Weltruhm einbringen sollte.

Die zweite Arlésienne-Suite fertigte später Ernest Giraud, Bizets Studienfreund, gemeinsamer Rompreisträger und Kollege in Sachen Bühnenmusik. Neben weiteren Teilen der Schauspielmusik verwendete er auch Material aus „La jolie fille de Perth“.

Weitere Texte zu Werken Bizets und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1877 Peter Tschaikowski (1840 – 1893) Symphonie Nr. 4 f-moll

Tschaikowskis 4. Symphonie trägt die Widmung „Für meinen besten Freund“. Bei Tschaikowski, der bekanntlich homoerotisch veranlagt war, dies aber unter den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen auf keinen Fall öffentlich werden lassen durfte, könnte man bei einer derart auffällig unbestimmten Widmung vermuten, dass damit ein Mann gemeint sei, den er nicht kompromittieren wollte. Tatsächlich handelte es sich aber um eine Frau. Über fast eineinhalb Jahrzehnte unterhielt Tschaikowski zu dieser Frau eine Beziehung, wie man sie mit einem besten Freund haben könnte.

Bei der Frau handelte es sich um Nadeshda von Meck. Als die Mutter von achtzehn Kindern, von denen elf erwachsen wurden, Ende 1876 mit einem Kompositionsauftrag erstmals Kontakt zu dem Komponisten suchte, war sie 45 Jahre alt und hatte gerade ihren Mann, einen reich gewordenen Eisenbahnunternehmer verloren. In der Folge sollte sich zwischen ihr und Tschaikowski eine der merkwürdigsten Romanzen der Kulturgeschichte entwickeln. Die beiden verkehrten ausschließlich in der virtuellen Welt der Briefe, von denen sie in den vierzehn Jahren ihrer Beziehung insgesamt rund 1200, im Durchschnitt also einen alle vier Tage wechselten. In dieser Sphäre schriftlicher Selbstdarstellung ließen sie ihren Gedanken und Gefühlen außerordentlich freien Lauf. Aus der ohne Zweifel begründeten Befürchtung, die Wirklichkeit könne demgegenüber enttäuschend sein, achteten sie sorgfältig darauf, dass sie sich nie persönlich begegneten, suchten aber, was die Spannung durch Quasi-Intimität erhöhte, immer wieder auch die Nähe, etwa durch den gleichzeitigen Aufenthalt am selben Urlaubsort. Die Beziehung zu Frau von Meck war für Tschaikowski und damit für die Musikgeschichte schon deswegen von großer Bedeutung, weil sie ihn finanziell unterstützte, ab 1878 sogar so großzügig, dass er seine aufreibende Tätigkeit als Lehrer am Moskauer Konservatorium aufgeben und sich ganz der Komposition widmen konnte. Darüber hinaus ist das Verhältnis für die Nachwelt auch deshalb wichtig, weil der Briefwechsel, auch wenn darin seitens Tschaikowski manches stilisiert gewesen und der Bestätigung der Erwartungen einer Gönnerin gedient haben sollte, tiefe Einblicke in die Gedanken und Seelenwelt des Menschen und Komponisten aber auch des Zeitgenossen Tschaikowski ermöglicht. Denn wie kaum einer anderen Person offenbarte er Frau von Meck auch sein künstlerisches Selbstverständnis und teilte ihr Einzelheiten seines Schaffensprozesses mit. Dies gilt in besonderem Maße im Falle der 4. Symphonie, von der er im Verhältnis zur Nadeshda von Meck als „unserer Symphonie“ sprach.

Die Komposition des Werkes, die Tschaikowski im Winter 1876/77 begann, fiel in die Anfangszeit der Beziehung zu Frau von Meck, eine Zeit, in der Tschaikowski mit massiven Problemen zu kämpfen hatte. Nicht nur, dass er erhebliche finanzielle Schwierigkeiten hatte, weswegen er sich im Mai 1877 genötigt sah, Frau von Meck, die ihn durch überhöhte Zahlungen ihrer Kompositionsaufträge ohnehin schon unterstützte, um ein größeres Darlehen zu bitten (bei dieser Gelegenheit bot er ihr auch die Widmung der Symphonie an). Er befürchtete seinerzeit vor allem, dass seine homoerotische Veranlagung publik werden könnte. Wohl um die bereits umlaufenden Gerüchte zu entkräften, hatte er sich in der zweiten Jahreshälfte 1876 entschlossen, zu „heiraten, wen es auch sei“. Im Juli 1877 hatte er sich schließlich in eine Ehe mit einer Frau gestürzt, die er kaum kannte. Das Manöver endete nach wenigen Wochen im psychischen Desaster und einer „leidenschaftlichen Sehnsucht nach dem Tode.“ Am Ende flüchtete Tschaikowski, seine Frau verlassend, für sieben Monate nach Westeuropa. Dort zur Ruhe gekommen konnte er die Arbeit an der Symphonie, die längere Zeit unterbrochen war, im Herbst 1877 abschließen. Mit ihr und der Oper „Eugen Onegin“, an der er gleichzeitig arbeitete, sollte er seinen Weltruhm begründen.

Über all diese Turbulenzen hat Tschaikowski mit Nadeshda von Meck im Laufe des Jahres 1877 ausführlich korrespondiert. Als sie ihn nach der Uraufführung der Symphonie, die am 10. Februar 1878 in seiner Abwesenheit in Moskau stattfand, fragte, ob dem Werk ein „Programm“ zu Grunde liege, gab er ihr und nur ihr, wie er betonte, dann eine nachträgliche Deutung im Lichte dieses annus horribilis. Diese Auslegung hat seitdem die Sicht auf die Komposition weitgehend bestimmt.

Das Samenkorn des Werkes, aus dem alles wachse, so schreibt er am 17. Februar 1878 aus Florenz, wo er noch immer „auf der Flucht“ ist, sei das Fanfarenmotiv der Einleitung. Es stehe für das „Fatum, die verhängnisvollen Macht, die unser Streben nach Glück verhindert und eifersüchtig darüber wacht, dass Glück und Frieden nie vollkommen werden, eine Macht, die wie ein Damoklesschwert über unserem Haupte hängt und unsere Seele unentwegt vergiftet.“ In einem Brief an seinen Bruder Modest hat er sich hierüber deutlicher in dem Sinne geäußert, dass damit die ständige Angst vor der Zerstörung seiner gesellschaftlichen Stellung angesichts seiner Veranlagung gemeint sei. Vor der Bedrohung, so fährt Tschaikowski gegenüber Frau v. Meck fort, flüchte sich der Mensch in Träume, die ihm das Glück vorgaukeln. Doch letztlich sei „das Leben nur ein unaufhörlicher Wechsel von düsterer Wirklichkeit und flüchtigen Träumen.“ Dies, so Tschaikowski,  sei „in etwa“ das Programm des ersten Satzes, der nach Länge, Gewicht und kompositionstechnischem Aufwand das Kernstück der Symphonie ist. Für die Deutung des zweiten Satzes imaginiert Tschaikowski eine Person, die das Leben, welches sie müde gemacht hat, vor sich Revue passieren lässt. „Traurig ist es und doch süß“, so resümiert er, „sich in die Vergangenheit zu verlieren …“ Im dritten Satz kommen, so Tschaikowski, keine besonderen Gefühle zum Ausdruck. Es seien launige Arabesken und flüchtige Bilder, die einem etwa im leichten Weinrausch oder beim Einschlummern durch den Kopf ziehen, „unverständlich, bizarr und zerrissen“. Das besondere dieses Satzes ist, dass die Streicher hier ausschließlich Pizzicato spielen. In vierten Satz schließlich sucht der in sich selbst gefangene Mensch, ähnlich wie Faust beim Osterspaziergang, den Ausweg, indem er sich unter das Volk mischt. Der Satz beginne mit dem „Bild eines Volksfestes an einem Feiertage“. Doch auch hier melde sich das Fatum. Am Ende aber zeige dem bedrohten Mensch die Art wie das Volk sich freue und glücklich sei: „Es gibt doch noch einfache und unwüchsige Freude – Du kannst noch leben!“

Tschaikowski hat natürlich gewusst, dass eine derart eindeutige Interpretation seines und überhaupt eines Musikwerkes dieser Art kaum möglich ist. Deswegen schickte er seiner Deutung im gleichen Brief nicht nur eine ausführliche Schilderung der Eigengesetzlichkeit (und Rauschhaftigkeit) des Schaffensprozesses voraus, sondern relativierte seine Auslegung auch gleich wieder. Beim nochmaligen Durchlesen, so schrieb er, sei er erschreckt, ob der Unvollständigkeit und Unklarheit des Programms, das er entworfen habe. „Zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich Gelegenheit gehabt, meine musikalischen Ideen und Gestalten in Worte zu kleiden und in Sätze zu fassen. Diese Aufgabe habe ich aber nur sehr schlecht gelöst.“ Das erste sollte denn auch das letzte Mal bleiben, dass Tschaikowski sich auf das Unterfangen einer derartigen Selbstinterpretation einließ.

Wiewohl in Tschaikowski 4. Symphonie ohne Zweifel Persönliches und Musikalisches im Sinne eines Bekenntnisses untrennbar miteinander verbunden ist , kann die geschilderte Interpretation wohl nur auf dem Hintergrund seiner Beziehung zu Nadeshda von Meck verstanden werden. Gegenüber seinem Schüler Tanejew äußerte er sich nur wenige Wochen später denn auch ganz anders. Auf dessen „Vorwurf“, die Symphonie klinge nach Programmmusik, antwortete Tschaikowski in einem ausführlichen „Verteidigungsbrief“ vom 8. 4. 1878, das Werk habe natürlich ein Programm, aber keines „das man in bloße Worte fassen könne“. Ein solches „würde komisch wirken und ganz gewiss ausgelacht werden.“ Er könne es sich aber andererseits „absolut nicht wünschen, dass aus meiner Feder jemals symphonische Werke entstehen könnten, welche nichts auszudrücken hätten und bloße Akkorde und Harmonien sowie Rhythmen- und Modulationsspiel bedeuten würden.“ Die Musik solle vielmehr „alles  ausdrücken, wofür es keine Worte gibt und geben kann, was aber doch aus dem menschlichen Herzen herausdrängt und ausgesprochen werden will.“ Dem Musiker Tanejew bietet Tschaikowski dann eine eher musikhistorische Deutung seiner Symphonie an. „Glauben sie ja nicht, dass ich jetzt vor ihnen mit tiefen Gefühlen oder großen Gedanken prahlen wollte. Ich hatte durchaus nicht das Bestreben, in diesem Werk neue Ideen auszusprechen. Im Grunde genommen ist nämlich meine Symphonie eine Nachahmung der 5. Symphonie Beethovens, das heißt ich habe nicht ihren musikalischen Inhalt nachgeahmt, sondern nur ihre musikalische Grundidee entlehnt.“ Und Beethovens Symphonie habe nicht etwa nur „irgendein Programm, es kann vielmehr nicht die geringste Meinungsverschiedenheit darüber bestehen, was sie eigentlich ausdrücken will.“

Weitere Texte zu Werken Tschaikowskis und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 7

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

26.3.1985

Am Morgen klagen die Kinder über allzu große Naturnähe. Ameisen haben die Hütte heimgesucht und eine unruhige Nacht beschert.

Es heißt Abschied nehmen. Unser Abgang aus dem Paradies ähnelt dem von Adam und Eva – er findet unter Druck, Zeitdruck statt. In uninsularer Eile hetzen wir in der Frühe zu Nazri’s Strand zurück, von wo es – von wo sonst? – zum Festland geht. Unsere Seelenlage entspricht dem Zustand jener großen Kokospalme am Wegesrand, die über Nacht umgestürzt ist und nun mit ihrer prächtigen Krone im Wasser liegt.

Das Boot liegt schon „auf“ dem Strand. Wir haben gerade noch Zeit, unser Gepäck von den Polen zu holen und hineinzuklettern. Good bye Tioman, good bye deinen Stränden, Korallen, Dschungelbächen, tiefsinnigen Gesprächen, good bye der Palmenidylle, dem Dschungel, dem Tropenkonzert – good bye paradise.

Mit auf dem Boot sind Dott und John. Die Kinder finden bald weitere Bekannte, ein paar Deutsche, die sie auf der Insel kennen gelernt haben. Stolz betrachten wir im Vorbeifahren noch einmal „unsere“ Dschungelwand. Viel zu sehen ist leider nicht. Der obere Teil ist, ebenso wie die Berge im Innern der Insel, von dunklen Wolken eingehüllt. Dafür liegt sehenswerte „Landschaft“ diesmal über dem Meer. Hier türmen sich mächtige Wolkengebirge.

Ich habe einen abgasfreien Platz auf dem wenige Quadratmeter großen Dach des Bootes gefunden. Ein kühler Regenschauer zwingt mich allerdings kurzfristig, darunter Schutz zu suchen. Nachbar auf meiner luftigen Terrasse ist ein Engländer. Er ist Soldat, Ausbilder eines in Hongkong stationierten Gurkaregiments, das er zur Zeit in den Wäldern Malaysias in Überlebenstechnik und Dschungelkampf trainiert – Gelegenheit also nach den gesammelten eigenen Erfahrungen, den Fachmann „sachkundig“ zu befragen. Er berichtet, dass das Leben im Dschungel keinesfalls besonders schwierig sei. Es sei zwar recht feucht, wegen des allgegenwärtigen Schattens sei es aber nicht übermäßig heiß. Von der Tierwelt drohe praktisch keine Gefahr. Die meisten Tiere, insbesondere die Schlangen, verzögen sich aufgeschreckt durch die Bodenerschütterungen, die der Mensch verursacht, schon lange, bevor sie in Sichtweite kämen. Man bekomme daher allenfalls einmal eine Wasserschlange zu Gesicht, da diese die Erschütterungen im Wasser nicht spüren könne. Wasserschlangen seien aber völlig harmlos. Nachts könne man sich gegen versehentliche Kontakte mit gefährlichen Tieren schützen, indem man um sich einen Kreis aus Zweigen eines bestimmten Baumes lege. Die starken Ausdünstungen dieser Pflanze hielten jegliches Getier fern. Allerdings verursachten sie bei manchen Menschen schwere Allergien.

Das südchinesische Meer ist an diesem Tage eher pazifisch gestimmt. Die Meerfahrt ist ein einziges Vergnügen. Es gibt keine bleichen Gesichter und keine danieder gestreckten Traveller. Die Kinder turnen auf dem kleinen Boot herum und unterhalten die Reisenden. Als die kleinen Inseln vor der Küste in Sicht kommen, wissen wir, dass wir auch von Piraten verschont geblieben sind. Angeblich sollen die Piraten, die ihr Unwesen im nördlichen Teil des südchinesischen Meeres treiben und dort insbesondere die Vietnamflüchtlinge überfallen, mit ihren Schnellbooten gelegentlich auch in diesen Breiten auftauchen. Mit einer gewissen Erleichterung fahren wir daher in den geschäftigen Fluss ein, in dem es von Seelenverkäufern nur so wimmelt. Teilweise sind fünf Boote seitlich aneinander geparkt. Bald haben wir wieder festes Land unter den Füßen.

In der Mittagshitze ist zunächst der Weg in die Innenstadt von Mersing zu bewältigen. Dort beginnt unter Beteiligung der einheimischen Bevölkerung ein großes Palaver über die weiteren Verkehrsverbindungen. Gibt es einen Bus nach Norden, fährt er noch am gleichen Tag, nachmittags, abends? Jeder hat andere Informationen. Es gilt Abschied von den Travellers zu nehmen, von Dott vor allem und John.

Wir lassen uns zunächst einmal in einem Restaurant nieder, genießen eine heiße chinesische Suppe und feiern anschließend ein wahres Ananasfest. Von dort gehe ich mit Sassi auf die Suche nach einer Busstation. In den Läden, in denen wir Informationen zu erhalten versuchen – Geschäftsleute können in der Regel am besten Englisch – gibt es alles, von der Zange über Töpfe bis zu jungen Enten. Dicht gedrängt piepsen letztere in einem flachen Korb, der am Boden steht. Sassi fragt gleich nach dem Preis, der nach unseren Maßstäben verschwindend ist. Er ist fest entschlossen, eines der kuscheligen Tierchen  zu kaufen, notfalls von seinem Taschengeld. Nur mit Mühe gelingt es mir, ihn davon zu überzeugen, dass Enten keine besonders guten Reisebegleiter sind.

Entgegen allen Befürchtungen bekomme ich in einem Restaurant Tickets für einen Bus, der noch am gleichen Tag fahren soll. Einen genauen Zeitpunkt für die Abfahrt kann man zwar nicht sagen, wir sollen im Vorraum des Restaurants warten, bis er kommt. Also warten wir mit einigen Einheimischen, in jedes mögliche Schicksal ergeben.

Allzu lange lässt der Bus dann nicht einmal auf sich warten. Überraschenderweise weist er sogar einen beachtlichen zivilisatorischen Komfort auf – getönte Scheiben und eine Klimaanlage. Kann man sich gegen solche Annehmlichkeiten wehren? Tioman und das Paradies sind schon weit weg, jetzt stellen sich andere Probleme!

Erste Busfahrt in Malaysia. Unser Ziel ist zunächst einmal Kuantan, 250 Kilometer weiter nördlich. Das Küstengebiet, durch das die Straße führt, ist ziemlich dicht besiedelt. Überall finden sich, wie üblich unzusammenhängende, Kampongs. Nur selten gewinnt man den Eindruck einer geschlossenen Ortschaft. Die Malayen müssen einen gewissen Hang zur Absonderung haben. Es wäre interessant, zu wissen, was die sozialen Voraussetzungen dieser verstreuten Siedlungsform sind und welche Besonderheiten des gesellschaftlichen Lebens sie erzeugt haben.

Malerisch, wie man nach den Beschreibungen insbesondere regierungsamtlicher Provenienz erwarten konnte, ist die flache Küstenlandschaft nicht. Irgendwo weit außerhalb einer mittelgroßen Stadt machen wir 20 Minuten Rast auf einem größeren Asphaltfleck. Da man nichts weiter tun kann, füttern wir ein paar frei umherlaufende Ziegen mit Bananenschalen.

Gegen Abend erreichen wir Kuantan bei leichtem Regen. Ein Hotel ist bald gefunden. Wir wohnen, unseren Gepflogenheiten entsprechend, altchinesich, das heißt in einem weitläufigen Gebäude, das an einer lauten Straße liegt, nach allen Seiten offen ist, Zimmerwände hat, die nicht bis an die Decke gehen und leicht verstaubt ist. Wir sind die einzigen „Weißen“ im Hotel. Schon als wir nach einem Zimmer fragten, hat man uns erstaunt angeschaut.

Nach Abschluss der Duschzeremonien gibt es etwas zu Essen in der Bäckerei, die zum Hotel gehört. Auf unsere Frage nach einem Getränk empfiehlt man uns, Teebeutel zu kaufen und im Hotel heißes Wasser zu bestellen. Das sei wesentlich billiger, als draußen in einem Restaurant Tee zu trinken – irgendwie praktisch diese Chinesen.

Kleiner Rundgang durch die umliegenden Geschäftsstraßen, die Kinder toben noch etwas in den weitläufigen und verschachtelten Gängen des Hotels bis sie bettreif sind.

Wir machen einen weiteren Spaziergang durch die Stadt. Eine Straßengarküche lockt mit einem Pfannengericht. Der junge Koch gibt sich für uns besondere Mühe und zaubert, assistiert von seiner stolzen Mutter, mit artistischer Fingerfertigkeit aus allerlei Zutaten einen höchst schmackhaften Imbiss. Die Freude an seiner Tätigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Ein Supermarkt ist noch geöffnet. Es gibt alles, was die Malaysier dringend benötigen: Honig aus Australien, Mineralwasser aus Frankreich, Popcorn aus Amerika. Ein Zentrum abendlichen Lebens können wir nicht finden, daher gehen wir früh zu Bett.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 6

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25.3.1985

Am Morgen liegt das Schulboot am Landungssteg. Es bringt die Kinder von Guara für 14 Tage in ihre Schulquartiere auf der Hauptseite der Insel. Dort wohnen sie bei Verwandten und Bekannten. Die Kinder warten, sauber herausgeputzt, mit ihren besorgten Müttern am Pier auf die Abfahrt des Bootes. Allerlei Gepäck und Verpflegung muss untergebracht werden. Zwischen Bergen von Kokosnüssen und sonstiger Last sitzen die Kinder auf dem offenen Deck. Judi und die beiden Kleinen entschließen sich, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem Schiff zurückzufahren. Sie gesellen sich zu den zierlichen Malayenkindern, unter denen sie wie Riesen aussehen.

Die wahren Dschungelenthusiasten wählen den Fußweg – schon eingedenk der hohen Wellen, in denen wir gestern gebadet hatten. Auch hatten wir die Dschungelfotos wegen der schlechten Lichtverhältnisse im Wald noch zurückgestellt. Sie mussten unbedingt nachgeholt werden. Das Boot – es ist von der üblichen Bauart – schaukelt aus der Bucht. Dott, die eigentlich mitfahren wollte, hat es verpasst, weil es früher abgefahren ist als geplant – auch das gibt es in Asien. Es sollte allerdings ihr Glück sein. Kurze Zeit später erscheint nämlich John und sucht – nicht ganz unbesorgt – seine eskapatistische Gemahlin, wozu er sich offensichtlich schon in aller Frühe auf die Beine gemacht hat.

Nach einem letzten Wellenbad machen Cinqui und ich sich ebenfalls auf den Rückweg. Wir durchqueren wieder die flache Bucht mit ihren Kokospalmen. Natürlich holen wir uns eine letzte Abkühlung in „unserem“ Fluss am Ende der Bucht. Es folgt der lang ansteigende Weg ohne Schatten. Die Sonne steht im Zenit. Schon bald sehnen wir uns wieder nach Wasser. Da der Weg weit oberhalb der Täler verläuft, ist Wasser auf dieser Seite des Aufstiegs rar. Später können wir es zwar hören, finden jedoch keinen Zugang. Endlich kommt der Dschungelpool. Er besteht aus einem kreisrunden Loch von etwa sieben Metern Durchmesser, ist zwei Meter tief und mit klarstem fließendem Wasser gefüllt. Wir nehmen darin ein ausgiebiges Bad.

Nach dieser Erfrischung ist der weitere Weg schon wesentlich angenehmer, zumal wir das schlimmste hinter uns haben und uns der Schattenzone nähern. Abseits des Weges entdecken wir das weich ausgewaschene Tal eines Wildbaches, der unter einem Gewirr von abgebrochenen Ästen und umgestützten Bäumen hindurchrauscht. Abenteuerliche Lianen spannen sich hier sogar quer über das Flussbett. Es folgt der steile Abstieg über Stock und Stein. Jetzt öffnen sich aufregende Blicke in die Tiefe, etwa entlang der Schneise, die ein gestürzter Urwaldriese irgendwann einmal geschlagen hat. Überhaupt ist es die Gemengelage von toter und lebender Natur, die einen so berührt, vielleicht, weil sie deutlich macht, wie einseitig unser Bild von der Natur ist. Es ist sehr von den „aufgeräumten“ Kulturlandschaften Europas geprägt. Mehrfach rasten wir am Rande eines kleinen Baches, kühlen uns die Füße und staunen.

Viel zu schnell ist alles wieder vorbei. Noch einmal eröffnen sich Ausblicke, von denen man das Ganze der durchstiegenen grünen Wand mit den hellen Stämmen der Riesen überblicken kann. Die Dorfmoschee ist erreicht, dann folgen Kulturlandschaft, Häuser und die flache Bucht. Es bleibt noch der heiße Gang zu Nazri’s, der uns sehr lang erscheint.

Vom Rest der Familie ist dort nichts zu sehen. Wir warten am Strand, gehen dann in Richtung ABC-Strand auf Suche. Von dort kommen uns Judi und die beiden Kleinen bereits entgegen. Sie berichten von einer grandiosen Fahrt entlang den unzugänglichen Steilküsten der Insel und von reichlich Seekrankheit bei den malayischen Schulkindern.

Nachdem der Hüttenbann in Guara gebrochen wurde, entschließen wir uns, tiefsitzenden Sehnsüchten folgend, die letzte Nacht im Paradies zu verbringen, wo es natürlich nur Hütten gibt. Damit emanzipieren wir uns endlich von Nazri, der uns jetzt wie der letzte Außenposten einer fragwürdig gewordenen westlichen Zivilisation erscheint. In der malerischen Kolonie am Rande des Paradiesbaches finden sich tatsächlich zwei passende Hütten. Die Kinder bestehen nicht einmal darauf, dass sie in unmittelbarer Nachbarschaft stehen.

Den Abend verbringen wir philosophierenderweise im Restaurant am ABC-Strand bei einer neuen Variation des Malayendinners, das die Köchin vermutlich für europäisch hält: Fisch, Reis mit Soße, Gemüse – diesmal mit Bananen. Die Weltprobleme loten wir mit einem holländischen Travellerspaar aus. Das Gespräch, das bis tief in die Nacht geht, wird eine Art Stoffsammlung zum Thema „Soziale Funktion der Religionen“, die einem Religionssoziologen, hätte er mitgeschrieben, monatelanges Literaturstudium erspart hätte. In tiefster Finsternis suchen wir mit Petroleumlampen unsere Hütte auf für eine Nacht am Rande des Dschungels, in dem ein Riesenorchester aus allem möglichen Kleingetier ein lautstarkes Konzert veranstaltet.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 5

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24.3.1985

Inselüberquerung. Wir stehen früh auf, um die Kühle des Morgens für den Aufstieg zu nutzen. Vom Gepäck nehmen wir nur das allernötigste mit, das heißt so viel wie nichts. Der Rest bleibt bei den Polen. Wir müssen zunächst nach Tekek, das sich als weitläufiges Dorf aus Kamponghäusern und ein paar Läden mit dürftigem Angebot erweist. Hier machen wir unsere letzten Einkäufe. Die Wegzehrung ist nicht gerade kulinarisch. Sie besteht im Wesentlichen aus ein paar jener trockenen Bisquits, die man überall in Asien zu kaufen bekommt.

Dann verlassen wir das bekannte Terrain. Eigentlich soll der Weg ganz einfach zu finden sein. Es hieß, dass es nur einen Weg durch das Innere der Insel gebe, den man somit kaum verpassen könne. Dennoch müssen wir schon bald nachfragen. Die Antwort der Einheimischen beschränkt sich im Wesentlichen darauf, in Richtung auf die steile, vom Dschungel überwucherte Bergwand zu zeigen, die hinter dem Ort aufsteigt. Auf diese Weise gelangen wir bis zur Moschee, die – erstaunlich groß – als letztes Gebäude über dem Dorf thront. Danach ist kein Mensch mehr anzutreffen.

Wir ziehen zunächst durch leicht hügeliges, dichtgrünes Land, auf dem Bananen und Kautschukbäume angebaut werden. Dann beginnt ein lockerer Wald. Schon bald verlieren wir die Orientierung und gehen statt bergauf in den dichteren Wald wieder hinunter in angebautes Gebiet. Der Weg wird immer undeutlicher. Schließlich erreicht er die Qualität jener Pfade, die bei gelegentlichem Umherstreunen im Gebüsch entstehen. Das kann unmöglich die Haupttraversale der ganzen Insel sein. Als wir schließlich in einer Pflanzung landen und der Weg einfach aufhört, verlangen die Kinder, denen die Sache ohnehin nicht geheuer ist, den Abbruch des Unternehmens. Wir müssen uns entschließen, einen Teilrückzug anzutreten.

Da erscheint, barfüssig und in kurzen Hosen, als dea ex silva Dott. Nach unserem gestrigen Gespräch, bei dem wir auch unseren Plan erwähnt hatten, die Insel zu überqueren, hat sie sich spontan entschlossen, uns zu folgen. John, den sie davon nicht überzeugen konnte – er wollte lieber malen – hat sie mit der Bitte zurückgelassen, sich keine Sorgen zu machen, wenn sie über Nacht wegbleibe. Allerdings kam sie zu spät bei Nazri an, wo sie sich uns anschließen wollte. So hat sie sich, mit einem Rucksack bewaffnet, alleine und wie gesagt barfuss auf den Weg durch den Dschungel gemacht.

Damit ist die Stimmung der Kinder gerettet. Wenn die alte Dame den Weg alleine wagt, kann es nur halb so schlimm sein. Hinzu kommt, dass wir den richtigen Weg wiederfinden. Er hat sich bei einer Abzweigung ganz im Bodengewächs versteckt und wird erst danach wieder als häufiger benutzter Pfad erkennbar. Dott, offensichtlich gewohnt, das Tempo zu bestimmen, übernimmt die Führung. Noch geübt von ihren Trecks im Himalaya, steigt sie flotten Schrittes den Berg hinauf. Schon bald fließt uns, nicht aber ihr, der Schweiß am ganzen Körper entlang.

Doch das Schauspiel dieses Dschungels lässt die Anstrengung vergessen. Er ist wie im Bilderbuch. Wir sind wirklich in der grünen Hölle. Zwanzig Jahre habe ich nach einem solchen Dschungel gesucht. Wie enttäuschend waren die Monsunwälder Indiens. Wie oft hatte man in Indonesien angesichts einer Häufung von Palmen geglaubt, im Dschungel zu sein. Es war jedoch immer nur eine überreiche Kulturlandschaft. Und wenn man dem wahren Dschungel einmal nah zu sein schien, saß man bestimmt in einem Bus oder Zug und konnte nicht aussteigen. Hier aber sind wir endlich mitten darin. Der Dschungel ist so wild und unberührt, wie er es vermutlich nur auf einer Insel sein kann, die mangels Straßen auch keine Holzwirtschaft kennt.

Majestätisch breiten die Baumriesen hoch oben ihre weiten Kronen aus. Durch den steil aufsteigenden Hang wirken sie noch größer als sie ohnehin schon sind. Die ersten Äste zweigen häufig erst in vierzig oder fünfzig Meter Höhe ab. Von dort hängen, als seien sie von Menschenhand befestigt, Lianen bis zum Boden, schlank und biegsam, wie Seile. Unter dem Schirm der Riesen wächst, was man in unseren Breiten für eine Waldvegetation von normaler Größe hält. Dazu gehören dichte Palmwälder, in denen es ziemlich dunkel ist. Palmblätter von sechs bis acht Meter Länge hängen uns wie ein Vorhang im Weg. Prächtige Nestfarne thronen auf Felsnasen oder in Astgabeln. Einer hat in seiner Mitte ein „Wasserbecken“ von nicht weniger als einem Meter Durchmesser. Auf dem Boden schließlich sind Tod und Leben chaotisch gemischt. Kreuz und quer liegen gestürzte Baumriesen und Äste über den Felsterrassen. Aus ihren vermodernden Leibern wachsen Farne, Orchideen, Sträucher und wieder neue Bäume. Durch das wilde Durcheinander schlängeln sich kleine, saubere Bäche. Sie kreuzen in schöner Regelmäßigkeit unseren Weg, als wollten sie Erfrischung anbieten.

Der Weg wird schließlich immer steiler und ähnelt mehr und mehr einer Felsentreppe. Ziemlich weit oben wird der schweißtreibende Aufstieg mit einem kühlen Bad in einem mächtig rauschenden Wasserfall belohnt. Dott, wie immer voran, entledigt sich kurzerhand ihrer Kleider und begibt sich als erste unter die schäumende Flut. Der restliche Aufstieg ist bei deutlich kühlerer Luft eine Kleinigkeit. Wir passieren das Prachtexemplar eines Brettwurzelbaumes. Seine weitausladenden niedrigen „Bretter“ bilden eine komplizierte Skulptur aus geschwungenen Linien. Ein Jugendstilkünstler hätte sie nicht eleganter gruppieren und aufeinander beziehen können.

Jenseits des Passes sind noch zahlreiche gestürzte Bäume zu überwinden. Die Insel ist kürzlich von einem Taifun heimgesucht worden, der hier deutliche Spuren hinterlassen hat. Den Kindern gibt dies Gelegenheit zum Klettern und Schaukeln – Vertrauen bildende Maßnahmen. Dann beruhigt sich der Weg, wird ebener und auch breiter. Der Wald verwandelt langsam seinen Charakter. Er wird zusehends lichter und geht schließlich in eine Kulturlandschaft über, die hauptsächlich von Kautschukbäumen bestimmt wird. Nur noch gelegentlich ragt ein Urwaldsolitär mit wilder Geste aus der zivilisierten Umgebung.

Für uns bedeutet dies zunächst einmal ein Ende des Schattens. Die Sonne steht senkrecht über uns. Der Weg ist nun angelegt, ist aber offensichtlich erst kürzlich vom Regen bis zu einem Meter tief aufgerissen worden. Gelegentlich sieht man unter einem kleinen Dach Inselbewohner, die mit Hilfe von allerlei Gefäßen und einer Mangel Gummimatten aus dem milchweißen Saft der Bäume herstellen. Am Wegesrand raschelt es. Bei näherem Hinsehen finden wir ein etwa ein Meter langes Tier, das einem Waran ähnelt. Es scheint durch uns nicht weiter beunruhigt zu sein und geht seiner Wege.

Der nun stetig abfallende Weg führt in die weite Bucht von Guara. Unvermittelt liegt in der gleißenden Mittagssonne ein Meer von Kokospalmen zu unseren Füßen; dahinter der blaue Ozean – Inselzauber. Beim Abstieg in die Bucht werden wir Zeugen eines vegetarischen Kampfes. Eine Schlingpflanze hat einen ganzen Wald überfallen. Die Bäume sind vollständig unter den großen Blättern des Eroberers begraben. Die oben haben den Platz an der Sonne, was ihrem Gedeihen offensichtlich zuträglich ist, die unten führen ein Schattendasein, was ihnen nicht bekommt und zu ihrem Absterben führt – Pflanzenkolonialismus.

Unten in der Bucht angekommen bietet sich alsbald Gelegenheit, sich vom Schweiß des Abstiegs zu befreien. Aus den Felsen tritt hier ein kleiner Fluss in die Ebene, in dem wir ein erfrischendes Bad nehmen. Aus der Sicht der malayischen Kinder, die nichtsahnend mit ihren selbstgebastelten Booten vom Typ Seelenverkäufer im Fluss spielen, muss die Szene ziemlich merkwürdig erscheinen. Da fällt eine weiße Horde aus den Bergen und Kinder, Eltern und „Großmutter“ stürzen sich in die Fluten.

Weiter geht der Weg nun durch die flache Bucht nach Guara. Etwa 200 Menschen leben hier in verstreuten Kampongs. Als Mittelpunkt des Ortes kann der Landungssteg gelten, wo sich auch das „Haupthotel“ befindet. Es gibt ein Zimmer und ein paar A-Hütten zu mieten. Es scheint, dass die Kinder inzwischen Vertrauen zu den Hütten entwickelt haben. Also wagen wir einen zweiten Hüttenanlauf. Der Zustand des angebotenen Zimmers erleichtert uns die Entscheidung. Die Hütten liegen am Rande des breiten Sandstrandes, der sich entlang der weiten Bucht zieht.

Wer hätte gedacht, dass gegenüber der Ruhe und Abgeschiedenheit des ABC- Strandes noch eine Steigerung möglich sein könnte. Nur eine Handvoll Touristen halten sich hier auf. Unser Einfall verdoppelt den Bestand. Auch die Betreuung ist höchst familiär. Im einzigen „Restaurant“ werden wir von zwei Neuseeländerinnen – sie gehören zu den 4 oder 5 Touristen – aufs freundlichste bedient. Sie verdienen sich auf diese Weise einen kostenlosen Aufenthalt an diesem gesegneten Fleckchen Erde. Zu ihrer Dienstverpflichtung gehört allerdings, wie wir jetzt erfahren, dass sie die Hütten für uns räumen mussten.

Die Küche des Etablissements, das an Einfachheit alles überbietet, was auf der anderen Seite der Insel zu finden ist, weist einige Neuheiten auf. Es gibt diverse Pfannekuchen und einen wahrhaft opulenten Obstsalat. Gemessen an den Preisen, die hier verlangt werden, erscheinen Nasri und seine Konkurrenten geradezu als Halsabschneider, ganz abgesehen davon, dass auch noch Besseres geboten wird. Man fragt sich, was man finden würde, wenn man sich nicht noch weiter von Nazri entfernen könnte.

Die Stille der Inselrückseite wird für kurze Zeit unterbrochen, als ein Schwarm junger Chinesen aus Singapur mit mehreren Booten einfällt und den Strand mit Leben füllt. Es ist offenbar der Schulausflug eines Nobelerziehungsinstitutes. Ein allgemeines Geschnatter bricht aus. Große Töpfe mit Reis werden auf den Strand gebracht, Plastikkanister mit Wasser ausgepackt und Styropurschälchen mit Fleisch verteilt. Es scheint, als sei die Gesellschaft mit einer Zeitmaschine aus einer anderen Welt gekommen. So plötzlich, wie sie eingefallen sind, verschwinden sie wieder und der Inselfrieden kehrt zurück.

Wir baden in den Wellen, die hier, auf der seezugewandten Seite der Insel, deutlich größer als auf am anderen Ende sind. Später machen wir einen Spaziergang entlang der Bucht. Die beiden Neuseeländerinnen, die ohne uns wenig zu tun haben, schließen sich uns an. Auf dem völlig leeren Strand liegt der Rest eines gestrandeten Schiffes. Die Wellen haben es kahlgefressen bis auf Kiel, Bug und Motorblock. Das Gerippe wirkt wie ein memento mori für die Benutzer der landesüblichen Universalseetransporter, zu denen auch unser Boot aus Mersing gehörte.

Auch hier wird die Bucht geteilt durch schwarze Eruptivquader. Wir müssen sie überklettern, um den nächsten Strand zu erreichen. Dieser bildet eine weite Kurve von über einem Kilometer Länge. Außer uns ist kein Mensch hier. Die Kinder sammeln mit den Neuseeländerinnen Muscheln. Am Ende der Bucht mündet ein regelrechter Fluss in das Meer. Hinter dem Strand bildet er einen kleinen See, der sich in der Tiefe des Dschungels verliert. Man kann darüber spekulieren, in welche Welt man käme, wenn man ihm mit einem Kanu folgen könnte. Ein tiefes Tal ist zu erkennen, das ins steilaufsteigende Gebirge führt.

Wegen der Tiefe der Bucht kann man hier auch die hohen Berge im Zentrum der Insel ahnen, die immer von dunklen Wolken verhangen sind. Im Grunde ist die ganze Insel ein einziger großer Vulkan, der auf dem Meeresgrund steht und über die Wasseroberfläche herausragt. Die Quader an den Buchtenden scheinen die blankgewaschenen Ausläufer der Lavaströme zu sein, die von seiner Spitze ins Meer geflossenen sind.

Beachtliche Wellen donnern in diesem Teil der Bucht, der dem offenen Meer ausgesetzt ist, auf den Strand. Wir baden längere Zeit im Getöse und lassen uns von den Wellen lange Strecken tragen. Die Kinder müssen sich mit den Ausläufern der Wellen begnügen.

Den Rückweg nehmen wir durch das Hinterland, wo die Kampongs malerisch in den Wiesen stehen – Hühner darum und Hunde. Die Überquerung eines Flusses verlangt Balancierkünste. Die Brücke besteht aus dem umgelegten Stamm einer Kokospalme und die ist bekanntlich schlank. Auch ein veritabler Fußballplatz findet sich. Die Inseljugend tummelt sich hier und im angrenzenden Gasthaus.

Zum Abendessen wollen wir uns, die Gunst der Preise nutzend, etwas Besonderes leisten. Wir bestellen ein ganzes Huhn. Daraufhin fängt man vor unseren hungrigen Augen eines der Federtiere, die um das Gasthaus herum laufen, bricht ihm, das sich heftig sträubt, den Hals und serviert es eine halbe Stunde später – Naturnähe!

Der Abend, den wir im Restaurant verbringen, ist sehr still. In den luftigen A-Hütten, bei denen die Hitze des Tages aus dem Palmblattdach entweichen kann, schläft es sich angenehmer als in Nasri’s Luxuslanghaus. Es fehlt der nächtliche Wärmestoß, der durch den Ausfall des Ventilators verursacht wird. Ganz ungestört ist die Nachtruhe allerdings auch hier nicht. Ein Hahn, vermutlich der Herr des verspeisten Huhnes, kräht ausdauernd neben unserer Hütte. Er lässt sich erst durch eine massive Intervention mittels eines Schuhs von seinem Stammplatz vertreiben. Dadurch komme ich freilich in den Genuss einer einzigartigen Morgendämmerung – schwerste Tropenwolken vor tiefrotem Himmel.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 4

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23.3.1985

Früh morgens blökt eine Kuh mit großer Ausdauer in unser Fenster hinein.

Wir mieten bei Nazir Taucherbrillen und Schnorchel und entdecken eine neue Welt. Unmittelbar am Strand gibt es Korallen. Meist sind es ausgedehnte Korallenfriedhöfe. Dazwischen finden sich aber immer wieder intakte Stellen. Dort nehmen die merkwürdigen Gebilde zwischen Pflanze und Tier höchst bizarre Formen und kräftige Farben an. Alles ist übersät von leuchtenden Korallenfischen; dreißig bis vierzig Zentimeter lange sind dabei, die vollkommen durchsichtig sind, und Schwärme winziger Flimmerlinge, in die man eintauchen kann. Dazwischen ist alles, was sich eine überreiche Phantasie nur erdenken kann. Besonders beeindruckende Exemplare von Korallen finden sich hinter dem Felsvorsprung, der die Bucht abtrennt. Es sind große, einzeln stehende Knollen, auf deren Oberfläche sich Windungen von penibelster Genauigkeit befinden. Das Gehirn hat, um Oberfläche zu gewinnen, ähnliche Muster entwickelt.

Man gerät unweigerlich ins Grübeln über die Gründe für den Reichtum an Formen, den eine einzelne Gattung, ein besonderes Lebenssystem, hervorbringt. Unter Wasser scheint er sogar noch größer als darüber zu sein. Bei jeder Form fällt die Funktionalität geradezu ins Auge. Die immer gleiche Problemstellung, möglichst viel Oberfläche zu schaffen, um mit möglichst viel Kleingetier in Kontakt zu kommen, führt zu ganz unterschiedlichen, offensichtlich aber gleichwertigen Lösungen. Vielfalt und Funktionalität sind, wie sich zeigt, keine Gegensätze. Mancher moderne Architekt könnte daraus lernen.

Ein Schwarm junger Polen fällt ein, Studenten, die eine große Asienreise vor sich haben. Wir unterhalten uns eine Weile mit ihnen, die uns Hause so unendlich weit weg zu sein scheinen. Man muss weit reisen, um seine Nachbarn kennen zu lernen.

Nachmittags zieht es uns wieder in das Paradies. In der untergehenden Sonne tauchte ich am ABC-Strand lange in einem riesigen Korallengebiet, das sich entlang des Felsvorsprunges zieht. Der felsige Untergrund hat hier ein starkes Bodenrelief und dadurch eine weitläufige Unterwasserlandschaft mit tiefen Schluchten und jähen Felswänden gebildet. Anders als bei Nazir’s Strand sind die Korallen des Paradieses weitgehend unbeschädigt. Offensichtlich tut Nazir’s unternehmerisches Wachstum, das „natürlich“ vermehrte Abwässer zur Folge hat, den Korallen nicht gut. In der Dämmerung verblassen schließlich die Farben und ich muss von der  schweigend-bizarren Unterwasserwelt fröstelnd Abschied nehmen. Nachträglich denke ich, dass ich mich durch die bunte Glitzerwelt vielleicht doch zu weit habe hinauslocken lassen. Tiger gibt es sicher keine auf Tioman. Aber würde mir jemand 1000 DM für jeden gesichteten Hai bieten?

Das Abendmenu nehmen wir wieder im Restaurant des Paradieses ein. Mit leichten Variationen entspricht es dem vom Vorabend. Zu uns setzen sich Dott und ihr Ehemann John. John ist ein später Aussteiger und Friedensbewegter. Er denkt ernsthaft darüber nach, sich wegen der atomaren Bedrohung auf der nördlichen Erdhalbkugel nach Neuseeland zu verziehen, wo er glaubt der Hölle des Ost-Westkonfliktes entkommen zu können. Wir landen im Laufe der langen Unterhaltung  unweigerlich bei den allgemeinsten Fragen der Weltpolitik.

Es folgt wieder der nächtliche Marsch zu Nazri – langsam bekommen wir Übung darin, Pfade im Dunkeln aufzuspüren. Nachdem die Kinder im Bett sind,  sitzen wir noch ein wenig in Nazri’s Restaurant und sprechen mit den jungen Polen, die erstaunlich weltoffen sind. Wie weit sind wir doch noch davon entfernt, so mit unseren benachbarten Landsleuten sprechen zu können.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

1747 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Doppelchöriges Orchesterkonzert B-Dur

Händels drei doppelchörige Orchesterkonzerte, die in den Jahren 1747 und 1748 entstanden, werden selten gespielt. In den Biographien über den Meister werden sie, wenn überhaupt, nur pauschal neben seinen bekannten Concerti grossi erwähnt. Sie gelten weitgehend als Nebenwerke, die keine besondere Beachtung verdienen. In diesem Zusammenhang wird meist darauf verwiesen, dass Händel hier im Wesentlichen (nur) musikalisches Material benutze, welches er schon anderweitig verwendet habe. Allerdings wäre dies allein kein Grund, ihnen keine Beachtung zu schenken. Händel bedient sich mit einer solchen Wiederverwendung nur einer Verfahrensweise, die in der Barockzeit allgemein üblich war; für sie hat sich der etwas schiefe Begriff „Parodie“ eingebürgert. Diese Praxis hat bekanntlich nicht die schlechtesten Ergebnisse gezeitigt. Einige der besten Werke Johann Sebastian Bachs, das Weihnachtsoratorium etwa und die H-moll Messe, sind auf diese Weise entstanden.

Bei Bach diente die Parodie wohl in erster Linie dazu, musikalisches Material, das meist für einen bestimmten Anlass entstanden war, von dieser Grundlage zu lösen, um es nochmals und  möglichst allgemeiner verwenden zu können und dadurch der Vergessenheit zu entziehen. Häufig gewann er ihm dabei in anderem Kontext auch neue Aspekte ab. Da die betroffenen Werke zuvor selten, oft sogar nur einmal und dazu möglicherweise an einem ganz anderen Ort aufgeführt worden waren, konnte Bach davon ausgehen, dass kaum jemand die Wiederverwendung erkennen würde. Händel verwendete dieses Verfahren in seinen doppelchörigen Orchesterkonzerten hingegen eher im Vertrauen auf ihren Wiedererkennungswert. Wie seine 12 berühmten Concerti grossi Op. 6 und die meisten Orgelkonzerte dienten die doppelchörigen Orchesterkonzerte als Zwischenaktmusiken bei den groß inszenierten Aufführungen seiner Oratorien. Da einige dieser Oratorien inzwischen sehr populär waren, nahm Händel daraus bekanntes Material, um das Publikum zu stimulieren.

Im Falle des Orchesterkonzertes in B-Dur verwendete Händel im 2. Satz Material aus dem schon damals berühmten „Messias“ (fast unverändert aus dem Chor „Und die Herrlichkeit des Herrn“), im 3. Satz aus „Belshazzar“  und  im 5. und 6. Satz aus „Semele“. Darüber hinaus benutzte er noch Musik aus seinen Opern „Ottone“ (4. Satz)  und „Lotario“ (Schlusssatz).

Bei den wieder verwendeten Stücken handelt es sich in der Regel um Chorsätze. In den doppelchörigen Orchesterkonzerten teilt Händel die Stimmen des Chors den Bläsern zu, die so neben dem Orchester den zweiten Chor bilden. Genau genommen sind die Bläser aber wieder in zwei weitgehend selbständige Gruppen unterteilt, weswegen die Konzerte eigentlich 3-chörige Orchesterkonzerte heißen müssten. All das hat Händel schließlich mit der Könnerschaft des Altmeisters zu außerordentlich komplexen und prachtvollen neuen Klanggebilden verarbeitet.

Weitere Texte zu Werken Händels und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1800 Josef Haydn (1732- 1809) Te Deum für Chor und Orchester (HBV XXIII c:2)

Den erhabenen „hymnischen Lobgesang“ des Te Deums haben die Herrscher  des alten Europa, die sich von Gottes Gnaden wähnten, gerne auch im Bezug auf sich selbst gehört. Hadyns (zweite) Vertonung ist aber auf merkwürdige Weise mit den eher irdischen Niederungen des Lebens der Herrschaften verbunden, die sich ähnlich wie die römischen Kaiser den Göttern so nahe glaubten. Die Komposition war ein Auftragswerk der Kaiserin Marie Therese, der Gemahlin Franz I/II, des letzten römischen Kaisers deutscher Nation, nicht zu verwechseln mit der bekannten großen Maria Theresia, deren Neffe und zweiter Nachfolger Franz war. Marie Therese war eine lebenslustige und musikbegeisterte „Italienerin“ aus dem bourbonischen Hause Neapel-Sizilien. Sie liebte die Musik, insbesondere Haydns, und war selbst als Sängerin aktiv. Unter anderem trat sie bei einer Aufführung von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ als Solosopran auf. Haydn attestierte ihr ein angenehmes aber schwaches Organ.

Das Te Deum, auf das die Kaiserin, da alle möglichen Herrscherhäuser Musik von Haydn wollten, lange warten musste, wurde offenbar im Jahre 1800 anlässlich eines Besuchs des englischen Admirals Lord Nelson beim Fürsten Esterhazy, Haydns langjährigem Arbeitgeber, in Eisenstadt uraufgeführt. Die Umstände der Aufführung waren nicht ohne Pikanterie. Nelson war seinerzeit mit Königin Karolina von Neapel-Sizilien, der Mutter von Marie Therese und Tochter Maria Theresias, auf Besuch in Wien. In seinem Schlepptau befanden sich der englische Botschafter Lord Hamilton und seine berühmt-berüchtigte Frau Emma.

Die schöne und musisch begabte Lady Hamilton war die Femme fatale der Zeit. Sie kam aus kleinsten Verhältnissen und  trieb sich in ihren jungen Jahren in den Londoner Vergnügungsvierteln herum. Als Maitresse von Adeligen war sie mit den Vorlieben der englischen upper class vertraut geworden und hatte sich in diesen Kreisen einen gewissen Platz verschafft. 1786 schob sie ihr Liebhaber Lord Greville, der sie, um eine reiche Adelige heiraten zu können, loswerden wollte, zu seinem wohlhabenden Onkel Lord Hamilton, dem englischen Botschafter in Neapel, ab, den er im Gegenzug aufforderte, ihn, Greville, zu seinem Erben einzusetzen. In Neapel erregte Emma Aufsehen mit ihrer schönen Stimme und vor allem mit ihren Attituden-Auftritten, bei denen sie Statuen in verschiedenen Affekten mimte. Viele bedeutende Maler portraitierten sie. Auch Goethe, der sie 1787 in Neapel sah, ließ sich von ihr verzaubern. Im Jahre 1791 heiratete sie Lord Hamilton, der 35 Jahre älter als sie war, was in der „besseren“ Gesellschaft für allerhand Gesprächsstoff sorgte. Nach der Heirat gewährte man ihr Zutritt zum neapolitanischen Hof. Sie wurde bald die Vertraute von Königin Karolina und ging im Palast von Caserta, dessen Dimensionen den Himmel herausfordern, ein und aus. Dabei war sie an wichtigen politischen Entscheidungen im Rahmen der Napoleonischen Kriege beteiligt. Als Nelson nach dem Sieg über die französische Flotte vor Abukir 1798 nach Neapel kam, umgarnte sie den einäugigen Seehelden, der in England verheiratet war, und wurde seine Geliebte. Ihr alter Lord tolerierte dies offenbar mit stoischer Gelassenheit. Auf diese Weise wurde sie erst recht zum Gegenstand des Gesellschaftsklatsches in ganz Europa. Im Jahre 1800 tourte das „Triangel“, wie Königin Karolina die Drei nannte, durch ganz Europa. Dies  stellte die Verantwortlichen für das höfische Protokoll, die den Helden von Abukir nicht desavouieren konnten,  naturgemäß vor einige Probleme.

Auch bei ihrer Ankunft in Eisenstadt Anfang September 1800 stellte sich die Frage, wie man das seltsame Trio empfangen solle. Da Lady Hamilton die Musik liebte, entschloss man sich, neben festlichen Banketten das Beste aufzubringen, was die Esterhazys zu bieten hatten. Und das war die Musik von Josef Haydn, der inzwischen auch in England großen Ruhm erworben hatte. Man veranstaltete an den zwei Tagen des Besuches in Eisenstadt vier Konzerte. Unter anderem spielte man offenbar Haydns Schöpfung und auf speziellen Wunsch von Lady Hamilton seine Kantate „Ariadne a Naxos“, deren Titelpartie sie, inzwischen von Nelson merklich schwanger, zur Verzückung der Beteiligten selbst sang (der schwedische Botschaftssekretär glaubte, er habe noch nie „irgendwann so etwas Himmlisches je gehört“). Außerdem führte man Haydns Messe "in Angustiis" auf, die seitdem den Namen "Nelsonmesse“ trägt, und eben seinen neuen Lobeshymnus, was, da die Beziehungen zwischen den Ehrengästen weder sonderlich christlich noch lobenswert waren, einen merkwürdigen Beigeschmack gehabt haben muss. Die Herrschaften aus dem k&k-Reich leisteten damit ihren Beitrag zur Deifizierung des Mannes, der die gottlosen revolutionären Franzosen in die Schranken gewiesen und dadurch das Gottesgnadentum gerettet hatte, ein Prozess der Erhöhung, der seinen Abschluss bekanntlich auf jener gewaltigen Säule auf dem Trafalgar Square in London fand, der wie kein anderer Platz für das den ganzen Erdball umspannende englische Empire steht, welches nach der Niederringung der Franzosen erst richtig Gestalt annehmen sollte.

Welchen Eindruck Haydns festliches Chorwerk, das als eines der besten Stücke seiner Spätzeit gilt, hinterließ, ist leider nicht bekannt. Zeitzeugen berichten nur allgemein, dass sich Lady Hamilton bei dem Besuch ständig um den Meister bemüht und darüber die ersterhazy`schen Herrschaften geradezu vernachlässigt habe. Der Komponist habe ihr dafür eine Abschrift eines Liedes geschenkt und im Übrigen noch schnell ein Lobgedicht ihrer Reisebegleiterin auf Nelson vertont. Andererseits schrieb der junge Lord Malmesbury am 10. September 1800 an seinen Vater: „Lady Hamilton ist die ungebildetste, ungeschliffentste, unangenehmste Frau, der ich je begegnete. Die Fürstin (Esterhazy) hat mit großer Freundlichkeit eine Anzahl von Musikern aufgeboten und den berühmten Haydn, der in ihren Diensten steht, um aufzuspielen. Statt ihnen zuzuhören, setzte sie sich an den Pharo-Tisch, spielte Nelsons Karten und gewann zwischen 300 und 400 Gulden."

Weitere Texte zu Werken Haydns und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Ein – und Ausfälle – Das Konkrete als illegitimes Kind des Allgemeinen

Die Emanzipation des Individuums von übermäßig einschränkenden Bindungen durch das Allgemeine, die als wesentliches Merkmal der Moderne gilt, ist auf merkwürdige Weise mit eben diesem Allgemeinen verbunden. Der Gedanke vom eigenständigen Wert des Individuums gilt als eine (Spät)Frucht der christlichen Vorstellung, dass der Mensch Kind und Abbild Gottes sei. Jeder einzelne Mensch wird damit als Ableger des monotheistischen und unsichtbaren Gottes aufgefasst, der einerseits Person zugleich aber der Prototyp des Allgemeinen ist. Die Lage ist ähnlich wie in den Naturwissenschaften, wo die Entdeckung der wirklichen Eigenschaften des Konkreten, welche ebenfalls in der Moderne stattfand, auch weitgehend eine Folge des Denkens in allgemeinen (Natur)Gesetzlichkeiten ist.

 

So richtig im Sinne des Erfinders (des Allgemeinen) war diese Entwicklung allerdings nicht. Zum Individuum gehört die Freiheit, sich gegebenfalls von gewissen allgemeinen Bindungen und Verpflichtungen, darunter auch vom Glauben (an den großen Allgemeinen) lösen zu können. Und in der Naturbetrachtung, in welcher in der Umbruchszeit zur Moderne noch das Allgemeine dominierte, das die Denker der Antike formuliert hatten, weswegen man sie als Naturphilosophie bezeichnete – in der Naturbetrachtung war eine „unvoreingenommene“ Erkenntnis des Konkreten erst möglich, nachdem diese Allgemeinheiten entmachtet worden waren (man denke etwa an die ganz aus allgemeinen Erwägungen abgeleitete „Lehre“ von den vier Elementen und den entsprechenden Körpersäften, die ein Jahrtausend lang das europäische Denken beherrschte). Das Verhältnis des Individuums zum Allgemeinem ist also ambivalent. Das Konkrete scheint so etwas wie ein illegitimes Kind des Allgemeinen zu sein.

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 3

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

22.3.1985

Faulenzen am Strand. Die Kinder sind in ihrem Element. Man spricht mit Reisenden, darunter einem polnischen Offiziellen, vermutlich aus dem auswärtigen Dienst. Beim Zitronensaft in Nazir’s Restaurant stoße ich auf zwei Deutsche, die im Flugzeug nach Singapur neben mir gesessen hatten. Auch andere europäische Träume richten sich auf die ferne Tropeninsel. Man genießt die Ruhe und die Idylle.

Gegen Mittag machen wir einen Spaziergang entlang des Strandes, vorbei an malerisch verstreuten Kampongs, die zwischen allerlei blühenden Sträuchern unter Palmen stehen. Überall sehen wir freundlich lachende Gesichter.
Es herrscht  eine Atmosphäre weichen Friedens. Am späten Nachmittag unternehmen wir eine etwas längere Wanderung zum anderen Ende der Bucht. Alle 100 bis 150 Meter kommt ein Bach mit silbrig klarem Wasser aus dem Dschungel, über den kleine Holzbrücken führen.

Schließlich stoßen wir auf das Paradies. Es liegt am ABC-Strand. Malerisch hintereinander gestaffelt stehen hier einige A-förmige-Hütten in einem lockeren Palmenwald. Junge Leute liegen unter großen Bäumen in Hängematten am Strand, lesen, schreiben Tagebücher oder sinnieren über die Schönheit der Welt, eine stille und ausgeruhte Stimmung. Neben der kleinen Siedlung rauscht der unvermeidliche kleine Bach. Kurz vor seinem Austritt auf den Strand füllt er die Badewanne des Paradieses. Sie besteht aus einer Vertiefung in den glatten runden Felsblöcken, die groß genug ist, dass man im kühlen, rauschenden und kristallklaren Bergwasser untertauchen kann. Dazu plätschert die Paradiesdusche hinein, deren Wasser über Bambusrohre aus dem grünen Palmengewirr des Urwaldes geführt wird. Flugs ist die ganze Familie in der Dschungelbadewanne.

Derart erfrischt geht es dann in den Dschungel. Die Bucht endet hinter dem ABC-Strand mit einem Felsvorsprung aus aufgetürmten schwarzen Quadern. Dahinter führt ein schmaler Pfad steil in den dichtesten Wald hinein. Den Kindern wird es unheimlich, zumal es ziemlich dunkel ist. Cinque schimpft und vermutet überall Schlangen und sonstiges Ungetier, insbesondere Tiger. Zur Beruhigung muss ich zu drastischen Mitteln greifen. Ich verspreche jedem, der einen Tiger sieht 1000 DM. Das überzeugt. Die Kinder wissen gleich, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Tiger zu finden, dann nicht sehr groß sein kann. Tatsächlich gibt es nicht einmal Moskitos in diesem Wald. So sind die Kinder denn auch bald beruhigt, schaukeln in den Lianen und klettern in den riesigen Baumwurzeln herum, unter denen der Weg durchführt.

Nach einigen hundert Metern beruhigt sich der Weg und führt steil hinunter zu einer kleinen Bucht. Ein Dschungelbach hat hier einige Dutzend Meter weißen Sand aus den Bergen gespült und zwischen den Felsen einen verwunschenen Strandwinkel geschaffen. Er gehört uns ganz alleine. Wir genießen die laue Abendsonne. Die Kinder stauen den Bach und lassen das Wasser danach mit großem Hallo wieder auslaufen. Leider zwingt uns der anbrechende Abend, den zauberhaften Ort alsbald wieder zu verlassen. In den Tropen wird es sehr schnell dunkel.

Der Weg durch den Wald ist inzwischen noch dunkler geworden. Als wir am ABC-Strand ankommen, ist es finster. Hier und da wird eine Hütte mit einer Petroleumlampe beleuchtet. Wir nehmen in dem einfachen Restaurant das Abendessen ein, das wir schon auf dem Hinweg bestellt hatten, Es gibt mehrere Gänge, Fisch, Reis mit Soße, Gemüse und Ananas, all das zu Preisen, die deutlich unter denen liegen, die Nazir verlangt. Die Kinder spielen mit einem jungen Affen, den sie mit Reiskörnern füttern. Er findet Gefallen daran und versorgt sich bald selbst. Sobald man ihm den Rücken kehrt, stibitzt er sich Reis vom Teller.

Wir gesellen uns zu „alten“ Bekannten von der gemeinsam durchlittenen Schiffsfahrt. Die Travellers haben meist eine Neigung zum Philosophischen und Kulturkritischen, genug Stoff also für angeregte Gespräche. So diskutiert man bis tief in die Dunkelheit über Travellerschicksale und über Gott und die Welt.

Durch diese Dunkelheit müssen wir schließlich den Heimweg über Brücken ohne Geländer und umgestürzte Bäume antreten. Diesmal haben wir überhaupt kein Licht. Die Nacht ist mondlos. Allein das Sternenlicht lässt den Saumpfad aufscheinen, der kaum mehr als ein Fuß breit ist. Wir machen die ungewohnte Erfahrung, dass auch solches Licht den Weg weisen kann. Wie viel Helligkeit die Sterne erzeugen, merkt man daran, dass wir vollkommen im Dunkeln tappen, wenn diese Lichtquelle unter dichten Bäumen oder Sträuchern ausfällt. Da hilft nur noch, den Wegrand mit den Füßen zu ertasten.

Nachdem die Kinder im Bett sind, gehen wir ein Stück zurück zum sogenannten blauen Restaurant. Dort treffen wir Dott, eine ältere amerikanische Lady mit verwittertem Gesicht voller Vitalität und Abenteuerlust, die ich bereits am Nachmittag am Strand kennen gelernt hatte. Sie ist mit ihrem Mann, einem Architekten, seit über einem halben Jahr auf Travellersweise unterwegs und bewegt sich unter lauter jungen Leuten. Begeistert erzählt sie von ihren monatelangen Trecks im Himalaya. Bei Dott sind eine junge englische Lehrerin, die in Singapur unterrichtet und eine Chinesin, ebenfalls aus Singapur. Alle sind sehr gesprächsfreudig. So entspinnt sich bis tief in die Nacht hinein – die müden Köche haben das Restaurant längst geschlossen – eine angeregte Diskussion, die von der Wirtschaftskriminalität bis zu allerlei Reiseerlebnissen verläuft. Mir gelingt es, die Chinesin, die demnächst eine Europareise antreten will, davon zu überzeugen, dass es in Europa abgesehen von der Schweiz, wo sie allein lohnende Reiseziele vermutete, noch andere Sehenswürdigkeiten gibt. Am Schluss findet ein allgemeiner Adressentausch statt. Fiona, die englische Lehrerin, lädt uns in ihr Haus nach Singapur ein. Wir haben die feste Absicht, dieser Einladung zu folgen.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 2

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

21.3. 19 85

Provianteinkauf – es soll kein Obst auf Tioman geben – Bankgeschäfte etc. Dann geht es zum Hafen, wo großer Betrieb herrscht. Viele Holzboote liegen am Pier, aber auch ein „größeres“ Schiff, das vergleichsweise modern anmutet. Wir folgen den Travellers, die darin verschwinden. Die Überraschung liegt dahinter – eine kleine Holzschaluppe für uns, gerade groß genug, um zehn bis fünfzehn Leute aufzunehmen, die dazu noch auf dem Boden sitzen müssen. Tioman hat offenbar zwei Gesichter: Das größere Schiff fährt zum Luxushotel Merlin, die Travellers zu einen nicht näher benannten Strand mit dem Seelenverkäufer, der weit mehr als die doppelte Zeit braucht.

Die Fahrt geht durch den langen Flusshafen, dann vorbei an zahlreichen Inselchen vor der Küste, die mit Palmen bestanden und von kleinen weißen Strandbuchten umsäumt sind. Einsiedler- oder Paradiesträume kann man aber kaum pflegen. Die Inseln sind wohl zu klein, um Trinkwasser zu haben. Dann das offene Meer. Weit und breit ist kein Reiseziel zu erkennen. Erst nach längerer Zeit tauchen in der Ferne spitze, jähe Felsen auf – Tioman. Doch der Weg dahin ist erst noch durchzustehen. Die kleine Schaluppe schaukelt hilflos in den wachsenden Wellen. Brecher gehen über die Bordwand, bald auch mancher Mageninhalt. Auch mich hat es erwischt. Wellen und die Abgase des Schiffsmotors, die ohne Auspuff seitlich aus dem Schiff geführt werden, sind schließlich zuviel. Dann döst man stundenlang, auf verquere Weise zwischen allerhand Beinen und Gepäck auf dem Boden hingestreckt. Wann sind wir endlich in Tioman?

Die Kinder turnen indessen unbeeindruckt auf dem wackeligen Boot herum. Eigentlich sollte man besser auf sie aufpassen. Aber bei einigen Wellen hat man genug damit zu tun, sich selbst festzuhalten. Die Kinder unterhalten derweil einige weniger von der Seekrankheit befallene Mitreisende. Im Windschatten von Tioman beruhigt sich das Meer schließlich und gibt es etwas Erleichterung.

Das Boot tuckert noch eine ganze Weile an der Insel entlang. Vor uns breitet sich ein prächtiges Panorama aus: Strände mit Kokuspalmen, dahinter steil aufsteigend Berge mit dichtem Urwald, eine tiefgrüne Wand, aus der die weißen Stämme der Baumriesen herausblinken; über allem anfangs noch steile Felsen – hunderte von Metern hoch.

Nach über viereinhalb Stunden endlich Ankunft. Das Boot fährt in eine Bucht. Es gibt keinen Landesteg, man läuft direkt auf den Strand auf. Wir klettern über die Bordwand und waten mit erhobenem Gepäck durch das Wasser zum Ufer. Dort liegen bereits einige Travellers und pflegen der Muße auf dem Strand; es ist sehr einladend hier.

Kein Problem ist es, Unterkunft zu finden. Nazir, der Herr dieses Strandes mit offensichtlich gutem Draht zum Bootskapitän, erwartet uns bereits und bietet kleine A-förmige Hütten mit Palmdach unter Palmen an. Sie bestehen aus einem Raum, haben weder Wasser noch Möbel und natürlich keinen Strom. Wir nehmen zwei Hütten, keine zwanzig Meter vom Strand zum Preis von je 5 DM pro Nacht. Der Blick aus der „Tür“ geht auf das Meer und auf die weiter draußen liegenden Inseln.

Während die Kinder baden, gibt es reichlich Gelegenheit, sich von der strapaziösen Schiffsreise auszuruhen. Es herrscht totale Ruhe. Auf der Insel gibt es keine Autos. Die Bucht ist etwa einen Kilometer breit und nur wenige hundert Meter tief. An ihren beiden Enden türmen sich schwarze Felsquader und riegeln sie von den Nachbarbuchten ab. Kein Bedarf also für Fahrzeuge, man geht zu Fuß. Ein paar dutzend Malayen, die hauptsächlich von der Bewirtung der Travellers leben, wohnen hier in ihren Kampongs. Treffpunkt der Travelers ist Nazir’s Restaurant, das eine kleine Palette einfacher Mahlzeiten und – allerdings nur bis gegen Mittag – kühle Getränke bietet. Unser Strand wird nach dem touristischen Allroundunternehmer, der ihn beherrscht,  Nazir’s Beach genannt.

Gegen Abend gehen wir mit einigen jungen Deutschen in die Hauptbucht, wo sich Tekek befindet, mit wenigen hundert Einwohnern der Hauptort der Insel. Der Weg dauert etwa vierzig Minuten. Hier fahren gelegentlich Mopeds auf den schmalen Wegen. In einem bunt beleuchteten Restaurant verspeisen wir einen ebenso so bunten, weil mit allerlei Früchten dekorierten Fisch von beachtlicher Größe.

Der Heimweg wird zu einer nächtlichen Expedition. Es ist vollkommen düster. Der schmale Weg, der nur mit Mühe zu erkennen ist, führt über einige ziemlich schiefe, teilweise schon halb eingesunkene Brücken. Um die Dinge nicht allzu sehr zu erleichtern, fehlen immer wieder mal ein paar Bohlen. Wir behelfen uns zur Vermeidung eines ungewollten nächtlichen Bades in den sicherlich erfrischenden Dschungelbächen mit einer dürftigen Taschenlampe, die einer unser deutschen Begleiter mit sich führt, ansonsten mit Streichhölzern. Gelegentlich hilft der Schein einer Glühbirne von einem malayischen Haus. In der totalen Finsternis blendet allerdings selbst eine schwache Birne, sodass wir in unmittelbarer Nähe der Häuser überhaupt nichts mehr sehen. Die Birne wird, wie wir kurz darauf feststellen, von einem kleinen „Kraftwerk“ gespeist, das von einem Dieselmotor betrieben wird. Es arbeitet nur abends, was der Grund dafür ist, dass es auf der Insel kalte Getränke nur spät abends und morgens gibt.

Dann muss auch noch der Felsvorsprung, der „unsere“ Bucht abtrennt, überwunden werden. Im Dunkeln scheint er geradezu alpine Qualitäten aufzuweisen. Hände, Füße und Hosenboden sind gefragt.

Vielleicht war es die aufregende Rückwanderung im Dunkeln – die Kinder jedenfalls fühlen sich in der lichtlosen Strandhütte nun doch nicht recht heimisch. So nutzen wir die Möglichkeit, die uns Nazir bietet, in das „moderne“ Haus hinter dem Strand überzuwechseln, wo es, wenn das Kraftwerk in Betrieb ist, Strom und sogar einen Ventilator, dazu einen eigenen Waschraum gibt. Es ist das neueste und modernste Gebäude weit und breit. Nazir baut offenbar immer wieder mal ein Stück an, sodass ein Gebäude ähnlich den altmalayischen Langhäusern entsteht. Der Teil, den wir bewohnen, ist gerade erst fertig geworden und gibt mit seinen sauberen „Polstermöbeln“ den Kindern ein wenig das Gefühl, in geordneten Verhältnissen zu leben. Nazir setzt offensichtlich auf Wachstum. Man kann nur hoffen, dass seine unternehmerischen Ambitionen vom malayischen Phlegma begrenzt werden.

Der Ausklang des Tages findet, während die Kinder schon schlafen, am stockdunklen Strand statt. Die brechenden Wellen erzeugen weiße Bänder, die rasend schnell den Strand entlanglaufen. Dann geht es ins Bett. Der Schlaf wird gegen 1 Uhr unterbrochen, als die Temperatur in unserer modernen Behausung schlagartig ansteigt. Der Ventilator hat seine Tätigkeit einstellt, weil das Kraftwerk der Bucht abgestellt worden ist.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

1857/58 Richard Wagner (1810-1883) Wesendonk-Lieder

Wagner, der in der Hauptsache Vokalmusik komponierte, schrieb die Texte für seine Musik in aller Regel selbst. Die wichtigste Ausnahme von dieser Regel sind die sogenannten Wesendonk-Lieder. Deren Textvorlagen stammen von Mathilde Wesendonk, der Frau des reichen Kaufmannes Otto Wesendonk, welcher den politischen Flüchtling Wagner nach seiner Flucht aus Sachsen im Schweizer Asyl finanziell unterstützte. Die Wesendonks, die an sich aus Deutschland stammten, führten in Zürich ein großes Haus und hielten literarisch-musikalische Gesellschaften ab, zu denen neben Wagner etwa auch Gottfried Keller und Gottfried Semper erschienen. Angeregt durch die Künstler, die in ihrem Haus verkehrten, schrieb Mathilde Wesendonk auch selbst Gedichte. Daß die schwärmerisch-schwermütigen Gelegenheitsdichtungen einer Dilettantin vom Jahrhundert-Musiker Wagner vertont wurden, hatte seinen Grund in der besonderen persönlichen Beziehung zum Komponisten, in der es ziemlich dramatisch zuging.

Ihren Höhepunkt erreichte die Beziehung als Wagner im Spätsommer 1857 der unmittelbare Nachbar der Familie Wesendonk wurde. Seinerzeit bezog der Komponist auf Einladung von Otto Wesendonk mit seiner Frau Minna das „Asyl“, ein älteres Fachwerkhaus, das auf dem Grundstück der imposanten Villa stand, die sich die Wesendonks auf einem „grünen Hügel“ im Stil der italienischen Renaissance erbauen ließen. Über das, was danach geschah, schreibt Wagner später in seiner Autobiographie „Mein Leben“: „Wir waren durch die ländliche Nachbarschaft so nahe gerückt, daß eine starke Vermehrung der Beziehungen bloß durch die einfache tägliche Berührung nicht ausbleiben konnte“. Im Klartext heißt dies, daß Wagner sich endgültig in die fast 20 Jahre jüngere Mathilde verliebte, Besuche, Billette, Botschaften und Briefe hin- und her wechselten, Eifersuchtsszenen in allen Kombinationen abliefen und eben auch Gedichte übergeben und vertont wurden. Welche Hochspannung zwischen Villa und Asyl herrschte, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, daß auf dem Hintergrund der Beziehung zu Mathilde Wesendonk Wagners aufregendstes und revolutionärstes Werk, die Oper „Tristan und Isolde“, entstand, in der es um eine Dreiecksbeziehung mit „liebestödlichem“ Ausgang geht.

Das Drama „Richard und Mathilde“ freilich endete so prosaisch wie dies im richtigen Leben eher der Fall zu sein pflegt. An einem Abend im April 1857 diskutierten die beiden Protagonisten über die Frage, wie die Figur des „Faust“ bei Goethe zu beurteilen sei. In der ihm eigenen Art, Hochgeistiges und Persönliches zu vermischen, nutzte Wagner die Auseinandersetzung dazu, seine Eifersucht auf Mathilde Wesendonks jungen italienischen Sprachlehrer De Sanctis zu Ausdruck zu bringen. Dabei muß er ziemlich aus der Rolle gefallen sein. Am folgenden Morgen versuchte er die Scherben mittels eines Briefes zu kitten, den er mit „Morgenbeichte“ überschrieb. Das Schriftstück, das einige interpretationsfähige Formulierungen enthielt – unter anderem tauchte darin mehrfach das Wort „Liebe“ (mit „!“) auf -, wurde von seiner misstrauischen Ehefrau abgefangen. Sie ging damit postwendend zu Mathilde und machte ihr heftige Vorhaltungen. Die Folge war, daß das komplizierte, künstlerisch verbrämte Beziehungsgeflecht zwischen Villa und Asyl zusammenbrach. Wagner floh, Mathilde mit großer Geste entsagend, nach Venedig, wo er die unaufgelöste Liebesspannung in der Weiterführung des Jahrhundertkunstwerkes „Tristan“ sublimierte.

Die Lieder nach den Texten Mathilde Wesendonks sind menschlich und künstlerisch im Kleinen, was der „Tristan“ im Großen ist. Ihre Musik ist weitgehend vom Tonfall, insbesondere von der irisierenden Harmonik der Oper geprägt. Die Lieder „Im Treibhaus“ und „Träume“, die in ihrem schopenhauerischen Pessimissmus und ihrer buddhistisch angehauchten Allmystik der Gedankenwelt des „Tristan“ inhaltlich besonders nahe stehen, sind als Vorstudien zur Oper anzusehen. Wie wichtig der persönliche Hintergrund der Lieder war, offenbart sich nicht zuletzt darin, daß Wagner unter dem Einfluß offenbar noch immer glühender Gefühle – möglicherweise aber auch in weiterhin werbender Absicht – die Rangfolge der Werke seinerzeit auf den Kopf stellte. In einem „Tagebuch für Mathilde“, welches er in Venedig führte, schrieb er: „Besseres als diese Lieder habe ich nie gemacht, und nur sehr weniges von meinen Werken wird ihnen zur Seite gestellt werden können“.

Die Lieder, die zwischen Herbst 1857 und Sommer 1858 jeweils unmittelbar nach der Abfassung der Gedichte meist an einem Tag komponiert wurden, sind ursprünglich für Klavier und Sopran geschrieben. Instrumentiert wurden sie erst später von Felix Mottl. Die Rechtfertigung und das Modell für die Orchesterfassung lieferte Wagner selbst, indem er das Lied “Träume“ für acht Instrumente setzt.  Diese Fassung brachte er Mathilde am Morgen ihres 29. Geburtstages (23.12.1857) als Überraschungsständchen im Treppenhaus der Wesendonk-Villa dar, was beim Hausherrn, der sich auf Geschäftsreise in New York befand, zu einigen Irritationen und in der Züricher Gesellschaft zu allerhand Gerede führte.

Weitere Texte zu Werken Wagners, und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis; zu Mathilde Wesendonk siehe insb. auch  https://klheitmann.com/2008/08/13/1870-richard-wagner-1813-1883-siegfried-idyll-2/

1833 Felix Mendelssohn-Bartoldy (1809 – 1847) – Hebriden-Ouvertüre (Fingalshöhle) Op. 26

Die im Jahre 1833 entstandene Ouvertüre ist die erste, kleinere Reminiszens an die Schottlandreise des Komponisten im Jahre 1829. Der Ouvertüre folgte zunächst kein Nachspiel. Erst neun Jahre später vollendete Mendelssohn seine große „Schottische Symphonie“, als deren Vorspiel man das schon meisterliche Frühwerk ansehen mag.

Die beiden Werke sind wie die Reise selbst der allgemeinen Schottlandbegeisterung geschuldet, die durch die Gedichte des vermeindlichen altnordischen Homers Ossian, die in Wirklichkeit der Schotte James Macpherson Mitte des 18. Jh geschrieben hatte, ausgelöst und durch die historischen Romane Walter Scotts in der ersten Hälfte des 19 Jh. auf den Höhepunkt getrieben worden war.  Mendelssohn war auf seiner Reise unter anderem auch auf der Hebrideninsel Staffa, wo sich eine von natürlichen Basaltsäulen getragene mächtige Meereshöhle befindet, in welche die romantische Phantasie die Wirkungsstätte von Ossians Vater Fingals projeziert hatte. Außerdem besuchte er Scott in Abbotsford, dem mit altschottischen Requisiten angefüllten und mit vielfachen geschichtlichen Anspielungen ausstaffierten nordischen Tusculum des unermüdlichen Romanverfassers, was den jungen Komponisten beeindruckt und in seinen historisierenden Neigungen bestätigt haben dürfte.

Die Ouvertüre schildert in stimmungsvollen Bildern die schottische Landschaft und das Meer. Der Hörer wird schließlich in die sagenumwobene Höhle Fingals geführt, wo der altgälische Held mit seiner Schar außerhalb der Gesellschaft und nach eigenen Gesetzen das der Jagd und dem Befreiungskrieg gewidmete Leben geführt haben mochte, von dem die Romantiker träumten.

Weitere Texte zu Werken Mendelssohns und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1846 Felix Mendelssohn – Bartholdy (1809- 1847) – Elias

Nach dem überwältigenden Erfolg seines Oratoriums "Paulus", das beim Niederrheinischen Musikfest des Jahres 1836 in Düsseldorf uraufgeführt worden war, faßte Mendelssohn alsbald den Plan zu einem weiteren Werk dieser Gattung. Neben einem "Petrus" und einem "Saul" schwebte ihm dabei schon früh auch ein "Elias" vor. Mit dem Feuerwettstreit und dem – reichlich blutigen – Kampf gegen die Propheten und Anhänger Baals auf der einen, sowie der Gotteserscheinung und der wunderbaren Himmelfahrt auf der anderen Seite schien die Geschichte des streitbaren Gottesmannes die Mischung von Dramatik und Kontemplation zu enthalten, die ein Oratorium in der Nachfolge Händels erforderte. Mangels eines geeigneten Textbuches kam der Plan jedoch schon bald ins Stocken und blieb fast neun Jahre liegen.

Das Oratorienprojekt kam erst wieder in Gang als Mendelssohn im Sommer 1845 die Einladung erhielt, das Birmingham Musik Festival des Jahres 1846 zu dirigieren und hierbei ein eigenes größeres Musikwerk aufzuführen. Der Komponist nahm dies zum Anlaß, den lang gehegten Plan eines "Elias" in die Tat umzusetzen. Angesichts der Größe des Planes und des Anspruches, so etwas wie ein Opus maximum zu schreiben, geriet er dabei aber in erhebliche Zeitnot. Wegen anderer Verpflichtungen konnte er mit der Komposition des "Elias" erst im Februar 1846  beginnen. Ende Mai 1846 war der erste Teil des Werkes beendet. Am 27.6.1846, zwei Monate vor der Uraufführung, schrieb er an seine Schwester Fanny: "Ein ungeheuer großes Stück vom Elias ist noch aufzuschreiben und in England probieren sie schon am ersten Teile… deshalb schließe ich mich ein und muckse nicht eher wieder bis der Elias fertig ist, was aber noch gute drei Wochen dauern kann". Drei Wochen vor der Uraufführung teilte er nach England mit, daß der letzte Teil des Oratoriums abgeschickt sei und daß die Orchesterstimmen gerade kopiert würden. Eine Arie werde er noch persönlich mitbringen. Der letzte Chorstück traf neun Tage vor der Aufführung in England an.

Mendelssohn kam am 17.8.1846 nach London, wo er noch eine Klavierprobe mit den Solisten und eine Orchesterprobe leitete. Am 23.8.1846 fuhren alle Beteiligten einschließlich der "Gentlemen from the press" mit einem Sonderzug nach Birmingham. Dort fand nach zwei weiteren Proben am Morgen des 26.8.1846 im überfüllten Saal des Rathauses mit 396 Mitwirkenden, darunter 271 Sängern, die Uraufführung statt. Das Publikum war von dem Werk begeistert. Auf sein Verlangen mußten acht Stücke wiederholt werden. Die "Times" berichtete, daß "die letzte Note des Werks in lang anhaltendem einvernehmlichen Beifall, brüllend und taubmachend, ertränkt" worden sei.

Kurz nach der Uraufführung wurde das Werk, dessen Ruhm sich schnell über Europa verbreitete, noch mehrfach in England, darunter auch vor Queen Victoria und Prince Albert gespielt. In Holland bereitete man sofort Aufführungen in fünf Städten vor. Aus Österreich erhielt Mendelssohn das Angebot, das Werk möglichst noch im November 1846 mit 1000 Musikern aufzuführen. Der Komponist lehnte jedoch eine weitere Aufführung zunächst ab. Wie viele seiner Werke nahm er auch den "Elias" nach der Uraufführung noch einmal gründlich in die Werkstatt, wobei er einige Stücke anfügte und die dramatischen Partien überarbeitete. Die endgültige – deutsche – Fassung war schließlich im Februar 1847 fertiggestellt. Sie  kam in  Abwesenheit des Komponisten zuerst am 9. Oktober 1847 in Hamburg zu Gehör. Mendelssohn selbst wollte die neue Fassung erstmals im November 1847 in Wien dirigieren. Kurz davor erlitt er jedoch einen Gehirnschlag in dessen Folge er am 4. November 1847, wenige Tage vor der geplanten Aufführung, verstarb.

Das Textbuch des "Elias" folgt im wesentlichen der episodenhaften Schilderung des Lebens und Wirkens des Propheten Elias im alttestamentarischen Buch der Könige. Ausgangspunkt ist, daß das Volk Israel unter der Führung seines Königs Ahab von Jehova abgefallen war und sich dem Baal der Sidonier zugewandt hatte, von denen Ahabs Frau, Isebel, stammte. Gott strafte das Volk deswegen mit einer drei Jahre währenden Dürre, die Elias am Anfang des Oratoriums verkündet. Elias selbst wird gerettet, indem er von Raben am Bach Krith und, nachdem auch dieser ausgetrocknet war, von einer Witwe versorgt wird. Im Haus der Witwe findet das erste Wunder statt. Elias erweckt den verstorbenen Sohn der Witwe wieder zum Leben. Nach Ablauf der drei Dürrejahre fordert Elias, der einzige verbliebene Prophet Jehovas, König Ahab auf, die 450 Propheten Baals und ganz Israel auf dem Berg Kamel zu versammeln, wo man bei einem Opferwettstreit prüfen wolle, welcher der wahre Gott sei. Die Prüfung – beide Parteien hatten von ihrem "Gott" um Feuer für ihr Opfertier zu bitten – geht zu Gunsten Elias aus, der daraufhin die Propheten Baals am Bach Kison tötet. Die Szene ist der dramatische Höhepunkt des Oratoriums. Mit der Wiederkehr des Regens wird der erste Teil des Werkes beendet.

Im zweiten Teil wird die Auseinandersetzung zwischen Ahab und Elias weitergeführt. Isebel hetzt das Volk gegen Elias auf, worauf sich dieser resigniert in die Wüste zurückzieht. Dort fordern ihn Engel auf, den Berg Horeb zu besteigen. Nach einer Wanderung von 40 Tagen und Nächten gelangt Elias auf den Berg, wo ihm der Herr erscheint. Danach steigt Elias hinab in das Land Israel und nimmt den blutigen Kampf gegen den Götzendienst wieder auf, bei dem nur die 7000 Israeliten überleben sollten, die Jehova treu geblieben waren. Das Leben des Propheten endet damit, daß er mit einen feurigen Wagen, der von ebenso feurigen Rossen gezogen wird, in den Himmel auffährt. Am Schluß des Oratoriums werden Bezüge zum Neuen Testament und zum Kommen Christi hergestellt, als dessen Künder Elias erscheint.

Wie mit dem "Paulus" schuf Mendelssohn mit dem hochdramatischen "Elias" ein Oratorium für die Bedürfnisse seiner Zeit. Beide Werke knüpfen zwar an die barocke Oratorientradition an, führen diese jedoch in der Sprache der Frühromantik fort. Dem entsprechend wurden sie von den Zeitgenossen mit Begeisterung aufgenommen. Sie sollten in der Singbewegung des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle spielen. Mit der Wiederentdeckung der großen barocken Oratorien insbesondere Bachs und Händels, an der Mendelssohn entscheidend beteiligt war, ließ das Interesse an den beiden Werken im späten 19. Jahrhundert nach. Weitgehend in Vergessenheit gerieten sie in Deutschland im Zuge des Aufführungsverbotes während der Zeit des Nationalsozialismus, um in den letzten Jahrzehnten eine um so machtvollere Renaissance zu erleben.

Weitere Texte zu Werken Mendelssohns und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Komponisten- und Werkeverzeichnis

Für die folgenden Texte über einzelne Werke der Klassischen Musik wird grundsätzlich kein Urheberrecht geltend gemacht. Sie können daher ohne weiteres etwa in Konzertprogrammen vervielfältig oder anderweitig abgedruckt werden. Ich bitte aber darum, dass ich als Autor mit Web-Fundstelle (klheitmann.com) genannt werde und dass der Text nicht verändert wird; außerdem wäre ich dankbar, wenn mir von der Verwendung eine Mitteilung gemacht wird (über die Kommentarzeile, die sich an Anfang und Ende eines jeden Artikels befindet). Professionelle Konzertveranstalter sollten sich vor Abdruck mit mir in Verbindung setzen.

Auf Anfrage bin ich grundsätzlich bereit, weitere Texte etwa für Programmhefte zu schreiben. Außerdem kann ich vorhandene Texte entsprechend den Erfordernissen des jeweiligen Veranstalters umgestalten, insbesondere sie an den vorhandenen Platz anpassen. Anfragen können ebenfalls über eine Kommentarzeile an mich gerichtet werden.

Klaus Heitmann

 

D`Albert, Eugen(1864 –1932) Streichquartett Nr. 2 Es-Dur 1893
Albinoni, Tomaso (1671 – 1751) Concerti Op. 9 1722
Arriaga, Juan Chrisostomo (1806 – 1826) Symphonia a gran orquestra 1824
Bach, Johann Christian  (1735 – 1782) Konzertante Symphonie A-Dur 1771
Bach, Johann Sebastian  (1685 – 1750) Orchester-Ouvertüren 1717 ff
  Konzert für Oboe und Streichorch .1717 ff
  Konzert für 2 Violinen und Orch. d-moll 1717 ff
  Brandenburgische Konzerte 1717 ff
  Konzert für drei Trompeten und Orch 1717 ff
  Konzert für Violine, Oboe u  Orch d-moll 1717 ff
  Johannespassion 1724
  Kreuzstabkantate (Nr.56) 1726
  Weihnachtsoratorium 1734
Barber, Samuel  (1910 – 1981) Adagio für Streicher      1936
Bartók. Bela  (1881-1945) Konzert f. 2 Klaviere, Schlagzeug u. Orch 1938
Beethoven, Ludwig van  (1770 – 1827) Streichtrio Op. 9 Nr.3 c-moll   1798
  Romanze für Violine und Orch. Op 50 1800
  Bläsernonett (nach dem Septett Op.20) 1800
  Ouvertüre zum  Ballett  „„Die Geschöpfe des Prometheus”           1800
  Sonate für Violine und Klavier Op. 30 Nr. 3 1802
  Symphonie Nr. 2  Op. 36  1802
  Symphonie Nr. 3 Op.55 (Eroica) 1805
  Violinkonzert 1806
  Klavierkonzert Nr. 4 Op.58        1806
  Coriolan-Ouvertüre 1807
Bellini, Vincenzo    (1801 – 1835)     Salve Regina vor 1820
Berlioz, Hector  (1803-1869) Nuits d`été– 6 Orchesterlieder   1838
Bertali, Antonio (1605 –1669) Weihnachtsmotette Ecce illuxit nobis um 1650
Bizet, Georges  (1838 – 1875) Symphonie C-Dur 1856
  Arlésienne-Suiten Nr. 1 und 2 1872
  Carmen-Suiten Nr. 1 und 2 1875ff
Blumenfeld, Felix  (1863-1931) Sarabande aus „Les Vendredies“ 1880 ff
Borodin, Alexander  (1833-1887) Streichquartett Nr. 2 1881
Bossi, Enrico (1861- 1925) Orgelkonzert a-moll 1896
Brahms, Johannes  (1833-1897) Ein Deutsches Requiem 1866
  Violinkonzert D -Dur Op 81   1878
  Symphonie Nr. 2 D-Dur 1877
  Symphonie Nr. 3 F-Dur  1883
  Symphonie Nr. 4 e-moll  Op. 86 1886
  Konzert für Violine, Violoncello und Orch 1887
Britten, Benjamin  (1913 – 1976) Serenade  f. Horn, Tenor und Streichorch 1943
Bruch, Max  (1838 – 1920) Kol N idrei,  Adagio f. Violoncello  1880
  Konzert für Klarinette, Bratsche und Orch. 1911
Bruckner, Anton  (1824- 1896) Streichquartett c-moll 1862
  Nullte Symphonie d-moll 1869
  Symphonie Nr. 6 1880
  Symphonie Nr. 7 E-Dur 1883
  Symphonie Nr. 9 d-moll 1887-1896
Chausson, Ernest (1855- 1899) Poème für Violine und Orch 1896
Chopin, Frédéric  (1810 – 1849) Konzert für Klavier und Orch. Nr. 2 1830
Clementi, Muzio  (1752-1832) Symphonie in D um 1800
Corelli, Arcangelo (1653 – 1713) Weihnachtskonzert vor 1713
Cornelius, Peter (1824-1878) Weihnachtslieder Op. 8 1858/70
Debussy, Claude  (1862 – 1918) Petite Suite 1889
  Prélude à l`aprèsmidi d`un faune 1894
v. Dittersdorf, Carl Ditters (1733-1799)     Harfenkonzert vor 1777
v. Dohnányi, Ernst  (1 877- 1960)     Serenade für Streichtrio Op. 10 1903
Druschetzky, Georg (1745 – 1819) Partita Nr. 6 Es-Dur für Bläseroktett um 1800
Dukas, Paul (1865 – 1935)  Der Zauberlehrling 1897
Dvorak, Antonin  (1841 – 1904) Streicherserenade E-Dur 1875
  Violinkonzert a-moll 1879
  Symphonie N r. 7 d-moll 1884
  Symphonie Nr.8  G – Dur 1889
  Symphonie Nr 9-e-moll Aus der Neuen Welt 1894
  Cellokonzert h-moll 1895
Elgar, Edward  (1857 – 1934) Streicherserenade 1892
  Enigma-Variationen 1899
  Pomp and Circumstances March Nr. 1 1901
  Introduktion u. Allegro f. Streichquartett u. Streichorch 1905
Cellokonzert e-moll 1919
Fauré, Gabriel (1845 – 1924) Requiem 1887
Flotow, Friedrich v. Jubelouvertüre F-Dur  
Francaix, Jean   (1912 – 1997 Sept Danses für 10 Bläser 1935
  Divertissement für Fagott und Orch. 1942
  L`Horloge de Flore 1952
Franck, César  (1822-1890) Die sieben Worte Jesu am Kreuz 1859
  Symph. Variationen f. Klavier und Orch. 1885
Gade, Niels Wilhelm (1817 – 1890) Symphonie Nr. 7  F-dur 1864
  Ein Sommertag auf dem Lande 1880
  Holbergiana – Suite für Orch. 1884
Gershwin, George (1998 – 1937) Rhapsody in Blue 1924
Glasunow, Alexander  (1865-1936) Polka aus “Les Vendredis”  1880 ff
  Violinkonzert 1904
Gounod, Charles (1818 – 1893) Symphonie in D 1855
Graun, Johann Gottlieb (1703 – 1771) Konzert für Gambe u Orch a-moll um 1750
Grieg, Edvard  (1843 – 1907) Klavierkonzert a-moll       1868
  Norwegische Tänze 0p.35  1881
  Holbergsuite 1884
  Hochzeitstag auf Troldhaugen 1896
Händel, Georg Friedrich (1685 – 1759) Konzert für Harfe und Orch. Op.4 Nr. 6 1736
  Altus Arie aus der Oper Xerxes 1738
  Concerti grossi Op. 6 1739
  Der Messias  i. d. Bearbeitung v. Mozart 1741
  Doppelchöriges Orchesterkonzert B-Dur 1747
  Feuerwerksmusik 1749
Haydn, Josef  (1732 – 1809) Orgelkonzert C-dur 1756
  Cellokonzert Nr. 1 C-Dur 1761/65
  Symphonie Nr. 8  (Le Soir) 1761
  Cellokonzert  C-Dur 1761/65
  Symphonie Nr. 45 (Abschiedssymphonie) 1772
  Symphonie Nr. 88 G-Dur 1787
  Symphonie Nr. 92 (Oxford) 1789
  Konzert f. 2 Hörner u. Orch. (zugeschr) vor 1795
  Symphonie Nr. 103 (m. d. Paukenwirbel) 1795
  Trompetenkonzert 1796
  Streichquartett Op. 77. Nr.1 G-Dur  1799
  Te Deum f Chor u Orch  (HBV XXIII c:2) 1800
  Harmoniemesse 1802
Haydn, Michael  (1737 – 1806) Requiem c-moll 1772
Hensel- Bartholdy, Fanny Ouvertüre C-Dur 1832
Hindemith, Paul  (1895-1963) Tuttifäntchen 1921
Herzogenberg, Heinrich  (1843- 1900) Messe 0p. 87 1894
Hofmann, Leopold (1738-1793) Flötenkonzert D-Dur um 1770
Holzbauer, Ignaz (1711 – 1783) Missa in C um 1770
Homilius, Gottfried August  (1714-1785) Weihnachtsoratorium  1775
Hummel, Johann Nepomuk (1778 – 1837) Te Deum für Chor und Orchester 1806
Janacek, Leos  (1854 – 1928) Suite für Streicher 1874
Keiser, Reinhard  (1674-1739) Markuspassion um 1710
Khatchaturian, Aram  (1903 – 1978) Walzer aus der Maskerade-Suite  1944
Kozeluh, Leopold (1752-1818) Klarinettenkonzerte Nr.1 und 2 um 1800
Krommer. Franz Vinzent   (1760 –1831) Oktettpartita vor 1795
Lachner, Franz  (1803 – 1890) 5.  LeopoldOrchester Suite 1869
Lalo, Edoard  (1823 -1892) Symphonie espagnole 1874
Larsson, Lars-Erik (1908 – 1980) Concertino f Posaune u Orch 1955 ff
Liadow, Anatoly  (1855-1914) Polka aus Les Vendredis 1880 ff
v. Lindpaintner, Peter Josef (1791 – 1856) Konzertante Symphonie f. Flöte, Oboe, Klarinette,Horn, Fagott u. Orch. 0p. 36 B_Dur 1821
Liszt, Franz   (1811-1886) Les Préludes 1854
  Dante-Symphonie 1856
Mahler, Gustav (1860 – 1911) Lieder eines fahrenden Gesellen 1883/85
  Symphonie Nr. 1 D-Dur 1887
  Symphonie Nr. 4 1901
Mendelssohn-Bartholdy, Felix  (1809 – 1847) Magnificat für Soli, Chor u Orch. 1822
                                                 Konzert für Violine, Klavier u Orch 1823
  Konzert f 2 Klaviere u Orch E-Dur 1823
  Salve Regina f. Sopran und Streich-Orch 1824
  Kyrie d-moll f. Soli, Chor und Orch 1825
  Kantate „Vom Himmel hoch“ 1830
  Symphonie Nr. 5 (Reformations-Symph) 1830
  Psalm 115 1830
  Hebriden-Ouvertüre 1833
  Psalm 42 1837
  Psalm 95 für Soli, Chor und Orch 1839
  Lobgesang -Symphonische Kantate 1840
  Violinkonzert 1844
  Elias  Oratorium 1846
Mozart, Wolfgang Amadeus  (1756 – 1791) Exsultate Jubilate – Mottette     1773
  Symphonie g-moll V 183 1774
  Fagottkonzert B.Dur, KV 191 1775
  Divertimento für Bläser, Es-Dur 1775
  Konzert f. Violine  u. Orch. D-Dur KV 218 1775
  Konzert f. Flöte  u. Orch. G-Dur (KV 313); D-Dur (KV 314); Andante f. Flöte u. Orch. C-Dur (KV 315) 1777/8
  Konzert f. Flöte, Harfe u.Orch.C-Dur KV 299 1778
  Konzertante Symphonie für 4  Bläser KV Anh 10.64 1778
  Konzertante Symphonie für Violine u Viola  KV 364 1779
  Drei geistliche Hymnen  KV 345 1779
  Bläserserenade Es-Dur, KV 375 1781
  Gran Partita in B für Bläseroktett, KV 361 1781
  Symphonie D-Dur, KV 385 (Haffner) 1782
  Symphonie C-Dur, KV 425 (Linzer) 1783
  Klavierkonzert G-Dur, KV 453 1784
  Klavierkonzert d-moll, KV 466 1785
  Klavierkonzert C-Dur KV 467 1785
  Klavierkonzert A -Dur, KV 488 1786
  Klavierkonzert c-moll, KV 491 1786
  Konzertarien KV 505 und 528 1786/87
  Symphonie D.Dur, KV 540  (Prager 1786
  Klaviertrio G-Dur, KV 564   1788
  Streichtriosatz G-Dur (KV Anhang 66) 1788
  Streichquartett D-Dur, KV 575 1789
  Harmoniemusik aus der „Zauberflöte“ 1791
  Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 1791
  Requiem 1791
Mussorgski, Modest (1839 – 1881) Eine Nacht auf dem kahlen-Berge 1867
  Bilder einer Ausstellung 1874
Nicolai, Otto (1810-1949) Ouvertüre über „Eine feste Burg ist unser Gott“  für Chor und Orch 1836
   Ouvertüre zu „Die lustigen Weiber von Windsor“ 1869
Offenbach, Jaques Gaité Parisienne 1864
Paganini, Nicolo  (1782 – 1840) Violinkonzert Nr.1 D-Dur 1816
Paisiello, Giovanni ( 1740-1809) Weihnachtsmotette Pastorali jam concentu um 1770
Pez, Johann Christoph (1664 – 1716) Pastorale f 2 Blockföten u Streichorch um 1700
Poulenc, Francis  (1899- 1963) Konzert für zwei Klaviere u Orch 1932
  Konzert f Orgel, Streicher u Pauke 1938
  L`Embarquement pour Cythere 1951
  Capriccio d`après Le Bal masqué 1952
Prokofieff, Serge  (1891-1953) Sonate für Cello und Klavier 1949
Rachmaninow, Sergej  (1873 – 1943) Klavierkonzert Nr.2 1901
  Symphonie Nr. 2 1907
  Symphonische Tänze 1940
Ravel, Maurice (1875 – 1937) Introduktion und Allegro für Harfe, Streichquartett, Flöte und Klarinette 1905
  Tzigane – Rhapsodie f Violine und Luthèal od. Orch 1924
Reicha, Anton  (1770 – 1836) Te Deum 1825
Respghi, Ottorino  (1879 – 1936) Antiche Danze ed Arie 1917 ff
Rheinberger, Josef Gabriel (1839 – 1901) Orgelkonzert F-Dur 1884
  Weihnachtskantate „Der Stern von Bethlehem“ 1890
Rimski-Korsakow  Nicolai  (1844 – 1908) Scheherazade 1888
Ritter, August Sinfonia concertante f 2 Fagotte u Orch                 1806
Rodrigo, Joaquin (1901-1999) Concierto de Aranjuez 1939
Romberg, Bernhard   (1767 – 1841)        Konzert f. Flöte u.Orch. h-moll 1810
Rossini, Gioachino (1792 – 1868) Ouverture zur Oper Die Italienerin in Algier 1823
Rota, Nino (1911 – 1979) Konzert für Posaune und Orchester 1966
Rott, Hans (1858-1884) Symphonie Nr. 1 E-Dur 1880
Rutter, John  (geb. 1945) Magnificat 1990
Saint-Saens, Camille  (1835 – 1921) Oratorio de Noel 1858
  Konzert f. Violoncello u. Orch. a-moll 1872
  Orgelsymphonie 1886
Say, Fazil Konzert f. 2 Klaviere u. Orch. Gezi Park 1 2013
Sallinen, Aulis  (geb. 1935) Aspekte des Trauermarsches   von    Pelroniemi Hintik  f Streichorch 1969
Schmidt, Franz (1874 –1939) 1. Symphonie E-Dur 1899
Schostakowitsch, Dimitri  (1906-1975) 1. Ballett-Suite 1929
  Konzert für Klavier, Trompete u Streichorch 1929
  Cellokonzert Nr.1 1933
Schubert, Franz  (1797 – 1828) Ouvertüre c-moll 1811
  Symphonie Nr.3  D-Dur 1815
  Messe in G-Dur 1815
  Symphonie Nr. 5  B-Dur 1816
  Streichtrio B- Dur D 581 1817
  Symphonie Nr. 8  h-moll  (Unvollendete) 1822
  Zwischenaktmusik Nr. 3 zu Rosamunde 1823
  Symphonie Nr. 9C-Dur 1825
  Klaviertrio B-Dur Op. 99 1828
  Intende voci f. Tenor Solo, Chor u. Orch. 1828
  Quintett C-Dur 1828
Schumann, Clara (1819 – 1896) Konzert f. Klavier u. Orch. 1833 -1835
Schumann, Robert  (1810-1856) Streichquartett A-Dur, Op. 41. Nr.3 1842
  Konzertstück für vier Hörner u Orch 1849
  Cellokonzert a-moll, Op.129 1850
Sibelius, Jean   (1865 – 1957) Violinkonzert d-moll 1903
Sokolow, Nicolai (1859-1922) Polka aus „Les Vendredies” 1880 ff
Spohr, Louis  (1784 – 1859) Violinkonzert Nr. 8 (Gesangsszene) 1816
Stamitz , Karl  (1745 – 1801)        Konzert für Bratsche und Orchester  vor 1772
Stanford, Charles Villiers (1852-1924) Magnificat um  1900
Stradella,  Alessandro  (1644 – 1682) Sonate für acht Streicher und Trompete vor 1717
Strauß, Johann  (1825 – 1899)            Rosen aus dem Süden,  Walzer 1880
Strauss, Richard  (1864 – 1949) Suite B-Dur f. 13 Blasinstrumente Op.41 1884
  Konzert für Oboe u. kleines Orch 1845
  Duett-Concertino für Klarinette, Fagott u Streicher 1947
Strawinski, Igor (1882 – 1971) Feuervogel-Suite 1910
Strawinski, Igor   (1882 – 1971) Pulcinella-Suite 1919
  Zirkus Polka 1942
Svendsen, Johan (1840 – 1911) Symphonie Nr. 1 1867
Telemann, Georg Philipp  (1681 -1767) Konzert f 2 Flöten, Violine, Cello u Streicher um 1715
  Aventskantate „Machet die Tore weit“ 1719
Thomas, John  (1826 – 1913) Cambria“  Duo für 2 Harfen 1863
Tschaikowski, Peter    (1840-1893) Symphonie Nr. 1 _(Winterträume) 1866
  Phantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ 1869
  Klavierkonzert Nr. 1 b-moll 1875
  Symphonie Nr. 4 f-moll 1877
  Rokoko-Variationen  für Violoncello u Orch 1877
  Nussknacker-Suite Op.71A 1892
  Symphonie Nr. 6  h-moll  (Pathétique) 1893
Tscherepnin, Alexander (1899 – 1977) Sonatina für Pauken und Orch 1918
Vanhal, Johann Baptist Konzert f. Kontrabass u. Orch um 1775
Vaughan Williams, Ralph (1842-1958) Tallisfantasie f Streichorch 1910
Vivaldi, Antonio (1648 – 1741)

Gloria für Chor Soli  u. Orch.

Konzert für 2 Violinen, 2 Oboen, 2 Flöten, 2 Klarinetten, Fagott und Streichorch.  C-Dur RV 556

vor 1717

um 1720

Wagner, Richard  (1810-1883) Wesendonk-Lieder 1857
  Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“ 1857
  Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ 1862
  Siegfried Idyll 1870
v. Weber, Carl Maria   (1786 –1826)                Andante e Rondo ungarese f. Bratsche u. Orch  1809
  Ouvertüre zur Oper „Der Freischütz“ 1821
Weiner, Leo  (1885 – 1960) Serenade für kleines Orchester Op. 3 1906
Zumsteeg, Johann Rudolf (1716 – 1802)     Symphonie D-Dur um 1800
     
     
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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia – Teil 1

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Singapur   20.3.1985

Was tun? Wir haben uns in Singapur getroffen. Judi und die Kinder sind aus Australien gekommen, ich selbst aus Europa. Aber der Plan, gemeinsam nach Bali zu fahren, hat sich zerschlagen. Die Flugreise für fünf Personen sprengt entgegen den Erwartungen das Familienbudget. Jetzt lässt die geographische Lage Singapurs am Ende einer zweitausend Kilometer langen Halbinsel nur noch eine Möglichkeit – nach Norden zu reisen. Also Malaysia. Es gibt nicht viel zu überlegen. Das schwere Gepäck bleibt in unserem chinesischen Hotel in der Altstadt von Singapur. Jeder bekommt einen kleinen Rucksack. Noch einmal Duschen mit Hilfe von Blechbüchsen im Hotel, Essen in dem kleinen Restaurant, das sich in seinem Untergeschoß befindet. Wo fährt der Bus nach Malaysia ab? Gleich um die Ecke! Dann also los: Familie mit kleinen Kindern, 6, 7 und 9 Jahre alt, auf Entdeckungsreise in Südostasien, kein Plan, kein Ziel.

Wir wissen nichts über Malaysia. Erste Hinweise gibt es an der Grenze. Zwei freundliche junge Männer in einer winzigen Holzhütte, die offenbar das Tourist Office sein soll, empfehlen nach einem Blick auf unser spärliches Gepäck Tioman – also auf nach Tioman. Es soll eine Insel im südchinesischen Meer sein.

Der Bus endet gleich nach der Grenze. Taxifahrer und Geldwechsler umlagern uns. Aber man muß die ersten Angebote abwehren. Wir laufen den kurzen Weg zum Grenzort Jahor-Baharu. Gut warm ist es. Eine Dusche wäre fällig. Obwohl es erst früher Nachmittag ist, fährt der nächste Bus, wie sich an der Busstation herausstellt, nicht vor dem nächsten Morgen. Das ist nicht mehr die brodelnde Millionenstadt Singapur. Die Dinge gehen hier einen gemächlicheren Gang.

Die Vorstellung, den restlichen Tag und die Nacht in J-B, wie die Einheimischen sagen, zu verbringen, einem Grenzkaff ein paar Kilometer von Singapur, klingt nicht gerade nach Abenteuer. Also treten wir dem Gedanken näher, ein Taxi nach Mersing, das immerhin 200 Kilometer entfernt ist, zu nehmen. Die Entscheidung wird uns dadurch erleichtert, dass es jetzt nur noch die Hälfte von dem kostet, was 500 Meter weiter, an der Grenze, verlangt wurde (40 statt 80 DM).

Ein freundlicher Inder fährt uns durch endlose Plantagenlandschaften – Ölpalmen und Gummibäume in langen Reihen, immer im gleichen Abstand. Dann folgen vielversprechende Dschungelgebiete, Berge, auf denen Riesenbäume in den Himmel ragen, wodurch die dichtbewachsenen Kämme merkwürdig licht erscheinen. Einmal hält der Inder an, zum Kauf von Melonen und Kokusnüssen.

Unser Fahrer erzählt von seiner Familie und seinem Leben in Malaysia. Vor zwanzig Jahren ist er als junger Mann aus Indien eingewandert, um eine Inderin aus der gleichen Kaste zu heiraten. Dass er Indien verlassen habe, sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, meint er. Gott froh sei er, diesem armen, überfüllten Land mit all seinem Elend, den einschnürenden Lebensregeln und seinem unberechenbaren Klima entkommen zu sein. In Malaysia habe er ein ausreichendes Einkommen, besitze ein eigenes Haus in Mersing und könne der Zukunft seiner drei Kinder mit großer Hoffnung entgegensehen. Malaysia sei überhaupt in allem das Gegenteil von Indien, wohlhabend, dünn besiedelt, reich an Bodenschätzen; es gebe Wasser im Überfluss und die Menschen könnten sich freier bewegen.

Unter diesen Lobpreisungen erreichen wir nach dreistündiger Fahrt Mersing. Unser Fahrer sucht uns sogar noch das Hotel. Was er uns zuerst ein Stück außerhalb der Stadt am Meer anbietet, ist zauberhaft, sieht aber nicht nach unserem Geldbeutel aus. Wir sind froh, dass kein Zimmer frei ist. Dann findet er uns ein kleines Hotel in der Stadt, das von einer chinesischen Familie be-trieben wird. Das Zimmer ist Teil der Wohnung, vor unserem Einzug haben darin noch die Kinder der Wirtsfamilie gespielt. Jetzt werfen sie den blonden Neuankömmlingen neugierige Blicke nach.

Wir brechen zur Stadtbesichtigung auf. Mersing ist ein freundliches Provinznest mit einer Moschee, einem indischen und einem chinesischen Tempel und allen sonstigen Einrichtungen, die für die drei Hauptreligionen dieses Landes erforderlich sind. Wir machen einen nächtlichen Spaziergang zum Bootshafen, der sich in der Flussmündung befindet, und hören uns um nach Travellers-Informationen für die Reise nach Tioman. Nach dem Essen in einem Restaurant, das reichlich zu scharf geraten war, gehen die Kinder ins Bett; die Erwachsenen nach einem weiteren Bummel durch die schon ausgestorbene Stadt. Morgen werden wir endgültig festes Land verlassen.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

1832 Fanny Hensel (1806-1847) Ouvertüre C-Dur

„Die verkannte Schwester“, „Wer war Fanny Hensel?“, oder „Mendelssohn Schwester“, lauten die Titel einiger der zahlreichen Bücher, die in den letzten Jahren über diese Musikerin erschienen sind. Das mehr oder weniger erklärte Ziel dieser Veröffentlichungen ist, Fanny Hensel aus dem Schatten ihres Bruders zu ziehen. Es geht aber auch darum zu zeigen, dass die Fähigkeit zum Komponieren keineswegs nur den männlichen Geschlecht gegeben, der tatsächliche Mangel an Komponistinnen vielmehr wesentlich eine Folge der gesellschaftlichen Umstände sei.

Fanny Hensel hatte, wie viele Zeitgenossen bezeugten, eine ähnliche Begabung wie  ihr 3 ½ Jahre jüngerer Bruder. Dies wurde von den Eltern auch nicht verkannt. Sie gaben ihr die gleiche Ausbildung und viele Möglichkeiten, sich musikalisch und gerade auch kompositorisch zur betätigen. Dazu gehörten insbesondere die sog. Sonntagsmusiken vor geladenen Gästen, die man zur Ermunterung der Kinder und zur Präsentation ihrer musikalischen Fähigkeiten ins Leben gerufen hatte. Allerdings hatten die Eltern schon bei Felix erhebliche Probleme mit der Vorstellung, dass er die Musik zum Gegenstand seines Berufes machen könnte. Die jüdische (Bankiers)Familie hatte alles getan, um in den gehobenen Kreisen der Berliner Gesellschaft Fuß zu fassen und dafür sogar den ererbten Glauben aufgegeben. In diesem Kreisen galt es als wenig schicklich, mit Musik Geld zu verdienen. Eine Musikerkarriere kam daher für Felix nur in Frage, nachdem man sich gründlich vergewissert hatten, dass er ganz oben mitspielen und die gesellschaftliche Höhe halten konnte, welche die Familie gerade erreicht hatte.

Für eine Frau kam eine solche Karriere aber noch weniger in Betracht. Vater Abraham schrieb daher seiner musikbegeisterten Tochter bereits als sie 15 Jahre alt war: „Die Musik wird für ihn (Felix) vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tun werden kann und soll.“ Felix teilte diese Auffassung, soweit es eine öffentliche Tätigkeit seiner Schwester betraf. Deswegen wandte er sich immer entschieden gegen eine Veröffentlichung von Fannys Werken. Einige ihrer Klavierstücke hat er unter seinem eigenen Namen drucken lassen, allerdings kaum, um sich ihre Leistung zu Eigen zu machen, sondern wohl um Fannys Werk wenigstens indirekt an die Öffentlichkeit zu bringen.

Fanny hat sich an die familiäre Vorgabe nur teilweise gehalten. Die Musik hatte für sie immer weit mehr als nur ornamentalen Charakter. Mit wenigen Ausnahmen ist sie damit aber tatsächlich nicht an die Öffentlichkeit getreten. Sie beschränkte ihre musikalische Aktivität vielmehr im Wesentlichen auf den häuslichen Kreis. Dazu gehörten allerdings auch die Sonntagsmusiken im großen Gartensaal des herrschaftlichen Anwesens der Familie, die in Berlin zu einer Institution wurden. Fanny hatte diese Musiken, die wegen des Wegzuges ihres Bruders aus Berlin eine Zeit lang eingestellt gewesen waren, im Jahre 1831 mit finanzieller Unterstützung ihres Vaters als eine eigene private Konzertreihe wieder begründet und bis zu ihrem Tode als Organisatorin und regelmäßige Dirigentin geleitet. In diesem Rahmen kamen auch Werke aus ihrer Feder zur Aufführung. Dem Charakter dieser salonartigen Veranstaltungen entsprechend handelt es sich bei ihren Kompositionen im Wesentlichen um „Hausmusik“, Lieder vor allem, Klavierstücke und sonstige Kammermusik.

Ausnahmen von der intimen Form sind einige Chorwerke mit Orchesterbegleitung und insbesondere die Ouvertüre in C-Dur, ihr einziges reines Orchesterwerk. Fanny schrieb dieses Stück, das ersichtlich von Felix Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ inspiriert ist, im Jahre 1832 vermutlich in Hinblick auf den Neubeginn der Sonntagskonzerte. Offensichlich ging es ihr mit dem schwungvollen und konsequent gearbeiteten Werk  in erster Linie darum, gute Laune zu erzeugen. Man kann es daher, ganz ohne Abwertung, als ein Salonstück bezeichnen.

Die Ouvertüre kam erstmalst im Jahre 1834 bei einer Sonntagsmusik mit dem Königsstädter Orchester unter dem Dirigenten Lecerf zur Aufführung. Darüber berichtete Fanny in einem Brief an Felix vom 4. Juni 1834, der auch zeigt, welche Probleme Fanny zunächst auch mit ihrer Rolle als Dirigentin hatte. Zum Verständnis dieses Briefes ist vorauszuschicken, dass seinerzeit im Wesentlichen vom Klavier und/oder mit einem eher groben Stock dirigiert wurde  und dass  Felix Mendelssohn kurz zuvor als einer der ersten damit begonnen hatte, einen Taktstock im heutigen Sinne zu benutzen.  Fanny schreibt zunächst, dass Lecerf sich am Anfang des Konzertes „die Finger zerklopft“ habe, weswegen sie ihm Felix` leichtes Dirigierstäbchen übergeben habe. „Nachher“, fährt sie fort, „ließ ich meine Ouvertüre spielen und stellte mich dabei an das Klavier und da flüsterte mir der Teufel in Lecerfs Gestalt zu, das Stöckchen in die Hand zu nehmen. Hätte ich mich nicht so entsetzlich geschämt, und bei jedem Schlag geniert, so hätte ich ganz ordentlich damit dirigieren können.“ Im Übrigen war sie aber mit ihrem Werk zufrieden. „Es amüsierte mich sehr“, fährt sie fort, „das Stück nach  2 Jahren zum ersten Mal zu hören und ziemlich alles so zu finden, wie ich es mir gedacht hatte.“

Weitere Texte zu Werken von rd. 70 Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1823 Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809- 1847) Konzert für zwei Klaviere und Orchester E-Dur

Anders als die meisten seiner großen Vorgänger und Nachfolger, die aus eher kleinen Verhältnissen kamen, wuchs Mendelssohn in einer sehr wohlhabenden und intakten großbürgerlichen Familie auf. Ihm fehlte es von Haus aus an nichts und er hätte sich, wie so viele „Erben“, auf den Genuss dessen beschränken können, was in seinem Umfeld schon vorhanden war. Umso beeindruckender ist, mit welchem Ergeiz und mit welcher Ernsthaftigkeit sich der junge Felix bereits im Knabenalter der aufwendigen Prozedur einer umfassenden musikalischen Ausbildung unterzog, zumal dies seinerzeit eher Sache derer war, die darauf angewiesen waren, mit Musik Geld zu verdienen, oder sich gesellschaftlich  noch zu etablieren gedachten.

Mendelssohns besonderer Impetus hat neben hoher Begabung ohne Zweifel nicht zuletzt mit seinem familiärem Umfeld zu tun, wo sich Musikbegeisterung und Leistungsbereitschaft auf besondere Weise paarten. Die außerordentliche Wertschätzung, die man in der Familie Mendelssohn der Musik entgegenbrachte, zeigt sich bereits bei Felix` Großvater Moses Mendessohn, dem großen Philosophen der Spätaufklärung. Im elften Kapitel seines Traktates „Über die Empfindungen“ aus dem Jahre 1755 heißt es über die Musik: „Göttliche Tonkunst! Du bist die einzige, die uns mit allen Arten von Vergnügen überrascht! Welch süße Verwirrung von Vollkommenheit, sinnlicher Lust und Schönheit!“ Betrachtet man rückblickend Mendelssohns Gesamtwerk, so will es einem erscheinen, als habe der Enkel diese Worte zum Motto für sein kompositorisches Schaffen genommen. Möglicherweise bedingt durch die glücklichen Umstände, unter denen er aufwuchs, ging sein kreativer Impuls eher dahin, Vollkommes und Schönes zu gestalten als Ausdrucksmöglichkeiten für das Problematische zu suchen.

Leistungsbereitschaft war bei den Mendelssohns Familientradition und hatte ohne Zweifel nicht zuletzt damit zu tun, dass sich die jüdische Familie in der protestantischen Mehrheitsgesellschaft etablieren wollte. Schon Moses Mendelssohn war nicht nur ein bedeutender Denker und „ein vortrefflicher Theoretiker der Musik“ – so Gerbers Lexikon der Tonkünstler von 1790 – sondern auch Direktor einer Seidenfabrik. Seine Söhne gründeten und führten mit großem Engagement eine Bank, welche der Familie binnen kurzem erheblichen Wohlstand brachte. Auch die Mutter des Komponisten stammte aus einer erfolgreichen Bankiersfamilie. Felix Mendelssohns Eltern taten alles, um auch bei ihrem hochbegabten Jungen die Bereitschaft zu fördern, etwas Besonderes zu leisten. Ihr Bildungsplan war allerdings durchaus nicht auf die Musik eingeengt. Dazu gehörte etwa auch das Erlernen alter und neuer Sprachen und des Zeichnens, aber auch des (Brief)Schreibens, Gebiete auf denen Felix ebenfalls erstaunliche Leistungen erbrachte. Als sich aber das außerordentliche musikalische Talent ihres Jungen herauskristallisierte, legten sie besonderes Gewicht auf die Förderung dieser Fähigkeit. Im Gleichschritt mit seiner ebenfalls musikalisch hochbegabten Schwester Fanny erhielt Felix Unterricht von erstklassigen Musikpädagogen. Zugleich sorgten die Eltern dafür, dass die jungen Musikadepten auch die nötigen Erfolgserlebnisse hatten. In ihrem großzügigen Berliner Haus konnten sie die Bühne bieten, auf dem bei den sog. Sonntagskonzerten die jeweils neuesten Werke der Kinder, darunter mehrere Singspiele von Felix  zur Aufführung kamen. Hinzu kam die Ermunterung durch ein soziales Umfeld, das von ihm begeistert war. Bekanntlich schenkte selbst der alternde Goethe dem Jungen seine volle Aufmerksamkeit.

Der frühreife Knabe konnte denn auch von der Musik nicht genug bekommen. Felix begnügte sich nicht mit dem Klavierspiel, sondern studierte parallel dazu gleich auch noch die Violine. Im Alter von zehn Jahren begann er dazu mit musiktheoretischem Unterricht beim Berliner Musikpatriarchen Carl Friedrich Zelter. Zelter befasste das Kind mit so grundlegenden und kniffeligen musikalischen Techniken wie Bezifferter Bass, Fuge und Kontrapunkt, in denen  Felix fleißig Übungsarbeiten fertigte. Ermuntert durch seinen Lehrer fing er aber auch gleich damit an, durchkomponierte Werke im Stile der Klassiker zu schreiben. Bereits in seinem ersten Jahr als Kompositionsschüler schrieb er fast 60 Stücke.

Das Spektrum der Werke des jungen Mendelssohn ist außerordentlich weit und ist in seiner vollen Breite erst in den letzten Jahrzehnten bekannt geworden. Das erste Verzeichnis seiner Werke von 1882 unterdrückte das Jugendwerk und enthielt nur 350 Kompositionen, das neue Verzeichnis von 2009 listet hingegen 750 Werke auf. Zu den Jugendwerken gehören auch zwei Konzerte für zwei Klaviere und Orchester in E-Dur bzw. As-Dur, die Mendelssohn im Alter von 14 bzw. 15 Jahren komponierte. Sie wurden wie die meisten Werke aus dieser Zeit für die Sonntagskonzerte geschrieben.

Das Konzert in E-Dur vollendete Mendelssohn im Oktober 1823 und schenkte es seiner Schwester wohl zum Geburtstag. Als Modell scheint ihm Beethovens 5. Klavierkonzert gedient zu haben, zu dem es verschiedene Parallelen aufweist. Erstmals gespielt wurde das Stück von Felix und Fanny am 7. Dezember des gleichen Jahres bei einer Sonntagsmusik in Anwesenheit des berühmt-berüchtigten Salonklaviervirtuosen Kalkbrenner. Mangels Orchester spielten sie dabei auch die Orchestertutti. Ein weiteres Mal spielten die beiden das Werk ein Jahr später zu Fannys Geburtstag am 14. November 1824. Unter den Zuhörern war diesmal der Klaviervirtuose Ignaz Moscheles, den Felix` Mutter anschließend darum bat, ihrem Sohn Unterricht zu geben. Dabei zeigte Felix ihm auch das inzwischen fertig gestellte zweite Doppelkonzert in As-Dur. Moscheles notierte in seinem Tagebuch: „Der fünfzehnjährige Felix ist einer Erscheinung, wie es keine mehr gibt! Was sind alle Wunderkinder neben ihm? Sie sind eben Wunderkinder und sonst nichts; dieser Felix Mendelssohn ist ein reifer Künstler…“.

Im Doppelkonzert in E-Dur zeigt Mendelssohn nicht nur, dass er voller beglückender melodischer Einfälle ist, kompositorische Finessen wie verschachtelte Fugatos und mehrstimmige Engführungen beherrscht und Themen hoch komplex verarbeiten kann. Das Werk spiegelt auch die geradezu symbiotische Beziehung, welche in menschlicher in künstlerischer Hinsicht zwischen den beiden Geschwistern bestand. In den beiden Ecksätzen werfen sich die beiden Solisten mal improvisationsartig und übermütig, mal streng und formal die Bälle auf gleicher Ebene zu, wobei jeder ausreichend Gelegenheit erhält, technische Brillianz zu demonstrieren. Im langsamen Mittelsatz erscheinen aber zwei deutlich unterschiedene Temperamente. Er wird von einem langen lyrischen Solo des ersten Klaviers eingeleitet, dass weiblich schwärmerische Züge trägt. Dies  kann man wohl  der Schwester zuordnen. Es folgt ein ebenso langes Solo des zweiten Klaviers von deutlich zupackenderem Charakter. Darin dürfen wir sicherlich das Selbstverständnis des Bruders dargestellt sehen. Im dritten Teil musizieren die Beiden schließlich selig in geschwisterlicher Harmonie vereint.

Mendelssohn scheint das E-Dur Konzert besonders geschätzt zu haben, was möglicherweise auch mit dem Bezug zur Schwester zu tun hat. Anders als die meisten anderen Werke seiner frühen Jugend hat er es später nicht verworfen. 1830 überarbeitete er das Stück sogar und führte es mit Moscheles in England auf. Auch Moscheles hielt das Werk in Ehren und spielte es 13 Jahre nach Mendelssohns Tod noch einmal für seine Kollegen am Leipziger Konservatorium, wohin Mendelssohn, der das Konservatorium gegründet hatte, seinen ehemaligen Lehrer als Klavierlehrer geholt hatte. Dabei gab Moscheles den Namen des Komponisten in Anspielung auf die Frühbegabung Mendelssohns zunächst mit F. Knospe an, wahrscheinlich weil er ein unbefangenes Urteil seiner Kollegen hören wollte. Danach lag das Konzert in einem hundertjährigen Dornröschenschlaf im Mendelssohn-Nachlass in der Berliner Staatsbibliothek. Da diese nach dem  zweiten Weltkrieg im Ostteil der alten Reichshauptstadt lag, war es für den Westen zunächst nicht zugänglich. Anfang der 50-er Jahre des 20. Jh. kam dann im Rahmen von Bücherschmuggelgeschäften zwischen Ost- und Westberlin eine Mikrofilmaufnahme der beiden Doppelkonzerte nach New York. Seitdem wird das Werk wieder gerne gespielt.