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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 15

2.4.1985

K L. Vom Hotel aus laufen wir im Schatten der schmalen Laubengänge durch die Reste des Chinesenviertels mit seinen überquellenden Läden. Irgendwo geraten wir in einen chinesischen Tempel mit weitläufigen Haupt- und Nebenräumen, alle mit rot-schwarzem Gebälk und reichen Goldornamenten ausgestattet. Dann kommen Viertel aus neuerer Zeit. Leider fehlen hier die erprobten Laubengänge – vermutlich weil diese Art internationaler Architektur hier genauso wie in Toronto aussehen muss, wo man keiner Laubengänge bedarf. Es wird also heiß.

Eine Zeitlang suchen wir Schutz in einem supermodernen riesigen Bankgebäude. In der weiten Schalterhalle herrscht vielrassige Geschäftigkeit. Nonnenhaft verhüllte islamische Malayinnen arbeiten neben Chinesinnen, die nach dem letzten Schick herausgeputzt sind, wahre Paradiesvögel die einen, trocken prosaisch die anderen, dazwischen Inderinnen, modern und mit dem traditionellen Sari gekleidet. Die Männer geben sich modisch und hell. Es ist das bunte Bild einer jugendlich fühlenden Gesellschaft in Aufbruchstimmung. Von Abkapselung und Intoleranz, die Malaysia schon einige Unruhe beschert haben, ist nichts zu spüren.

Erholt von diesen kühlen Hallen begeben wir uns ins "alte" Zuckerbäckerviertel um den Bahnhof. Türmchen und Erkerchen, Dachhelme und Hufeisenbögen – an den kolonialen Verwaltungsgebäuden ist die ganze Pracht islamisch-asiatischer Formen aufgeboten. Dazwischen fällt der Blick auf die neuen Betongebirge, die den Charme von Tafelbergen ausstrahlen. Aus neuerer Zeit ist auch die Nationalmoschee, ein antizuckerbäckerischer Geradlinienbau, der nicht viel mehr als eine beachtliche Ausdehnung und teure Materialen zu bieten hat. Zur Besichtigung müssen wir uns eine dunkle Robe überwerfen. Darunter können wir ermessen, welche heiße Prüfungen Allah für die Ungläubigen bereit hält.

Nach dem religiösen Nationalmonument folgt das weltliche. Wir sind wieder am Ölfirmengebäude. Diesmal gehen wir hinein – schon weil es darin kühl ist. Drinnen glänzt und blitzt es von poliertem Marmor und Messing. Zum vollständigen Klischee von der geldtriefenden Ölbranche fehlt eigentlich nur noch, dass der „Dallas“-Filmbösewicht J. R. Ewing, der hierzulande ein großes Publikum hat, aus einem der Aufzüge tritt. In dem geschäftigen Gebäude herrscht die Reinlichkeit des Kampongs, allerdings multipliziert mit der Anzahl der Stockwerke des Büroturmes. Zwei Frauen gehen ständig mit überdimensionalen Staubwischern über den ohnehin schon spiegelblanken Steinboden der Eingangshalle.

Nicht weit von diesem Geldtempel befindet sich mitten im Stadtzentrum der Cricket-Club, eine naiv-ländliche Kolonialidylle im Tudorstil mit einem ziemlich platzgreifenden saftig grünen Rasen, das Ganze umragt von Wolkenkratzern.

Wir schlendern durch das traditionelle Geschäftsviertel, bewundern die prächtigen indonesischen Batiken mit ihren sattbraunen Farben auf hellem Untergrund und staunen über Korkschnitzereien aus China, haarfeinen Gebilden, die in immer neuen Variationen luftige Pavillons mit geschweiften Dächern zeigen, die in knorrigen, durchweg von zwei Störchen bevölkerten Landschaften stehen. Am Eingang eines jeden Geschäftes sind Verkaufsstände für die vielfältigen technischen Kleinwaren, die in Süd- und Ostasien hergestellt werden, Taschenrechner, Computerspiele, Billigquarzuhren und Ähnliches. Wir decken uns mit Reisemitbrinseln ein. Die Hitze ist auf dem Höhepunkt angekommen. Deswegen suchen wir in den Kaufhäusern vornehmlich die Nähe der Düsen, aus denen die klimatisierte Luft strömt. Manche der berüchtigten tropischen Erkältungen hat darin ihre Ursache.

Mittagsrast – der Schweiß fließt dabei in besonders ergiebigen Strömen. Wir lassen uns in einem jener Restaurants am Straßenrand nieder, in denen die Einheimischen zu essen pflegen, bestehend aus dem überdachten Gang entlang eines Gebäudes, Tischen und Stühlen in dessen Schatten und einer Reihe improvisierter Küchen, die sich halb auf der Straße befinden. Aus den Gasflaschen strömen mit großem Druck die Flammen, mit denen in zahlreichen Kesseln und Pfannen so heftig gekocht und gebraten wird, dass kaum ein magenturburlierendes Bakterium eine Chance auf Überleben haben dürfte. Die ohnehin durch drangvolle Enge und Menschenmassen wohltemperierte Umgebung wird dadurch noch zusätzlich aufgeheizt. Eine jener köstlichen Nudelsuppen, nahe dem Siedepunkt serviert, tut bei stehender Luft ein Übriges, um unseren Flüssigkeitshaushalt in Bewegung zu halten.

Es ist Mittagszeit. Von überall kommen die Berufstätigen und lassen sich in dem engen Gang nieder. Die chinesischen Köche hantieren mit der Fingerfertigkeit von Taschenspielern in ihren Kochgefäßen. Elegant befördern sie die vorbereiteten Zutaten aus zahlreichen Tellern und Schalen in die brodelnden Töpfe und zischenden Pfannen. In wenigen Minuten sind die schmackhaftesten Gerichte hergestellt. Man darf sich allerdings nicht daran stören, dass dazu auch rohe Fischaugen von der Größe einer mittleren Glasmurmel gehören können.

Wir brechen zur großen Batu-Höhle auf. Einer der vielen Kleinbusse bringt uns in mühsamer, immer wieder von Staus unterbrochener Fahrt an den Rand der Stadt. Er hält vor einem steilen Berg, an dessen Fuß umfangreiche Anlagen zum Empfang größerer Publikumsmassen zu sehen sind. Eine lange steile Treppe – schon ihr bloßer Anblick erzeugt Schweißausbrüche – führt in die riesige Höhle. Der Ort ist wahrlich wildromantisch. Oben am Eingang der Höhle hängen Felsspitzen, die wie in Gustav Dore’s Höllenbildern gewissermaßen mit der Schwerkraft nach unten gewachsen zu sein scheinen. Die Höhle – 50 bis 80 Meter hoch und breit und mehr als doppelt so lang – ist eine heilige Stätte der Hindus. In ihrer bizarren Wildheit scheint sie wie geschaffen für die hinduistische Mystik, die zum Düsteren neigt und daher das Höhlenleben liebt. In einigen Felsnischen sind Brahmanen mit nacktem Oberkörper und weißen Streifen im Gesicht, die mit rußigen Flammen hantieren. Man kann in den dunklen Ecken der Höhle die Spuren größerer Brandopfer sehen. Es fällt nicht schwer, sich das große Hindufest vorzustellen, das hier jedes Jahr stattfindet: Zehntausende, in bunte Tücher gehüllt, füllen dann den Felsendom, allenthalben steigt dunkler Rauch auf, Messingschlagwerk erklingt in eintönigen Rhythmen, gelegentlich hebt ohrenbetäubender Lärm von plärrenden Blasinstrumenten an, der im hohen Gewölbe wiederhallt.

Nach hinten öffnet sich die Höhle wieder. Man findet sich am Boden einer kraterartigen Öffnung. Kreisrunde Wände steigen etwa 50 Meter senkrecht in die Höhe, wo man einen Ausschnitt des Himmels sieht. In den Wänden tummeln sich zahlreiche kleine und kleinste Affen. Auf abenteuerliche Weise bewegen sie sich flink in der steilen Wand und meistern gelassen schier unüberwindlich scheinende Klüfte und Überhänge – möglichst noch mit einem Affenbaby am Bauch. Das Vertrauen der Affen in die Beherrschung ihres Körpers scheint unbegrenzt zu sein.

In Sachen Sozialmoral sind die Affen weniger vorbildlich. Wir haben einige Bananen bei uns, die wir an kleinere Affen und eine Mutter mit Kind verteilen wollen – nach dem Motto: erst die Kinder, dann die Frauen und Mütter etc. Dieses Motto wird vom Anführer der Gruppe allerdings nicht geteilt. Schon durch seine bloße Ankunft schlägt er die Mitglieder seiner Horde, welche wir bevorzugen, in die Flucht. Denen, die nicht genügend Abstand halten, macht er durch wildes Nachsetzen klar, wem die Bananen zuerst zustehen. Als es uns – es ist schwierig genug – gelingt, ein paar Bananenstücke an ihm vorbei in die Mäuler seiner hungrigen Untertanen zu schmuggeln, setzt es Hiebe. In wilder Jagd geht es durch die ganze Felswand, wobei erst richtig klar wird, wozu die Affen ihre phänomenale Geschicklichkeit benötigen. Auch gegenüber den Schenkern lässt es der bärbeißige Alte an der nötigen Höflichkeit missen. Er stiehlt den verschreckten Kindern die Bananen geradezu aus der Hand. Ungenügend befriedigten Forderungen versucht er durch Zähnefletschen und Fauchen Nachdruck zu verleihen. Tioman und Taman Negara waren tatsächlich das Paradies. Die Affen hielten sich versteckt, statt den Menschen den Spiegel vorzuhalten.

Wir verlassen dieses Wunderwerk der Natur und fahren mit dem Bus zurück zum Hotel. Gerade haben wir uns vom Schmutz des Tages befreit, da steht Kulit in der Tür, zwei Stunden vor der verabredeten Zeit. Er hätte halt die zwei Stunden gewartet, wenn wir noch nicht da gewesen wären, meint er – asiatische Zeitbegriffe.

Gemeinsam machen wir die Probe auf`s malaysische Modernitätsexempel. Wir haben die Absicht, ein Telefongespräch nach Hause zu führen, um den Zeitpunkt unserer Rückkunft mitzuteilen. Zuerst gilt es, das Auslandsfernamt ausfindig zu machen. Sehr bekannt scheint es nicht zu sein. Dort wo es nach Kulit’s Ansicht sein soll, findet es sich nicht, wo uns Passanten hinschicken ebenso wenig und wo es sein könnte, ist Dienstschluss. Nach einer Odyssee durch Hinterhöfe treten wir schließlich durch eine nicht näher gekennzeichnete Tür, steigen ein schäbiges Treppenhaus hinauf und landen in einem kahlen Wartesaal, welcher das Tor zur Welt darstellt.

Offensichtlich haben wir das alte Malaysia eingeholt. Das weitere Geschehen hat wenig mit den Glitzerfassaden der Bankpaläste und Ölwolkenkratzer zu tun. Es heißt, Formulare ausfüllen; Warten bis die internationale Leitung frei ist; Aufruf, die Kabine zu betreten; erneutes Abfragen der gewünschten Nummer; wieder Warten auf die internationale Leitung; keine Verbindung, weil die Nummer falsch verstanden wurde (warum haben wir eigentlich das Formular ausgefüllt?); Anschluss in Europa angeblich besetzt; Warten; wieder in die Kabine; nochmaliges Abfragen der Nummer; Warten auf die Leitung (gibt es nur eine?); besetzt (vielleicht führt Mutter daheim Dauergespräche); weiter Warten; noch mal in die Kabine; immer noch besetzt (so lange sind ihre Gespräche nun auch wieder nicht); Warten, Warten, Warten. Stunden verrinnen, Hunger breitet sich aus. Soll man lieber ein Telegramm schicken? Machen wir erst noch einen Versuch bei den Nachbarn, besetzt (auch dort Dauergespräche?); es folgen weitere Versuche. Judi verlässt das Telefonlokal, um die Kinder zu füttern. Kulit, in all den technologischen Wirren eine unerschütterliche Stütze unserer Fassung, bleibt mit mir für einen letzten Versuch. Entnervt brechen wir diesen ab. Zweifel kommen auf, ob wir jemals über Kuala Lumpur hinaus gekommen sind. Wir schicken ein Telegramm und verlassen eiligst diese unrühmliche Zentrale internationaler Kommunikation.

Ausgehungert eilen wir dem Rest der Familie nach. Wir treffen ihn im nächsten Sraßenrestaurant beim Kampf mit chinesischen Suppen an, die sich wegen ihrer hohen Temperatur dem Heißhunger verweigern.

Als die todmüden Kinder im Bett sind, ist der Abend weitgehend vorbei. Wir versuchen den Rest, den uns das technologische Desaster noch für philosophische Gespräche übrig gelassen hat, in einem der einfachen Restaurants zu verplaudern. Zu der vorgerückten Stunde werden wir daran aber durch die Redseeligkeit und ausufernde Gastfreundschaft nicht mehr ganz nüchterner Gaststättenbesucher gehindert, die uns immer wieder zum Trinken animieren wollen. Wir ziehen uns daher wieder auf das bereits erprobte Mäuerchen vor unserem Hotel zurück. Kulit berichtet von seinen Plänen, den Betrieb seines Onkels, bei dem er bislang noch wohnt, zu übernehmen. Von den Erlösen will er dann seine Insel kaufen.

Abschied von Kulit mit großer Herzlichkeit. Natürlich tauschen wir Adressen, sprechen gegenseitige Einladungen aus. Wir spüren jedoch, dass wir ihn nie wiedersehen werden. Wir werden wohl nie erfahren, ob er seine Insel im Tropenmeer bekommt oder ob sie und die Orang Asli eines Tages von einer Frau ersetzt werden, die seinen Hang teilt, über den Ursprung der Dinge zu spekulieren.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 13

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

1.4.1985

Abschied vom Dschungelcamp. Das Abschiedsgeschenk der Campverwaltung kommt in Form einer saftigen Rechnung für die Anfahrt. Ihr Abrechnungssystem ist ebenso archaisch wie der Dschungel. Auf welchem Niveau rationaler Abstraktion sich unsere westlichen Lebenssysteme befinden, zeigen erst die erstaunlichen Alternativen, die andere Systeme aufzubieten haben. Der Fahrpreis etwa wird im Urwald nicht allgemein aus einer Gesamtkalkulation, sondern mittels Dividieren der Fahrtkosten durch die Anzahl der Fahrgäste eines Bootes jedes Mal individuell errechnet. Da unser Boot mit 6 Personen besetzt war, haben wir also 5/6 des Fahrpreises zu zahlen. Pech für uns, wenn die Campverwaltung das Boot nicht einmal zur Hälfte belegt und auf einigen Sitzen Versorgungsmaterial für das Camp transportiert. Und Glück für unseren mitreisenden Nationalparksammler. Nachdem die stolze Zusage des Tourist Office Managers von Kuantan, dass die Fahrt für die Kinder frei sei, irgendwo im Dickicht von Taman Negara hängengeblieben ist, profitiert unser Mitfahrgast nicht nur ungerechtfertigt von seinen Empfehlungsschreiben, sondern auch noch von unserem Kinderreichtum. Schlaue Travellers haben deswegen schon ausgerechnet, dass es günstiger ist, eine Nacht länger im Camp zu bleiben, als in einem unterbesetzten Boot zurückzufahren. Immerhin haben wir das Glück, wenigstens auf der Rückfahrt in einem gefüllten Boot fahren zu können.

Am Landesteg werden wir von zwei unserer Dschungelfreunde verabschiedet. Die Rückfahrt geht rasend schnell den Fluss hinab, wiewohl die Hinfahrt wegen der Gegenströmung schneller erschien. Es ist ein Morgen, wie man ihn sich nicht eindrucksvoller vorstellen kann. Prächtige Dschungelbilder bieten sich am Flussufer, grüne Wände zunächst, in denen gelegentlich ein Baum in voller Lila-Blüte auffällt, dann dicht gestaffeltes Bergland mit undurchdringlichem Bewuchs. Nach deutlich kürzerer Fahrt kommen wir in Tembeling an. Jetzt ist es der erste Vorposten der Zivilisation.

Wir schnallen die Rucksäcke an und treten den heißen Marsch zur Hauptstraße an, wo der Bus abfahren soll. Ein "freundlicher" Autofahrer – er stand schon an der Bootsanlegestelle – bietet uns eine Fahrt nach Jerantut an. Lässig wirft er hin, dass der Bus höchst selten fahre, der nächste erst ganz spät. Da er damit offensichtlich eine ziemlich unbescheidene Fahrpreisforderung begründen will, lehnen wir dankend ab. Damit geben wir uns allerdings einem ziemlich ungewissen Schicksal hin. Es ist in keiner Weise abzusehen, wann ein Bus fährt. Also üben wir uns in asiatischer Geduld. Wir lassen uns unter einem größeren Baum an der Hauptkreuzung nieder und harren der Dinge.

Schon bald nehmen dieselben einen – auch finanziell – günstigen Verlauf. Ein Bus erscheint und bringt uns in Kürze über die bereits bekannte Berg- und Talbahnstrecke nach Jerantut. Dort steht auch schon ein Anschlussbus nach Temerloh bereit.

Im Bus freunden sich die Kinder mit einem jüngeren Malayen an, den wir schon vom Dschungelcamp kennen. Es ist jener "Führer", der uns vor zwei Tagen so freundlich über mögliche Dschungeltouren beriet. Am Busbahnhof von Temerloh – vor der reich bekuppelten Moschee – hilft er uns, einen Bus in Richtung Kuala Lumpur ausfindig zu machen – der direkte Bus war uns gerade vor der Nase weggefahren. Die Wartezeit bis zur Abfahrt des Busses verbringen wir gemeinsam in einem Restaurant an der Haltestelle und unterhalten uns. Unser neuer Freund – sein Name ist Kulit – spricht ein ziemlich differenziertes Englisch, wenngleich mit starkem Akzent, und hat eine gänzlich offene Art, mit uns umzugehen. Von Beruf ist er Flugzeugmechaniker. Da er ebenfalls nach Kuala Lumpur fährt, bietet er sich uns als Führer an. Wir merken sogleich, dass die Furcht vor aufgedrängten Diensten und den finanziellen Forderungen, die daraus in der Regel resultieren, hier nicht angebracht ist.

Der Bus ist laut und scheppert nervenaufreibend. Wir fahren durch eine hügelige Kampong- und Plantagenlandschaft. Dann wird es ziemlich gebirgig. Vor uns liegen die Camerlon-Highlands, auf denen sich eine der berühmten wohltemperierten Hill Stations befand, in die sich die kolonialen Engländer auf der Flucht vor dem tropischen Klima zurückzuziehen pflegten. Heute ist oben ein großes Casino, dessen ausladender Gebäudekomplex von weitem zu sehen ist. Die ganze Gegend hat etwas gartenhaftes und macht einen sehr gepflegten Eindruck.

Am Fuß der Highlands, in denen Tee angebaut wird, wechseln wir den Bus. Im Busbahnhof ist großes Gedränge. Alles will in die Hauptstadt. Wir haben etwas Zeit, die wir auf dem nahen großen Kinderspielplatz verbringen. In seinen weitausladenden Bäumen hat sich eine besonders reiche Kolonie von Baumfarnen niedergelassen, kreisrunde Prachtexemplare mit auskragendem Rand und einem Durchmesser bis zu zwei Metern.

Die weitere Busfahrt geht durch Hochland und damit durch höchst eindrucksvolle Dschungelberge, weite Hangflächen mit einem Wald dicht wie ein Fell, dessen bräunlich grünes Gesamtbild gelegentlich durch hellgrüne Bananeninseln aufgelockert wird – all das im strahlendsten Nachmittagslicht. Ein Jammer, dass wir wieder einmal im Bus sitzen.

Die vielen Steigungen der Straße scheinen unserem Bus nicht zu schmecken. An einem besonders steilen Stück fängt er an zu zischen und zu spritzen. Der Fahrer hält an, alles steigt aus. Wasser fließt aus dem Kühler. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Befürchtungen und Erinnerungen an die Anfahrt zum Taman Negara kommen auf. Aber man behält auch hier die Ruhe, wartet ein wenig, steigt wieder ein und fährt ab. Es folgen weitere Dschungelberge, dann aber auch schon modernere Siedlungen. Schließlich erreichen wir Kuala Lumpur auf einem Busbahnhof, der weit außerhalb der Stadt liegt. Steigen wir also zum fünften Male an diesem Tage um und fahren mit einem weiteren Bus in die Stadt.

Die Suche nach einem Hotel, das unseren altchinesischen Vorstellungen und unseren finanziellen Verhältnissen entspricht, ist in der explodierenden Metropole nicht einfach. Die Stadt wird zwar zu zwei Dritteln von Chinesen bewohnt, mit dem alten China hat man aber nicht mehr viel im Sinn. Von allen Seiten fressen sich Wolkenkratzer und Einkaufszentren in das alte Chinesenviertel aus zwei- bis dreistöckigen Häusern. Wir ziehen durch die Reste dieses Viertels, klettern finstere Treppen hinauf und hinab, besichtigen und verhandeln, bis die Kinder des schweißtreibenden Spieles müde sind. Dann geht Kulit unter Hintanstellung seiner Bedenken gegen unseren altchinesischen Geschmack aufopferungsvoll mit mir alleine weiter in der fast schon aufgegebenen Hoffnung, ein zugleich preiswertes und nicht allzu lautes Hotel zu finden. Wir finden das Idealhotel: ein geräumiges Zimmer zu einem alten Park, zentrale Lage, Tee steht bereit in chinesischem Porzellan, freundliche chinesische Wirte, denen der unerwartete Kinderbesuch gefällt. Allgemeines Duschen folgt. Kulit gehört schon fast zur Familie. Auch er nutzt die Gelegenheit, um sich zu erfrischen.

Schließlich lädt uns Kulit auch noch zum Abendessen ein. An sich befinden wir uns mitten in einem Viertel mit vielen jener chinesischen Straßenküchen, die wir schätzen gelernt haben. Aber Kulit hat anderes mit uns vor. Zunächst machen wir eine ziemlich ausgedehnte Wanderung durch die Geschäftsviertel der Stadt moderne Zweckarchitektur, wie überall in der Welt, die abends ausgestorben ist. Auf einer Flussinsel steht eine märchenhaft beleuchtete Moschee mit feinen Säulenumgängen in maurischem Stil. Ob sie viel älter ist als die Bankgebäude und Firmenzentralen, ist fraglich, Kuala Lumpur ist eine sehr junge Stadt. Von der Wanderung, deren Zweck unklar bleibt, ist uns ziemlich warm geworden. Ein kräftiger Regenguss überrascht uns und bringt Kühlung. Dann wird klar, warum wir durch die Geschäftsviertel irren. Kulit sucht nach einem Bankautomat, um das nötige Geld zum Bestreiten seiner Einladung abzuheben. Mehrere Anläufe sind ohne Erfolg, was ihm äußerst peinlich ist.

Schließlich erreichen wir einen Platz, auf dem sich eine Reihe von Straßenrestaurants befindet, die sich nicht wesentlich von denen in der Nähe unseres Hotels unterscheiden. Sie sind allenfalls etwas weniger chaotisch angeordnet. Zunächst ist Rechnen angesagt. Was können wir uns leisten? Kulit will auf keinen Fall einen Zuschuss von unserer Seite annehmen. Er verhandelt schließlich mit einem Wirt, der ihm, obwohl er ihn nicht kennt, einen Kredit einräumt, womit dieser ohne Zweifel ein ehernes Gesetz der Straßenbranche bricht. Kulit ist ziemlich aufgeregt und gibt sich alle Mühe, uns so gut wie möglich zu bewirten.

Nach dem Mahl – wir bestellten bescheiden, Kulit selbst aß kaum etwas – Rückmarsch zum Hotel mit müden Kindern. Sie gehen nach diesem langen Tag mit Freuden ins Bett. Eigentlich hätten wir uns jetzt gerne in einer der typischen Spelunken in der Nähe unseres Hotels niedergelassen. Aber Kulit hat wieder andere Pläne. Er führt uns zum Hochhaus der Ölfirmen, einem erst kürzlich fertiggestellten Prachtbau, der als neues Wahrzeichen die Silhouette der Stadt beherrscht. Hoch ragt der riesige weiße Büroturm mit seinen ungeniert maurischen Stilelementen in den Himmel; unten sind weitläufige Anlagen und Unterbauten, in denen es eher amerikanisch zugeht, MacDonalds ist vertreten, blitzblanke Geschäfte und Banken, überall Marmor – zweifelsohne aus Carrara – saubere Helle, entsprechend gekleidete junge Menschen. Ausstattung und Dimensionen dürften in Europa nicht so leicht ihresgleichen finden. Kulit will uns offensichtlich zeigen, wie der neue Stil seines Landes ist.

Wir lassen uns auf einer Terrasse des Riesenkomplexes nieder, vor uns ein herrlicher Blick auf die City von Kuala Lumpur im nächtlichen Beleuchtungszauber, unten erleuchtete Terrassengärten, über uns der weiße Turm aus Tausend-und-eine-Nacht. Hier entwickelt sich ein langes Gespräch, in dem uns Kulit seine erstaunliche malayische Seele ausbreitet.

Wir streifen zunächst Probleme Malaysias, erfahren, dass das Malayische eine indogermanische Sprache mit zahlreichen indischen und chinesischen Einspengseln ist. Lange sprechen wir über die Rolle des Islam in einer Gesellschaft, die kaum zur Hälfte moslemisch ist, in der die Religion Mohammeds aber dennoch Staatsreligion und das Staatsoberhaupt immer einer der malayischen Sultane ist. Bemerkenswert auch, was Kulit über die Macht der islamischen "Kirche" berichtet. Verstöße gegen islamisches Sittenrecht werden von islamischen Gerichten unter Umständen sogar mit Geldstrafen belegt, die dazu auch noch vollstreckt werden können. Gegen derartige Eingriffe in das Gewissensleben gebe es zwar den Appell an die zivilen Gerichte, aber man überlege gerade, diesen abzuschaffen.

Uns ist aufgefallen, dass sich die Frauen in Malaysia ziemlich frei bewegen können. So kommen wir auf die offensichtlich unterschiedliche Handhabung des Islam im "Westen" und in Süd-Ost-Asien zusprechen. Kulit hat eine klimatische Erklärung. Die rigiden Formen des Islam, vor allem in Arabien, sind für ihn die Folge der harten Lebensbedingungen der Steppen- und Wüstenvölker. Mit dem Koran, auf den er allein und direkt zugreifen will, hätten solche Verhärtungen nichts zu tun. Weit distanziert er sich von der islamischen Dogmatik und deren beamteten Sachwaltern. Der islamische Glaube der Bumiputras, der ursprünglichen malayischen Landbevölkerung, sei im Übrigen allenthalben von animistischen Elementen aus der Zeit vor der islamischen Eroberung durchsetzt. Bei der Erläuterung dieses Phänomens lässt der malayische Flugzeugmechaniker Kulit zu unserem größten Erstaunen erkennen, dass er mit philosophischen Fragestellungen aus dem alten Europa vertraut ist. Er vergleicht den Animismus und seine allgegenwärtigen guten und bösen Geister mit dem Pantheismus des niederländischen Philosophen Spinoza.

Überhaupt wird immer deutlicher, wie wenig die gängige Vorstellung vom sozial eingebetteten Asiaten auf ihn zutrifft. Kulit lebt offenbar ein Einzelgängerdasein und versucht im Dschungel zu sich selbst zu finden. Sein Traum ist, sich irgendwann einmal eine einsame Insel vor der Küste zu kaufen, um sich dort als Fischer von aller modernen Welt zurückzuziehen. Jede freie Minute, so berichtet er, verbringe er bei den Waldmenschen, den Orang Asli, im Taman Negara oder in den Wäldern unweit von Kuala Lumpur, durch die wir am Nachmittag gefahren sind. Er kenne ihre Sprache, die mit dem Malayischen nichts gemein habe und sehr einfach sei. Meist begnügten sie sich mit kurzen Zurufen. Er selbst habe sich ein kleines Wörterbuch gemacht.

Was er dann über das Leben der Orang Asli erzählt, klingt wie ein Märchen aus dem Sozialparadies, Rousseau hätte es nicht besser erfinden können.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985