1816 Nicolo Paganini (1782-1840) – Violinkonzert Nr. 1 D-Dur

Paganinis erstes Violinkonzert entstand, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen. Dem überragenden Geiger waren die Stücke des klassischen Repertoires nicht schwierig genug. Anfangs behalf er sich noch damit, die gängigen Violinwerke mit allerlei Arabesken, Verzierungen und technischen Finessen anzureichern. Schließlich ging er aber dazu über, praktisch nur noch eigene Kompositionen zu spielen. So entstanden Werke wie das erste Violinkonzert, über das es in einer venezianischen Kritik aus dem Entstehungsjahr heißt: „An den schwierigsten Stellen scherzt er mit all jenen Griffen, die keine andere Hand wagen würde, in der Zartheit wird er zu einem unwiderstehlichen Verführer, im Schwung der Phantasie wirbelt er einen Strudel der seltsamsten Kunstgriffe, schlägt jedes Hindernis nieder, jede Begrenzung und erträgt keine Gesetze.“

 

Im Entstehungsjahr des Violinkonzertes (1816) sollte Paganini aber nicht nur musikalische Beiträge zur Entstehung seines legendären Rufes leisten. Seinerzeit fand auch ein Aufsehen erregender Prozeß um eine seiner vielen Liebschaften statt. Paganini hatte nach einem Konzert in seiner Heimatstadt Genua eine 16-jährige Schneiderstochter nach Parma entführt, hatte sie geschwängert, erfolglos abzutreiben versucht und sie anschließend verlassen. Die Affaire führte zu einer Reihe von Prozessen, die den notorisch geizigen Paganini nicht nur eine Menge Geld kosteten, sondern vor allem dazu beitrugen, daß sich um ihn eine Aura des Dämonischen bildete, durch er vollends zur Berühmtheit wurde. Bald hieß es, die Verführung des Mädchens habe in einer Klosterzelle stattgefunden. Nur ein Mann, der mit dem Teufel im Bund stehe, könne sich an einer solchen Stelle mit einem minderjährigen Mädchen einlassen. Dann kam die Behauptung auf, der Abtreibungsversuch sei in Wirklichkeit ein Mordversuch gewesen. Schließlich begann die Geschichte zu wuchern. Paganini wurde zum Folterer und Verführer auch anderer unschuldiger Mädchen. Man sagte er habe deren Seele mit Hilfe des Teufels in seine Geige eingesperrt und dies sei der Grund dafür, daß er darauf so unerklärliche Töne erzeugen könne. Es gibt Stellen in seinem Violinkonzert, die hiermit gemeint sein könnten.

 

Zu den diabolischen Legenden um Paganini gehört auch, was Louis Spohr berichtete, der Paganini – ebenfalls im Jahre 1816 – in Venedig besuchte. Danach ging seinerzeit in Italien das Gerücht umher, Paganini habe in jungen Jahren eine Frau erdrosselt und habe deswegen vier Jahre im Gefängnis verbringen müssen. Da man ihm weder Schreiben noch Lesen gelehrt habe, habe er sich im Gefängnis aus Langeweile all die Kunstgriffe auf der Geige ausgedacht, mit denen er das Publikum verblüffe.

 

Die Aura des Dämonischen und Verworfenen wurde von Paganini, den Heinrich Heine einen Vampir mit der Violine nannte, auf’s sorgfältigste gepflegt. Seine Konzerte waren Inszenierungen und hatten Anflüge von schwarzen Messen. Alles war auf magische Wirkung ausgerichtet. Um die Illusion nicht zu beeinträchtigen, durfte niemand hinter die Kulissen schauen. Nie hat zum Beispiel jemand Paganini üben hören. Als Louis Spohr, immerhin die größte deutsche Geigenauthorität der Zeit, Paganini bat, ihm etwas vorzuspielen, lehnte er dies mit der bezeichnenden Begründung ab, seine Spielart sei für das große Publikum bestimmt.

 

Tatsächlich setzte Paganini zur Steigerung seiner Wirkung allerdings nicht den Teufel, sondern neben stupendem Können und makabrem Showtalent auch einen bemerkenswerten Sachverstand ein. Für sein erstes Violinkonzert bediente er sich etwa des folgenden Kunstgriffes: er notierte Solostimme und Begleitung in zwei verschiedenen Tonarten, den Orchesterpart im gedämpften Es-Dur, den der Geige einen halben Ton tiefer im hellen D-Dur. Er selbst stimmte seine Geige einen halben Ton höher als üblich, so daß Orchester und Sologeige wieder auf der gleichen Tonhöhe waren. Auf diese Weise erreichte er, daß er mit den obertonreichen leeren A- und E-Seiten spielen konnte, während das Orchester die obertonarmen Töne Es und As zu spielen hatte, mit der Folge, daß die Geige gegenüber dem Orchester besonders brillant klang.

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