Schlagwort-Archive: Reisen

Ankor und Hampi – zwei untergegangene Metropolen des indischen Raumes

Im Süden Vorder- und Hinterindiens befinden sich – genau auf dem gleichen, dem 15. Breitengrad – die gewaltigen Überbleibsel zweier Städte, die zur ihrer Blütezeit um ein Vielfaches größer und prächtiger waren als jede zeitgenössische Stadt in Europa – Ankor im heutigen Kambodscha und Hampi im Norden des indischen Bundesstaates Karnataka. Beide waren während des europäischen Mittelalters die Hauptstädte großer Reiche, beide sind nach einer Zeit der Blüte und enormer Bauaktivität sang- und klanglos untergegangen, waren Jahrhunderte lang mehr oder weniger vergessen und sind erst nach einem langen Dornröschenschlaf wieder in das Bewusstsein der Welt getreten, die sie heute als ihr Kulturerbe schätzt und schützt. Beiden ist auch gemeinsam, dass ihre Blüte ganz wesentlich einem ausgeklügelten System der Wasserbewirtschaftung verdanken. Schließlich gleichen sie sich auch darin, dass von den einstigen Bauten nur das übrig geblieben ist, was mit dauerhaftem Material erstellt wurde, in derHauptsache steinerne Herrschafts- Verteidigungs- und Religionsarchitektur sowie Bauten der Infrastruktur. Insbesondere die gewöhnlichen Zivilbauten und die Aufbauten der Paläste, die weitgehend aus Holz gebaut waren, sind vollständig verschwunden mit der Folge, dass die sichtbaren Reste der beiden Städte ohne rechten Zusammenhang jeweils über ein Gebiet von vielen Quadratkilometern verstreut sind. Legionen von Steinmetzen haben diese steinernen Baulichkeiten über und über mit Gliederungselementen, Ornamenten und Bildnissen verziert. Vermutlich wurde nirgends in der Welt so viel in weichem Sandstein gemeißelt wie in Ankor und nirgends so viel harter Granit bearbeitet wie in Hampi.

Die ältere und berühmtere der beiden Städte ist Ankor, bekannt nicht zuletzt, weil sich hier das größte religiöse Bauwerk der Welt und nach der Villa des Kaisers Hadrian in Tivoli überhaupt der größte Gebäudekomplex befindet, der je für eine einzelne Person erstellt wurde – Ankor Wat. Die Gegend von Ankor am Rande des riesigen Tonle Sap Sees war seit dem 9. Jahrhundert der Mittelpunkt des ursprünglich hinduistisch geprägten Königreichs der Khmer, dessen Herrschaftsbereich sich im Laufe der Zeit fast über den ganzen Süden Hinterindiens ausbreitete. Über die Jahrhunderte wurden hier mehrere Stadtzentren angelegt, die alle beachtliche Spuren hinterlassen haben. Der Reichtum der Region und damit die Macht der Könige basierte auf einem äußerst differenzierten Wassermanagement, das drei Reisernten im Jahr erlaubte. Mit einem vielfach vernetzten System von Becken und Kanälen wurde das Wasser, welches in der Regenzeit reichlich vorhanden war, für die Trockenzeit gespeichert und in einer Art großtechnischer Version der kleinbäuerlichen Reisterrassenkultur unter Ausnutzen des natürlichen Gefälles der Landschaft ohne weiteren Energieaufwand gleichmäßig auf das Land verteilt.

Wasser spielte denn auch in der Kultur der Khmer eine besondere Rolle. Alle wesentlichen Bauten und selbst die ganz Kernstadt waren von großen Wasserbecken umgeben, die entsprechend dem ausgeprägten Sinn der Khmer für geometrische Ordnung, der seinen Grund in der hinduistischen Kosmologie hat, rechteckig angelegt und fein säuberlich gemauert waren. Ankor Thom etwa, die letzte große Stadtgründung, war von einer quadratisch angelegten, zwölf Kilometer langen Stadtmauer umgeben, um die ein rund einhundert Meter breiter Wassergraben lief. Zusätzlich umgab auch noch innerhalb der Mauern ein vierzig Meter breiter Kanal die ganze Stadt. Hinzu kamen weiter außerhalb der verschiedenen Stadtzentren ebenfalls penibel gemauerte rechteckige Wasserspeicher, die bis zu acht Kilometer lang und über zwei Kilometer breit waren. Die Legitimation des jeweiligen Herrschers beruhte weitgehend auf seiner Fähigkeit, das komplizierte und pflegebedürftige System der Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Dieser wiederum stellte diese Fähigkeit als Folge seiner besonderen Beziehung zu den Göttern oder gar seiner Gottgleichheit dar, die auch nach seinem Tod erhalten blieb. Daher ließ er zu seiner und der Unsterblichen Ehren Baulichkeiten von Ausmaßen errichten, welche diesem Anspruch gerecht wurden. Dieselben sind naturgemäß wieder von viel Wasser umgeben.

Das größte Bauwerk dieser Art ist Ankor Wat, das in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts tausende Arbeiter und Künstler in siebendreißigjähriger Arbeit als Mausoleum für den hinduistischen Herrscher Surjavarman II. erstellten, das später aber zu einem buddhistischen Kloster umgewidmet wurde. Alles ist hier von Dimensionen, welche ein Denken in monumentalen Kategorien offenbaren. Der axial-symmetrische, rechteckige Gesamtkomplex nimmt eine Fläche von rund zwei Quadratkilometern ein und ist von einem zweihundert Meter breiten, wiederum rechteckigen Wassergraben umgeben. Rund zweitausend fast lebensgroße vollbusige Tänzerinnen (Apsaras) und kunstvoll aufgemachte weibliche Schutzgottheiten (Devatas) schmücken die Wände der Höfe und Pavillons, ein sechshundert Meter langer übermannshoher Relieffries mit dicht gepackten Szenen aus dem indischen Epos Ramayana läuft um das Hauptgebäude, hunderte von gedrechselten Säulen füllen die Maueröffnungen und es scheint keinen sichtbaren Stein der Baumasse von 350.000 Kubikmetern zu geben, der nicht mit feinsten Ornamenten übersät wäre. Die zahllosen Buddhastatuen freilich, die hier einmal versammelt waren, sind weggeschleppt worden und heute eher in den Wohnzimmern esoterisch angehauchter reicher Sammler aus dem Westen zu finden – allerdings sollen bereits im 13. Jahrhundert bei einer hinduistischen Reaktion gegen die Einführung des Buddhismus rund 10.000 Buddhastatuen zerstört worden sein.

Nicht nur Surjavarman II. hatte ein derart ausgeprägtes Bedürfnis, sich durch Bauen zu verewigen. Die Khmer waren insgesamt unermüdliche Baumeister. Man hat in Ankor allein rund eintausend Heiligtümer ausgemacht. Dazu gehören weit verzweigte Tempel- und Klosteranlagen, die nach spirituellen Grundsätzen gebaut und natürlich wieder von großen rechteckigen Wassergräben umgeben waren. Auch bei diesen ist alles mit feinem Ornament überzogen. Auf Pilastern und Türpfosten findet man allenthalben die Akanthusranke, die wie so manche andere architektonische und künstlerische Form, welche in Indien wirksam wurde, mit Alexander dem Großen von Europa auf den Subkontinent gezogen war, sodass man sich manchmal fragt, ob man es nicht mit einem Gebäude aus der europäischen Antike oder Renaissance zu tun hat; wie überhaupt die Gliederungselemente der Bauteile, etwa der Säulenaufbau mit Fuß, Korpus und Kapitell, oder die Einfassungen der Maueröffnungen mit mehrfach gestaffelten Profilen an die Grundformen erinnern, die in den europäischen Mittelmeerkulturen entwickelt wurden. Auffällig herausgehoben sind im Übrigen die Türstürze, die aus dem Maul von Fabeltieren kommend in geradezu rokokoartiger Manier in eine schwingende vertikale Bewegung versetzt und deren Giebelfelder mit fein ausgearbeiteten figürlichen Szenen aus der tropisch wuchernden indischen Sagenwelt gefüllt sind. Auch für derartigen Giebelschmuck gibt es Parallelen in der antiken Baukunst Europas.

In besonderem Maße von der Bauwut befallen war Jayavarman VII., der um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhunderts regierte und den Buddhismus nach Ankor brachte. Er ist der Erbauer der Riesenstadt Ankor Thom, in welcher er nach einem spirituell ausgeklügelten Konzept Zeremonial- und Herrschaftsbauten von imperialer Großartigkeit errichten ließ. Seinem monumentalen Selbstverständnis entsprechend dekorierte er dieselben unter anderem mit Elefanten – vor seinem Palast etwa ließ er eine über dreihundert Meter lange Terrasse erstellen, an deren Wand eine lange Prozession der Dickhäuter lebensgroß in Stein gemeißelt ist. Vermutlich sah er sich auch gerne in der Pose des Khmerlöwen, der auf vielen seiner Bauwerke zähnefletschend in straffer Hab-Acht Stellung postiert ist. Zu seiner Zeit brachte man an Gebäuden auch die mehrere Meter hohen, kontemplativ-mitfühlenden Gesichter des buddhistischen Heiligen Lokeshvara an, welche fast so sehr zum Markenzeichen von Ankor geworden sind, wie die charakteristische Silhouette von Ankor Wat. Sie blicken zu dutzenden vor allem von den vielen Türmen der Tempelpyramide Bayon herunter, dem komplexesten und aufwendigsten Bau, den dieser Herrscher erstellen ließ. Man rätselt noch immer, ob diese introspektiven Gesichter, die sich in noch deutlich größeren Dimensionen auch über den mächtigen Eingangstoren in den Stadtmauern von Ankor Thom finden, die Züge Jayavarmans VII. tragen.

Vom Leben in der Metropole, die mit möglicherweise bis zu einer Million Menschen die größte Stadt der damaligen Welt gewesen wäre, wissen wir mangels einer ausgeprägten Schriftkultur nicht viel. Abgesehen von Inschriften auf Gebäuden und Stelen, in denen die Taten der Herrscher und Daten der Bautätigkeit dokumentiert sind, gibt es an schriftlichen Quellen nur die Berichte chinesischer Reisender, Händler und Diplomaten. Darin ist unter anderem von großen Paraden, Aufmärschen, Pferderennen und Büffelkämpfen auf dem weitläufigen Platz im Zentrum von Ankor Thom die Rede, welche der Herrscher und sein Gefolge von den großen Terrassen vor dem Königspalast verfolgten. Auf wunderbar ausgearbeiteten Basreliefs des Bayon sind dazu auf äußerst redselige Weise alle möglichen Szenen aus dem bunten Leben der Khmer dargestellt, die zeigen, dass sich in Kambodscha bis heute Vieles nicht geändert hat.

Nach dem Tode Jayavarmans VII., unter dem das Reich von Ankor seine größte Ausdehnung hatte, ging es mit der Herrlichkeit der Khmer bergab. Über die Gründe dafür weiß man angesichts der fehlenden Schriftkultur wenig. Man vermutet, dass der hyperaktive Herrscher durch seine zahlreichen Kriege und eine überbordende Bautätigkeit die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes überstrapaziert habe. Auch habe er durch den Religionswechsel die religiöse Stabilität erschüttert – Tatsache ist, wie erwähnt, dass die Hindus, insbesondere die Brahmanen, gegen den gleichmacherischen Buddhismus, der ihnen ihre Sonderstellung raubte, revoltierten, und dass innerhalb desselben der Thervada-Buddhismus von der passiveren Strömung des Mahajana abgelöst wurde. Ein weiterer möglicher Grund für den Abstieg Ankors könnte sein, dass man das komplizierte Bewässerungssystem nicht aufrechterhalten konnte. Im Übrigen verlor die Stadt wohl auch durch die zunehmende Verlagerung des Handels nach Phnom Phen an Bedeutung. Die Schwäche der folgenden Könige nutzten die Nachbarvölker, insbesondere die Thais und die Vietnamesen, um sich verlorene Gebiete zurückzuholen und in das Territorium der Khmer einzudringen, was den Untergang Ankors beschleunigte.

Im Laufe der Zeit wurde die Stadt von der Bevölkerung verlassen und die Natur holte sich zurück, was ihr die Kultur zeitweilig abgetrotzt hatte. Relativ gut überlebt hat nur Ankor Wat, da es weiterhin als Kloster genutzt wurde. Die Stadt aber verfiel. Als im 19. Jahrhundert europäische Reisende und französische Landvermesser, welche „ihre“ neuen Protektoratsgebiete explorierten, Ankor aufsuchten, stießen sie auf ein surreales Szenarium. Im tropischen Dschungel, der die einstmals blühende Stadt inzwischen überwuchert hatte, entdeckten sie überall mehr oder weniger zerstörte Bauten. Da die Khmer zwar eifrige Bauherren aber keine besonders guten Bauingenieure waren, waren die Fundamente vieler Gebäude vom tropischen Regen unterspült worden mit der Folge, dass die Mauern, deren Steine merkwürdigerweise nicht miteinander verzahnt wurden, ins Wanken gerieten, und die (Krag)Gewölbe der Räumlichkeiten, die mangels echter Gewölbetechnik aus versetzt übereinander geschobenen Steinplatten gebildet wurden, weitgehend zusammen gebrochen waren. Außerdem hatten sich gewaltige Bäume auf die Baulichkeiten gesetzt und diese teils erdrückt, teils aber auf abenteuerliche Weise auch stabilisiert. Wie riesige Schlangen zogen sich ihre Wurzeln durch die Fenster- und Türöffnungen der Pavillons oder wuchsen in abenteuerlichen Kaskaden von den Dächern und Mauerkronen in den Erdboden hinab. Ein Phantasy-Designer hätte die Szenerie nicht bizarrer gestalten können.

Inzwischen ist Ankor aus seinem Jahrhundertschlaf wieder erwacht. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts haben französische Forscher und Zeichner seine Reste aufgenommen und dokumentiert. Unterbrochen durch die politischen Turbulenzen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat man die Gebäude weitgehend freigelegt und damit begonnen, das wieder aufzurichten, was noch einigermaßen vollständig ist. Ankor ist zu einer der größten Attraktionen der Welt für Touristen aus aller Herren Länder geworden und unter modernen Vorzeichen erneut mit Leben gefüllt samt all den Vorteilen aber auch Auswüchsen, welche der Zustrom sensationslüsterner Menschenmassen mit sich zu bringen pflegt.

Während Ankor in der Zeit seines Dornröschenschlafes wegen Ankor Wat, das europäische Reisende sporadisch besuchten und voller Staunen beschrieben, nie ganz aus dem Blickfeld der westlichen Welt geraten ist, hatte man von Hampi lange Zeit so gut wie keine Vorstellung. Die Ruinen der Stadt wurden zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Rahmen der systematischen Exploration und Evaluierung des Landes durch die neuen englischen Eigentümer „entdeckt“ und wurden danach auch von einigen Historikern und Archäologen beschrieben. Nicht zuletzt wegen ihrer Abgelegenheit gerieten sie aber nie richtig in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts schenkte man den erstaunlichen Hinterlassenschaften größere Aufmerksamkeit. Seitdem ist auch Hampi das Ziel von Besuchern aus aller Welt. Allerdings geht es hier im Vergleich zu Ankor (noch) ziemlich beschaulich zu.

Der Aufstieg Hampis begann, als die Blütezeit Ankors sich dem Ende zuneigte. Der Ort hieß ursprünglich Vijayanagar und war die Hauptstadt des gleichnamigen Reiches, das sich im 14. Jahrhundert als Reaktion auf die Versuche der muslimischen Herrscher Nordindiens bildete, die Hindureiche zu unterwerfen, welche sich im Süden des Subkontinentes noch der stürmischen islamischen Expansion entgegenstellten. Als Gründungsdatum gilt das Jahr 1346, als in der Region eine neue Königsdynastie an die Macht kam, welche die Stadt Vijayanagar gründete. Die äußeren Bedingungen waren für eine Stadt nicht eben optimal. Anders als Ankor liegt Hampi in einer schwer zugänglichen, ausgesprochen arriden und heißen Gegend. Die Wasserversorgung der Stadt und der Landwirtschaft, die in ihrer Umgebung betrieben wurde, basiert gänzlich auf dem Fluß Tungabhadra, dessen Wasserstand im Laufe des Jahres erheblichen Schwankungen unterliegt. Daher war ein sorgfältiger Umgang mit dem kostbaren Nass geboten, der große Speicherkapazitäten und ein differenziertes Verteilungssystem erforderte. Die Stadtgründung war dennoch erfolgreich. Tatkräftige Könige dehnten den Herrschaftsbereich des Reiches im Laufe der Zeit über den ganzen Süden des indischen Subkontinentes aus. Selbst Sri Lanka war zeitweilig tributpflichtig. Das Reich war (welt)handelspolitisch bestens positioniert. Mit Hafenstädten an beiden Küsten des Subkontinentes kontrollierte Vijayanagar große Teile des lukrativen Seehandels mit dem fernen Osten und mit den Arabern und schließlich den ersten Europäern im Westen. Dadurch profitierte das Reich von der starken europäischen Nachfrage nach Gütern aus Asien wie Porzellan, Baumwolle, Seide und Gewürzen. Nicht zuletzt daraus resultierte der große Reichtum des Landes, der sich in den Resten seiner Hauptstadt spiegelt.

Das Ende der Stadt, die einmal mehrere hunderttausend Bewohner gehabt haben dürfte, kam anders als im Falle von Ankor plötzlich und früh. Im Jahre 1564, gerade einmal etwas mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrer Gründung, vereinigten einige Sultanate, welche die Könige von Vijayanagar bis dato geschickt gegeneinander auszuspielen gewusst hatten, ihre Truppen, um den widerspenstigen und dazu reichen Hindustaat, der ihre permanenten Attacken bis dato erfolgreich abwehren konnte, endlich und endgültig zu beseitigen. In der Entscheidungsschlacht von Talikota wurde Vijayanagar vernichtend geschlagen und sein König getötet. Das Reich konnte sich danach zwar mit einer neuen Hauptstadt, wenn auch wesentlich geschwächt und verkleinert, noch etwa einhundert Jahre halten. Für die Stadt Vijayanagar aber war die Niederlage im wahrsten Sinne des Wortes vernichtend. Sie wurde Monate lang geplündert und offensichtlich systematisch in der Absicht zerstört, sie auf Dauer unbewohnbar zu machen. Die Soldaten der Sultane haben dabei ganze Arbeit geleistet. Sie legten alles nieder, was nicht fest verankert war und hinterließen die Stadt im Wesentlichen in dem ruinösen Zustand, in dem sie sich heute befindet. Insbesondere von der Herrschaftsarchitektur sind nur noch Grundmauern und Podeste von Empfangshallen übrig geblieben. Die Tempel sind, möglicherweise auf Grund ihrer massiven Bauweise, von dem Zerstörungswerk teilweise verschont geblieben, sodass hier noch viele feine Steinmetzarbeiten zu sehen sind, vor allem schöne Exemplare der überreich mit Fabeltieren geschmückten „Hundert-Pfeiler-Hallen“, welche typisch für die südindischen Tempel sind. Allerdings wurden auch hier die Idole und Figuren weitgehend beseitigt oder massakriert. Leben blieb, ähnlich wie in Ankor, im großen Haupttempel erhalten, der bis heute ein Anziehungspunkt für die Gläubigen aus der ganzen Region ist.

Das wahrhaft Besondere an Hampi ist die Art, wie die Stadt in die karge Berglandschaft gebettet wurde. Diese Landschaft ist so außergewöhnlich und stadtfeindlich, dass man meinen könnte, bei den Erbauern dieses Gemeinwesens habe es sich um Exzentriker gehandelt. Die Gegend ist gekennzeichnet durch gänzlich merkwürdige Felsformationen. Allenthalben liegen riesige von Wind und Wetter blank gewaschene Granitbrocken umher – teils als Solitäre, von denen man nicht weiß, wie sie entstanden und an ihren Ort gekommen sein könnten, teils als Bauklötze, die auf abenteuerliche Weise wie von Gigantenhand aufeinander gestapelt sind. Dazu ist die Stadt durch hohe Berge aus gewürfeltem Granit zerteilt. Die Architektur hat sich mit dieser seltsam gestylten Natur in einer Weise verbunden, die nicht weniger surreal ist als die Symbiose, welche die Vegetation mit der Baukunst in Ankor eingegangen ist. Die Stadt und ihre Baulichkeiten sind in das steinerne Gewirr und das extreme Landschaftsrelief geradezu hineingeflochten. So sind zierliche durchsichtige Pfeilerkonstruktionen in aphoristischer Zuspitzung an einen massiven Felsenball gelehnt, ganze Felsplateaus mit Pfeilerhallen überzogen und ausgedehnte Tempelanlagen in enge Täler gezwängt. Viele Artefakte wurden in einem Stück direkt aus dem gewachsenen Fels oder einem großen Findling gehauen – hier ein mehrere Meter großer dickbäuchiger Ganesha, der elefantenköpfige Sohn Shivas, dort ein tonnenschwerer Nandi Bull, Shivas Reittier, und wieder woanders eine sieben Meter hohe monsterartige Erscheinungsform Vishnus, jeweils überdacht von einem Pavillon, dessen steinernes Dach von monolithischen Granitpfeilern gestützt wird. Im Hof des prächtigen Vitthala Tempels hat man, was in Indien einmalig ist, einen der monumentalen Tempelwagen, die normalerweise aus Holz gefertigt und überreich mit Schnitzereien geschmückt sind, mit allem Drum und Dran in Stein gehauen.

Die Wahl der ungewöhnlichen Lokalität verdankt sich einer Mischung von religiösen und strategischen Faktoren. Die Inder neigen von alters dazu, besondere Bildungen der Natur dem Wirken spiritueller Kräfte zuzuschreiben. Deswegen sind ihre Heiligtümer bevorzugt an Stellen platziert, an denen die Natur exzeptionelle Phänomene geschaffen hat. Dies können Hervorbringungen der lebendigen Natur sein, etwa das labyrinthische Gewirr eines großen Banyanbaumkomplexes, oder solche der toten Natur, wie bestimmte Formen des Wassers – oder eben besondere Felsformationen. Vor allem Felswände haben die indische religiöse Phantasie angeregt, weswegen man in dieselben gerne Höhlentempel gemeißelt hat – nicht sonderlich weit von Hampi, in Badami, liegt in spektakulärer Landschaft solch’ eine grandiose Anlage. Die außergewöhnliche Landschaft von Hampi nun bot unzählige Möglichkeiten für solche Platzierungen. Und so ist die Gegend übersäht von Tempelchen und Schreinen, die an den unmöglichsten Orten angebracht sind – auf schwer zugänglichen Felsterrassen etwa, abenteuerlichen Bergspitzen oder in engen Felsspalten.

Die wuchernde mythologische Phantasie der Inder hat an diesen Ort auch noch den Beginn des Entführungsdramas gelegt, welches einen wesentlichen Teil des Epos Ramayana ausmacht und insoweit so erstaunlich an die europäische Ilias erinnert. Sita, die Ehegattin des Helden Rama, soll sich hier in einer Höhle, die als der Sitz des Affenkönigs Surgiva gilt, aufgehalten haben, als sie von dem zehnköpfigen Drachen Ravana nach Sri Lanka entführt wurde, von wo sie Rama mit Hilfe des Affengenerals Hanuman und seiner tierischen Soldaten, die eine Brücke aus schwimmenden Steinen zu der Insel bauten, nach heroischem Kampf wieder zurückgeholt hat. In einer Felsenhöhle wird eine Gesteinsformation gezeigt, die man als einen Abdruck des Saris imaginiert, den Sita bei der Entführungsaktion verloren habe. Figuren und Szenen aus dieser melodramatischen Geschichte sind denn auch in Hampi überall in Stein gemeißelt zu finden. Der Ort ist im Übrigen noch heute ein Reich der Affen. Eine freundliche Makakenart, die keine Scheu vor Menschen hat, turnt auf putzige Weise überall in den Ruinen und in den Siedlungen der Menschen herum.

Die Erbauer der Stadt wussten aber auch die strategischen Möglichkeiten der ungewöhnlichen Landschaftsbildung von Hampi zu schätzen. Das zerklüftete und schwer zugängliche Terrain erschwerte einem Gegner den Angriff auf die Stadt. Die schroffen Felsformationen baute man in das komplexe System der penibel gefugten zyklopischer Mauern ein, mit welchen man die Stadt auf einer Seite abriegelte, während die andere Seite vom Fluss Tungabhadra geschützt wurde, der im Übrigen ebenfalls heilig ist.

Vom Leben in Vijayanagar weiß man, ähnlich wie in Falle von Ankor, vor allen aus den Berichten von Reisenden und Geschäftsleuten, die aus China, Arabien und gegen Ende auch aus Europa kamen. Sie zeichnen das Bild einer außerordentlich geschäftigen Handelsstadt, deren Basare von Menschen und Ochsenkarren verstopft waren. Fasziniert war man nicht zuletzt von der Größe des Ortes. Ein portugiesischer Pferdehändler berichtete, er habe die Metropole, die mindestens so groß wie Rom sei, selbst von einem hohen Berg aus nicht überblicken können. In den Niederungen, so vermerkte er außerdem, seien überall wohl bestellte Felder und Obsthaine zu sehen.

Der Portugiese hielt sich nicht ohne guten Grund in Vijayanagar auf. Pferde waren einer der wichtigsten Importartikel des Reiches, dessen militärische Stärke weitgehend auf seiner Reiterei beruhte. Man bezog sie in großen Mengen vor allem von Arabien, das die Geheimnisse der Pferdezucht angelegentlich für sich behielt. Das Geschäftsfeld war äußerst lukrativ, denn ein Großteil der Tiere wurde in Indien alsbald ein Opfer der ungewohnten Lebensbedingungen, weswegen dieselben ständig durch neue Lieferungen ersetzt werden mussten. Vijayanagar konnte sich einen derartigen Verschleiß offenbar leisten. Über seinen Reichtum wird Märchenhaftes erzählt, vor allem dass es dort große Mengen an Gold und edlen Steinen gebe, mit denen man Handel treibe. Man zeigt heute eine prachtvoll behauene steinerne Konstruktion, die als Waage des Königs bezeichnet wird, an welcher der Herrscher an Festtagen in Gold und Edelsteinen aufgewogen worden sein soll, mit denen dann öffentliche und soziale Projekte finanziert wurden. Welche Dimensionen insoweit kursierten, kann man der Überlieferung entnehmen, wonach der Bruder des letzten Königs die Stadt nach der Schlacht von Talikota mit Schätzen verlassen habe, die auf dem Rücken von 1500 Elefanten abtransportiert worden seien. Diese Geschichte dürfte zwar „ein wenig“ von der Megalomanie geprägt sein, zu denen indische Berichte über historische Ereignisse tendieren. Als eine Hauptsehenswürdigkeit Hampis werden nämlich – im Übrigen sehr gut erhaltene – Elefantenställe gezeigt, in denen allenfalls ein paar Dutzend dieser Tiere Platz gehabt haben. Die Erzählung macht jedoch deutlich, in welchem Ruf die Stadt stand und dürfte den Drang der goldgierigen Europäer nach dem Wunderland Indien beflügelt haben. Diese haben denn auch bald die politische Instabilität, die nach dem Fall von Vijayanagar entstanden war, genutzt und haben das Erbe des zerschlagenen Reiches angetreten.

In welchem Umfang in Vijayanagar Handel getrieben worden sein muss, zeigen die großen Basare, welche nach Art von Prachtstrassen auf die vier Haupttempelanlagen zulaufen. Auf diesen bis zu einem Kilometer langen sehr breiten Alleen, welche von laubenartigen Bauten aus aberhunderten von monolithischen Granitpfeilern und Deckenplatten gesäumt sind, fand im merkwürdiger Koexistenz mit dem Tempel der rege Handel statt, von dem in den Reiseberichten die Rede ist. Die Granitteile, die, schnurgerade ausgerichtet, noch weitgehend aufrecht stehen, erinnern an die Säulenstrassen, die man aus Städten der europäischen Antike kennt.

Monolithische Granitteile aus den Felsen zu schlagen und zu bearbeiten, muss eine Hauptbeschäftigung der Bewohner von Vijayanagar gewesen sein. Anders als in Ankor, wo man den Sandstein über vierzig Kilometer erst herantransportierten musste, war das Material im Überfluss vor Ort. Aufrecht, in prekärer Schräglage oder am Boden liegend sind die Bauteile heute in eigentümlich pittoresker Weise über das ganze ehemalige Stadtgebiet verstreut, weswegen man im Zusammenhang mit Hampi auch von „Poesie in Granit“ spricht. Es ist eine Poesie, deren Sprache von roher Zweckmäßigkeit bis zu feinster Elaboriertheit reicht. Zusammen mit der wilden und kargen Landschaft trägt sie zu jenem Gefühl der Weltentrückung bei, das den Besucher dieser Ruinenstadt unweigerlich ergreift.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 4

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

23.3.1985

Früh morgens blökt eine Kuh mit großer Ausdauer in unser Fenster hinein.

Wir mieten bei Nazir Taucherbrillen und Schnorchel und entdecken eine neue Welt. Unmittelbar am Strand gibt es Korallen. Meist sind es ausgedehnte Korallenfriedhöfe. Dazwischen finden sich aber immer wieder intakte Stellen. Dort nehmen die merkwürdigen Gebilde zwischen Pflanze und Tier höchst bizarre Formen und kräftige Farben an. Alles ist übersät von leuchtenden Korallenfischen; dreißig bis vierzig Zentimeter lange sind dabei, die vollkommen durchsichtig sind, und Schwärme winziger Flimmerlinge, in die man eintauchen kann. Dazwischen ist alles, was sich eine überreiche Phantasie nur erdenken kann. Besonders beeindruckende Exemplare von Korallen finden sich hinter dem Felsvorsprung, der die Bucht abtrennt. Es sind große, einzeln stehende Knollen, auf deren Oberfläche sich Windungen von penibelster Genauigkeit befinden. Das Gehirn hat, um Oberfläche zu gewinnen, ähnliche Muster entwickelt.

Man gerät unweigerlich ins Grübeln über die Gründe für den Reichtum an Formen, den eine einzelne Gattung, ein besonderes Lebenssystem, hervorbringt. Unter Wasser scheint er sogar noch größer als darüber zu sein. Bei jeder Form fällt die Funktionalität geradezu ins Auge. Die immer gleiche Problemstellung, möglichst viel Oberfläche zu schaffen, um mit möglichst viel Kleingetier in Kontakt zu kommen, führt zu ganz unterschiedlichen, offensichtlich aber gleichwertigen Lösungen. Vielfalt und Funktionalität sind, wie sich zeigt, keine Gegensätze. Mancher moderne Architekt könnte daraus lernen.

Ein Schwarm junger Polen fällt ein, Studenten, die eine große Asienreise vor sich haben. Wir unterhalten uns eine Weile mit ihnen, die uns Hause so unendlich weit weg zu sein scheinen. Man muss weit reisen, um seine Nachbarn kennen zu lernen.

Nachmittags zieht es uns wieder in das Paradies. In der untergehenden Sonne tauchte ich am ABC-Strand lange in einem riesigen Korallengebiet, das sich entlang des Felsvorsprunges zieht. Der felsige Untergrund hat hier ein starkes Bodenrelief und dadurch eine weitläufige Unterwasserlandschaft mit tiefen Schluchten und jähen Felswänden gebildet. Anders als bei Nazir’s Strand sind die Korallen des Paradieses weitgehend unbeschädigt. Offensichtlich tut Nazir’s unternehmerisches Wachstum, das „natürlich“ vermehrte Abwässer zur Folge hat, den Korallen nicht gut. In der Dämmerung verblassen schließlich die Farben und ich muss von der  schweigend-bizarren Unterwasserwelt fröstelnd Abschied nehmen. Nachträglich denke ich, dass ich mich durch die bunte Glitzerwelt vielleicht doch zu weit habe hinauslocken lassen. Tiger gibt es sicher keine auf Tioman. Aber würde mir jemand 1000 DM für jeden gesichteten Hai bieten?

Das Abendmenu nehmen wir wieder im Restaurant des Paradieses ein. Mit leichten Variationen entspricht es dem vom Vorabend. Zu uns setzen sich Dott und ihr Ehemann John. John ist ein später Aussteiger und Friedensbewegter. Er denkt ernsthaft darüber nach, sich wegen der atomaren Bedrohung auf der nördlichen Erdhalbkugel nach Neuseeland zu verziehen, wo er glaubt der Hölle des Ost-Westkonfliktes entkommen zu können. Wir landen im Laufe der langen Unterhaltung  unweigerlich bei den allgemeinsten Fragen der Weltpolitik.

Es folgt wieder der nächtliche Marsch zu Nazri – langsam bekommen wir Übung darin, Pfade im Dunkeln aufzuspüren. Nachdem die Kinder im Bett sind,  sitzen wir noch ein wenig in Nazri’s Restaurant und sprechen mit den jungen Polen, die erstaunlich weltoffen sind. Wie weit sind wir doch noch davon entfernt, so mit unseren benachbarten Landsleuten sprechen zu können.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985