Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 7

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

26.3.1985

Am Morgen klagen die Kinder über allzu große Naturnähe. Ameisen haben die Hütte heimgesucht und eine unruhige Nacht beschert.

Es heißt Abschied nehmen. Unser Abgang aus dem Paradies ähnelt dem von Adam und Eva – er findet unter Druck, Zeitdruck statt. In uninsularer Eile hetzen wir in der Frühe zu Nazri’s Strand zurück, von wo es – von wo sonst? – zum Festland geht. Unsere Seelenlage entspricht dem Zustand jener großen Kokospalme am Wegesrand, die über Nacht umgestürzt ist und nun mit ihrer prächtigen Krone im Wasser liegt.

Das Boot liegt schon „auf“ dem Strand. Wir haben gerade noch Zeit, unser Gepäck von den Polen zu holen und hineinzuklettern. Good bye Tioman, good bye deinen Stränden, Korallen, Dschungelbächen, tiefsinnigen Gesprächen, good bye der Palmenidylle, dem Dschungel, dem Tropenkonzert – good bye paradise.

Mit auf dem Boot sind Dott und John. Die Kinder finden bald weitere Bekannte, ein paar Deutsche, die sie auf der Insel kennen gelernt haben. Stolz betrachten wir im Vorbeifahren noch einmal „unsere“ Dschungelwand. Viel zu sehen ist leider nicht. Der obere Teil ist, ebenso wie die Berge im Innern der Insel, von dunklen Wolken eingehüllt. Dafür liegt sehenswerte „Landschaft“ diesmal über dem Meer. Hier türmen sich mächtige Wolkengebirge.

Ich habe einen abgasfreien Platz auf dem wenige Quadratmeter großen Dach des Bootes gefunden. Ein kühler Regenschauer zwingt mich allerdings kurzfristig, darunter Schutz zu suchen. Nachbar auf meiner luftigen Terrasse ist ein Engländer. Er ist Soldat, Ausbilder eines in Hongkong stationierten Gurkaregiments, das er zur Zeit in den Wäldern Malaysias in Überlebenstechnik und Dschungelkampf trainiert – Gelegenheit also nach den gesammelten eigenen Erfahrungen, den Fachmann „sachkundig“ zu befragen. Er berichtet, dass das Leben im Dschungel keinesfalls besonders schwierig sei. Es sei zwar recht feucht, wegen des allgegenwärtigen Schattens sei es aber nicht übermäßig heiß. Von der Tierwelt drohe praktisch keine Gefahr. Die meisten Tiere, insbesondere die Schlangen, verzögen sich aufgeschreckt durch die Bodenerschütterungen, die der Mensch verursacht, schon lange, bevor sie in Sichtweite kämen. Man bekomme daher allenfalls einmal eine Wasserschlange zu Gesicht, da diese die Erschütterungen im Wasser nicht spüren könne. Wasserschlangen seien aber völlig harmlos. Nachts könne man sich gegen versehentliche Kontakte mit gefährlichen Tieren schützen, indem man um sich einen Kreis aus Zweigen eines bestimmten Baumes lege. Die starken Ausdünstungen dieser Pflanze hielten jegliches Getier fern. Allerdings verursachten sie bei manchen Menschen schwere Allergien.

Das südchinesische Meer ist an diesem Tage eher pazifisch gestimmt. Die Meerfahrt ist ein einziges Vergnügen. Es gibt keine bleichen Gesichter und keine danieder gestreckten Traveller. Die Kinder turnen auf dem kleinen Boot herum und unterhalten die Reisenden. Als die kleinen Inseln vor der Küste in Sicht kommen, wissen wir, dass wir auch von Piraten verschont geblieben sind. Angeblich sollen die Piraten, die ihr Unwesen im nördlichen Teil des südchinesischen Meeres treiben und dort insbesondere die Vietnamflüchtlinge überfallen, mit ihren Schnellbooten gelegentlich auch in diesen Breiten auftauchen. Mit einer gewissen Erleichterung fahren wir daher in den geschäftigen Fluss ein, in dem es von Seelenverkäufern nur so wimmelt. Teilweise sind fünf Boote seitlich aneinander geparkt. Bald haben wir wieder festes Land unter den Füßen.

In der Mittagshitze ist zunächst der Weg in die Innenstadt von Mersing zu bewältigen. Dort beginnt unter Beteiligung der einheimischen Bevölkerung ein großes Palaver über die weiteren Verkehrsverbindungen. Gibt es einen Bus nach Norden, fährt er noch am gleichen Tag, nachmittags, abends? Jeder hat andere Informationen. Es gilt Abschied von den Travellers zu nehmen, von Dott vor allem und John.

Wir lassen uns zunächst einmal in einem Restaurant nieder, genießen eine heiße chinesische Suppe und feiern anschließend ein wahres Ananasfest. Von dort gehe ich mit Sassi auf die Suche nach einer Busstation. In den Läden, in denen wir Informationen zu erhalten versuchen – Geschäftsleute können in der Regel am besten Englisch – gibt es alles, von der Zange über Töpfe bis zu jungen Enten. Dicht gedrängt piepsen letztere in einem flachen Korb, der am Boden steht. Sassi fragt gleich nach dem Preis, der nach unseren Maßstäben verschwindend ist. Er ist fest entschlossen, eines der kuscheligen Tierchen  zu kaufen, notfalls von seinem Taschengeld. Nur mit Mühe gelingt es mir, ihn davon zu überzeugen, dass Enten keine besonders guten Reisebegleiter sind.

Entgegen allen Befürchtungen bekomme ich in einem Restaurant Tickets für einen Bus, der noch am gleichen Tag fahren soll. Einen genauen Zeitpunkt für die Abfahrt kann man zwar nicht sagen, wir sollen im Vorraum des Restaurants warten, bis er kommt. Also warten wir mit einigen Einheimischen, in jedes mögliche Schicksal ergeben.

Allzu lange lässt der Bus dann nicht einmal auf sich warten. Überraschenderweise weist er sogar einen beachtlichen zivilisatorischen Komfort auf – getönte Scheiben und eine Klimaanlage. Kann man sich gegen solche Annehmlichkeiten wehren? Tioman und das Paradies sind schon weit weg, jetzt stellen sich andere Probleme!

Erste Busfahrt in Malaysia. Unser Ziel ist zunächst einmal Kuantan, 250 Kilometer weiter nördlich. Das Küstengebiet, durch das die Straße führt, ist ziemlich dicht besiedelt. Überall finden sich, wie üblich unzusammenhängende, Kampongs. Nur selten gewinnt man den Eindruck einer geschlossenen Ortschaft. Die Malayen müssen einen gewissen Hang zur Absonderung haben. Es wäre interessant, zu wissen, was die sozialen Voraussetzungen dieser verstreuten Siedlungsform sind und welche Besonderheiten des gesellschaftlichen Lebens sie erzeugt haben.

Malerisch, wie man nach den Beschreibungen insbesondere regierungsamtlicher Provenienz erwarten konnte, ist die flache Küstenlandschaft nicht. Irgendwo weit außerhalb einer mittelgroßen Stadt machen wir 20 Minuten Rast auf einem größeren Asphaltfleck. Da man nichts weiter tun kann, füttern wir ein paar frei umherlaufende Ziegen mit Bananenschalen.

Gegen Abend erreichen wir Kuantan bei leichtem Regen. Ein Hotel ist bald gefunden. Wir wohnen, unseren Gepflogenheiten entsprechend, altchinesich, das heißt in einem weitläufigen Gebäude, das an einer lauten Straße liegt, nach allen Seiten offen ist, Zimmerwände hat, die nicht bis an die Decke gehen und leicht verstaubt ist. Wir sind die einzigen „Weißen“ im Hotel. Schon als wir nach einem Zimmer fragten, hat man uns erstaunt angeschaut.

Nach Abschluss der Duschzeremonien gibt es etwas zu Essen in der Bäckerei, die zum Hotel gehört. Auf unsere Frage nach einem Getränk empfiehlt man uns, Teebeutel zu kaufen und im Hotel heißes Wasser zu bestellen. Das sei wesentlich billiger, als draußen in einem Restaurant Tee zu trinken – irgendwie praktisch diese Chinesen.

Kleiner Rundgang durch die umliegenden Geschäftsstraßen, die Kinder toben noch etwas in den weitläufigen und verschachtelten Gängen des Hotels bis sie bettreif sind.

Wir machen einen weiteren Spaziergang durch die Stadt. Eine Straßengarküche lockt mit einem Pfannengericht. Der junge Koch gibt sich für uns besondere Mühe und zaubert, assistiert von seiner stolzen Mutter, mit artistischer Fingerfertigkeit aus allerlei Zutaten einen höchst schmackhaften Imbiss. Die Freude an seiner Tätigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Ein Supermarkt ist noch geöffnet. Es gibt alles, was die Malaysier dringend benötigen: Honig aus Australien, Mineralwasser aus Frankreich, Popcorn aus Amerika. Ein Zentrum abendlichen Lebens können wir nicht finden, daher gehen wir früh zu Bett.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

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