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1869 Franz Lachner (1803 – 1890) – 5. Orchestersuite

Daß die 5. Suite von Franz Lachner im Jahre 1990 nach einem Schlaf, der länger als der des Dornröschen war, in Stuttgart wiedergespielt wurde, beruht auf einer merkwürdigen Verbindung scheinbar nicht zusammenhängender Umstände.

Franz Lachner, geboren 1803 im bayrisch-schwäbischen Rain am Lech, starb am 20.1.1890 in München. Sein Leben ist die Geschichte vom Aufstieg eines Organistensohnes aus kleinsten Verhältnissen zum (ersten) bayrischen Generalmusikdirektor, eine faszinierende, noch zu schreibende, musikalische Biographie, die das ganze 19. Jahrhundert umspannt und seine wichtigsten Protagonisten enthält. Der Schubertkreis in Wien, zu dem Lachner gehörte, spielt darin ebenso eine Rolle, wie die Intrigen, mit denen sich Richard Wagner in München etablierte und die dazu führten, daß Lachner sich aus seinen Ämtern zurückzog und das Feld Wagners Adalatus Hans von Bülow überließ.

Nach dem Urteil Robert Schumanns war Lachner „gewiß der talent- und kenntnisreichste unter den süddeutschen Komponisten“. Zu Lebzeiten als Dirigent und Komponist hochverehrt, geriet er nach seinem Tod jedoch bald in Vergessenheit. Seinem Nachruhm geschadet haben dürfte sein kritisches Verhältnis zu der seinerzeit allesbeherrschenden Neudeutschen Schule, vor allem zu ihrem Hohepriester Richard Wagner, dessen schillernde Gestalt dem biederen „Schwaben“ Lachner nicht geheuer gewesen ist. Seine Vorbilder waren seine Altersgenossen, die frühen Romantiker von Schubert bis Mendelssohn. Da er das „Pech“ hatte, sogar viele Hochromantiker zu überleben, galt er später als altmodisch und überholt.

65 Jahre nach seinem Tod war um Franz Lachner vollständige Dunkelheit. Seine insgesamt 305 Werke – Oratorien, Opern, Kammermusik, Lieder, Symphonien und zahlreiche Gelegenheitswerke – waren vergessen. Das galt auch für seine Orchestersuiten, denen er einst seinen kompositorischen Ruf verdankte. Diese seit Haydn vergessen gewesene Musikform hat Lachner wiederbelebt.

Dann aber begann sich das Blatt langsam zu wenden. im Jahre 1954 fing einer der drei Handlungsstränge an, welche sich im Jahre 1990 auf so merkwürdige Weise zur Wiederentdeckung Lachners in Stuttgart verweben sollten. Seinerzeit erhielt eine Familie im Hessischen die musikalische Hinterlassenschaft eines verstorbenen Bekannten, die aus einem Cello und einer schweren Notenkiste bestand. Es hieß, daß die Noten aus dem Besitz eines früheren Leiters der berühmten Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek stammten. Das Instrument war der Anlaß dafür, daß einer der Söhne dieser Familie – wie übrigens auch Lachner selbst – das Cellospiel erlernte. Aus der Notenkiste suchte man die besten Stücke heraus, der große Bodensatz mit Werken vergessener Meister aber blieb unbeachtet und kam auf den Dachboden, wo er in einer dunklen Ecke sein Dasein fristete. 35 Jahre stand so die Kiste auf einem hessischen Speicher herum. Weihnachten 1989, wenige Wochen vor Lachners 100. Todestag, kramte man wieder einmal in der verstaubten Kiste. Dabei stieß man auf die schön gestochenen Stahlstichnoten eines Klavierquintettes von Franz Lachner. Da niemand etwas mit diesem Namen anfangen konnte, nahm sie der noch immer cellospielende Sohn – mehr aus antiquarischem als aus musikalischem Interesse – mit nach Stuttgart, wohin er zwischenzeitlich übergesiedelt war und wo er sich seit kurzem liebhabenderweise im Orchester Pro Musica betätigte.

Wenige Tage vor Lachners 100. Todestag, von dem man nach wie vor nichts ahnte, ergab sich bei einer Gesellschaft von Musikenthusiasten zufällig eine Klavierquintettbesetzung. Man legte die ehrwürdigen alten Stahlstichnoten auf und begann Lachners Quintett zu spielen. Was dabei erklang, ließ aufhorchen. Schnell reifte der Entschluß, das Werk sobald als möglich bei einem Hauskonzert zur Aufführung zu bringen.

Bei der Suche nach einem Pianisten, der bereit war, den schwierigen Klavierpart einzustudieren, kam der zweite Handlungsstrang ins Spiel. Lachner hatte ihn gewissermaßen selbst in Gang gesetzt. Rechtzeitig hatte er nämlich einen weiteren Agenten ins Schwabenland gesandt. Aus dem Westfälischen war kurz vor dem Jubiläumsjahr seine Groß-Großnichte an den Neckar gezogen. Auch sie war dem Orchester Pro Musica beigetreten, wo sie, – als Nachfahrin Lachners unerkannt, da sie den Namen ihres Ehemannes trug – die Geige spielte. Mit der Abordnung der Geigerin in das Orchester, in dem ein Cellist einen Pianisten suchte, war die Verbindung hergestellt, die ein langfristig disponierender Zufall beabsichtigt zu haben schien. Die Geigerin entpuppte sich als ausgebildete Pianistin. Nichts war natürlicher, als daß sie den Klavierpart in Lachners Quintett übernahm.

Wenige Monate später erklang das Quintett zur Freude von Spielern und Zuhörern mit Lachners Nachfahrin am Klavier. Man wunderte sich nur darüber, daß ein so schönes und grundmusikantisches Werk und sein Schöpfer so vollkommen in Vergessenheit geraten konnten. Spontan konstituierte sich eine “ Lachnergesellschaft“ aus Publikum und Akteuren des Konzertes, die sich zum Ziel setzte, ein Orchesterwerk des vergessenen Meisters wiederzubeleben.

Doch dies war leichter gesagt als getan. Die Noten der Werke Lachners waren offenbar weitgehend auf unbekannten Dachböden versteckt, wo sie, wie gesehen, ihre Stunde mit der Geduld dessen abwarten, der die Zeit nicht zu fürchten braucht. Eine Suche bei einschlägigen Institutionen war daher zunächst erfolglos. Dann aber fand sich im Notenarchiv des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart das Orchestermaterial der 5. Suite. Es fehlte jedoch die Partitur (weswegen die Suite nie hatte aufgeführt werden können).

Nun begann die schwierige Suche nach der Partitur. Nach mehreren vergeblichen Anläufen war man fast schon entschlossen, die Aufführung der Suite aufzugeben. Da trat als deus ex machina der dritte Handlungsstrang hinzu, der auf merkwürdige Weise mit dem ersten Strang verbunden ist.

Im Frühjahr 1990 war ein Aufsatz über Franz Lachner in einer bayrischen Kulturzeitschrift erschienen. Der Autor wehrte sich darin gegen die abwertenden Äußerungen eines Musikkritikers in einer großen Münchener Zeitung, der nach der Wiederaufführung eines Orchesterwerkes von Lachner anläßlich seines 100. Todestag in München geschrieben hatte, man sehe jetzt, was das Sieb der Musikgeschichte von Lachner übriggelassen habe: nicht allzuviel, fast gar nichts. Unter dem Eindruck des Klavierquintetts teilte unser Cellist dem offensichtlich gut informierten Verteidiger Lachners spontan seine Zustimmung mit. Zugleich fragte er bei ihm an, ob er wisse, wo Noten von Orchesterwerken Lachners zu finden seien. Die Antwort kam von eben jener Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek, mit der bereits die hessische Notenkiste etwas zu tun hatte. Es stellte sich heraus, daß der Autor des Aufsatzes ein Nachfahr des Besitzers der Notenkiste heraus. Er war ebenfalls Leiters der Musikabteilung der Bayrischen Staatsbibliothek. Dort habe man den gesamten Nachlaß Lachners, teilte er gerade im rechten Augenblick mit. Kopien von Noten könne man machen. Allerdings habe man von den Orchesterwerken nur die Partitur!

Damit schloß sich der Kreis. Auf dem erstaunlichen Umweg über das Klavierquintett waren nun Orchesterstimmen und Partitur in Stuttgart wieder vereint. Könnte man es jemandem verdenken, wenn er angesichts dieses seltsamen Ablaufs der Dinge an einen Sinn in all den Zufällen dächte, wenn er davon überzeugt wäre, der vernachlässigte Meister habe bei seiner Wiederentdeckung in seinem 100. Todesjahr selbst die Hand im Spiel gehabt?

Welche Schätze Lachner’scher Musik sonst noch auf Dachböden, in Archiven und in Bibliotheken lagern, läßt sich im Augenblick nur erahnen. Es gibt nicht nur Werke von Franz Lachner wiederzuentdecken. Drei seiner Brüder, Theodor, Ignaz und Vincent, waren  ebenfalls fruchtbare Komponisten. Vincent war lange Jahre Kapellmeister in Mannheim und Karlsruhe. Ignaz, der Ur-Ur-Großvater von Lachners Stuttgarter Agentin, war unter anderem 10 Jahre (1831-1841) Kapellmeister am Hoftheater in Stuttgart, wo er auch viele eigene Werke, darunter mehrere Opern aufführte. Es scheint so etwas wie eine „schwäbische“ Bachfamilie zu geben, die der Wiederentdeckung harrt.

1862 Anton Bruckner (1824- 1896) – Streichquartett c-moll

In Bruckners künstlerischem Leben, das ganz der Entwicklung der Großform gewidmet war, war wenig Platz für den Kammerton. Tatsächlich komponierte Bruckner nur zwei echte kammermusikalische Werke. Im Jahre 1862 entstand das Streichquartett in c-moll. Mehr als eineinhalb Jahrzehnte später folgte ein Streichquintett, das allerdings stilistisch und seiner orchestralen Anlage wegen im Grunde nur ein weiteres Bauelement im symphonischen Großgebäude des Meisters ist.

 

Das Quartett in c-moll ist ein Übungswerk, das Bruckner im Rahmen seiner Kompositionsstudien bei Otto Kitzler verfasste. Durch Kitzler, seinerzeit erster Kapellmeister am Linzer Orchester und zehn Jahre jünger als sein Schüler, kam Bruckner erstmals in Kontakt mit der neueren Musik seiner Zeit, insbesondere mit Richard Wagner, was für seine weitere künstlerische Entwicklung entscheidend werden sollte. Davon abgesehen widmete sich Bruckner unter Kitzlers Leitung aber auch kompositorischen Studien auf der Basis der historischen Musik. Das Vorbild der Klassiker ist denn im Streichquartett in c-moll auch deutlich sichtbar. Ansätze zum eigentlichen Brucknerstil finden sich nur gelegentlich. Dieser sollte sich erst einige Jahre später entwickeln.

 

Als reines Studienwerk war das c-moll Quartett nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Die einzige Quelle des Werkes ist die handschriftliche Partitur in Bruckners Studienbuch. Dementsprechend ist es zu Lebzeiten Bruckners auch nie gespielt worden. Die erste Aufführung fand erst im Jahre 1951 durch das Koeckert Quartett statt. Da es Bruckner und seinem Lehrer offenbar nur darauf ankam, sich mit der Struktur eines Werkes dieser Gattung vertraut zu machen, fehlen alle Vortragszeichen, was den Interpreten große Freiheit gibt. Das Werk ist damit eigentlich unfertig. Dennoch kann es als Wegmarke im Werdegang eines – späten – Genies durchaus Interesse beanspruchen.

1850 Robert Schumann (1810-1856) – Cellokonzert a-moll, Op. 129

Anfang September 1850 verließ Schumann das ungeliebte Dresden und zog nach Düsseldorf, wo er die Dirigentenstelle des „Allgemeinen Musikvereines“, eines im Wesentlichen aus Laien bestehenden Orchesters übernommen hatte. Noch ganz in der Hochstimmung, die ein freundlicher Empfang in Düsseldorf und die Aussicht auf eine befriedigende berufliche Tätigkeit ausgelöst hatten, komponierte er in wenigen Tagen (10. bis 16. Oktober) sein Cellokonzert. Das Werk, das tatsächlich wie aus einem Guss erscheint, ist eines der wenigen großen Konzerte für dieses sympathische Instrument. Dessen Möglichkeiten hatten die großen Klassiker mit Ausnahme von Haydn und Boccherini erheblich unterschätzt und es darum eher stiefmütterlich behandelt. Schumanns Konzert aber leistet Wiedergutmachung. Das durchkomponierte "einsätzige" Werk ist gekennzeichnet durch zarte Lyrik und feurigen Schwung, vor allem aber durch jenen elegischen Ton, den das Cello wie kein anderes Instrument zum Ausdruck bringen kann. Das Orchester tritt, wiewohl mit wichtigen, gelegentlich an den off-beat des Jazz erinnernden Akzenten betraut, in diesem echten Virtuosenkonzert eher in den Hintergrund. Das Soloinstrument aber wird in höchst effektvoller Weise in Szene gesetzt, bis hin zu jenem fulminanten Schluss, der dem Solisten einen guten Abgang garantiert.

Schumann selbst hat das Werk nie gehört, erstaunlicherweise weil sich kein Cellist fand, der es spielen wollte. Die Uraufführung fand erst nach seinem Tode, nämlich im Jahre 1860 anlässlich des Gedenkens an seinen fünfzigsten Geburtstag im Leipziger Gewandhaus statt.

Schumann scheint Übrigens geahnt zu haben, dass sich die Cellisten möglicherweise zieren würden, das Konzert zu spielen. Jedenfalls hat er „zur Sicherheit“ noch eine Fassung für Violine gefertigt. Letztendlich haben sich aber doch die Cellisten des Werkes bemächtigt, zu deren Standardrepertoire es seit Langem gehört.

 

 

 

1849 Otto Nicolai (1810-1849) – Ouvertüre zur Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“

Otto Nicolai lief mit 16 Jahren aus seinem Elternhaus weg, weil sein ehrgeiziger Vater ihn mit Musik drangsalierte und ihn mit allen Mitteln zum Wunderkind trimmen wollte. Merkwürdig ist dies deshalb, weil der junge Mann, der vor einer offenbar reichlich rigiden Auffassung von Musik und musikalischer Erziehung flüchtete, später nicht nur ein begeisterter Musiker, sondern gar zum Inbegriff deutschen musikalischen Humors werden sollte. Er schrieb die Erfolgsoper „Die Lustigen Weibern von Windsor“, der die gleichnamige Komödie von Shakespeare zugrunde liegt.

Nicolai, der nach einigen Jahren in Italien Kapellmeister bei den Wiener Philharmonikern wurde, hatte bis kurz vor seinem Tode mit mäßigem Erfolg ausschließlich „ernste“ Opern geschrieben. Auf dem Hintergrund seiner italienischen Erfahrungen geriet er aber über diese Art von Musik schließlich ins Grübeln. Die deutsche Oper, schrieb er, enthalte viel Philosophie und nicht genug Musik. In der italienischen Oper, wo Leichtigkeit herrsche, sei es umgekehrt. „Sollte es denn ganz unmöglich sein“ so fragte er, „einer Vereinigung beider Anforderungen zu genügen?“ Genau dies ist dem Ostpreußen, den es schließlich nach Berlin verschlug, mit seiner letzten Oper gelungen. „Die lustigen Weiber von Windsor“ sollte eine der wenigen in der Wolle gewaschenen deutschen komischen   Opern werden. Man kann in diesem Werk die Musik geradezu lachen hören.

Die tiefsinnigeren deutschen Komponisten, Richard Wagner etwa oder Pfitzner, haben es Nicolai nicht gedankt und das Werk etwas sauertöpfig als langweilige und humorlose Kapellmeisteroper abgetan. Das Publikum aber war immer anderer Meinung. Die Oper und Nicolai wurden so bekannt, daß man darüber fast vergaß, von wem das Sujet eigentlich stammte. Ein bekannter Kalauer lautet: „Gestern sind in der Oper ‚Die lustigen Weiber (-) von Windsor‘ gegeben worden“. „Ach, ich dachte, die seien von Nicolai“.

1849 Robert Schumann (1810- 1856) – Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester Op. 86

Schumanns Leben und Schaffen ist auf Grund seiner krankhaften bipolaren Veranlagung, die letztlich zur Tragödie führt, von außerordentlichen Schwankungen bestimmt. Phasen tiefster Depression folgen solche eines manischen Schaffensdrangs, in denen er in schier unfassbarer Geschwindigkeit Meisterwerke produziert. Eine solche Hochphase ist etwa die Zeit nach seiner hart erkämpften Eheschließung mit Clara Wieck im Jahre 1839. Im darauf folgenden Jahr schreibt er nicht weniger als 138 Lieder. Noch im Glück der ersten Ehejahre ist 1842 ist das Kammermusikjahr, in denen er fünf herausragende Werke dieser Gattung komponiert. Zwei Jahre später befindet er sich in einem psychischen Tief. Er gibt die Redaktion der von ihm gegründeten, inzwischen hoch angesehenen „Neuen Zeitschrift für Musik“ und damit die Basis seiner wirtschaftlichen Existenz auf. Enttäuscht darüber, dass ihm nach dem Weggang Mendelssohns nach Berlin nicht die Leitung der Gewandhauskonzerte übertragen wurde, übersiedelt er auch noch von Leipzig, wo er künstlerisch gut etabliert war, nach Dresden. In der königlichen Residenzstadt plagt ihn schon bald das Gefühl, dass für ihn dort nicht das richtige musikalische Pflaster ist. Die Musikpflege konzentriert sich hier im Wesentlichen auf die Oper, mit der sich Schumann bislang praktisch nicht beschäftig hatte. Schumann verfällt in Apathie und Depression und sucht verzweifelt nach anderen Wirkungsstätten. Versuche, sich in Wien und Berlin zu etablieren, scheitern. Daraufhin versucht Schumann, in der Oper Fuß zu fassen. Ein packt eine Reihe von Opernprojekten an, die aber nicht über die Ouvertüren hinausgelangen. Seine einzige mit viel Mühe fertig gestellte Oper „Genoveva“ hat nicht den Erfolg, den er sich erhofft hatte. Seiner Doppelbegabung entsprechend beschäftigt er sich aber weiterhin mit musikalisch-literarischen Projekten. Sie gipfeln 1849 in den abschließenden Arbeiten an seinen Faust-Szenen, mit denen er sich über zehn Jahre befasst hatte. Offenbar beflügelt durch die Beschäftigung mit dem Olympier gerät Schumann dabei wieder in eine manische Phase und steigert sich in einen wahren Schaffensrausch. Ähnlich wie bei Mozart entstehen als Abfallprodukte der „musikdramatischen“ Arbeit Werke aller möglicher Gattungen, Chor- und Klavierstücke, Lieder, Kammermusik und Orchesterkompositionen. Auf diese Weise geht das Jahr 1849 als das „fruchtbare Jahr“ in seine schöpferische Biographie ein. „Niemals“ schreibt Schumann, „war ich tätiger, nie glücklicher in der Kunst. Manches habe ich zum Abschluss gebracht, mehr noch liegt an Plänen für die Zukunft vor. Teilnahme von fern und nah gibt mir das Bewusstsein, nicht ganz umsonst zu wirken.“

Eines der „Nebenprodukte“ dieser Phase ist das Konzertstück für vier Hörner und Orchester. An ihm zeigt sich besonders plastisch, wie Schumann arbeitet, wenn er im Rausch ist. Die Skizze des immerhin 20-minütigen Werkes, die den musikalischen Ablauf festlegt, fertigt er in nur drei Tagen (18. bis 20. Februar 1849). Bis zum 11. März ist die Instrumentierung fertig und bereits am 17. März bietet er es dem Verleger Simrock als etwas an, „was bis jetzt, glaube ich, nicht existiert“. In der Tat ist das Werk, das Schumann an anderer Stelle als „etwas ganz kurioses“ bezeichnet und für eines seiner besten hielt, ein Unikum. Das Horn war bis dato im Wesentlichen ein Orchesterinstrument, das sich gut mit den anderen Instrumenten mischte. Solowerke waren eine Rarität. Von den großen Meistern hatte nur Mozart ein Hornkonzert komponiert. Schumann schreibt nun aber nicht nur ein Konzertstück für dieses Orchesterinstrument, sondern sieht auch noch gleich vier Hörner als Soloinstrument vor. Damit führt er das Horn nicht nur als Chorinstrument in die Orchesterliteratur ein, sondern bricht auch eine Lanze für das Ventilhorn.

Das Ventilhorn war um 1814 von den deutschen Instrumentenbauern Schölzel und Blühmel entwickelt worden. Im Gegensatz zum herkömmlichen Naturhorn, das nur in bestimmten Tonarten rein spielen konnte, stand dem Horn durch die Verwendung des Ventils die ganze chromatische Palette zur Verfügung. Die Erfindung führte daher zu einer wesentlichen Erweiterung der harmonischen Möglichkeiten des Instrumentes. Die Meinungen darüber, ob dies erstrebenswert sei, gingen seinerzeit weit auseinander. Kritiker sprachen von einer Entmannung des Instrumentes. Sie beklagten, man habe ihm seinen Charakter geraubt und es zu einer Allerweltskreatur gemacht. Schumann sah dagegen die Möglichkeit, das Horn als das schlechthin romantische Instrument nun auch uneingeschränkt im Rahmen der komplexen romantischen Harmonik einzusetzen. Interessanterweise sind im Orchestersatz aber Naturhörner vorgesehen.

Ungeduldig wollte Schumann das Konzertstück noch im Frühling 1849 in Leipzig zur Aufführung bringen, was aber scheiterte. Nach einer Aufführung in privatem Kreise im Oktober 1849 in Dresden fand die Uraufführung schließlich am 25. Februar 1850 im Gewandhaus in Leipzig statt.

Das Werk ist weit mehr als ein bloßes Konzertstück. Es handelt sich vielmehr um ein ausgereiftes dreisätziges Konzert, in dem die Motive in der für Schumann typischen Weise satzübergreifend verklammert sind. Die Anforderungen an die Solisten sind erheblich, was vermutlich der Grund dafür ist, dass es wenig gespielt wird. Ein Blogger schreibt hierüber im Internet: „Als ehemaliger Hornist macht mich schon der bloße Gedanke an dieses horrend schwere Stück nervös. Ein erster Hornist, der das Stück live spielt, braucht Nerven, die stärker als Stahl sind. Es ist das musikalische Äquivalent zu einem Drahtseilakt ohne Netz über hungrigen Löwen und einem Pool voller Haifische.“

1822 Franz Schubert (1797 – 1828) – Symphonie h-moll (Unvollendete)

Schuberts „Unvollendete“ ist eine der bekanntesten Symphonien überhaupt. Ihrem glänzenden heutigen Leben ging jedoch, wie bei allen Instrumentalkompositionen Schuberts, zunächst das romantisch erscheinende, tatsächlich aber dürftige Dasein eines Aschenputtels voraus. Zwischen ihrer Geburt und dem ersten Auftritt auf der großen Bühne lagen mehr als 40 dunkle Jahre. Im Gegensatz zu den meisten anderen Instrumentalwerken des Komponisten war ihre Existenz nicht einmal in Schuberts engsten Umfeld bekannt. Die Symphonie befand sich nicht bei den zahllosen Manuskripten, die Franz Schuberts Bruder Ferdinand nach der Tod des Komponisten vorgefunden hatte (mit der Folge, daß sie auch dem Kennerblick Schumanns entzogen war, der die Papiere 1833 durchgesehen und daraus ihre große Schwester, die große C-Dur Symphonie, gezogen hatte). Schubert hatte die einzige Niederschrift des Werkes im Herbst 1823 dem „Steiermärkischen Musikverein“ in Graz, zu dessen auswärtigem Mitglied er kurz zuvor ernannt worden war, offensichtlich in der Hoffnung auf eine Aufführung übersandt. Von dort gelangte das Manuskript in den Besitz von Schuberts Freund Anselm Hüttenbrenner. Dieser hat das Werk aus Gründen, die im romantischen Dunkeln bleiben, nicht nur nicht zur Aufführung gebracht, sondern es geradezu unterdrückt. Die Symphonie gelangte erst im Jahre 1865 an das Licht der Öffentlichkeit, die seit dem mit immer neuem Staunen vor ihm steht.

Mit der „Unvollendeten“, die nichts weniger als nicht vollendet, sondern nur nicht beendet ist, hat Schubert in seinem symphonischen Schaffen erstmals einen eigenen Ton gefunden. Seine sechs frühen Symphonien und mehrere symphonische Entwürfe zeigen noch die Auseinandersetzung mit seinen großen Wiener Vorgängern Haydn, Mozart und Beethoven. Vor allem Beethoven, der noch lebte, erschien ihm dabei wie ein Koloss, der seine künstlerische Entwicklung zu blockieren schien. In der „Unvollendeten“ ist die Blockade durchbrochen. Schubert macht sich von den Vorgängern frei und entwickelt seine eigene, das heißt eine romantische Tonsprache. Zwei Jahre nachdem Carl Maria von Weber in seiner Geisteroper „Freischütz“ den romantischen Klang geschaffen hatte, überträgt Schubert damit den romantischen Geist in die Symphonie. Die „Unvollendete“ ist nicht mehr so sehr das grandiose Spiel mit hochentwickelten, mehr oder weniger autonomen Formen, das in der Wiener Klassik vorherrschte, sondern der Versuch, mit musikalischen Mitteln eine rätselhafte und geheimnisumwobene Geschichte zu erzählen. Diese selig-wehmütige Geschichte erscheint dem Hörer, wiewohl oft gehört, immer wieder neu. Nicht zuletzt dies ist es denn auch, was sie romantisch macht.

Weitere Texte zu Werken von Schubert und rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1821 Carl Maria von Weber (1786 – 1826) – Ouvertüre zur Oper „Der Freischütz“

Mit dem „Freischütz“ hat Weber nicht nur den Typus der romantischen Oper sondern mit der Ouvertüre dazu auch eine wegweisende Form der Eröffnung derselben geschaffen. Das Vorspiel des „Freischütz“ enthält in wie in einer Nußschale bereits die Idee das ganzen Werkes. Vom ersten Takt an wird der Hörer in die heimelich-unheimliche Welt des Wald- und Geisterdramas gezogen und durchlebt in abstracto die Gefühle und Konflikte, die sich später in der Handlung entwickeln werden. Damit hat Weber das Muster insbesondere für Wagners Opernvorspiele geschaffen. Wie Wagner später formulierte, besteht die höchste Aufgabe der Ouvertüre darin, „daß mit den eigentlichen Mitteln der selbständigen Musik die charakteristische Idee des Dramas wiedergegeben und zu einem Abschluß geführt würde, welche Lösung der Aufgabe des szenischen Spieles vorahnungsvoll entspräche.“ Auch in einem weiteren Punkt war Weber wegweisend. Zur Charakterisierung der verschiedenen Sphären und Stimmungen weist er gewissen Instrumenten (schon) in der Ouvertüre bestimmte „Rollen“ zu, die sie dann im Verlauf der Oper beibehalten. Die Hörner etwa stehen für das Wald- und Jägerleben, die tiefen Lagen der Streicher und vor allem die Klarinette für die „finstern Mächte“. Damit hat Weber die Grundlagen für die musikdramatische Doppelbödigkeit gelegt, die Wagner mit seiner Leitmotivtechnik zur Vollendung brachte.

1815 Franz Schubert (1797 – 1828) – Symphonie Nr. 3 D-Dur

Schuberts sechs erste Symphonien sind Werke eines Teenagers. Den ersten Versuch in dieser Form startete er im Alter von 15 Jahren, was angesichts der Tatsache, dass die Gattung von den drei großen Wiener Klassikern hoch aufgeladen war und Beethoven quasi um die Ecke wohnte, einigen Mut voraussetzte. Nach einer schöpferischen Pause von zwei Jahren vertiefte sich Schubert dann so richtig in die Gattung. Binnen zwei Jahren folgt fünf weitere Symphonien.

 

Die 3. Symphonie entstand in der Zeit vom 24. Mai bis zum 19. Juli 1815, unmittelbar nach der Zweiten. Sie wurde vermutlich kurz darauf in der Wohnung des Kaufmannes Franz Frischling gespielt, wo sich unter der Leitung des Geigers Josef Prohaska zwei Mal in der Woche Berufsmusiker und Amateure zum gemeinsamen Musizieren trafen. Das Werk ist noch weitgehend von den großen Wiener Vorbildern geprägt. Es ist gekennzeichnet durch klassisch klare Formen und prägnante Themen, die mit großer Ökonomie nach den Regeln der Kunst verarbeitet werden, die die Meister vorgegeben hatten. Gelegentlich scheint allerdings schon der spätere Schubertstil mit seinen überraschenden harmonischen Rückungen durch. Auch mit dem letzten Satz geht Schubert einen eigenen Weg. Es handelt sich um eine fulminante „Tarantella“, eine italienische Musikform, die dem Werk den Beinamen „Die Italienische“ eingebracht hat. Mit der Steigerung des Tempos zum Schluss, die nach italienischer Vorstellung dem Rausch entspricht, den der Stich der Tarantel auslöst, nimmt Schubert die Prestissimo – Schlüsse vorweg, mit denen kurz darauf Rossini die Musikwelt „bestechen“ und in Taumel versetzen sollte.

 

Wie praktisch alle Instrumentalwerke Schuberts kam auch die 3. Symphonie erst nach Jahrzehnten an das Licht der Öffentlichkeit. Der vierte Satz wurde erstmals im Jahre 1860 in Wien als Teil „einer“ Symphonie gespielt, die man aus verschiedenen Werken Schuberts zusammenstellte. Die erste vollständige Aufführung fand 1881 in London statt.

1810 Bernhard Romberg (1767 – 1841) – Konzert für Flöte und Orchester h-moll, Op. 30

Bernhard Romberg ist heute fast nur noch den Cellisten ein Begriff. Zu seiner Zeit aber war er hochberühmt. Er galt als einer der größten Meister auf dem Cello und hatte auch als Komponist einen guten Namen.

 

Romberg entstammte einer westfälischen Musikerfamilie. Die ersten Jahrzehnte seines Lebens teilte er musikalisch mit seinem Vetter, dem Geiger Andreas Romberg, mit dem zusammen er meistens genannt wird. Beide gingen schon als Kinder gemeinsam mit ihren Vätern auf große Konzertreisen. Später spielten sie im Orchester des Fürstbischofs von Köln, wo sie Beethoven kennen lernten. Die Vettern besuchten den Meister im Jahre 1796 in Wien, wo Bernhard mit Beethoven dessen erste und zweite Cellosonate aufführte, die soeben entstanden waren. Erst im Jahre 1799 teilte sich der Lebensweg der beiden Rombergs. Während Andreas seßhaft wurde, setzte Bernhard das Leben eines reisenden Virtuosen fort. In teilweise jahrelangen Konzerttourneen kam er bis in die entferntesten Winkel Europas.

 

Es scheint, daß sich Romberg, der sich einen beachtlichen Wohlstand erspielte, in jenen politisch unruhigen Zeiten auch weit abseits der üblichen Künstlerrouten lukrative Märkte eröffnete. Nachdem ihn die französische Revolution aus dem Rheinland vertrieben hatte, reiste er, als Napoleon West- und Mitteleuropa durcheinanderschüttelte, jahrelang durch den Osten des Kontinentes. In Kiew etwa, wo es seinerzeit noch keinerlei öffentliches Musikleben gab, habe er, so berichtete ein Zeitgenosse, für ein Konzert in einem Adelshaus nicht weniger als 1000 Dukaten erhalten. Zur Nachahmung wurde Rombergs Fischzug freilich nicht   empfohlen. Kiew, so hieß es in dem gleichen Bericht, sei inzwischen vollständig abgebrannt.

 

Wie viele Instrumentalvirtuosen war Romberg auch als Komponist aktiv. Er schrieb vornehmlich für sein eigenes Instrument, dessen Möglichkeiten von den großen Meistern der Zeit – Haydn und Boccherini ausgenommen – erheblich unterschätzt und daher kaum für Solowerke genutzt wurden. Romberg schloß die Lücke und schrieb allein zehn Cello-Konzerte, von denen einige noch heute zum Grundbestand der Celloliteratur gehören. Neben weiteren Werken für dieses Instrument komponierte er auch für andere Besetzungen. So gibt es von ihm mehrere Opern, Symphonien, Solokonzerte und allerhand Kammermusik. Viele seiner Werke sind durch seine Reisen geprägt. Romberg hat Stücke mit russischem, moldavischem, polnischem, schwedischem, norwegischem und spanischem Einschlag geschrieben.

 

Welchen Rang Romberg zu seiner Zeit einnahm, zeigt die wohlwollende Beachtung, die ihm die zeitgenössische Musikpublizistik schenkte. Über seine Konzerte und die Aufführung seiner Werke wurde regelmäßig berichtet. 1801 heißt es in der „Allgemeinen Musikzeitung“ von „Breitkopf und Härtel“, Romberg sei „als Komponist und Kunstkenner der erste Violoncellospieler auf dem Erdboden“. 1805 bezeichnet ihn die gleiche Zeitschrift als „den trefflichsten aller lebenden Violoncellisten“, ihn nennen, heiße ihn loben. Und ein Rezensent aus dem Jahre 1812 meinte: „Möchten so viele moderne Componisten, die sich in ihren affektierten Künsteleyen in Rauch und Nebel verlieren, Herrn Romberg nachahmen, dessen Concerte immer voller Charakter sind, in denen nie ein schöner Gesang, nie eine natürliche, doch an der Quelle der Tonkunst geschöpfte, Harmoniefolge vermißt wird“.  

 

Das Konzert für Flöte und Orchester entstand im Jahre 1810 offenbar als Auftragswerk für einen russischen Musikliebhaber. Das hochvirtuose Werk, das packende Dramatik ebenso wie anrührende Melodik enthält, zeigt, auf welch‘ solidem Fundament die großen Namen der klassischen Zeit standen, die heute mehr oder weniger als die alleinigen Repräsentanten dieser Epoche der Musikgeschichte angesehen werden.

1806 August Ritter – Sinfonia Concertante für zwei Fagotte und Orchester

Über die Person August Ritters kann man nur spekulieren. Unter diesem Namen gibt es bisher offenbar nur die Sinfonia Concertante, deren Manuskript mit 1806 datiert ist. Dem Namen, der Zeit und dem Kompositionsstil nach könnte der Komponist der Musikerfamilie Ritter entstammen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der berühmten Mannheimer Hofkapelle eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Zum Ritter-Clan gehörten zumindest zwei Fagottisten (so viele haben es jedenfalls bis in die Musiklexika gebracht). Einer hieß Adam Ritter, scheint aber nicht komponiert zu haben. Bei dem anderen handelt es sich um Georg Wenzel Ritter, der von 1748 bis 1808 lebte und den Ruf hatte, einer der größten Meister seiner Zeit auf dem „Bläsercello“ zu sein (Mozart, der Georg Wenzel Ritter 1778 in Mannheim kennen lernte und ihn kurz darauf in Paris wiedertraf, schrieb dort für ihn und drei seiner Mannheimer Kollegen seine Konzertante Symphonie für vier Bläser, die aber in Paris nicht zur Aufführung kam, was Mozart mit den Worten bedauerte: „Wo sind allzeit so 4 Leut zusamm?“). Georg Wenzel Ritter komponierte auch im Stil der Mannheimer Schule, von dem auch das vorliegende Doppelkonzert geprägt ist. Unter anderem schrieb er zwei Fagott-Konzerte (allerdings jeweils nur für ein Fagott) und einige Fagott-Duette. Er wird aber nirgends mit dem Vornamen August in Verbindung gebracht. Mangels weiterer Anhaltspunkte führt die Spur daher nicht weiter.

Leider gibt auch der Fundort des Manuskriptes keinen Hinweis auf die Person August Ritters. Es entstammt der Bibliothek des Adelshauses von Bentheim-Steinfurt in Westfalen: Dort fanden sich eine ganze Reihe von Bläserkonzerten, darunter auch mehrere Fagottkonzerte, was sicher damit zu tun hat, daß zwei der dortigen Grafen selbst praktizierende Bläser waren. Ein Hinweis auf August Ritter hat man in den dortigen Archiven aber (noch) nicht entdeckt.

Das kleine Steinfurter Adelsgeschlecht unterhielt in seinem münsterländischen Wasserschloss im 18. Jahrhundert einen jener Duodez-Musenhöfe, von denen es insbesondere in Mitteleuropa eine ganze Reihe gab. Die künstlerischen Ambitionen dieses Hofes gingen allerdings weit über das hinaus, was für ein Territorium von der Größe Bentheim-Steinfurts üblich war. Man leistete sich bemerkenswert viel und gutes musikalisches Personal. Im Jahre 1805 beschäftigte man nicht weniger als 43 Instrumentalisten, darunter besonders viele Bläser, und 7 Sänger. Die Musiker hatten im „Bagno“, den prachtvollen, mit Lustbauten versehenen Gartenanlagen des Schlosses regelmäßig zu konzertieren und ansonsten „mit Fleiß und accuratesse“ der Tafel aufzuspielen. Ein Beobachter sprach dem Steinfurter Hof im Jahre 1802 „unter den westfälischen Städten in der Krone geselliger Freuden den Königsdiamanten“ zu.

Die Steinfurter legten Wert darauf, auf dem neuesten Stand der künstlerischen Entwicklung zu sein. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hieß dies nicht zuletzt, dem „Mannheimer gout“ zu folgen, wozu neben dem ausgebildeten Sonatenhauptsatz auch die Flexibilisierung der musikalischen Dynamik gehörte (im Gegensatz zur Terrassendynamik der Barockzeit). Wie genau es der Arbeitgeber dabei mit den  Anforderungen an seine musikalischen Arbeitnehmer nahm, lässt sich etwa aus dem Arbeitsvertrag des böhmischen Geigers Anton Janitsch ersehen, der in Steinfurt im Jahre 1796 als Konzertmeister angestellt wurde. Dort heißt es: „Besonders ist das Pianissimo, piano crescendo, metzoforte, forte, fortissimo, nach dem wahren Sinn der composition, wodurch dieselbe das rechte leben bekommt, genau zu observieren, und daran das ganze Orchester mehr, und mehr zu gewöhnen“.

 

Im Stil einer durch die Mannheimer Schule gegangenen Klassik ist auch die Sinfonia Concertante von August Ritter gehalten. Mit dieser stilistischen Haltung war das Werk zwar wenn es, wie auf dem Manuskript vermerkt, aus dem Jahre 1806 stammen sollte, nicht mehr ganz auf dem letzten Stand der Entwicklung, die damals insbesondere mit Beethoven in Wien in eine neue Richtung ging. Mit ihrer heiteren Musizierlust und schlüssigen Verarbeitungsweise liegt das Werk aber ganz auf der Linie der reisenden Virtuosen jener Zeit, zu denen wahrscheinlich auch August Ritter gehörte.

1806 Ludwig van Beethoven (1770 -1827) – Klavierkonzert Nr. 4 Op. 58

Unter den fünf Konzerten, die Beethoven für „sein“ Instrument schrieb, fällt das 4. Klavierkonzert durch seinen lyrischen Tonfall auf. Das Konzert ist so bemerkenswert „rund“, dass man meinen könnte, Beethoven habe damit sein Image einer schroffen Persönlichkeit konterkarieren wollen. Hinzu kommt, dass zwischen dem schwärmerisch-bedeutsamen aber niemals schweren Kopfsatz und dem heiteren Finalsatz ein singulärer Mittelsatz liegt, in dem der Konflikt von Schroffheit und Sanftmütigkeit thematisiert ist und der mit einem – allerdings auf bezeichnende Weise eingeschränkten – Sieg der letzteren endet. 

Die geradezu szenische Konstellation von düster abweisendem Orchester auf der einen und beschwörend weichem Klavier auf der anderen Seite sowie der fast schon sprachliche Duktus der Musik hat die Interpreten zu allerhand Spekulationen darüber inspiriert, was Beethoven bei der Komposition dieses zweiten Satzes vorgeschwebt haben könnte. Die bekannteste Version ist, dass er dabei an Orpheus gedacht habe, der die Furien der Unterwelt bändigt. Eine philosophisch-politische Interpretation sieht in der Konfrontation zwischen Orchester und Solisten den auskomponierten kategorischen Imperativ; der Satz sei ein Beispiel dafür, daß der heroische Einzelne durch die Kraft seiner Moral auf die Gesellschaft einwirken könne. Die meisten dieser Interpretationen haben freilich Probleme mit der rätselhaften Schlußkadenz des Satzes, die den Schlüssel zum seinem Verständnis enthalten muss, jenem schmerzlichen Aufschrei mit anschließender Beruhigung, auf den der heiter-dynamische aber keineswegs übermütige Schlußsatz unmittelbar folgt. Daher soll hier, wiewohl sich das Konzert als autonomes Kunstwerk sicher nur in begrenztem Maße der konkreten Interpretation öffnet, eine weitere Spekulation hinzugefügt werden.

Nachdem in dieser musikalischen Dichtung offensichtlich die spannungsvolle Beziehung zweier sehr gegensätzlicher Individuen geschildert wird, könnte man auch daran denken, dass im Hintergrund Beethovens Erfahrungen mit der verwitweten Adeligen Josephine Brunsvik standen, in deren Bann er sich in der Entstehungszeit des Konzertes befand (die Frau wurde lange Zeit für Beethovens „Unsterbliche Geliebte“ gehalten). Man könnte sich also vorstellen, Gegenstand des Satzes sei, dass der schroffe Mann von einer geliebten Frau „gezähmt“ wird. Allerdings hat Beethovens Version von „Die Schöne und das Biest“ kein happy-end. Josephine muss am Ende aus Standesrücksichten auf Beethoven verzichten, was – dies wäre die Kadenz – nach Abklingen des Schmerzes zu resignativer Beruhigung auf beiden Seiten und daraus resultierend zu neuem Leben führt (dritter Satz).

Das Konzert entstand in den Jahren 1805/1806, einer besonders fruchtbaren Schaffensperiode Beethovens, in der unter anderem auch das Violinkonzert, die Oper „Fidelio“ und die Streichquartette Op.59 geschrieben wurden. Sowohl für den ungewöhnlichen Konzertbeginn durch das Klavier als auch für die dramatisch-melancholische Konzeption des langsamen Satzes scheint Mozarts Klavierkonzert KV 271 (Jeunnehomme) Pate gestanden zu haben. Vermutlich kannte Beethoven auch Haydns Symphonie „Le Soir“, in deren zweiten Satz sich eine ähnlich rhetorische Themenkonfrontation wie im zweiten Satz des Konzertes findet.

Dass das Konzert außerordentliche Anforderungen an den Solisten stellt, hat schon von Anfang an zu Problemen geführt. Beethoven Freund Ries lehnte die Erstaufführung ab, weil er die Noten erst fünf Tage vor dem intendierten Konzerttermin erhielt. Der Alternativkandidat Stein nahm das wenige sinnvolle Ansinnen, das Konzert in weniger als einer Woche einzuüben, zwar an, weil er darin die Chance seines Lebens sah, musste aber einen Tag vor der Aufführung absagen. Daher kam die Komposition erst im März 1807 durch Beethoven selbst zu Gehör und zwar bei einem Konzert im Palais Lobkowitz in Wien, in dem auch noch Beethovens (neue) Coriolan-Ouvertüre und seine 4. Symphonie gespielt wurden.

Weitere Texte zu Werken von Beethoven und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1805 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Symphonie Nr. 3, Op.55 (Eroica)

Beethovens dritte Symphonie, die in den Jahren 1802 bis 1805 entstand, hat, wie man weiß, viel mit Napoleon zu tun. Ursprünglich sollte ihr Titel sogar „Bonaparte“ lauten. Berühmt ist die Schilderung der Szene, wonach Beethoven das Titelblatt der Partitur, auf dem der Name des Korsen stand, wütend zerriss, als er erfuhr, dass dieser beabsichtige, sich zum Kaiser zu krönen. Dabei habe Beethoven, so berichtet sein Schüler Ferdinand Ries, ausgerufen: „Ist der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird auch er alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen.“

 

Auf Grund dieser Umstände wurde die „Eroica“ vielfach als ein politisches Werk angesehen. Dem entsprechend wurde sie, ganz oder nur mit ihrem zweiten Satz, immer wieder und in den unterschiedlichsten Kontexten zu politischen Zwecken herangezogen. Wie weit dies ging, zeigt ein Ereignis aus dem Jahre 1892. Seinerzeit widmete Hans von Bülow die Symphonie aus Protest gegen die Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. kurzerhand „dem Bruder Beethovens, dem Beethoven der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck.“ Dabei stellte er, Beethovens oben angedeutete Absichten ins genaue Gegenteil verkehrend, den „drei Worten des Wahns“, wie er die Ideale der französischen Revolution „liberté, egalité und fraternité“ nannte, reichlich ruppig die „positive Devise Infantrie, Kavallerie und Artillerie“ entgegen.

 

Ob die politische Sicht der Symphonie viel zu ihrem Verständnis beiträgt, ist allerdings eher zweifelhaft. Beethovens Verhältnis zu Napoleon als Politiker war nämlich höchst zwiespältig. Der Korse war für ihn, wie für viele seiner Zeitgenossen, einerseits der Held, von dem man den endgültigen Durchbruch der Ideale der Französischen Revolution erhoffte, andererseits aber auch derjenige, der Beethovens Vaterland und seine Wahlheimat Wien bedrängte und zeitweilig besetzt hielt. Gegenüber dem Kriegsherrn aber fühlte Beethoven die Pflicht zum Widerstand. Die Ironie des Schicksals wollte, dass er sich hierfür auf die Seite eben der Monarchen schlagen musste, in deren Kreis getreten zu sein, er Napoleon vorwarf.

 

Tatsächlich hat Beethoven immer wieder auch gegen Napoleon agiert. 1796 etwa trat er als Leiter der K.&K.- Regimentsmusik einem Freiwilligencorps bei, das Napoleon aus den „österreichischen“ Territorien Italiens vertreiben sollte. Dafür komponierte er politische Lieder, die gegen die „Franken“ gerichtet waren. Auch während der Befreiungskriege schrieb er politische Gebrauchsmusik gegen Napoleon. Sinnigerweise sollte er hierbei sogar seine größten musikalischen Triumphe erringen. Mehr als sein gesamtes sonstiges Werk einschließlich der „Eroica“, die Beethoven selbst besonders schätzte, wirkten in der zeitgenössischen Öffentlichkeit seine musikalischen Beiträge zu den Feierlichkeiten des Wiener Kongresses, bei dem die europäischen Herrscherhäuser bekanntlich mit den politischen Ergebnissen der napoleonischen Zeit auch die positiven Errungenschaften der Französischen Revolution weitgehend rückgängig machten. Kaiser und Könige klatschten seinerzeit begeistert Applaus für Beethovens bombastisches Werk „Wellingtons Sieg in der Schlacht bei Vitoria“, von dessen Urheberschaft man ihn, wie von der seiner sonstigen politischen Musik, heute am liebsten freisprechen würde.

 

Gleichzeitig war Beethoven aber von der Persönlichkeit Napoleons, der sein Altersgenosse war, fasziniert war und verglich sich mit ihm. Parallelen gab es zwischen beiden genug. Beide stammten aus einfachen Verhältnissen und taten sich in einer Zeit, die noch stark vom Standesdenken geprägt war, durch ausgeprägte Individualität und außerordentliche gestalterische Leistungen hervor. Beide setzten sich auch bedenkenlos über die Grenzen der Tradition hinweg, wenn sie ihren Zielen im Wege standen. Napoleons unbändiger Durchsetzungswille korrespondierte mit Beethovens Credo: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich gegenüber anderen auszeichnen, und sie ist auch die meinige“. Der Komponist empfand den Politiker offenbar sogar als Rivalen. Aus dem Jahre 1806 ist von ihm der Satz überliefert: „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn schlagen“. Beim Tode Napoleons im Jahre 1821 sagte Beethoven schließlich, er habe mit dem Trauermarsch der „Eroica“ die Musik zu diesem Ereignis geschrieben.

 

Wahrscheinlich kommt man dem Verhältnis von „Eroica“ und Napoleon daher näher, wenn man in der Komposition ein Selbstportrait Beethovens sieht, welches von der Figur Napoleons beeinflusst ist. Beethoven, der bezeichnenderweise nicht lange vor der „Eroica“ das Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ komponierte, sah sich als Individuum, das sich und die Welt ganz aus sich selbst schafft. Der exemplarische Vertreter dieses neuen, „titanischen“ Menschentums war neben ihm naturgemäß Napoleon. Diesem Selbstentwurf entsprechend schuf Beethoven mit der „Eroica“ ein Werk, das an Umfang, Schwierigkeitsgrad und Komplexität der Themenverarbeitung seinerzeit ohne Vorbild war.

 

Wie Napoleon sah sich Beethoven auch in einer heroischen Situation. So wie sich dieser politisch gegen die ganze Welt stellte, befand er sich im Kampf gegen die Taubheit, dem denkbar größten Widerstand, der einem Musiker entgegenstehen kann. Wir wissen aus Beethovens ergreifendem „Heiligenstädter Testament“, welches aus der Zeit stammt, in der er die Komposition der „Eroica“ begann, dass er sich wegen seiner fortschreitenden Krankheit mit Selbstmordgedanken befasste. Er nahm davon jedoch Abstand, weil er in heroischer Weise gerade gegen die Taubheit Neues und Großes schaffen wollte. Die „Eroica“ ist denn auch bestimmt von dem Kontrast zwischen vorwärtsstürmendem Elan und elegischer Färbung. Diese Stimmungslage spiegelt sich insbesondere im ersten Satz des Werkes, wo sie bereits in den Anfangstakten erscheint. Während hier das vorwärtsdrängende und im letzten Satz das konstruktive Element den Sieg davonträgt, dominiert im langsamen Satz die Auseinandersetzung mit der Depression, die angesichts der Bedeutung, die sich das handelnde Subjekt zulegt, monumentalen Charakter annimmt.

 

Unter diesen Umständen ist es nur allzu bezeichnend, dass auf jenem Titelblatt der „Eroica“, welches Beethoven im Jahre 1805 so wütend zerriss, sich lediglich zwei Namen befanden: „Ganz oben“, so heißt es im Bericht von Ries, habe „Buonaparte“, unten „Luigi van Beethoven“, dazwischen aber nichts gestanden.

 

Die „Eroica“ ist das erste der großen musikalisch-geistigen Auseinandersetzungswerke des 19. Jahrhunderts, Werke mit denen ihre Schöpfer, wie Beethoven in diesem Fall, nicht selten über Jahre rangen. Sie ist – am Anfang des neuen Jahrhunderts stehend – der Auftakt zu der grandiosen Entwicklung, welche die Symphonie im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundert nehmen sollte. Auf der Basis dieses Musters wurde die Gattung Symphonie zur zentralen musikalischen Ausdruckform des individualistisch empfindenden Bürgertums, das in dieser Zeit seinen endgültigen politischen und wirtschaftlichen Durchbruch erlebte.

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1789 Joseph Haydn (1732-1809) – Oxford-Symphonie (Nr. 92)

 

Am 14. Juli 1789, dem Tag, an dem mit dem Sturmes auf die Bastille in Paris die Revolution losbrach, trafen bei Haydn die Noten von Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ ein. Ihr liegt die "revolutionäre" Komödie "Der tolle Tag" von Beaumarchais zu Grunde, in der ein gewitzter Diener unerhörterweise seinen adligen Herrn herausfordert, indem er ihm seine Privilegien streitig macht, im konkreten Fall das „Recht“ des Feudalherren, die erste Nacht mit der Braut eines Untertanen zu verbringen. Das Schauspiel trug bekanntlich mit dazu bei, dass in Frankreich eine revolutionäre Stimmung entstand. Haydn arbeitete in diesen Tagen an seiner Symphonie Nr. 92. In diesem Werk ist von den Spannungen, die zu den Pariser Ereignissen führten, nichts zu spüren. Im Gegenteil – die Symphonie scheint noch einmal den ganzen Charme der Epoche, die gerade zu Ende ging, zusammenfassen zu wollen. Mit ihrer Heiterkeit, kunstvollen Verarbeitung und zupackenden Rhetorik wirkt sie wie der musikalische Spiegel des höfischen Lebens in der Zeit des ancien régime. Die klaren Proportionen und die geschmackvolle Ornamentik erinnern etwa an die Architektur dieser Zeit, nicht zuletzt an Schloß Esterháza, wo das Werk entstand.

Die Musik der Symphonie kontrastiert seltsam mit den Bedingungen, unter denen ihr Schöpfer und sein Berufsstand seinerzeit lebten. In der Hierarchie der k.u.k. Gesellschaft waren Musiker ganz unten angesiedelt. Ihr geringes Ansehen spiegelt sich etwa in Äußerungen der Kaiserin Maria Theresia, die in einem pädogogischen Lehrwerk, welches sie 1769 für ihren Sohn, Erzherzog Ferdinand, verfassen ließ, Musiker auf eine Stufe mit Bettlern (und Schauspielern) stellte. Als der Erzherzog im Jahre 1771 – er war seinerzeit König von Savoyen – bei seiner Mutter anfragte, ob er den jungen Mozart in seine Dienste nehmen solle, antwortete diese, sie wisse nicht warum, „da Du doch nicht nicht nötig hast, einen Komponisten oder unnütze Leute anzustellen“. Vor allem aber solle er derart „unnützem Volk“ keinen Titel verleihen „als ob sie in Deinen Diensten stünden. Das diskreditiert den Dienst, wenn diese Leute in der Welt wie Bettler herumlaufen.“

Haydn stand 1789 noch in seinem langjährigen Dienstverhältnis zum Fürsten Esterházy. Wie seine „vorrevolutionäre Lage“ war, zeigt ein Bericht des Italieners Gaetano Bartolozzi, der den Komponisten im Jahre 1787 besuchte: Darin heißt es: "Obwohl der Fürst von Esterházy dessen ständiger Kapellmeister dieser große Komponist ist, Haydns Werken die höchste Bewunderung entgegenbringt, zahlt er ihm einen Hungerlohn, den der obskurste Fiedler von London zurückweisen würde, zusammen mit einer miserablen Wohnung in der Kaserne, wo sein Bett und sein altes Spinett oder Clavicord steht. In dieser Situation, die dem Genius so wenig würdig ist, wurde Haydn angetroffen. Er freute sich ganz besonders zu hören, wie die Musik in England gefördert wird und welche Wertschätzung seine Werke dort genießen. Es war bei dieser Gelegenheit, dass Haydn erstmals den Wunsch äußerte, London zu besuchen."

Ausgerechnet in England, wo die Revolution gar nicht stattfand, sollte dann für Haydn die Umwälzung seiner persönlichen Verhältnisse stattfinden, wobei merkwürdigerweise die Symphonie Nr. 92 eine Rolle spielte. Nicht lange nach dem Ausbruch der französischen Revolution starb sein Dienstherr. Haydn war frei und begab sich alsbald nach London, wo er nun selbst wie ein Fürst gefeiert wurde. Der Höhepunkt die Feiern war die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Oxford an Haydn im Juli 1791. Bei dieser Gelegenheit führte er die "Oxford-Symphonie" auf.

Anders als der Name suggeriert, ist die Symphonie nicht für Oxford bzw. für die Feierlichkeiten anlässlich der Verleihung des Doktorhutes komponiert worden. Sie entstand vielmehr zusammen mit zwei weiteren Symphonien (Nr. 90 und 91) im Auftrag eines Vertreters der alten Adelskultur, dem Fürsten von Oettingen-Wallerstein im Donauries. Sinnigerweise verkaufte sie Haydn aber zunächst ins revolutionäre Paris. Den Herrn von Oettingen-Wallerstein speiste er in einem Akt figaronischer Unbotmäßigkeit gegen fürstliches Possessionsstreben und dazu noch mit einiger Verspätung mit Kopien ab. Im Brief vom 17. Oktober 1789, mit dem er die Kopien übersandte, ist er aber wieder ganz untertänig. Er bittet den "hoch-wohlgeborenen" Hofbeamten v. Müller „aufrichtig, die verspätetete Übersendung zu vergeben." Den Verzug erklärte er mit seinen täglichen Pflichten, insbesondere mit der Tatsache, dass sein Herr auch im fortgeschrittenen Alter noch einen unersättlichen Hunger nach Musik habe. Des Weiteren bat er "gehorsambst, dem dortigen fürstl. Herrn Capellmeister zu melden, dass diese drei Sinfonien (bevor sie producirt werden) wegen ihrer vielen Particularitäten genau und mit aller Attention wenigsten 1 mahl möchten geprobt werden." Als sich der Fürst später darüber beschwerte, dass er von „seinen“ Symphonien keine Origiale erhalten habe, entschuldigte sich Haydn nach Art des Figaro wieder damit, seine Schrift sei wegen nachlassenden Sehvermögens inzwsichen so unleserlich, dass er die Werke habe abschreiben lassen müssen.

 

 

 

 

 

1789 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) – Streichquartett D-Dur, KV 575

Die Bedeutung Mozarts als Komponist beruht nicht zuletzt darauf, daß er sich auf allen wesentlichen Feldern der Musik betätigte und dabei jeweils Bedeutendes leistete. Und doch hat dieser scheinbare Alleskönner das kaum zu entschuldigende Manko, nichts Eigenständiges für das Cello geschrieben zu haben. Es gibt von ihm kein Konzert, keine Sonate und auch sonst nichts Solistisches für dieses schöne Instrument. Dies wirft die Frage auf, ob Mozart, der doch für fast jedes wichtige Instrument Solowerke schrieb, die eigenständige Persönlichkeit des Cellos in der Instrumentenfamilie verkannt hat. Eine gewisse Antwort auf diese Frage geben seine drei letzten Streichquartette, die auch als Celloquartette bezeichnet werden.

 

Wie wir wissen, war Mozart ein ökonomisch orientierter Komponist. Anlaß für seine Kompositionen waren meist konkrete Aufträge oder die Erwartung, sie verkaufen oder damit zumindest Werbung betreiben zu können. Offenbar hatte Mozart in seiner Klientel aber lange Zeit keinen Cellisten. Dies änderte sich erst zwei Jahre vor seinem Tod, als er in einer Zeit erheblicher finanzieller Engpässe in dem cellospielenden König Friedrich Wilhelm II. von Preußen einen möglichen Abnehmer von Cellomusik ausmachte. Auf die Idee, dem König via Widmung Quartette anzubieten und hierbei das Cello in der Vordergrund zu stellen, hatte ihn der komponierende Cellist Luigi Boccerini gebracht, der bei königlichen Liebhabern des Instrumentes eine schier unerschöpfliche Marktlücke für cellobetonte Musik gefunden hatte (er schrieb etwa 400 auf seine Kunden maßgeschneiderte Kammermusikwerke, darunter mehr als 100 Quintette mit jeweils zwei Celli, hauptsächlich für den spanischen Infanten Don Luis und Friedrich Wilhelm II von Preußen).

 

In Anlehnung an Boccerini, der seine Quartette im Sechserpack auf den Markt brachte, plante auch Mozart eine Sechserreihe (eine Form der Vermarktung, die man in Berlin offenbar bevorzugte – man denke an Bachs sechs Brandenburgische Konzerte). Von den geplanten sechs Quartetten sind jedoch nur drei fertiggestellt worden. Anders als bei Boccerini, der sich nicht mit komplexen Strukturen oder schwierigen Neuerungen abmühte, ging bei Mozart die Komposition dieser Quartette nicht leicht von der Hand. Dies lag sicher daran, daß Mozart, der an seine Produktion schon generell hohe Ansprüche stellte, bei der Gattung Quartett, die in Kennerkreisen inzwischen hochgeschätzt wurde, jeweils etwas Besonderes vorlegen wollte. Vor allem ging es ihm um die gleichberechtigte Behandlung der vier Instrumente, die damals noch keineswegs selbstverständlich war. Damit trug Mozart wesentlich zur Vollendung der Gattung bei.

 

Da der Abschluß der Sechserreihe nicht schnell gelingen wollte und Mozart dringend Geld brauchte, gab er den Widmungsplan schließlich auf und bot die drei fertiggestellten Werke Mitte 1790 dem Verleger Artaria an. In einem Brief vom 12. Juni 1790 an einen Freund schreibt er dazu: “Nun bin ich gezwungen, meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen.“ Die Werke, die übrigens erst nach seinem Tod erschienen, zeigen in der Tat, daß Mozart in sie erhebliche Arbeit investierte. Sie sind nicht zuletzt durch einen besonders dichten Satz und komplexe polyphone Strukturen gekennzeichnet. Im letzten Satz des Quartettes KV 575 etwa werden Sonatensatz und Rondoelemente auf das Kunstvollste miteinander verwoben. Davon abgesehen zeigt Mozart bei dieser Gelegenheit, daß er sehr wohl Musik für ein solistisch geführtes Cello schreiben konnte, was ein wesentlicher Grund dafür sein dürfte, daß in diesen Quartetten die Melodie stark in den Vordergrund tritt.

1788 Wolfgang Amadeus Mozart (1756- 1791) – Streichtriosatz G-Dur (KV Anhang 66)

Mozarts erster Kontakt mit dem Streichtrio fiel offenbar in sein sechstes oder siebtes Lebensjahr. Andreas Schachtner, von dem die meisten Anekdoten über Mozarts Kinderjahre stammen, berichtete, ein gewisser Wentzl, habe seinerzeit Mozarts Vater seine ersten Kompositionsversuche, sechs Streichtrios, zur Begutachtung vorgelegt. Als man daran ging, sie durchzuspielen, habe der kleine Wolfgang, der bislang nur Klavier gelernt und gerade erst eine Geige bekommen hatte, beansprucht, dabei die zweite Geige spielen zu dürfen. Da Mozart damals aber „noch nicht die geringste Anweisung in der Violin hatte“, habe der Vater die „närrische Bitte“ abgelehnt. Mozart habe daraufhin behauptet, um die zweite Violine spielen zu können, brauche er es nicht erst zu lernen und habe sich nicht abweisen lassen. Nach einigem Hin und Her sei ihm schließlich gestattet worden, gemeinsam mit Schachtner die zweite Violine zu spielen, aber so leise, dass er nicht störe. Wie Schachtner berichtet, habe er bald erkannt, dass seine Mitwirkung gänzlich unnötig war, weswegen er seine Geige still beiseite gelegt habe. Der kleine Mozart habe dann alle sechs Trios ohne Probleme zu Ende gespielt. Mutig geworden durch die gerührten Reaktionen, die dies bei den Beteiligten hervorrief, habe sich der Knirps auch noch an der ersten Stimme versucht und habe sie „mit lauter unrechten und unregelmäßigen Applikaturen“ so gespielt, dass er nie ganz stecken blieb.

 

Ähnlich einmalig wie Mozarts Einstieg in die Spielpraxis des Streichtrios, ist auch sein kompositorischer Beitrag hierzu. Sein einziges vollständiges Streichtrio ist das sechssätzige Divertimento KV 563. Es entstand im Jahre 1788 als Mozart seine wichtigsten Streichquartette schon geschrieben hatte. Das Divertimento ist der Höhepunkt und die Zusammenfassung der bis dato stattgefundenen Entwicklung der Gattung und wurde zum Muster für das spätere „Gran Trio“. Davon abgesehen gibt es von Mozart nur noch das Fragment eines Triosatzes, das aus unbekannten Gründen wenige Takte nach der Exposition abbricht. Allem Anschein nach stammt es aus der selben Zeit, wie das umfangreiche und ambitiöse Divertimento. Man hat daher spekuliert, dass Mozart es möglicherweise nicht weiterführte, weil ihm etwas Größeres, eben das Divertimento, in den Sinn gekommen war. Im neuerer Zeit hat Franz Beyer den Satz zu Ende geführt, indem er eine kurze Durchführung komponierte und eine Reprise anfügte, die sich an der Exposition orientiert.

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Konzerte für Flöte und Orchester G-Dur KV 313, D-Dur, KV 314; Andante für Flöte und Orchester C-Dur KV 315

Mozart, so heißt es im Allgemeinen, habe die Flöte nicht sonderlich geliebt. Diese Einschätzung beruht im Wesentlichen auf einer brieflichen Äußerung des Komponisten gegenüber seinem Vater. Während seiner Parisreise in Jahren 1777 bis 1779 begründete er die Verzögerung bei der Komposition eines Flötenwerkes unter anderem damit, er sei „gleich stuff“, wenn er „für ein Instrument (das ich nicht leiden kann) schreiben soll“. Auf merkwürdige Weise kontrastiert damit, dass sich das ungeliebte Instrument nicht nur im Titel von Mozarts Meisteroper „Die Zauberflöte“ findet, sondern dass es auch in seinen Orchesterwerken und Opern immer wieder eine herausragende Rolle einnimmt. Die Flöte trägt ganz wesentlich zu jenem außerordentlich delikaten Bläserklang bei, der als eines der Markenzeichen Mozarts gilt.

Davon abgesehen stammen von Mozart unter anderem aber auch drei Flötenquartette und zwei Flötenkonzerte, die offensichtlich mit schöpferischer Laune geschrieben sind und dementsprechend zu den beliebtesten Werken für dieses Instrument gehören. Anlass für die „Komposition“ dieser Werke war im Wesentlichen ein Großauftrag des holländischen Flötenliebhabers Ferdinand Dejean für „drei leichte und kurze Concertln und ein paar Quarttro auf der Flöte“. Mozart hatte Dejean, einen angesehenen und wohlhabenden Arzt, in Mannheim kennen gelernt, wo er auf seiner Reise nach Paris längere Zeit Station machte. Der Auftrag war für den 21- jährigen Komponisten ehrenhaft und sollte mit 200 Gulden gut bezahlt werden. Bei dessen Ausführung hatte Mozart aber Probleme. Dafür dürfte allerdings nicht nur die genannte Aversion gegen die Flöte verantwortlich gewesen sein. Mozart zog es seinerzeit vor, sich persönlich und künstlerisch mit der jungen Aloysia Weber, seiner späteren Schwägerin, zu befassen, einer begabten Sängerin, in die er sich verliebt hatte und mit der er zum Schrecken seines Vaters statt Karriere in Paris zu machen am liebsten nach Art reisender Musikanten durch die Welt gezogen wäre. Er hatte daher nur begrenzte Zeit und Lust zum Geldverdienen. Da er sich den lukrativen Auftrag aber dennoch nicht entgehen lassen wollte, griff er offenbar bei beiden Flötenkonzerten auf vorhandene Werke zurück.

Im Falle des Konzertes KV 414 ist dies gesichert. Mozart transponierte hier ein kurz zuvor entstandenes Oboenkonzert in C-Dur mit leichten Veränderungen in die Tonart D-Dur. Das Konzert KV 313 hielt man bis vor kurzem für eine Neukomposition zur Erfüllung von Dejeans Auftrag. Es scheint aber, dass Mozart auch in diesem Fall an ein früheres Werk anknüpfte. Man hat inzwischen nämlich im Tagebuch eines Salzburger Hofrates eine Notiz gefunden, wonach Mozart ein Jahr zuvor in Salzburg für den Geburtstag seiner Schwester verschiedene Werke aus seiner Feder probte, darunter auch ein Flötenkonzert. Da ein weiteres Konzert von Mozart für dieses Instrument nicht bekannt ist, dürfte es sich daher um das Werk KV 313 handeln. Dafür sprechen im Übrigen Besonderheiten in der Besetzung des Konzertes, die typisch für Mozarts Salzburger Zeit sind, die mit seiner Abreise nach Paris vorläufig beendet war. Im langsamen Satz sind auch im Orchester Flöten vorgesehen, die in der Salzburger Kapelle mangels hauptamtlicher Flötisten von Oboisten gespielt wurden. Offenbar um Dejeans Wunsch nach einem klein besetzten Orchester zu entsprechen, komponierte Mozart dann in Mannheim als „Austauschsatz“ zusätzlich wohl das Andante für Flöte und Orchester KV 315, bei dem keine Flöten besetzt sind. Möglicherweise sind die Rückgriffe auf schon vorhandenes Material auch der Grund dafür, dass Dejean statt der vereinbarten 200 Gulden schließlich nur 96 bezahlte.

ie Form der beiden Konzerte orientiert sich an den Mustern, welches Mozart in seinen Violinkonzerten aus dem Jahre 1775 entwickelt hatte. Dem Orchester ist auch hier eine weitgehend eigenständige Rolle zugeteilt. Die Motive sind vielfältig und werden in lockerer Reihung fortgesponnen und verarbeitet. Inhaltlich überwiegt das spielerisch-unbeschwerte Element. Im Konzert KV 313 sticht der außerordentlich tiefsinnige langsame Satz heraus. Dass es sich bei dem Konzert KV 314 ursprünglich um ein Oboenkonzert handelte, zeigt sich insbesondere darin, dass die höheren Register der Flöte kaum genutzt werden.  Über diesem Konzert scheint das Motto „Welche Wonne, welche Lust“ zu stehen, jener Arie aus Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, bei der das Rondothema aus dem letzten Satzes des Konzertes später wieder Verwendung fand.

Karl Ditters von Dittersdorf (1739 – 1799) – Harfenkonzert

Dittersdorf ist eine jener bunten Musikerpersönlichkeiten, die das Kulturmilieu des K.& k.-Reiches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in erheblicher Anzahl hervorbrachte. Wie Haydn ist er in Wien geboren und verbrachte den größten Teil seines reichen Musikerlebens als Geiger und Kapellmeister an den Höfen von Fürsten und Bischöfen der Donaumonarchie. Dort entfaltete er eine mitunter geradezu hektische musikalische Aktivität. Man sagt ihm nach, daß er von der Theaterleidenschaft besessen gewesen sei. Wo immer er hingekommen sei, habe er „nicht vor der Idee ruhen können, ein Haustheater zu errichten“. Die Frucht dieser Tätigkeit waren allein 40 musikdramatische Werke, wodurch sich Dittersdorf einen durchaus prominenten Platz in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Singspieles sicherte.

 Auch sonst war Dittersdorf, der auf der Basis solider satztechnischer Kenntnisse mit großer Leichtigkeit komponierte, außerordentlich fruchtbar, wobei er allerdings ein wenig vom Geist des „Höher, Weiter, Schneller“ beeinflußt war. Mit Haydn, dessen Freund er war und mit dem er – gelegentlich gemeinsam mit Mozart – Quartett spielte, scheint er in so etwas wie einem Wettstreit des Komponierens von Symphonien gelegen zu haben. Wie dieser kann er rund 100 Werke dieser Gattung vorweisen. Hinzu kommen viele Konzerte und Kammermusikwerke, einige Oratorien und allerhand Kirchenmusik. Wie wichtig das „sportive“ Element für ihn war, zeigt eine Bemerkung, die er in seinen Lebenserinnerungen über die Arbeitsweise eines Kollegen machte. Dittersdorf bemängelte dabei, daß Naumann, ein seinerzeit recht angesehener Komponist, für eine Oper sechs Monate gebraucht habe, während er in 10 Monaten 4 Opern und ein Oratorium habe schreiben können.

 Dieses Schnellschreiben hatte naturgemäß seinen Preis. Die Qualität der Werke Dittersdorfs ist unterschiedlich. Sein bekanntestes Bühnenwerk ist die Opera buffa „Doktor und Apotheker“, die noch heute gelegentlich aufgeführt wird. Damit konnte er beim Publikum selbst Mozarts „Figaro“, der gleichzeitig auf die Bühne kam, in den Schatten stellen. Die Werke aber, die beide ihrem großen Erfolg nachschoben, wurden höchst unterschiedlich bewertet. Während Mozart, der auch nicht gerade zu den Langsamen der Komponistenzunft gehörte, sich für den „Don Giovanni“ ein Jahr Zeit nahm und ein weiteres Meisterwerk schuf, ließ Dittersdorfs in der gleichen Zeit drei Opern, darunter den „Democritto corretto“ folgen. Darüber soll Kaiser Joseph II. geäußert haben, es sei „das schlechteste Zeug, was je auf einem italienischem Theater zu Vorstellung kam“.

 Dittersdorfs Harfenkonzert ist eine freie Bearbeitung seines beliebten Cembalokonzertes. Neben seinem Konzert für Kontrabaß ist es sein bekanntestes Instrumentalwerk. Seine Beliebtheit verdankt es nicht zuletzt der außerordentlichen Durchsichtigkeit und den pastellfarbenen Farbtönen, die das Stück kennzeichnen. Beim Hören dieses Werkes mag man an die sommerhellen Fresken in den Landschlössern des k.u.k Rokokoadels denken, für den Dittersdorf arbeitete.

1774 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Fagottkonzert B -Dur KV 191

Mozart führte bis zum Alter von 15 Jahren die Existenz eines künstlerischen Nomaden. Zieht man die Kleinkindjahre ab, so hatte er bis zu diesem Zeitpunkt weit mehr als die Hälfte seines Lebens auf Reisen in Nordwesteuropa und Italien verbracht. Als Wunderkind konnte er sich dabei immer besonderer Aufmerksamkeit erfreuen. Im Jahre 1772 begann dann eine vorläufige Phase der Sesshaftigkeit. Nachdem er schon im Alter von dreizehn Jahren zum unbesoldeten dritten Konzertmeister der Kapelle des Salzburger Fürstbischofs ernannt worden war, wurde er 1772, im Alter von 16 Jahren, als besoldeter Konzertmeister angestellt. Bis 1777 hielt er sich dann überwiegend in Salzburg auf. Dabei lernte er nach den durchweg erhebenden Erlebnissen seiner Reisezeit die Niederungen des regelmäßigen Dienstes an einem Fürstenhof kennen. Zu seinen Aufgaben gehörten der kirchliche Dienst und die Gestaltung der Abendunterhaltungen am bischöflichen Hof. In dieser Zeit sind mehrere Messen, allerhand Kammermusik, eine Reihe von Orchesterwerken und diverse Konzerte entstanden, die teilweise auch im Auftrag von anderen Musikliebhabern, insbesondere Adeligen oder Instrumentalisten geschrieben wurden.

 

Zu den Auftragswerken gehört vermutlich auch das Fagottkonzert, das Mozart im Juni 1774 komponierte. Es ist eines der wenigen Konzerte für dieses Instrument und das einzige aus der Feder eines der großen Meister der Klassik. Die Spieler und Liebhaber des Fagotts sind aber nicht nur deswegen froh, sondern auch darüber, wie meisterhaft es Mozart verstand, die Stärken dieses freundlichen und höchst beweglichen Instrumentes herauszuheben.

Weitere Texte zu Werken von Mozart und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

 

 

 

1772 Joseph Haydn (1732 – 1809) – Symphonie Nr. 45, fis – moll – Abschiedssymphonie

Leben und Werk Joseph Haydns sind von zahlreichen Anekdoten umrankt. Ein Grund hierfür ist sicher, daß über große Teile seines Lebens, insbesondere über dessen erste Hälfte, wenig Authentisches bekannt ist. Manche Biographen haben daher die Lücken mit Hilfe ihrer Phantasie gefüllt. Anderseits inspirierte die Persönlichkeit Haydns aber auch dazu, Geschichten über ihn zu erzählen. Meist erscheint er darin als ein Mensch, der ebenso gewitzt und hintersinnig wie seine Musik ist.

 Auch über die Umstände, die zur Komposition der Abschiedssymphonie geführt haben, gibt es eine solche Anekdote. Wie weit sie wahr ist, ist schwer zu sagen. Die Besonderheit dieser Symphonie spricht dafür, daß ihr ein wahrer Kern zugrunde liegt. Die Tatsache allerdings, daß es davon zwei recht unterschiedliche Versionen gibt, zeigt, daß dieser Kern eine nicht unerhebliche dichterische Ummantelung erfahren haben muß.

 Nach der erotischen Version der Anekdote soll Haydn die Symphonie geschrieben haben, um seine Musiker – und auch sich selbst –  aus einer zölibatären Zwangslage zu befreien. Fürst Esterházy, bei dem Haydn von 1761 bis 1790 als Kapellmeister angestellt war, verbrachte ab 1766 so viel Zeit als möglich in seinem neuen Landschloß Esterháza in Ungarn. Mit ihm war sein Hofstaat, zu dem auch die Kapelle zählte. Während der ersten Jahre, als die Schloßanlage noch unvollständig war, habe, so die Anekdote, keine Möglichkeit bestanden, die Familien der Musiker in Esterháza unterzubringen. Daher hätten die Mitglieder der Kapelle, die – Haydn eingeschlossen – im wesentlichen aus lebhaften jungen Männer bestanden habe, monatelang die Gesellschaft ihrer Ehefrauen entbehren müssen. Solange Fürst Esterházy seinen Aufenthalt auf die sechs Monate des Sommerhalbjahres beschränkt habe, hätten die Männer – erstaunlich genug – ihr Los gerade noch akzeptiert. Im Jahre 1772 aber habe der Fürst den Aufenthalt in Esterháza um zwei Monate verlängert. Dies hätten die Musiker nicht mehr ertragen können. In einer rokokohaft-frivolen Variante dieser Anekdotenversion heißt es sogar, der Fürst habe die Verlängerung des Aufenthaltes in Esterháza angeordnet, weil ihn die Nöte der Musiker vergnügt hätten. Diese hätten sich im Schloß nämlich immer schon Wochen vor der Abreise komisch aufgeführt und dessen Räume mit verliebten Seufzern erfüllt.

Angesichts dieser Zuspitzung der Lage hätten die Musiker, so fährt die Geschichte fort, bei Haydn in der Hoffnung vorgesprochen, daß er ihnen Abhilfe verschaffe, wofür dieser, da er sich in der gleichen Situation befunden habe, nur volles Verständnis gehabt habe. Seinem Metier entsprechend habe er eine musikalische Lösung des Problems gesucht und mit der Abschiedssymphonie gefunden. Danach sollten die Musiker, nachdem ihr Drang in den ersten Sätzen des Werkes eindrucksvoll musikalisch demonstriert worden sei, im letzten Satz nach und nach aus dem Saal gehen, um den Fürsten darauf aufmerksam zu machen, daß es Zeit sei, Esterháza zu verlassen, was dieser zum guten Schluß auch eingesehen habe.

Die ökonomische Version der Anekdote geht davon aus, daß der Fürst die Kapelle im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen bis auf ein paar Geigen habe auflösen wollen, weil sie ihm zu teuer geworden sei. Haydn habe ihm mit der Abschiedssymphonie verdeutlichen wollen, wie dürftig der verbleibende Rest klingen und schließlich überhaupt nichts übrig bleiben würde. Auch hier folgt ein happy-end, bei dem Haydn als der findige Retter der Arbeitsplätze seiner Schützlinge erscheint. Zum Dank soll er sogar noch eine kleine „Ankunftssymphonie“ geschrieben haben, bei der die Musiker einer nach dem anderen wieder in den Saal getreten seien.

Mangels authentischer Belege ist, wie gesagt, schwer zu entscheiden, ob diese Anekdoten stimmen und welcher der beiden Versionen gegebenenfalls der Vorzug zu geben ist. Die Biographen, die sie erstmalig kolportieren, berufen sich jeweils darauf, daß sie ihre Version von Haydn selbst erfahren hätten. Damit stellt sich die Frage, ob Haydn die Legendenbildung um seine Person möglicherweise selbst beförderte. Auch Haydn wird gewußt haben, daß für einen Künstler der Umlauf falscher Anekdoten besser ist als der Mangel an richtigen.


1772 Michael Haydn (1737 – 1806) – Requiem c – moll

Unter dem 10.8.1806 schrieb der Abt Dominikus vom Kloster St. Peter in Salzburg in sein Diarium: „Heute nachts um 10 Uhr starb der hiesige berühmte Concertmeister Michael Haiden, im 68. Jahre seines Alters, ein würdiger Bruder des esterhazischen Kapellmeisters Joseph Haiden. Er war 43 Jahre in hiesigen Diensten, sammelte sich besondere Verdienste für die Kirche, indem er im wahren Kirchenstil erstaunend viel komponierte. Er war weit und breit berühmt und mußte nach Spanien, nach Schweden, und besonders für die itzige Kaiserin Ämter und andere Sachen komponieren. Letztere frimte noch voriges Jahr bey ihm ein Requiem an, und es gieng ihm wie dem berühmten Mozart, er fing zu arbeiten an, vollendete aber nur den Introitum, der auch bei seinem Requiem aufgeführt wurde. … Das Requiem hielten die Hofmusikanten und 8 Tage danach führten eben diese für ihn in der Universitäts Kirche das große Requiem von Mozart auf. …“          

Mit diesen Bemerkungen über Michael Haydn und Mozart und ihre Totenmessen schlägt Abt Dominikus ein Thema an, welches interessante Einblicke in die manchmal erstaunlich kleine Welt der Wiener Klassik erlaubt. Das Schicksal des „Wieners“ Michael Haydn in Salzburg war von Anfang an eng mit dem des 19 Jahre jüngeren Mozart verknüpft. Schon sein Eintritt in die Dienste des Erzbischofs im Jahre 1763 hatte mit dem jungen Salzburger Genius zu tun. Haydn wurde eingestellt, um den Vizekapellmeister der Hofkapelle, Leopold Mozart, zu vertreten, der mit seinem frühbegabten Sohn Wolfgang oft monatelang auf Konzertreisen war.  

Ein erstes Zusammenwirken zwischen Michael Haydn und Mozart ist für das Jahr 1767 belegt, als Mozart 11 Jahre alt war. Zusammen mit dem Salzburger Organisten Adelgasser komponierten sie ein geistliches Singspiel mit dem Titel „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes“. Ab 1769 waren Mozart und Haydn dann gemeinsam in der Salzburger Hofkapelle tätig, wo sie die Konzertmeisterstellen inne hatten. Die altersungleichen Kollegen nahmen regen Anteil am kompositorischen Werk des jeweils anderen. Für Haydn ist vor allem der Aufbau der Messen des jungen Mozart zum Vorbild für seine eigenen Messen geworden. Mozart wiederum verfolgte Haydns umfangreiches kirchenmusikalisches Schaffen besonders unter stilistischen Gesichtspunkten. Der Kirchenmusiker Haydn hielt gegen den Zeitgeist, der sich dem   opernhaft-galanten Stil zugewandt hatte, die Kompositionsweise aufrecht, welche Abt Dominikus als den „wahren Kirchenstil“ bezeichnete. Er orientierte sich an den Meistern der Barockzeit und betonte insbesondere das kontrapunktische Element der Musik. Vor allem in der c-moll Messe und im Requiem hat sich Mozart dieses Stiles bedient.

Auch nachdem sich Mozart in Wien selbständig gemacht hatte, waren die beiden Musiker noch miteinander in Kontakt. 1783 etwa sprang Mozart dem geschätzten Kollegen bei der Erfüllung eines Kompositionsauftrages zur Hilfe, den dieser krankheitshalber nicht erfüllen konnte. Um einen drohenden Gehaltsentzug zu verhindern, schrieb Mozart, der gerade zu Besuch in Salzburg weilte, unter Verzicht auf die Autorenehre in aller Eile zwei (bedeutende) Duos für Violine und Viola, die Michael Haydn unter seinem Namen abliefern durfte. Dies ist um so erstaunlicher, als es sich bei dem Auftraggeber dieser Werke um eben den Erzbischof handelte, dessen tyrannischem Regiment Mozart zwei Jahre zuvor nach erheblichen Turbulenzen in Richtung Wien entronnen war. Wie nahe sich Mozart und Michael Haydn musikalisch standen, zeigt auch die Tatsache, daß man eine Symphonie Haydns lange Zeit für ein Werk Mozarts hielt (KV 444). Am Rande vermerkt sei noch, daß Michael Haydn später der Lehrer Carl Maria von Weber werden sollte, der der Cousin von Mozarts Ehefrau Constanze war.

Besonders deutlich aber wird die gegenseitige Befruchtung von Mozart und Michael Haydn in ihren Totenmessen. Das Requiem, welches Abt Dominikus in seinem Nachruf für Michael Haydn erwähnt, ist dessen zweites Requiem in B-Dur. Dieses Werk weist, wie E.T.A. Hoffmann schon im Jahre 1812 darlegte, nicht nur im Schicksal von Autor und Komposition Parallelen zum Requiem von Mozart auf. Auch musikalisch sind die beiden Werke verwandt. Mozarts Totenmesse wiederum ist in Anlage und Duktus sowie in vielen Details offensichtlich vom Haydns früherem Requiem in c-moll beeinflußt, das 1772 anläßlich des Todes ihres gemeinsamen Arbeitgebers Erzbischof Sigismund von Salzburg entstand. Dieses Werk gilt als eine der bedeutendsten Kompositionen Michael Haydns. Seine formale Besonderheit ist das Salzburger Trio, das heißt, daß die Bratschenstimme fehlt und der Baß thematisch wenig hervortritt, die beiden Geigenstimmen aber äußerst lebhaft geführt werden. Inhaltlich fällt eine Leidenschaftlichkeit der Trauer auf, die für Michael Haydn, der als dem Leben zugewandt beschrieben wird, eher ungewöhlich ist. Die Ursache hierfür liegt möglicherweise darin, daß Haydn bei der Abfassung des Werkes wohl noch unter dem Eindruck des frühen Todes seines einzigen Kindes im Jahre 1771 stand. Der Umstand, daß Mozart fast 20 Jahre später auf dieses Werk zurückgriff, zeigt, welch’ tiefen Eindruck die Musik Michael Haydns bei ihm hinterlassen hatte.

Angesichts der Unvollständigkeit des zweiten Requiems wurden, was Abt Dominikus nicht berichtete, bei den Totenfeiern für Michael Haydn neben dem zweiten und neben Mozarts Requiem auch Teile aus Haydns ersten Requiem aufgeführt. Wenige Jahre später sollte sich diese Konstellation bei ähnlichem Anlaß wiederholen. Beim Tod Joseph Haydns im Jahre 1809 wurde bei der internen Trauerfeier ebenfalls Michael Haydns Requiem in c-moll und beim offiziellen Trauerakt das Requiem von Mozart gespielt.

Karl Stamitz (1745-1801) – Konzert für Bratsche und Orchester

Karl Stamitz ist der Sohn des Begründers der Mannheimer Schule, Johann Stamitz. Er wuchs in der kurpfälzischen Metropole auf, wo ihm die führenden Musiker Cannabich, Holzbauer und Richter neben Geigen- und Bratschenspiel auch die „Mannerheimer Manieren“ beibrachten, darunter die Mannheimer Rakete – ein schnell aufsteigendes Motiv –  und die Mannheimer Walze – eine langes Orchestercrescendo. Acht Jahre war er dann 2. Violinist in der Mannheimer Hofkapelle, wobei er deren gesamtes Repertoire kennen lernte. Im Alter von 25 Jahren ging Stamitz als reisender Virtuose auf Wanderschaft. Unter anderem lebte er längere Zeit in Paris und London. Stamitz komponierte naturgemäß Solowerke für seine Instrumente, darunter das Bratschenkonzert, welches  zum Kernbestand der Literatur für dieses Instrument gehört. Darüber hinaus schrieb er aber auch Konzerte für alle möglichen anderen Instrumente, insgesamt rund 60 Solokonzerte und 30 Doppelkonzerte. Hinzu kommen 51 Symphonien und eine Menge Kammermusik. Stamitz’ Musik ist weitgehend dem empfindsam-galanten Stil der Mannheimer Schule verpflichtet. Sie ist eingängig und unkompliziert und verzichtet auf gelehrte Komplikationen. Schon zu seinen Lebzeiten waren seine stimmungsvollen langsamen Sätze berühmt. Dass dies es zu Recht der Fall war, zeigt der zweite Satz des Bratschenkonzertes.

 

1749 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Feuerwerksmusik

Im Oktober 1748 endete der Österreichische Erbfolgekrieg mit dem Frieden von Aachen. Da England daraus als erste Seemacht Europas hervorging, hatte man allen Grund zu Feiern. In London begannen daher Vorbereitungen für eine große Friedensfeier, in deren Zentrum ein gigantisches Feuerwerk stehen sollte. Händel, der mit dem „Dettinger Te Deum“ bereits im Jahre 1743 einen musikalischen Beitrag zur Feier eines Sieges der Engländer in diesem Krieg beigetragen hatte, wurde auch dieses Mal mit der Komposition der Festmusik beauftragt.

 Das Ganze ging nicht ohne Probleme vonstatten. König Georg II. wünschte ausdrücklich, daß das Orchester nur aus Kriegsinstrumenten, das heißt aus Bläsern und Schlagzeugern bestehen und daher keine „fidles“ enthalten sollte. Händel hingegen bestand auf einem Orchester mit Streichern und Bläsern. Über diese Frage gab es allerhand Diskussionen und hitzigen Schriftverkehr, in dem Händel von den Hofleuten als ziemlich stur und eingebildet dargestellt wird. Allen Befürchtungen zum Trotz gab der Komponist aber schließlich ein Stück weit nach. Er ließ die Feuerwerksmusik beim Festakt von 100 Bläsern ohne Streicher spielen, vermerkte aber danach in der Partitur, daß und an welcher Stelle Streicher einzusetzen seien.

 Ein zweiter Streitpunkt war die Frage einer öffentlichen Generalprobe. Händel war aus Gründen des  Überraschungseffektes strikt dagegen, daß man das Geheimnis der Musik schon vor dem eigentlichen Ereignis lüftete. Der Leiter der Vauxhall-Gärten hatte dem Organisator der Festveranstaltung, dem Herzog von Montagu, für den Festakt aber seine ganze kostspielige Illuminationstechnik einschließlich 30 Dienern zu deren Bedienung kostenlos für den Fall angeboten, daß die Generalprobe in seinen Gärten stattfinde. Händel ließ derart prosaische Gesichtspunkte, die den Verwaltungsmann natürlich überzeugten, zunächst nicht gelten. Daher erwog der Herzog von Montagu, der die Kosten des Ereignisses zu bestreiten hatte, bereits, Händel den Auftrag zu entziehen. Zu seinem Glück gab der Komponist schließlich auch hier nach. Die öffentliche Probe, die am 21. April 1749 stattfand, war für ihn ein weit größerer Erfolg als die Aufführung selbst. Zur Probe kamen über 12.000 begeisterte Zuhörer, die, wie das „Gentlemen Magazine“ anschließend berichtete, einen so gewaltigen Verkehrsstau verursachten, daß drei Stunden lang keine Kutsche über die London Bridge kam.

 Das große Ereignis fand schließlich am 27. April 1749 statt. Zu diesem Zweck hatte man im Green Park in monatelanger Arbeit eine riesige palladianeske Festarchitektur errichtet. Die hölzerne Konstruktion von 140 m Länge und über 30 m Höhe, die eine Plattform für das Orchester und die Zurüstungen für das Feuerwerk trug, bestand aus einem Triumphbogen und flankierenden Kolonnaden und war mit Statuen und allerhand symbolischen Reliefs geschmückt. Der Abend verlief, wie gesagt, für Händel eher enttäuschend. Denn anders als bei der Generalprobe, als er ganz im Mittelpunkt stand, ging sein Beitrag im allgemeinen Getümmel weitgehend unter. Hinzu kam, daß das Feuerwerk und die Illumination offenbar nicht richtig klappten und ein Teil der Festarchitektur in Flammen aufging. Frustriert über die für ihn ungewohnte Nebenrolle spielte Händel die Feuerwerksmusik daher bereits einen Monat später wieder bei einem Wohltätigkeitskonzert, diesmal ohne „störendes“ Feuerwerk und ohne Zweifel mit Streichern, um die delikaten Klangkontraste zu erzielen, die das Werk kennzeichnen.

1739 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Concerti grossi Op.6

Händel schrieb in den ersten beiden Dritteln seines schöpferischen Lebens hauptsächlich Opern. Bis zum Jahre 1737 komponierte er nicht weniger als 40 Bühnenwerke, meist Heldenopern in antikem Umfeld, die er mit Opernkompagnien aufführte, an denen er wirtschaftlich beteiligt war. Seine geschäftlichen Verhältnisse waren dabei ziemlich verwickelt. Ein Opernunternehmen löste das andere ab, nicht zuletzt weil die Finanzlage immer wieder prekär war. Mitte der 30-er Jahre des 18. Jahrhunderts ging schließlich alles bergab. Das deutsch-englische Gespann Johann Pepusch und John Gay hatte die Heldenoper mit ihrer „Bettleroper“, dem Vorbild für Brechts „Dreigroschenoper“, so treffend persifliert, daß das Genre unmöglich gemacht war. Die Folge war, daß der einstmals blühende englische Markt für Heldenopern zusammenbrach. Händel, der vollkommen erschöpft war, erlitt seinerseits einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Durch einen Schlaganfall war er teilweise gelähmt und schien am Ende zu sein. Er ging in eine längere Kur nach Aachen. Wundersamerweise kehrte er völlig geheilt zurück.

 

Mit frischen Kräften und mit beispiellosem Elan stürzte sich Händel danach in neue musikalische Projekte. Zunächst entstand eine Reihe von Instrumentalwerken, Musikstücke, die so etwas wie die Zwischenaktmusik für die beiden letzten Abschnitte seines musikalischen Lebensdramas sind. Diese „Gelegenheitswerke“ bilden die Überleitung vom tragischen Ende der Opernzeit zur großen Periode des Oratorienschaffens mit ihrem Heldenschluß, dessen Protagonist Händel selber ist.

 

Die 12 Concerti grossi Op.6 schrieb Händel im Herbst 1739 binnen eines Monats. Auch im Konzertleben hatten sie zunächst die Funktion von Zwischenaktmusiken. Sie wurden in der Hauptsache zwischen Teilen von Oratorien oder anderen „Hauptwerken“ gespielt.

 

Erstmals aufgeführt wurden die Werke in der Wintersaison 1739/40 im Rahmen von Händels großen privaten Konzertveranstaltungen. Die ersten Stücke kamen, wie man einer Ankündigung der London Daily Post vom 17.11.1739 entnehmen kann, am 22. November 1739 im Lincoln’s Inn Fields Theater zu Gehör. Da das Wetter seinerzeit außerordentlich kalt war, vermerkte die Daily Post: „Es werden besondere Vorkehrungen getroffen, um das Haus warm zu halten, und zur Bequemlichkeit wird der Durchgang von der Straße zum Tor überdacht sein.“ Da dies offenbar Obdachlose anzog – eine merkwürdige Reminiszenz an die Bettleroper – , sah sich Händel bei einer weiteren Aufführung zu dem Hinweis veranlaßt: „Es wird mit besonderer Sorgfalt darauf geachtet, daß Wachpersonal die Gänge frei von Gesindel hält.“

 

Die Form der 12 Concerti grossi, die ausschließlich für Streichorchester geschrieben sind, übernahm Händel im wesentlichen von Corelli, der diesen Werktypus zur Vollendung brachte. Trotz der kurzen Entstehungszeit – manche Konzerte wurden in einem Tag komponiert – hat Händel darin sein ganzes Können aufgeboten. Wegen des außerordentlichen Panoramas an musikalischen Formen und Stimmungen und der meisterlichen Verarbeitung werden sie allgemein als seine besten Instrumentalwerke angesehen.

1734 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Concerti grossi Op.3

Die Art wie Händels 6 Concerti grossi Op.3 mit der hohen englischen Politik verwoben sind, deutet auf eine Bedeutung der Musik in der Gesellschaft der Barockzeit hin, von der heutige Komponisten nur noch träumen können. Für und gegen einen Musiker zu sein, war ein Akt der Staatspolitik. So war etwa der Thronfolger, der Prince of Wales, mit den oppositionellen Tories gegen Händel, weil sein Vater, König Georg II, von der Whig-Partei gestützt wurde, in deren Kreisen sich die Anhänger Händels befanden. Die Chroniken berichten, der Thronfolger habe dem König in hitzigem Streit sogar einmal die unerhörten Worte an den Kopf geworfen, daß Händels Musik ihm ein „Gegenstand der Abscheu“ sei.  

Die Auseinandersetzung um Händel wurde aber nicht nur verbal ausgetragen. Im staatspolitisch-musikalischen und familiären Kampf auf höchster Ebene wurde mit allen Mitteln gekämpft, wobei selbst Opernhäuser zu politischen Waffen wurden. Bekanntlich betätigte sich Händel in den ersten beiden Jahrzehnten seines Aufenthaltes in England in der Hauptsache als Opernunternehmer (wozu auch das Komponieren von Opern gehörte). Die Tories, die über den deutschen Komponisten Händel den ebenfalls aus Deutschland, nämlich aus dem Hause Hannover stammenden König zu treffen trachteten, gründeten daher ein Gegenunternehmen, die sogenannte „Adelsoper“. Dieses Konkurrenzunternehmen hatte die Protektion des Thronfolgers. Das Patronat für Händels Operntruppe hingegen hatte die Schwester des Thronfolgers, Princess Anne, die eine Anhängerin Händels und dessen Lieblingsschülerin war. Der Streit ging auf Biegen und Brechen und endete mit dem vorläufigen finanziellen und gesundheitlichen Ruin Händels.  Als Dank dafür, daß Princess Anne ihm in diesen Auseinandersetzungen immer treu geblieben war, widmete ihr Händel zu ihrer Hochzeit im Jahre 1734.

Die Herausgabe der Werke erfolgte zunächst wohl ohne Wissen des Komponisten durch seinen Verleger John Walsh, der Musik aus Händels Feder, die in verschiedenen Kontexten entstanden war, zusammenstellte und unter der Bezeichnung „Six Concerti grossi“ herausgab. Er beabsichtigte damit, an den wirtschaftlichen Erfolg der sechs Concerti grossi von Corelli anzuknüpfen, die in ganz Europa gespielt wurden. Diese Art der Kompilation erklärt, warum die Werke formal vom Typus des italienischen Concerto grosso abweichen. Mit Ausnahme des vierten Konzertes hat keines der Werke die traditionelle viersätzige Form des italienischen Concerto grosso. Es fehlt auch die typische Gegenüberstellung von Solo- und Tuttipassagen. Nichtsdestoweniger weisen die Konzerte umfangreiche, mitunter sehr virtuose Soli auf. Auch der Corelli-Sound ist unverkennbar, was nicht nur darauf zurückzuführen sein dürfte, das der italienische Meister europaweit Maßstäbe setzte, sondern auch daran, dass Händel in seiner Zeit in Rom viel mit ihm zu tun hatte – Corelli war Geiger in dem Orchester, für das Händel eine Reihe von Werken schrieb.  

Ob der Prince of Wales auch diese Stücke aus politischen Gründen für „abscheulich“ halten mußte, ist nicht bekannt. Ohne die parteipolitischen Scheuklappen der Engländer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dürfen wir sie heute einfach schön finden.

1726 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Kreuzstabkantate (Nr.56)

Bachs umfangreiches Kantatenwerk ist weitgehend in den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Thomaskantor in Leipzig entstanden. In dem Ehrgeiz, möglichst eigene und immer wieder neue Werke aufzuführen, komponierte er in den Jahren 1723 bis 1727 offenbar fünf volle Kantatenjahrgänge. Davon sind uns im wesentlichen die ersten drei Jahrgänge erhalten geblieben; das heißt, daß zwei Fünftel der Bach’schen Kantaten als verschollen gelten müssen. Die Werke wurden jeweils in den sonn- und feiertäglichen Festgottesdiensten der Leipziger Hauptkirchen St. Nicolai und St. Thomä aufgeführt.

 

Wie es Bach möglich war, über Jahre jede Woche ein neues Werk von der Komplexität seiner Kantaten zu schreiben und zur Aufführung zu bringen, kann man heute kaum mehr nachvollziehen. Aus der Tatsache, daß die erhaltenen Originalstimmen mehr oder weniger unkorrigiert sind, kann man jedoch entnehmen, daß es dabei ziemlich hektisch zuging. Offenbar fand die letzte Fixierung musikalischer und technischer Einzelheiten teilweise mündlich statt. Eine ausreichende Einstudierung war in der Regel nicht möglich. Häufig waren die Abschriften der Stimmen Bach erst am Vortag der Aufführung fertig. Bach verließ sich offenbar weitgehend auf die Prima-vista-Fähigkeiten seiner Instrumentalisten und der „ersten Kantorei“ der Thomaner, zu der nur die erfahrenen Mitglieder gehörten. Den hohen Anforderungen waren naturgemäß nur wenige Personen gewachsen. Daher waren die Stimmen des Chores jeweils nur mit 3 Sängern und die Streicherstimmen mit 2- oder 3 Spielern besetzt.

 

Die „Kreuzstabkantate“ stammt aus dem weitgehend verschollenen Kantaten-Jahrgang von 1726. Sie ist – eine Ausnahme bei Bach – nur für eine Solostimme und Orchester geschrieben.

1717- 1723 Johann Sebastian Bach (1685-1750) – Konzert für drei Trompeten und Orchester

Bach hat den Einsatz seiner musikalischen Ressourcen teilweise in einer Weise optimiert, die an moderne Verwaltungs- und Produktionstechniken erinnert. Heute ist es zur Verringerung von Aufwand und Kosten üblich, Produkte von vorneherein so zu konzipieren, dass ihre Grundelemente für verschiedene Waren und Leistungen verwendet werden können. In den Verwaltungen etwa wird in großem Maße mit Textbausteinen, in der Massengüterindustrie mit „Plattformen“ und in der Popmusik mit „Samplern“ gearbeitet. Auf ganz ähnliche Weise hat Bach seine musikalische Produktion „gesteuert“. Er hat in erheblichem Maße musikalisches Material früherer Werke in späteren Kompositionen wiederverwendet. So bekannte „Originalwerke“ wie die „H-moll Messe“ oder das „Weihnachtsoratorium“ sind weitgehend aus Elementen bereits vorhanden gewesener Werke zusammengesetzt. Für ein derartiges „Recycling“, das in der Barockzeit gängige Praxis war, hat sich der etwas schiefe Begriff "Parodie" eingebürgert.

Erstaunlich ist dabei die Flexibilität Bachs im Umgang mit dem musikalischen Material. Bei der Übertragung vorhandener Musik auf ein neues Vokalwerk etwa musste sich kurzerhand der Text des neuen Werkes an die vorhandene Musik anpassen, womit das „normale“ Verhältnis von Text und Musik auf den Kopf gestellt wurde. Bach hat die Probleme, die daraus resultieren, zwar teils durch kleine, bezeichnende Retuschen des musikalischen Ausgangsmaterials gelöst. Teils wurden die neuen Texte aber auch einfach auf die vorhandene Musik geschrieben, wobei der Inhalt der Musik unter Umständen eine ganz andere Richtung erhielt

Das Verfahren, unterschiedliche Produkte aus gemeinsamen Elementen herzustellen, erlaubt es in gewissem Maße, den Produktionsprozess umzukehren und frühere Werke aus späteren zu rekonstruieren. Auf diese Weise sind in letzter Zeit mehrere verschollene Instrumentalwerke Bachs „wiedererstanden“. Sie stammen meist aus Bachs Köthener Zeit (1717-23), in der er sich fast ausschließlich mit Instrumentalmusik beschäftigte.

Das Konzert für drei Trompeten und Orchester wurde von dem Bachspezialisten Diethart Hellmann aus zwei Vokalwerken Bachs rekonstruiert, die zu Beginn seiner Leipziger Zeit entstanden. Bach hatte im Frühjahr 1725 sowohl eine Schäferkantate für den Weißenburger Hof als auch ein Osteroratorium zu schreiben. Wiewohl die Sujets nicht hätten weiter auseinander liegen können, verwendete er für beide Werke das gleiche musikalische Material. Dieses basiert, wie man aus verschiedenen Umständen entnehmen kann, offenbar weitgehend auf einem Konzert für drei Trompeten aus der Köthener Zeit, das verlorengegangen ist.

Weitere Texte zu Werken von Bach und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1717- 1723 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Konzert für 2 Violinen und Orchester d-moll

Über die Entstehung von Bachs Konzerten für Violine ist wenig bekannt. Wahrscheinlich sind sie allesamt in seiner Köthener Zeit (1717 bis 1723) entstanden, in der sich Bach im wesentlichen mit Instrumentalmusik zu beschäftigen hatte. Transkriptionen, die Bach später in Leipzig vornahm, zeigen, dass er in dieser Zeit außer den erhaltenen drei Werken noch sechs weitere Konzerte für Violine schrieb. Merkwürdigerweise hat man von diesen Konzerten aber keine Originalstimmen gefunden. Sie sind uns nur in der Form bekannt, die ihnen Bach bei der Übertragung auf das Cembalo gab. Nach allem, was wir wissen, scheinen die verbliebenen Konzerte aber die Filetstücke dieser Gattung in Bachs Werk zu sein. 

Dies gilt ohne Zweifel für das Doppelkonzert, das schon wegen seines „himmlischen“ zweiten Satzes nicht nur zu den schönsten Werken Bachs sondern der ganzen Geigenliteratur gehört. Die beiden vitalen Ecksätze sind darüber hinaus geradezu ein Muster kompakter und zwingender Kompositionskunst. Alles ist mit einer solchen Notwendigkeit auseinander hergeleitet, dass es unmöglich ist, sich auch nur eine Note dazu- oder wegdenken. Wenn man unter klassisch die vollkommene Stimmigkeit des Ganzen und seiner Teile versteht, dann ist dieses Werk der Prototyp des Klassischen. Im Gegensatz zu den beiden Soloviolinkonzerten, in denen das Element des motivischen Wettstreites zwischen Solist und Orchester im Vordergrund steht, ist das Doppelkonzert eher ein Werk des einträchtigen Miteinanders der Soloinstrumente gegen das Orchester. Die Soloviolinen präsentieren die Themen zunächst wie bei einem Kanon, vereinen und trennen sich zu variierenden Exkursen, um schließlich in vollkommener Harmonie wieder zu einander zu finden. Diese Art des  Zusammenwirkens eigenständiger Subjekte dürfte wohl der Grund dafür gewesen sein, dass das Werk auf dem Höhepunkt des kalten Krieges zum Instrument der politischen Symbolik werden konnte. Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts berichteten die Wochenschauen in großer Aufmachung über ein musikalisches Ost-West-Gipfeltreffen, bei dem Yehudi Menuhin und David Oistrach als die künstlerischen Repräsentanten der verfeindeten Politblöcke erstmals zusammenkamen, um mit dem Doppelkonzert friedliche Koexistenz darzustellen.

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1717-23 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Orchester-Ouvertüren

Bachs Orchesterouvertüren, von denen vier erhalten geblieben sind, sind wohl in seiner Zeit als Leiter der Kammermusikdienste am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen entstanden. Nach dort war der Komponist im Jahre 1717 von Weimar gekommen, wo er die Stelle des Hoforganisten innehatte. Weimar hatte er aus Verärgerung darüber verlassen, daß er bei der Neubesetzung der ersten Kapellmeisterstelle übergangen worden war. Der dortige Fürst, der trotz der Zurückstellung Bachs offenbar wußte, was er an ihm hatte, wollte ihn allerdings zunächst gar nicht gehen lassen. Bach scheint daraufhin mehr als seinerzeit ziemlich auf seine Entlassung gedrängt zu haben. Am 6. November 1717 jedenfalls, so ergibt sich aus einem überlieferten Aktenvermerk, wurde er "wegen halsstarriger Bezeugung von zu erzwingender Demission" von einem Landrichter, der das Pech hatte, Recht und Musik nicht unter einen Hut bringen zu können, verhaftet und erst nach vier Wochen wieder freigelassen.

 

Zu Bachs Kompositionen der Köthener Zeit gehören einige seiner bedeutendsten Kammermusikwerke, Kompositionen, die von Spieler und Hörer eine intensive Auseinandersetzung verlangen. Daneben hat Bach in Köthen aber auch höfische Unterhaltungsmusik wie die Orchester-Ouvertüren geschrieben. Die Ouvertüren, so genannt nach dem dominierenden Einleitungssatz, sind Folgen (Suiten) von Tanzsätzen aus verschiedenen Ländern Europas, in denen sich die Grazie und die Eleganz des internationalen höfischen Barocks spiegelt. Goethe, so wird berichtet, habe, als ihm der junge Mendelssohn im Jahre 1830 einen der Einleitungssätze vorspielte, vor seinem geistigen Auge eine Reihe geputzter Leute feierlich eine große Treppe heruntersteigen sehen.

 

In diesen heiteren Werken ist nicht der deutsch-tiefsinnige Grübler, sondern ein weltmännischer Europäer am Werk. Wie bei Bach selbstverständlich ist die Musik bei aller Volkstümlichkeit aber mit kunstvoller polyphoner Gestaltung verbunden. Die Besonderheit der 4. Suite ist die „venezianische“ Mehrchörigkeit, bei der drei homogene Quartette, bestehend aus Blechsatz mit Pauken, Holzbläsern und Streichern, miteinander konzertieren.

 

Darüber hinaus hat Bach den tradierten Formen auch hier gelegentlich ganz Außergewöhnliches abgewonnen. So sprengt die „Air“ der D-Dur Suite (Nr. 3), die zu Bachs vielleicht populärstem Werk werden sollte, die Grenzen der bis dato bekannten Ausdrucksmöglichkeiten und weist in eine romantische Zukunft hinein.

 

Mit den Werken, die in Köthen entstanden, hat sich Bach an die Spitze der Entwicklung der europäischen Instrumentalmusik gestellt. Tief in Inneren ist er jedoch Vokal- und insbesondere Kirchenmusiker geblieben. Bereits im Jahre 1720 drängte es ihn wieder auf einen Organistenstuhl. Daher verhandelte er mit der Gemeinde St. Jakobi in Hamburg, wo damals das wichtigste Musikzentrum Norddeutschlands war, über die Übernahme des dortigen Kantorenamtes. Zum Glück für die Liebhaber seiner Instrumentalmusik zog er aber im letzten Moment zurück, so daß er bis 1723, als er mit dem Amt des Thomaskantors in Leipzig eine der großen kirchenmusikalischen Stellen Deutschlands übernahm, in Köthen weitere bedeutende Instrumentalkompositionen schreiben konnte. Sein Interesse an der Hamburger Stelle hatte allerdings zur Folge, daß ein gewisser Johann Joachim Heitmann, über den in musikalischer Hinsicht sonst nichts weiter zu berichten ist, in die Fußnoten der Musikgeschichte einging. Er verdankt dies der Tatsache, daß er nach Übernahme der Kantorenstelle 4.000 Mark an die Gemeinde St. Jakobi spendete, was ihn in den Verdacht brachte, auf diese Weise den großen Johann Sebastian Bach ausgestochen zu haben.

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Reinhard Keiser (1674-1739) – Markuspassion (in der Fassung J.S.Bachs von 1712)

Der Sachse Reinhard Keiser wirkte im wesentlichen in Hamburg, wo zu seiner Zeit die wichtigste deutschsprachige Musikbühne Deutschlands war. Er ist wohl der fruchtbarste Opernkomponist, den Deutschland hervorbrachte. Mit mindestens 70 Opern hält er – jedenfalls der Zahl nach – den deutschen Rekord in dieser Disziplin (nach seiner eigenen Zählung waren es sogar 116 musikdramatische Werke). Davon abgesehen umfasst Keisers Oeuvre zahlreiche andere Werke, darunter sehr viel Kirchenmusik (er hat allein sechs Passionen komponiert). Dennoch ist Keiser selbst der interessierten Öffentlichkeit kaum bekannt. Dies liegt nicht nur daran, daß er als Opernkomponist im wesentlichen das stark strapazierte Genre der Heldenoper in antikem Ambiente bediente, das schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Mode kam (er schrieb allerdings auch Werke mit alltagsbezogenen oder gar revolutionären Sujets, so die Oper Masaniello furioso, in der die Steuerwillkür des Adels gegeißelt und in erstaunlicher Offenheit zum Aufruhr augerufen wird).

Keisers schwache öffentliche Präsenz dürfte vor allem damit zu tun haben, daß er im Urteil einiger führender Vertreter der Musikpublizistik lange Zeit schlecht weg kam. Insbesondere die Anhänger Händels hatten es auf ihn abgesehen. Seit Friedrich Chrysander, der große Händelforscher des 19. Jahrhunderts, über Keiser sagte, seine „Sittlichkeit war gleich Null“, er sei „dem Luxus äußerst ergeben, brünstig verliebt, leichtsinnig und eitel gewesen“, und habe im übrigen auch den Kontrapunkt nicht beherrscht, war sein Ruf angekratzt. Noch in Riemanns Musiklexikon aus dem Jahre 1929 hieß es über Keiser, ihm habe die „Ausdauer und die sittliche Kraft zu ernsterer Arbeit gefehlt“. Seine letzte Oper habe gegenüber der ersten keinen Fortschritt aufgewiesen (was nachweislich falsch ist).

Die negative Beurteilung von Keisers Charakter beruht ausgerechnet auf den Äußerungen seines Freundes Johann Mattheson. Der große barocke Musikschriftsteller und Musiker Mattheson, der ebenfalls in Hamburg wirkte, hatte in seinem biographisch-lexikalischen Buch „Grundlagen einer Ehrenpforte“ aus dem Jahre 1740, mit dem er den wichtigsten Musikern seiner Zeit ein Denkmal setzte, auch einiges über die Qualitäten Keisers als Weltmann festgehalten. Insbesondere berichtete er in – möglicherweise allzu beredten Worten – über Keisers legendäre Hamburger Winterkonzerte, an denen Mattheson teilweise selbst beteiligt war. Bei diesen barocken Spektakeln wurde nicht nur hervorragend musiziert, sondern auch aufs Opulenteste für das leibliche Wohl eines mondänen Publikums gesorgt. Keisers Kritiker, die in einer weniger barocken Zeit lebten, suchten sich aus Matthesons Schilderungen das, was sie für ihre Zwecke gebrauchen konnten und versahen es mit einem sauertöpfischen Akzent. Daß Mattheson den Musiker Keiser in der „Ehrenpforte“ und auch ansonsten über alles lobte und ihn „le premier homme du monde“ nannte, haben sie dagegen unter den Tisch fallen lassen; ebenso wie übrigens das an gleicher Stelle mitgeteilte Epigramm, welches Georg Philipp Telemann, Keisers großer Nachfolger im Hamburger Musikleben, zu dessen Tod im Jahre 1739 verfasste. Darin heißt es mit Blick auf die musikalische Erfindungskraft Keisers schlicht, er sei „größte Geist zu seiner Zeit gewesen“.

Dabei ist erstaunlich, daß gerade die Anhänger Händels so voreingenommen gegenüber Keiser waren. Händels eigenes Urteil über Keiser war nämlich ganz anders. Er spielte als junger Mann die zweite Geige in Keisers Hamburger Orchester und empfand große Bewunderung für den elf Jahre älteren Kollegen. Händel, der sich später ebenfalls intensiv auf dem Markt der antikisierenden Heldenoper engagierte, machte sogar in erheblichem Umfang musikalische Anleihen bei seinem Vorbild. Vielleicht hängt die Ablehnung Keisers damit zusammen, daß er den posthumen Preisrichtern aus dem Händellager als allzu ernsthafter Konkurrent ihres Schützlings im Wettbewerb um dem Titel des besten barocken Opernkomponisten aus Deutschland erschien (ein Titel, den Mattheson seinem Freund Keiser in der „Ehrenpforte“ sogar ohne die Einschränkung auf Deutschland verlieh).

Tatsächlich war Keiser einer der führenden Komponisten seiner Zeit. Allgemein bewundert wurde vor allem seine scheinbar unerschöpfliche melodische Erfindungskraft und sein Sinn für das Lyrische. In der Tat sprudelt es in seinen Opern nur so vor Einfällen. Als musikalischer Praktiker war er ein entscheidender Wegbereiter des aufkommenden „galanten Stiles“, welcher zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Wiener Klassik werden sollte. Zu dieser Auffassung von Musik gehörte der Vorrang des Melodischen vor der Konstruktion, was in musikdramatischen Werken nicht nur eine erhebliche Steigerung und Differenzierung des Ausdrucks, sondern auch eine erhöhte Textverständlichkeit ermöglichte (dies hatte freilich jene Einschränkung des Kontrapunktes zur Folge, die Keisers Kritiker später als Unfähigkeit bezeichneten). Keiser hatte im übrigen auch großen Einfluß auf die Musiktheorie seiner Zeit. Matthesons monumentalem literarischem Hauptwerk „Der vollkommene Kapellmeister“, das unter anderem eine hoch komplexe musikalische Affektenlehre enthält, liegen weitgehend Keisers Ansichten zu Grunde. Sieht man all dies zusammen, stellt sich die Frage, wie die Kulturnation Deutschland eigentlich mit ihren großen Repräsentanten umgeht.

Keisers hohes Ansehen spiegelt sich nicht zuletzt in der Wertschätzung, die ihm Bach entgegenbrachte, den es eine Zeit lang ebenfalls mächtig in die Musikmetropole Hamburg zog (Keiser seinerseits sammelte seine ersten musikalischen Erfahrungen im Leipziger Thomanerchor, den Bach später übernehmen sollte). Wiewohl eigentlich mehr ein Vertreter der stilistischen Gegenrichtung des „gebundenen Stiles“ brachte Bach Keisers Markuspassion mindestens drei Mal zur Aufführung (1712 in Weimar, 1726 und zwischen 1743 und 1748 in Leipzig). Dabei stellte er von dem Werk, wie damals üblich, eine eigene Version her, bei der die jeweiligen Erfordernisse und Gegebenheiten der Besetzung berücksichtigt wurden. In der Weimarer Fassung etwa fügte Bach zwei Choräle hinzu (ob er ihr Autor ist, ist angesichts der etwas ungelenken Harmonieführung allerdings zweifelhaft). In der letzten Fassung ersetzte er sieben Arien von Keiser ausgerechnet durch Arien einer Passion von Händel. Wie Kaiser seine Passion selbst aufgeführt hat, wissen wir nicht. Eine Originalversion des Werkes wurde bislang nicht gefunden. Was wir heute davon wissen, beruht auf mehr oder weniger bearbeiteten Aufführungsmaterialien verschiedener Kantoren. Nicht zuletzt deswegen wird teilweise angezweifelt, ob die Passion von Keiser stammt.  

Keisers Passion war in vieler Hinsicht das Vorbild für Bachs Passionen. Dies fällt bereits beim formalen Aufbau auf. Bach übernahm die Abfolge von Chören, Evangeliumserzählung, Arien und Chorälen. Auch in der Arientechnik und in der Behandlung der Rezitative gibt es Parallelen. Besonders deutlich ist dies bei den Jesus Worten, die bei Bach und Keiser mit einem weichen Streicher-Akkompagnato unterlegt sind. Auf Bach abgefärbt hat im übrigen der Sinn des ausgewiesenen Theatermusikers Keiser für Dramaturgie.

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Ein Kampf um Clara – Schumann und Schilling und der Musikzeitschriften krieg zwischen Stuttgart und Leipzig

Nach Stuttgart ginge ich gern, schrieb Robert Schumann im Februar 1839 aus Wien an seine Verlobte Clara Wieck. „Ich kenne die Stadt; sie ist reizend und die Menschen viel besser und gebildeter als die Wiener“. Dieser für Stuttgart ziemlich schmeichelhafte Vergleich war Schumanns Antwort auf eine Anfrage seiner Verlobten, ob er bereit sei, nach Stuttgart zu ziehen, wo sie glaubte, für ihn eine Arbeitsstelle und damit die Grundlage für die heiß ersehnte Eheschließung gefunden zu haben. Der Heirat der Verlobten standen seinerzeit vor allem wirtschaftliche Probleme entgegen. Clara Wieck, deren Konterfei sinnigerweise einmal unsere 100-DM Scheine schmückte, hoffte sie mit der Übersiedlung nach Stuttgart endlich lösen zu können.

Trotz dieser günstigen Beurteilung ist Stuttgart, wie man weiß, keine Schumannstadt geworden und die außerordentlich unglücklich Verlobten mussten noch über 1 1/2 harte Jahre warten, bis sie, nach einem äußerst schmutzigen Prozess gegen Claras Vater, Friedrich Wieck, den Ehebund schließen konnten. Das genannte Arbeitsplatzangebot aber – es stammte von dem Stuttgarter Musikschriftsteller Schilling – sollte Schumann noch eine Zeit lang mit Stuttgart verbinden. Es wurde zum Ausgangspunkt einer großartigen literarischen Polemik, die über zwei Jahre zwischen Stuttgart und Leipzig tobte und so heftig war, dass sie am Ende nicht nur in Strafprozessen mündete, sondern auch noch eine der daran beteiligten Musikzeitschriften zerstört auf der Walstatt hinterließ.

Wenn auch der eher miese Stuttgarter Gegenspieler Schumanns heute vergessen ist und kaum mehr als Fußnoten in der Schumannliteratur abgibt, so verdanken wir dieser Kontroverse doch einige bemerkenswerte briefliche Äußerungen Schumanns über sich und sein künstlerisches Selbstverständnis und die glänzende Satire „Die Verschwörung der Heller“, mit der er den Streit (fast) in dichterische Höhen hob.

Die Geschichte ist aus dem Stoff, aus dem Theaterstücke oder Hollywoodfilme und auch so mancher heutige Skandal gemacht sind. Zwei Temperamente, wie man sie sich nicht gegensätzlicher denken kann, stehen sich gegenüber: auf der einen Seite ein sensibler, noch wenig bekannter Komponist und brotloser Intellektueller – auf der anderen ein mit Titeln, Orden und allen sonstigen schützenden Attributen bürgerlichen Ansehens versehener skrupelloser Musikunternehmer, der sich höchster Protektion erfreuen kann. Äußerlich scheint es um große Ziele zu gehen. Der Beobachter glaubt einem Kampf auf Biegen und Brechen um die Macht auf dem seinerzeit bedeutsamen Markt der musikalischen Publizistik beizuwohnen. Der Anspruchsvollere mag sich darüber hinaus als Zeuge eines intellektuellen Streites über die großen künstlerischen Ideen der Epoche sehen, eines Ringens der progressiven, neuromantischen Musikrichtung, zu deren Exponenten Schumann gehörte, mit einer an den Klassikern, an Haydn, Mozart und Beethoven orientierten konservativen Musikauffassung, die seinerzeit in Stuttgart mit Lindpaintner, Ignaz Lachner und Molique stark vertreten war.

In Wirklichkeit geht es, den Regeln dieser Dramen entsprechend, um eine Frau. Es ist eine höchst private Rivalität, die da verdeckt und doch vor aller Öffentlichkeit ausgetragen wird, das Nachbeben einer Konkurrenz um eine begnadete, junge und dazu noch schöne Klaviervirtuosin. Am Ende siegt trotz aller Warnungen des hellsichtigen Künstlers der Bösewicht. Er kann seine Stellung so lange halten bis er genügend Geld von denen ergaunert hat, die ihn gestützt haben und setzt sich nach Amerika ab. Sein Kontrahent aber stirbt fast gleichzeitig im Wahnsinn.  

Wer war dieser Stuttgarter, den Schumann schon 20 Jahre vor seinem spektakulärem Abgang aus Stuttgart im Jahre 1858 vollkommen durchschaut hatte und der sich dort trotzdem noch so lange halten konnte? Wie war es möglich, dass er Schumann so aus der Reserve locken konnte, dass dieser von seinem Heimatgericht wegen seiner Äußerungen über Schilling sogar mit einer Strafe belegt wurde?

 Eine höchst aufschlussreiche Auskunft über diesen Dr. Gustav Schilling findet sich in der Selbstdarstellung aus dem Jahre 1842, die er, ohne sich als Autor zu nennen, in einem seiner lexikalischen Werke veröffentlichte. Er stammte aus dem Hannover’schen, wo er im Jahre 1805 als Sohn eines Pastors geboren wurde (er war also 5 Jahre älter als Schumann). Von Haus aus war er Theologe. Seine Examina bestand er, wie er versichert, „mit bestem Erfolge“ und erwarb sich danach „einen solchen Ruf als Prediger, dass seine Vorträge stets bei vollem Hause gegeben wurden“. An einer Universität, deren Namen er verschweigt, obwohl er die sonstigen Stationen seines Lebens sehr genau angibt, promovierte er über die göttliche Offenbarung. Seine große Leidenschaft war das Schreiben. Er schrieb über alles was ihm vor die Feder kam. Zu seinen nichtmusikalischen Werken gehört etwa die 800 Seiten starke theologische Schrift über die „äußere“ Kanzelberedsamkeit „die ungemein Glück machte und seinen Namen nebst einigen siegreichen Diskussionen unter die berühmteren der theologischen Literatur setzte“. „Von allen Seiten gut aufgenommen“ wurde nach seinem Bericht der didaktische Roman „Guido“. Auch zu seinem Einstand in Württemberg, wo er sich 1830 in Stuttgart niederließ, legte er Werk aus seiner Feder vor. Er überreichte König Wilhelm „in tiefster Untertänigkeit“ eine Denkschrift mit dem Titel „Was ist schuld an den heillosen Gärungen der Zeit und wie kann denselben abgeholfen werden?“, in der er einen deutlich antidemokratischen Standpunkt vertrat.  

In seiner Selbstdarstellung verschweigt er ein weiteres, zu Anfang seiner Stuttgarter Zeit verfasstes Werk mit dem Titel: „Aestetische Beleuchtung des königlichen Hoftheaters in Stuttgart, in dem er seinen Gedanken über die Schauspielkunst ziemlich freien Lauf läßt. Vielleicht unterschlug er dieses Opus, mit dem er offensichtlich die Stuttgarter Theaterszene zu erobern gedachte, weil in diesem Fall die Behauptung, „es sei von allen Seiten gut aufgenommen worden“, selbst für einen Schilling zu dreist gewesen wäre. Der Stil dieses „zeitgemäßen Wortes an alle Theaterdirektoren, alle Künstler und das gesamte kunstliebende Publikum“ hatte nämlich den Direktor des Stuttgarter Katharinenstifts und „quiescierenden Theater-Recensenten“ August Zoller auf den Plan gebracht. Wie sehr Zoller – selbst ein begeisterter Schriftsteller – sich über Schilling aufregte, zeigt die Tatsache, dass er postwendend eine nicht weniger als 60-seitige Schrift unter dem Titel „Aestetischen Beleuchtung der nichtaestetischen Verdunklung der Stuttgarter Hofbühne“ verfasste, in der er die Phrasendrescherei und Altklugheit des damals 27-jährigen Schilling gnadenlos offenlegte. Unter anderem verwahrte sich der Schulmann, der aus Deizisau am Neckar stammte, dass dieser „Norddeutsche“ sich herablasse, uns blödsinnigen Schwaben die Augen zu öffnen“. Bemerkenswert ist, dass diese überdeutliche Kritik nicht anders als die spätere durch Schumann bei Schilling und seiner Umgebung ohne jede Wirkung blieb. 

Mehr noch als von der Theologie fühlte sich Schilling vom damals stark expandierenden Musikmarkt angezogen. In Stuttgart gründete er ein sog. Stöpel’sches Institut, eine private Musikschule. In der Folge fröhnte er auch auf diesem Gebiet seinen schriftstellerischen Neigungen und veröffentlichte eine nicht versiegende Flut von weitschweifigen Musikbüchern, wobei er in immer neuen Variationen bei anderen oder sich selbst abschrieb. Unter anderem plünderte er immer wieder das 6-bändige „Universalexikon der Tonkunst“, das er 1834 bis 1838 mit einigen Mitarbeitern für den Stuttgarter Buchhändler Köhler herausgegeben hatte. Auch der Vorwurf des Plagiats, der von mehreren Seiten, u.a. in der von Schumann redigierten „Neuen Zeitschrift für Musik“ (NZfZ) erhobene wurde, hinderte ihn nicht daran, ständig neue Bücher auf den Markt zu werfen. Allein von 1839 bis 1850 verfasste er auf diese Weise nicht weniger als 21 dickleibige Bücher über Musik und Musiker, was selbst wenn man berücksichtigt, dass er abschrieb, eine bemerkenswerte Fleißleistung war. Erstaunlich ist, dass es ihm gelang, immer neue Verleger zu finden, obwohl sich die von ihm düpierten Verleger in drastischer Weise öffentlich über ihn beschwerten.  

Der durchaus vorhandene Erfolg des Vielschreibers beruhte wohl nicht zuletzt darauf, dass seine wichtigsten Vermarktungsinstrumente, Posten, Orden und Ehren, zugleich auch seine Waffen gegen die Plagiatsvorwürfe waren. Hinzu kam der gute Draht zu den Mächtigen. Demonstrativ trug Schilling Orden der Könige von Preußen und Belgien und verschiedene Verdienstmedaillen vor sich her. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Schumann wurde er zum Hofrat von Hohenzollern-Hechingen ernannt.  

Schließlich war Schilling Gründer und „permanenter Sekretär“ des „Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft“, für den er den Wahlspruch „Omnia ad majorem Dei gloriam“ ausgewählt hatte, einer konservativ ausgerichteten Vereinigung von Musikern und Musikpublizisten, deren Präsident der Komponist Louis Spohr war. Auch diese im Jahre 1939 erfolgte Gründung diente der Befriedigung seiner Schreibwut. Alle Mitglieder, zu denen ohne sein Wissen auch Schumann gemacht worden war, mussten – gegen Entgelt, wie sich versteht – die im wesentlichen von Schilling selbst bestückte Zeitschrift des Vereins, die „Jahrbücher“ beziehen, die sich, wie er in der bereits erwähnten Selbstdarstellung aus dem Jahre 1842 schrieb „zum gelesensten und wertvollstem musikalischen Journale aufgeschwungen hat“.  

Diese Zeitschrift war der Punkt an der sich der Streit mit Schumann entzündete. Schilling beabsichtigte, Schumann zu seinem „Kompagnon“ zu machen, ausgerechnet den Mann also, der nicht nur als Komponist die neuromantische Schule vertrat, die der Nationalverein bekämpfte, sondern als verantwortlicher Redakteur der NZfM auch noch deren literarisches Haupt und Schillings Konkurrent auf dem Zeitschriftenmarkt war. Eine besondere Brisanz erhielt der kühne Vorstoß dadurch, dass er Clara Wieck zu seinem Werkzeug erkoren hatte. Die ahnungslose junge Frau, in die er sich zu allem Überfluss auch noch verliebt hatte, wurde damit unbewusst zur Überbringerin des Fedehandschuhs gegen ihren Verlobten.  

Die 19-jährige, schon hochberühmte Clara Wieck befand sich im Januar 1839 auf Konzertreise in Stuttgart, wobei sie, wie alle hier gastierenden Künstler, auch Schilling kennenlernte. Für Schilling, der schon über sie geschrieben hatte, war es offenbar ein Leichtes, ihr Vertrauen zu gewinnen. Zutraulich plauderte sie auch über private Dinge und berichtete insbesondere über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die der Ehe mit Schumann entgegenstanden. Schilling witterte sofort seine Chance und bot an, Schumann könne an seiner, Schillings, eben herauskommender Zeitschrift mitwirken. Clara Wieck war begeistert von Schilling und dem Angebot. Fern ab von Leipzig, wo der Vater ihr alle erdenklichen Schwierigkeiten bereitete, sah sie plötzlich für Schumann und sich selbst die Möglichkeit einer gesicherten Existenz und damit die Chance, die ersehnte Ehe schließen zu können. An ihren Verlobten schrieb sie: „Er ist so herzensgut und sagt jedem die Wahrheit heraus“. Ihre Begeisterung übertrug sie gleich auf ganz Stuttgart: „Würdest Du dich entschließen, nach Stuttgart zu gehen? Ach, wie schön sind die Berge um die ganze Stadt herum; es ist entzückend und die Menschen von Herzen gut und teilnehmend. Mich hat man hier förmlich überschüttet mit Wohltaten“.  

Schumann erhielt Claras Brief zusammen mit einen Brief von Schilling in Wien, wo er seinerseits die Möglichkeiten für den Aufbaus einer wirtschaftlichen Existenz sondierte. Er hatte die Absicht, mit seiner Zeitschrift von Leipzig, wo er keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten mehr sah, in die kaiserlich-königliche Hauptstadt mit ihrer großen musikalischen Tradition umzusiedeln, hatte hierbei aber ernüchternde Erfahrungen gemacht. Dies ist der Grund für den anfangs zitierten Vergleich Stuttgarts mit Wien, der für die württembergische Zentrale so überaus günstig ausfiel. Was Schillings Angebot anging, hielt sich seine Begeisterung freilich in Grenzen. Schumann kannte Schilling und seine Werke und durchschaute dessen Absicht, ihn als seinen ärgsten Kritiker und wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten. Was ihn hingegen ernsthaft beunruhigte, war die Tatsache, dass Schilling seine Verlobte so stark beeindrucken konnte. Gewisse Äußerungen in seinem Brief nährten zudem den Verdacht, dass Schilling sich in sie verliebt habe.  

Besorgt antwortete er an Clara, er müsse sie hinsichtlich der Person des Dr. Schilling leider aus ihren schönen Träumen wecken, Schilling sei „ein trefflicher Spekulant“…, ein „ausgezeichneter Wind- und Courmacher. Seine schriftstellerischen Fähigkeiten kennzeichnete er mit dem Vergleich, er sei „ein sehr fleißiger Bücherschreiber, ohngefähr wie Czerni ein Komponist.“ Die Chancen einer neuen Musikzeitschrift beurteilte Schumann skeptisch, da sie nicht dem Bedürfnis der Zeit folge, „vollends in Stuttgart, wo kein Musikhandel, kein Künstlerdurchzug, kein Publicum“. 

Besonders missfallen haben muss Schumann aber die Tatsache, dass es Schilling gelungen war, Clara zu imponieren und bei ihr die Angst auszulösen, er, Schumann, könne sich mit seiner Zeitschrift nicht gegen Schilling behaupten. Dies veranlasste ihn zu einer Äußerung, mit der Dreißigjährige auf bemerkenswerte Weise sein künstlerisches Selbstverständnis offenbarte. „Offen gestanden, Clärchen, es hat mich ein wenig von Dir gekränkt und ich dachte ich stünde bei Dir in mehr Ansehen als dass Du jemals an die Compangnieschaft mit solchem Renommisten gedacht hättest…“. „Mir gegenüber“, schreibt er mit Bezug auf Schillings Angebot, „der ich mir zutrauen kann, den leisesten Fortschritt der Zeit zu sehen, als Componist immer fortschreitend und wenn auch in kleiner Sphäre die Zukunft vorbereitend? Da muss ich lächeln, wenn der Schilling von meinen „geistigen Kräften“ reden will, der so weit ich es weiß, kaum eine oberflächliche Vorstellung von meinem Streben hat, für dessen ganzes Kunsttreiben ich nicht einen Papillion hingebe.“ 

Die Situation spitze sich zu als sich Schumanns Befürchtung, Schilling habe sich in Clara verliebt, bestätigte und dieser, wiewohl verheiratet, mit einem erstaunlichen Frontalangriff versuchte, Clara „abtrünnig“ zu machen. Völlig außer sich verlangte Schumann von Clara, dass sie Schilling deutlich zurechtweise. Ja er verstieg sich soweit, damit zu drohen, er werde sich eine Zeit von ihr trennen, wenn sie Schilling nicht eine eindeutige Abfuhr erteile. Schilling war es gelungenen, eine ernstliche Verstimmung zwischen den Verlobten auszulösen. Wenige Wochen nach der Stuttgarter Verwicklung fiel es allerdings auch Clara wie Schuppen von den Augen. „Erstaunen muss ich“ schrieb sie an Robert aus Paris, wohin sie inzwischen weitergeresit war, „über Deine Menschenkenntnis, denn Deine Schilderung Schillings war doch gar zu zutreffend.“  

Soweit das private Vorspiel. Offensichtlich motiviert durch Schillings Eingriff in seine Privatsphäre nahm Schumann den Fedehandschuh eben dort auf, wo ihn Schilling hingeworfen hatte. Er blieb seinem Widersacher mit seiner Zeitschrift auf den Fersen. Ende 1840 und Anfang 1841 erschienen in der NZfM zwei äußerst scharfe Kritiken über zwei „grundlegende“ und wie immer geschwätzige Werke Schillings, einer „Ästetik der Tonkunst“ und einer „Kompositionslehre“. Durch satzweise Gegenüberstellung führten die Autoren, es waren Freunde Schumanns, den Nachweis, dass Schilling andere Werke seitenweise abgeschrieben hatte. Sein erstaunlich ungeniertes Verfahren illustriert die Umformulierung des folgenden Satzes. Er lautet im Original: „Man hat von dem Rhythmus, welches griechische Wort technisch geworden ist, manche Definitionen gegeben…“ Bei Schilling heißt es: „Auf die verschiedenste Weise schon hat man das griechische Wort Rhythmus, das vollkommen technisch geworden ist, zu erklären versucht.“  

Dieser Schlag saß. Schilling sah sich gegen des „Neides Geifer, der Lästerzunge Gift, der Gemeinheit noch gemeineren Spott“ zur Verteidigung genötigt. Eilig veröffentlichte er unter dem Titel „Schumanns NZfM und ich“ eine – wie immer weitschweifige – Apologie -, „um das Treiben einer gemeinen Clique aufzudecken und von dem Kot, den sie um sich wirft, meine Schuhe zu reinigen“. Nach dem Muster, das sich schon immer großer, heute vielleicht sogar zunehmender Beliebtheit erfreut, drehte er den Spieß dreist herum. Der Autor eines Buches über die Kanzelberedsamkeit zog alle Register der Rhetorik und versuchte zu beweisen, dass der Angriff eigentlich dem Nationalverein und seiner Kunstauffassung gelte. Schumann aber drohte er mit dem „strafenden Gericht“.

Schumann antwortete, „um auf das marktschreierische Treiben dieses Pfuschers“ noch deutlicher aufmerksam zu machen, mit einer Zusammenstellung von Fundstellen, an denen man weiteres über Schillings Plagiate nachlesen könne, darunter auf die Warnungen der Stuttgarter Buchhändler Metzler und Köhler, die sich über „Raubauszüge“ aus dem Universallexikon, dessen Rechte Köhler besaß, beschwerten.

Von Schilling folgte ein „Letztes Wort“ mit einem Bandwurmsatz von 267 Worten. Lang konnte er seine Feder allerdings nicht im Zaum halten. Schon kurz nach dem „letzten Wort“ kam der erste Ausflug auf die dichterische Ebene. Er schrieb einen „Bericht des chinesisch-neuromantischen Oberinspektors Schuh-Wah-Kah-Man an den kaiserlichen Gouverneur Zo-Il-Reb-Ji über die Beaufsichtigung der Komposition und musikalischen Presse im himmlischen d.h. neuromantischen Reiche.“ Schumann erscheint in diesem Bericht, als gestrenger chinesischer Zensor, der in der Provinz „Teuto Schwa“ dafür sorgt, dass die dortigen „Bücher- Werk- und Werkchenschreiber“ keine Meinungen entwickeln, die von denen der Mandarine abweichen.  

Bevor die Auseinandersetzung weitere dichterische Blüten trieb, hatte das strafende Gericht das Wort. Auf Klage Schillings wurde Schumann am 25.6.1842 vom Leipziger Stadtgericht wegen Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe von sechs Tagen verurteilt, die auf Appellation in eine Geldstrafe von 5 Talern umgewandelt wurde. U.a wurde Schumann die Bemerkung angekreidet: „Ich kann mich leider von dem wertlosesten aller Kupfermünzen, von diesem Hohenzollern-Hechingischen Schilling nicht losreißen.“  

Schilling kostete seinem Triumph aus und ging alsbald wieder zum literarischen Angriff über. Wohlbewandert in den Machenschaften der Heuchler hatte er in seiner Zeitschrift eine Serie über „Musikalische Tartüffe“ begonnen, in der Schumann jetzt einen Ehrenplatz eingeräumt bekam. Schillings Erfolg beim strafenden Gericht ließ Schumann keine Ruhe. Er machte den Fehler, Schilling auf das juristische Gebiet zu folgen, indem er seinerseits eine Klage in Stuttgart abhängig machte. Doch die Stuttgarter Richter hielten – vorläufig noch – zu ihren Hofrat. Schumanns Klage wurde im August 1842 zurückgewiesen. Offenbar sah Schumann ein, dass dieser Ausflug auf das undurchsichtige Terrain, auf dem er schon einmal gescheitert war, ein Fehler war. Sehr schnell besann er sich auf seine eigentlichen Waffen und holte – erstmalig eigenhändig – zum einem Schlag aus, der seinen Widersacher schwer anschlagen sollte. In der NZfM erschien am 27.9.1842 der – von Schumann mit seinem Pseudonym „Florestan“ gezeichnete – Artikel „Die Verschwörung der Heller“. In dieser glänzenden Satire verlagert Schumann – listig auf seine inkriminierte monetäre Bemerkung über Schilling zurückgreifend – das ganze Geschehen in das Münzwesen. Schilling ist darin ein Heller mit dem Wert 0,1, der es nicht verwinden kann, dass er kein Goldstück ist. Die Frustration des Kupfers, „das zu rasseln weiß“, wird insbesondere dadurch verstärkt, dass „eine unerbittliche Hand“ die angestrebte Verbindung zu einer „schönen Dukatin“ auseinanderreißt, in die er sich verliebt hatte. Am Ende zettelt 0,1 eine große Verschwörung der Heller gegen die verhassten Goldstücke an, die aber in einer Waage endet, in der “ das wenige Gold das Kupfer lachend und deckenhoch in die Höhe zieht“.

 Mit dieser „Romanze in Prosa“ setzte Schumann den Schlußstein in das mittlerweile imposante publizistische Streitgebäude. Schumann war zwar vor den weltlichen Instanzen unterlegen. Er hatte aber den Krieg der Zeitschriften gewonnen.

Noch im Jahre 1842 musste Schilling seine Zeitschrift einstellen, wenige Monate nachdem er sie als „das Archiv“ bezeichnet hatte, „aus welchem die künftige Musikgeschichte einzig und allein ihre verlässlichsten Akten und Data zu schöpfen hat“. Schumanns NZFM hingegen wurde zur führenden Musikzeitschrift Deutschlands und wird noch heute fortgeführt. Mit diesem Sieg war Schumanns „Interesse“ an Schilling beendet. Künftig würdigten er und seine Zeitschrift Schilling keines weiteren Wortes mehr.  

Schilling weiteres Schicksal entsprach Schumanns erster Einschätzung. Im Januar 1857, ein halbes Jahr nach Schumann Tod, verschwand Schilling plötzlich „mit einem ansehnlichen Geldbetrag“ aus Stuttgart und flüchtete vor der mittlerweile doch hellhörig gewordenen Stuttgarter Justiz nach Amerika. Das erstaunte Stuttgarter Publikum erfuhr aus der „Schwäbischen Chronik“, dass ihr „in allen Kreisen bekannter“ Mitbürger seine Schreibarbeiten inzwischen erheblich vereinfacht hatte. In den letzten Jahren hatte er statt Bücher ( ab)zuschreiben nur mehr ungedeckte Wechsel unterschrieben. Schillings hinterlassene Schulden beliefen sich auf nicht weniger als 170 000 Gulden, was damals ein Vermögen war. Er begab sich nach New York und schrieb dort wieder über Musiker. Nach drei Jahren musste er wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten nach Kanada flüchten, kehrte aber später wieder in die USA zurück, wo er 1881 in Nebraska starb. 

Es fragt sich, wie es möglich war, dass sich ein Betrüger wie Schilling so lange im damals ja noch eher kleinstädtischen Stuttgart halten konnte, dessen Bürger Schumann wegen ihrer Bildung doch so gelobt hatte. Immerhin betrieb er seine unseriösen Geschäfte in aller Öffentlichkeit. Sicherlich, Titel, Orden, Ehren, Beziehungen zu hohen Häusern – das waren schon immer auch die Schutzschilde, hinter denen Hochstabler und Betrüger öffentlich ihren Geschäften nachgingen. Bei den pietistischen Schwaben dürften darüber hinaus das theologische Mäntelchen des Dr. Schilling und der Anschein der Gelehrsamkeit seine Wirkung nicht verfehlt haben. Dennoch bleibt es erstaunlich, dass ein Mann, den Schumann bereits 20 Jahre vor seinem unrühmlichen Abgang aus Stuttgart vollkommen durchschaut hatte, die Schwaben so lange ungeschoren an der Nase herumführen konnte.