Archiv der Kategorie: Geschichte

Ein- und Ausfälle (China 13)

Ein Unterschied, der den Stoff für den nächsten clash of civilisations abgeben könnte: der von Kulturen mit und ohne Glauben an einen Schöpfergott. Denn viel grundlegender voneinander geschieden als Islam und christlich geprägten Kulturen, die gerade wieder einmal meinen, dass die Weltprobleme zwischen ihnen ausgetragen werden, ist die Differenz zwischen Christentum und Islam auf der einen und der chinesischen Kultur auf der anderen Seite. Immerhin gehen erstere davon aus, dass die Welt nur im Hinblick auf einen jenseitigen Schöpfergott verstanden und gehandhabt werden kann, während letztere sich ohne derart komplizierte Extrapolationen eher mit den Problemen des Diesseits befasst. Angesichts der außerordentlich hohen Selbsteinschätzung, welche den Islam im allgemeinen und die (amerikanischen) Kreationisten im Speziellen kennzeichnen, müsste die Konfrontation mit der Kultur Chinas spätestens dann relevant werden, wenn der ostasiatische Koloss, wie zu erwarten, demnächst eine Hauptrolle auf der Weltbühne übernehmen wird. Allerdings könnte es auch sein, dass der clash ausbleibt: zum Einen, weil ein erbitterter Streit, wie wir ihn gerade zwischen christlich und islamisch geprägten Kulturen beobachten, erfahrungsgemäß am ehesten zwischen Verwandten stattfindet; zum andern, weil möglicherweise die „Konfrontation“ der kreationistischen Kulturen mit der Tatsache, dass eine der ältesten und größten Kulturen der Welt ohne die Frage nach einem Schöpfergott zurechtkam, eine Relativierung der Fragestellung zur Folge haben könnte; schließlich weil zum Streiten zwei gehören und die Chinesen in Fragen dieser Art nie sehr streitbar gewesen sind.

Ein- und Ausfälle (China 12)

Auf den ersten Blick scheint es, dass im alten China und im Westen auf sehr unterschiedliche Weise Geschichtsschreibung betrieben wurde. Für die alten Chinesen war die Beschreibung des Vergangenen im Wesentlichen ein Mittel der Zukunftsgestaltung und damit ein Werkzeug der Didaktik oder der Politik. Deswegen haben sie nur begrenzt danach gefragt, ob die Beschreibung den Tatsachen entsprach. Die westlichen Geschichtsschreiber haben in viel höherem Maß die Nähe der Tatsachen gesucht. Der Sache nach dürften beide aber mehr oder weniger das Gleiche getan haben. Der Unterschied liegt wahrscheinlich nur darin, dass die chinesischen Historiographen entweder naiv oder weise und unsere Historiker entweder naiv oder raffiniert waren. Die chinesischen Schriftsteller haben sich nämlich entweder gar nicht erst eingebildet, etwas anderes als Gesellschaftsgestaltung zu betreiben, was weise, oder sie (oder ihre Adressaten) haben die Mechanik des Zusammenhangs von Vergangenheit und Zukunft nicht durchschaut, was naiv wäre. Die westlichen Historiker haben entweder geglaubt, ihr Geschäft sei um so weniger politisch, je näher sie an die Tatsachen rückten, was ebenfalls naiv wäre, oder sie haben sich hinter den Tatsachen und dem ernormen Aufwand, den sie zu ihrer Ermittlung betrieben, verschanzt, um ihre wahren (Gestaltungs)Absichten zu verschleiern, was raffiniert wäre.

Ein und Ausfälle (China 11)

Unglücke, insbesondere Naturkatastrophen, die Gute und Böse gleichermaßen treffen, sind für die traditionellen Weltbilder die Probe aufs Exempel. Am schlechtesten lassen sie sich im Rahmen eines Weltbildes erklären, das von einem perfekten und allmächtigen Gott ausgeht. Dessen Bild leidet notwendigerweise unter der Tatsache, dass er solches Geschehen nicht verhindern kann oder will. Unglücke stellen hier die Konstruktion des Weltbildes selbst in Frage. Bei den alten Chinesen hingegen sind Unglücke eher eine Bestätigung des Weltbildes. Da im Mittelpunkt des (alt)chinesischen Weltbildes der Mensch und seine soziale Verantwortung stehen, hat man auch hier eine politische und damit „menschliche“ Lösung des Problems gefunden. Die Chinesen gehen davon aus, dass Unglücke eine Folge der Störung der kosmischen Harmonie durch den Menschen seien. Und da die Möglichkeiten des Einflusses auf die kosmischen Verhältnisse als um so größer angenommen werden, je höher die Stellung des einzelnen Menschen in der sozialen Hierarchie ist, trägt der jeweilige Herrscher für Unglücke umso mehr Verantwortung, je größer sie sind, was doch ziemlich menschlich ist.

Ein und Ausfälle (China 10)

Es fällt auf, dass es in China wesentlich weniger (bauliche) Sehenswürdigkeiten aus alter Zeit gibt als in Europa. Das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass in China weniger Altes erhalten geblieben ist, etwa weil man weniger beständige Baustoffe verwendete oder weil in den zahlreichen gesellschaftlicher Umwälzungen viel zerstört wurde. Es dürfte dafür auch eine strukturelle soziale Ursache geben.

Vom Menschen gemachte Sehenswürdigkeiten setzen in der Regel eine gewisse Konzentration ökonomischer Mittel voraus. Daher ist die Anzahl solcher Sehenswürdigkeiten umso größer, je mehr Individuen oder Gruppen von Individuen die Möglichkeit haben, solche Mittel verstärkt an sich zu ziehen. Dies ist naturgemäß dann in besonderem Maße der Fall, wenn die Konzentration ökonomischer Mittel in privater oder quasi privater Hand in einer Kultur in besonderer Weise zugelassen oder gar gefördert wird.

Eine derartige Konzentration von Ressourcen ist typisch für die europäische Kultur. Eine ihrer unausgesprochenen aber dennoch zentralen Zielvorstellungen ist, dass sich der Einzelne oder Gruppen von Einzelnen so viel wie möglich vom gemeinsamen – und möglichst noch von fremden – Kuchen verschaffen sollen und dürfen. Die Methoden, deren man sich dabei bedient, sind außerordentlich vielgestaltig. Sie reichen von unverblümter Durchsetzung des Bereicherungswillens (so im Falle der Sklavenhaltung oder des Raubrittertums) bis zur fein verschleiernden Legitimation desselben (etwa durch Schaffung bestimmter Strukturen des Erwerbs und der Verteilung von politischer Macht oder dem Praktizieren eines Wirtschaftssystems, welche das Akkumulieren von wirtschaftlichen Ressourcen fördert – zum Beispiel eines kapitalistischen). Ausdruck der Bedeutung, den der Topos der Bereicherung im Westen hat, ist die Tatsache, dass hier in der Regel derjenige bewundert wird, dem es gelingt, mehr als seinen Teil am großen Ganzen an sich zu nehmen. Der sinnenfälligste Ausdruck dieses Denkens ist das Schloss, mit dem der Schlossherr deutlich macht, dass er seinen Reichtum für des öffentlichen Sehens würdig hält, aber auch, dass er ihn unter Verschluss halten, also gegen den Zugriff von Seiten der Gesellschaft verteidigen will.

Die Tatsache, dass im alten China vergleichsweise wenig Sehenswürdigkeiten entstanden, dürfte daher etwas damit zu haben, dass dort die individuelle Akkumulation ein weniger hoch bewerteter gesellschaftlicher Topos ist als in Europa und seinen Dependancen. Dass dem so ist, zeigt eine Passage aus  dem altchinesischen Grundbuch „Diskurse der Staaten“. Dort wird einem wohlwollenden Ratgeber des Dschou-Königs Li, der im 9. Jh. v. Chr. regierte, die folgende Warnung vor dem Bereicherungsdrang des Herzogs I von Rung, den der König zu seinem Kanzler machen will, in den Mund gelegt: „Dem Herzog I von Rung ist daran gelegen, den gesamten Ertrag (des Landes) alleine zu beanspruchen, ohne die großen Schwierigkeiten zu verstehen, die daraus entstehen müssen. Denn die Erträgnisse erwachsen aus allen Dingen, …sollte sie einer für sich alleine beanspruchen, so verursacht er damit zahlreiche Schäden. Die vielen Dinge, die Himmel und Erde gedeihen lassen, sind für den Gebrauch aller bestimmt. Wie darf sie daher einer für sich allein beanspruchen. So wird ein gewaltiger Unwille hervorgerufen und nichts getan, um Vorsorge für die kommenden großen Schwierigkeiten zu treffen. … Wer als König herrscht, muss die Erträgnisse zu fördern und sie an alle in den niederen und höheren Regionen zu verteilen wissen. Und selbst wenn alle… das ihnen zukommende Maß erhalten haben, so lebt er (hätte er zuviel) doch täglich in Sorge und Angst, dass er Missbilligung erregen könnte… Wenn ein Gemeiner Erträgnisse an sich zu reißen versucht, so wird er Räuber genannt. Tut dies ein König, so wird es wenige geben, die ihm zu folgen bereit sind“ (mit der Folge, dass seine Herrschaft verfällt, was dann auch, so die Moral des negativen Exempels, bei König Li, der den guten Rat nicht beachtete, der Fall war). Neben den außergewöhnlich hoch bewerteten moralischen und praktischen Aspekten der Anhäufung von Reichtum erscheint hier ein Topos, der dem Westen – besonders dem „Wilden Westen“ – besonders fremd ist: die Sorge und Angst, man könne durch die übermäßige Anhäufung von Reichtum Missbilligung erregen.

Tatsächlich wurden die ökonomischen Ressourcen im alten China, die in ihrer Gesamtheit vermutlich nicht geringer waren als die Europas, auch in geringerem Maße im Interesse von Individuen oder Gruppen, sondern mehr für Zweckes des Ganzen der Gesellschaft konzentriert. Dem entsprechend sind die Relikte der alten Kultur, sieht man von Repräsentationsstätten wie Kaiserpalästen oder Kultstätten ab, in China eher solche von gesellschaftlichen Gemeinschaftsprojekten. Solche Projekte wiederum konnten, da die Ressourcen nicht in einer Vielzahl von „privaten“ Projekten „verzettelt“ wurden, in Dimensionen verwirklicht werden, vor denen wir Europäer heute mit Staunen wie vor Sehenswürdigkeiten stehen, darunter so unglaubliche Anlagen wie die chinesische Mauer und der Kaiserkanal oder die großen Bewässerungs- und Überschwemmungsschutzprojekte.

1738 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Altus Arie aus der Oper Xerxes

 

Dass die tiefere der beiden oberen Stimmen im vierstimmigen musikalischen Satz die „Hohe“ (lat: altus) genannt wird, hat etwas mit der Rolle der Frau in der christlichen Gesellschaft zu tun. Anfangs war die patriarchalische Welt der Musik noch in Ordnung. Die (Kirchen-)Musik des frühen Mittelalters war einstimmig und wurde -natürlich- vom Mann gesungen. Diese einzige Stimme nannte man Tenor, was so viel heißt wie „der, der den Ablauf bestimmt“ (in diesem Sinne – nämlich von Dominanz – wird die Entscheidungsformel eines gerichtlichen Urteils noch heute als „Tenor“ bezeichnet). Später gesellte sich als hohe Gegenstimme der Cantus hinzu. Auch für dieses Problem fand man eine „männliche“ Lösung. Der Cantus wurde von Knaben gesungen. Im weiteren Verlauf der Musikgeschichte rankte sich um den Tenor eine dritte Stimme, die mal über, mal unter ihm lag, und schon wegen der Tiefe, die hierbei benötigt wurde, dem Mann vorbehalten war. Diese -vagabundierende- Stimme spaltete sich im 15. Jahrhundert in zwei Stimmen, den unter dem Tenor liegenden Baß (Contratenor bassus) und dem darüberliegenden Alt (Contratenor altus). Auch im nunmehr vierstimmigen Satz wusste man die Andächtigen zunächst noch vor dem betörenden Charme der weiblichen Stimme zu schützen. Die Männer machten die Sache erneut unter einander aus. Der Preis, den man dafür zahlte, war im wahrsten Sinne des Wortes „hoch“. Einen Teil der Männer kostete der Drang nach oben ihre Männlichkeit. Der andere Teil, alti naturali genannt, entwickelte eine Falsetttechnik, die es auf stupende Weise ermöglichte, sich im natürlichen Tonraum der Frauenstimme zu bewegen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich hieraus eine eigene Tradition virtuoser Gesangskunst, die sich auch dann noch gegen die Frauenstimme behaupten konnte, als sich diese bereits allgemein durchgesetzt hatte. So wurden in der Oper, in der der Siegeszug der Frauenstimme begann, männliche Heldenrollen noch bis in das späte 18. Jahrhundert hinein für hohe Stimmen geschrieben und von Männern gesungen. Erst im 19. Jahrhundert war die Gleichberechtigung der Stimmen erreicht. Als späten Triumph konnten die Frauen nun eine gewisse Umkehrung der Rollenverhältnisse verbuchen. Zum neuen Helden der Gesangswelt wurde die Primadonna, die in der Hosenrolle sogar den Mann spielen durfte.

Auch die Alt-Arie aus der Oper Xerxes wurde ursprünglich für einen Mann geschrieben.

Ein und Ausfälle (China 7)

Man kann sich Bücher ausdenken, die ihren Ursprung im Himmel haben, wie am westlichen Ende des eurasischen Kontinents, oder Texte allgemein geachteten Weisen der Vergangenheit zuschreiben, wie am östlichen Ende des Kontinents. Sozialtechnisch ist es das gleiche Verfahren. Es geht es jeweils darum, Texte die Normen generieren sollen, im „Jenseits“ zu verankern, um dem Führungspersonal, das im Diesseits agiert, die Arbeit zu erleichtern. Das zeigt vor allem die Tatsache, dass der weitere Umgang mit diesen Texten in Ost und West sehr ähnlich ist. In beiden Kulturen sind die Grundbücher meist allgemein bis nichts sagend gehalten und lassen daher allerhand Deutungen zu. Besonders deutlich wird dies bei den Konfutius zugeschriebenen „Frühlings- und Herbstannalen“, die für die chinesische Sozialgeschichte so wichtig wurden. Sie enthalten nicht viel mehr als eine wenig aussagekräftige Aufzählung historischer Ereignisse. Die nähere Ausführung der Grundbücher ist in Ost und West jeweils nachgeordneten Werken vorbehalten, welche die Grundbücher unter Berücksichtigung der jeweiligen Zeitumstände auslegen. Im Westen nannte man diese Tätigkeit ursprünglich Theologie, im Osten Kommentierung. Auch hier ist das Verfahren bei den „Frühlings- und Herbstannalen“ besonders aufschlussreich. Die Kommentatoren ziehen aus dem Ursprungstext selbst dann noch ausgedehnte sozialpädagogische Lehren, wenn derselbe praktisch ohne Inhalt ist. Im Prinzip hat sich an dieser sozialen Steuerungstechnik bis heute nichts geändert. Nur dass wir neuere soziale Grundtexte nicht mehr heilige Bücher sondern Gesetze, das Spitzenwerk etwa Grundgesetz nennen. Auch diese Texte sind möglichst allgemein gehalten und werden von Anwendungsinstitutionen wie Gerichten und Kommentatoren konkretisiert und an den jeweiligen Bedarf angepasst, wobei nicht selten die kürzesten und allgemeinsten Paragraphen die längste Kommentierung erfahren.

Briefe aus der Wendezeit – Teil 7

Stuttgart, 2.7.1990

 

Lieber Frank,

 

bevor sich der falsche Eindruck einschleicht, es gäbe einen anderen als den bereits angekündigten Grund für mein „langes“ Schweigen – hier ein kurzer Zwischenbrief. Die letzten beiden Wochen waren angefüllt mit unpolitischen Dingen, der Arbeit an der 2. Auflage unseres Rechtsbuches und der Vorbereitung unseres Hauskonzertes, das eigentlich in Eurer Anwesenheit stattfinden sollte. Am Samstag ging es über die Bühne, wir hatten volles Haus, ca. 45 Personen und das von mir wiederentdeckte Klavier – Quartett von Franz Lachner war der Star des Abends. Ich sage ihm noch eine große Karriere voraus, an der zu basteln ich mit vorgenommen habe. Eigentlich hatte ich längst vor, noch eine zusammenfassende Darstellung unserer DDR – Reise zu liefern und natürlich die Fundamentaldiskussion weiterzuführen. Ich muß dich leider noch etwas um Geduld bitten. „Oktoberland“ habe ich mit großem Interesse gelesen – dazu noch später. Am Konzerttag kamen die „Guten Genossen“, ich werde sie ab heute lesen. Gerade ging mir das Aufhebungsurteil „für“ Janka u.a. über den Schreibtisch – von den gleichen Richtern verfasst, wie das Urteil gegen Janka ? Die Politik hat mich schon fast wieder. Jetzt aber soll erst einmal dieser Brief weg. Ich hoffe Paulas Operation ging gut über die Bühne, Du hast gar nichts erwähnt.

 

Grüsse

 

Klaus

 


Berlin, den 13.07.90

 

Lieber Klaus!

 

Vielen Dank für Deinen „Kurzbrief“ vom.2.7. Bevor ich richtig in die Politik einsteige, hier auf einem Extrablatt) erst mal noch ein wenig Privates:

 

Paulas Operation ist gut verlaufen, im Vorfeld gab es allerdings noch eine (hoffentlich letzte) typische Abschiedsvorstellung unseres Gesundheitswesens: Für Blutuntersuchung, Röntgen und Ultraschall waren im Krankenhaus 3 Tage erforderlich. In der Zwischenzeit mußte sie sich für eine alte Frau als Hilfsschwester betätigen und sie laufend auf den Schieber setzen. Am Wochenende wurde Paula beurlaubt, am Montag war die Operation, Dienstag früh starb die alte Frau und Dienstag Mittag wurde Paula entlassen. 3 Tage später hat sie – noch krankgeschrieben – ihre Akten in der Dewag archiviert (einarmig, wobei ihr Vorgesetzter anderen Kollegen untersagt hatte, ihr zu helfen) und am Montag ist sie bei Reynolds angetreten und gleich in eine „Verkaufsaktion“ hineingeraten – auf dem Frankfurter Markt waren Zigaretten feilzubieten. Zwei Wochen lang kam sie nicht vor 19.00 Uhr nach Hause und da ich gleichzeitig eine Projektgruppe zur Vorbereitung der Postunion zu leiten hatte, die unter ziemlichem Zeitdruck ein möglichst hochwertiges Papier ausarbeiten sollte, waren wir in dieser Zeit total „breit“. Nur durch höchste persönliche Beherrschung kam es im Hause Geisler nicht zu Kindesmißhandlungen oder Scheidungsklagen.

 

Inzwischen aber hat sich alles hervorragend stabilisiert. Vor der Tür steht ein herrlicher gelber Ford mit einem riesigen blauen Kamel auf der Motorhaube, der den Neid unserer an alten Klein-Bonzen so reichen Nachbarschaft erregt, unsere gestreßten Kinder sind seit 3 Tagen im (wahrscheinlich letzten) Ferienlager und erholen sich dort von uns, und Paula hat seit dem 9. Juli sogar einen festen Arbeitsvertrag und kommt meist zu zivilisierten Zeiten nach Hause.

 

Sie verdient deutlich mehr als bei der Dewag, wenn auch 1000,- DM weniger als ein Anfänger im gleichen Job und mit 38,5-Stundenwoche 5 Kilometer weiter (Die Zigaretten kosten hier selbstverständlich das gleiche wie dort), aber wir halten uns in jedem Fall für ausgesprochene Glückspilze, zumal berechtigte Hoffnung auf bundes“nahe“ Tarife (bei Reynolds) für das nächste Jahr besteht und die Post noch keine Anstalten macht, mich rauszuschmeißen, so daß wir der ab Januar angekündigten Mietverdoppelung und der Verdreifachung der Energietarife ebenso gefaßt entgegensehen können, wie der Verzwölffachung der U-Bahn-Preise.

 

Die Währungsumstellung haben wir einigermaßen elegant über die Bühne gebracht, haben aber noch keine Bescheinigung über die nun gültigen Guthaben in der Hand. Auch in der 3. Woche nach der Währungsunion steht man bei unserer Bank noch mehr als 2 Stunden nach einem Kontoauszug an – was wir uns also bisher verkniffen haben. (Von Abhebungen ganz zu schweigen)

 

Soweit also der Privatkram und jetzt der „richtige“ Brief:

 

 

PS: Denkst Du bei Gelegenheit an die Kopien meiner handschriftlichen Unikate?

 

2. PS Wir wären wirklich mal scharf auf ein Hauskonzert bei Euch

 


Berlin, den 13.07.90

 

Lieber Klaus!

 

Die ersten zwei Wochen D-Mark liegen hinter uns und damit der vielzitierte „Einstieg in die Marktwirtschaft“ zumindest als Verbraucher. Am Alex war am 1. Juli um 0.00 Uhr eine Art spontane Sylvesterfete in Gang gekommen, die ganz sehenswert war: Raketen, Verkehrschaos, mit Kleingeld (Ost) werfende Ossis und das Kleingeld aufhebende Wessis, verängstigte herrenlose Hunde, glücklich lallende Besoffene und ein wenig abseits eine machtlose Polizei, die von der Idee der Deutschen Bank, bereits ab Mitternacht in ihrer Filiale am Alex die heißgeliebten Scheine auszuzahlen, offenbar völlig überrascht war – obwohl es in der Zeitung gestanden hatte.

 

Trotzdem alles noch glimpflich, nur ein paar Ohnmachtsanfälle und Quetschungen bei den Trotteln, die sich schon abends um 6 angestellt hatten, eine eingedrückte Scheibe – und ein glücklicher Arbeiter, dem die Bank als erstem Kunden ein Sparbuch mit der Wahnsinnssumme von sage und schreibe 100,- DM überreichte. (15 DM für jede Stunde anstehen, einschließlich Samstags- und Nachtzuschlag, hurra!)

 

Apropos anstehen: In den Wochen vor dem berühmten Stichtag konnte sich unser DDR-Staatsvolk in dieser Disziplin nochmal so richtig austoben (zum letzten Mal, wie wir Naivlinge damals alle dachten). Am Alex erreichte die Schlange vor unserer Bank zeitweilig Längen von mehr als 300 Metern. 3 bis 4 Stunden Wartezeit galten als normal. (Dafür warteten die Postämter umsonst auf Kunden für die Umstellung – sie hatten es nämlich nicht fertiggebracht, noch rechtzeitig Post-Sparbücher nachzudrucken.) Aber die in 57 Jahren Diktatur anerzogene Disziplin versagte auch diesmal nicht, die Leute standen trotz der allgemein gereizten Grundstimmung ausgesprochen brav und voller Vorfreude auf den großen Tag mit dem „richtigen Geld“.

 

Inzwischen leerten sich zunehmend die Geschäfte. Der Handel verramschte die letzten Ostwaren und wischte die Regale aus, die Kunden hamsterten unser graues Klopapier, Dauerwürste, Mehl, Zucker, Straßenbahnfahrscheine und andere subventionierte Errungenschaften, und der Preis für gebrauchte Trabis sank ins bodenlose. Dann kam der 30. Juni, überall Leute mit Gesichtern wie am Vorweihnachtstag, die Innenstadt war erfüllt von den Sirenen der hin- und herflitzenden gepanzerten Geldtransporter, gegen Abend füllten sich die Gaststätten mit Zechern, die ihre letzten „Ostmücken“ auf den Kopf hauen wollten, schließlich wurde es Mitternacht (siehe oben) und peng – seitdem geht es uns gut!

 

Ich meine das übrigens ohne Ironie. Uns geht es wirklich gut. Trotzdem ist überall lautes Plärren zu hören. Um bei dem Weihnachtsvergleich zu bleiben – der Gabentisch ist zwar nicht schlecht gefüllt, aber einige meinen doch, daß da etliche Geschenke fehlen, versprochene oder eingebildete, und daß wo man doch die geforderten Gedichte so brav gelernt und aufgesagt hat.

 

Natürlich gibt es wirklich einen Packen Anlaufschwierigkeiten, die aber gemessen an der Größe des bewältigten Problems ziemlich lächerlich erscheinen, leider nicht allen. Besonders im Umfeld des Handels mault und meckert nun jedermann nach Leibeskräften weil der Konsum an der Ecke nicht gleich aussieht wie die – dummerweise nun ja jedermann bekannte – Lebensmittelabteilung von Karstadt. Sicher, es gibt teilweise wirklich Grund zum Meckern, vor allem was die Preise angeht. Der Dorfkonsum im berühmten R. verlangte z.B. in der ersten Woche 1,50 DM für einen halben Liter Flaschenmilch und die war am nächsten Tag auch noch sauer. Die logische Folge ist der massenhafte Einflug der Ossis in die ohnehin schon arg strapazierten Zonenrandgebiete und nach Westberlin. Dort haben sie damit nun endgültig die Nase voll von uns, und das ist mehr als verständlich. Andererseits liegt im Einkaufstourismus aber auch die beste und schnellste Chance, unseren Alt-Monopolen HO und Konsum rasch beizubringen, wer nun der Boss auf dem Markt ist.

 

Ich denke, von Berlin und der Westgrenze aus wird sich im Laufe der nächsten Wochen ein brauchbares Angebots- und Preisniveau über die alte Noch-DDR ausbreiten, alle werden rasch dazulernen und bis zum Weihnachtseinkauf sind die Geburtswehen des marktgerechten Handels überstanden.

 

Interessanter ist die allgemein spürbare Entpolitisierung der Leute. Mit Einführung der D-Mark nehmen die popeligen Alltagssorgen – wirkliche und vermeintliche – endgültig die Hauptrolle im Denken ein. Es mag sein, daß nach 9 Monaten permanenter Höhepunkte und täglich neuer (wirklich) „historischer“ Ereignisse ohnehin eine gewisse Müdigkeit kommen muß, aber dennoch ist es beeindruckend, wie sich der Themenkreis der Gespräche auf Profanes reduziert. Politik spielt nur noch eine Rolle, wenn sie unmittelbar den eigenen Bauch tangiert und ein allgemeines Greinen hängt in der Luft, denn der Staat, der böse, nimmt sich nun nicht mehr aller Probleme an.

 

Vor allem für die über 50-jährigen sind schwere Zeiten angebrochen, denn ihre massiven Arbeitsplatzsorgen treffen unglücklich zusammen mit einer irreparablen Unfähigkeit, für sich selbst zu sorgen. Es ist eine Art Karnickel-vor-Schlange-Effekt. In abgeschwächter Form ist er auch bei den meisten Jüngeren zu beobachten. Typisches Beispiel: Man bangt um den Arbeitsplatz, kümmert sich aber nicht um Alternativen (wobei das zugegebenermaßen bereits jetzt ungeheuer schwierig ist. Wirklich unmöglich wird es aber erst in ungefähr einem Jahr sein.)

 

Im Zusammenhang mit dem 1. Juli wird oft an die 48er Währungsreform im Westen erinnert. Es gibt hier ganz sicher erhebliche Parallelen, aber eines ist doch grundsätzlich anders: Seinerzeit gab es keinen Nachbarn, der alles schon erreicht hatte. Hieraus resultiert wahrscheinlich ein gewisser Lähmungseffekt. Üppiger Wohlstand nebenan kann deprimieren. (Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich bei unserem kurzen Abstecher in den Elsaß gesagt hatte, dort würde es zum Glück nicht so bedrückend schön aussehen wie bei den badischen Häuslebauern.) Hätte es 1948 eine gemeinsame Grenze zwischen den Westzonen und den USA oder Kanada gegeben, wäre die Bereitschaft in Westdeutschland, gemeinsam eine mehrjährige Durststrecke durchzustehen, wahrscheinlich auch arg gedämpft worden. Daß der reiche Nachbar (mit seiner hoffentlich erhalten gebliebenen Teilungsbereitschaft und seiner hoffentlich erwachenden Investitionsbereitschaft) andererseits für uns die einzige Chance ist, diesen Prozeß in vertretbaren Zeiträumen überhaupt zu bewältigen und dies für uns im Rahmen der alten Ostblockländer eine einmalig ideale Situation ist, wird hier derzeit oft vergessen. Dazu ist wohl ein Maß an Rationalität erforderlich, das den meisten von uns noch abgeht. Als unverbesserlicher Marxist meine ich aber, daß die allgemeine Lähmung von selbst abgebaut wird – in dem Maße wie reale Chancen auf ein Weiterkommen geschaffen werden, denn das Sein bestimmt das Bewußtsein und nicht umgekehrt.

 

Im engeren Bekanntenkreis (der vielleicht typisch für die Situation von Hoch- und Fachschulkadern ist, jedoch keinesfalls repräsentativ sein muß) gibt es – uns selbst eingeschlossen – zur Zeit 3 arbeitslose bzw gekündigte, 8 halbwegs sicher angestellte und 9 sehr unsichere, davon 3 hoffnungslose „Arbeitnehmer“. Es ist interessant wie deren Gemütsverfassung in der Tat von ihrem Status bestimmt wird, vom vorsichtigen Optimismus bis hin zu Verzweiflung und Panik. Allen gemeinsam aber ist das Gefühl, selbst keinen politischen Einfluß mehr (?) ausüben zu können und (wieder mal) einer unfähigen Regierung ausgeliefert zu sein, die sowieso von Bonn aus ferngesteuert wird. Auch die Mitbestimmungsansätze in den Betrieben sind vergessen. Die alten (!) Leitungen schalten und walten selbstherrlich wie eh und je und in Verbindung mit der nach wie vor unsicheren Rechtslage, dem Zerfall der Gewerkschaften und dem Rückzug der Staatspartei aus den Unternehmen gibt es auch keine kontrollierenden Strukturen mehr für sie, zumal die Treuhandanstalt für das Volkseigentum, die als einziges Organ, diese Rolle derzeit wahrnehmen könnte, noch (?) nicht funktioniert.

 

Insofern kann die Einheit eigentlich nicht schnell genug kommen, und zwar weniger wegen der gefüllten Staatskasse sondern vor allem wegen des arg vermißten festgefügten Rechtsgebäudes, das die Bundesrepublik einbringt (wenn sich in dessen Räumen auch bei uns keiner auskennt).

 

Davon unabhängig ist mir dennoch nach wie vor ein wenig unbehaglich bei dem Gedanken an die Einheit, denn mit dem Lebensgefühl, das vom Westen aus „rüberkommt“ kann ich mich immer noch nicht anfreunden, wenn ich auch überzeugt bin, daß es mir als relativ nüchternem Denker leichter als vielen anderen fallen wird, mich in der neuen Welt einigermaßen zurechzufinden. Die weiter oben schon erwähnte Rationalität zu entwickeln, wird für viele der Dreh- und Angelpunkt werden, von dem ihr Bestehen in der neuen ungewohnten Gesellschaftsordnung abhängt. Diese These ist für Euch wahrscheinlich nicht leicht nachzuvollziehen, deshalb möchte ich ein paar dürre Argumente und zwei lächerliche Beispiel nachschieben:

 

Unser bisheriges Leben war irrational, und dennoch in gewissem Sinne berechenbar. Man konnte sich in den Verhältnissen einigermaßen einrichten, wenn man die Grundlagen der realsozialistischen Religion ungefähr begriffen hatte (was nicht schwer war). Unvernünftiges Handeln wurde nicht bestraft, sondern meist sogar gefordert. Ältere Leute konnten – unter Berücksichtigung des Vorzeichens – sogar die prinzipiellen Verhaltensmuster der ebenso irrationalen Nazizeit weitergebrauchen – das, wie ich meine, eigentliche Geheimnis der blitzartigen Umerziehung am Ende der 40er Jahre (siehe meinen Aufsatz).

 

Der wirkliche Sprung in die Vernunft ist erst jetzt aktuell, zu einem Zeitpunkt da nur noch wenige Greise sich überhaupt daran erinnern können, und deshalb fällt er so vielen so schwer und ich kann für mich und meine Noch-Landsleute nur um Verständnis bitten, wenn es oft den Anschein hat, wir würden nicht einmal die Grundrechenarten beherrschen.

 

In dem berühmten Dorf R. will ein tatendurstiger junger Mann beispielsweise im September eine Gaststätte (wieder)eröffnen, obwohl er außer den 120 Seelen am Ort und weiteren 100 im Nachbardorf keinerlei Kundschaft erwarten kann. Nicht einmal eine Fernverkehrsstraße ist in der Nähe, die einzige Sehenswürdigkeit ist 15 km (und 4 weitere Kneipen) entfernt. Auf einem winzigen Zettel kann man in 2 Minuten ausrechnen, daß jede Familie monatlich bei ihm einen Wochenlohn umsetzen müßte, wenn er nicht bis Dezember pleite sein soll…

 

2. Beispiel: Eine mir gut bekannte Bäuerin erregte sich in der ersten Juli-Woche über die sauer gewordene Konsum-Milch – nicht etwa weil sie schlecht und teuer war, sondern weil sie die private Viehhaltung inzwischen abgeschafft hatte, und deshalb die 4 verdorbenen Flaschen (6,- DM, 1% ihrer Monatsrente) in den Ausguß schütten mußte, anstatt sie wie sonst den Schweinen zu geben, damit die Milch „nicht umkommt“.

 

Kurzum, Rationalität im Denken scheint mir derzeit das ostdeutsche Hauptproblem und tausende werden noch Rotz und Wasser heulen, bis sie es begriffen haben, aber dann! Erzittert, Ihr harmlosen Marktwirtschaftler, die Ihr nicht die harte Schule der Mangel- und Kommandowirtschaft durchlaufen habt, vor den Improvisationskünstlern aus dem Osten, die es gewohnt sind, auch bei abgeschaltetem Strom zu produzieren, ohne Computer zu erfinden, ohne Straßen zu transportieren und ohne richtiges Geld zu handeln. Erzittert vor jenen wunderbaren Menschen, die in der Lage sind, ohne Wohnungen und Papiertaschentücher zu leben und ihren Jahresvitaminbedarf mit einer einzigen Apfelsorte zu decken. Wir kommen! Und Ihr wäret nicht die erste Hochkultur, die dem Ansturm asketischer Barbaren erliegt. Hugh und Amen.

 

 

Mit diesem optimistischen Schluß verbleibe ich bis zum nächsten Mal,

 

Dein

 

Frank

 


Santa Margharita – Paraggi 3.8.1990

 

Lieber Frank,

 

ich sitze in einer malerischen Bucht an einer der spektakulärsten Küsten, die die Welt zu bieten hat. Grandios die steile Küstenlandschaft, grandios die Architektur, die der Landschaft erst die Krone aufsetzt. Um mich schöne Menschen, eine schöne Sprache und schönes Wetter. Die Raffinesse des Geschmacks und das Gefühl für Luxus steigern sich hier in eine Höhe, weit jenseits dessen, was dem Schwaben zugänglich ist. Du siehst also, daß ich mich wohlfühlen müßte.

 

Doch so einfach liegen die Dinge in unseren kompetitiven Gesellschaften nicht. Denn vor das Wohlfühlen haben die Götter den Markt gesetzt. Und der mutet einem bekanntlich einiges Merkwürdige zu.

 

Alle Gesellschaft beginnt damit, daß etwas rar ist. Der Markt ordnet den Mangel. In diesen felsigen Regionen herrscht Mangel an Strand. Also entsteht eine Strandgesellschaft und der Markt teilt die Gesellschaft in Strandhabende, Wenighabende und Habenichtse. Über diese Gesellschaft und ihren Markt will ich Dir schreiben.

 

Der Strand in „unserer“ Bucht ist 150 Meter lang, 15 Meter tief und weit und breit der einzige, der auch Sand zu bieten hat. Da aber die Leute – darunter auch wir – unbedingt in diese Gegend wollen, stellt sich das Verteilungsproblem. Und dies wird in der Marktwirtschaft u.a. über den Preis geregelt (mittlerweile kennt ihr das ja). Auch der Strand ist in einem Touristenland wie Italien ein Wirtschaftgut, weswegen auch er einen Preis hat. Für unsere fünfköpfige Familie kostet der Strand von Paraggi samt qualitätssteigerndem Zubehör (i.e. Liege, Sonnenschirm, Dusche Umkleidekabine) 100 DM – pro Tag versteht sich; und dies bei einer deutlichen Kinderermäßigung. Normalerweise würde bei solchen Preisen der Markt für eine Erhöhung des Angebotes sorgen. Da aber Grund und Boden und insbesondere der Strand nicht vermehrt werden können – jedenfalls nicht hier, wo die Menschen nun einmal hinwollen (welch‘ seltsame Dinge die Menschen unbedingt wollen, wisst ihr ja jetzt ebenfalls) – kann die Preisfunktion der Mengensteuerung hier nicht greifen. Damit verselbständigt sich die Verteilungsfunktion des Preises und führt zu einer problematischen Verteilung von Haben und Nichthaben. Zum Schutz der Habenichtse muß daher der nackte und harte Marktmechanismus durch eine soziale Komponente entschärft werden. Dementsprechend wird dem breiten Volk – darunter wir – ein Teil des Strandes kostenlos zur Verfügung gestellt – ohne Zubehör natürlich. (Vermutlich steht in der italienischen Verfassung irgend etwas davon, daß der freie Zugang zu den Stränden garantiert sei.) Und damit haben wir eine regelrechte soziale Marktwirtschaft – nach dem Motto: Wer was geleistet hat, kann sich etwas leisten und geschützt wird, wen das Leben oder wer auch immer benachteiligt hat.

 

Nun kann der soziale Aspekt der Marktwirtschaft sehr unterschiedlich dimensioniert sein. Sein Ausmaß kann sicher daran gemessen werden, in welchem Verhältnis die Ressourcen an die Interessenten verteilt sind. In Paraggi hat man sich dazu entschlossen, dasselbe mit 93 zu 7 anzusetzen. Von den 150 Metern Strand sind nämlich 10 (in Worten: zehn) Meter für – nun für das Volk gedacht; eine Relation, die vermutlich nicht untypisch für die italienische Spielart der sozialen Marktwirtschaft ist. Angesichts dieser Vorteilsverteilung und der dadurch bedingten Enge auf dem Volksstrand, könnte man erwarten, daß sich unter den Habenichtsen Formen solidarischen Verhaltens entwickelt hätten. Aber der Verbraucher ist – jeder Verkäufer weiß es – ein ziemlich unorganisiertes Wesen. Und so sind mangels entsprechender gesellschaftlicher Institutionen hier eher ursprüngliche soziale Gesetzlichkeiten in Kraft. Das Grundgesetz ist denkbar einfach und lautet: Wer zuerst kommt, mahlt am ersten. Das stärkt die Eigeninitiative, sagt man, und führt zu vorsorgendem Verhalten. In unserem Fall wirkt es sich zu unseren Gunsten aus. Da wir – wohnmobilshalber – gleich hinter dem Strand nächtigen, können wir unsere Claims mittels Handtüchern schon vor dem Frühstück abstecken und auch darüber wachen, daß die hierzulande ziemlich gut vertretene Spezies der Vordrängler diese nicht mißachtet.

 

So drängen sich die landlosen Massen auf Grundstücken von der Größe eines Handtuches (daher die Redewendung). Das Hauptproblem ist, soviel Platz dazwischen zu lassen, daß das verfassungsmäßige Recht auf Zugang zum Wasser auch für die hinteren Volksränge erhalten bleibt. Ein öffentliches Wegerecht, das sich aus solchen Bedürfnissen normalerweise entwickelt, gibt es allerdings noch nicht, mit anderen Worten, pausenlos tappt jemand mit seinen Sandfüßen auf unsere sorgfältig ausgeschüttelten Handtücher, wenn nicht gar auf wesentlichere Teile unseres Hab und (leiblichen) Guts. Neben uns liegen auf vergleichsweise wahren Latifundien säuberlich angeordnet die happy few. Ihr Territorium wird durch einen Mietknecht verteidigt, der Übergriffsgelüste schon im Keim erstickt und stattgefundende Grenzverletzungen alsbald zurückschlägt.

 

Aber auch das Los der Größerengrundbesitzer ist kein einfaches. Rechts und links am Eingang der Bucht stehen in majestätischer Lage zwei prächtige Villen mit eigenem Strand, dazu in einem Park von der mehrfachen Größe des Strandes der gesamten Bucht. Spielerisch reckt die eine ihren säulengetragenen Aussichtsturm aus generationenalten Pinien, während die andere mit ihren Zinnen und romanischen Fenstern wie eine genuesische Burg eher abweisend auf einem steilen Felsen ruht (der allerdings mit Hilfe einer gewaltigen Stützmauer so geräumig gemacht ist, daß er auch noch ein Süßwasserschwimmbad von der Größe des gesamten Volksstrandes aufnehmen kann). Von den Villen in der Bucht von Santa Margharita oder Rapallo will ich gar nicht weiter reden. Sie fordern durch Lage und Grandezza geradezu den Lieben Gott heraus.

 

So weit die Verhältnisse auf dem Lande. Auf dem Wasser, um das sich hier ja alles dreht, sieht es nicht viel anders aus. Die Plebs tummelt sich in Klein- und Kleinstbooten – zu letzteren gehört auch unsere mittlerweile leicht leckgeschlagene „Amazonas.“ Auf die Schlauchbootklasse folgen die diversen Außenborder. Dann kommt – gegen beachtlichen Obolus – das Mietschiff, das in Form eines riesigen weißen Kreuzfahrtschiffes mit fünf Masten – die Freiheit der Meere nutzend – den größten Teil der Bucht in Beschlag nimmt. Von der ausgeklappten Heckterrasse schwärmen pausenlos Wasserski- und scooterfahrer, sowie Segler, Surfer und Landpartien. Den Rest der Bucht belegen große Privatjachten, vergleichbar in Funktion und Ausdehnung den beiden Villen, obwohl sie ein vielfaches derselben kosten dürften. Auftrumpfend und stolz recken sie ihren spitzen Bug aus dem Wasser, so daß jedermann schon beim bloßen Anblick der Schneid abgekauft ist.

 

Und doch – auch diese Lebensform ist keine einfache. In der nächsten Bucht, im Hafen von Portofino, liegt eine solche Yacht neben der anderen, fast wie an unserem Massenstrand. Da müssen auch sie sich behaupten. Da ist etwa jener herrlich nostalgische Zweimaster von ca. 30 Meter Länge. Der alte feine Herr, der zwischen großen Blattpflanzen – Zimmerpflanzen an Bord sind der Ausweis wahrer Yachtgröße – auf einem Segeltuchsofa im Heck seines schönen Schiffes liegt, macht dennoch einen eher unglücklichen Eindruck. Er ist eingezwängt zwischen einer haushohen und bis in die reichliche Bootsbar ultramodern durchgestylten amerikanischen und einer mindestens 50 Meter langen englischen Motoryacht mit gediegenster Ausstattung, als da sind: silberne Leuchter auf dem Mahagonnytisch, antike Gemälde an den Wänden, Orientteppiche und schwere Polstermöbel (beide natürlich mit Zimmerpflanzen im Heck).

 

Aber selbst die, die andere hier im Hafen klein aussehen lassen, können ihrer Sache nicht sicher sein. Denn da sind noch die Yachten, die für einen solchen Hafen viel zu groß sind und daher weit draußen liegen – von denen, die noch kommen könnten, ganz zu schweigen. 

 

So hat denn jeder sein Päckchen zu tagen. Angesichts dieser Erkenntnis kann man sich schließlich wohlfühlen an diesem gesegneten Fleckchen Erde und sogar die Tatsache verkraften, daß wir seit unserem letztem Urlaub in der CSSR und der DDR in der Urlaubshierarchie einen wahren Sturzflug durchgemacht haben.

 

So viel vom Ferienglück am Strand von Paraggi. Man könnte noch manches über den Ferienwahn und insbesondere die Auswüchse schreiben, die er in Italien hervorbringt. Aber das hat ein anderer schon vor 250 Jahren getan. Wegen weiterer Einzelheiten – viel hat sich nämlich nicht geändert – verweise ich daher auf Goldoni’s „Trilogie der Ferienzeit“. Im übrigen hoffe ich hiermit einen Teil meiner Briefschulden abgetragen zu haben. Die politökonomischen Teile dieses Briefes kannst Du nämlich auch als Antwort auf Deine Ausführungen zur Funktion des „Marktes“ in der DDR- Wirtschaft in Deinem Wandlitzer Brief vom 15. 2. lesen, in dem Du den Mengensteuerungs- und Verteilungsaspekt des freien Marktes mangels eigener Anschauung übersehen hattest. Außerdem ist dieser Brief auch so etwas wie eine erste Etappe der in Aussicht gestellten Expedition in die Fährnisse einer freiheitlichen Gesellschaft (mein Brief vom 6.5.), die, wie Du siehst, kompensatorische Kletterkünste verlangt.

 

Bis bald

Gruß

 

Klaus

 


am 04.09.90Berlin, angefangen

 

Lieber Klaus!

 

Am Wochenende kam Dein Brief „aus Italien“ – sehr interessant und vielen Dank. Meine Fortschritte im marktwirtschaftlichen Denken haben bewirkt, daß mir die beschriebenen Mechanismen der Strandverteilung durchaus logisch und verständlich erscheinen. Den Sand vorrangig an Bestarbeiter oder Kinderreiche zu verteilen wäre jedenfalls auch keine Alternative.

 

Insofern alles klar.

 

Deine Ausführungen über den allgemeinen Grad des Luxus in dieser Gegend regten mich dagegen an, wieder einmal über den Reichtum und die Reichen dieser Welt zu sinnieren, was mir insofern jetzt noch leichtfällt, als ich voraussichtlich in den nächsten Wochen noch nicht dazugehöre.

 

Die Konfrontation mit solcher Art Chickeria-Nachrichten hinterließ bei mir schon immer einen faden Geschmack auf der Zunge. Dabei waren die Begegnungen für uns bisher glücklicherweise mehr virtuell, vor allem in Form von Nachrichten oder als Standardbeiwerk irgendwelcher Hollywood-Schinken. Dank unserer Revolution ist nun jedoch zu erwarten, daß man sich dagegen nicht mehr einfach durch Abschalten des TV wehren kann, sondern die Neu- und Altreichen sich genußvoll mit ihrem Protz ins Blickfeld des Normalverbrauchers drängen werden – für viele von uns eine völlig neue Erfahrung, denn erstens scheuten unsere alten Bonzen bei ihrem Wohlleben bekanntlich die Öffentlichkeit und zweitens waren die vielzitierten Privilegien (bei aller Berechtigung des Zorns dagegen) in aller Regel geradezu lächerlich gegenüber dem, was der Westen unter Reichtum versteht – und vorführt.

 

Gerade im „Lebensstil“ der Reichen (bzw Privilegierten) dieser Welt zeigt sich m.E. seit 5000 Jahren die Perversion unserer Spezies besonders anschaulich. Man kann tagelang über Vor- und Nachteile dieser oder jener Gesellschaftsordnung debattieren, aber wirklich moralisch war bisher keine. Immer gab es Millionen, die nicht einmal ihr nacktes Überleben sichern konnten, während sich gleichzeitig andere den Kopf darüber zerbrachen, was sie denn noch alles anstellen könnten, um wenigstens einen Teil der Ressourcen zu verbrauchen, die ihnen zur Verfügung standen – und den Hungerleidern fehlten. Dabei habe ich nicht einmal den von Dir so gern gezeichneten (und von mir als typisch immer noch ziemlich bezweifelten) Unternehmer im Auge, der getrieben von kreativer Lust und Ehrgeiz sich erfolgreich dem Markt stellt und fast nebenbei und aus Versehen zu einem überdurchschnittlichen Wohlstand gelangt. Solange Leistung und Risikobereitschaft ihren angemessenen (was auch immer das sein mag. Die Diskussion hierzu wäre allein einen Extrabrief wert) Lohn empfangen, will ich nicht dagegen polemisieren. Sollen diese Leute meinetwegen auch einen größeren Kuchen vom knappen Strand abbekommen.

 

Aber mit welchem Recht sitzen absolute Nichtstuer auf Yachten, die auch ohne Grünpflanzen schon mehr gekostet haben, als ganze Landstriche in hundert Jahren verdienen könnten? Warum bewohnen Leute, die nie in ihrem Leben gearbeitet haben (und wenn es wenigstens als Politiker wäre), Häuser von denen sie nicht einmal alle Zimmer kennen?

 

Dies ist für mich wirkliche Perversion. Keine Ordnung, die so etwas anerkennt, ist wirklich gerecht zu nennen und also sind diese Verhältnisse abzuschaffen, der uralte banale Traum – und die Losung – der (ehrlichen) Revolutionäre seit Menschengedenken. Da aber der Mensch offenbar nicht dafür eingerichtet ist, auf die eigene Erhebung über die Masse freiwillig zu verzichten, oder sich wenigstens auf irgendeinem Stande zu bescheiden, führte jede Revolution früher oder später zur Restauration eben dieses (ewigen?) Prinzips, oft sogar mit den selben Schmarotzern, und meist auch durchaus toleriert von den Massen, die sich in aller Regel zufrieden geben, wenn für sie am Ende wenigstens kleine Verbesserungen abfallen.

 

Solange sie nicht übermäßig d.h. ungeschickt ausgepreßt werden, wird von den Kleinen dieser Welt interessanterweise auch unverdienter (!) Reichtum meist allgemein akzeptiert und dabei mitzutun gilt als durchaus erstrebenswert für jeden, obwohl auf der Hand liegt, daß eben dies für JEDEN gar nicht möglich ist. (Ich nehme mich da keinesfalls aus und gebe unumwunden zu, daß mir der Gedanke, ohne Arbeit über einen Haufen Geld zu verfügen, ausgesprochen gut gefällt.)

 

Aber im Ernst, und dabei ein wenig unser altes Moralthema wiederaufgreifend: Jedes Gesellschaftskonzept muß sich heute daran messen lassen, ob es für 6 bis 10 Milliarden Menschen taugt. Und insofern versagt Ludwig Erhardts Soziale Marktwirtschaft genauso wie jedes (europäische) Sozialismusmodell. (Auch der gute alte Marx hat meines Wissens nicht allzuviel über Europa und die USA hinausphilosophiert.)

 

Wahrscheinlich sind in diesem Sinne taugliche Konzepte am ehesten von den großen Staaten der 3. Welt zu erwarten, da sie unmittelbar mit der Grundproblematik konfrontiert sind. Wenn es in China beispielsweise gelingt, (ohne Ausbeutung von Drittländern !) mehr als 1000 Millionen Menschen satt zu machen, zu kleiden, mit Wohnraum und Medizin zu versorgen und vielleicht sogar mit Fahrrad, Radio und TV, wäre dies (im Gegensatz zu dem überall so schwachsinnig angehimmelten american way of life) ein weltweit wirklich kopierfähiger Erfolg, der weitaus höher zu schätzen ist als alles was der Westen (für sich !) bisher zustande gebracht hat. Gar nicht zu reden, von den untauglichen Versuchen des Real Existiert Habenden, bürgerliche Pseudo-Bedürfnisse mit soziafeudalistischen (Produktions-)Verhältnissen zu befriedigen.

 

Den „Chinesischen Minimalstandard“ zu erreichen ist sicher auch unter den komplizierten Bedingungen der 3. Welt keinesfalls utopisch. Die Frage ist allerdings, ob dies ohne diktatorische Mechanismen möglich ist, inwieweit diese also akzeptiert werden könnten/müßten, wer oder was sie im Zaume hält, oder ob sich Diktatur und Diktatoren nicht irgendwann wie immer (?) verselbständigen, die „Errungenschaften“ dann wieder mal zu ihrem eigenen Vorteil und Machterhalt hintenan setzen usw. – die Katze beißt sich also in den Schwanz und ich gebe zu, daß mein Intellekt an dieser Stelle versagt. Daß aber die Menschheit um des Überlebens willen demnächst endlich aufhören muß, die Bedürfnisse der Nichtstuer zum Dreh- und Angelpunkt ihres Handelns zu machen, scheint mir unvermeidlich. Ich weiß nur nicht wie, denn der einzige vernünftige Ansatz in dieser Richtung – die radikale Vergesellschaftung der Ressourcen – ist ja weltweit erstmal in die Hosen gegangen.

 

Womit wir bei der DDR wären, die heute in einem Monat Geschichte ist: Hier haben alle mit sich zu tun und pfeifen erstmal auf die Ernährungsprobleme der Chinesen. Die politische Reizüberflutung der letzten Monate hat sogar zu einem gewissen Wiederaufleben der alten Langeweile geführt – der Nachrichtenhunger ist weitgehend abgeflaut, interessant sind höchstens noch Tarifverhandlungen von denen man selbst betroffen ist. 2+4-Gespräche, die erneute Besetzung des Stasi-Archivs, Personalgrenze für die gesamtdeutsche Armee – na und? Für den bundesdeutschen Abtreibungs-Hickhack gab es hier allenfalls ein Lächeln. Dieses Thema war ein schönes Beispiel dafür, wie gewaltig derzeit (?) die Unterschiede der Problemsensibilität zwischen Ost und West sind. (Fast) Niemand bei uns hatte Verständnis dafür, daß angesichts eines geradezu erdrückenden Berges für uns (!) ungelöster Fragen, im Westen ausgerechnet der § 218 zum Dreh- und Angelpunkt der Vereinigungsdiskussion wurde. Hier sind wie so oft wieder einmal die Interessen der Wähler der Profilierungssucht der Politiker – gegenüber den Wählern, witzigerweise – geopfert worden. Nun habe ich natürlich eine ganze Menge Verständnis für den K(r)ampf um die Wählergunst, aber andererseits war es doch beeindruckend, wie wenig man in Bonn offenbar bereit ist, um die Gunst der (11 Millionen) Wähler im Osten zu kämpfen. (Die ganze Diskussion hätte man sich ohnehin vollständig sparen können, da praktisch jeder Ostfrau mit Euren Maßstäben die Notlagenindikation zugesprochen würde.)

 

Alles in allem haben die letzten Wochen hier die politischen Ohnmachtsgefühle kräftig verstärkt und so freuen sich nun auch die letzten Hardliner auf den Zusammenschluß, damit bloß der leidige Schwebezustand der letzten Monate endlich ein Ende hat und wieder halbwegs geordnete Verhältnisse einziehen (ganz gleich, welche)! Man möge sich zum Verständnis vor Augen halten, daß wir seit fast einem Jahr „Regierungen“ haben, die entweder frisch ins Amt gesetzt waren (und also voll damit beschäftigt, Klo und Kantine in den einschlägigen Ministerien kennenzulernen – wobei die letzte Truppe noch dazu aus lauter Amateuren besteht, die zusätzlich die Sorge haben, sich schnell „repräsentativen Wohnraum“ zu besorgen), und/oder diese Regierungen genau wußten, daß sie nur noch wenige Wochen regieren können. Und unter diesen Vorzeichen sind dann in diesem Land so viele und so kurzlebige Gesetze und Verordnungen erlassen worden wie noch nie -uff, und hoch die Einheit!

 

Wichtiger als die große Politik sind für die meisten hier derzeit die hautnahen Details. 10 Wochen Marktwirtschafts-Training sind noch eine verdammt kurze Zeit, aber es zeichnen sich doch schon interessante Konturen ab. Wir konnten bei unserem Thüringen-Urlaub dazu einige Studien treiben, vor allem bei Handel und Gastronomie, aber auch in der Kulturszene. Sichtbar wurde etwa folgendes:

 

Besonders in der Provinz agieren viele noch wie vor der Wende, d.h. abwartend, ohne Eigeninitiative, in der Hoffnung auf Manna. Typisch (für diesen Teil und die letzten 40 Jahre) eine private (!) Schuhverkäuferin, die 10 Minuten vor Geschäftsschluß den Laden dicht macht mit den Worten: „Morchn is auch noch ä Daaach!“ oder eine Gaststätte, in der uns ein Zigeunersteak serviert wird, das aus 2/3 ungenießbaren Flexen besteht, das auf unsere Reklamation hin zwar anstandslos zurückgenommen wird, wo man aber außerstande ist, ein anderes zu bringen, „weil das ganze Fleisch so aussieht“. Nun wäre solches noch vor einem Jahr mit unserem alten Spielgeld in der Tasche ganz normal und also gar nicht der Erwähnung wert gewesen. Heute aber beeindruckt es wegen der krassen Ignoranz gegenüber den Veränderungen (und sogar gegenüber der doch sonst so hochverehrten D-Mark) – und eben solcher Ignoranz begegnet man bei uns noch auf Schritt und Tritt.

 

Daneben gibt es aber eine fast sichtbar wachsende Zahl von Kleinunternehmern (im Konsumbereich), die ihre Chance nutzen und sich bemühen, dem Konsumenten das Gefühl zu geben, vom Klops zum Kunden avanciert zu sein. Erste Ansätze von Promotion und Marketing zeigen sich, erste brauchbare Schritte auf sich aufmerksam zu machen. Auffällig die Allgegenwart der vielen bunten Accessoires der Marktwirtschaft. Sonnenschirme, Eisfahnen, „Zimmer frei“-Schilder, Wegweiser zu allen möglichen Imbißbuden, Gaststätten, Getränkemärkten oder Boutiquen… Bitte jetzt nicht lachen: Das „outfit“ in vielen thüringer Orten gemahnte uns in diesem August ein wenig an Ungarn (,das einzige Ostland, in dem bisher versucht worden war, die Funktion des Geldes zu erhalten und ein wenig Markt zu installieren, insofern also kein Wunder).

 

Der Prozeß, der sich hier so verbraucherfreundlich einzupegeln beginnt, ist allerdings auch mit einer Menge Heulen und Zähneklappern bei den Anbietern verbunden. Viele der (gar nicht wenigen) Selbständigen bei uns haben sich bis zum Juli eingebildet, die Marktwirtschaft brächte endlich die langersehnten freien (Wucher-)Preise – und ansonsten könnten sie so weitermachen wie bisher. Bis kurz vor dem 1. Juli haben viele Gewerbetreibende sogar gehofft, der 2:1-Umtausch würde um ihre Konten einen Bogen machen und waren ehrlich empört, als klar wurde, IHR Ministerpräsident hatte dies bei MEINEM Bundesbankpräsidenten nicht durchsetzen können. Von fürchterlicher Verarmung der Selbständigen war die Rede – und daß sie im Juli dann keine Löhne zahlen könnten. (Daß man die nicht vom Kapital sondern von den laufenden Einnahmen zahlt, hatte sich offenbar noch nicht herumgesprochen.) Unter Honecker konnte den Selbständigen wenig passieren. Gute oder schlechte Kaufleute – in der Mangelwirtschaft wurden sie alle fast zwangsläufig reich (natürlich nach Ostmaßstäben), aber selbstverständlich stöhnten sie trotzdem – oder gerade deswegen – besonders herzzerreißend unter der Last des Geldausgebens. (Wenn man ausreichend „flüssig“ ist, schmerzen das Reiseverbot und die 15 Jahre Wartezeit auf einen Wartburg natürlich besonders, das kann man verstehen.) Gerade die schlechten Kaufleute glaubten deshalb wohl am heftigsten, es könnte ihnen eigentlich nach einer Revolution nur besser gehen, und gerade sie sitzen jetzt in ihren vergammelten Kneipen oder schlechtbestückten Läden und wundern sich, wo die Kundschaft bleibt.

 

Aber sogar sie lernen, die Guten. Der Markt hat herrliche Erziehungseffekte: Die Gaststättenpreise sinken schon, Hotels haben freie (bezahlbare!) Zimmer, Taxifahrer betteln um Fahrgäste, sogar einige Handwerker kommen schon ohne Murren und – man höre und staune – in Windeseile, und die verwöhntesten (und reichsten) unter ihnen, unsere geliebten KFZ-Reparateure, fallen fast auf den Bauch vor Eifer. Da kommt Freude auf! (Zur Illustration: Im September ’88 wurde mir betreffs einer dringenden Kupplungsreparatur ein Termin für Juni ’89 zugeteilt – mit dem Bemerken, die nötigen Ersatzteile möge ich mir bis dahin selbst besorgen.)

 

Zwar ist die DDR im September ’90 sicher das Land, wo einem für die weltweit heißgeliebte D-Mark am wenigsten geboten wird (zehntausende der unseren kaufen jetzt in Polen), aber es ist doch zu erkennen, daß sich dieser Trend bald umkehren wird. Z.Zt. wandert etwa ein Drittel der Kaufkraft direkt von hier in den Westen. Das ohnehin knappe Geld (Finanzvermögen ca 1/5, Einkommen ca 1/3 des bundesdeutschen Durchschnitts) macht sich damit noch rarer und sorgt so für kundenfreundlichen Wettbewerb. Man bemüht sich um uns. Leider bemüht man sich nur um den Ossi als Konsumenten, nicht als Produzenten.

 

Der produzierende Bereich spürt nach dem Wurf ins kalte Wasser noch keinerlei Grund unter den Füßen, im Gegenteil. Von vornherein lebensfähig sind unter den neuen Bedingungen ja nur die Betriebe, die auch früher schon in der Lage waren, ohne staatliche Zuschüsse (!) ihre Produkte auf den Westmärkten abzusetzen. Aber außer der Porzellanmanufaktur Meißen ist mir in diesem Sinne keiner bekannt. Wenn unsere Firmen überhaupt irgendwelche Westexporte zustande brachten, dann in aller Regel auf der Basis einer „Devisenrentabilität“ von im Mittel (!) 0,25, d.h. für eine Ostmark Produktionskosten wurden beim Export 25 Pfennig West erlöst. Ein Durchschnittswert, wie gesagt. Exporte mit Rentabilitäten unter 0,1 waren keinesfalls selten und die allermeisten Betriebe produzierten Erzeugnisse, die man überhaupt nicht auf dem Weltmarkt absetzen konnte!

 

Allein wegen dieser Vorzeichen wäre die Situation schon kritisch genug. Fast übermenschliche Anstrengungen wären nötig, das für solches Wasser gar nicht konstruierte Schifflein einigermaßen auf Kurs zu bringen, aber: Es strengt sich k(aum)einer an! Warum?

 

Aus der westlichen Ferne mag es so aussehen, als trüge die hier inzwischen eingezogene „russische Schlamperei“ die Schuld, um so mehr als im Westen derzeit gern bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit (inzwischen sogar im Kanzleramt) betont wird, man hätte sich ja schließlich auch „alles erst selbst erarbeiten müssen“ und die Ossis sollten erstmal den typischen badisch-bayrisch-friesischen Fleiß entwickeln, statt so verdammt unverschämt zu sein und gleich einen Haufen Forderungen an die verarmten Bundeskassen zu stellen. (Vor drei Wochen meinte jemand ernsthaft zu mir, man müßte doch hier zu viert mit 2000 DM prima hinkommen, denn „im Osten ist doch das Brot so billig!“ Haha) Aber ich schweife ab.

 

Die Ursache für die Lähmung in den Betrieben ist jedenfalls eine ganz andere (und darin unterscheiden sie sich ganz erheblich von den Selbständigen, die bei allen Problemen dennoch weitgehend ihres eigenen Glückes Schmied sind): Niemand kann als Angestellter z.Zt. nämlich irgendeinen Einfluß darauf nehmen, ob er selbst, er ganz persönlich, weiter in Arbeit und Brot bleibt oder nicht. (ganz zu schweigen von solchen Utopien wie dem Einfluß auf die Höhe des Einkommens) Alles was sich in den Betrieben abspielt, passiert im Block, ohne irgendwelche Rücksichten auf die Fähigkeiten des Einzelnen. Faul oder fleißig, schlau oder dumm – hat er Glück und seine Abteilung oder gar die ganze Firma überlebt, ist erstmal alles O.K., wenn nicht – „isser Neese“, wie die Berliner sagen.

 

In einem gut eingeschwungenen Wirtschaftssystem wie dem bundesdeutschen selektieren die Firmen bei Einstellung und Rausschmiß ihre Leute individuell. Selbst wenn ein Betrieb komplett schließen muß, werden die Besten (natürlich könnte man schon allein zu den Kriterien noch eine Menge sagen, ich hoffe aber, Du genehmigst mir im Interesse der Beschränkung des Briefgewichtes noch ein wenig die Fortsetzung meiner simplen Betrachtungsweise!) als erste wieder eingestellt. Leistung lohnt sich dort also in jedem Fall. Bei uns war das nie so – und die holzschnittartigen Anfänge der Wirtschaftssanierung haben hier leider (hoffentlich: NOCH) keinerlei Veränderungen gebracht, eher im Gegenteil: Die Mitarbeiter der wegen ihres besonders anachronistischen Charakters zuerst geschlossenen Buden (z.B. auch der Stasi) hatten noch die besten Möglichkeiten, weil sie relativ zeitig, also in einer Phase noch harmloser Arbeitslosigkeit entlassen, in Firmen eintreten konnten, die relativ gute Überlebenschancen haben, gekennzeichnet dadurch, daß sie damals (im Frühjahr) noch keinen Einstellungsstop aussprechen mußten. Der ist jetzt aber längst nachgeholt, so daß nunmehr überall Gerechte wie Ungerechte vor der Tür bleiben, weil man andererseits auch in den hoffnungsvollen Betrieben jetzt ganz andere Sorgen hat, als die drinsitzenden Ungerechten zugunsten der draußenstehenden Gerechten zu feuern. Und hinzu kommt, daß es arg schwerfällt Talente zu zeigen, wenn die Firma keine Aufträge hat.

 

Das also ist die wesentliche Ursache der allgemeinen Lähmung in den Betrieben und sie wird wohl noch eine ganze Weile anhalten, zumindest bis spürbar investiert wird. Mittelfristig bin ich da optimistisch. Im Westen ist die Konjunktur durch die Veränderungen bei uns offenbar ganz gewaltig angekurbelt worden, die Arbeitslosenzahlen sinken in Richtung der Quasi-Vollbeschäftigung (das sind für mich ca 3 bis 4 %) und wenn uns nicht irgendwelche wildgewordenen Husseins teuren Ärger machen, wird irgendwann unweigerlich der Punkt kommen, an dem das Kapital (und sein Staat) die jungfernhafte Zurückhaltung aufgeben und im Osten investieren MUSS – einfach weil im Westen die Ausbeutungsobjekte alle sind, worauf wir uns hier alle freuen, hurra! Bleibt nur zu hoffen, daß bis dahin nicht zuviel auch seelisch-moralisches Porzellan zerschlagen ist. Im Gegensatz zu den Schreihälsen in unserer Politszene, die sich schon bei popeligen 300 000 Arbeitslosen gruseln (oder zumindest so tun), erwarte ich den Höhepunkt des Scherbenhaufens in den ostdeutschen Ländern erst für die Jahreswende 91/92, mit Arbeitslosenzahlen um die 1,5 Millionen, d.h. mehr als 15%. Aber dann! Oder?

 

Wegen des entscheidenden Effektes für die Investitions- (und Hilfs-) Bereitschaft ist wahrscheinlich die Gemütslage im Westen für uns jetzt viel wichtiger und also interessanter als das eigene Geplärr. Aber außer entsetzten Gesichtern, die dreistellige Milliardenbeträge murmeln, kommt hier nicht viel „‚rüber“ (ich übe mich schon immer mal im bundesdeutschen Slang, denn es gibt bei uns im KONTEXT der Wende einen stillschweigenden KONSENS, daß es alle hier UNHEIMLICH GUT finden, wenn man SPONTAN für einen Wessi gehalten wird). Ein mir entfallener aber wichtiger Mensch sagte sogar, man hätte es in der Bundesregierung bis vor kurzem nicht für möglich gehalten, daß es bei uns SOOO schlimm wäre.

 

Abgesehen davon, daß man unter diesem Aspekt die Gehälter der Ostabteilungen zurückfordern sollte, drängt sich sofort die Frage auf, ob sich „der Westen“ bisher eingebildet hat, unsere Revolution wäre nur wegen des Mangels an Omo oder dem Sexappeal des Bundeskanzlers ausgebrochen?

 

Aber im Ernst: SOOO schlimm war’s ja auch gar nicht. Es war ander(e)s schlimm. Aber wenn nicht bald etwas deutliches passiert, wird’s viel viel schlimmer. Und die Honecker-Ära hat dann gute Chancen, sich zur „guten alten Zeit“ zu verklären.

 

In der alten DDR wurde weiß Gott viel gejammert und noch mehr geschimpft. Mit Recht. Aber verglichen mit dem Sommer ’90 waren damals (für die meisten) geradezu fröhliche Zeiten. Der Jammer jedenfalls ist jetzt um 3 Zehnerpotenzen größer, geschimpft wird schon fast wie vor der „Wende“ und wenn nicht dieses absolute Gefühl der Ohnmacht wäre, würde alles sehr bald wieder in zornige Aktionen umschlagen, die in unserer neu vereinten Bundesheimat dann wirklich viel Geld kosten – wenn es überhaupt beim Geld bleibt. Insofern hat die politische Depression hier auch ihr Gutes, aber es ist nur eine Frage der Zeit, daß sich Scharfmacher aller Coleur die Verzweiflung der Leute zunutze machen.

 

Was hier und heute nottut ist in erster Linie gar nicht mal der große (und teure) Schub im Lebensstandard. Sicher, aus irgendwelchen (?) Gründen haben im vorigen Winter in Leipzig, Dresden und Berlin Millionen im Hinblick auf die Übersiedler, denen man es (mit DDR-Maßstäben betrachtet) „vorne und hinten reingesteckt“ hatte, gedacht, das würde auch so weitergehen, wenn wir ALLE kommen – mit der DDR unter dem Arm.

 

Aber solcherart Illusionen sind sowieso längst ad acta gelegt. Was jetzt wirklich dringend fehlt, ist Hoffnung, sind handfeste Konzepte, die diese Hoffnung wecken, ist ein möglichst konkreter, für jeden faßlicher Fahrplan, der dem Kurzarbeiter den Gedanken an die ins Haus stehende Arbeitslosigkeit ebenso erträglich macht, wie dem Rentner den Mietbescheid von der Hausverwaltung. Dazu braucht es keine Milliarden, sondern Zivilcourage, politische Intelligenz und ein Mikrofon. Es würde schon ungeheuer viel bewirken, wenn jemand den mehr und mehr verzweifelnden Ossis klar sagen würde, „wir werden im Oktober erstens, zweitens, drittens… im nächsten Frühjahr ist vorgesehen… wir erwarten die Talsohle dannunddann… spätestens neunzehnhundertpipapo hoffen wir…“ Macht aber keiner! Statt dessen bemühen sich alle zärtlich um die Gemüter der Wessis, machen ihnen ein bißchen Angst und versprechen gleichzeitig, daß sie sich keine Sorgen machen brauchen.

 

Die Situation gemahnt mich ein wenig an eine Szene am Weiher: Der kleine Michel prustet im Wasser und droht zu ersaufen, während der gute Onkel Helmut den großen Michel am Ufer tröstet, er möge sich nicht fürchten, Onkel Helmut paßt schon auf – daß der große Michel nicht naß wird. Bleibt nur zu hoffen, daß Onkel Helmut sich nach der Wahl noch rechtzeitig an seinen 2. Neffen erinnert, bevor der Kleine endgültig abgeht.

 

Damit meine blöden Vergleiche nicht falsch hängenbleiben, sage ich nochmal ausdrücklich: Wir brauchen hier natürlich auch Milliarden an Hilfe, aber viel nötiger sind endlich ein paar klare SACHKUNDIGE und EHRLICHE Worte zu einer (natürlich möglichst optimistischen) Perspektive. Daß (z.B.) Leuna eine Dreckschleuder ist, wissen wir selbst am besten, dazu braucht es keiner schlauen Kommissionen von Bayer und Hoechst. Viel interessanter ist die Frage wann, wielange und in welchem Umfang die Bude zugemacht wird und wann wo wieviele der 20 000 voraussichtlich wieder beschäftigt werden können. Punktum!

 

Mit diesen scharfen Tönen als Vorgeschmack auf die hoffentlich ausbleibende Verschärfung unserer Politszene schließe ich diesen Brief. Es ist der letzte, den Du aus der DDR erhältst, aus einem Land, über das man noch lange reden kann und wird, aus dem man aber in 4 Wochen nicht mehr schreibt. Die Erde möge ihm leicht werden, das Gras des Vergessens aber sollte nicht darüber wachsen – aus tausend Gründen!

 

Willkommen also in der 4. Republik, Mitbürger

 

Dein Frank

Briefe aus der Wendezeit – Teil 6

Berlin, 1. Mai 1990

 

Lieber Klaus!

 

Der erste erste Mai ohne verordnete Demo und Kampfgruppenparade. Eben sind wir mit den Kindern einmal die Linden hoch und runter – viel Kommerz, keinerlei Politik, fressen, kaufen, fressen – und den Restnachmittag nutze ich, den letzten Brief zu schreiben, der noch vor uns in Stuttgart eintreffen wird.

 

Der Deine vom 8.4. ist hier wohlbehalten eingetroffen und hat sowohl Paula als auch mich ein wenig erschüttert, vor allem wegen Deiner Aussagen zur wahren Ursache Deiner Schreibhemmung. Was sie aus uns gemacht haben, ist ja eigentlich schon schlimm genug, aber es stellt sich heraus, auch an Euch (im weitesten Sinne) haben unsere Verhältnisse offenbar mehr deformiert, als man hier bisher meinte.

 

Wahrscheinlich traf in diesem Falle auch auf Euch die alte Weisheit zu: Eine hautnahe und permanente Gefahr ist weniger schrecklich als die, von der man sich aus der Ferne nur diffuse Vorstellungen macht.

 

Mit dem Thema Stasi lebte man bei uns ganz einfach. Sie war da und gefährlich, aber gewohnt. Etwa so wie sich die afrikanischen Zebras daran gewöhnt haben, an der Tränke laufend von irgendwelchen Löwen umkreist zu werden. Ab und an wird eines gefressen, aber in den allermeisten Fällen trifft es einen selbst eben nicht, jedenfalls solange man die erforderliche Vorsicht walten läßt.

 

Im übrigen war das Thema zwar allgegenwärtig, aber doch in der Regel für die allermeisten längst nicht so belastend, wie man von außen (und im nachhinein) oft meinte. Es wurde bei uns niemand ins Loch gesteckt, wenn er am (vielleicht abgehörten – womit auch jeder rechnete) Telefon „Scheiß-Honecker“ gesagt hatte, nicht zur Wahl gegangen war, keine Fahne heraushängte oder an die Hitparade von RIAS 2 schrieb. Hier sind die Parallelen zur Überwachung und deren Folgen im 3. Reich (vor allem in Euren Medien) sehr übertrieben worden.

 

Die Stasi[1] unterschied nämlich sehr fein zwischen systemgefährdenden Aktivitäten und allgemeinem Gemecker. Alles was öffentlich oder – weit schlimmer! – organisiert opponierte, wurde hart in die Zange genommen. Wer nur im Kollegen- oder Freundeskreis so dahinschimpfte, wurde i.a. „nur“ registriert (wenn ein Kollege oder Freund „undicht“ war) und wunderte sich dann höchstens, daß er beruflich irgendwann nicht weiter vorankam, kein „Reisekader“ werden durfte, oder die Düsseldorfer Oma zum 90. Geburtstag nicht besuchen konnte. Das galt sinngemäß auch für das Auftreten innerhalb der Partei, wo laut Statut jeder Genosse das Recht hatte „frei und offen seine Meinung zu äußern, bis die Grundorganisation ihren Beschluß gefaßt hat“. Die Formulare für die Versammlungsprotokolle hatten eine Extra-Rubrik „Stimmungen und Meinungen“, so daß es des undichten Kollegen dort nicht bedurfte. Trotzdem haben gerade in den letzten Jahren immer mehr vor allem junge Leute das „Luftmachen“ einer nebulösen Karriereperspektive vorgezogen, so daß immer öfter überhaupt nur „Meckerer“ als Kandidaten für irgendeinen Posten infrage kamen.

 

Etwas anders lagen die Verhältnisse allerdings bei den sogenannten Kontaktverboten. Je nach Funktion, Arbeit, Arbeitsstelle etc. konnte man n einer bestimmten Geheimhaltungsstufe verpflichtet werden, die automatisch eine bestimmte Stufe der Kontaktbeschränkung nach sich zog. (Was sehr deutlich ausdrückt, daß man lieber irgendwelchen Formalismen als den Menschen selbst traute, aber das ist ein extra-Kapitel.)

 

Das ging vom absoluten Verbot (Einem Neger, der einen auf der Straße nach dem Weg zum Hotel fragte,  hatte man dann zu antworten: „Bitte wenden Sie sich mit ihrer Frage an die Presseabteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten“), über die Genehmigungspflicht („Nächste Woche heiratet meine Schwester. Es besteht Grund zu der Annahme, daß an der Feier auch ein Verwandter aus Wuppertal teilnehmen wird. Ich beantrage…“), und die Meldepflicht („Bei der gestrigen Hochzeit meiner Schwester traf ich auf einen Verwandten aus Wuppertal. Ich habe ihm weder die Alarmpläne der freiwilligen Feuerwehr Kleinkleckersdorf, noch die sowjetischen Raketenstellungen in meinem Garten verraten“), bis hin zur Normalität – die übrigens für die meisten galt.

 

Mit solchen Verboten waren aber keinesfalls nur Staatsdiener, Bonzen (die am wenigsten), Soldaten, Polizisten usw. belegt, sondern – beispielsweise – auch unterbezahlte zivile Ingenieure, wenn sie – beispielsweise – Geräte für die Marine entwickelten. Wer die (unterschriftlich akzeptierten) Verbote ignorierte, flog gnadenlos raus – wenn es bekannt wurde, und trotz Arbeitskräftemangel waren die weiteren Chancen dann recht mies.

 

Aber wie gesagt: Die Zebras hatten sich an ihre Löwen gewöhnt und machten längst nicht soviel Aufhebens davon wie die vom Jeep aus zusehenden Touristen, denen die bösen Katzen gar schrecklich gefährlich erschienen…

 

Jetzt sind die Zebras auf dem Weg in einen feinen Zoo, sauber getrennt von den hungrigen Löwen, mit halbwegs sicheren Futterzeiten – und müssen wohl schnell eine Menge lernen, was all die anderen glücklichen Tiere dort längst können. Wundert Euch also nicht, wenn wir eine Reihe alberner Fragen stellen (Wir haben uns sogar eine kleine Liste angelegt). Wir können inzwischen zwar ALDI von Tengelmann unterscheiden, aber vom westlichen Alltag haben wir keine Ahnung! Bereitet Euch also darauf vor, daß wir in 14 Tagen auch auf eine Art Schnellkurs für Konsumenten im Fach „West-Way-Of-Live“ hoffen. (Dein Auftritt, Judy!)

 

Leider können wir uns kaum revanchieren, denn alle unsere Ansichten habe ich inzwischen schon brieflich mitgeteilt und unsere Überlebenskünste für die freie Wildbahn des Real Existierenden Feudalsozialismus nützen nun niemandem mehr (Jedenfalls ist uns allen das zu wünschen.).

 

Ich schließe mit einer Wiederholung: Wir freuen uns auf Euch und Stuttgart und falls meine Fahrplanauszüge verschütt gegangen sein sollten: Wir kommen am Sonntag, dem 13.05. planmäßig um 8.31 früh mit dem D2852 aus Nürnberg. Bis dahin

 

Alles Gute für Euch

 

Frank

 

 

 


Stuttgart, 6.5.1990

Lieber Frank,

da Du an diesem Brief möglicherweise etwas länger zu knacken haben wirst, hoffe ich, daß es mir gelingt, ihn Dir noch vor Eurer Abfahrt nach Stuttgart zukommen zu lassen. Du könntest dann die lange Zugfahrt dazu nutzen, noch ein wenig über die unterschiedlichen Denkweisen in Ost und West zu sinnieren. Und vielleicht ist er ja auch kein schlechter Begleiter bei Deinem Weg von der einen in die andere (deutsche) Welt.

Der Brief soll die – oft genug angekündigte – Antwort auf Deinen Brief vom 15.2. sein. Freilich fällt diese anders aus, als Du vielleicht erwartet hast (ich übrigens auch). Eigentlich hatte ich die Absicht, an Hand Deines Briefes eine Höhenexpedition in die Sphäre grundsätzlicher Erwägungen zum Unterschied eines marxistisch geprägten und eines westlich liberalen Denkansatzes zu unternehmen. Zum Ausgangspunkt wollte ich Deinen – nicht ungewagten – Versuch nehmen, die jüngsten geschichtlichen Ereignisse, insbesondere die Tatsache einer „bürgerlichen“ Revolution in einem „sozialistischen“ Staat, im historischen Ablaufschema des Marxismus unterzubringen. Schon in Deinem Buchmanuskript vom 11.12.1989 hattest Du ja erkennen lassen, daß Du zur Beurteilung der neuesten Ereignisse weiterhin das historische Schema des Marxismus benutzt. Nur gingst Du (bzw. der darin zitierte Albert) davon aus, daß sich die Gesellschaft der DDR in einer viel früheren Phase dieses Modells befunden habe, als bislang gemeinhin angenommen (nämlich erst am Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft). Diesen Umqualifizierungsversuch hatte ich, wie aus meinem Brief vom 14.2.(!) ersichtlich, zunächst als Ironie aufgefasst. Nach Deinem Wandlitzer Brief vom 15.2. wurde mir jedoch klar, daß dies so ironisch nicht gemeint war. Es wirft ein interessantes Schlaglicht auf die „Lage der Nation“, wenn ein Gedanke hüben und drüben so unterschiedliche Wirkung entfalten kann. Das regte meine Entdeckungslust an und ich beschloß, zunächst einen Erkundungsflug über das Expeditonsgebiet zu machen (und der dauerte drei Monate).

Es war klar, dass ich mich zunächst einmal auf das höchst umstrittene Gebiet der Geschichtsauffassungen zu begeben hatte. Denn der oben genannte Effekt lag offensichtlich in den sehr unterschiedlichen Auffassungen darüber begründet, welche Wege in diesem nicht eben übersichtlichen Gelände ausgemacht werden können. Hier war ohne Zweifel ein erster Zwischengipfel zu besteigen. Während Du Dich dabei auf einer bequemen Autobahn (mit ein paar neuen Kurven) zu befinden schienst, mußte ich feststellen, daß der Weg angesichts meiner Weigerung, bestimmten Personen oder Theorien einen prinzipiellen Glaubwürdigkeitsvorsprung einzuräumen, über eine abschüssige Geröllhalde führen mußte, wo mir bei jedem Schritt der Boden unter den Füßen wegrutschen würde. (Das Dilemma habe ich am Schluß meines Briefes vom 8.4. angedeutet.) Meine Arbeitshypothese habe ich schließlich wie folgt gefasst (Kurzfassung aus der Vogelperspektive): Statt gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze gibt das Geschichtsmaterial nicht viel mehr her als ein Mittel, den jeweiligen gesellschaftlichen Standpunkt zu verdeutlichen. Die geschieht durch Nachzeichnen von Kausalitäten und durch den Vergleich mit anderen Geschichtsepochen.

Damit aber war nicht viel Boden zu gewinnen. Als nächstes galt es, die durch dogmatische Vorabfestlegungen bedingten Irrwege zu erkennen. Ich hatte mich also mit den generellen Gefahren deduktiver Denkansätze auseinander zu setzen und mit deren Risiko, an der „Wirklichkeit“ vorbeizuführen. (Eine vorab angefallene Frucht dieser Auseinandersetzung ist übrigens mein „tractatus theologico-economico“ = mein Brief von 22.4., der sich mit einigen konkreten Aspekten des Denkens von oben beschäftigt). Um zu verdeutlichen, wie sehr man sich durch die genannten Vorabfestlegungen in seinem Bewegungsspielraum einengt, hatte ich dann einen „kleinen“ Exkurs in die neuere Geschichte eingeplant, dessen Gedankengang – in der Luftlinie – wie folgt verläuft:

Der real existierende Sozialismus ist eine Spielart des Faschismus. Dieser (also auch der rechte) ist eine späte Reaktion auf den Rationalismus der europäischen Aufklärung (dies wird beim linken Faschismus allerdings dadurch verschleiert, daß er sich teilweise auf deren Tradition beruft und ihre Argumentationsmuster verwendet). Nachdem die Aufklärung die gewachsenen (tradtionellen) Gemeinschaftsbindungen weitgehend aufgelöst und insbesondere dem Christentum einen argen Stoß versetzt hatte, glaubte nun das Kleinbürgertum die entwurzelten Gesellschaften mit gewissermaßen synthetischen Gesellschaftsmodellen vor der Orientierungslosigkeit retten zu müssen. Das ging aus zwei Gründen schief. Zum einen stellte sich der Liberalismus als eine Art Immunschwäche der synthetischen Gesellschaftsmodelle heraus, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Zum anderen verband sich die Angst des Kleinbürgers vor der Orientierungslosigkeit auf unglückliche Weise mit seiner Neigung, soziale Probleme mit dem Holzhammer zu lösen und Ordnungsgesichtspunkte überzubetonen. So erklärt sich, daß rechter und linker Faschismus im sozialen Terror endeten, wobei sie sich, trotz erbitterter Gegnerschaft, einträchtig der gleichen Methoden bedienten. Die Faschismen sind also in gewissem Sinne eine Revolution des Kleinbürgertums gegen das Bürgertum (soweit es Träger der Aufklärung ist). Es ist der von Anfang an untaugliche Versuch, eine verlorene soziale Unschuld wiederherzustellen.

Hinsichtlich der Chronologie komme ich damit zu einem ganz anderen Ergebnis als Dein Modell. Nach meiner Interpretation ist der real-existierende Sozialismus eine Folge gewisser Erscheinungen der „bürgerlichen“ Gesellschaft (wenn man so will der französischen Revolution) und nicht die Vorstufe davon. Damit erspare ich mir einige Winkelzüge (um nicht zu sagen Klimmzüge), die Du zur Rettung des marxistischen Modells veranstalten mußtest. Außerdem wird man so besser mit der Tatsache fertig, daß „bürgerliche“ Gesellschaften vor und neben dem Sozialismus existierten.

Nachdem sich anhand dieser Überlegungen verdeutlicht hatte, daß der Sozialismus eine Art Romantik des kleinen Mannes gewesen ist, sollte der nächste Schritt sein, wsein geistesgeschichtliches Urgestein zu erforschen. Es war klar, daß man hierbei bald in den Untiefen der Romantik und also im 19.Jahrhundert und bei den diversen Fortschritts- und Entwicklungstheorien von Hegel über Comte, Spencer, Marx und Darwin landen würde. Hier war auf zwei Gesteinsadern zu achten, die sich auf unselige Weise miteinander verbanden: nämlich die mechanistische Wissenschaftsvorstellung und der (damals geborene) Glaube an eherne Geschichtsgesetze (daraus resultierend die Überzeugung, Prognosen über die Entwicklung der Gesellschaft machen zu können).

Diesem kausalistisch-deterministischen Sozialbild, das dem mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts entstammt, entspricht die Vorstellung, eine Gesellschaft über einen Plan steuern zu können. Der Plan wird hierbei als ein alle Bedürfnisse kennendes und alles nach allen Seiten „gerecht“ verteilendes Instrument verstanden, eine allmächtige, alles umfassende und alleswissende, somit herrgottähnliche Sozialmaschine, die nur richtig konstruiert und eingestellt werden müsse, um einen reibungslosen Gesellschaftsverlauf zu garantieren. Dieser mechanistischen Vorstellung von der Gesellschaft sollte nun in Anlehnung an die Erkenntnisse der modernen Physik ein Modell der Gesellschaft entgegengestellt werden, das von einer mehr oder weniger chaotischen Mischung der Motive der Individuen und deren Gruppierungen ausgeht. Man könnte es als quantentheoretisches Gesellschaftsmodell bezeichnen. Ein solches Modell muß auf den Versuch einer Feinsteuerung der gesellschaftlichen Prozesse verzichten, weil es eine solche seiner Voraussetzung nach nicht für möglich hält. Es würde sich darauf beschränken, durch institutionelle Mechanismen Kraftfelder gesellschaftlicher Beziehungen aufzubauen, um nach dem Trial-and-error-Prinzip zu prüfen, ob die gewünschten Wirkungen damit erzeugt werden. Man erhält auf diese Weise gesellschaftliche Resultanten vergleichbar mit Vektoren. Diese haben zwar eine eindeutige Richtung, können aber aus ganz disparaten Kräften zusammengesetzt sein. Man kann das Modelll auch als black box sehen. Man weiß, daß die Veränderung des Inputs den Output beinflußt. Welche Prozesse dabei im Innnern der Box, also zwischen den Individuen vonstatten gehen, wissen wir nur sehr ungenau. Man kann nur davon ausgehen, daß es in der Box ziemlich sprunghaft und widersprüchlich zugeht. Deshalb macht es auch gar keinen Sinn, diese Prozesse – etwa durch ein umfassendes Überwachungssystem à la Stasi – in den Griff bekommen zu wollen.

Dieser Ansatz steuert, wie Du bereits bemerkt haben wirst, pfeilgrade auf Wege zu, die Dir bereits bekannt sein dürften. In der Tat drängte es mich dazu, meine induktive Moraltheorie zu einer allgemeinen induktiven Gesellschaftstheorie zu erweitern. Mit diesen kühnen Schritten wäre dann meine Expedition endgültig in die Region ewigen Eises vorgedrungen. Spätestens jetzt wird Dir auch klar, daß ich mir damit viel zu viel vorgenommen habe. Und so begann ich, statt an die Durchführung der Expedition zu denken, darüber zu spekulieren, wie ich aus diesem Gedankengebirge unbeschadet wieder herauskomme. Einen Ausweg wiesen mir schließlich die Reiseführer, die ich inzwischen hier und da zur Überprüfung meines geplanten Weges herangezogen hatte. Ich stellte fest, daß eine Menge kluger Leute schon eine Menge ähnlicher Gedanken zu Papier gebracht habetn. Und so habe ich mich entschlossen, auf eine nochmalige Lösung der Welträtsel zu verzichten und die Versprechungen, die ich Dir gegebenüber abgeben habe, mit diesem Brief über einen nicht geschriebenen Brief einzulösen.

Doch sollst Du nicht ungetröstet davon kommen. Ich übersende Dir hiermit zwei Aufsätze von Karl Popper, einem meiner Reiseführer, auf den ich bei Gelegenheit der Expeditionsvorbereitungen wieder gestoßen bin (das letzte Mal las ich sie vor ca. 20 Jahren). Ich vermute, daß die alten Herren bei Euch nichts unversucht gelassen haben, um zu verhindern, daß diese geistige Konterbande Euer Land erreicht, weswegen Dir dieser Autor vermutlich noch nicht näher bekannt ist. Kein Wunder, denn Popper ist einer der kompromislosesten (und klarsten!) Aufklärer und damit einer der gefährlichsten Feinde der marxistischen Doktrin. Man hätte sich einiges an kostspieligen Erfahrungen sparen können, wenn man ihn vor Beginn der sozialistischen Experimente ernsthaft gelesen hätte. Insbesondere sein Aufsatz „Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften“ aus dem Jahre 1949 (!) enthält einige erstaunlich hellsichtige Voraussagen, die sich leider verwirklicht haben. Leider hat er auch damit Recht gehabt, daß die Ideen der Philosophen erst mit einem time-lag wirksam werden (S.124). Als starken Tobak wirst Du vermutlich seine Worte über das historische Ablaufschema des Marxismus im Aufsatz „Was ist Dialektik“ empfinden, wo er sich auch mit „Deinem“ Umqualifizierungsproblem befasst (S.285).

Nun wirst Du Dich nach einer solchen Expedition (besser eines Entwurfs dazu) möglicherweise nicht sehr befriedigt fühlen. Aber genau das ist typisch für die Seelenlage in unseren westlichen Gesellschaften. Es liegt auf der Hand, daß diese Lebensform weder besonders einfach ist noch Glück garantiert. Vielleicht raffe ich mich später einmal zu einer weiteren Expedition auf, die sich mit den Fährnissen einer „freiheitlichen“ Gesellschaft befasst. Dagegen dürfte die eben angedeutete Expedition ein Kinderspiel sein. Denn das habt ihr jetzt auch erlebt: Es ist relativ leicht, gegen etwas zu sein. Die Formulierung eines Zieles ist denn auch die größte Schwierigkeit in unseren freien Gesellschaften.

7.5.90

Heute kam Dein Brief vom 1.Mai. Unsere unterschiedliche Einschätzung des Phänomens Stasi zeigt, wie weit sich unsere Gesellschaften auseinander entwickelt haben. Die Vorstellung eines Mithörers, Mitwissers und unberechenbar Zuschlagenden ist hier absolut unerträglich, auch wenn alles nicht so gefährlich gewesen sein sollte, wie es hier gelegentlich dargestellt wurde. Die staatliche Tätigkeit ist hier von allen Seiten durch Schutzrechte des Bürgers eingeschränkt (wozu diverse „Geheimnisse“ gehören, die die staatlichen Behörden sogar untereinander einhalten müssen. Polizei und Staatsanwaltschaften kommen z.B. an manche in Verwaltungsbehörden vorhandene Informationen nicht heran). Was sich hier, vor allem in den letzten 20 Jahren, entwickelt hat, ist tatsächlich ein ganz neuer Gesellschaftstypus. Und deswegen stehen wir fassungslos vor der Tatsache, daß bei Euch die Zeit ganz einfach stillgestanden ist. Dein Bild von der freien Wildbahn ist ganz passend. Hier ist in der Zwischenzeit eine weitgehende Domestizierung eingetreten und die Vorstellung von der freien Wildbahn ist uns so fremd geworden, wie dem schwäbischen Hausrind der „Gedanke“ an ein Wasserloch in der afrikanischen Steppe.

Wir hatten gestern eine lange Diskussion mit einem polnischen Ehepaar, die sich mit einer anderen Facette des gleichen Themas beschäftige. Aus unserer Sicht ist die offensichtlich ernsthafte Angst der Polen vor dem vereinten Deutschland nicht recht verständlich. Auch hierfür dürfte der soziale Stillstand in den sozialistischen Ländern verantwortlich sein. Die Polen sehen uns ganz offensichtlich noch mit den Augen von vor 50 Jahren. Sie haben den ungeheuren Abstand unserer heutigen (west-)deutschen Gesellschaft von damals nicht zur Kenntnis genommen und zwar aus zwei Gründen. Zum einen, weil sie sich selbst nicht entwickelt haben und daher glauben, die Welt um sie müsse ebenfalls stillgestanden haben. Zum anderen, weil sie von den Deutschen in erster Linie den Teil gesehen haben, der sich auch nicht entwickelt hat. Und dann haben sie noch das Problem, daß sie Regierungen nichts glauben (was natürlich auch auf ihren eigenen Erfahrungen beruht). Und so tun sie, als hätte unsere Regierung nicht schon 1970 klargestellt, daß Polens Westgrenze nicht angezweifelt wird.

In die gleiche Richtung geht, was wir zur Zeit an Ängsten und Verdächtigungen aus Richtung DDR hören. Das ist alles die Terminologie der Wildbahn, die uns in so kruder Form hier nicht bekannt ist. (Daß hier der „Kampf ums Dasein“ ebenfalls geführt wird, will ich natürlich nicht bestreiten – aber er hat sublimere Formen angenommen und ist weniger existentieller Natur.)

8.5.

Da der Brief noch immer nicht weg ist, will ich noch kurz zu der heutigen Meldung etwas sagen, wonach man bei Euch jetzt die 38-Stundenwoche und hohe Lohnaufschläge (50%!) fordert. Ich kenne die genauen Hintergründe dieser Forderungen nicht. Aber es scheint, daß hier bereits das Onkel- Syndrom wirksam wird. Einige Leute wollen offenbar das Pferd vom Schwanz aufzäumen und erst einmal die Vorteile einer gesunden Wirtschaft genießen und sie erst dann schaffen. All dies kann nur gefordert werden, wenn man den Onkel im Hintergrund weiß. Und der hat jetzt sogar noch das Pech, in der Rolle des Bösen Buben zu erscheinen. Ich fürchte, das sind die Folgen eines allzu schnellen Zusammenschlusses. Man hätte der DDR erst einmal Zeit zur Ordnung ihrer Verhältnisse und zu einer Angleichung der Systeme geben müssen. Dadurch hätte man den bevorstehenden Übergangsschock vermeiden und mehr Problembewußtsein heranwachsen lassen können.

So und jetzt geht der Brief ab – wahrscheinlich zu spät.

Gruß Klaus

PS Kürzlich bekam ich dienstliche Post von der Dewag – ein erster Erfolg eines ostdeutschen Unternehmens auf dem westdeutschen Markt!


Berlin, 19.05.90

 

Lieber Klaus!

 

Es ist erst wenige Tage her, seit wir uns voneinander verabschiedet haben. Die vielen Eindrücke setzen sich langsam und ich empfinde fast schmerzlich, dass wir vor lauter Fragen, Staunen und Schauen viel zu wenig Zeit hatten, unseren brieflichen Dialog in der eigentlich besten möglichen Form – vis a vis – fortzusetzen. Zu Hause fand ich dann Deinen Brief vom 6.5. mit den Popper-Kopien, und mir wurde klar, dass allein für diese Problematik die paar Tage ohnehin nicht ausgereicht hätten.

 

Ich setze mich also hin und erkläre hiermit den scharfen Start der Philosophie-Diskussion (Die paar statements, die ich bisher dazu abgegeben habe, waren weniger als Vorgeplänkel, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich mit meinem engen Ost-Horizont bis vor kurzem gar nicht auf den Gedanken gekommen bin, jemand könnte ernstlich z.B. die Dialektik in Zweifel ziehen usw.). Ich tue dies wiederum brieflich, obwohl ich hoffen kann, Dich bereits in 8 Tagen wiederzusehen. Aber ich denke, ich werde bis dahin mit diesem „Werk“ noch nicht zu Ende gekommen sein und vielleicht ist es auch gut so, wenn es Dich erst nach Deinem Urlaub – ausgeruht und hoffentlich voller neuer Eindrücke von den Resten des Real Existierenden usw. – erwartet.

 

Ich erlaube mir dabei, die von Dir (böserweise) postulierte „bequeme Autobahn“ weiter zu benutzen und Dich ohne schlechtes Gewissen auf Deiner „abschüssigen Geröllhalde“ sitzen zu lassen und gebe diesbezüglich unumwunden zu, dass ich nach wie vor tatsächlich Marx und seinem dialektischen und historischen Materialismus einen „Glaubwürdigkeitsvorsprung“ einräume. (Warum sollte ich nicht, solange ich dabei gut vorankomme.)

 

An dieser Stelle ist aber eines unbedingt, nachdrücklich und mit der gebotenen Schärfe „klarzustellen“ (ein beliebtes Wort unserer Hundertfünfzigprozentigen, das in diesem Falle natürlich und tatsächlich Ironie sein soll): Die philosophisch-politische Grundgemeinheit unserer Epoche besteht m.E. offenbar darin, dass Stalinisten, Kapitalisten, Faschisten, Idealisten, Monarchisten und wer weiss nicht noch alles – und selbstverständlich auch Klaus H. und Karl Popper – ohne mit der Wimper zu zucken, dem Real Existierenden Sozial(feudal)ismus die Ehre angetan haben, ihn quasi a priori als die Realisierung des Marxismus anzusehen. Die Lehre des armen Marx, der sich auf dem Highgate-Friedhof in London schon lange nicht mehr wehren kann, hat dadurch fast zwangsläufig wesentliche Wunden davontragen müssen.

 

Auch wenn Du mir an dieser Stelle sicher noch keinesfalls zustimmst, möchte ich Deine geschätzte Aufmerksamkeit dabei zunächst einmal vor allem darauf lenken, dass hier eine zumindest sehr bemerkenswerte und im übrigen fast einmalige Einigkeit von ansonsten spinnefeinden Gruppierungen zu verzeichnen ist. Mir jedenfalls ist es immer hochverdächtig gewesen, wenn irgendwo solche Art Einheit auftrat. Die Motive sind dabei nur auf den ersten Blick unterschiedlich. Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich sehr rasch heraus, dass sowohl die Verfechter der bürgerlichen Demokratie als auch die realsozialistischen Bonzen nichts so sehr zu fürchten hatten /?/ wie einen wirklich funktionierenden Sozialismus (Ich will Dir dabei entgegenkommen, und nicht diskutieren, ob und wann der denn überhaupt in den Bereich des Möglichen gekommen wäre. Gar zu utopisch kann er aber nicht gewesen /?/ sein, sonst hätten sie alle ihn nicht so verbissen bekämpfen müssen.)

 

Die Tatsache, dass im Namen des Marxismus so ungeheuer viel Murksismus veranstaltet wurde, kann Marx jedenfalls nicht angelastet werden, genausowenig wie Jesus für die Inquisition verantwortlich zu machen ist. In gewisser Weise gibt dies mittelbar sogar Popper zu, der in „Was ist Dialektik?“ auf Seite 286 Deiner Kopie schreibt: „Marx und Engels haben fest darauf bestanden, dass die Wissenschaft nicht als… ‚ewige Wahrheit‘ interpretiert werden dürfe… Wissenschaftliche Systeme entwickeln sich, und sie entwickeln sich – nach Marx – dialektisch. Gegen diesen Punkt lässt sich nur wenig einwenden…“ Da hat er recht, der Herr Popper, aber er bleibt sich als Antimarxist natürlich treu und fügt hinterlistig hinzu, „… dass Marx‘ fortschrittliche und antidogmatische Ansicht von der Wissenschaft von orthodoxen Marxisten… niemals angewandt worden ist.“

 

Ja wie denn? Was sollen das denn für Marxisten sein, die Marx‘ Ansicht von der Wissenschaft nicht teilen? Wir haben hier ein sehr schönes Beispiel vom Primat des Seins, auf das Marx solchen Wert legte: Egal als was sich unsere oder andere sogenannten Gesellschaftswissenschaftler ausgaben, oder wie auch immer sie von Leuten wie Popper angesehen wurden – allein schon ihre dogmatisch-scholastische Arbeitsweise machte es ihnen unmöglich, Marxisten zu sein.

 

Überhaupt Popper, einer aus der „Menge kluger Leute“, einer Deiner „Reiseführer“ bei philosophischen Expeditionen: Aus den beiden Kopien, die Du mir übersandt hast, habe ich zwar ersehen können, wogegen er sich ausspricht – vor allem gegen Marx natürlich, gegen die Dialektik usw – aber wofür er steht, was er denn wirklich dagegenzusetzen hätte, das ist mir an diesen Ausschnitten nicht so recht transparent geworden.

 

Sicher, seine „trial-and-error-Methode“ scheint ein zweifellos konstruktiver Teil des Popper´ schen Denkgebäudes, nur ist diese Methode erstens uralt und bildet zweitens den absolut untersten level jeglicher wissenschaftlichen wissenschaftlicher Methodik, ja man kann sogar sagen, einen wissenschaftlichen Anspruch kann sie überhaupt nur dann erheben, wenn sie erstens aus einer Schar möglicher Methoden bewusst ausgewählt wurde und zweitens die theoretische (!) Modellierung eines Systems benutzt. (Hier ergeben sich gerade in jüngster Zeit durch die rasante Entwicklung der Rechentechnik und ihre Fähigkeit, in Windeseile Millionen von Varianten durchzuprobieren, ungeheure Möglichkeiten für diese Methode. Voraussetzung ist aber ein ausreichend exaktes mathematisches Modell des zu untersuchenden Systems, das selbst natürlich auch nach dieser Methode optimiert werden kann usw.)

 

Trial-and-error aber einfach, sofort und unmittelbar in der Praxis angewandt, um, wie Popper sagt „das Überleben der tauglichsten Theorie“ durch „ausreichend harte“ Tests zu sichern, ist die Methode, nach der sich Regenwürmer in einem Labyrinth bewegen. In der Wissenschaft ist sie, gelinde gesagt, primitiv und in den Gesellschaftswissenschaften kann sie sogar tödlich sein – nach dieser Methode hat Günter Mittag bei uns jahrelang die Wirtschaft verschlimmbessert. „Genügend zahlreiche“ (was ist das?) Theorien aufzustellen und sich dann quasi überraschen zu lassen, mag vielleicht den Broterwerb mittelmässiger Philosophen sicherzustellen, bringt aber keinerlei brauchbare Entscheidungshilfen für die Praxis. Das ist irgendwie offenbar auch Popper klar und so geht er noch einen Schritt weiter (zurück) und behauptet, es könne gar nicht das Anliegen der Sozialwissenschaften (und damit sein eigenes) sein, Entscheidungshilfen für die Gegenwart oder gar die Zukunft zu geben. Leute, die so etwas versuchten, betrieben Prophetie und seien also miese „Historizisten“, basta. („Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften“ S.113 in Deiner Kopie)

 

Was dann folgt, ist eine uralte Methode der Polemik – er polemisiert einfach gegen eine Unterstellung. Auf Seite 115 schreibt er: „Die zentrale Idee… des Marxismus scheint (!, ganz unvorsichtig ist er doch nicht) folgende zu sein: Es ist eine Tatsache, dass wir Sonnenfinsternisse (ein Beispiel, das ihm so gut gefällt, dass er es noch öfter mit Genuss anführt) mit grosser Genauigkeit (!, hierauf legt er besonderen Wert, und weiter unten wird klar, warum) und auf lange Zeit voraussagen können. Weshalb sollten wir nicht imstande sein, Revolutionen vorauszusagen? Hätte ein Sozialwissenschaftler im Jahre 1780 nur halb so viel von der Gesellschaft verstanden wie die alten babylonischen Astrologen von der Astronomie, so hätte er die Französische Revolution voraussagen können…“

 

Und da hat der Mann recht! Nur meint Popper eben – und deshalb legt er so gewaltigen Wert auf den passus von der „grossen Genauigkeit“ – dieser Sozialwissenschaftler hätte die Französische Revolution exakt für das Jahr 1789 voraussagen müssen, und das ist natürlich Quatsch, niemand weiss das besser als Popper. Aber ist dadurch die Französische (und alle weiteren bürgerlichen) Revolution(en) weniger gesetzmässig? Wäre es denkbar gewesen, dass die gesellschaftliche Entwicklung in Frankreich vor 200 Jahren – vielleicht nach der trial-and-error-Methode – den Feudalabsolutismus erst einmal durch einen Neuaufguss der Sklavenhalterordnung ersetzt hätte, diese nach einem ebenso untauglichen kommunistischen Intermezzo durch die Restauration des Feudalabsolutismus und alles zusammen dann – meinetwegen im Jahre 1810 – durch die urgesellschaftliche Barbarei und die Wiedereinführung des Matriarchats?

 

Aber halt, die Barbarei hat Popper ausschliesslich als Ergebnis einer Sozialistischen Revolution reserviert, wobei er eine Erläuterung schuldig bleibt, warum sie nicht schon zu Cromwells Zeiten oder 1789 ausgebrochen ist, denn er schreibt (auf Seite 122) sehr absolut: „Wenn man aber beginnt, die Gesellschaft zu revolutionieren und ihre Traditionen auszurotten (!, Diesen leicht zu widerlegenden Unsinn kann bzw. muss er als Antidialektiker natürlich behaupten, wenn er sich treu bleiben will. Aber gerade das dialektische Prinzip von der Negation der Negation erklärt ja sehr schön, weshalb nach einem Umschlag von quantitativer Evolution in eine neue Qualität – gegebenenfalls revolutionär – eben nicht einfach eine tabula rasa geschaffen wird, sondern das Erhaltenswerte erhalten bleibt.), so kann man diesen Prozess nicht beliebig zum Stillstand bringen.“ Das ist zweifellos richtig, aber natürlich auch sehr banal. Weiter unten aber kommt’s: Nachdem er die unsinnige These von der ausgerotteten Tradition aufgestellt hat, ist es ein Kinderspiel zu behaupten, dass „bei der Zerstörung der Tradition auch die Zivilisation untergeht,“ und „die Menschheit auf das Niveau von Adam und Eva zurückfällt“ Auweia. Aber er gibt noch eins drauf. Die (sozialistische) Revolution endet nämlich damit, dass „…die Menschen wieder zu Tieren geworden sind“ Mähhhh!

 

So schlimm kann es denen ergehen, die am non plus ultra menschlicher Entwicklung rütteln, und das ist – nach Popper – selbstverständlich und immer wieder (!) die „kapitalistische Periode“, die die blöden Marxisten – dann auch immer wieder, man beachte die hier geradezu marxistische Geschichtsbetrachtung Poppers – „zu einer gründlichen Revolution veranlasst, auf die ein weiterer Rückfall zum Tier folgt – und so weiter ohne Unterlass“.

 

Es sollte eigentlich überflüssig sein, aber ich stelle an dieser Stelle zur Abrundung dennoch die Frage: Wenn der Real Existierende Sozialismus, als Ergebnis einer sozialistischen Revolution entstand und tatsächlich Sozialismus im Marxschen Sinne ist (was ich beides leugne, Popper aber unterstellt), wo bitteschön sind dann seit 70 Jahren die Tiere oder wenigstens Adam und Eva?

 

Übrigens geht Popper auch an anderen Stellen gern mit dem Mittel der Unterstellung zur Sache. Auf der schon erwähnten Seite 115 stellt er quasi aus dem Handgelenk heraus die Behauptung auf, dass der „Historizismus“, in den er auch den Marxismus einordnet, von der Vorstellung ausginge, „dass der Menschheitsgeschichte ein Plan zugrunde liegt…“. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man leicht geneigt sein, den von Popper verwendeten Begriff „Plan“ und die von den Marxisten so arg strapazierte „Gesetzmässigkeit“ als Synomyme zu betrachten, aber das eben sind sie gerade nicht! „Plan“ unterstellt einen höheren Willen – oder wie Marx sagen würde: das Primat des Bewusstseins – und führt damit schnurstracks zum Idealismus, den man Marx als Erz-Materialisten nun wohl doch nicht so einfach unterstellen kann. „Gesetzmässigkeit“ begnügt sich dagegen mit dem Vorhandensein eines irgendwie determinierten Weltprinzips und setzt dabei nicht einmal voraus, dass wir dieses (immer und überall) schon (genau) kennen, gar nicht zu reden davon, dass die Marxisten hier selbstverständlich niemals den (sehr undialektischen!) mechanischen Determinismus im Auge haben.

 

Popper aber baut auf der besagten Unterstellung im Kern seinen gesamten Artikel auf. Nachdem er die These von dem angeblich einen Plan der Menschheitsgeschichte postulierenden Marxismus der verehrten Leserschaft gleich am Anfang untergejubelt hat, sich unterwegs noch ein wenig über die fundamentalen Unterschiede zwischen Sonnenfinsternissen und (ausgerechnet !) biologischen Systemen einerseits (!, S.117) und der Menschheitsgeschichte andererseits auslässt, holt er am Schluss seines Artikels zum alles vernichtenden Schlag aus und folgert ebenso messerscharf wie falsch, dass „Hegel (ein Idealist!) und Marx… „die Gottheit Natur wiederum durch die Gottheit Geschichte“ ersetzen.

 

Wie man leicht sieht: Ich halte nichts von Popper! Was mich wundert ist, dass ein so grosser Verehrer der Französischen Revolution wie Du, auf einen Mann hört, der ausdrücklich davon überzeugt (!) ist, dass „humanitäre Ziele… mit revolutionären Methoden nicht erreicht werden können… dass revolutionäre Methoden die Dinge nur verschlimmern können – dass sie unnötiges Leid vermehren, dass sie zu mehr Gewalt führen werden und die Freiheit zerstören müssen“ (S.121f).

 

Wenn es nach Popper gegangen wäre, würden wir gerade heute die Eröffnung des XII. SED-Parteitag über uns ergehen lassen, um unsere Freiheit nicht zu zerstören.

 

Aber vielleicht meint er mit Revolution gar nicht „Umwälzung“, sondern nur marxistischen Totschlag. Das wurde dann zwar erklären, weshalb er eine unblutige (um nicht friedliche zu sagen) Revolution gar nicht in Betracht zieht, wirft aber ein eigenartiges Licht auf seinen Horizont. Offenbar geht es ihm ausschliesslich um den reinen Antimarxismus. Er ist zufrieden, wenn seine Argumente dort irgendwie kleben bleiben. Sie nach der von ihm so verehrten trial-and-error-Methode „hart zu testen“ – und zwar nicht nur am Marxismus und den letzten 100 Jahren – kommt ihm nicht in den Sinn. Insofern gehören für mich seine Grundthesen in die „Ausscheidung der weniger tauglichen“ (Was ist Dialektik, S.263).

 

Ich will Dir aber die Freude machen und Popper auch an einer Stelle zustimmen – allerdings mit Einschränkungen, worauf ich gleich zurückkomme – und zwar bei seinen Ausführungen zur „Konspirationstheorie“ (Prognose. S.119f). Es gab und gibt (!) bei uns einen Haufen Leute, die tatsächlich „die einzige Erklärung dafür, dass es ihnen nicht gelingt (bzw. gelang) den (sozialistischen) Himmel zu schaffen, (in der) Bosheit des (kapitalistischen) Teufels“ sehen. Nur ist nicht ganz klar (oder vielleicht doch?) weshalb durch diese „vulgärmarxistische (!) Konspirationstheorie“, resultierend aus dem „Fallenlassen“ (!) einer Ansicht von Marx, der arme Kerl seinen „Niedergang zu Göbbels“ in Kauf nehmen muss.

 

Ich meine, jeder Philosoph hat das Recht, nach seiner (!) Philosophie beurteilt zu werden und es ist nicht einzusehen, weshalb er für eine Politik verantwortlich gemacht werden soll, die so ziemlich gegen alle seine philosophischen Lehren verstösst, nur weil sie in seinem Namen (durch Dritte falsch) gemacht wird. Was würde wohl Popper sagen, wenn „vulgärpoppersche“ Politiker unter Berufung auf seine Thesen eine blutige Revolution nach der anderen inszenierten, und dazu erklärten, dies wäre die alleinseligmachende Variante von „trial-and-error“ und die effektivste Methode, „die dringlichsten und naheliegendsten sozialen Misstände… hier und jetzt zu bekämpfen“, zumal es auf die paar Wirren nicht so ankommt, da wir ja mit dem Elend ohnehin „noch lange werden leben müssen“ ? (S.124 /Ich gebe gern zu, dass der Rest hier von mir ziemlich böse polemisiert ist)

 

Apropos blutige Revolution. Ich möchte, anstelle dem modernen Trend zu folgen und hauptsächlich in der Sekundärliteratur herumzublättern, hierzu im weiteren einen „echten“ Marxisten zu Wort kommen lassen, nämlich Engels. Er vertrat in dem Klassiker-Duo eher die Seite der praktischen Politik als Marx (,der schier permanent an seinem Hauptwerk „Das Kapital“ schrieb, das ja vor allem eine Analyse der bürgerlichen Produktions- und Gesellschaftsmechanismen ist) und hat sich daher intensiver auch mit Fragen der Revolutionstheorie befasst. Engels schreibt – nicht etwa in einem vorsichtigen Spätwerk, sondern bereits 1847 – in der Arbeit „Grundsätze des Kommunismus“, die als Frage-Antwort-Spiel aufgebaut ist:

 

„16. Frage: Wird die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sein?

 

Antwort: Es wäre zu wünschen, dass dies geschehen könnte, und die Kommunisten wären gewiss die letzten, die sich dagegen auflehnen würden. Die Kommunisten wissen sehr gut, dass alle Verschwörungen nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich sind.“ Er befürchtet aber, dass durch die Unterdrückung das „Proletariat zuletzt in eine Revolution hineingejagt“ werden könnte und räumt dem eine hohe Wahrscheinlichkeit ein. Auf die

 

„18. Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?

 

Antwort: Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen. Direkt in England, wo die Proletarier schon die Majorität des Volkes ausmachen (!)…“ Anstelle Bahnhöfe und Telegrafenämter in bolschewistischer Manier durch „Berufsrevolutionäre“ zu besetzen, wollte Engels:

 

„1. Beschränkung des Privateigentums durch Progressivsteuern…

 

2. Allmähliche Expropriation… teils durch Konkurrenz der Staatsindustrie, teils direkt gegen Entschädigung (!)…

 

7. Vermehrung der Nationalfabriken… in dem selben Verhältnis, in welchem sich die der Nation zur Verfügung stehenden Kapitalien und Arbeiter vermehren.“

 

Zu dem letzten Punkt schreibt Engels nochmals 30 Jahre später im „Anti-Dühring“ (3. Abschnitt, II): „Das (kapitalistische) Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht die Lösung des Konflikts (zwischen gesamtgesellschaftlicher Produktion und privatkapitalistischer Aneignung), aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe der Lösung. Diese Lösung kann nur darin liegen… dass die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder anderen Leitung ausser der ihrigen entwachsenen Produktivkräften“.

 

Ich möchte an dieser Stelle keine weitschweifige Diskussion über die Rolle gewaltsamer Revolutionen in der marxistischen Philosophie anzetteln, dies allein wäre ein abendfüllendes Programm. Tatsache ist aber, dass der Begriff Revolution von Marx und Engels zwar stets im Sinne grundlegender Umwälzungen gebraucht wurde, es aber schwer sein dürfte, nachzuweisen, dass sie darunter zwingend physische Gewalt verstanden haben. Allein die These von der „Weltrevolution“ spricht dagegen, es sei denn, man unterstellt ihnen, sie wären solche Phantasten gewesen, ernsthaft an die Durchführbarkeit eines kontinenteumfassenden „letzten Gefechtes“ zu glauben.

 

Einen Vorwurf muss man ihnen jedoch ganz sicher machen: Sie haben – wahrscheinlich aufgrund des uralten Philosophen-Fehlers, die eigene Epoche zu überschätzen – die Potenzen und Entwicklungsfähigkeiten der bürgerlichen Gesellschaftsordnung gewaltig unterschätzt!

 

Wahrscheinlich haben sie selbst und die von ihnen massgeblich mit angeschobene organisierte Arbeiterbewegung unfreiwillig sogar recht erheblich zur Flexibilität des Kapitalismus beigetragen, der in den letzten 100 Jahren ungeheür ungeheuer viel gelernt hat, und in den allermeisten Fällen ein ausgezeichnetes Gespür dafür entwickelt, wann und wieviel man zweckmässigerweise vom grossen Profitkuchen abgeben sollte. Auch die Verwischung des Proletarierstatus und die Verquickung von privatkapitalistischen und staatskapitalistischen Strukturen sind sehr imponierend. (Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich habe hier keinesfalls einen heimlichen Aufguss der Konspirationstheorie im Sinn, sondern meine, dass diese Entwicklung durchaus objektiv und getreu dem dialektischen – ich kann es einfach nicht lassen – Prinzip von der Evolution durch „Einheit und Kampf der Gegensätze“ erfolgt.)

 

Nichts desto trotz gibt es für mich jedoch keinen Grund daran zu zweifeln, dass sich die gesellschaftliche Entwicklung gesetzmässig vollzieht. Inwieweit wir in der Lage sind, diese Gesetze voll (!) zu erkennen und vielleicht gar zu nutzen, steht auf einem ganz anderen Blatt und auf einem weiteren das Problem, „die Gesellschaft über einen Plan steürn steuern zu können“

 

Für Dich sind die Popperschen (mit Unterstellungen gewürzten) Argumentketten offenbar von grosser Überzeugungskraft gewesen, denn auch Du schreibst ja in Deinem Brief vom Plan als der „herrgottähnlichen Sozialmaschine“. Eine solche Rolle kann ein Plan natürlich niemals spielen und ich habe als erklärter Marxist deshalb auch überhaupt keine Probleme, Dir insofern recht zu geben, als selbstverständlich die Motive der Individuen ein mehr oder weniger „chaotisches Durcheinander“ bilden und damit jeder Versuch einer „Fein(!)steuerung“ der Gesellschaft absurd ist. Aber mit dem von Dir interessanterweise eingeräumten „Vektor“ dieses Motivchaos verhält es sich doch wohl ein wenig anders, oder? Die gesellschaftliche „black-box“ ist zwar schwer zu analysieren, aber gerade wenn man einräumt, dass sie nicht willkürlich von einem „herrgottähnlichen“ Mechanismus gesteuert werden kann, muss man davon ausgehen, dass sie bestimmten (und somit zumindest teilweise erkennbaren) inneren Gesetzen unterliegt – und genau da setzt der so gern missverstandene sozialistische Plan an!

 

Gerade wenn sich die gesellschaftliche Entwicklung gesetzmässig vollzieht, ist es eben nicht möglich, sie über einen willkürlichen Plan zu steuern, und schon gar nicht, widernatürliche – also den objektiven Gesetzmässigkeiten entgegenstehende – Prozesse „durch ein umfassendes Überwachungssystem in den Griff zu bekommen“. Es ist dann aber möglich, objektive Entwicklungen planmässig zu unterstützen – vorausgesetzt sie werden wirklich in dem erforderlichen Maße erkannt, und genau da liegt der Hase im Pfeffer, der besonders scharf immer dann ist, wenn der Wunsch der Politiker der Vater des Gedankens der Gesellschaftswissenschaftler ist (siehe DDR).

 

Es geht nicht darum, gesellschaftlichen (und ökonomischengesellschaftliche (und ökonomische) Entwicklungsgesetze willkürlich zu zeugen, sondern sie in der praktischen Politik zu berücksichtigen. Nichts anderes tun im übrigen heute auch die Bourgeois. Sie planen, und wie! Sie planen die Produktion und die Politik und sie zahlen gewaltige Summen für jede Erkenntnis über das Innenleben der black-box und die Natur der Vektoren, weil sie es sich kaum leisten könnten, nach dem trial-and-error-Prinzip ihre Firmen und ihren Staat zu führen. (In diesem Sinne muss Popper für sie wenig brauchbar gewesen sein.)

 

In diesem Zusammenhang noch ein Gedanke prinzipieller Natur: Warum eigentlich sollte sich ausgerechnet die gesellschaftliche Entwicklung nicht nach objektiven Gesetzmässigkeiten vollziehen? Immerhin gesteht doch (fast) jedermann solche Gesetzmässigkeiten auf praktisch allen anderen Gebieten leicht zu, obwohl wir genau wissen, dass unsere Kenntnisse hierüber natürlich immer nur relativ – aber für den ja ebenfalls relativen praktischen Gebrauch meist ausreichend – sind. Die Tatsache, dass es sich inzwischen herausgestellt hat, dass weder unsere alten Vorstellungen von der Mechanik noch die von Raum und Zeit präzise die Wirklichkeit wiederspiegelten, stellt doch nicht in Frage, dass diese Wirklichkeit bestimmten Gesetzmässigkeiten unterliegt und alle Maschinen, die auf der Basis der Newtonschen Gesetze (!) gebaut wurden, durchaus funktionieren und treue Dienste leisten, jedenfalls solange man sie nicht mit ungeheuren Geschwindigkeiten ins All schiesst.

 

Alle neuen Erkenntnisse, die alte Erkenntnisse in Frage stellten, haben bisher niemals die Gesetzmässigkeit an sich angezweifelt, sondern immer nur die Qualität ihrer Beschreibung. Die Gesetze der Natur (und der Gesellschaft) wirken ohnehin völlig unabhängig von unserem Kenntnisstand. Der Raum ist von Euklid genauso unabhängig wie von Einstein und er wird ebenso unabhängig von einem Herrn Meier sein, der vielleicht im Jahre 2052 in der Lage sein wird, ihn noch besser zu beschreiben. Aber nichts desto trotz bestreitet doch niemand, dass der Raum bestimmten Gesetzmässigkeiten folgt – und er tat dies auch schon, als noch niemand sich darüber Gedanken machte.

 

Dabei korreliert die Präzision der Vorhersage, auf der Popper so verbissen herumreitet, keinesfalls mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Gesetzmässigkeiten. Bei einem Würfel ist – im Gegensatz zur Popperschen Sonnenfinsternis – praktisch keine präzise Vorhersage möglich. Trotzdem gibt es auch hier doch eine deutliche Gesetzmässigkeit, nämlich die, dass er mit der Wahrscheinlichkeit von genau 1:6 in eine bestimmte Lage fallen wird. Auch die Tatsache, dass wir mit einer Wahrscheinlichkeit von soundsoviel Prozent erwarten können, dass er bei 600 Würfen genau 100 mal die „6“ zeigt, und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit annehmen können, dass er dies bei 6 Millionen Würfen eine Million mal tun wird, ist zwar keine präzise Prognose, aber doch eine Gesetzmässigkeit – und genauso muss es doch zulässig sein, gesetzmässig zu nennen, wenn die Geschichte zeigt, dass eine Gesellschaftsordnung, die an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangt ist, mit grosser Wahrscheinlichkeit durch eine neue Ordnung ersetzt wird, die den Anforderungen der Zeit (was auch immer das sein mag, siehe weiter unten) eben besser gerecht wird, und dass dies zu jenem Zeitpunkt geschehen wird, an dem sich die Widersprüche dieser alten Gesellschaft so verschärft haben, dass echter Handlungsbedarf besteht. Ist das etwa kein gesellschaftliches Entwicklungsgesetz?

 

Ein Gesellschaftswissenschaftler, der dies rechtzeitig erkannt hat, hätte in diesem Sinne tatsächlich im Jahre 1780 voraussagen können, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit (!) Frankreich irgendwann in den nächsten Jahren (!) auf eine Revolution zusteuert, und dass diese mit grosser Sicherheit (!) dann eine bürgerliche sein wird, wobei aber natürlich nicht vorhergesagt werden kann, ob diese im ersten Anlauf dann auch zum Ziel führen wird.

 

Eine solche Aussage ist zugegebenermassen mit vielen Wenn und Aber behaftet, aber doch brauchbar – natürlich für beide Seiten, und allemal besser, als sich vom trial der Entwicklung überraschen zu lassen. Ich will noch eins draufgeben, und zum Beweis meines Vertrauens in die eigene Überzeugung mich bei dieser Gelegenheit konsequenterweise selbst auf das Glatteis der Prognose wagen – und zwar bezüglich der von uns beiden aufmerksam verfolgten Entwicklung in der Sowjetunion:

 

Leider ist mir (!) dies erst heute einigermassen möglich, nachdem ich mir nicht nur halbwegs Klarheit über den gesellschaftlichen Ist-Zustand verschafft habe – dies war mir in den letzten Jahren im Falle der DDR schon einigermassen gelungen – sondern auch bereit bin, den eigenen Erkenntnissen zu glauben und – vor allem – sie mit Konsequenz anzuwenden.

 

Da meine Überlegungen wesentlich auf der These basieren, dass es sich beim Real Existierenden Sozialismus“ um eine feudale Spielart handelt, gestatte ich uns dazu zunächst einen kleinen Argumentationsausflug:

 

Hauptanhaltspunkt sind für mich dabei die auffälligen Parallelen in den Strukturen. Adel (Bonzen), Klerus (Partei), Gott (Lenin), Bibel (seine Werke), Ständerecht, Lehen (Partei- und Staatsposten), Fron (Arbeitspflicht), Zehnten (Betriebsabgaben), Leibeigenschaft (geschlossene Grenzen) – alles ist da, Sogar der Effekt der Erblichkeit der Adelsprivilegien. Aber wir finden nicht nur Parallelen bei der strukturellen Statik, sondern auch in den gesellschaftlichen Prozesse wie beispielsweise beim zwanghaften Drang zur Zentralisierung der Macht (In allen „sozialistischen“ Ländern haben wir immer wieder den Trend zum Zarentum – in jüngster Zeit auch bei Gorbatschow, der sogar den „Majestätsbeleidigungs-Paragraphen“ neu schaffen liess, was ich ihm besonders übelnehme) und – für einen Marxisten besonders wichtig – wir haben allerorten die feudale Produktionsweise. Es dominiert praktisch die Naturalwirtschaft (übrigens auch im Austausch der RGW-Länder untereinander), das „Saatgut“ wird zugeteilt und der grösste Teil der „Ernte“ vom Fürsten kassiert. Der Bauer – pardon, der Werktätige – hat kaum materielles Interesse an seiner (Fron-)Arbeit, der er sich nicht entziehen darf. Günstigstenfalls legt er sich ins Zeug in dem von den Pfaffen anerzogenen Irrglauben, ein gottgefälliges Werk zu verrichten, in der Regel wird er aber versuchen, mit möglichst wenig Aufwand irgendwie über die Runden zu kommen, oder wie Marx wahrscheinlich sagen würde: Da er nicht leistungsgerecht, sprich: dem Wert seiner Arbeitskraft entsprechend, bezahlt wird, Qualität und Intensität seiner Arbeit also keinen Einfluss darauf haben, inwieweit ihm gestattet wird, seine Arbeitskraft ausreichend zu reproduzieren, bleibt ihm nur übrig, möglichst wenig davon zu verausgaben. Der Konsum der Fürsten andererseits wird in jedem Falle sichergestellt, so dass diese – im Gegensatz zum kapitalistischen Unternehmer – vom Niveau der Produktion nur in geringem Masze Maße abhängig sind, dementsprechend ist ihre Interessenlage. Damit ist Produktion zwar möglich, aber viel mehr als die normale Ernährung lässt sich für die Massen auf diese Weise nicht sichern – wenn zu viele ehrgeizige Ziele der Fürsten hinzukommen – wie im Falle der Sowjetunion und Rumänien – dann nicht einmal das. Soweit der Argumentationsausflug.

 

Was kann man also aus der Sicht des dialektischen und historischen Materialismus für die so als neofeudal charakterisierte Sowjetunion für eine Prognose abgeben?

 

Demnächst muss auch in Moskau das eintreten, was in den übrigen Ostländern bereits eingeleitet ist: Auf der Tagesordnung steht die bürgerlich – demokratische Revolution. Man wird politisch letzten Endes dort ansetzen müssen, wo die Februarrevolution 1917 aufgehört hat und eine bürgerliche Demokratie installieren. Dabei wird der Trend ebenfalls in Richtung des für diese Phase charakteristischen Nationalstaates gehen, dass heisst, die Sowjetunion wird mit grosser Wahrscheinlichkeit in eben solche Nationalstaaten zerfallen. Der Reformer Gorbatschow – angetreten nicht wie Honecker und andere (wie ich) lange Zeit meinten (und hofften), um die alten Herrschaftsstrukturen zu zerschlagen, sondern um sie im Gegenteil durch „Frontbegradigung“, durch Aufgabe bereits verlorener Positionen zu festigen (was ihm die eigenen Leute in ihrer Ignoranz fast unmöglich machten) wird diesen Prozess nicht aufhalten, sondern höchstens verzögern. Wenn er – freiwillig oder unfreiwillig – wie im Falle der DDR und anderer, auch zu Hause wenigstens dazu beiträgt, dass dies mit einem Minimum an Blutvergiessen geschieht, wird ihm die „Geschichte“ trotzdem danken. Dass die anstehende Revolution so blutlos wie bei uns verläuft, ist in der Sowjetunion leider nicht anzunehmen, da im Gegensatz zur DDR im Herbst ’89 dort wahrscheinlich noch hunderttausende aus der Schicht des niederen „Dienstadels“ bereit sind, für den Erhalt der alten Herrschaft einzustehen. Hinzu kommen die bekannten ethnischen und religiösen Probleme, vor allem im Süden. Dort ist es sogar möglich, dass die sozialistische Spielart des Feudalismus zunächst durch die moslemische ersetzt wird, wie überhaupt erwartet werden muss, dass der revolutionäre Prozess bei aller Gesetzmässigkeit nicht geradlienig sondern sehr sprunghaft und mit zahlreichen Rückschlägen erfolgen wird. Besonders problematisch ist die Frage der Nationalstaatenbildung, da insbesondere in den Städten, die naturgemäss den Hauptschauplatz der Auseinandersetzungen bilden werden, bereits eine gewaltige Vermischung der Völkerschaften stattgefunden hat. (In Dushanbe, der Hauptstadt Tadshikistans leben beispielsweise fast 50% Russen.)

 

Soweit also die Prognose eines alten „Historizisten“. Und nun zum Plan, der aus einer solchen Prognose folgen müsste, um der objektiv anstehenden Geburt des russischen Kapitalismus möglichst viele Wehenschmerzen zu ersparen, indem man dazu beiträgt, die ohnehin fälligen Prozesse (und nur diese) zu unterstützen:

 

Dazu ist es zunächst notwenig, den äusseren Druck zu lockern, um nicht wie schon so oft wiederum einen internen Burgfrieden in der Sowjetunion geradezu zu erzwingen. Zweitens sollten weniger die systemerhaltenden Reformer wie Gorbatschow, sondern mehr die Revolutionäre wie Jeltzin (?) unterstützt werden (Z.Zt. hat man eher den Eindruck, der Westen hat hier nur sportlich-voyeuristische Interessen) – keinesfalls aber wie bisher Strömungen, die zwar die alten Sowjetherrschaftsstrukturen erschüttern, jedoch ihrem Charakter nach noch reaktionärer sind als diese – ich denke da vor allem an die Mudjaheddin und ähnliches. Drittens sollten nicht die nationalistischen Alleingänge vor der Revolution beklatscht werden. Viertens muss man alles vermeiden, was beim ohnehin schon arg gebeutelten Volk das Gefühl erzeugen kann, gemeinsam mit den der alten Ordnung untergehen zu müssen, d.h. man muss der SU die Chance geben, sich mit Anstand von bestimmten Prestigepyramiden zurückzuziehen, die ihre Möglichkeiten – die frühkapitalistischen genauso wie ihre spätfeudalen – übersteigen. Dies betrifft insbesondere die Rüstung und die Raumfahrt. In diesem Sinne ist das Geschrei vom vereinigten Deutschland in der NATO ausgesprochen tödlich, weil es genau diesen „Rückzug mit Anstand“ verhindert, und den einfachen Mann an der Wolga durch das neu aufkommende Gefühl vom erzwungenen (!) Rückzug und nationaler Demütigung wieder zwangsläufig mit seinen Marschällen verbindet.

 

Soweit – in der gebotenen Kürze – Prognose und daraus abgeleitet ein sinnvoller Plan zur Problematik SU.

 

Apropos Kürze: Dieser Brief ist nun fast zwangsläufig ein elend langer geworden und ich versuche nun zum Schluss zu kommen, damit Du mir nicht am Ende der zehnten Seite einnickst. Ich möchte aber als letztes wie auf Seite 7 unten versprochen noch eine Bemerkung zu den dort erwähnten „Anforderungen der Zeit“ machen.

 

Marx ging stets von der Produktivität als entscheidendem Kriterium für die Qualität der Gesellschaftsordnung („Produktionsverhältnisse“) aus, und dies scheint auch bis heute so zu sein. (Ich verweise dazu auf mein Gedankenexperiment aus einem der vorhergehenden Briefe „Was wäre mit der DDR geschehen, wäre dort – bei gleichzeitiger Unterdrückung der Freiheiten – das Lebensniveau der Bundesrepublik erzielt worden, und umgekehrt?“)

 

Praktisch alles spricht dafür, dass der Real Existierende Sozialismus seinen Untergang dem miesen Produktionsniveau verdankt.

 

Dennoch kann ich mir vorstellen, dass auf einer bestimmten Stufe der weiteren Entwicklung die „Anforderungen der Zeit“ nicht mehr in diese Richtung zielen. Der Kapitalismus ist bereits heute kein reales Gesellschaftsmodell für die gesamte Menschheit. Er hat die offenbar systemimmanente Tendenz zu saurierhaftem Wachstum (worum ihn der Real Existierende immer beneidet hat) und basiert nach wie vor wesentlich auf der Ausbeutung, wenn dies auch für den Bürger der Industriestaaten nicht mehr unbedingt transparent ist, da er selbst kräftig an der Ausbeutung der restlichen Welt beteiligt wird. Die globalen Probleme sind mit einer weiteren Steigerung der Produktion jedenfalls nicht zu lösen. Insofern glaube ich, dass das Kriterium der Gesellschaftsqualität sich wesentlich verlagern wird. Nicht mehr der zunehmende Verbrauch, sondern die sinnvolle Selbstbeschränkung sind die Gebote der Zeit. Und genau deshalb wird dann wahrscheinlich der zwingend auf Wachstum ausgerichtete Kapitalismus abtreten müssen.

 

In diesem Sinne scheint mir die Bewegung der Grünen eine echte Keimzelle neuer Gesellschaftsordnung. Amen.

 

Dein Frank

 

 

PS: Ich werde demnächst versuchen auf die polnischen Ängste und die Parallelen zwischen Faschismus und Sozialismus einzugehen.


[1] Am Artikel erkennnt man übrigens bis dato, ob ein Deutscher/Ost oder ein Deutscher/West von der (!) Stasi spricht. Bei Euch sagen alle stets DER Stasi, und meinen wohl einen StaatssicherheitsDIENST, den es hier aber nie gegenen hat (im Gegensatz zum BundesnachrichtenDIENST). Bei uns gab es ein „Ministerium für (DIE) Staatssicherheit“, daher DIE Stasi. Im Rahmen der Angleichung Ost an West wird sich aber wohl mittelfristig auch hier die West-Variante durchsetzen.

Amen

1844 Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) Konzert für Violine und Orchester e-moll

 

Mit Mendelssohns Violinkonzert verbindet man wie selbstverständlich die Vorstellung von Vollendung und Abgerundetheit. Das Werk, das zum klassischen Repertoire wie die Geige zum Orchester gehört, ist wie kaum ein anderes Musikstück aus einem Guss. Es erscheint in sich völlig stimmig und klingt so, als ob nur so und nicht anders sein könne. Dazu ist es so geigerisch, als ob es von der Geige selbst erfunden worden wäre.

 

Die Entwicklungsgeschichte des Werkes war aber eher langwierig. Der Plan zu dieser Komposition keimte bereits sechs Jahre vor seiner Vollendung. Am 30.6.1838 schreibt Mendelssohn an seinen Freund Ferdinand David, den Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, dem der Komponist seinerzeit vorstand: „Ich möchte dir wohl auch ein Violin Concert machen für den nächsten Winter; eins in e-moll steckt mir im Kopf, dessen Anfang mir keine Ruhe lässt.“ Offenbar hatte ihn David im Sommer 1839 an das Versprechen erinnert. Jedenfalls antwortet ihm Mendelssohn am 24. Juli 1839: „Das ist gar zu hübsch von dir, dass du mich zu einem Violin Concert stempeln willst; ich habe die allergrößte Lust dir eins zu machen, und wenn ich ein Paar gut gelaunte Tage hier habe, so bringe ich dir etwas der Art mit. Aber leicht ist die Aufgabe freilich nicht; brillant willst du’s haben und wie fängt unser eins das an? Das ganze erste Solo soll aus dem hohen e bestehn.“

 

Fertig gestellt wurde das Werk nach Vorarbeiten aber dann im Wesentlichen erst im Sommer 1844 in Bad Soden im Taunus, wo der vielbeschäftigte Komponist mit der Familie Ferien machte. Danach folgten aber noch diverse Änderungen, über die er intensiv mit David korrespondierte. So bat Mendelssohn, wie sich aus einem Brief vom 18. Dezember 1844 ergibt, nicht nur um Rat in geigerischen Dingen für Änderungen bei der Solostimme. Er war sich etwa auch unsicher über die Wirkung der Pizzicato Begleitung im langsamen Satz. „Ich bitte dich“, schreibt er dazu, „zeige doch auch Gade diese Stelle in der Partitur und sage mir seine Meinung. Lacht mich auch nicht gar zu sehr aus; ich schäme mich wirklich selbst, aber ich kann’s einmal nicht besser, und werde einmal das Tappen nicht los.“ David machte in der Folge einige detaillierte Änderungsvorschläge, die Mendelssohn im Wesentlichen annahm.

 

Zur erfolgreichen ersten Aufführung des Werkes kam es schließlich am 13. März 1845 durch David bei einem Konzert des Gewandhausorchesters in Leipzig. Mendelssohn erlebte den Triumph nicht selbst, da er sich nach Aufgabe seiner ungeliebten Tätigkeit als preußischer Generalmusikdirektor in Berlin zunächst einmal in Frankfurt, der Heimat seiner Frau, der wieder gewonnenen (kompositorischen) Freiheit erfreute. Er dirigierte aber die zweite Aufführung am 23. Oktober 1845 in Leipzig. Kaum drei Wochen später wurde das Werk in Dresden unter bemerkenswerten Umständen nochmals gespielt. Bei dem Konzert, das Robert Schumann organisiert hatte, sollte eigentlich Schumanns Klavierkonzert uraufgeführt werden. Clara Schumann, die für den Solopart vorgesehen war, fiel jedoch krankheitshalber aus, weswegen man kurzfristig Mendelssohns Violinkonzert ins Programm nahm. David, der seinerseits verhindert war, schickte seinen damals 14-jährigen Schüler Josef Joachim, mit dem Mendelssohn im Frühjahr 1844 bereits Beethovens Violinkonzert in London aufgeführt hatte. Für Joachim bedeutete dies den Durchbruch zu einer Karriere, in deren Verlauf er zum führenden Geiger seiner Zeit werden sollte.

 

Mendelssohns Violinkonzert ist das Werk eines Meisters auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Zum Eindruck der Abgerundetheit trägt nicht zuletzt bei, dass die drei Sätze nach dem Vorbild Carl Maria von Webers nahtlos ineinander übergehen und auch die Kadenz des ersten Satzes, die in Solokonzerten immer in der Gefahr ist, ein Eigenleben zu entwickeln, wie selbstverständlich in das Werk eingegliedert ist. Sie ist so platziert, dass sie als notwendig zur Abrundung des musikalischen Geschehens erscheint. Daher beginnt sie nicht erst kurz vor dem Ende des ersten Satzes, sondern ungewöhnlicherweise schon nach der Durchführung, wodurch sie zugleich die Überleitung zur Reprise bilden kann. Davon abgesehen ist die Kadenz auskomponiert und damit der Willkür sowie einem eventuellen übermäßigen Selbstdarstellungsdrang des Interpreten entzogen. Das Werk ist im Übrigen auch deswegen so rund, weil Mendelssohn peinlich darauf achtete, dass es sich gut spielt. Bei David fragte er brieflich an, ob eine Änderung, die er noch vorgenommen hatte, auch „ganz bequem“ sei, damit sie „recht fein gespielt werden kann.“ Großen Wert legte er auch immer wieder darauf, dass bestimmte Passagen „mundgerecht“, „gut spielbar“ und „spielgerecht“ oder „nicht ermüdend“ sind. Am Ende stand schließlich eine runde Sache, ein – sehr romantischer – Violinklassiker par excellence.

 

1761-65 Josef Haydn (1732- 1809) Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur

 

Die Träume der Cellisten ähneln ein wenig denen der Archäologen. Sie hoffen darauf, ein ungeöffnetes Pharaonengrab zu finden, allerdings eines, in dem ein Cellokonzert liegt. Das hat seinen Grund darin, dass es im Reich der Musik nicht nur generell wenige Werke für dieses Instrument gibt, sondern dass vor allem Konzerte aus älterer Zeit gänzlich Mangelware sind. Wie Howard Carter beim Öffnen des Grabes von Tutanchamun dürfte sich daher Oldeich Pulkert gefühlt haben, als er im Jahre 1961 in die Tiefen des Prager Nationalmuseums vordrang und dort in den Archivalien des Fürsten Kolovrat-Krakovski auf Abschriften des Cellokonzertes in C-Dur von Josef Haydn stieß. Die kostbaren Papiere stammten aus dem südböhmischen Schloss Radenin, dessen ansehnliche Bibliothek auf das Prager Museum übergegangen war.

 

Dass Haydn ein solches Werk komponiert hatte, war den Cellisten bekannt. Ähnlich wie die Altertumsforscher Tutanchamun vor Carters Grabfund (nur) aus den Königsannalen kannten, wusste auch die Musikwelt vor Pulkerts Ausgrabung von der Existenz des Konzertes nur aus den diversen Listen der Werke Haydns. Diese Erwähnungen waren, anders als bei vielen sonstigen Kompositionen, welche mit Haydn in Verbindung gebracht wurden, auch gut fundiert. Der Meister hatte das Stück nämlich in seinem persönlichen Werkverzeichnis, dem sog. „Entwurfskatalog“, eigenhändig mit den charakteristischen Anfangstakten vermerkt. Das Werk selbst aber war spurlos verschwunden. Dem entsprechend schlug die ersehnte Wiederentdeckung bei den chronisch unterversorgten Cellisten auch in ähnlicher Weise ein wie die Ausgrabung Carters bei den Ägyptologen. Dies gilt umso mehr, als Haydns Autorschaft für das zweite wichtige Cellokonzert aus der frühklassischen Periode – das (große) Konzert in D-Dur – mangels Erwähnung im „Entwurfskatalog“ lange als zweifelhaft galt (es wurde bis zur Wiederentdeckung des Autographs von vielen für ein Werk Anton Krafts gehalten, der in den 80er Jahren des 18. Jahrhundert Solocellist in Haydns Orchester war).

 

Wann genau das C-Dur Konzert entstanden ist und für wen es geschrieben wurde, ist, wie so vieles bei Haydn, nicht sicher. Der Meister hat den „Entwurfskatalog“ erst mit Beginn seiner Tätigkeit als erster Kapellmeister beim Fürsten Esterhazy im Jahre 1765 begonnen und nachgetragene Werke aus früherer Zeit nicht datiert. Insbesondere die Wasserzeichen des Notenpapiers der Abschrift sprechen jedoch dafür, dass das Werk schon in den Jahren zwischen 1761 und 1765 komponiert wurde, als Haydn noch Vizekapellmeister im Hause Esterhazy war. Was den Solisten angeht, so dürfte das Konzert für den damaligen – noch recht jungen – Solocellisten der Esterhazyischen Kapelle, Josef Weigl (1740–1820), geschrieben worden sein. Darauf deutet vor allem, dass sich in der Sammlung des Fürsten Kolovrat-Krakovski auch noch ein Cellokonzert unter dem Namen Weigls fand, das vom gleichen Kopisten abgeschrieben wurde. Wer auch immer der Adressat des Konzertes war, er muss ein exzellenter Techniker gewesen sein. Das Werk, das sich über weite Strecken in Regionen bewegt, in denen die Bratsche oder gar die Geige zu Hause sind, verlangt insbesondere in seinem fulminanten Schlusssatz Fertigkeiten, die bei Cellisten seinerzeit aus dem Rahmen gefallen sein dürften.

 

Das C-Dur Konzert zeichnet sich – anders als das eher elegische D-Dur Konzert, das im Jahre 1783 entstand – durch jugendliche Frische und einen geradezu unbändigen Elan aus. Angesichts der Musizierlust, die darin zum Ausdruck kommt, ist daher leicht nachzuvollziehen, dass sein Schöpfer nicht lange nach der Komposition des Konzertes das musikalische Spitzenamt am Hofe Esterhazy übertragen bekam. Ebenso wenig verwundert, dass sich das Werk, nachdem es am 19. Mai 1962 in Prag mit Miloe Sadlo und dem tschechoslowakischen Radio-Sinfonieorchester erstmalig wieder erklang, sofort auf den Konzertpodien etablierte. Aber auch formgeschichtlich ist das Konzert bemerkenswert. Es markiert eine wichtige Durchgangsstation auf dem Weg vom Ritornell-Konzert in der Nachfolge Vivaldis, bei dem sich Solo- und Tuttipartien sowie kantable und virtuose Passagen wiederholend abwechseln, hin zum klassischen Konzert mit seinem Dualismus der Themen und deren verwobener Verarbeitung im Sinne des Sonatenhauptsatzes.

 

Der Traum der Cellisten vom unentdeckten Pharaonengrab ist mit dem Fund des C-Dur Konzertes übrigens noch nicht ausgeträumt. Zwar hat man ein weiteres (kleines) Konzert in D-Dur, das vor der Entdeckung des C-Dur Konzertes als das einzig sichere Werk dieser Gattung aus der Feder Haydns galt, inzwischen wieder aus den Werkverzeichnissen gestrichen. Durch die Annalen geistern aber noch drei weitere Konzerte des Meisters, welche der Wiederentdeckung im Archiv eines Klosters oder eines Duodezfürsten des k&k-Reiches oder auch in den Bibliotheken der vielen Häuser in ganz Europa harren, in denen man Haydns Genius zu schätzen wusste.

 

 

Piranesis Räume – ein philosophischer Roman

PirRäumeneu

Im Frühjahr 1740 wurde für den 19-jährigen venezianischen Architekturadepten Giovanni Battista Piranesi ein Traum Wirklichkeit. Er betrat im Gefolge von Francesco Vernier, den die Signoria der Serenissima als Botschafter zu dem soeben neu gewählten Papst Benedikt XIV. gesandt hatte, Rom, um die Bauten der Alten zu studieren. Die ewige Stadt sollte ihn Zeit seines Lebens gefangen nehmen.

Piranesi kannte das antike Rom aus den Zeichnungen seines Landsmannes Andrea Palladio, welche bei seinen Architekturstudien als Lehrmaterial dienten. Auch hatte ihm sein Bruder, der Kartäusermönch Angelo, immer wieder von den heroischen Gestalten und Ereignissen der römischen Geschichte berichtet und ihm häufig aus dem Geschichtswerk des Livius vorgelesen. Rom hatte dabei seine Phantasie so sehr entzündet, dass ihm seine Bauten und Gestalten nachts schon im Traum erschienen waren. Wiewohl es in seiner Heimatstadt nicht an Wundern der Architektur fehlte, war ihm die Größe und Faktur der römischen Bauten aber immer rätselhaft erschienen. Es verlangte ihm daher danach, sie mit eigenen Augen zu sehen und ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Hierzu wollte er die bauliche Hinterlassenschaft der Alten zeichnerisch aufnehmen und sie dann  in einer Weise in Kupfer stechen, die ihrer „magnificenza“ gerecht würde. Im Übrigen beabsichtigte er, möglichst auch noch den Beweis zu führen, dass die Architektur der alten Römer und überhaupt ihre Kunst gegenüber der griechischen eigenständig, ja ihr sogar überlegen sei. Es war ihm also nur allzu willkommen, dass er sich der Gesandtschaft anschließen konnte, die seine Heimatstadt an dem Tiber schickte.

Als sich Piranesi der Stadt Rom näherte, stand vor ihm das Bild einer erhabenen und majestätischen Baukunst von nie übertroffener Festigkeit und Vollkommenheit. Alles, so schien es ihm, war hier so, wie es zu sein hatte, jeder Teil war dort, wo er hingehörte und notwendiger Ausdruck eines Ganzen, das, wiewohl nie mehr als die Summe seiner Teile, das Bild wahrer Größe aufscheinen ließ.

Die Wirklichkeit freilich hielt dieser Traumvorstellung nicht stand. Piranesi fand die Überreste der antiken Bauten meist weit weniger vollständig und wohlerhalten, als es die peniblen Zeichnungen Palladios suggerierten. Viele waren in Wehranlagen der ewig befeindeten römischen Stadtgeschlechter aus dem Mittelalter versteckt, waren in Kirchen eingebaut oder lagen unter Palästen aus neuerer Zeit. Soweit sie noch über ein Dach verfügten, dienten die alten Räumlichkeiten häufig Handwerkern und sonstigen Gewerbetreibenden als Arbeitsstätte oder Lagerraum. Eines Tages etwa geriet Piranesi mit dem französischen Ruinenmaler Hubert Robert, mit dem er sich, da man das Interesse an den alten Resten teilte, angefreundet hatte, in eine weiträumige, düstere Basilika wo Wäscherinnen unter kassettierten Tonnengewölben, welche von einer Vierungskuppel unterbrochen waren, für die hohen Herren der Stadt bei offenem Feuer und großer Rauch- und Dampfentwicklung riesige Laken in einem Zuber kochten, welche sie anschließend zwischen mächtigen Säulen zum Trocknen aufhängten. Was von den alten Bauten nicht auf diese Weise zweckentfremdet, was nicht gänzlich umgestaltet oder abgetragen war, lag versunken im Schutt der Jahrhunderte, aus dem nur hier und da verwitterte Reste ragten. Ein Römergeschlecht, das wenig gemein hatte mit dem Heldenvolk, das diese Bauten erstellt hatte, hauste dazwischen samt allerhand Getier in Unterkünften, die aus vorgefundenen Steinquadern und Ziegeln zusammengestückelt waren, zwischen denen hier und da Säulentrommeln oder behauene Sims- und Gebälkteile steckten. Auf dem Forum Romanum, auf dem einstmals Weltpolitik gemacht wurde, weidete man Vieh, weswegen es „campo vaccino“, Feld der Kühe, genannt wurde.

Piranesi nahm im Stadtgebiet so gut wie jedes antike Gemäuer auf, dessen er habhaft werden konnte, und bannte es – in begleitenden Texten streitlustig immer den Vorrang der Römer vor den Griechen betonend – mit dramatischen Licht- und Schatteneffekten detailreich auf die Kupferplatte. Nach Art seiner Profession arbeitete er dabei einerseits penibel mit Bandmaß, rechtem Winkel und Zirkel. Von den perspektivischen Bühnenzaubereien der Bibienas, die er schon in den Opernhäusern seiner Heimatstadt kennen gelernt hatte, und den Deckengemälden in den neueren römischen Kirchen, allen voran der ins Unendliche strebenden Himmelsarchitektur des Andrea Pozzo in St. Ignazio, hatte er aber auch gelernt, wie man durch eine freie Handhabung von Linien und Winkeln die „magnifizierende“ Wirkung der Abbildungen erhöhen konnte. Das Kolosseum etwa stellte er nicht nur so dar, dass es sich vor dem Betrachter wie ein gigantischer architektonischer Organismus aufbläht, neben dem der Titusbogen wie ein Schoßhündchen wirkt. Er dehnte die elliptische Form der Arena dabei dergestalt zur Hyperbel, dass ihre Arkaden ins Unendliche zu führen schienen.

Auch außerhalb der Stadt war Piranesi auf den Spuren der Alten. Er hielt sich vor allem immer wieder in Tivoli auf, das schon im Altertum, als es – noch weniger spielerisch – Tibur hieß, die Menschen angezogen hatte, welche sich fern des Getriebes der Weltstadt auf das wahre Leben zu besinnen versuchten. Dort radierte er mehrfach den grandios über den Wasserfällen des Anio thronenden Rundtempel der Sybille und – in gerader Linie suggestiv in die Tiefe des Bildraumes führend – die mächtigen übereinander stehenden Bogenreihen eines Heiligtums oberhalb der Schlucht des Anio, welches man für die Substrukturen der Villa des Mäzenas hielt, wobei er seiner Neigung, mit unendlicher Akribie auch die feinsten Schattierungen und Lichtbrechungen zerfallenden Mauerwerks festzuhalten, hier in besonderem Maße freien Lauf ließ. An der Via Tiburtina nahm er den Rundbau des Plautiergrabes mit seinen großen Ehrentafeln auf und steigerte die Größe des Todesmonumentes durch die Verwendung divergierender Maße ins Übermenschliche. Am Meisten zog ihn aber das Gelände des Landsitzes an, den der Kaiser Hadrian gegen Ende seines Lebens nach eigenen Entwürfen unweit von Tivoli bauen ließ.

Hadrian, unter dem Rom, davon war Piranesi überzeugt, den Höhepunkt seiner Macht, seiner Zivilisation und seiner Gestaltungskraft erreichte, Hadrian war sein Lieblingsheld, weswegen auf seinem Arbeitstisch immer ein Stück der bunt geäderten Marmorinkrustation der tiburtinischen Villa lag. Als Architekt, der nur wenige Bauaufträge bekam – es waren sogar bloß Umbauten -, war Piranesi schon davon fasziniert, dass der bärtige Philosoph im Staatsamt auf seinen jahrelangen Inspektionsreisen, bei denen er zu Fuß bis in die fernsten Winkel seines Riesenreiches vordrang, nicht von Soldatenkohorten, sondern von „Regimentern“ von Bauhandwerkern begleitet wurde, deren „Offiziere“ Architekten waren, und dass er dieselben überall, wo er Halt machte, prachtvolle Bauten errichten oder wiederherstellen ließ. In besonderem Maße war er davon beeindruckt, dass und vor allem auf welche Weise dieser milde Herrscher sein außerordentliches Leben schließlich in einem Bauwerk resümierte. Der weit über die hügelige Landschaft verstreute Villenkomplex hatte in verkleinerter Form alles, was für einen Römer zum gehobenen Leben gehörte – Theater, Odeon, Basilika, Arena, Stadion, Seen, Tempel, Wandelhallen und Thermen, einen Saal der Philosophen und je eine römische und eine griechische Bibliothek. Vor allem aber war die Villa voller Erinnerungen an Orte, Menschen und Gegenstände, die im Leben des Kaisers wichtig geworden waren. Man fand hier Nachbildungen von Bauwerken, die er auf seinen Reisen besucht hatte, etwa des berühmten Osiristempels von Canopus in Ägypten samt einer verkleinerten Kopie des dortigen Kanals, der malerisch von Statuen und Säulen umstanden war. Überall standen Abbilder von Göttern, die er verehrte, oder Personen, welche er liebte, allen voran des vergötterten und vergöttlichten schönen Jünglings Antinous, der auf einer seiner Reisen bei einem Bad im Nil ertrunken war. All das veredelten ausgesuchte Bauornamente und zahllose Kunstgegenstände nach dem Muster der Meister, die im Bereich seines Reiches einmal tätig gewesen waren, darunter wunderbar gearbeitete Kandelaber, feinste Mosaiken sowie herrliche Gemälde und Fresken. Im Laufe der Zeit war so ein Bauwerk entstanden, das so vielfältig und einheitlich wie das römische Reich und zugleich so reich und unsymmetrisch wie das Leben war. Piranesi schien, dass Hadrian mit diesem Bau ein Werk geschaffen hatte, das wie kein anderes die feste Schönheit der römischen Kunst und überhaupt den ganzen Glanz einer Welt spiegelte, die sich im Laufe ihrer Zeit in immer wieder ähnlicher Weise reproduziert hatte …..

Der vollständige Text findet sich auf der Seite "I.1) Piranesis Räume", eine Auflösung der Identität der Personen der Kulturgeschichte, welche im Text auftreten, auf der Seite Auflösung Piranesipersonal.

Ein- und Ausfälle (China – 6)

Es mag sein, dass die moralischen und seelischen Superlative wie „Platz des himmlischen Friedens“, „Halle der vollkommenen Harmonie“, „Palast des reinen Wohlwollens“ mit der sich im alten China die Führungsebene umgab, reichlich paradiesisch und im Hinblick auf die unruhige und mitunter ziemlich blutige chinesische Geschichte auch nicht gerade realitätsnah sind. Es stellt sich aber die Frage, ob es nicht besser ist, die Ausrichtung eines Gemeinwesens mit übertriebenen Wunschvorstellungen zu garnieren, als zu versuchen, die Menschen mit Bildern exzessiver Grausamkeit auf Kurs zu halten, als da sind: die „Vertreibung aus dem Paradies“, das massenhafte Ersäufen in einer „Sintflut“, die strafweise Vernichtung von Stätten abweichenden Verhaltens wie „Sodom und Gomorrha“, der elende „Kreuzestod“ einer edlen Führungsfigur und ein unerbittliches „Jüngstes Gericht“ einschließlich der von ihm verhängten Strafe ewigen Schmorens in einer „Hölle“.

Theologie der Geometrie – Über den Platonismus in der modernen Architektur

Wer den Borobodur, den grandiosen Außenposten der europäisch-asiatischen Kultur aus dem 8. Jahrhundert auf der fernen Insel Java, besucht, der macht eine merkwürdige Erfahrung. In einem einzelnen Bauwerk ist hier ein Gedanke verwirklicht, der auch der Entwicklung des Grundstromes der modernen Architektur westlicher Prägung zugrunde zu liegen scheint.

Der Borobodur gilt wegen seines einzigartigen Baukonzeptes und der Qualität, mit der es ausgeführt wurde, als eines der bedeutendsten Bauwerke Asiens, ja der Welt. Merkwürdig an diesem riesigen Bau des Mahajana-Buddhismus, in den man nicht eintritt, sondern den man meditativ begeht, ist bereits die Kombination von Stupa, Mandala und Stufenpyramide. Völlig außergewöhnlich aber ist die Entwicklung seiner Bauformen, die in den unteren Partien von überbordendem Reichtum sind, nach oben aber immer einfacher werden. Die Erbauer des Borobodur ließen dabei nicht nur den Grundsatz der Kontinuität des Stiles außer Acht, der für Gebäude, denen ein einheitlicher Plan zu Grunde liegt, ansonsten so etwas wie eine Konstante der Baukunst ist. Sie stellten auch die architektonische Regel des europäisch-asiatischen Kulturkreises auf den Kopf, die oberen Partien eines repräsentativen Gebäudes als krönenden Abschluss auszubilden.

Die fünf unteren Stufen des Borobodur, welche die Grundform eines Quadrates haben, sind über und über mit feinsten Steinmetzarbeiten geschmückt. Die erste Stufe umlaufen lange, verwinkelte Reliefgalerien mit außerordentlich detailreichen Schilderungen aus dem Leben von Mensch und Tier, die mit komplexen Profilen und reichem Ornament gefasst sind. Ähnlich lebhaft geht es auf der zweiten Stufe zu, auf der Bilder aus dem Leben des historischen Buddha gezeigt werden. Auf den nächsten drei Stufen wird die steigende Vergeistigung der verschiedenen Buddhas auf dem Weg zur Erlösung dargestellt. Dem entspricht eine „Verfremdung“ der Darstellung durch zunehmende Formalisierung der Bildgestaltung und Sparsamkeit des Dekors. Nach den fünf quadratischen Terrassen, deren Grundriss in sich sehr differenziert ist, folgen drei einfache, kreisrunde Stufen, die fast keine Baudekoration mehr aufweisen. Hier befinden sich 72 glockenförmige Stupas aus gitterförmig angebrachten Steinen, in deren Halbdunkel man gerade noch die idealisierten Statuen von Bodhisattvas erkennen kann, jenen „Heiligen“ im Vorstadium des Buddhatums, die nach den Vorstellungen des Mahajana-Buddhismus dem Gläubigen auf dem Weg ins Nirwana behilflich sind. Abgeschlossen wird das Ganze von einem ganz einfachen zentralen Stupa, dessen vermutlich leeres Inneres dem Blick dem Betrachters gänzlich entzogen ist.

Auf diesen oberen Stufen wird der Besucher des Borobodur, zumal nachdem er die lebensprallen unteren Stufen passiert hat, auf merkwürdige Weise von einem Gefühl der Leere erfasst. Für den (religiös) unbefangenen Betrachter wirken diese oberen Terrassen geradezu als Fremdkörper. Unwillkürlich fragt er sich, ob das Bauwerk unvollendet geblieben ist, etwa weil den Erbauern die Mittel ausgingen; oder ob seine oberen Stufen nach den Zerstörungen, die der Borobodur – ähnlich Pompeii – durch die Einwirkungen des nahe gelegenen Vulkanes Merapi erlitt, unvollständig rekonstruiert wurden. Dabei fallen ihm die merkwürdig verfremdeten Gebäude ein, die im Nachkriegseuropa unter Weglassen der ursprünglichen stilistischen Einzelheiten (nur) nach den alten Maßen wiederaufgebaut wurden.

Das Gefühl der Fremdheit und der Leere, das er auf den oberen Stufen des Borobodur erfährt, kennt der westliche Besucher aber auch sonst vom Gang durch seine Städte. Auch hier findet er, wenn auch nicht im Raum sondern in der Zeit gestreckt, eine radikale Reduktion der Formensprache. Am Anfang des 20. Jahrhunderts. sind die bestimmenden Bauwerke der westlichen Städte noch durch einen großen Reichtum an Formen und Ornamenten und phantasiereiche Anspielungen auf die Stile einer zweieinhalbtausend-jährigen Architekturgeschichte gekennzeichnet. In den folgenden Jahrzehnten reduzieren sich die Gestaltungselemente auf die Grundformen der Bautradition. Die Details, die zusammen mit dieser Tradition entstanden waren, fallen zunehmend weg. Danach haben sich im Hauptstrom des Architekturentwicklung – mehr oder weniger variiert – die leeren geometrischen Grundformen und die Betonung des Strukturellen durchgesetzt. Diese Entwicklung weist eine so große Ähnlichkeit mit dem Baugedanken des Borobodur auf, dass man hinter beiden die gleiche Geisteshaltung vermuten kann.

Dass der Borobodur auf so ungewöhnliche Weise von der allgemeinen architektonischen Praxis abweicht, hat seinen Grund darin, dass seine Erbauer in ihm eine philosophisch-religiöse Idee darzustellen versuchten. Nach buddhistischer Vorstellung erlangt der Mensch Erlösung, indem er durch geistige Konzentration, zu dem ihm unter anderem das Mandala verhilft, aus den Niederungen des alltäglichen Lebens in einen Zustand höheren (Bewusst-)Seins emporsteigt. Durch Abtöten der Begierden, die ihn an der wahren Erkenntnis hindern, lässt er stufenweise alles Konkrete und Individuelle „unter“ sich. Auf diese Weise verlässt er die Sphäre der Kausalität, in der Werden und Vergehen herrscht, und tritt aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten heraus, um ins Nirwana einzugehen, einem Zustand absoluter Veränderungslosigkeit, in dem er zu erhabener ewiger Ruhe kommt. Hinter dieser Vorstellung steht, wenn auch auf budhhistische Weise ins Nihilistische gewendet, die altindische Vorstellung von einer (höheren) Seinsform jenseits der Alltagswirklichkeit, ein Gedanke, der dazu führte, dass man diese (reale) Wirklichkeit schließlich als eine bloße Täuschung (Maya) ansah. Die lebendige Sphäre der Kausalität und der Alltagswirklichkeit wird am Borobodur mittels Figuren, Ornamenten und sonstiger architektonischer Differenzierungen dargestellt. Das entwicklungslose Absolute aber, das eigentlich nicht darzustellen ist, weil es seiner Natur nach überindividuell und formlos ist, wird durch die Reduktion auf die einfachsten Formen (nur) symbolisiert.

Aufs Erste gesehen scheint der Entwicklung der modernen Architektur, die, wie gesagt, in ihrer Hauptrichtung einen ähnlichen Weg gegangen ist, ein derart religiös – philosophischer Gedanke fern zu liegen. Die Reduktion der Form scheint hier neben vordergründig sozialkritischen Aspekten im wesentlichen durch fertigungstechnische und wirtschaftliche Gesichtspunkte bedingt. Und doch können diese „technischen“ Gesichtspunkte allein das Phänomen der modernen Architekturform nicht erklären. Dies zeigt schon die Tatsache, dass sie sich im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung, in dem sie auch schon wirksam waren, nicht formreduzierend, sondern im Gegenteil sogar formdifferenzierend ausgewirkt haben. Die so genannte Gründerzeit etwa ist gerade durch einen besonders großen Reichtum an Stilen und Formen gekennzeichnet. Sogar die Wolkenkratzer Amerikas, von denen der Siegeszug der modernen Architektur ausging, sind anfangs noch ganz in den vielfältigen Formen der traditionellen Architektur gehalten. Im übrigen ist das Gesetz der Formreduktion auch in der neueren Zeit nicht unumschränkt wirksam. Selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem es seine großen Triumphe feierte, gab es davon immer wieder prominente Ausnahmen. Es kann daher kein Zweifel daran bestehen, dass auch im Falle des Hauptstromes der modernen Architektur eine Idee im Spiel ist, die über die vordergründigen praktischen Aspekte hinausgeht. Diese Idee ist, dies zeigt bereits die Ähnlichkeit der Lösungen, offensichtlich verwandt mit der Idee, die dem Borobodur zugrunde liegt. Alles spricht dafür, dass es sich dabei um eine Spielart des Platonismus handelt.

Nicht anders als das indische Denken, das vermutlich Pate stand, unterscheidet auch der Platonismus zwischen einem unsichtbaren Wirklichen und einem unwirklichen Sichtbaren. Dieser Gedanke taucht in Europa bekanntlich erstmals um 500 v. Chr., also etwa gleichzeitig mit dem Auftreten Buddhas in Indien, bei Parmenides von Elea auf. Bemerkenswerterweise enthält er schon hier ein Erlösungsmotiv, die Vorstellung nämlich, dass mit dem Erkennen des „Wirklichen“ ein Aufstieg vom irdischen Dunkel in eine himmlische Helle verbunden sei. Ein knappes Jahrhundert später brachte Platon diesen Gedanken in seiner Ideenlehre auf den Punkt. Nach dieser Lehre, die Platon exemplarisch in seinem berühmten Höhlengleichnis darlegte, ist die Welt, die wir für wirklich halten, nur der Abglanz von Ideen, welche die eigentliche Wirklichkeit sind. Im „Symposion“ heißt es in einer erstaunlichen Parallele zum buddhistischen Denken in Bezug auf die Idee des Schönen – um diese geht es im vorliegenden Zusammenhang – , sie kenne kein Werden und Vergehen, kein Wachsen und Verblühen und auch keine Bilder. Das Schöne spiegele sich vielmehr ewig in sich selbst. Auch bei Platon, der mindestens ebenso sehr Theologe wie Philosoph war, findet sich das Erlösungsmotiv. Denn wer die Idee des Schönen erschaut, soll unsterblich werden (was bei Platon, der auch von der Seelenwanderung ausgeht, ebenfalls das Entrinnen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten bedeutet). Seit Platon „geistert“ diese Wirklichkeitsvorstellung in allen möglichen Varianten durch das europäische Denken. Unsere Geistesgeschichte ist weitgehend eine Abfolge wiederkehrender Platonismen und realistischer Gegenreaktionen, wobei man im mittelalterlichen Universalienstreit, – dies zeigt, wie weit man die Dinge „verdrehen“ kann – ausgerechnet die platonisierende Position als Realismus bezeichnete.

Der Platonismus hat naturgemäß auch die Ästhetik, die Lehre von den Erscheinungsformen (des Schönen), beeinflusst. Dem entsprechend hat man – ähnlich wie im Falle des Borobodur – auch im Abendland versucht, die idealistische Wirklichkeitsvorstellung zu vergegenständlichen. Es lag nahe, dass man sich dabei auch des Stilmittels der Formreduktion bediente. Schon Parmenides vergleicht das anfangs- und endlose (wahre) Sein mit der Kugel als dem perfekten und einfachsten Körper. Platon stellt vor allem in seinem Spätwerk immer wieder Beziehungen zwischen den einfachen geometrischen Formen bzw. Zahlen und den Ideen her. Im „Timaion“ zieht er zur Bezeichnung des Vollkommenen Kugeln und Kreise heran. Von diesen wird die Vorstellung von Vollkommenheit auf die Körper übertragen, welche in enger Beziehung zur Kugel stehen. Dazu gehören insbesondere die fünf regelmäßigen geometrischen Körper, die von der Kugel einbeschrieben und umschrieben werden (Tetraeder, Würfel, Oktader, Pentagondodekaeder und Isokaeder). Da Platon mit Hilfe dieser Körper die Elemente und ihre Eigenschafen zu erklären versuchte, was, wie sich leicht vorstellen lässt, nicht ohne einige dogmatische „Anstrengungen“ – um nicht zu sagen Verdrehungen – abgehen konnte, wurden sie als „platonische Körper“ bezeichnet.

Von je her hat sich der idealistische Gedanke der Betonung einfacher geometrischer Formen auch auf die Architektur ausgewirkt. Er ist die Grundlage der regelmäßig wiederkehrenden Architekturströmungen, die wir als Klassizismus bezeichnen. Bis in das 20. Jahrhundert ist die Herrschaft des idealistischen Klassizismus freilich nie unumschränkt. Er wird immer durch Gegengewichte und konträre Bewegungen gemildert, die ihren Formenschatz vor allem der Natur entlehnen – man denke an die Figuren und die Pflanzenornamente, die sich etwa an antiken Tempeln finden, welche ihrerseits das Grundmuster der Klassizismen abgegeben haben. Die vormoderne Architekturentwicklung Europas ist dadurch gekennzeichnet, dass mal die naturnah-individual-isierenden, mal die mathematisch-typisierenden Aspekte der Form betont werden, die Form selbst aber immer beide Elemente enthält. Die (bloß) abstrakte Form hat in der Architektur, wenn man einmal von Sonderentwicklungen wie Pyramiden absieht, erst Anfang des 20. Jahrhunderts die Oberhand gewonnen. Seitdem bezieht die Hauptströmung der Architektur ihre Grundformen aus den platonischen Körpern.

Diese Entwicklung ist, auch wenn sie keinesfalls zwingend ist, kein Zufall. Sie ist Ausdruck der mathematisch-wissenschaftlichen Weltsicht der Neuzeit, in der Zahlen und geometrische Formen beherrschende Faktoren sind. Die platonischen Körper haben beim Entstehen dieser Weltsicht von Beginn eine wichtige Rolle gespielt. Schon Kepler, einer der Begründer des mathematisch-wissenschaftlichen Denkens, versuchte das neuzeitliche (heliozentrische) Weltsystem mit Hilfe der platonischen Körper zu erklären, was zu jener merkwürdigen Mischung aus Zahlenmagie und naturwissenschaftlich-mathematischem Denken führte, welche die Vorstellungswelt am Anfang der Neuzeit noch kennzeichnet. Seine Nachfolger haben die Zahlen und ihre geometrischen Derivate endgültig zum Maßstab der Weltinterpretation gemacht. Insofern ist Platon mit einem gewissen Recht auch immer wieder als einer der geistigen Väter der modernen Weltsicht gesehen worden.

Eine Architektur, die auf einer solchen Grundlage ruht, hat „naturgemäß“ einen Preis. In dem Maße, in dem die Idee an die Stelle des Persönlichen und Individuellen tritt, stellt sich auch ein Verlust an „Menschlichkeit“ ein. Die vormoderne Architektur suchte ihre Form- und Proportionsmodelle wie bei den unteren Stufen des Borobodur im Menschen oder in der lebendigen Natur. Die antike Säule etwa und ihre Nachfolger von der Gotik bis zum Barock hatte einen Fuß, einen Leib und einen Kopf, wobei man auf die Gestaltung des Kopfes (dem Kapitell- von lat. caput = Kopf) besonders großen Wert legte. In ähnlicher Weise war meist auch das Verhältnis der Teile eines Gebäudes zueinander aufgefasst. In der Regel hatte es einen erdenschweren Sockel, einen wohlproportionierten Körper und einen eindrucksvollen Abschluss in Form eines Giebels, eines Turmes oder eines Dachhutes. Die Fenster wurden wie die Augen einer schönen Frau, die Türen wie ein ausdruckvoller Mund hervorgehoben. Dem entsprechend waren Gebäude, soweit sie gestalterische Ansprüche erhoben, regelrechte Baupersönlichkeiten, zu denen man emotionale Beziehungen aufbauen konnte. Selbst eine so stark typisierende Architektur wie die des Mittelalters war in großem Maße individuell. Wer gotische Kathedralen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird – allen Vorstellungen über die quasi dogmatische Strenge ihres Stiles zum Trotz – feststellen, dass man es bei diesen architektonischen Wunderwerken jeweils mit außerordentlich prononcierten Baucharakteren zu tun hat. Zur Individualität gehörte „natürlich“, dass Bauten, sieht man einmal vom strengen Klassizismus ab, auch „unwesentliche“ Ecken und Kanten hatten und dass sie geschmückt waren. Gerade die Tatsache, dass sie geschmückt wurden, zeigt, dass diese Gebäude die Zuneigung ihrer Betrachter und Benutzer suchten.

In der Moderne sind Natur und Mensch als Maß der Architektur weitgehend verloren gegangen. Die Säule ist zur ungegliederten Stütze geworden. An die Stelle des ausgearbeiteten Korpus eines Gebäudes ist die bloße Wand oder die Repetition von Fassadenelementen getreten. Fenster und Türen sind mehr oder weniger nur noch Öffnungen der Wand. Auf einen Kopf oder eine Bedeckung desselben wird häufig verzichtet (nichts macht den Verlust des Individuellen deutlicher als die Entwertung des Kopfes als des Teiles eines Organismus´, der ihn am deutlichsten von anderen unterscheidet und damit individualisiert). Dass bei dieser Auffassung von Architektur das Ornament keinen mehr Platz hat, ist nur konsequent. Wie auf den oberen Stufen des Borobodur hat man es inzwischen als „unwesentlich“ aus dem Repertoire der Bau“kunst“ gestrichen (bezeichnenderweise lautete das Credo Mies van der Rohes, einem der Gurus der Moderne: „Höchste Wirkung schließt Dekoration aus“). Ein ähnliches Schicksal erlitt die Regionalität des Architektonischen, die so etwas wie die geographische Variante des Individuellen ist. An die Stelle ist ein Weltstil getreten, was dazu führte, dass auf allen Kontinenten tendenziell gleich gebaut wird. Dem Mangel an Individualität entspricht, dass man zu den abstrakten Gebilden, die auf diese Weise entstehen, nur schwer emotionale Beziehungen aufbauen kann. Wirklich lieben kann man eben nur Individuen und nicht abstrakte Personen oder Dinge an sich.

Der Verlust an konkreter „Menschlichkeit“, der in der Unterbewertung des Individuellen liegt, ist typisch für den Platonismus. Schon im Buddhismus ist der Aufstieg des Einzelnen in die höheren Sphären mit einer Aufgabe seines Selbst verbunden. Das Nirwana ist – wie im Borobodur auf so unvergleichliche Weise in Stein ausgedrückt – das Aufgehen des Einzelnen in der Allseele. In ähnlicher Weise ist auch bei Platon das lebensvolle Individuum mit seinem Werden, Aufblühen und Vergehen und damit das Persönliche von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung. Den Satz “Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ etwa konnte Platon nicht akzeptieren. Dieses Motto, das wir heute als einen wesentlichen Bestandteil des humanistischen Erbes der Antike ansehen, ist paradoxerweise zwar durch Platon überliefert. Es findet sich bei ihm jedoch nur, weil er es in seinem Dialog „Protagoras“ als falsche Meinung des Sophisten dieses Namens zitiert. Dem entspricht, dass Platon auch in seiner Staatsphilosophie mehr Gewicht auf allgemeine Prinzipien als auf die Betonung der Rechte des Individuums legte, weswegen er zu einer nicht-demokratischen – um nicht zu sagen autoritären – Staatsauffassung kommt.

Bestätigt wird die Annahme, dass wir es beim Hauptstrom der modernen Architektur mit einer Spielart des Platonismus zu tun haben, durch den Umstand, dass auch hier, wenngleich etwas versteckt, das Erlösungsmotiv auftaucht. So wie die Absorption des Platonismus in das Christentum durch die Kirchenväter zur Trennung von Diesseits und Jenseits sowie von Leib und Seele führte, was zu einer tendenziellen Abwertung des individuellen (irdischen) Lebens einschließlich des Körpers als seines angeblich dürftigen Trägers und zu einer Vertröstung auf eine bessere spätere Existenz in einem idealen Großen Ganzen (etwa im Paradies) führte, werden wir auch durch die moderne Architektur auf eine angeblich höhere Wirklichkeit verwiesen. Das Gefühl der Leere und der Unwirtlichkeit, das einen bei der Begegnung mit modernen Gebäuden, Plätzen und Stadtvierteln so häufig erfaßt, wird hier durch die Verheißung kompensiert, dass man am Zeitgeist teilhabe. Dieser „Geist“ aber ist ein sprunghafter und schnelllebiger Abkömmling des Weltgeistes, von dem uns die idealistische Philosophie einschließlich ihrer politischen Varianten immer schon viel Erhebendes versprach. Er ist damit nichts anderes als eine Spielart des Erlösungsgedankens. Denn dem, der des Welt-Zeit-Geistes teilhaftig wird, wird versprochen, durch das Wissen um die Zusammenhänge von Geschichte und Gegenwart an der Erkenntnis der Zukunft zu partizipieren. Damit aber wird nicht weniger als die teilweise Erlösung von der Last der Schicksalsungewissheit in Aussicht gestellt, ein Mittel der Wirklichkeitsreduktion, mit dem sich der Mensch in den unterschiedlichsten Varianten schon immer getröstet hat. Einer derartigen Erkenntnis- und Erlösungsgewissheit entspricht denn auch die Tendenz zur Ausschließlichkeit in der modernen Architektur, die alle Attribute des Missionarischen hat. In der Verengung des Blicks, die daraus resultiert, dürfte auch der Grund dafür liegen, dass man das abstrakte Bauen wegen seiner egalitären Effekte trotz seiner humanen Leere für demokratisch halten konnte.

Damit schließt sich der Kreis. Sieht man alles zusammen – Abwertung des Individuellen, Vertröstung auf Erlösung durch Teilhabe an einer höheren Wirklichkeit und Missionseifer – dann zeigt sich, dass der Grundgedanke des Hauptstromes der modernen Architektur theologischer „Natur“ ist. Womit wir wieder beim Borobodur wären.

Ein- und Ausfälle (China – 5)

Dass strategische Aspekte beim kommunikativen Umgang mit Tatsachen immer dann eine besondere Rolle spielen, wenn es um Fragen der Steuerung der Gesellschaft geht, ist ein allgemeines bekanntes, immer wieder vergeblich beklagtes Phänomen („Politiker lügen“). Bekannt ist auch, dass dieses Phänomen, das „ehrliche“ Europäer stets neu verwirrt, in Asien auch bei sonstigen Vorgängen der sozialen Kommunikation besonders häufig zu beobachten ist. Geht es allerdings um Fragen der Steuerung der Gesellschaft in Asien, dann können sich die Effekte in einem Maße summieren, dass die Flexibilität im Umgang mit Tatsachen ans Akrobatische grenzt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Falle von Dso`s Kommentar zu den altchinesischen Frühlings- und Herbstannalen. Irgendwann in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend v. Chr. versprach man sich viel davon, einen Kommentar dieses wichtigen Autors zu dem alterswürdigen Annalentext zu haben, der, wiewohl eigentlich inhaltsleer, in China zu einem bedeutenden sozialen Steuerungstext geworden war (was wiederum selbst große Freiheit im Umgang mit „sozialen Tatsachen“ eröffnete). Dso hat aber offenbar keinen Kommentar zu diesem Text geschrieben. Daher nahm man ein anderes Werk, von Dso, vielleicht aber auch von einem anderen Autor, und stückelte es so zurecht, dass es wie ein Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen aussah. Dass dabei manches überhaupt nicht passte, störte schon daher nicht, weil die Annalen wegen ihrer Inhaltsleere große Freiheiten bei der Kommentierung ermöglichten, im übrigen aber auch deswegen nicht, weil man sich im allgemeinen durch Tatsachen nicht sonderlich stören lässt, wenn man mit ihrer Behauptung strategische Ziele verfolgt.

Ein- und Ausfälle (China – 4)

Was China und Europa unterscheidet: Die Chinesen verwendeten das Schießpulver, dessen explosive Wirkung sie im 9. Jahrhundert entdeckt hatten, mehrere Jahrhunderte lag nur dazu, das Leben schöner oder einfacher zu machen. Sie fertigten daraus Feuerwerkskörper und benutzten es zum Sprengen und Signalisieren. Als die Europäer – vermutlich durch Vermittlung moslemischer Handelsreisender – Anfang des 14. Jahrhunderts Kenntnis von den Möglichkeiten des explosiven Gemisches erhielten, dachten sie als erstes daran, welche Schwierigkeiten man sich damit machen bzw. welche Vorteile man sich damit verschaffen könne. Kaum war das Schießpulver bekannt, gab es auch schon die ersten Handfeuerwaffen (1321). Noch im 14. Jahrhundert entstand auch eine Menge Literatur, in der Möglichkeiten zur Verbesserung der Wirkung des Schießpulvers beschrieben wurden. Im weiteren Verlauf setzten die Europäer ihre Kraft und Phantasie bevorzugt dazu ein, die zerstörerischen und erpresserischen Möglichkeiten explosiver Chemikalien zu erkunden, die erforderliche Technik zu entwickeln und zu verfeinern und die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Einsatz der Waffen zu schaffen, die daraus entwickelt wurden. Dies trug wesentlich zu jener Explosion der gesellschaftlichen Verhältnisse bei, welche die Europäer gerne als Fortschritt bezeichnen. Das Leben ist dadurch sicher dynamisch aber nicht schöner und einfacher geworden.

Ein- und Ausfälle (China – 2)

Im 18. Jahrhundert kamen die Berater des chinesischen Kaisers, die aufgefordert worden waren, sich über den Charakter der englischen Schiffe zu äußern, die China seinerzeit bedrängten, zu dem Ergebnis, es seien (nur) Handelsschiffe, die bewaffnet seien. Tatsächlich handelte es sich aber um Kriegsschiffe, was allerdings nichts daran ändert, dass die Chinesen den Sachverhalt vollkommen richtig beobachtet hatten.

Ein- und Ausfälle (China – 1)

China, so hört man von westlichen Kritikern gerne, sei früher zu sehr auf sich selbst bezogen gewesen. Es habe daher die (nicht zuletzt technischen) Entwicklungen verschlafen, deren Kenntnis die Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass es sich dem Druck der fortgeschritteneren Gesellschaften hätte erwehren können. Kindlich unreifes Reich der Mitte! Es hat nicht genügend von dem Halbstarkengehabe mitbekommen, das außerhalb seiner geschlossenen Grenzen üblich geworden war.

Der Palazzo dei Diamanti in Ferrara

Wer dem Corso Ercole I. d’Este in Ferrara folgt, der vom mittelalterlichen Kastell der Herzöge schnurgerade aus dem verschlungenen Zentrum der Stadt führt, glaubt sich gelegentlich in eine jener Idealstädte der Renaissance versetzt, wie sie auf den perspektivischen Intarsienbildern im Chorgestühl mancher italienischer Kirchen zu sehen sind. Auf beiden Seiten der Straße befinden sich lang gestreckte Patrizierpaläste. Straße und Gebäudefronten bilden Fluchtlinien, die in eine endlose Tiefe zu führen scheinen. Ordnung und Klarheit beherrschen das Bild. 

Auf halber Stecke des Corsos, der aber dennoch zu nichts anderem zu führen scheint, liegt der Palazzo dei Diamanti. Schon durch seine weiße Fassade, über die sich ein leicht hell-roter Schimmer von Cipollinoadern zieht, fällt er aus dem Rahmen der Umgebung, die von Terracotta oder jenem braun-roten Backstein geprägt ist, mit dem in der Po-Ebene mangels Naturstein sonst meist gebaut wird. Darüber hinaus besteht seine Außenhaut – auch dies ist weit und breit ohne Beispiel – aus Tausenden von pyramidenförmigen Marmorquadern, die wie überdimensionale Edelsteine aussehen. Diese haben ihm den Namen „Palazzo dei Diamanti“ eingebracht. 

Das Gebäude wirkt, da es rechtwinklig über Eck gebaut ist, auch als Ganzes wie ein großer Kristall. Von der Ecke aus erblickt man zwei fast identische Fassadenflächen, die ohne wesentliche Untergliederungen jeweils rund sechzig Meter in die beiden Straßen hineinlaufen. Das Bauwerk liegt – schwer wie ein Eckstein, auf den es ankommt – auf der Kreuzung zweier großer Straßen. Wie jemand, auf den es ankommt, ist sich vermutlich auch der Bauherr Sigismondo d’Este, der Bruder von Herzog Ercole I, nach dem der Corso benannt ist, bei der Entscheidung vorgekommen, das Gebäude aufzuführen. Das Bewusstsein seiner Größe ist durch den fertigen Bau wohl noch verstärkt worden. Wahrscheinlich hat er im Laufe der Zeit immer mehr daran geglaubt, die Riesengeschosse des Palastes ausfüllen zu können, die für die Helden gebaut zu sein scheinen, deren Namen er und sein Bruder trugen. 

Der Habitus des Gebäudes vermittelt freilich den Eindruck, als haben seine Bewohner mit der Stadt und ihren Menschen nicht viel zu tun haben wollen. Die Öffnungen nach außen sind spärlich. Das gewaltige Eingangstor signalisiert schon durch die schiere Masse seiner Portalflügel eher Ausschluss als Einlass. Die Sechzig -Meter Fassaden, die jeweils nur sieben Fenster pro Stock aufweisen, wirken geschlossen. Dort, wo sie aufeinander stoßen, ist, ferraresischer Sitte entsprechend, zwar ein Balkon angebracht. Er ist jedoch so klein, dass er sich selbst dementiert. Schon die Größe der Pforte, die von Innen auf den Balkon führt, steht in keinem Verhältnis zu den Dimensionen der Gebäudeöffnungen, welche die Palastbewohner für sich ansonsten für angemessen hielten. Offensichtlich hatte man nie die Absicht, sich dort dem gemeinen Volke auszusetzen. Auch der spärliche Bauschmuck deutet an, dass die Palastbewohner nicht all zu viel nach außen kehren wollten. Neben dem dünnen Ornamentband, welches die beiden Geschosse trennt, finden sich außen nur vier verzierte Pilaster. Zwei von ihnen flankieren das Portal, die anderen beiden bilden den Eckpfeiler an der Schnittstelle der beiden Fassaden. An diesen wenigen Stellen freilich zeigt der Hausherr, wie hoch seine Ansprüche sind. Die Pilaster sind mit feinsten Renaissance-Reliefs geschmückt. Am Portal wird dabei (Ab-) Wehrhaftigkeit demonstriert. Dort sind im Wesentlichen Teile römischer Rüstungen aufeinander gestapelt. Was die Bewohner des Hauses sonst noch umtrieb, verraten die Pfeiler an der Palastecke. Auf einem der Reliefs sieht man geflügelte Halbpferde und Faune, die spiegelbildlich um eine Mittelachse aus Kandelaberelementen angebracht sind. In sinniger Fortführung dieser Symmetrie sind weiter oben Herkules und Venus abgebildet. Am Fuß des Pilasters sitzen drei missmutig dreinschauende Harpyien, denen, die vertikale Spiegelsymmetrie in die Horizontale wendend, oben drei nackte Menschen gegenübergestellt sind, welche offenbar den Genüssen des Lebens zusprechen. Man mag darüber nachsinnen, ob diese Dreiergruppen Pole einer Lebensphilosophie oder Wünsche und Befürchtungen darstellen. Gemessen an den riesigen Fassadenflächen sind diese Anklänge von Menschlichkeit freilich verschwindend. Vorherrschend ist eine kristalline Ordnung. Als Ganzes betrachtet hat der Palast daher etwas Abweisendes. Seine Massigkeit wirkt geradezu apologetisch. Es scheint, dass sich der Hausherr verteidigen will. Bei näherer Betrachtung wirkt die diamantene Fassade denn auch stachelig. Es ist, als habe sich dahinter jemand eingeigelt.  

1771 Wolfgang Amadeus Mozart, Exsultate, jubilate – Mottete für Sopran und Orchester, KV 158a

 

Mozart war schon als Junge ein gefragter Opernkomponist. Im Alter von 17 Jahren hatte er bereits fünf Opern geschrieben. Selbst Mailand, das Eldorado der Oper, wollte Werke von ihm haben. Ende 1772 begab er sich nach Mailand, um seine Oper „Lucio Silla“ zur Aufführung zu bringen. Die Vorbereitungen für die Uraufführung waren offenbar ziemlich turbulent, denn Mozart musste wegen Textänderungen erhebliche Teile des Werkes neu schreiben. Hinzu kam, dass er zu Werbezwecken verschiedene „Akademien“, das heißt Konzerte, abzuhalten hatte. Mitten in diesem Trubel komponierte Mozart für den „ersten Sänger“ der Oper, den „Sopranisten“ Rauzzuni, „nebenbei“ die Motette „Exsultate, jubilate“, die als Einlage für die katholische Messe gedacht war. Mozart schrieb darüber an seine Mutter, möglicherweise den Sänger persiflierend: „Ich vorhabe, den primo eine homo motetten machen, welche morgen müssen bey Theatinern den produziert wird“. Ein interessantes Licht auf die „gelehrte“ Arbeitsweise Mozarts wirft die Tatsache, dass er sich bei der Anlage des Stückes genau an die Vorgaben für Motteten hielt, die Joachim Quantz in seinem 1752 erschienenen Lehrbuch, „Versuch eine Anweisung die Flute traversière zu spielen“ aufgestellt hatte.

 

Die Umstände, unter denen die Motette entstand, sind sicherlich mitursächlich dafür, dass sie ausgesprochen opernhaft angelegt ist. Virtuos-kantable Koloraturen, wie sie in „Lucio Silla“ zu Hauf vorkommen, sowie eine empfindsame Arie im Mittelteil geben dem Sänger alle Möglichkeiten, sich „in Szene“ zu setzen. Im Schlussteil findet sich eine Passage, die vor allem dem deutschen Zuhörer auffallen muss. Mozart nimmt darin eine melodische Wendung aus Haydns „österreichischer“ Volkshymne kroatischen Ursprungs vorweg, die zum Deutschlandlied werden sollte.

1990 John Rutter (geb.1945) – Magnificat

Auf ein Werk wie John Rutters Magnificat haben die Chöre Europas und Amerikas offenbar gewartet. Es ist eines der nicht gerade vielen Werke eines zeitgenössischen Komponisten, das landauf-landab mit Begeisterung gespielt und gehört wird. Das liegt sicher daran, daß Rutters Umgang mit der musikalischen Tradition erfrischend unvoreingenommen ist. Wiewohl mit allen Wassern neuerer Kompositionstechnik gewaschen, sind ihm modernistische Tabus fremd. Daher darf es auch einmal einfach schön klingen. Das musikalische Material des Werkes ist außerordentlich vielfältig. Thematisch reicht es vom gregorianischen Choral über die Fuge und den Rumba bis zum Rag Time. Der Bogen der Harmonik spannt sich von der einfachen Dreiklangstonalität über impressionistische Ganztonchromatik und filmmusikalische Effekte bis hin zu Jazz und moderner Clusterbildung. Hinzu kommt eine außerordentlich vielfältige Rhythmik, die in ständig wechselnden Takteinheiten notiert ist. Diese hoch differenzierten Mittel werden aber unideologisch eingesetzt, weswegen das Werk auf ganz unmittelbare Weise verständlich ist. Diese Musik will begeistern und ergreifen und das gelingt ihr auch.

Seinem Gegenstand entsprechend – den Empfindungen Marias nach Verkündung ihrer Mutterschaft – , ist das Magnificat durch einen fröhlich-festlichen, aber auch durch einen mitunter betörend (be)sinnlichen Tonfall gekennzeichnet. Sehr frauliche Empfindungen kommen in den lyrischen Passagen zum Ausdruck, die dem Sopran, der einzigen Sologesangsstimme, übertragen sind. In den großangelegten und effektvollen Chorpartien zeigt sich die Herkunft des Komponisten aus der Chorszene Englands, wo er seit langem im universitären und kirchlichen Bereich als Chordirigent wirkt. Eine Herausforderung für die klassischen Sänger ist hier die Jazzfuge des „Fecit Potentiam“. Das stark besetzte Orchester wird außerordentlich wirkungsvoll eingesetzt. Kammermusikalische Solopassagen wechseln mit Tuttiblöcken, in denen die Stimmen mehrfach geteilt sind. Vor allem die reichlich vertretenen Blechbläser dürfen immer wieder fulminante Akzente setzen. Auch in der Fassung für Kammerensemble, in welcher der Bläsersatz ausgedünnt ist, dafür aber die Orgel hinzutritt, verliert die Musik nichts von ihrer Farbigkeit.

Das Magnificat wurde im Mai 1990 in der Carnegie Hall in New York uraufgeführt, der Stadt, der seine Musik offensichtlich viele Anregungen verdankt.

1969 Aulis Sallinen (geb. 1935) – Aspekte des Trauermarsches von Peltoniemi Hintrik für Streichorchester

Aulis Sallinen, der sich inzwischen weltweit einen Namen als Opernkomponist gemacht hat, gilt in seinem Heimatland Finnland als der legitime Nachfolger des populären Jean Sibelius. Diesen Ruf konnte er nicht zuletzt deswegen erlangen, weil er in seinem kompositorischen Schaffen den Hörer nicht aus den Augen verlor. Dies hat natürlich etwas damit zu tun, daß er Distanz zu radikalen musikalischen Zeitströmungen hielt. Bei aller Bereitschaft, Neues zu erkunden, verwirft er weder die Tonalität noch traditionelle Formen der Themenverarbeitung. Dennoch hat man bei Sallinen nicht das Gefühl, er sei kein moderner Komponist. Beim Hören seiner Musik, spürt man sofort, daß es sich um Musik unserer Zeit handelt. Sallinen ist es gelungen, eine unverwechselbare neue Tonsprache zu schaffen, ohne mit der Tradition zu brechen.

 

Dies gilt auch für das Werk „Aspekte des Trauermarsches von Peltoniemi Hintrik“ für Streichorchester. Die Komposition aus dem Jahre 1967, ursprünglich Sallinens 3. Streichquartett, nimmt ihren Ausgangspunkt von einer populären Fidelmelodie. Schon bevor deren verschiedene „Aspekte“ in fünf Variationen durchgespielt werden, hat sie allerhand harmonische und klangliche Abenteuer zu bestehen. Durch die mitunter turbulenten Verfremdungen klingen immer wieder Elemente traditioneller Musik, wodurch der Eindruck entsteht, als wolle der Komponist eine Geschichte erzählen. Es ist zu vermuten, daß dies alles mit Peltoniemi Hintrik zu tun hat, einer offenbar ziemlich schrägen Persönlichkeit, über die wir leider nicht mehr wissen, als das, was uns Sallinen mit seinen eindrucksvollen musikalischen Mitteln darüber zu erzählen weiß.

1959 Jean Francaix (1912 – 1997) – L’Horloge de Flore

Das Werk „L’Horloge de Flore“ (Die Blütenuhr) für Oboe und Orchester entstand im Jahre 1959. Ihm ein Gedicht von Mallarmé zu Grunde, das wiederum eine Idee des großen schwedischen Botanikers von Carl von Linné (1707-1778) aufnimmt. Die verschiedenen Blumen werden in der Reihenfolge vorgestellt, in der sie im Tagesablauf erblühen. Der bunte Reigen, in dem auch Tanzrhythmen wie der Rumba erklingen, beginnt „majestätisch“ mit dem Schneeglöckchen, das seine Kelche bereits nachts um 3 Uhr öffnet. Um 5 Uhr folgt die Cupidone, danach um 10 Uhr die Wachsblume. Zur Mittagsstunde meldet sich – unterstützt von einer Soloklarinette und indischen Tablafiguren – die Jalape von Malabar zu Wort. Auf’s Zarteste „erklingt“ um 17 Uhr die Wunderblume. Gar nicht melancholisch kündigt die Trauergeranie um 19 Uhr die Neige des Tages an, der um 21 Uhr von der Nachtblume beendet wird.

1951/52 Francis Poulenc (1899- 1963) – Capriccio d`après Le Bal masqué, L`Embarquement pour Cythère

Die beiden Stücke für zwei Klaviere sind von nostalgischen Erinnerungen Poulencs an seine Jugend geprägt. Als Kind verbrachte Poulenc den Sommer regelmäßig im Ferienhaus seiner Großeltern in Nogent-sur-Marne unweit von Paris. An die unbeschwerte Stimmung dieser Aufenthalte hat sich der Komponist später gerne erinnert. In dem Städtchen am Ufer der Marne gab es eine Reihe von „guinguettes“, eine Art Café, wo sich abends ein gewisses Nachtleben entfaltete. Die erotisch angehauchte Musik der „bals musettes“ und der Varietés, die Poulenc hier hörte, hat bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie spiegelt sich in vielen seiner Werke. Das „Capriccio“, das im Jahre 1952 entstand, zwei greift in zwei Stufen auf diese Kindheitserinnerungen zurück. Es bezieht sich auf die profane Kantate „Le Bal masqué“, die Poulenc im Jahre 1932 nach Gedichten von Max Jackob, einem Mitglied des Kreises der Surrealisten um André Breton und Paul Éluard, komponierte. Die Kantate wiederum enthält Elemente der Musik, die Poulenc nicht zuletzt in den „guinguettes“ von Nogent-sur-Marne gehört hatte.

 

Ein Jahr vor dem „Capriccio“ hatte Poulenc die Valse musette „L`Embarquement pour Cythère“ komponiert, die ebenfalls die Atmosphäre von Nogent-sur-Marne heraufbeschwört. Er verwendete dabei Musik für den Film „Die Reise nach Amerika“, die er kurz zuvor geschrieben hatte. Der Titel des Werkes spielt auf das Bild gleichen Namens von Watteau an, das Friedrich der Große für seine Sammlung von Rokokogemälden erwarb. In diesem berühmtesten Gemälde des 18. Jahrhunderts wird in schwülen Farben die Einschiffung einer erotisch – erwartungsfrohen Gesellschaft zur Fahrt auf die griechische Liebesinsel Cythera dargestellt. Möglicherweise hat sich Poulenc bei der Wahl des Titels seiner Komposition von der „Liebesinsel“ in der Marne bei Champingy, die er als Jugendlicher in den Sommerferien häufiger durchstreifte, und der Tatsache inspirieren lassen, dass Watteau in Nogent-sur-Marne starb.

1949 Serge Prokofieff (1891-1953) – Sonate für Violoncello und Klavier

Bei russischer Musik des 20. Jahrhunderts stellt sich unweigerlich die Frage nach ihrem Verhältnis zur Politik. In besonderem Maße ist dies bei Prokofieff der Fall. Prokofieff verließ wie Rachmaninow nach der Oktoberrevolution seine russische Heimat und lebte im kapitalistischen Ausland, wo er fast zwei Jahrzehnte als frei schaffender Künstler durch Japan, Europa und Amerika irrte und sich mit der europäischen Avantgarde auseinandersetzte. Erstaunlicherweise (und anders als Rachmanninow) kehrte er jedoch 1936 in die Sowjetunion zurück, in ein Land, das nach anfänglicher Aufbruchstimmung gerade dabei war, künstlerisch bieder zu werden. Wie, so fragt man sich, konnte Prokofieff, der doch das Leben in der freien Welt kennen gelernt hatte, ausgerechnet zu einer Zeit endgültig in die Sowjetunion zurückkehren, in welcher der Stalinismus seine übelste Seite zu offenbaren begann? Die Frage stellt sich um so mehr, als dort wenige Monate zuvor das erste Scherbengericht über die moderne Musik stattgefunden hatte, bei dem insbesondere Schostakowitsch massiv kritisiert und sogar bedroht worden war.

 

Daß Prokofieff, der damals 45 Jahre alt war, unter diesem Umständen in sein Heimatland zurückkehrte, hatte offensichtlich mit der Aussicht zu tun, nicht länger als freischwebender Künstler auf dem freien Markt vagabundieren zu müssen, auf dem man zwar so ziemlich alles machen konnte, was man wollte, auf dem man unter Umständen aber auch nur begrenztes Interesse erregte. Im sozialistischen System hingegen konnte Prokofieff damit rechnen, eine anerkannte Rolle in der Gesellschaft spielen. Darüber hinaus konnte er sich in der Vorstellung wiegen, an der Gestaltung des sozialistischen Staates mitwirken zu können, der immerhin nicht weniger versprach, als das Paradies auf Erden herzustellen. Prokofieff war bereit, hierfür gewisse Abstriche bei der künstlerischen (und persönlichen) Freiheit zu akzeptieren.

 

Wirklich substanzielle Abstriche bei der künstlerischen Qualität lehnte Prokofieff allerdings immer ab. Kurz nach seiner Übersiedlung schrieb er über seine Auffassung vom sozialistischen Realismus: „Die Musik ist in unserem Lande zum Besitz der großen Massen geworden. Deren künstlerischer Geschmack wächst mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit. Deswegen sehe ich jedes Bestreben des Komponisten nach Simplifizierung als falsch an“. In seinen neueren Kompositionen, so schrieb er weiter, habe er sich in keiner Weise bemüht, sich allgemein bekannter harmonischer und melodischer Wendungen zu bedienen. Die Schwierigkeit bestehe darin, „in einer klaren Sprache zu komponieren und daß diese Klarheit nicht die alte, sondern die neue sein muß.“ Von dieser Linie der gemäßigten Modernität hat sich Prokofieff auch nicht abbringen lassen, als er im Jahre 1948 beim zweiten großen Scherbengericht über die neue Musik selbst in die Schußlinie der Partei geriet und man ihm, Schostakowitsch, Khatchaturian und anderen Formalismus, mangelnde Volksnähe und allzu große Nähe zur Musik des dekadenten Westens vorwarf.

 

Dies zeigt nicht zuletzt Prokofieffs Cellosonate, die er im Jahre 1949, also ein Jahr nach dem erneuten Generalangriff der Partei komponierte. Das Werk, das in Zusammenarbeit mit dem großen russischen Cellisten Mistislav Rostropowitsch entstand (dieser war damals gerade 20 Jahre alt), wirkt bei aller Klarheit der Form und trotz seiner eingängigen Melodik und verständlichen Harmonik niemals rückwärtsgewandt oder epigonenhaft.

 

Prokofieff blieb bekanntlich der Sowjetunion und ihrem damaligen Repräsentanten Stalin bis zu seinem Tode treu. Merkwürdigerweise starb er am gleichen Tag und Ort wie Stalin, nämlich am 5.März 1953 in Moskau. Im Gegensatz zu Stalins „Werk“ lebt seine Musik, ebenso wie die von Schostakowitsch, Khatchaturian und anderer, die ähnliche Qualitätsbegriffe hatten, weiter. Diese Musik hat sogar beste Chancen, manche Musik des Westens aus dieser Zeit zu überleben. Es könnte sein, daß von der Musik, die um die Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, auf lange Sicht besonders viel aus dem Bereich der ehemals sozialistischen Länder übrig bleibt. Dies hat damit zu tun, daß die Komponisten hier – wenngleich durch eine engherzige Kulturbürokratie – gezwungen wurden, auf den Bezug dessen zu achten, was man die (soziale) Realität nannte, mit anderen Worten nicht abzuheben und auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.

 

Auf den ersten Blick scheint dies ein merkwürdiges Ergebnis des sozialistischen Realismus. So ganz ungewöhnlich wäre eine solche Karriere von Musik dann aber auch wieder nicht. Auch in der Klassik ist nicht die schlechteste Musik in sozialen Verhältnissen und für solche entstanden, mit denen wir heute nichts mehr zu tun haben wollen. Der Grund dafür dürfte sein, daß sich die Musik von ihrem engen sozialen Kontext emanzipieren konnte, was nicht zuletzt deswegen möglich war, weil sie ihre allgemeine Bedeutung aus der Reibung mit diesem Kontext gewann.

1947 Richard Strauss (1864 – 1949) – Duett-Concertino für Klarinette, Fagott und Streicher mit Harfe

Im Duett-Concertino, dem die Idee zu Grunde liegt, die lustige Klarinette gegen das traurige Fagott auszuspielen, haben die Interpreten, die Strauss stets im Verdacht der Programmusik haben, immer ein Programm gesucht. Ihm soll Andersen Märchen vom Schweinehirten Modell gestanden haben. Demnach würde es darum gehen, daß ein Schweinehirt (Fagott) um eine kapriziöse Prinzessin (Klarinette) wirbt. Es ist allerdings auch von einem Bären die Rede, der sich in eine Prinzessin verliebt hat, was zeigt, daß die Sache nicht so ganz einfach ist. In Wirklichkeit hat Strauss, der am Aufkommen beider Versionen eine gewisse Mitschuld trägt, seinen Kritikern ein Schnippchen geschlagen. Die beiden ersten Sätze können als Programmmusik verstanden werden, das Rondo aber ist absolute Musik. Der greise Meister, der nach einem musikalischen „Heldenleben“, welches ihn durch alle Höhen und Tiefen der Empfindung führte, zu heiterer Einfachheit zurückkehrt, beschwört hier „im schwebenden musikalischen Spiel ein kleine Welt reiner Märchenschönheit“.

1945 Richard Strauss (1864 – 1949) – Konzert für Oboe und kleines Orchester

Am 22. März 1947 wandte sich der argentinische Musikschriftsteller Johannes Franze brieflich an Richard Strauss mit der Bitte, er möge seinen Londoner Verlag dazu veranlassen, ihm, Franze, wie vor dem Krieg, wieder die Klavierauszüge seiner neueren Schöpfungen zu senden. Man habe in Buenos Aires zwar alles von Strawinski und de Falla gehört, man kenne viel von jungen russischen und nordamerikanischen Komponisten, „aber“, so fuhr er fort, „die Wucht, Größe, Leidenschaft und zugleich Feinheit, Wärme, Farbe und Poesie Ihrer Tonsprache wird unnachahmlich bleiben und für immer in die Geschichte eingehen“. Am 1.4.1947 antwortete Strauss, er werde der „ausgezeichneten und sehr rührigen“ Firma „Boosey und Hawkes“, der er seinen Nachlass anvertraut habe, diesen Wunsch ans Herz legen. Allerdings sei sein Lebenswerk mit den Opern „Liebe der Danae“ und „Capriccio“ beendet. In Anschluss daran listet er dann aber eine Reihe von Kompositionen, im wesentlichen Instrumentalwerke, auf, welche er danach noch geschrieben hatte. Bei diesen Stücken, so merkte er in der für ihn typischen lakonischen Art an, handele es sich um „Werkstattarbeiten, damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“. Zu den genannten Werken gehörte auch das „Konzert für Oboe und kleines Orchester“, das Strauss im Jahre 1945 komponiert hatte.

 

Das Oboenkonzert steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu den unmittelbar davor entstandenen „Metamorphosen für 23 Solostreicher“, die ebenfalls in der Liste der „Werkstattarbeiten“ aufgeführt sind. Dieses hoch komplexe und rätselhafte Werk, das manche für das Bedeutendste des Komponisten halten, spiegelt die tiefe Depression, in die Strauss angesichts der Zerrüttung der allgemeinen und nicht zuletzt seiner persönlichen Verhältnisse am Ende des Krieges gefallen war. Es ist eine höchst persönliche, von Selbstmitleid nicht freie Auseinandersetzung mit der deutschen Tragödie, in der Strauss als zeitweiliges Aushängeschild des nationalsozialistischen Regimes Handelnder, zugleich aber künstlerisch und wirtschaftlich auch Leidtragender war. Strauss hat im letzten Kriegsjahr immer wieder zum Ausdruck gebracht, wie tief ihn gerade die Zerstörung der  Opernhäuser, vor allem natürlich „seiner“ Häuser in München, Dresden und Wien getroffen hatte. Ihr Verlust war für ihn Symbol für ein mögliches Ende der deutschen Kultur, ja überhaupt der Kultur. Die Stimmung, in der er sich seinerzeit befand, offenbart sich etwa in einem Brief vom 5. April 1945 an den Wagnerforscher Golther, der mitten in die Zeit der abschließenden Arbeit an den „Metamorphosen“ fällt. Darin heißt es, dass nun die „zweihundertjährige deutsche Kultur zu versinken, die deutsche Musik zu erlöschen oder zumindest in der seelenlosen Maschine zu entarten drohe“. Sein eigenes künstlerisches Leben sei beendet und er komme sich „wie ein lebendig Begrabener“ vor. Die „Metamorphosen“ sind ein lamentöser Rückblick auf eine Kulturepoche, die sich – in Straussens damaliger Sicht – im Untergang befand, was für den Komponisten, der sich als den letzten große Repräsentanten dieser Entwicklung sah, dem Ende der Musikgeschichte gleichkam. Dem entspricht, dass er in diesem Werk so etwas wie die Summe der (satztechnischen) Möglichkeiten der Epoche zieht. In einer gewaltigen Anstrengung wagt er ein Werk für 23 Solostimmen, die sich – das überkommene Variationenprinzip auf die Spitze treibend – zu einem Geflecht verbinden, das an Dichte und Beziehungsreichtum kaum mehr zu überbieten ist.

 

Es ist als habe Strauss sich mit den „Metamorphosen“ seine Probleme von der Seele komponiert. Wenige Wochen danach entstand das Oboenkonzert, in dem die Stimmung schon wieder wesentlich optimistischer ist. Inzwischen hatte Strauss unmittelbaren Kontakt mit den amerikanischen Besatzungstruppen, die ihm die nötige Ehre erwiesen, u.a. indem sie von ihm Autogramme – möglichst mit ein paar Takten aus dem „Rosenkavalier“ – erbaten und seine Villa in Garmisch als „off limits“ einstuften. Die Besatzer, die er kurz zuvor in seinem Tagebuch als „verbrecherische Soldateska“ bezeichnet hatte, die „unersetzliche Baudenkmäler zerstören“, erschienen ihm nun „äußerst lebenswürdig und wohlwollend“ (Brief vom 10.5.1945 an seinen Biographen Schuh).

 

Unter den Soldaten, die Strauss aufsuchten, war auch der damals 24 – jährige John de Lancie aus Chicago, der im Zivilberuf Oboist war. De Lancie berichtet über sein Gespräch mit Strauss: „Ich erinnere mich, dass ich damals dachte, ich könne nichts zu dem Gespräch beitragen, das den Komponisten auch nur am Rande interessierte. Einmal jedoch nahm ich allen meinen Mut zusammen und begann über die herrlichen Oboenstimmen zu sprechen, denen man in so vielen seiner Werke begegne…. Ich wollte wissen, ob er zu diesem Instrument eine besondere Affinität habe, und da mir sein Hornkonzert bekannt war, fragte sich ihn, ob er jemals an ein Konzert für die Oboe gedacht habe. Seine Antwort war ein klares <Nein>! Das war so ziemlich alles, was ich aus ihm heraus bekommen konnte.“ Der Amerikaner scheint aber doch Eindruck auf den Komponisten gemacht zu haben. Kurz darauf begann Strauss mit der Komposition eines Konzertes für dessen Instrument.

 

Im Oboenkonzert, das wieder wunderbar durchsichtig ist, führt Strauss das Soloinstrument in weit gesponnenen Girlanden aus einer elegischen Grundhaltung in immer lichtere Höhen. Die Stimmung der „Metamorphosen“ ist aber noch nicht ganz überwunden. Dies zeigen neben dem untergründigen Grummeln der Streicher, welches besonders den ersten Teil durchzieht, vor allem die zahlreichen Anspielungen auf das Vorgängerwerk. So findet sich auch hier der auf einem Ton klopfende Themenkopf, der in den „Metamorphosen“ mit verstörenden Tonartrückungen streckenweise unerbittlich wiederholt wird. Anders als dort, wo er sich schließlich resignierend in das Thema des Trauermarsches aus Beethovens „Eroica“ verwandelt, erscheint er im Oboenkonzert aber als ferne Erinnerung und wird versöhnlich fortgesetzt. Nach einem nachdenklichen Mittelteil wird die elegische Stimmung im letzten Teil weitgehend überwunden: Gelegentlich breitet sich sogar Walzerseligkeit im Stile des „Rosenkavaliers“ aus, aus dessen Musik Strauss, dessen Stimmung sich zusehends aufheiterte, übrigens unmittelbar danach eine fulminante Orchestersuite machen sollte. Auch sonst gibt es zahlreiche Anspielungen auf die musikalische Tradition, nicht zuletzt auf Strauss` Vornamensvetter Richard Wagner, aus dessen „Siegfried – Idyll“ weitgehend das thematische Material des mittleren Teiles stammt.

 

Kurz nach der Vollendung des Particells des Oboenkonzertes übersiedelte Strauss, der die Entnazifierungsverfahren und die Entbehrungen der Nachkriegszeit fürchtete, mit Zustimmung des zuständigen amerikanischen Offiziers in die Schweiz, wo er gegen einigen publizistischen Widerstand im dortigen Musikleben Fuß zu fassen versuchte. Hier vollendete er in seinem vorläufigen Domizil, dem Hotel Verenahof in Baden, im Oktober 1945 die Partitur des Konzertes. Am 25. Januar 1946 fand in Zürich die Uraufführung der „Metamorphosen“ statt, an der Strauss, wohl wegen der besonderen Bedeutung, die das Werk für ihn hatte, nicht teilnahm. Er dirigierte es am Vortag nur einmal in einer Probe. Einen Monat später, am 26. Februar, wurde das Oboenkonzert  – ebenfalls in Zürich – erstmals aufgeführt. Strauss lud dazu de Lancie ein, der aber nicht kommen konnte, weil er in Amerika war. Da die Veranstalter (politische) Bedenken gegen Strauss hatten, wies man ihm einen Platz im Hintergrund des Saales an. Kurz vor Beginn des Konzertes ging aber eine Zuhörerin, die in der ersten Reihe saß, auf Strauss zu und tauschte mit ihm den Platz, was der Komponist als Beginn des Wiedereintritts in die Musikgeschichte empfunden haben dürfte.

Weitere Texte zu Werken von Strauss und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1944 Aram Khatchaturian (1903 – 1978) – Walzer aus der Maskerade-Suite

Wie Schostakowitsch, dessen Lebensdaten er weitgehend teilt, ist Khatchaturian eine sowjetische Künstlerpersönlichkeit, die im Zwiespalt zwischen persönlichem Ausdruckswillen und der Forderung nach sozialistischem Realismus eine Musik schuf, die zugleich hörbar und zeitgemäß war. Wie Schostakowitsch war er Zielscheibe der engherzigen sozialistischen Kulturkritik, zugleich aber auch in die volkspädagogischen Bestrebungen des Regimes eingespannt. Khatchaturians großes Engagement auf diesem Feld spiegelt sich nicht zuletzt in seinen zahlreichen Bühnen- und Filmmusiken wieder, aus denen wiederum eine ganze Reihe Suiten hervorgegangen sind. Für angewandte Musik dieser Art war der Komponist wegen seines ausgeprägten Sinnes für Farbe und Rhythmus, der aus der Verwurzelung in der Musik seiner armenischen Heimat resultiert, geradezu prädestiniert.

 

Die Maskerade-Suite entstand aus der Musik zu dem gleichnamigen Schauspiel des russischen Romantikers Mikhail Lermontow, die Khatchaturian im Jahre 1944 komponierte. Der außerordentlich temperamentvolle und eingängige Walzer daraus, der mit seiner übermütigen Laune in einem merkwürdigen Kontrast zu der bedrückenden Stimmung der Kriegszeit steht, in der er geschrieben wurde, ist zu so etwas wie einem Markenzeichen für den Komponisten geworden.

 

1943 Benjamin Britten (1913-1976) – Serenade für Horn, Tenor und Streichorchester

Die Künstlerfigur Benjamin Britten widerlegt den vermeintlichen Erfahrungssatz, daß ein Klassiker der Musik eine Person sei, die allenfalls unsere Großeltern noch persönlich erleben haben konnten. Viele der heutigen Konzertbesucher haben den Engländer, mit dem sich wie selbstverständlich die Vorstellung von Klassizität verbindet, noch vor weniger als 30 Jahren durch die Konzertsäale Deutschlands ziehen sehen. Die Liederabende mit seinem Lebensgefährten Peter Pears, bei denen neben den großen Werken der Liedtradition auch viele seiner eigenen Lieder aufgeführt wurden, waren denkwürdige Ereignisse. Ihre „Winterreise“ von Schubert galt lange Zeit als die Alternative zur der alles beherrschenden Interpretation von Dietrich Fischer-Dieskau.

Ein „Klassiker“ ist Britten schon deshalb, weil er sich, ohne die Entwicklungen seines Jahrhunderts zu verleugnen, konsequent einer verständlichen und melodiösen Tonsprache bediente. Seine Werke sind bei aller Beweglichkeit des musikalischen Materials fest in der Tonalität verwurzelt und haben eine übersichtliche Faktur. Wichtig war Britten auch der Kontakt zu den ausübenden Musikliebhabern und zur Jugend, was nicht die schlechteste Voraussetzung für eine Klassifizierung ist. Dies hat uns so populäre Werke wie „Young Person’s Gide to the Orchestra“ und die „Simple Symphony“ beschert. Hinzu kommt, daß Britten für das Musikleben Englands eine ähnlich überragende Bedeutung hatte wie etwa die Wiener Klassiker für den deutschsprachigen Raum. Er schrieb die erste bedeutende englische Oper nach Henry Purcell und beendete damit eine Durststrecke der englischen Opernproduktion, die nicht weniger als 250 Jahre andauerte. Brittens insgesamt 17 Bühnenwerke, darunter ein Ballett für John Cranko, trugen entscheidend zur Wiederbelebung des englischen Musiktheaters bei, das zuvor weitgehend darniederlag. Zwischen den beiden Weltkriegen gab es im ganzen Land nur zwei regelmäßig bespielte Opernhäuser, auf denen dazu fast nur ausländische Kompagnien gastierten.

Neben der Oper hat sich Britten vor allem mit zahlreichen Liederzyklen hervorgetan. Einer der beliebtesten ist die Serenade Op.31 für Horn, Tenor und Streichorchester, die im Jahre 1943 entstand. Dem Werk, das auf nostalgische Weise die Formen der musikalischen Tradition verwendet, liegen englische Gedichte aus mehreren Jahrhunderten zum Thema Nacht und Traum zugrunde. Wie fast alle Vokalkompositionen Brittens ist die Serenade für Peter Pears geschrieben, der sie am 15.Oktober 1943, mitten im Krieg, in der Londoner Wigmore Hall aus der Taufe hob. Die Komposition gilt als das Werk, mit dem der 29-jährige Britten seinen eigenen Ton fand. Er selbst meinte allerdings, das Stück sei „nicht sonderlich wichtig“. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, daß er gleichzeitig an seiner ersten großen Oper, „Peter Grimes“, arbeitete, die wenige Monate später seinen Weltruhm begründen sollte.

Zu Brittens Stellung als musikalischer Klassiker hat allerdings schon die Serenade Op.31 einen wesentlichen Beitrag geleistet. In der Besprechung der Uraufführung schrieb William Glock, der Kritiker des „Observer“: „Mit einer gewissen Traurigkeit habe ich immer meinem Vorgänger (im Amt des Kritikers), Fox-Strangways, von seinem Glück erzählen hören, daß er als junger Mann die reifsten Werke von Brahms unmittelbar nach ihrer Entstehung hören konnte. Jetzt geht es mir anders, denn mit Benjamin Britten haben wir endlich einen Komponisten, der uns ebenso große Visionen bietet. Seine neue Serenade übertrifft an Kraft und Gefühl alles, was er bisher geschrieben hat.“

1942 Jean Francaix (1912-1997) – Divertissement für Fagott und Orchester

Das Divertissement für Fagott und Streicher entstand mitten im 2. Weltkrieg (1942). Vielleicht ist die Tatsache, daß es der Zeitstimmung völlig entgegengesetzt war, der Grund dafür, daß es das Licht der Welt erst in tiefsten Friedenszeiten erblickte. Die Uraufführung fand nämlich im Mai 1968 in Schwetzingen statt. Das Werk macht seinem Namen alle Ehre. Es ist im besten Sinne des Wortes unterhaltend: witzig, gelegentlich sogar frech, stimmungsvoll und gespickt mit raffinierten Rhythmen. Vorsicht ist bei allzu schnellem Urteil geboten: Auch dort, wo sich das Fagott total zu verheddern scheint, hat der Meister Regie geführt!

1942 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Zirkus-Polka

Die Musikfarce vom Frühjahr 1942 wurde tatsächlich für den Zirkus und zwar für eine Elefantennummer des New Yorker Zirkus Barnum und Bailes geschrieben. Die Originalfassung sah dementsprechend eine Zirkusbandbesetzung vor. Strawinski schuf jedoch auch die Orchesterversion. Wie so häufig bei Strawinski enthält auch dieses in der Tradition der russischen Orchesterscherzi stehende Werk eine – recht turbulente – Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte. Darin versteckt sind „Zitate“ von Tschaikowski, Johann Strauß, Ravel und vor allem von Schubert (aus dem vierhändigen Militärmarsch in D-Dur). Der Erfolg der Polka war beachtlich. Sie ging bei Barnum und Bailes 425 Mal „über die Manege“. Die Elefanten allerdings verhielten sich so, wie die Hüter des Musikerbes auf Strawinskis Musik häufig reagierten. Sie waren verwirrt und hatten, ganz anders als bei Walzern, Schwierigkeiten, den Takt zu halten.  

Erstaunlich ist der Weg der Zirkuspolka nach Europa. Im August 1945 fanden nach der japanischen Kapitulation in den USA die Feierlichkeiten zur endgültigen Beendigung des 2. Weltkrieges statt, an denen General de Gaulle als Chef der französischen Übergangsregierung teilnahm. Er rief persönlich bei Strawinskis New Yorker Verlag an, bestellte die Partitur und nahm sie mit, wodurch sie in Strawinskis zeitweilige frühere Heimat Frankreich gelangte.

1939 Joaquín Rodrigo (1901-1999) – Konzert für Guitarre und Orchester (Concierto de Aranjuez)

Aranjuez kennt man hierzulande vor allem aus Schillers „Don Carlos“, dessen spanisches Schauspiel mit den Satz beginnt: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.“ Mit diesem Satz könnte man auch weite Teile der Entwicklung der neueren Kunstmusik überschreiben. Spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhundert war – jedenfalls in ihrer mitteleuropäischen Kernregion – die „Belle Époque“ der Kunstmusik mehr oder weniger vorbei. Auf dem Hintergrund der sozialen Katastrophen des 20. Jh. wurde die Musik hier zunehmend zum Medium der Reflexion über die Welt und ihre Probleme und zum Experimentierfeld zur Gewinnung außergewöhnlicher Erfahrungen und Erkenntnisse. Die Fragen, die man dabei verhandelte, waren meist von ernster und abstrakter Natur. Die Musikliebhaber folgten diesen Fragestellungen, vor allen aber den Antworten, welche die Komponisten darauf fanden, nur begrenzt. Dem entsprechend war das Verhältnis von Komponist und Publikum in erster Linie von Spannungen geprägt. Die – gute alte – Zeit, in welcher der gebildete Bürger die zeitgenössische Musik ohne weiteres als seine Musik empfand, war damit zum Ende gekommen. So ist es denn auch kein Wunder, dass danach nur noch wenige Werke der Kunstmusik ins allgemeine Bewusstsein vordrangen. Insbesondere aus den letzten zwei Dritteln des 20. Jahrhundert hat kaum mehr ein Werk der „seriösen“ Musik eine Popularität erlangt, wie sie Schlüsselwerke der Klassiker haben.

 

Die Ausnahme ist Rodrigos „Concierto de Aranjuez“. Es ist eines der bekanntesten Werke der „klassischen“ Musik überhaupt. Den Ganztonvorhalt, mit dem das Thema des zweiten Satzes beginnt, hat man sogar die berühmteste „Sekunde“ der Musik genannt. Das Werk wurde im Jahre 1939 komponiert, drei Jahre nachdem mit „Carmina Burana“ ein weiteres der raren Werke der neueren Musik entstand, die es noch ins allgemeine Bewusstsein schafften. Mit dem „Concierto der Aranjuez“ beschwört Rodrigo noch einmal die schönen Tage der Musik. Schon der Titel, der auf den gleichnamigen barocken Sommerpalast der spanischen Könige und seine prachtvollen Gartenanlagen anspielt, zeigt, dass es dabei weniger um die akuten Probleme der Zeitgenossen ging, wie sie etwa der zu Ende gehende spanische Bürgerkrieg durchaus stellte, sondern in erster Linie darum, sich einmal davon zu erholen. Dennoch ist Rodrigos Konzert keine bloße Unterhaltungsmusik. Der Komponist schöpft zwar reichlich aus der spanischen Folklore, insbesondere dem Flamenco, verarbeitet diese aber mit den seriösen Mitteln des Neoklassizismus, eine der herrschenden Kompositionsströmungen seiner Zeit. Im langsamen Satz geht es sogar außerordentlich ernsthaft zu. Rodrigo soll mit dessen Komposition begonnen habe, nachdem er erfahren hatte, dass bei der Schwangerschaft seiner Frau eine lebensgefährliche Komplikation aufgetreten sei. Man hat diesen beeindruckenden Satz daher als Gebet oder besser noch als Zwiegespräch mit Gott interpretiert, zumal Rodrigo darin eine Saeta anstimmt, eine Klagemelodie, die bei den Festprozessionen der Semana Santa in Sevilla erklingt.

 

Für Rodrigo, der im Alter von 3 Jahren fast vollständig erblindete, war das Werk der Auftakt für eine ganze Reihe von Konzerten, die er teilweise im Auftrag bekannter Instrumentalisten schrieb, darunter mehrere Konzerte für bis zu vier Gitarren. Der Komponist, dessen Leben das problematische 20.Jh. fast ganz ausfüllt, hatte in der Folge wichtige Ämter im spanischen Kulturleben inne und wurde, anders als seine mitteleuropäischen Kollegen, in hohem Maße vom Publikum geliebt. Dafür, und nicht zuletzt, weil er, allen persönlichen und gesellschaftlichen Problemen zum Trotz, die „gute“ Stimmung (bei)behielt, wurde er 1991 in den Adelsstand mit dem sinnigen Titel eines „Marquis der Gärten von Aranjuez“ erhoben.

 

1938 Bela Bartók (1881-1945) – Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug und Orchester

Anfang des 20. Jh. herrschte in Europa bei vielen schöpferischen Musikern das Gefühl, daß das spätromantische Musikidiom mit seinen hochartifiziellen und weit ausdifferenzierten Ausdrucksmitteln die Grenzen seiner Entwicklungsmöglichkeiten erreicht habe. Überall machten sich daher junge Komponisten auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Einige der „Jungen Wilden“ wandten sich dabei den Grundlagen der Musik zu. Bela Bartók etwa erforschte die Volksmusik Südosteuropas in der Absicht, in der „primitiven“ Musik „vorzivilisatorische“ Elemente zu finden. Die Beschäftigung mit der hergebrachten Musik der Balkanvölker sollte die Grundlage für außerordentlich neue Musik werden.

 

Ein Ergebnis dieser Besinnung auf die Grundlagen der Musik war, daß Bartók im Klavier, weil hier Hämmer auf Saiten geschlagen werden, vor allem ein Perkussionsinstrument sah. Dies führte nicht nur dazu, daß der rhythmische Aspekt in seiner Klaviermusik im besonderen Maße hervorgehoben ist. Es legte auch nahe, Schlagzeug und Klavier musikalisch unmittelbar aufeinander zu beziehen.

 

Dieser Gedanke liegt bereits Bartóks erstem Klavierkonzert aus dem Jahre 1926 zu Grunde. Schon optisch tritt das Schlagzeug hier aus dem Hintergrund – in der Partitur ist vermerkt, daß es „womöglich unmittelbar hinter dem Klavier aufgestellt“ werden soll. Inhaltlich spielen beide Instrumente ähnliche Rollen. Das musikalische Material dieses Konzertes ist fast ausschließlich rhythmischer Natur, wobei es – der Suche nach „vorzivilisatorischen“ Elementen entsprechend – außerordentlich hart zugeht.

 

Auch im zweiten Klavierkonzert aus dem Jahre 1930 sind Klavier und Schlagzeug auf besondere Weise verbunden. Durch zahlreiche Anspielungen an die „zivilisierte“ Musiktradition markiert Bartók hier aber so etwas wie einen Gegenpol zur Wildheit des ersten Konzertes. Das Klavier wird im Sinne der Romantik wieder mehr als Akkordinstrument behandelt.

 

Im Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug wird schließlich die Synthese erreicht. Auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft sucht Bartók hier die Balance zwischen Perkussion und Akkord. Daher sind die umfangreichen Perkussionsinstrumente – zu ihrer Bedienung bedarf es zweier Personen – hier einerseits echte Soloinstrumente, andererseits werden ihnen, um ein Übergewicht zu verhindern, zwei Klaviere gegenübergestellt. Auch hier hat Bartók die Anordnung der Instrumente genau vorgeschrieben. Das Schlagzeug soll zentral zwischen die beiden Klaviere positioniert werden, die ihrerseits schräg gegeneinander zu stellen sind.

 

Inhaltlich hat der Komponist, der auf der Suche nach Neuem zuvor nicht selten das Extreme wählte, Rhythmik und Melodik versöhnt. Das Werk gilt als „eines der in jeder Hinsicht vollkommensten und bedeutsamsten Meisterwerke“ in Bartóks Oeuvre. Wegen seiner inneren Logik und Übersichtlichkeit trägt es geradezu klassische Züge. An typisch Bartók´scher Dynamik und Expressivität fehlt es deswegen nicht. Der zweite Satz etwa ist ein besonders schönes Beispiel für die wundersamen Nachtstücke, die wir von Bartók besitzen. Man hat darin eine Naturschilderung, etwa ein Vogelkonzert in einem Wald gesehen. Im übrigen ist das Werk gekennzeicnet durch eine ausgeprägte lineare Polyphonie, die sich aus den unterschiedlichen Klangebenen der Soloinstrumente ergibt, sowie durch ausgeklügelte Polyrhythmik und ständige Schwerpunktverlagerungen. Die Behandlung des Schlagwerkes ist außerordentlich differenziert. Bartók gibt genaue Anweisungen, an welcher der Stelle das jeweilige Instrument mit welchem Teil des Schlagwerkzeuges zu schlagen ist, wodurch regelrechte Klangfarbenmelodien entstehen (besonders deutlich am Anfang des zweiten Satzes).

 

Das Konzert verdankt seine Entstehung einem Auftrag von Paul Sacher aus dem Jahre 1937. Für ihn und sein Basler Orchester hatte Bartók kurz zuvor bereits die berühmt gewordene „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ geschrieben, deren Klangwelt das Konzert nahe steht (es gilt als deren „jüngerer Bruder“).

 

Ursprünglich hatte die Komposition die Form einer Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. Als solche wurde sie am 16. Januar 1938 auch in Basel uraufgeführt. Seinerzeit spielten Bartók und seine zweite Frau die Klavierpartien, wobei seine Frau erstmals öffentlich auftrat. Es war einer der größten Erfolge Bartóks beim Publikum und bei der Kritik. Auf Bitten seines Verlegers schrieb Bartók in den folgenden Jahren die Orchesterfassung. Sie wurde erstmals am 21. Januar 1943 unter Fritz Reiner in New York, wiederum mit Bartók und seiner Frau als Pianisten aufgeführt. Es sollte der letzte öffentliche Auftritt des Komponisten sein.

 

1936 Samuel Barber (1910 -1981) – Adagio für Streicher

Das Adagio von Barber, eines der bekanntesten Werke der amerikanischen ernsten Musik, ist in Europa entstanden. Barber schrieb es im Jahre 1936 als Stipendiat der Amerikanischen Akademie in Rom. Das ungemein expressive Werk bildete ursprünglich den zweiten Satz eines Streichquartettes. Sein Eigengewicht erwies sich jedoch als so groß, daß es schon bald eigene Wege ging. Kein geringerer als der Europäer Arturo Toscanini führte es im Jahre 1938 in New York erstmals als selbständiges Orchesterwerk auf und spielte es auf Schallplatte ein. Im Jahre 1960 ließ Barber es zum Text des Agnus Dei auch als Chorwerk erscheinen.

 

Das Adagio ist ein exzeptionelles Werk. In einer Zeit, in der die musikalische Avantgarde Europas die traditionelle Musiksprache für verbraucht hielt, zeigt ein 26-jähriger aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Europäern gewissermaßen auf ihrem eigenen Terrain, welch‘ ungeheure Ausdrucksmöglichkeiten noch in dem alten Idiom steckten. In dem kurzen Werk läuft ein Drama ab, das an Spannung kaum zu überbieten ist. Barber führt die Musik auf höchst  abenteuerliche Wege und eröffnet grandiose Klangräume. Daß ihm der Hörer dennoch folgen kann, liegt ohne Zweifel nicht zuletzt daran, daß Barber die musikalische Textur und Harmonik, die dem Hörer vertraut ist, nie ganz verläßt.

 

1935 Jean Francaix (1912-1997) – „Sept Danses“ für 10 Bläser

Es gibt Komponisten der sogenannten ernsten Musik, die noch nicht lange tot sind, deren Musik man aber trotzdem ohne ein philosophisch-musikologisches Handwörterbuch auf dem Schoß hören und spontan genießen kann. Einer dieser Komponisten ist Jean Francaix. Daß seine Musik noch „hörbar“ ist, liegt auch daran, daß er sich weigerte, seinen in der Nachfolge Poulencs und der Gruppe der „Six“ einmal gefundenen „neoklassizistischen“ Stil aufzugeben und die Moden der Avantgarde mitzumachen. Francaix lehnte es konsequent ab, gewisse Grenzen zu überschreiten und historisch Gewachsenes vollständig über Bord zu werfen. Für ihn war etwa ein so altmodisches Konzept wie die Verständlichkeit der musikalischen Sprache verbindlich geblieben. Bei den Musiktheoretikern hat ihm dies wenig Ehre eingebracht. Während mancher Experimentator einen großen publizistischen Wirbel verursachte, gibt es kaum Literatur über Francaix und sein großes Oeuvre. Zeitweilig hat man sogar die Frage gestellt, ob er überhaupt ein ernstzunehmender Musiker sei. Anlaß dazu hat erstaunlicherweise die Tatsache gegeben, daß seine Musik bei aller Komplexität immer leicht und elegant ist und meist einen hintergründigen Humor hat. Verübelt hat man ihm nicht zuletzt, daß er auch die Musik auf die Schippe nahm, die den mehr oder weniger alleinigen Anspruch erhebt, zeitgenössisch zu sein.

 

Sehr im Gegensatz zu der Einstellung, welche ihm die Interpreten des musikalischen Zeitgeistes entgegenbrachten, steht die Beliebtheit seiner Werke bei den Musikliebhabern. Wer das genannte Handwörterbuch beiseite legt, kann sich dem Charme dieser Musik kaum entziehen. Hinzu kommt, daß seine Werke nicht nur hörbar, sondern auch mit vertretbarem Aufwand spielbar sind. Francaixs Kompositionen werden daher auch weit häufiger aufgeführt als die Stücke derer, die als die Speerspitze des musikalischen Fortschrittes in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts gelten. Irgendwann wird man Francaix vermutlich als Beweis dafür heranziehen, daß die Entwicklung der modernen Musik nicht gradlinig in Richtung Grenzüberschreitung verlaufen ist. Anzeichen hierfür sind schon jetzt ersichtlich. Als man sich unter dem Stichwort „Postmoderne“ wieder mit den Grenzen der Grenzverletzung beschäftigt, erfreute sich auch Francaix wachsender Wertschätzung. Dies zeigen vor allem die zahlreichen Kompositionsaufträge, die er den 90-er Jahren erhielt.

 

Die „Sieben Tänze“ stammen aus dem Ballett „Les Malheurs de Sophie“ aus dem Jahre 1935 . Sie spiegeln die „typisch französische“, heiter-melancholische Stimmung dieser Zeit, die sich auch bei Ravel und Poulenc oder in einem Film wie „Die Kinder des Olymp“ findet. Francaix, der seinerzeit die Musik zu mehreren Balletten schrieb, zeigt auch darin, daß seine Stärke nicht zuletzt im Entwerfen tänzerischer Charaktere liegt.

 

1932 Francis Poulenc (1899- 1963) – Konzert für 2 Klaviere und Orchester

Francis Poulenc war Mitglied eines französischen Künstlerkreises, in dem gegen Ende des ersten Weltkrieges im Rahmen der allgemeinen künstlerischen Aufbruchstimmung der Zeit die Forderung nach einer neuen, spezifisch französischen Musik aufkam. Das Hauptanliegen dieses Kreises war, die Musik von den Einflüssen deutscher Romantik in der Nachfolge Wagners zu befreien. Als germanisch beeinflusst in diesem Sinne galt dabei auch die impressionistische Musik Debussys, die man heute eher als Markenzeichen französischen Geistes ansieht. Die romantische Musik, so hieß es, sei „nebulös“ und „dunstig“, habe keine Struktur und keinen Rhythmus, wirke wie eine Droge und gaukle eine quasireligiöse Sphäre von Ernsthaftigkeit und Unantastbarkeit vor. Dagegen stellte man die „klassischen“ französischen Ideale der Klarheit, Einfachheit, Weltlichkeit und Unterhaltsamkeit, die man vor allem bei Komponisten wie Couperin und Rameau verwirklicht sah. Das literarische Sprachrohr der Gruppe war Jean Cocteau, der die Maximen der Bewegung im Jahre 1918 unter Berufung auf die Musik von Eric Satie in der Schrift „Le Coq et L`Arlequin“ formulierte, wobei „Le Coq“ für den gallischen Hahn steht und „L`Arlequin“ in der (Neben)Bedeutung eines aus Resten zusammenkochten Gerichtes gemeint ist. Zwei Jahre später konstatierte der Kritiker Henri Collet, Cocteaus Vorstellungen würden in besonderem Maße von den jungen französischen Komponisten Poulenc, Honnegger, Milhaud, Durey, Auric und Tailleferre verwirklicht. In Anlehnung an die „Fünf“ des russischen „Mächtigen Häufleins“ um Rimski-Korsakow bezeichnete Collet die Gruppe als die „Six“. Unter dieser griffigen Bezeichnung ging die Gruppe, die wegen ihrer antiavantgardistischen Position zum Gegenstand heftiger Kontroversen wurde, trotz recht unterschiedlicher Ausrichtung und Entwicklung ihrer Mitglieder in die Musikgeschichte ein.  

Poulenc galt als reinster Vertreter der neuen gallischen Richtung. Tatsächlich hielt er sich in seiner ersten Kompositionsphase (bis 1921) unter dem Einfluss Cocteaus, mit dem er befreundet war, eng an die Vorgaben, die in „Le Coq et L`Arlequin“ aufgestellt worden waren. Dazu gehörte die Verwendung von Elementen der Trivialmusik, insbesondere des französischen Varietés, die Ablehnung komplizierter thematischer Entwicklungen und harmonischer Ableitungen, der Vorrang der Melodie vor Harmonie, Klang und Form und das Prinzip der „Ideenkette“, das heißt der Aneinanderreihung unterschiedlicher, nur locker miteinander verknüpfter Ideen.

Poulencs Konzert für zwei Klaviere entstand im Jahre 1932, als sich der Komponist von Cocteaus Vorstellungen schon weitgehend gelöst hatte und auch Elemente der romantischen Tradition verwendete. Dennoch sind die Kriterien Cocteaus noch erkennbar. Das Konzert ist eine unterhaltsame Aneinanderreihung der unterschiedlichsten musikalischen Elemente und Assoziationen. Im ersten Satz finden sich Anklänge an das französische Varieté, aber auch an Prokofieff, Strawinsky und einen Romantiker wie Rachmaninow. Gegen Ende des Satzes schweift die musikalische Phantasie gar ins ferne Asien ab. Balinesische Klänge, die Poulenc auf der Pariser Weltausstellung von 1931 begegnet waren, erzeugen eine exotische Atmosphäre (mittels der Sechstonreihe, parallelen Quarten und hypnotischen Wiederholungen). Im zweiten Satz kommt, nur mäßig verfremdet, Mozart, das Ideal klassischer „Unterhaltsamkeit“, ins Spiel, wird aber bald in die Klangwelt Poulencs übergeführt. Hier und da werden Chopin und Rachmaninow dazu gemischt. Der dritte Satz ist ein Feuerwerk der unterschiedlichsten Ideen. Wieder hört man Klänge des Varieté, aber auch von Jazz à la Gershwin, Rachmaninow erscheint erneut und auch das balinesische Motiv kommt zurück. Das Wunder des kleinen, vor „französischem“ Esprit nur so sprühenden Werkes ist, auf wie kunstvolle Weise Poulenc das disparate Material zusammengefügt, im wahrsten Sinne des Wortes also „komponiert“ hat.

1921 Paul Hindemith (1895-1963) – Tuttifäntchen

Paul Hindemith war immer für eine Überraschung gut. Dies war nicht nur eine gute Voraussetzung dafür, daß er zum Komponisten moderner Musik wurde; es war auch seiner Karriere förderlich. Diese begann denn auch recht eigentlich nach einem Skandal, der sich im Jahre 1921 in Stuttgart ereignete. Seinerzeit wurden im dortigen Landestheater zwei Kurzopern von Hindemith gespielt, die das württembergische Kultusministerium unmittelbar nach der Uraufführung wegen „Frivolität“ aus dem Spielplan kippte. Dies hatte zur Folge, daß mehrere Verantwortliche des Landestheaters, darunter der Generalmusikdirektor Fritz Busch, ihren Rücktritt anboten und ein gewaltiger Sturm durch den Blätterwald fegte. Grund für die Aufregung war unter anderem, daß der freche Hesse es gewagt hatte, in seinem Puppenspiel „Das Nusch-Nuschi“ Wagners berühmten Tristan-Akkord zur Illustration einer Szene zu mißbrauchen, in der ein burmesischer General seiner Männlichkeit durch den Biß eines Flußviehs namens Nusch-Nuschi beraubt wird.

 

Ein Jahr später schrieb Hindemith die Musik zu dem Weihnachtsmärchen „Tuttifäntchen“ für ein Frankfurter Theater. Auch hier schlug die Neigung des jungen Hindemith zu Parodie, Travestie und Sarkasmus durch. Dafür war neben dem Zeitgeist sicher mitursächlich, daß sich der Komponist in seiner Jugend ausgiebig abseits der Pfade der sog. ernsten Musik bewegt und in Kinos und Kaffeehäusern Militär-und Tanzmusik und Jazz gepielt hatte. So ist es denn kein Wunder, daß in der Musik zu einem Weihnachtsmärchen neben allerhand sonstigen Turbulenzen auch mal ein handfester Ragtime auftaucht, eine Musik, die man hierzulande nicht gerade mit Weihnachtsstimmung verbindet.

1919 Igor Strawinski (1882 – 1971) – Pulcinella Suite

Die in den Jahren 1919/1920 komponierte Musik zum Ballett „Pulcinella“ (die Orchestersuite daraus wurde 1922 geschrieben) entstand auf Anregung von Diaghilew, dem Direktor der berühmten „Ballets Russes“ in Paris und Monte Carlo. Dem Ballett liegt der neapolitanische Schwank „Der vierfache Pulcinella“ vom Anfang des 18. Jahrhunderts zu Grunde. Es erzählt im Stile der Commedia dell’Arte das Schicksal des langnasigen Pulcinella, einem „Vetter“ Harlekins, von dem einige Neapolitanerinnen so angetan sind, daß sie andere Bewerber um ihre Gunst vernachlässigen. Eifersüchtig versuchen diese den Konkurrenten beiseite zu schaffen, können ihn aber nicht recht fassen. Dies führt zu einem traumartigen Verwirrspiel mit allerhand tragik-komischen Verwicklungen, darunter einer Vervierfachung des Hauptakteures, die sich nach einem wilden Tarantellatanz in einem triumphalem Happy-end auflösen. Die Uraufführung des Balletts, das Picasso ausstattete, fand 1920 in Paris statt.

Das Werk kostete Strawinsky einige Freunde und versöhnte manchen Feind. Bei den Hütern des Musikerbes aber sorgte es für Verwirrung. Strawinski galt seinerzeit als Bürgerschreck, der die Fundamente der Musiktradition in Frage zu stellen schien. Zur Verwunderung der Musikwelt kehrte der skandalumwitterte Avantgardist mit Pulcinella seinen Blick aber auf einmal liebevoll in die Vergangenheit. Der Flirt mit der Tradition, den er – zu seinem eigenen Erstaunen – als Blick in den Spiegel erkannte, sollte Folgen haben. Pulcinella markiert den Beginn einer ganzen Reihe von „Liebesverhältnissen“ Strawinskis mit alten Meistern, eine Schaffenszeit, die man seine „neoklassizistische Periode“ zu nennen pflegt.

Das erste dieser „Verhältnisse“ hatte Strawinski mit dem frühverstorbenen italienischen Barockmeister Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736), dessen Musik die eine Hälfte des musikalischen Erbgutes von „Pulcinella“ abgibt. Mit dem neapolitanischen Komponisten hatte ihn Diaghilev bekannt gemacht, der Pergolesi-Manuskripte bzw. solche, die unter diesem Namen liefen, sammelte. Trotz des unverkennbaren „mütterlichen“ Erbteiles ist Strawinskis Vaterschaft an dem gemeinsamen Kind aber nicht zu überhören. Die alte Musik hat allerhand Abenteuer zu bestehen, die den Avantgardisten immer wieder durchscheinen lassen. Dazu gehören Dehnungen, Kürzungen, Rückungen und Kadenzschärfungen, polyrhythmische und artikulatorische Überlagerungen sowie überraschende Übergänge und Exkurse bis in die Militärmusik und den Jazz.

Die Reaktion der Zeitgenossen auf die neuerliche Eskapade des Komponisten war, wie gesagt, zwiespältig. Die Avantgardisten beklagten die Fahnenflucht, die Hüter des Musikerbes sprachen von Vergewaltigung, alte und neue Freunde aber von einer „sorgfältig geplanten, erfolgreich durchgeführten und vollständig ausgekosteten Verführung“. Strawinski selbst war sich über den Charakter seiner Eroberung auch nicht ganz im Klaren. Auf die Frage, was er von der Musik Pergolesis halte, antwortete er unter Anspielung auf die zahlreichen Fälschungen, die unter diesem Namen existieren: „Pulcinella ist das einzige Werk, was ich von ihm gern habe“.

1911 Max Bruch – Konzert für Klarinette, Bratsche und Orchester, e-moll

Der Kölner Max Bruch verstand sich Zeit seines Lebens vor allem als Vokalmusiker. Seine Sache war nicht das Schaffen komplexer thematischer und harmonischer Strukturen, wie sie für die Instrumentalmusik der Zeit, etwa bei Brahms, typisch sind. Seine Stärke lag vielmehr im Melodischen und diese konnte er besonders in der Vokalmusik zur Geltung bringen. Mit Werken dieser Gattung hatte Bruch, der hauptsächlich als Chorleiter tätig war, in seiner Zeit auch große Erfolge zu verzeichnen.

Dennoch fühlte sich Bruch immer wieder zur Instrumentalmusik hingezogen. Dabei spielte ohne Zweifel eine Rolle, daß er sich im Wettstreit mit seinem Altersgenossen Brahms sah, der auf dem Gebiet der Instrumentalmusik erhebliches Profil entwickelte. Maßgeblich waren aber auch wirtschaftliche Gesichtspunkte. Anders als Brahms mußte Bruch eine Familie unterhalten. Dies aber fiel ihm mit geregelter Tätigkeit nicht leicht. Auf Grund seines streitbaren Temperamentes hatte er Probleme, eine längerfristige Beschäftigung zu finden. Sein Verhältnis zur Instrumentalmusik hatte aber etwas von Haßliebe. Als junger Mann war ihm mit seinem ersten Violinkonzert ein großer Wurf gelungen, an dessen Erfolg er später vergeblich anzuknüpfen versuchte. Dadurch wurde ihm sein eigenes Werk immer wieder zur Quelle von Enttäuschung. Auch stand er sich mit seiner geradezu militanten Haltung gegenüber den musikalischen Neuerungen seiner Zeit selbst im Weg. Dazu mußte er erleben, daß sein Konkurrent Brahms, mit dem er anfangs durchaus in einem Atemzug genannt wurde, in der allgemeinen Wertschätzung an ihm vorbeizog. Besonders frustriert hat ihn dabei die Tatsache, daß der große Geiger Joseph Joachims, der sein und Brahms Violinkonzert aus der Taufe hob, in seiner Geigenschule nur letzteres Werk berücksichtigte.

Lange Zeit wollte Bruch, der seinen Kollegen gerne Noten erteilte, nicht wahrhaben, daß Brahms der größere Musiker war. Im Alter hat er jedoch auf die Frage, wie er seinen eigenen Status als Komponist in fünfzig Jahren sehe, geantwortet, man werde seine Werke, das 1. Violinkonzert ausgenommen, wohl vergessen haben. Da er seine Kompositionen zum Zwecke des Broterwerbs habe verkaufen müssen, habe er nie viel gewagt, sondern einfach nur gute Musik geschrieben. Brahms hingegen sei von bezeichnender Originalität. Er werde im Laufe der Zeit immer mehr geschätzt werden. Die Entwicklung hat Bruch weitgehend Recht gegeben. Der Rheinländer wird der lange unbeachtet gewesenen zweiten Romantikergarnitur zugerechnet, die als verspätet galt, weil für sie Mendelssohn am Ende des 19. Jahrhunderts noch immer das Vorbild war.

Da mit wachsendem zeitlichem Abstand die Frage der Epochengerechtigkeit von Musik aber an Bedeutung verliert, kann man Bruch heute durchaus wieder mit Gewinn spielen und hören. Dies gilt auch für das Konzert für Klarinette und Bratsche, das Bruch im Jahre 1911 im Alter von 73 Jahren für seinen ältesten Sohn Max Felix komponierte. Den musikalischen Vorstellungen Bruchs entsprechend ist sein Aufbau zwar ausgesprochen konventionell und periodisch. Die Solopassagen etwa werden von den beiden Soloinstrumenten in der Regel nach vier oder acht Takten wiederholt. Wer keine allzu strengen kulturhistorischen Maßstäbe anlegt und zu vergessen bereit ist, daß diese Musik zu einem Zeitpunkt entstand, als Schönberg damit begann, die musikalische Welt auf den Kopf zu stellen, aus der Bruch seine Maßstäbe bezog, kann an diesem Werk großes Vergnügen haben.

Wie alle Konzerte Bruchs steht das Werk der Vokalmusik nahe. Dies zeigt sich nicht nur in der pathetisch-dramatischen Grundhaltung, sondern auch in der Verwendung rezitativischer und volksliedhafter Elemente. Die Soloinstrumente werden im übrigen weitgehend wie die menschliche Stimme behandelt. Artikulationen, die dem Charakter der Stimme zuwiderliefen, z.B. Springbogen oder Zupfen, finden kaum Verwendung.

Die Uraufführung des Konzertes fand am 5.3.1912 in Wilhelmshaven „vor allen Admiralen und Seekapitänen etc. etc. unserer Kriegsflotte“ statt. Der Kritiker der „Allgemeinen Musikzeitung“ fand das Werk „harmlos, weich, unaufregend und zu vornehm in der Zurückhaltung“, eine Beschreibung die Bruch auf dem Hintergrund des „Getöses“, das in seiner Sicht die damaligen Neutöner veranstalteten, vermutlich als nicht unangemessen empfand.

1907 Sergej Rachmaninow (1873- 1943) – Symphonie Nr. 2 e-moll

Rachmaninow ist, wiewohl aus St. Petersburg stammend, ein Gewächs der Moskauer Pflanzschule der russischen Kunstmusik, die sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte. Zwar hatte man ihn im Alter von zwölf Jahren zunächst auf das St. Petersburger Konservatorium geschickt, wo sich unter der Führung von Nicolai Rimski-Korsakow seinerzeit eine stark national ausgerichtete Schule der russischen Musik zu etablieren begann. Der erste Versuch, dem späteren König der Pianisten das Klavierspiel beizubringen, ging jedoch schief. Der Junge ging lieber Schlittschuhlaufen als in den Unterricht und fälschte seine Zeugnisse, um die ausbleibenden Erfolge zu vertuschen. Im Alter von sechszehn Jahren startete man einen zweiten Versuch in Moskau. Man gab Rachmaninow in die Hände des bekannten Musikpädagogen Nicolai Swerjew, der eine Art Musikinternat nach dem Muster einer Kadettenanstalt führte. Die handverlesenen Schüler wohnten und arbeiteten kostenlos in Swerjews Haus, mussten dafür aber bedingungslos gehorchen und durften während der drei-jährigen Ausbildungszeit, die zur Konservatoriumsreife führte, so gut wie keinen Kontakt zum Elternhaus unterhalten. Das Ausbildungsprogramm des homoerotisch angehauchten Hauses sah unter anderem mehrstündiges tägliches Klavierüben unter der strengen Aufsicht des Meisters, regelmäßige Opern- und Konzertbesuche und Vorspiele in Moskauer Adels- und Großbürgerkreisen vor. Davon abgesehen bekamen die Jungen auch den gesellschaftlichen Schliff, der im zaristischen Russland erwartet wurde. Zur Erziehung gehörten unter anderem Bordellbesuche und rituelles Wodkatrinken. Swerjews musikpädagogische Erfolge waren erstaunlich. Von den vier Schülern, die er seinerzeit unterrichte, erlangten zwei Weltgeltung: Mitschüler Rachmaninows war niemand geringeres als Alexander Skriabin, der allerdings einen ganz anderen Weg als dieser ging.  

Zu den Musikern, die im Hause Swerjew regelmäßig verkehrten, gehörte auch Peter Tschaikowski. Er galt, wiewohl ebenfalls aus der Neva-Metropole stammend, als das Haupt der eher westlich orientierten Moskauer Schule, die mit der St. Petersburger Schule um die künstlerische Oberherrschaft im nationalen russischen Musikleben rang. Tschaikowski erkannte früh Rachmaninows kompositorische Begabung und förderte sie, wo immer er konnte. Der Altmeister wurde für Rachmaninow denn auch das Maß aller kompositorischen Dinge. Nach dessen plötzlichen Tod im Jahre 1893, nur wenige Tage nach dem Ableben Swerjews, sah sich der 23-jährige in der Rolle des Erben Tschaikowskis. Nach dessen Vorbild versuchte er sich daher auch als Symphoniker zu profilieren. 

In den Jahren 1895-1897 entstand so eine erste Symphonie, die 1896 in St. Petersburg uraufgeführt wurde, was ein großer Fehler war. Der Dirigent der Uraufführung, Alexander Glasunow, gehörte nicht nur zum Kernbestand der moskaukritischen lokalen Schule. Er soll auch kein sonderlich begnadeter Dirigent gewesen sein und die Aufführung dazu schlecht vorbereitet haben. Cesar Cui, Urgestein des „Mächtigen Häufleins“, aus dem die St. Petersburger Schule hervorging, schrieb eine vernichtende Kritik, die Rachmaninow ins Mark traf (Cui hatte einunddreißig Jahre zuvor auch schon Tschaikowskis ersten symphonischen Versuch verrissen). Der Misserfolg in der Paradegattung Symphonie löste bei Rachmaninow eine drei Jahre dauernde Schaffenskrise aus, aus der er sich nur mit ärztlicher Hilfe befreien konnte. Einen zweiten Versuch in der Gattung wagte er sogar erst nach Ablauf von zehn Jahren. 

Rachmaninows 2. Symphonie entstand im wesentlichen in Dresden, wohin sich der Komponist in den Jahren 1906/07 wegen der politischen Unruhen in der Folge der russischen Revolution von 1905 zurückgezogen hatte. Die Uraufführung fand erstaunlicherweise wieder in St. Petersburg statt (8. Febr. 1908). Offenbar hielt Rachmaninow die psychische Hürde, die der Misserfolg der 1. Symphonie aufgerichtet hatte, erst mit einen Sieg an der Stätte für überwunden, an der er die Niederlage erlitten hatte. Diesmal behielt sich Rachmaninow, der sich inzwischen auch einen Namen als Dirigent gemacht hatte, die Leitung der Aufführung jedoch selbst vor. Die Aufnahme des Werkes war freundlicher als bei der ersten Symphonie. Schon damals hielt man Rachmaninow allerdings Weitschweifigkeit vor und sprach von „Mütterchen Russlands gesammeltem Weltschmerz in e-moll“.  

In der Tat ist das Werk, obwohl formal auf geradezu klassische Weise stringent, durch melodische Gedanken geprägt, die auf träumerisch-melancholische oder nachdrücklich drängende Weise scheinbar endlos fortgesponnen werden. Für den, der die kompakte Kompositionsweise der Wiener Klassik und die geradezu reißbrettartige Logik der „entwickelnden Variation“ eines Brahms und seiner Nachfolger im Ohr hat, klingt dies ungewohnt (Rachmaninows Zeitgenosse Richard Strauss etwa, der in der westeuropäischen Tradition stand, hatte überhaupt kein Verständnis für die Musik seines östlichen Kollegen und bezeichnete sie als „gefühlvolle Jauche“). Eine solcherart westliche Sichtweise übersieht aber, daß der Musik Rachmaninows nicht die Erfahrung des kleinteiligen Westeuropa, sondern das Erlebnis der Weiten Russland zugrunde liegt (paradoxerweise herrschte eine solche Sichtweise, vielleicht weil man seinerzeit allzu angestrengt den Anschluss an die westeuropäische Kunstmusik suchte, selbst in Russland, ja sogar im nationalrussisch gesinnten St. Petersburg vor). Rachmaninow, der seine Musik immer als Ausdruck seiner Seele empfunden hat und sich daher wenig um musikalische Theorien und schon gar nicht um modernistische kümmerte, hat denn auch immer wieder darauf hingewiesen, daß seine Musik seine persönlichen Erfahrungen wiederspiegele und diese seien nun einmal russische Erfahrungen. Wahrscheinlich wird man Rachmaninows 2. Symphonie denn auch am ehesten gerecht, wenn man in ihr so etwas wie die akustische Exemplifikation des Spengler`schen Diktums von der grenzenlosen Ebene als dem Leitmotiv des russischen Weltgefühls sieht.

 

1905 Maurice Ravel (1875 – 1937) – Introduktion und Allegro für Harfe, Streichquartett, Flöte und Klarinette

Ravels Introduktion und Allegro entstand im Jahre 1905 in acht Tagen und drei Nächten als Auftragswerk für die Klavierfirma Erard. Ravel war in großer Eile, denn die Komposition mußte vor Antritt einer Schiffsreise fertig werden, zu der ihn ein reicher Zeitungsverleger eingeladen hatte. So komponierte er „zwischen Kofferpacken und Anproben beim Schneider“. Am Ende verpaßte Ravel doch noch die Abfahrt des Schiffes und mußte nachreisen. Zu allem Überfluß ließ er das Manuskript auch noch in dem Modegeschäft liegen, in dem er sich für die Reise auf’s Eleganteste eingekleidet hatte. Wir haben es wahrscheinlich dem offensichtlich guten Geschmack des Modehauses zu verdanken, daß das Stück überhaupt erhalten geblieben ist.

 

Ein letztes Mal entwarf der 30-jährige Ravel in seinem Harfenstück „die Vision einer sanften und arkadischen Tagwelt“. Mit der Reise auf der Luxusjacht „Aimée“ aber versinkt für Ravel die „Schönheitswelt der Jugend“. Auf der Fahrt durch die Flüsse und Kanäle des Niederrheingebietes wird er mit bizarren Industriewelt vor allem Deutschlands konfrontiert und ist fasziniert von den „Schlössern aus flüssigem Metall“, den „glühenden Kathedralen“ und deren „wunderbarer Symphonie von Transmissionsriemen, Pfiffen und furchtbaren Hammerschlägen“. Diese Welt sollte sich in Ravels künftigen Werken niederschlagen.