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Ein- und Ausfälle – Francis Bacons Vision von Europa

Francis Bacon träumte von der geistigen Einheit Europas. Er hatte die Vorstellung, dass die Kräfte dieses Raumes erst dann richtig zum Tragen kämen, wenn man die Welt in einer großangelegten übernationalen Anstrengung der Institutionen, insbesondere der Universitäten, arbeitsteilig erforschen würde. Der Traum war schon und ist noch immer Wirklichkeit. Europas Kraft und seine großen Errungenschaften, nicht nur die wissenschaftlichen, sind allesamt das Resultat eines überregionalen Zusammenwirkens, wobei man von Portugal bis Polen an einem Strang zog. Allerdings verlief dies nicht so gesteuert, wie Bacon es gerne gehabt hätte. Es war eher ein großes und weitgehend ungeplantes Spiel. Europas Kräfte reagierten auf höchst vielfältige Weise aufeinander, wobei sie teils in loser Abhängigkeit zueinander standen, teils aufs engste verbunden miteinander rangen, ja sich nicht selten regelrecht bekriegten. Anders als Bacon meinte ist europäisch wohl eher eine chaotisch-kompetitive und multiple Form des Zusammenwirkens, die allerdings – auf der Basis tiefer liegender und meist unausgesprochener Gemeinsamkeiten – schließlich doch in eine Richtung führt.

Ein- und Ausfälle – Antike und Neuzeit

Der Unterschied zwischen Antike und Neuzeit: Caesar ließ das Meer auspeitschen, als es sich nicht so verhielt, wie er es wollte und er dabei eine Flotte verlor. Francis Bacon sagte mehr als eineinhalbtausend Jahre später, dass man der Natur gehorchen müsse, wenn man ihr Befehle erteilen wolle. Im gegebenen Fall hätte er wohl eher zu einem vertieften Studium der Meteorologie oder des Schiffbaus geraten.

Die verschlungenen Wege der Aufklärer

Es ist schon ein faszinierendes Schauspiel, zu sehen, wie die Denker der frühen Aufklärung nach rasantem Start in die tatsächliche Welt die Kurve doch wieder in Richtung Glauben kratzen: René Descartes etwa, der alles bezweifelt, um schließlich mit dem ontologischen Gottesbeweis schnurstracks auf den christlichen Gott zuzulenken; Pierre Bayle, der mit dem Gewicht überzeugendster Argumente, darunter der Tatsache, dass die heidnischen Chinesen auch ohne Offenbarung allerhand Vernünftiges zustande brachten, gegen den christlichen Glauben anfährt, um all die schlagenden Argumente kurz vor dem Ziel als angeblich falschen Ballast, den andere angehäuft hätten, wieder abzuwerfen; Nicolas Malebranche, der die Vorstellung von  übermenschlichen Wesen frontal mit der Erklärung angeht, der Mensch habe nur nach einer Ursache für die gewaltigen Kräfte der Natur Kräfte gesucht, dann aber die gerade Bahn verlässt, um dem christlichen Gott auszuweichen; die englischen Deisten wie Charles Blount und John Tolant, welche die Tatsachen zwar gegen willkürliche Eingriffe durch ein höchstes Wesen, einschließlich dessen irdischer Stellvertreter und den von ihnen verfassten heiligen Büchern immunisierten, aber doch an einem Gott als der ersten Ursache aller Tatsächlichkeiten festhielten; oder der Freidenker Anthony Collins, der zwar mutig darüber räsonierte, welche Texte der heiligen Schriften authentisch und welche apokryph sind und wie man  die Schikanen für die Vernunft bewältigt, die auch die heiligsten Texte enthalten, sich aber zu fragen scheute, ob sie heilig sind; schließlich Baruch Spinoza, der so ziemlich all die wolkigen Schleifen, die der Geist gerne um die Tatsachen zieht, wirklich radikal abkürzte, um bei einem Gott zu landen, der in allen Tatsachen steckt. Die deutschen Denker dieser Zeit freilich haben das Tempo, mit dem sie in die Welt fuhren, gerne schon vorsorglich gedrosselt und haben gleich die Kurve angesteuert, Gottfried Wilhelm Leibniz etwa, der um den hinderlichen Umstand, dass ein vollkommener Gott eine unvollkommen Welt geschaffen zu haben schien, mit der Feststellung kurvte, es könnte alles noch schlimmer sein, Gott habe aus der Menge der möglichen Welten die beste gewählt. Auch sprach er im Wettbewerb um die Vortrefflichkeit der Völker zwar den Chinesen den „goldenen Apfel“ (des Paris) zu, sicherte sich aber mit dem Nachsatz ab, dass ihnen jedoch das göttliche Geschenk der christlichen Religion fehle. Manche allerdings sind dennoch aus der Kurve geflogen, so Leibnitz unglückseliger Schüler Christian Wolff, der sich zwar alle Mühe gab, dem Christentum „vernünftige Gedanken“ zu unterlegen, aber beim allfälligen Vergleich mit den Chinesen die vorsorgliche Einschränkung seines Lehrers vergaß, was ihm Job und Heimat kostete. Er bekam sie erst zwanzig Jahre später durch eine der ersten Amtshandlungen Friedrichs des Großen zurück. Dieser hatte dann allerdings schon die Kraft – und die Stellung -, mit der Schrift „Der Bericht des Phihihu“ via  Chinesenvergleich voll auf Kollisionskurs mit der (katholischen) Kirche gehen zu können.

Ein- und Ausfälle – Warum man die Normen für eine Erfindung der großen Normgeber hält

Wenn es darum geht, Führungspositionen in der Gesellschaft zu erlangen und zu begründen, hat sich der Mensch immer als besonders kreativ erwiesen. Eine äußerst erfolgreiche Methode war und ist noch immer, sich als Nachfolger, Stellvertreter oder bevorrechtigter Interpret eines großen Normgebers darzustellen, der seinerseits die großen Regeln des Zusammenlebens in einer Art Reparaturaktivität formuliert habe, um ein aus dem Ruder gelaufenes animalisches Erbes des Menschen einzudämmen. Denn auf diese Weise kann man vom Abglanz hoch angesiedelter Vorbildfiguren profitieren. Dem entsprechend hat man bei der Zeichnung dieser Normgeberfiguren mit Superlativen nicht gegeizt. Wer seinen Führungsanspruch auf diese Weise begründet, hat natürlich wenig Interesse daran, der Frage nachzugehen, ob sich die grundlegenden Normen der menschlichen Gesellschaft möglicherweise ganz unabhängig von solchen Normgeberfiguren mit dem Menschen selbst, nämlich als das notwendige Korrelat zu den freiheitlichen Möglichkeiten des Geistes, mit anderen Worten nicht im Nachhinein als Reparatur, sondern von Anfang an entwickelt haben, dass sie also wie  die Fähigkeit, Sprache erlernen, mit der Physis des Gehirns entstanden sind. Die Frage drängt sich an sich auf, weil man sonst schwer erklären kann, wie ein (soziales) Leben und insbesondere ein Überleben der Menschen vor der Zeit der großen Normgeber möglich war, die ja alle aus neuerer, gemessen an der Entwicklung der Menschheit sogar aus allerneuester Zeit stammen. Für diejenigen, die ihre Autorität auf die großen Normgeber stützen, bedeutet eine solche Vorstellung von der Genese der grundlegenden Normen, dass ihre Rolle – ähnlich wie die der Juristen – weitgehend auf die Ausformulierung im Detail beschränkt wird, was natürlich unerwünschte  Auswirkungen auf ihre Bedeutung und damit auf ihren Macht- und Führungsanspruch hat. Daher haben die Führungsfiguren, die ihren Machtanspruch  von den großen Normgbern ableiteten, Versuche, die Normen auf andere Weise zu begründen, mit allen Mitteln zu ver- oder jedenfalls zu behindern versucht. Wie sehr sie um ihre Macht fürchteten, zeigt im Falle des Christentums etwa die Tatsache, dass sie sogar Versuche, die grundlegenden Normen aus der Vernunft abzuleiten, mit großem Argwohn begegneten und darauf bestanden, dass sie auf diese Weise allenfalls ergänzend begründet werden könnten. (alternativ hat man das Vernunftargument auch dadurch ausgehebelt, dass man die Offenbarung selbst als vernünftig dargestellt hat). Wer bei alternativen Begründungsversuchen vergaß, auf den absoluten Vorrang der großen Normgeber bei der Normbegründung hinzuweisen, hatte mitunter Übles zu gewärtigen, so Aufklärer wie Baruch Spinoza, der auf Grund solchen Mangels aus der jüdischen Gemeinde exkommuniziert oder Christian Wolff, der unter Verlust seines philosophischen Lehrstuhles in Halle aus Preußen verbannt wurde, sowie John Toland, der, nachdem seine Schrift „Christianity not mysterious“ nach einem öffentlichem Tribunal verbrannt worden war, aus seinem Heimatland Irland nach England  floh, da er für seine freidenkerischen  Überlegungen nicht auch noch persönlich zur Rechenschaft gezogen werden wollte.

Alessandro Stradella (1644- 1682) Sonate für acht Streicherstimmen und eine Trompete

Stradella ist eine jener wildromantischen südländischen Musikerfiguren, wie sie der Norden, der in musikalischen Dingen vergleichsweise bieder ist, kaum zu bieten hat. Früh verwaist schlug er sich als Sänger, Geiger, Lautenspieler, freier Komponist und Schreiber lateinischer Gedichte in höfischen Kreisen Roms durch, war in immer neue Liebschaften und vor allem in eine größere Unterschlagungsaffaire zum Nachteil der katholischen Kirche verwickelt. Ermittlungen in dieser Sache zwangen ihn, Rom eine Zeit lang zu verlassen. Er kehrte jedoch, als Gras über die Sache gewachsen war, in die ewige Stadt zurück, wo er in den Kirchen Kantaten und Oratorien sowie in den Villen des Stadtadels zahlreiche Opern und instrumentale Werke aufführte. Weil er den Ärger eines Kardinals auf sich gezogen hatte, verließ er Rom im Jahre 1677 endgültig und ging nach Venedig, wo er sich als Musiklehrer einer Mätresse verdingte, mit der er schon bald nach Turin durchbrannte. Die Dame muß außerordentlich attraktiv gewesen sein, denn der musikalische Auftraggeber, ein Mitglied der mächtigen Familie Contarini, gab sich mit dem Verlust nicht zufrieden, sondern folgte dem Paar mit einer Privatarmee vom vierzig Mann mit dem Ziel, den musikalischen Entführer umzubringen. Der Feldzug wurde zwar vom Turiner Regenten unterbunden. Contarini ließ aber zwei Bravi in Turin, die auf den Komponisten am 10.10.1677 einen Mordanschlag verübten. Stradella hatte Glück, entkam und ging nach Genua. Dort geriet er wegen der Liebschaft mit einer aristokratischen Schülerin erneut in Schwierigkeiten mit der „Obrigkeit“, wobei es schließlich ernst wurde. Am 25.2.1688 wurde Stradella im Auftrag der Familie Lomellini auf offener Straße ermordet. Auf Grund dieses Schicksals wurde er später selbst zum Titelhelden einer Oper, die der „Nordländer“ Friedrich von Flotow im Jahre 1844 komponierte.

Stradella gilt als einer der führenden Komponisten seiner Zeit in Italien. Bedeutsam ist vor allem sein Beitrag zur Entwicklung des Concerto grosso. In seinem Orchester saß der junge Corelli, der später als einer der ersten Concerti grossi veröffentlichen und dessen Musik zum Maßstab in ganz Europa werden sollte. Stradellas Musik ist so opulent wie die Kirchen und Villen, in denen seine Werke erklangen. Deutlich wird dies auch in seiner Sonate für acht Streicherstimmen und eine Trompete, in der sich zwei Streicherchöre bei der „Begleitung“ einer obligaten Trompete gegenüberstehen, wobei sich alle Stimmen auf das Kunstvollste miteinander verschränken.

Recht und Gerechtigkeit bei der Landnahme des Kolumbus in Amerika

In der Vorrede zum Bordbuch seiner ersten Amerikafahrt, das mit „Im Namen unseres Herrn Jesus“ überschrieben und an die „allerchristlichsten, allerhöchsten, erlauchtesten und mächtigsten Fürsten, den König und die Königin der spanischen Länder und der Inseln des Meeres“ gerichtet ist, stellt Christoph Kolumbus fest, er sei von den genannten Hoheiten, nachdem sie den Krieg gegen die letzten Mauren in Spanien siegreich beendet hatten, „in ihrer Eigenschaft als katholische Christen, als Freunde und Verbreiter des christlichen Glaubens und als Feinde der Sekte Mahomeds und jedes anderen Götzendienstes und Sektiererwesens“ zum Großadmiral gemacht und beauftragt worden, mit einer hinlänglich starken Armada auf dem Seeweg nach Indien zu fahren, um die dortigen „Fürsten, Völker und Orte aufzusuchen und die Möglichkeiten zu erwägen, wie man sie zu unserem heiligen Glauben bekehren könne“ (soweit in „wenigen“ Worten die Zusammenfassung des ersten Satzes des Bordbuches, welcher entsprechend der Bedeutung seines Autors, seiner Adressaten und der Ereignisse, die im Weiteren beschrieben werden, im Original fast drei Mal so lang ist).

 

Als Kolumbus am 12. Oktober 1492 in der Karibik erstmals Land sichtete – es handelte sich um eine Insel, auf der Menschen lebten, die er für Inder hielt -, wurden die Erwägungen der gewichtigen Vorrede auf folgende Weise konkretisiert:

 

Zunächst ging der Großadmiral , dem laut Vorrede auch die – vererbliche – Würde „des Vizekönig und Gouverneurs aller Inseln und des Festlandes, das er entdecken und erobern würde“, übertragen wurde, mit zwei seiner wichtigsten Leute in einem „mit Waffen versehenen Boot“ und ohne Zweifel in großartiger Uniform an Land und entfaltete die königliche Fahne. Seine beiden Begleiter schwenkten dazu je eine weitere Fahne, auf denen ein grünes Kreuz angebracht war, „welches rechts und links von den je mit einer Krone verzierten Buchstaben F und Y (für die katholischen Könige Ferdinand und Ysabella) umgeben war“. Dann versammelte er seine Führungsleute und einen eigens mitgebrachten Notar, die sicherlich ebenfalls gebührend gekleidet waren, am Strand und rief sie zu Zeugen dafür an, dass er im Namen des Königs und der Königin von der Insel Besitz ergriffen habe. Er forderte sie auf, die rechtlichen Unterlagen zu schaffen, „wie es sich aus den Urkunden ergibt, die dort schriftlich niedergelegt wurden“ (die Szene muss man sich aus der Sicht der herbeigeströmten Einheimischen vorstellen, die, so notierte der Großadmiral, nackt waren, wie Gott sie schuf,  und rechtsunkundig, wie Gott sie ebenfalls schuf, was die spanische Delegation ohne Zweifel voraussetzte).

 

Weiter stellte Kolumbus fest, dass man zur Bekehrung und Rettung der Eingeborenen augenscheinlich nicht des Schwertes bedürfe, da sie weder Waffen trügen, noch solche kennen würden. Die Liebe sei ausreichend. Dieselbe erwarb er sich im wesentlichen dadurch, dass er ihnen „rote Kappen und Halsketten aus Glas und andere Kleinigkeiten von geringem Wert“ schenkte.

 

Am 14. Oktober kristallisierten sich weitere Details der Christianisierungspläne des Großadmirals heraus. Den Gewohnheiten der christlichen Seefahrt entsprechend suchte er nach einem Platz, wo man eine Festung errichten konnte. Er fand auch eine kleine Halbinsel, auf der sechs Hütten standen und die nach seiner Einschätzung in wenigen Tagen Arbeit zu einer Insel umgestaltet werden könne. Er stellte aber fest, dass eine solche Umgestaltung angesichts der mangelnden Waffenkenntnisse der Einheimischen eigentlich gar nicht nötig sei. Davon, so meinte er, könnten sich Ihre Hoheiten bei den sieben Leuten überzeugen, die er – offenbar dort – ergreifen ließ, um sie mit nach Spanien zu nehmen (am folgenden Tag, so notierte Kolumbus, sprangen allerdings zwei dieser lieben Leute von Bord und gelangten „trotz aller unserer Bemühungen“ mit einem Kanoe, das sich den Schiffen der Armada genähert hatte, an Land, „worauf die beiden Flüchtlinge eilends davonliefen, vergeblich verfolgt von unseren Männern, die an Land gegangen waren, um auf sie Jagd zu machen“). Im Anschluss an die Überlegungen zum Bau einer Festung empfahl der Großadmiral den allerchristlichsten Königen, Folgendes zu erwägen: „Sollten Eure Hoheit den Befehl erteilen, alle Inselbewohner nach Kastilien zu schaffen, oder aber sie auf ihrer eigenen Insel als Sklaven zu halten, so wäre dieser Befehl leicht durchführbar, da man mit einigen fünfzig Mann alle anderen leicht niederhalten und zu allem zwingen könnte“ (letzterer Erwägung sind die Spanier später bekanntlich im wesentlichen gefolgt).

 

Ein paar Tage später notierte Kolumbus, die Eingeborenen hätten nicht nur keine Waffen, sondern auch keine Gesetze. Als er später von einem Stamm hörte, der Waffen trage, schloss er daraus, dass er von höherer Bildung sein müsse (vermutlich nahm er an, dass der Stamm dann auch Gesetze habe). Das Vorhandensein von Waffen, Gesetzen und höherer Bildung dürfte dann wohl der Grund dafür gewesen sein, dass bei den Erwägungen der allerchristlichsten Könige, wie man die Fürsten, Völker und Orte Amerikas bekehren könne, dann doch nicht so sehr die Liebe als das Schwert zum Zuge kam.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eldorado

Von Gold hat der Mensch nie genug bekommen können – zu seinem Glück, das wesentlich größer als sein Verstand war.

Die Entdecker des 15. und 16. Jahrhunderts etwa zogen die Motivation für ihre abenteuerlichen Fahrten weitgehend aus der Hoffnung, neben dem Ursprungsort der Gewürze, die seinerzeit mit Gold aufgewogen wurden, die Gold- und Silberinseln im fernen Osten zu finden. Von solchen Inseln träumte man seit den Eroberungszügen Alexanders des Großen. Mitursächlich für die gewaltigen Energien, die diese Träume mobilisierten, war sicher, dass im Laufe der Zeit die Angaben über die Größe der Schätze immer phantastischer wurden. Aus Inseln mit großen Mengen von Edelmetall, wie es bei Plinius noch hieß, wurden nach und nach Inseln, die – einschließlich hoher Berge – ganz aus Gold und Silber bestehen sollten. Die katalanische Weltkarte aus dem Jahre 1375 wusste sogar, dass im Meer jenseits des indischen Festlandes genau 7548 Inseln liegen, deren „wunderbare Reichtümer an Gold, Silber und kostbaren Steinen“ man nicht alle aufzählen könne.

Kaum dass die Portugiesen den Seeweg nach Indien gefunden und bis nach Hinterindien vorgedrungen waren, schickten sie denn auch Expeditionen auf die Suche nach einer Goldinsel, die – einheimischen Behauptungen zufolge – südlich von Sumatra liegen und deren Strand ganz aus Goldkörnern bestehen sollte. Zwar kehrten die ausgesandten Schiffe alle unverrichteter Dinge oder überhaupt nicht zurück. Dies hatte aber keineswegs zur Folge, dass man an den Goldvorkommen zweifelte. Zur Aufrechterhaltung der Hoffnung reichte ein bloßes Gerücht. In den Hafenstädten des Ostens hieß es, vermutlich weil die Portugiesen es hören wollten, ein Schiff habe die Insel gefunden. Es sei allerdings, nachdem es ganz mit Gold beladen worden sei, auf ein Riff gelaufen und untergegangen. Das hatte, da man die versteckte Ironie dieser (Überladungs)Geschichte nicht sehen wollte oder konnte, zur Folge, dass man die Bemühungen um die Goldinseln verstärkte. Auf den Weltkarten waren sie bis in das 18. Jahrhundert mit dem Vermerk „locus incertus“ notiert.

Auch Kolumbus trat seine Fahrt nach Westen – allen Beteuerungen, vorrangig den christlichen Glauben bei den Heiden verbreiten zu wollen, zum Trotz – in erster Linie wegen des Goldes an. Da er davon ausging, Indien nach Umrunden der Weltkugel auf der Ostseite zu erreichen, dürfte er dabei auch an die Goldinseln gedacht haben, auf die man, wenn man nach Westen fuhr, noch vor dem indischen Festland stoßen musste. Schon einen Tag nach der Ankunft auf einer Insel, die er für einen Teil Indiens hielt, notierte er, nachdem er bei den Einheimischen Goldschmuck gesehen hatte, in seinem Bordbuch, er werde sich nun auf die Suche nach der Quelle des Goldes begeben. Die restlichen drei Monate seines (ersten) Aufenthaltes in „Indien“ waren, wie die Eintragungen in das Bordbuch zeigen, eine einzige Irrfahrt durch die Inselwelt der Karibik in der Hoffnung, die große Goldquelle des Ostens zu finden. Dass man trotz dürftiger Sucherfolge die Hoffnung auch hier nicht aufgab, hatte wieder mit dem Verhalten der Einheimischen zu tun. Die „Indianer“ merkten offenbar, dass die Gier der Ankömmlinge größer als ihr Verstand war. Sie sicherten sich daher mit immer neuen Ortsangaben über den Fundort von Gold Beachtung und die Gunst der ansonsten schwer berechenbaren Besucher.

Später vermuteten die Spanier eine Menge Gold im Nordwesten des südamerikanischen Halbkontinents. Anlass für diese Annahme waren einheimische Berichte über einen Priester-Fürsten, der sich bei einer Zeremonie ganz mit Goldstaub pudern lasse, um diesen verschwenderischerweise in einem See abzuwaschen. Auf der Suche nach diesem Fürsten, den man „El Dorado“ nannte, durchkämmten daraufhin zahlreiche Schatzsucher die Urwälder Südamerikas. Da man die Person nicht fand, wurde aus der konkreten Goldhoffnung im Laufe der Zeit das sagenhafte Goldland Eldorado, nach dem Generationen von Abenteuern – ebenfalls vergeblich – suchten.

Wie bekannt und in den Kirchen Spaniens noch heute zu besichtigen hat man in den Ländern der neuen Welt schließlich doch einiges an Gold und Silber gefunden und nach Europa gebracht. Es war jedoch keinesfalls genug und wesentlich weniger als erhofft. Gerade darin aber bestand das (Schatzsucher)Glück, das wie gesagt, größer als der (ökonomische) Verstand war. Denn hätte man so viel Gold gefunden, wie man sich erträumte, hätte das Edelmetall, ähnlich wie die Gewürze, deren Ursprungsort man auf den Inseln der Molukken finden konnte, allen Wert verloren.

1899 Franz Schmidt (1874 -1939) 1. Symphonie E-Dur

 

Im Gärungsprozess, der die europäische Kultur um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erfasste, spielte Wien eine herausragende Rolle. In der Hauptstadt des k&k Vielvölkerstaates lebten seinerzeit so viele große Begabungen und wirksame Geister, wie kaum je an einem Ort. Sie waren auf den unterschiedlichsten Gebieten der Kultur und des sozialen Lebens tätig. Was sie jedoch in hohem Maße einte, war die Neigung, mit Nachdruck nach dem Stand der sozialen und kulturellen Entwicklung im Ganzen zu fragen. Zahlreiche Protagonisten des Geistesleben machten nicht nur alle Anstrengungen, sich des Weges zu vergewissern, den die Kultur bis dato zurückgelegt hatte. Sie suchten auch auf außerordentlich grundsätzliche Weise nach der Richtung, welche die Geisteswelt in der Zukunft nehmen sollte. Die Entwicklung der alteuropäischen Kultur strebte so in Wien in exemplarischer Weise jenem Kulminationspunkt zu, dem die Moderne folgte. Von den herausragenden Protagonisten dieser Entwicklung seien hier nur Siegmund Freud für die Humanwissenschaften, Gustav Mahler und Arnold Schönberg für die Musik sowie Gustav Klimt, Walter Olbricht, Otto Wagner und Adolf Loos für die Bildende Kunst und die Architektur genannt. Aber auch so „radikale“ soziale Umgestalter wir Theodor Herzl und Adolf Hitler sind durch die Atmosphäre Wiens in der Zeit der Jahrhundertwende geprägt. 
 
Die Vorstellung, dass es um das große Ganze ging, hatte nicht zuletzt den geistigen Nachwuchs erfasst. Auffällig viele junge Talente hielten sich nicht lange damit auf, sich Schritt für Schritt der tradierten Kulturtechniken zu bemächtigen und sich dann in der Hierarchie der Kultur langsam nach oben zu arbeiten, sondern wagten früh den großen Wurf. Solche jugendliche Himmelstürmer waren etwa die Literaten Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig und Karl Kraus, der Philosoph Otto Weiniger und wiederum Arnold Schönberg. 

 Zu den jugendlichen Wiener Kraftgenies dieser Zeit gehörte auch der Musiker Franz Schmidt, der wie Schönberg und Kraus im Jahre 1874 geboren wurde. Als pianistisches Wunderkind und Cellist eignete er sich schon in jungen Jahren eine geradezu enzyklopädische Kenntnis der Musikliteratur an. Man sagte ihm nach, dass er auf der Basis eines phänomenalen musikalischen Gedächtnisses fast alle gängigen Werke auswendig spielen konnte. Im Alter von 22 Jahren machte sich Schmidt – möglicherweise beflügelt durch die Tatsache, dass er gegen vierzehn Mitbewerber eine Stelle als Cellist beim Paradeorchester der Wiener Philharmonikern erlangt hatte – daran, diese Kenntnisse in einem großen Werk zu verarbeiten. Wiewohl er bis dahin wenig und insbesondere nichts für Orchester komponiert hatte, nahm er sich dabei nichts weniger als die Fortführung der großen Tradition der Wiener Symphonik vor. Anlage und Größe des Werkes, das er dann in den Jahren 1896 bis 1899 schuf, zeigen, dass er auf Augenhöhe mit seinen großen Wiener Vorgängern, insbesondere mit Brahms und Bruckner agieren wollte, Komponisten, die sich aus Respekt vor der anspruchsvollen Form der Symphonie erst in ihrem vierten Lebensjahrzehnt an ein solches Vorhaben gewagt hatten.

In der schwelenden Diskussion darüber, welche Richtung der künstlerische Geist der Zeit einschlagen sollte, hat sich der junge Schmidt dabei auf die Seite der Sammler, Bewahrer und Vollender gestellt, einer Einstellung, der er bei aller – insbesondere auch persönlichen – Sympathie für den vorwärtsstürmenden Schönberg und seine Anhänger im großen und ganzen sein Leben lang treu bleiben sollte. Seine 1. Symphonie zeigt ihn als einen Künstler, der sich in großartig zusammenfassender Weise der bisherigen Entwicklung der Musik vergewissert. Das Werk ist daher in erster Linie ein Gang durch die wundervollen Bildungen, welche die Musikgeschichte bis dato hervorgebracht hatte. Vom barocken Figural- und Fugenwerk über kunstvoll motivisch-thematische Arbeit in der Form des Sonatenhauptsatzes und romantischer Waldhornseeligkeit bis zu Wiener Schrammelharmonik und Brucknerschen Scherzo-Rhythmen ist alles vertreten, was dem Musikkenner vertraut ist. Die Symphonie ist eklektisch in dem guten Sinne, in dem es die Architektur des 19. Jh. ist, die in ähnlich vielfältiger Weise auf die tradierten Formen anspielte. Es ist sicher kein Zufall, dass das Werk in einer Zeit entstand, als man im Herzen der Stadt die gigantischen Prunkbauten der Kaiserforen erstellte, die ebenfalls dem Sammeln und Bewahren dienten. Die Neue Hofburg steigerte die architektonische Tradition der Antike unmittelbar ins Ungeheure, das Kunsthistorische Museum und sein bauliches Pendant, das Naturhistorische Museum, nahmen sie mittelbar, nämlich in der Form der Neorenaissance auf. Schmidts Symphonie überträgt gewissermaßen die Monumentalität und imperiale Haltung dieser Bauten in Musik. Man kann das Spiel mit den historischen Formen der Musik wie eine Wanderung durch die prunkvollen Räume und kostbaren Sammlungen der großen Museen und die feierlichen, anders als bei Bruckner ganz weltlichen Choräle wie ein Durchschreiten der kolossalen Kolonnaden und Treppenhäuser des nie vollendeten Riesenbaus der Neuen Hofburg empfinden. Tatsächlich ist denn auch mehrfach die kaiserliche Hymne „Heil Dir im Siegerkranz“ zu hören.

Schmidts 1. Symphonie ist, anders als die drei Werke der gleichen Gattung, welche er noch komponieren sollte, heute so gut wie unbekannt. Sie wird in den einschlägigen Werken in der Regel nicht einmal erwähnt. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie als Jugendwerk gilt und ihre Aufführung durch technische Schwierigkeiten erschwert ist, mit denen Schmidt möglicherweise seine Kollegen als Mitglieder eines Orchesters, das als das beste der Welt galt, beeindrucken wollte. Die Symphonie, welche die Wiener Philharmoniker im Jahre 1902 erstmals spielten, wartet daher noch darauf, in die Traditionspflege einzugehen, von der sie selbst ein großartiger Teil ist.

 

Ein- und Ausfälle (Schriftkultur)

 

Einer der erstaunlichsten Mechanismen des sozialen Zusammenlebens ist die Macht des geschriebenen Wortes. Menschen können – auch über Grundsätzliches – der unterschiedlichsten Meinung sein. Wenn ihr Antrieb stark genug ist, sind sie bereit, ihre Meinungen und Interessen mit allen denkbaren Mitteln durchzusetzen. Im besten Fall wird hierfür Autorität, Aura oder Raffinesse, im schlimmsten Fall Gewalt, Erpressung oder Krieg eingesetzt. Sind gewisse Dinge aber einmal schriftlich fixiert, greifen andere Verhaltensmechanismen ein. Man streitet sich nicht mehr direkt über die Interessen, sondern darüber, was der Text beinhaltet. In Betracht kommen nicht mehr alle denkbaren Möglichkeiten der Konfliktlösung, sondern solche, die in irgendeine Beziehung zum Text gebracht werden können. Zwischen die Interessen und ihre Durchsetzung ist damit eine Art Puffer gelegt, der ihre Wucht abfedert. Mit anderen Worten: die Interessenkonflikte werden mediatisiert und damit tendenziell zivilisiert. Auf diese Weise können Texte ein Gewicht erhalten, gegen das sich selbst elementarste Antriebe nicht ohne weiteres durchsetzen können (was freilich nichts daran ändert, dass sie unter der Oberfläche weiterhin wirksam sind).  

 

Im Grunde kann jeder Text ein solches Gewicht bekommen. Besonders geeignet sind jedoch solche, die in gewissen Formen daherkommen, Staatsverfassungen etwa, Gesetze, Verträge und Urkunden. Sehr wirksam sind vor allem Schriften, die einen herausragenden Autor haben oder zu haben scheinen – Dichter etwa, religiöse und politische Propheten oder Religionsstifter. Der Gipfel der Autorität ist naturgemäß der „Heilige Geist“. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dessen – eher  kleiner – Text in einem besonderen Ausmaß diskutiert und hin-und herinterpretiert wurde.

 

So wie die Zuwendung zu den Schriften tendenziell zivilisatorisch wirkt, führt die Abwendung von den Schriften tendenziell zu vorzivilisatorischen Zuständen. Verbrecher und Revolutionäre etwa kümmern sich im Zweifel nicht um Schriften. Die Folge ist, dass in diesen Fällen die Übel, welche die Schriften abmildern, wieder ungefiltert hervortreten. Eine besondere Form des Abrückens von den Schriften ist die scheinbare Bezugnahme auf dieselben. Besonders problematisch ist sie zudem, wenn den Protagonisten nicht klar ist, dass oder wie weit sie von der Schrift abweichen.

 

 

 

 

 

 

 

Ein- und Ausfälle (Architektur 1)

Wer durch ein historistisches Stadtviertel streift, ist, sofern er seine Augen offen hat, auf’s Angeregteste damit beschäftigt, kulturhistorische Entwicklungslinien nachzuvollziehen und Zusammenhänge herzustellen oder auseinander zu ziehen. In jedem ornamentalen Detail spiegeln sich Jahrhunderte europäischer Kunstgeschichte. Penibel nachgeahmte „Originale“ finden sich neben höchst phantasievollen Varianten. Die historischen Stile und ihre Elemente sind teils säuberlich getrennt, teils auf merkwürdige Weise miteinander verschmolzen. Überall kann man beziehungsreiche Anspielungen und mehr oder weniger gekonnte Weiterentwicklungen feststellen.

 

Noch in den fünfziger und sechziger Jahres des letzten Jahrhunderts hat man in historistischen Gebäuden vor allem einen Mangel an originärer Schöpferkraft oder minderwertige Handarbeit gesehen. Heute haben wir die Möglichkeit, ihre Gestaltungen und Ornamente als Ausdruck einer langen Tradition zu verstehen. Der Gang durch ein solches Viertel hat damit in exemplarischer Weise die Wirkung, die ein Kunstmuseum erzielen will. Er verdeutlicht unser Bild von den Zeiten, welche zu unserer Zeit geführt haben. Man wird empfänglich für die zahllosen Versuche, aus dem Kanon der historischen Formen auszubrechen. Die Weiterentwicklung der historischen Formen enthält immer ein Abwenden vom Gewesenen. Altes wird so verdeutlicht und Neues möglich.

 

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass diese Zeiten nicht „vergangen“ sind. Das Besondere der „Stadtmuseen“ ist, dass sie nicht museal sind. Sie können mit dem Auto durchfahren werden und man kann darin wohnen oder einkaufen. Sie sind nicht Vergangenheit, sondern Teil unseres heutigen Lebens.

 

Und noch etwas wird – im Blick auf die Gegenwart – deutlich. Die historistischen Stadtviertel sind so etwas wie die Verwirklichung des romantischen Traumes von der Verschmelzung von Kunst und Leben, ein Traum, den wir uns, wie man beim Durchstreifen dieser Viertel  merkt, leider zu träumen abgewöhnt haben.

Ein- und Ausfälle (Barock 3)

Das Barock gilt als der Stil der Gegenreformation und des Absolutismus. Die außerordentliche Prachtentfaltung in dieser Zeit wird dabei gerne als die – überschießende – Antwort bedrängter Machteliten auf die reformatorischen Kräfte der Neuzeit gesehen. Aus der Sicht der Zeit (und auf den ersten Blick) liegt diese Deutung nahe. Insbesondere die kategoriale und axiale Bauweise des frühen Barock deutet darauf hin, dass es um die Verteidigung alter Ordnungen ging.

 

Im Nachhinein gesehen (und auf den zweiten Blick) ist das Barock aber auch das Zeitalter, in dem das Weltbild Europas in beschleunigte Bewegung gerät. Seine tragenden Elemente, insbesondere die Auffassung von Religion und politischer Ordnung, werden in Frage gestellt. Es findet ein Wandel vom Kategorialen und Regulären, welches das europäische Denken bis dato prägte, zum Individuellen und Irregulären und damit zum Lebensvollen statt (eine Folge ist etwa die Ausformulierung von – individuellen – Menschenrechten, die gegen die kategorialen, bis dato allmächtigen großen gesellschaftlichen Institutionen wie Staat und Kirche geltend gemacht werden können). Man könnte daher sagen, dass die Bewegung, in welche im Barock die Kunstsubstrate, etwa die Säulen und Architrave der Gebäude, geraten, die Dynamisierung widerspiegelt, welche seinerzeit die Weltkonstruktion erfasst hatte. Insbesondere die Art, wie das – späte – Barock schließlich alles Begrenzende überschreitet, deutet darauf hin, dass sich hier vorwärts drängende Kräfte den Weg bahnen. So gesehen wäre das Barock der Ausdruck einen neuen, sich gerade entwickelnden Zeit.

 

Auf den ersten Blick scheinen sich beide Sichtweisen auszuschließen. Auf den zweiten Blick könnte die Doppeldeutigkeit des Barock aber ein Beispiel dafür sein, dass sich die Strömungskräfte einer Zeit in ihren künstlerischen Hervorbringungen auch dann abbilden, wenn die Protagonisten des Zeitgeschehens mit ihnen eigentlich andere Zwecke verfolgen.

Ein- und Ausfälle (Barock 2)

 Am Ende des 18. und bis tief in das 19. Jh. liebte man in der Architektur, wie heute, die klassizistische gerade (oder regelmäßig runde) Linie und hatte wenig übrig für die bewegte Phantasie. Über das Barock etwa heißt es im „Brockhaus“ von 1864, er sei „das willkürlich Seltsame, welches aus den launenhaften Einfällen eines Einzelnen hervorgehend, gegen die allgemeine und natürliche Ansicht verstößt und ins Ungereimte und Närrische übergeht“. Dem entsprechend straft dieses wichtigste deutsche Nachschlagewerk der Zeit so große Barockarchitekten wie Borromini und Guarini mit Nichtbeachtung und räumt ihnen kein Stichwort ein. In ähnlicher Weise attestiert der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke dem Barock in seinem populären „Grundriß der Kunstgeschichte“ von 1860 die „Entfesselung der subjektiven Willkür und gewaltsame Übertreibung der Formen“. Über Borromini, einen von drei Architekten aus der Phalanx der italienischen Barockarchitekten, die er für erwähnenswert hält, schreibt Lübke, bei diesem verschwinde „die gerade Linie fast ganz aus der Baukunst,…. so dass jede strengere Komposition aufhört und alles wie im Taumel zu schwanken scheint.“ In seinem 1000-Seiten-Werk ist ihm die Besprechung der Baukunst der Barockzeit in Italien eine Seite, die Deutschlands kaum 15 Zeilen wert. Jakob Burckhardt, der Nestor der deutschen Italien-Kunstliteratur des 19. Jh., leitet in seinem „Cicerone“, der 1855 erschien, den Abschnitt über den Barockstil mit den Worten ein: „Man wird fragen, wie es nur einem Freunde reiner Kunstgestaltungen zuzumuten sei, sich in diese ausgearteten Formen zu versenken, über welche die neuere Welt schon längst den Stab gebrochen?“. Dass er das (italienische) Barock entgegen dem Usus der Zeit dann doch etwas ausführlicher und mit einem gewissen Verständnis behandelt, glaubt er rechtfertigen zu müssen. Er tut es mit dem Argument, der Italienreisende, der Zeit habe und sich daher nicht auf „das Beste“ konzentrieren müsse, wisse, dass er Genuss nicht nur aus dem „Anschauen vollkommener Formen“, sondern auch aus dem Mitleben der italienischen Kulturgeschichte erhalte, wozu nun einmal ohne seine, Burckhardts, Schuld in unverhältnismäßiger Weise auch das Barock gehöre.

 Irgendwie ist es dann aber tröstlich, dass eben dieser Jakob Burckhardt, der mit der Veröffentlichung des einflussreichen Architekturbuches „Die Geschichte der Renaissance in Italien“ im Jahre 1867 seinen Ruf gefestigt hatte, einer der wichtigsten Parteigänger der geraden oder doch der regelmäßigen Linie zu sein, in einem Brief an den Architekten Max Alioth aus Rom vom 5.4.1875 schreibt: „Mein Respekt vor dem Barocco nimmt stündlich zu und ich bin geneigt, ihn für das eigentliche Ende und Hauptresultat der lebendigen Architektur zu halten. Er hat nicht nur Mittel für alles, was zum Zweck dient, sondern auch für den schönen Schein.“ Das nährt die Hoffnung, dass auch heute die Vorherrschaft der geraden Linie über die bewegte Phantasie nicht von ewiger Dauer ist.

Ein- und Ausfälle (Barock 1 – China 21)

Auch wenn der Begriff des Barock, der – abgeleitet von portugiesischen Wort „barucca“, mit dem man unrund geformte Perlen beschrieb – schon im 17. Jahrhundert die Bedeutung von „regelwidrig“ hatte, hat man in Europa das Unregelmäßige in der (Bau)Kunst richtig erst im 18. Jahrhundert entdeckt. Den Höhepunkt erreichte die Unregelmäßigkeit im alles überwuchernden Muschelwerk des Rokoko, in dem die Asymmetrie schließlich zum Prinzip erhoben wird. Zur gleichen Zeit – nicht selten sogar unmittelbar damit verbunden, entstand in Europa die Chinoiserie. Dies dürfte seinen Grund nicht zuletzt darin haben, dass ein wesentliches Merkmal auch der chinesischen Kunst die kunstvolle Unregelmäßigkeit ist. Die Frage ist nur, ob die Deregulierung der Form in Europa eine Folge des Kontaktes mit der chinesischen Kunst oder ob die Bereitschaft Europas zur Aufnahme von Elementen chinesischer Kunst eine Konsequenz des Interesses an der Unregelmäßigkeit ist. Ganz auseinanderhalten kann mein beide Aspekte sicher nicht. Für ein Übergewicht des Letzteren spricht aber der Umstand, dass man seit der Mitte des 17. Jahrhundert gesellschaftliche Regelwidrigkeiten, nämlich die Kritik an den „regulären“ Mächten Kirche und absoluter Staat,  gerne in Chinesenvergleichen versteckte.

Ein- und Ausfälle (China 18)

Was die Normgeber der großen Kulturkreise von der Normtreue des Menschen halten, kann man aus den Mitteln ersehen, mit denen sie die Befestigung der Norm sicherzustellen und den Einzelnen zu einem normgerechten Verhalten zu bringen versuchten. In unserem Kulturkreis versprachen man dem Normtreuen zu diesem Zwecke ein ewiges Leben in einem überaus herrlichen Himmel. Dem Normverletzer hingegen drohte man eine unglaublich grausame, ebenso ewige Hölle an. In Indien hielt man zur Durchsetzung der Normen ebenfalls extreme Szenarien für notwendig. Man drohte dem Normuntreuen nach dem Tod mit neuer Geburt auf einer niedrigeren Stufe des Lebens und versprach dem Normtreuen den Aufstieg in der Lebenshierarchie. Als höchste Belohnung winkte bei besonderer Anstrengung sogar die Möglichkeit des Ausstiegs auf dem Kreislauf der Wiedergeburten. Die Chinesen waren bei der Wahl der Mittel zur Befestigung der Normen dagegen auffallend mäßig. Sie stilisierten ihre Normgeber zu Heroen, um sie zu Vorbildern zu machen, begnügten sich also im Wesentlichen mit Geschichtsfälschungen. Die interessante Frage ist, was bei der Wahl des Mittels der Normbefestigung Ursache und was Wirkung ist. Haben der Westen (einschließlich des Nahen Ostens) und die Inder so dick auftragen müssen, weil die Menschen besonders schwer in den (sozialen) Griff zu bekommen waren, oder waren die Menschen hier so schwer zu lenken, weil sie diese Art der Normbegründung und -bestärkung nicht recht überzeugte? Es fällt jedenfalls auf,  dass man in China trotz der Mäßigung bei der Normbefestigung eine Menge gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ausgelassen hat, welche bei uns auch die drastischsten Versprechungen und Strafen nicht verhindert haben.

1786 Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Konzert für Klavier und Orchester c-moll, KV 491

 

In seinem persönlichen Werkverzeichnis, das Mozart in den sieben letzten Jahren seines Lebens führte, ist die Fertigstellung des Klavierkonzertes in c -moll für den 24.3.1786 notiert. Die nächste Eintragung betrifft die Vollendung der Oper „Die Hochzeit des Figaro“. Zwischen den beiden Werken liegen nur etwas über vier Wochen. Der Unterschied zwischen ihnen könnte aber kaum größer sein. Der „Figaro“, an dem Mozart seit Oktober 1785, also parallel zum Klavierkonzert arbeitete, ist, wiewohl durchaus auch ernste, nämlich persönlich leidenschaftliche und politische Themen angeschnitten werden, inhaltlich und musikalisch der perfekte Ausdruck des lebensfroh verschnörkelten Rokoko. Im Klavierkonzert hingegen herrscht eine außerordentlich ernste Stimmung. Mozart kleidet seine musikalische Aussage nicht, wie bis dato bei ihm die Regel, in hintergründige Heiterkeit, sondern äußert sich ungewöhnlich unmittelbar und mit großem Pathos. Es werden Töne angeschlagen, wie man sie sonst eigentlich erst in der ausgebildeten Klassik, insbesondere bei Beethoven hört (das Konzert wird daher gerne im Zusammenhang mit Beethovens Schicksalssymphonie genannt, mit dem es die „düstere“ Tonart teilt).

 

Der markante Unterschied zwischen zwei Werken, die zeitlich so nahe beieinander liegen, diente den Persönlichkeitsdiagnostikern immer wieder exemplarisch zur Konterkarierung des Klischees vom Götterliebling Mozart und als Beleg für die außerordentliche Bandbreite seines Charakters. Die Tatsache, dass  der Komponist sich mitten in einer Phase, in der er mit der Fertigstellung des Riesenwerkes der Oper mehr als ausgelastet gewesen sein dürfte, auch mit einem derart andersartigen Werk befasste, zeige, dass  ihm die rokokohaft-heitere Seite der Musik seiner Zeit keineswegs genug war. Mozart scheint die Arbeit an diesem Klavierkonzert in der Tat sehr wichtig gewesen zu sein. Zahlreiche Verbesserungen, Streichungen und Ergänzungen im Autograph der Partitur lassen darauf schließen, dass  er mit dem musikalischen Text mehr als bei ihm üblich gerungen hat.

 

Neuerdings ist dem Bild von den Bedingungen der künstlerischen Produktion bei Mozart und den unterschwelligen Inhalten seines künstlerischen Schaffens am Beispiel dieses Konzert noch eine weitere mögliche Facette hinzugefügt worden. Es wurde festgestellt, dass  in der Zeit, als der Plan zur Komposition des Klavierkonzertes reifte, auf ausdrückliche Anordungs von Kaiser Josef II. auf dem Hohen Markt, unweit von Mozarts Wohnung, ein vier Stunden dauerndes Hinrichtungsexempel an dem Raubmörder Zahlheim statuiert wurde. Dafür hatte der an sich aufgeklärte Monarch eigens sein fortschrittliches, seinerzeit beispielloses Dekret über die Suspendierung der Todesstrafe von 1781 ausgesetzt. Man hat nahegelegt, dass  sich das Ereignis, an dem 30.000 Schaulustige teilnahmen, im Klavierkonzert widerspiegele.

 

Tatsächlich mutet etwa der ständige Wechsel zwischen martialischen, dramatisch düsteren, turbulenten und mitleidsvollen Passagen im ersten Satz des Konzertes wie eine Auseinandersetzung mit dem barbarischen Geschehen an. Der strenge Unisono-Anfang klingt wie die Verkündung eines gnadenlosen Strafverdiktes und die folgenden, scharf akzentuierten Tritonussequenzen erscheinen wie Schläge, die ohne Mitleid auf das „Opfer“ niederprasseln, zumal die Intervalle wiederholt grell aus der Grundtonart fallen. Die nachhaltige Betonung dieses Intervalls, eines Sprungs über drei Ganztöne, ist bezeichnend. Mozart verwendet damit eine Figur, die wegen ihrer extremen harmonischen Spannung als „diabolus in musica“ bezeichnet und in der kompositorischen Tradition zur Darstellung eines schmerzhaften Geschehens eingesetzt wird. Das volle Orchester, das massiv mit insistierenden Repetitionen einsetzt, scheint für die Volksmasse zu stehen, die von Rachegelüsten aufgestachelt und von Schaulust erregt ist. Schließlich gibt es noch einen imaginären Beobachter, der immer wieder an das Mitleid appelliert, eine Haltung, die Mozarts eigene Empfindungen wiederspiegeln dürfte. Wie in der Wirklichkeit auf dem Hohen Markt ist das grausame Schauspiel nicht aufzuhalten. Es nimmt in der Musik mit beklemmender Konsequenz seinen unerbittlichen Lauf bis eine gequälte Seele kläglich verlöscht.

 

Darauf dass  es hier um „schreckliche“ Fragen des Todes geht, zeigt auch die Tatsache, dass  Mozart eine dramatische musikalische Passage später wieder in seinem Requiem verwendet. Für die Interpretation musikalischer Selbstzitate gilt zwar in der Regel, dass  man aus dem Kontext, im dem eine zeitlich frühere Verwendung eines Motivs steht, auf die Bedeutung schließen kann, die es in einem späteren Kontext haben soll. Im Falle des c-moll Konzertes dürfte es aber angesichts der Gesamtkonstellation wohl erlaubt sein, in einer Art retrograden Interpretation Schlüsse aus dem späteren Kontext auf seine frühere Bedeutung zu ziehen. Wenn Mozart im „Rex tremendae“ des Reqiems mehr oder weniger „wörtlich“ eine rythmisch stark akzentuierte, absteigende Passage mit anschließender Beruhigung aus dem ersten Satz des Konzertes zitiert, dann ist dies ein Hinweis darauf, dass  diese Passage für ihn tödliche Dramatik ausdrückt.

 

Wenn diese Deutung des Konzertes zutrifft, dann wäre es in der Tat in besonderem Maße geeignet, Aufschluss über Mozarts Charakter zu geben. Sollte er das menschlich und politisch höchst brisante Ereignis dieser öffentlichen Hinrichtung tatsächlich in seinem Konzert reflektiert haben, würde diese Tatsache und die Art ihrer Abhandlung einen außerordentlichen humanitär-seriösen Zug in seiner Persönlichkeit offenbaren.

 

Abgesehen von derlei biographischen Aspekten ist das Konzert im übrigen auch ein wesentlicher Schritt auf dem Weg der Steigerung der musikalischen Komplexität, auf dem der experimentierfreudige Komponist stetig voranschritt. Schon bei den Konzerten, die dem c-moll Konzert in dichter Folge vorausgingen, hatte Mozart das Zusammenspiel von Soloinstrument und Orchester immer mehr im Sinne einer symphonischen Konstruktion verdichtet. Das Orchester wurde nicht nur mit umfangreichen Tuttiblöcken, sondern auch in immer neuen Gruppierungen am musikalischen Geschehen beteiligt. Im c-moll Konzert hat es nun auch die volle klassische Besetzung. Erstmals in Mozarts Werk werden die Klarinetten nicht anstelle, sondern neben den Oboen eingesetzt. Darüber hinaus sind auch Pauken und Hörner beteiligt, wobei letztere nicht mehr nur die Harmonie verstärken, sondern eigenständige Stimmen haben.

Ein- und Ausfälle (China 15)

China kannte von alters her keinen Adel, keine Verehrung des Militärs, keine Kirche, die meinte, alles am besten zu wissen, keinen Kolonialismus, keine Religionskriege, keinen Rassismus und keinen Nationalismus, dafür aber einen relativ gerechten Zugang des Volkes zu öffentlichen Ämtern und die tatsächliche Verantwortung der Regierung für das Wohl des Volkes, mit anderen Worten China hatte das oder das nicht, was sich Europa erst in neuerer Zeit mühsam ab- oder anzugewöhnen begonnen hat.

Ein- und Ausfälle (China 14)

Im alten China herrschte die Vorstellung, dass sich Recht und Moral dadurch entwickeln, dass der Herrscher seinem Volk mit gutem Beispiel vorangehe. Dies hielt das Bedürfnis der Menschen in Grenzen, an die Spitze der Gesellschaft zu streben. Im Abendland hingegen nahmen die Herrschenden aus angeblich übergeordneten Gesichtspunkten heraus gerne in Anspruch, außerhalb des Rechtes zu stehen. Dies hatte zur Folge, dass die oberen Ränge der Gesellschaft sehr attraktiv erschienen. Dies scheint eine wesentliche Ursache dafür zu sein, dass sich im Westen ein Gesellschaftsmodell entwickelte, dessen Leitmotiv der soziale Aufstieg ist.

Ein und Ausfälle (China 10)

Es fällt auf, dass es in China wesentlich weniger (bauliche) Sehenswürdigkeiten aus alter Zeit gibt als in Europa. Das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass in China weniger Altes erhalten geblieben ist, etwa weil man weniger beständige Baustoffe verwendete oder weil in den zahlreichen gesellschaftlicher Umwälzungen viel zerstört wurde. Es dürfte dafür auch eine strukturelle soziale Ursache geben.

Vom Menschen gemachte Sehenswürdigkeiten setzen in der Regel eine gewisse Konzentration ökonomischer Mittel voraus. Daher ist die Anzahl solcher Sehenswürdigkeiten umso größer, je mehr Individuen oder Gruppen von Individuen die Möglichkeit haben, solche Mittel verstärkt an sich zu ziehen. Dies ist naturgemäß dann in besonderem Maße der Fall, wenn die Konzentration ökonomischer Mittel in privater oder quasi privater Hand in einer Kultur in besonderer Weise zugelassen oder gar gefördert wird.

Eine derartige Konzentration von Ressourcen ist typisch für die europäische Kultur. Eine ihrer unausgesprochenen aber dennoch zentralen Zielvorstellungen ist, dass sich der Einzelne oder Gruppen von Einzelnen so viel wie möglich vom gemeinsamen – und möglichst noch von fremden – Kuchen verschaffen sollen und dürfen. Die Methoden, deren man sich dabei bedient, sind außerordentlich vielgestaltig. Sie reichen von unverblümter Durchsetzung des Bereicherungswillens (so im Falle der Sklavenhaltung oder des Raubrittertums) bis zur fein verschleiernden Legitimation desselben (etwa durch Schaffung bestimmter Strukturen des Erwerbs und der Verteilung von politischer Macht oder dem Praktizieren eines Wirtschaftssystems, welche das Akkumulieren von wirtschaftlichen Ressourcen fördert – zum Beispiel eines kapitalistischen). Ausdruck der Bedeutung, den der Topos der Bereicherung im Westen hat, ist die Tatsache, dass hier in der Regel derjenige bewundert wird, dem es gelingt, mehr als seinen Teil am großen Ganzen an sich zu nehmen. Der sinnenfälligste Ausdruck dieses Denkens ist das Schloss, mit dem der Schlossherr deutlich macht, dass er seinen Reichtum für des öffentlichen Sehens würdig hält, aber auch, dass er ihn unter Verschluss halten, also gegen den Zugriff von Seiten der Gesellschaft verteidigen will.

Die Tatsache, dass im alten China vergleichsweise wenig Sehenswürdigkeiten entstanden, dürfte daher etwas damit zu haben, dass dort die individuelle Akkumulation ein weniger hoch bewerteter gesellschaftlicher Topos ist als in Europa und seinen Dependancen. Dass dem so ist, zeigt eine Passage aus  dem altchinesischen Grundbuch „Diskurse der Staaten“. Dort wird einem wohlwollenden Ratgeber des Dschou-Königs Li, der im 9. Jh. v. Chr. regierte, die folgende Warnung vor dem Bereicherungsdrang des Herzogs I von Rung, den der König zu seinem Kanzler machen will, in den Mund gelegt: „Dem Herzog I von Rung ist daran gelegen, den gesamten Ertrag (des Landes) alleine zu beanspruchen, ohne die großen Schwierigkeiten zu verstehen, die daraus entstehen müssen. Denn die Erträgnisse erwachsen aus allen Dingen, …sollte sie einer für sich alleine beanspruchen, so verursacht er damit zahlreiche Schäden. Die vielen Dinge, die Himmel und Erde gedeihen lassen, sind für den Gebrauch aller bestimmt. Wie darf sie daher einer für sich allein beanspruchen. So wird ein gewaltiger Unwille hervorgerufen und nichts getan, um Vorsorge für die kommenden großen Schwierigkeiten zu treffen. … Wer als König herrscht, muss die Erträgnisse zu fördern und sie an alle in den niederen und höheren Regionen zu verteilen wissen. Und selbst wenn alle… das ihnen zukommende Maß erhalten haben, so lebt er (hätte er zuviel) doch täglich in Sorge und Angst, dass er Missbilligung erregen könnte… Wenn ein Gemeiner Erträgnisse an sich zu reißen versucht, so wird er Räuber genannt. Tut dies ein König, so wird es wenige geben, die ihm zu folgen bereit sind“ (mit der Folge, dass seine Herrschaft verfällt, was dann auch, so die Moral des negativen Exempels, bei König Li, der den guten Rat nicht beachtete, der Fall war). Neben den außergewöhnlich hoch bewerteten moralischen und praktischen Aspekten der Anhäufung von Reichtum erscheint hier ein Topos, der dem Westen – besonders dem „Wilden Westen“ – besonders fremd ist: die Sorge und Angst, man könne durch die übermäßige Anhäufung von Reichtum Missbilligung erregen.

Tatsächlich wurden die ökonomischen Ressourcen im alten China, die in ihrer Gesamtheit vermutlich nicht geringer waren als die Europas, auch in geringerem Maße im Interesse von Individuen oder Gruppen, sondern mehr für Zweckes des Ganzen der Gesellschaft konzentriert. Dem entsprechend sind die Relikte der alten Kultur, sieht man von Repräsentationsstätten wie Kaiserpalästen oder Kultstätten ab, in China eher solche von gesellschaftlichen Gemeinschaftsprojekten. Solche Projekte wiederum konnten, da die Ressourcen nicht in einer Vielzahl von „privaten“ Projekten „verzettelt“ wurden, in Dimensionen verwirklicht werden, vor denen wir Europäer heute mit Staunen wie vor Sehenswürdigkeiten stehen, darunter so unglaubliche Anlagen wie die chinesische Mauer und der Kaiserkanal oder die großen Bewässerungs- und Überschwemmungsschutzprojekte.

1738 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Altus Arie aus der Oper Xerxes

 

Dass die tiefere der beiden oberen Stimmen im vierstimmigen musikalischen Satz die „Hohe“ (lat: altus) genannt wird, hat etwas mit der Rolle der Frau in der christlichen Gesellschaft zu tun. Anfangs war die patriarchalische Welt der Musik noch in Ordnung. Die (Kirchen-)Musik des frühen Mittelalters war einstimmig und wurde -natürlich- vom Mann gesungen. Diese einzige Stimme nannte man Tenor, was so viel heißt wie „der, der den Ablauf bestimmt“ (in diesem Sinne – nämlich von Dominanz – wird die Entscheidungsformel eines gerichtlichen Urteils noch heute als „Tenor“ bezeichnet). Später gesellte sich als hohe Gegenstimme der Cantus hinzu. Auch für dieses Problem fand man eine „männliche“ Lösung. Der Cantus wurde von Knaben gesungen. Im weiteren Verlauf der Musikgeschichte rankte sich um den Tenor eine dritte Stimme, die mal über, mal unter ihm lag, und schon wegen der Tiefe, die hierbei benötigt wurde, dem Mann vorbehalten war. Diese -vagabundierende- Stimme spaltete sich im 15. Jahrhundert in zwei Stimmen, den unter dem Tenor liegenden Baß (Contratenor bassus) und dem darüberliegenden Alt (Contratenor altus). Auch im nunmehr vierstimmigen Satz wusste man die Andächtigen zunächst noch vor dem betörenden Charme der weiblichen Stimme zu schützen. Die Männer machten die Sache erneut unter einander aus. Der Preis, den man dafür zahlte, war im wahrsten Sinne des Wortes „hoch“. Einen Teil der Männer kostete der Drang nach oben ihre Männlichkeit. Der andere Teil, alti naturali genannt, entwickelte eine Falsetttechnik, die es auf stupende Weise ermöglichte, sich im natürlichen Tonraum der Frauenstimme zu bewegen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich hieraus eine eigene Tradition virtuoser Gesangskunst, die sich auch dann noch gegen die Frauenstimme behaupten konnte, als sich diese bereits allgemein durchgesetzt hatte. So wurden in der Oper, in der der Siegeszug der Frauenstimme begann, männliche Heldenrollen noch bis in das späte 18. Jahrhundert hinein für hohe Stimmen geschrieben und von Männern gesungen. Erst im 19. Jahrhundert war die Gleichberechtigung der Stimmen erreicht. Als späten Triumph konnten die Frauen nun eine gewisse Umkehrung der Rollenverhältnisse verbuchen. Zum neuen Helden der Gesangswelt wurde die Primadonna, die in der Hosenrolle sogar den Mann spielen durfte.

Auch die Alt-Arie aus der Oper Xerxes wurde ursprünglich für einen Mann geschrieben.

Ein und Ausfälle (China 7)

Man kann sich Bücher ausdenken, die ihren Ursprung im Himmel haben, wie am westlichen Ende des eurasischen Kontinents, oder Texte allgemein geachteten Weisen der Vergangenheit zuschreiben, wie am östlichen Ende des Kontinents. Sozialtechnisch ist es das gleiche Verfahren. Es geht es jeweils darum, Texte die Normen generieren sollen, im „Jenseits“ zu verankern, um dem Führungspersonal, das im Diesseits agiert, die Arbeit zu erleichtern. Das zeigt vor allem die Tatsache, dass der weitere Umgang mit diesen Texten in Ost und West sehr ähnlich ist. In beiden Kulturen sind die Grundbücher meist allgemein bis nichts sagend gehalten und lassen daher allerhand Deutungen zu. Besonders deutlich wird dies bei den Konfutius zugeschriebenen „Frühlings- und Herbstannalen“, die für die chinesische Sozialgeschichte so wichtig wurden. Sie enthalten nicht viel mehr als eine wenig aussagekräftige Aufzählung historischer Ereignisse. Die nähere Ausführung der Grundbücher ist in Ost und West jeweils nachgeordneten Werken vorbehalten, welche die Grundbücher unter Berücksichtigung der jeweiligen Zeitumstände auslegen. Im Westen nannte man diese Tätigkeit ursprünglich Theologie, im Osten Kommentierung. Auch hier ist das Verfahren bei den „Frühlings- und Herbstannalen“ besonders aufschlussreich. Die Kommentatoren ziehen aus dem Ursprungstext selbst dann noch ausgedehnte sozialpädagogische Lehren, wenn derselbe praktisch ohne Inhalt ist. Im Prinzip hat sich an dieser sozialen Steuerungstechnik bis heute nichts geändert. Nur dass wir neuere soziale Grundtexte nicht mehr heilige Bücher sondern Gesetze, das Spitzenwerk etwa Grundgesetz nennen. Auch diese Texte sind möglichst allgemein gehalten und werden von Anwendungsinstitutionen wie Gerichten und Kommentatoren konkretisiert und an den jeweiligen Bedarf angepasst, wobei nicht selten die kürzesten und allgemeinsten Paragraphen die längste Kommentierung erfahren.

Ein- und Ausfälle (China – 6)

Es mag sein, dass die moralischen und seelischen Superlative wie „Platz des himmlischen Friedens“, „Halle der vollkommenen Harmonie“, „Palast des reinen Wohlwollens“ mit der sich im alten China die Führungsebene umgab, reichlich paradiesisch und im Hinblick auf die unruhige und mitunter ziemlich blutige chinesische Geschichte auch nicht gerade realitätsnah sind. Es stellt sich aber die Frage, ob es nicht besser ist, die Ausrichtung eines Gemeinwesens mit übertriebenen Wunschvorstellungen zu garnieren, als zu versuchen, die Menschen mit Bildern exzessiver Grausamkeit auf Kurs zu halten, als da sind: die „Vertreibung aus dem Paradies“, das massenhafte Ersäufen in einer „Sintflut“, die strafweise Vernichtung von Stätten abweichenden Verhaltens wie „Sodom und Gomorrha“, der elende „Kreuzestod“ einer edlen Führungsfigur und ein unerbittliches „Jüngstes Gericht“ einschließlich der von ihm verhängten Strafe ewigen Schmorens in einer „Hölle“.

Ein- und Ausfälle (China – 5)

Dass strategische Aspekte beim kommunikativen Umgang mit Tatsachen immer dann eine besondere Rolle spielen, wenn es um Fragen der Steuerung der Gesellschaft geht, ist ein allgemeines bekanntes, immer wieder vergeblich beklagtes Phänomen („Politiker lügen“). Bekannt ist auch, dass dieses Phänomen, das „ehrliche“ Europäer stets neu verwirrt, in Asien auch bei sonstigen Vorgängen der sozialen Kommunikation besonders häufig zu beobachten ist. Geht es allerdings um Fragen der Steuerung der Gesellschaft in Asien, dann können sich die Effekte in einem Maße summieren, dass die Flexibilität im Umgang mit Tatsachen ans Akrobatische grenzt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Falle von Dso`s Kommentar zu den altchinesischen Frühlings- und Herbstannalen. Irgendwann in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend v. Chr. versprach man sich viel davon, einen Kommentar dieses wichtigen Autors zu dem alterswürdigen Annalentext zu haben, der, wiewohl eigentlich inhaltsleer, in China zu einem bedeutenden sozialen Steuerungstext geworden war (was wiederum selbst große Freiheit im Umgang mit „sozialen Tatsachen“ eröffnete). Dso hat aber offenbar keinen Kommentar zu diesem Text geschrieben. Daher nahm man ein anderes Werk, von Dso, vielleicht aber auch von einem anderen Autor, und stückelte es so zurecht, dass es wie ein Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen aussah. Dass dabei manches überhaupt nicht passte, störte schon daher nicht, weil die Annalen wegen ihrer Inhaltsleere große Freiheiten bei der Kommentierung ermöglichten, im übrigen aber auch deswegen nicht, weil man sich im allgemeinen durch Tatsachen nicht sonderlich stören lässt, wenn man mit ihrer Behauptung strategische Ziele verfolgt.

Ein- und Ausfälle (China – 2)

Im 18. Jahrhundert kamen die Berater des chinesischen Kaisers, die aufgefordert worden waren, sich über den Charakter der englischen Schiffe zu äußern, die China seinerzeit bedrängten, zu dem Ergebnis, es seien (nur) Handelsschiffe, die bewaffnet seien. Tatsächlich handelte es sich aber um Kriegsschiffe, was allerdings nichts daran ändert, dass die Chinesen den Sachverhalt vollkommen richtig beobachtet hatten.

1805 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) – Symphonie Nr. 3, Op.55 (Eroica)

Beethovens dritte Symphonie, die in den Jahren 1802 bis 1805 entstand, hat, wie man weiß, viel mit Napoleon zu tun. Ursprünglich sollte ihr Titel sogar „Bonaparte“ lauten. Berühmt ist die Schilderung der Szene, wonach Beethoven das Titelblatt der Partitur, auf dem der Name des Korsen stand, wütend zerriss, als er erfuhr, dass dieser beabsichtige, sich zum Kaiser zu krönen. Dabei habe Beethoven, so berichtet sein Schüler Ferdinand Ries, ausgerufen: „Ist der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird auch er alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen.“

 

Auf Grund dieser Umstände wurde die „Eroica“ vielfach als ein politisches Werk angesehen. Dem entsprechend wurde sie, ganz oder nur mit ihrem zweiten Satz, immer wieder und in den unterschiedlichsten Kontexten zu politischen Zwecken herangezogen. Wie weit dies ging, zeigt ein Ereignis aus dem Jahre 1892. Seinerzeit widmete Hans von Bülow die Symphonie aus Protest gegen die Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. kurzerhand „dem Bruder Beethovens, dem Beethoven der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck.“ Dabei stellte er, Beethovens oben angedeutete Absichten ins genaue Gegenteil verkehrend, den „drei Worten des Wahns“, wie er die Ideale der französischen Revolution „liberté, egalité und fraternité“ nannte, reichlich ruppig die „positive Devise Infantrie, Kavallerie und Artillerie“ entgegen.

 

Ob die politische Sicht der Symphonie viel zu ihrem Verständnis beiträgt, ist allerdings eher zweifelhaft. Beethovens Verhältnis zu Napoleon als Politiker war nämlich höchst zwiespältig. Der Korse war für ihn, wie für viele seiner Zeitgenossen, einerseits der Held, von dem man den endgültigen Durchbruch der Ideale der Französischen Revolution erhoffte, andererseits aber auch derjenige, der Beethovens Vaterland und seine Wahlheimat Wien bedrängte und zeitweilig besetzt hielt. Gegenüber dem Kriegsherrn aber fühlte Beethoven die Pflicht zum Widerstand. Die Ironie des Schicksals wollte, dass er sich hierfür auf die Seite eben der Monarchen schlagen musste, in deren Kreis getreten zu sein, er Napoleon vorwarf.

 

Tatsächlich hat Beethoven immer wieder auch gegen Napoleon agiert. 1796 etwa trat er als Leiter der K.&K.- Regimentsmusik einem Freiwilligencorps bei, das Napoleon aus den „österreichischen“ Territorien Italiens vertreiben sollte. Dafür komponierte er politische Lieder, die gegen die „Franken“ gerichtet waren. Auch während der Befreiungskriege schrieb er politische Gebrauchsmusik gegen Napoleon. Sinnigerweise sollte er hierbei sogar seine größten musikalischen Triumphe erringen. Mehr als sein gesamtes sonstiges Werk einschließlich der „Eroica“, die Beethoven selbst besonders schätzte, wirkten in der zeitgenössischen Öffentlichkeit seine musikalischen Beiträge zu den Feierlichkeiten des Wiener Kongresses, bei dem die europäischen Herrscherhäuser bekanntlich mit den politischen Ergebnissen der napoleonischen Zeit auch die positiven Errungenschaften der Französischen Revolution weitgehend rückgängig machten. Kaiser und Könige klatschten seinerzeit begeistert Applaus für Beethovens bombastisches Werk „Wellingtons Sieg in der Schlacht bei Vitoria“, von dessen Urheberschaft man ihn, wie von der seiner sonstigen politischen Musik, heute am liebsten freisprechen würde.

 

Gleichzeitig war Beethoven aber von der Persönlichkeit Napoleons, der sein Altersgenosse war, fasziniert war und verglich sich mit ihm. Parallelen gab es zwischen beiden genug. Beide stammten aus einfachen Verhältnissen und taten sich in einer Zeit, die noch stark vom Standesdenken geprägt war, durch ausgeprägte Individualität und außerordentliche gestalterische Leistungen hervor. Beide setzten sich auch bedenkenlos über die Grenzen der Tradition hinweg, wenn sie ihren Zielen im Wege standen. Napoleons unbändiger Durchsetzungswille korrespondierte mit Beethovens Credo: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich gegenüber anderen auszeichnen, und sie ist auch die meinige“. Der Komponist empfand den Politiker offenbar sogar als Rivalen. Aus dem Jahre 1806 ist von ihm der Satz überliefert: „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn schlagen“. Beim Tode Napoleons im Jahre 1821 sagte Beethoven schließlich, er habe mit dem Trauermarsch der „Eroica“ die Musik zu diesem Ereignis geschrieben.

 

Wahrscheinlich kommt man dem Verhältnis von „Eroica“ und Napoleon daher näher, wenn man in der Komposition ein Selbstportrait Beethovens sieht, welches von der Figur Napoleons beeinflusst ist. Beethoven, der bezeichnenderweise nicht lange vor der „Eroica“ das Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ komponierte, sah sich als Individuum, das sich und die Welt ganz aus sich selbst schafft. Der exemplarische Vertreter dieses neuen, „titanischen“ Menschentums war neben ihm naturgemäß Napoleon. Diesem Selbstentwurf entsprechend schuf Beethoven mit der „Eroica“ ein Werk, das an Umfang, Schwierigkeitsgrad und Komplexität der Themenverarbeitung seinerzeit ohne Vorbild war.

 

Wie Napoleon sah sich Beethoven auch in einer heroischen Situation. So wie sich dieser politisch gegen die ganze Welt stellte, befand er sich im Kampf gegen die Taubheit, dem denkbar größten Widerstand, der einem Musiker entgegenstehen kann. Wir wissen aus Beethovens ergreifendem „Heiligenstädter Testament“, welches aus der Zeit stammt, in der er die Komposition der „Eroica“ begann, dass er sich wegen seiner fortschreitenden Krankheit mit Selbstmordgedanken befasste. Er nahm davon jedoch Abstand, weil er in heroischer Weise gerade gegen die Taubheit Neues und Großes schaffen wollte. Die „Eroica“ ist denn auch bestimmt von dem Kontrast zwischen vorwärtsstürmendem Elan und elegischer Färbung. Diese Stimmungslage spiegelt sich insbesondere im ersten Satz des Werkes, wo sie bereits in den Anfangstakten erscheint. Während hier das vorwärtsdrängende und im letzten Satz das konstruktive Element den Sieg davonträgt, dominiert im langsamen Satz die Auseinandersetzung mit der Depression, die angesichts der Bedeutung, die sich das handelnde Subjekt zulegt, monumentalen Charakter annimmt.

 

Unter diesen Umständen ist es nur allzu bezeichnend, dass auf jenem Titelblatt der „Eroica“, welches Beethoven im Jahre 1805 so wütend zerriss, sich lediglich zwei Namen befanden: „Ganz oben“, so heißt es im Bericht von Ries, habe „Buonaparte“, unten „Luigi van Beethoven“, dazwischen aber nichts gestanden.

 

Die „Eroica“ ist das erste der großen musikalisch-geistigen Auseinandersetzungswerke des 19. Jahrhunderts, Werke mit denen ihre Schöpfer, wie Beethoven in diesem Fall, nicht selten über Jahre rangen. Sie ist – am Anfang des neuen Jahrhunderts stehend – der Auftakt zu der grandiosen Entwicklung, welche die Symphonie im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundert nehmen sollte. Auf der Basis dieses Musters wurde die Gattung Symphonie zur zentralen musikalischen Ausdruckform des individualistisch empfindenden Bürgertums, das in dieser Zeit seinen endgültigen politischen und wirtschaftlichen Durchbruch erlebte.

Weitere Texte zu Werken von Beethoven und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Verschlossene Bedürfnisanstalt – ein Gruß aus dem Reich der Mitte

 

Als ich dieser Tage um den West-Lake von Hangzhuo spazierte, kam mir der Marienplatz in Stuttgart in den Sinn. Ich weiß, dass der Vergleich von Stuttgart und Hangzhou und des West-Lakes mit dem Marienplatz nicht ganz fair ist. Hanghzou ist mehr als zehn Mal so groß wie Stuttgart und sein See ist eine der großen Touristenattraktionen für die Chinesen. Auch stellte schon Marco Polo fest, dass Hangzhou die schönste und prächtigste Stadt der Welt sei, was von Stuttgart noch niemand behauptet hat. Da aber das Lob Marco Polos schon 700 turbulente Jahre zurückliegt und Hangzhou in der Reihe der Städte Chinas der Größe nach ähnlich platziert ist wie Stuttgart in Deutschland, scheint mir der Vergleich doch nicht so übertrieben. Dies gilt um so mehr, als die Sache, die meine Aufmerksamkeit erregte, bei allem Unterschied in beiden Städten sehr ähnlich ist. Hier wie dort war die Aufgabe, einen „Platz“ zu bauen, an dem sich die Menschen treffen und sich ihres Lebens freuen können. In Hangzhou ging es dabei um die Gestaltung der Ufer des West-Lakes, in Stuttgart um den Marienplatz. Beide „Plätze“ sind, auch das verbindet sie, nach einer Zeit der Vernachlässigung in den letzten Jahren völlig neu gefasst worden. Was mich ins Grübeln brachte, war, dass das Ergebnis so völlig unterschiedlich ausfallen konnte.

 

Im Hangzhou hat man am Ufer des Sees eine Vielfalt von grünen Anlagen mit abertausenden frisch gepflanzten Bäume geschaffen, die locker um natürliche und künstliche Gewässer gruppiert sind. Dazu gehören dramatisch wilde Steingärten, idyllische Miniaturlandschaften, von Säulen umstandene Plätze, verspielte Pavillons und Pagoden, buckelige Brückchen und rechtwinklig gezackte Stege mit Geländern, auf denen zahlreiche, jeweils unterschiedliche Löwenfiguren stehen; außerdem lange Dämme und allerhand sonstige Monumente. Alles ist bewegt und von einer ausgeklügelten Asymmetrie, weswegen der Blick immer wieder neue Haltepunkte und Perspektiven findet. Selbst in den Natursteinbelag der geschlängelten Wege hat man allenthalben handgearbeitete Steinreliefs mit figürlichen Szenen eingelegt, von denen keines dem anderen gleicht. Das Ganze ist mehr oder weniger im traditionellen chinesischen Stil gehalten. Die Anlagen werden von tausenden gutgelaunten Menschen bevölkert.

 

Den Marienplatz in Stuttgart, die Mitte eines großen Stadtteiles, der sich rund herum die Hügel hinaufzieht, hat man völlig leer gelassen. Das weite Rund ist mit rauen gelben Kunststeinplatten bepflastert, die nur von rasterartig angebrachten Regenrinnen unterbrochen werden. Eingefasst ist es von einer dicken Sichtbetonwand, deren einziger Schmuck kleine runde, symmetrisch angebrachte Vertiefungen sind, die so aussehen, als seien sie von einem Maurerlehrling angebracht worden, auf dessen Ausbildungsplan gerade Übungen im Fräsen von Löchern in hartem Beton standen. Vor der Wand liegen in regelmäßigen Abständen einfache dunkle Betonklötze, welche die Menschen dazu veranlassen sollen, sich niederzulassen. Sie sind so massiv, als habe der Platzarchitekt sicherstellen wollen, dass sie keinesfalls bewegt werden. An den Rand des Platzes, wo sich auch ein paar Bäume finden, hat man einen Spielplatz gelegt, der ebenfalls von dicken grauen Betonwänden eingerahmt wird. Aus schmucklosen Edelstahlöffnungen in der Wand fließt hier Wasser in eine rechteckige Wanne, in der ein paar geglättete Felsbrocken liegen. An einer anderen Ecke des Platzes sind ein paar symmetrische gepflasterte Bodenwellen zu sehen, deren Sinn nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Ansonsten findet sich nicht viel, was das Auge anziehen könnte oder was ihm gar vertraut wäre. Am ehesten ist dies noch bei dem Toilettenhäuschen der Fall, das ebenfalls am Rande des Platzes aufgestellt wurde. Ein Industriedesigner hat es in einem gestalterischen Geniestreich in einem kompakten, eleganten Oval untergebracht. Kopf und Fuß des Pavillons sind durch senkrechte Rillen verbunden, die an die Kanneluren klassischer Säulen erinnern. Seine Türe öffnet sich allerdings nur dem, der im dringenden Moment das nötige Kleingeld zur Verfügung hat. Der Platz ist, wie die Bedürfnisanstalt, meist leer. Die Menschen scheinen nicht so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

 

Wir haben uns am westlichen Ende des eurasischen Kontinents fast schon daran gewöhnt, dass neu geschaffene Plätze so ähnlich wie der Marienplatz aussehen. Beim Blick vom anderen Ende des Kontinents drängte sich mir nun aber mit einer Vehemenz, die mich erstaunte, der Verdacht auf, dass bei uns irgendetwas falsch gelaufen ist, dass wir so etwas wie die Mitte verloren haben.

 

Ich will einmal, obwohl man sich bei der Mentalität unserer Stadtgestalter da keineswegs sicher sein kann, unterstellen, dass die Erbauer des Marienplatzes nicht die Absicht hatten, die Menschen, für die der Platz geschaffen wurde, ratlos zu machen. Gerade dann stellt sich aber die Frage, wieso es ihnen nicht gelungen ist, einen Platz bauen, der den Bedürfnissen der Menschen dient, der sie auf seine Mitte zieht, mit anderen Worten, auf dem sie sich wohl fühlen. Nachdem sich mir die Frage aus der chinesischen Perspektive stellte, habe ich meine Hoffnung darin gesetzt, aus diesem Blickwinkel auch die Antwort zu erhalten. Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Umweg über Ostasien ein wenig auch deswegen einschlage, weil ich hoffe, so den vollkommen „logischen“ kulturgeschichtlichen, praktischen und ökonomischen Begründungen aus dem Weg gehen zu können, die unsere Stadtgestalter ohne Rücksicht auf das konkrete Ergebnis für ihre Lösungen immer parat haben.

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Politischer Kopf – zum 200. Geburtstag des englischen Politikers und Schriftstellers Thomas Babington Macaulay

 

Geist und Macht sind, wiewohl aufeinander angewiesen, schwierige Genossen. Der Geist tendiert zum Reinen und läuft damit Gefahr, sich der Politik zu entfremden, zur der auch „unreine“ Verfahren, etwa der Kompromiss und die schnelle Aktion gehören. Vor allem in Deutschland wurde die Kohabitation von Geist und Macht häufig als Problem empfunden. Die deutschen Dichter und Denker haben die Niederungen der Politik gerne aus der Klause (und nicht selten der Perspektive des Weltschmerzes) oder aus der Studier- bzw. Redaktionsstube kommentiert. Dass Größen des Geistes politische oder herausragende administrative Ämter übernahmen, war und ist die Ausnahme von einer Regel, die sich durch eine bemerkenswerte Festigkeit auszeichnet. Umgekehrt haben Personen des öffentlichen Lebens selten ernsthafte literarische oder künstlerische Ambitionen an den Tag gelegt. Schöpferische Tätigkeit wird hierzulande bei gesellschaftlichen Praktikern nicht sonderlich geschätzt. Einige missglückte politische Engagements von Künstlern und Literaten in den Zeiten, in denen der Geist der Politik zur platten Ideologie degeneriert war, haben ein übriges getan, das Verhältnis zwischen den Genossen zu komplizieren.

 

Ganz anders sieht dies bei unseren Nachbarn aus. In England etwa spannt sich von den Renaissance-Politikern Thomas Moore und Francis Bacon, deren Werke zu den Klassikern der europäischen Geistesgeschichte zählen, ein höchst eindrucksvoller polit-intellektueller Bogen bis hin zu Winston Churchill, der den Nobelpreis für Literatur erhielt. In den biographischen Nachschlagewerken beginnen hier unzählige Artikel über Personen des öffentlichen Lebens mit dem Vermerk: „Englischer Politiker und Schriftsteller“ und umgekehrt. Literarische Meriten waren auf den britischen Inseln traditionell ein wichtiges Tor zur politischen Karriere. Und wer den Einstieg in die Politik nicht mit dem Schreiben von Romanen, wie Disraeli und Bulwer-Lytton, von Versepen, wie Byron, oder von Essays, wie Addison, Steele und Burke, verband, der lieferte, wie Fox und Gladstone, möglichst ein Geschichtswerk nach. Noch heute ist es in der Nachfolge dieser Tradition in den Vereinigten Staaten üblich, dass ehemalige Präsidenten dem Geist, auch wenn sie sich ihm in ihrer aktiven Zeit nur mäßig verpflichtet fühlten, durch die Stiftung einer Bibliothek Reverenz erweisen. Wie weit der deutsche Kulturraum von einem solchen Geist entfernt ist, zeigt nichts deutlicher als die Tatsache, dass sogar bloß politisch-mäzenatische Taten dieser Art außerhalb unseres Erwartungshorizontes liegen.

 

Ein Musterbeispiel eines englischen literarisch-politischen Lebens aber auch für die Problematik des Spagates zwischen Amt und literarischen Würden ist Thomas Babington Macaulay. In den 30- und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts war Macaulay, der hierzulande wenig bekannt ist, einer der brilliantesten Redner des britischen Unterhauses und zugleich einer der profiliertesten Schriftsteller seiner Zeit. Berühmt wurde er durch seine Essays, in denen er sich – nach allen Seiten kräftig Zensuren verteilend – außerordentlich mitreißend und luzide mit einem weiten Spektrum literarischer und politischer Themen befasste. Sein Hauptwerk, eine „Geschichte Englands“, war im englisch-sprachigen Raum einer der größten buchhändlerischen Erfolge des ganzen Jahrhunderts. Auch lange nach seinem Tod im Jahre 1859 gehörten seine Schriften noch zum Kernbestand der Hausbibliotheken des aufgeklärten englischen Bürgertums. Selbst in Australien, wo sich die Kolonialpioniere seinerzeit noch durch den Busch kämpften, waren seine Werke überall zu finden. Ein Reisender des 19. Jahrhunderts berichtete, er habe bei allen Siedlern drei Bücher gefunden: die Bibel, Shakespeare und Macaulays Essays. Noch heute gehören seine Werke, nicht zuletzt wegen eines Englisch, das nicht lebhafter, farbiger und treffender sein könnte, zum anregendsten und spannendsten, was man über die Sicht Englands von der Welt zu einer Zeit lesen kann, in der das Land dem Höhepunkt seiner Entwicklung als Weltmacht zustrebte.

 

Macaulay wurde im ersten Jahr des Jahrhunderts geboren, das man als das „englische“ bezeichnen kann und dessen perfekter Repräsentant er ist. Von Haus aus war ihm weder eine politische noch eine literarische Karriere vorgezeichnet. Er  wuchs in Clapham, einen Vorort Londons in kleinen Verhältníssen auf.  Das  streng evangelikale Elternhaus, in dem es chronisch an Geld mangelte, verfügte  über keine besonderen Verbindungen zum englischen Establishment. Der Vater, dem man für sein philanthropisches Engagement ein Denkmal in Westminster Abbey setzte, redigierte zwar eine religiöse Zeitschrift, die sich vor allem dem Kampf gegen die Sklaverei widmete. Sonst wollte er aber mit Politik und Literatur nicht viel zu tun haben. Die Beschäftigung mit weltlicher Literatur war für ihn fast schon Sünde. Als Internatsschüler musste sich der junge Macaulay gegenüber dem Vater immer wieder gegen den – nicht unberechtigten – Vorwurf verteidigen, ein „Romanleser“ zu sein oder sich zu politischen Fragen geäußert zu haben.

 

Macaulay war so etwas wie ein verbales Wunderkind. Ausgestattet mit einem außerordentlichen Gedächtnis, das ihm sein Leben lang gestattete, jederzeit auf den riesigen Fundus seiner Lektüre in allen wichtigen Sprachen Europas zurückzugreifen, hatte er die Formen und Inhalte der europäischen literarischen Tradition schon als Kind so weit aufgenommen, dass er sich ihrer in stupender Weise zum Zwecke des Ausdrucks eigener Gedanken bedienen konnte. Im Alter von acht Jahren schrieb er ein Epos in Blankversen im Stile Walter Scotts und ein Kompendium der Weltgeschichte. Die Briefe, die der Junge aus dem Internat an seine Eltern schrieb, zeigen eine Gewandtheit und Souveränität im Umgang mit der Sprache, die dem heutigen Leser – insbesondere wenn er die Ausdrucksfähigkeit der Bildschirmjugend unserer Zeit dagegen hält – schlicht die Worte verschlägt.

 

Seine außerordentlichen Fähigkeiten brachten Macaulay einen Platz im berühmten Trinity College in Cambridge ein, wo er unter den Büsten Bacons und Newtons mit großem Erfolg studierte und preisgekrönte Gedichte, Dialoge und kleinere Essays verfasste. Soeben dem College entwachsen, trat er schließlich im Jahre 1825 mit einem Paukenschlag auf die große publizistische Bühne. Die angesehene „Edinburgh Review“, das Sprachrohr der liberalen Partei der Whigs, veröffentlichte von ihm einen mit unerhörter Verve geschriebenen umfangreichen Artikel über den englischen „Dichter und Politiker“ John Milton, den Verfasser des „Verlorenen Paradieses“. Darin trat der 25-jährige Autor mit einer so erstaunlichen Weite des Blickwinkels und einer solchen Entschiedenheit des Urteils über künstlerische und politische Fragen hervor, dass ihm die literarisch-politische Öffentlichkeit sofort zu Füßen lag.

 

Macaulays Erstling enthält weitgehend das Programm seines ganzen Lebenswerkes. Wie alle fast 40 Essays, die er in den nächsten 20 Jahren für die „Edinburgh Review“ schrieb, hatte der Milton-Aufsatz die Form einer Buchkritik, ohne sich viel um das Buch zu bekümmern, um das es ging. Viele der besprochenen Werke – Biographien, Werkausgaben und politische Traktate – waren nicht besonders bedeutend und nicht wenige sind überhaupt erst durch Macaulays Lob oder seinen Verriss „groß“ geworden. Im Grunde waren sie für ihn nur der Anlass, auf der Basis verblüffender Detailkenntnisse über die jeweilige Person oder das in Frage stehende Thema weit ausgreifende eigene Gedanken zu ästhetischen, ethischen und historischen Problemen darzulegen und kulturhistorische Vergleiche zu ziehen. Macaulay interessierten dabei vor allem Figuren, die, wie er selbst, zwischen Schreiben und politischer Praxis changierten. Schon im Falle Miltons wandte er sich, nachdem er dessen dichterisches Werk sachkundig abgehandelt hatte (wobei er nebenbei seine persönliche Poetologie darlegte), weit ausschweifend den politischen Verhältnissen im England der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert zu, als unter Beteiligung des Dichters als Pamphletisten der politische Liberalismus aufkeimte.

 

Diese Epoche sollte Macaulay sein Leben lang beschäftigen. Immer wieder kreisten seine Gedanken und Erörterungen um die Zeit der „Großen Rebellion“ von 1649 und der „Glorreichen Revolution“ von 1688, in der mit der „Habeas Corpus- Akte“ und der „Bill of Rights“ die Rechte der Krone eingeschränkt und damit die Grundlagen des englischen parlamentarischen Systems und der Menschenrechte gelegt wurden. Hier lagen für ihn die Wurzeln zum Verständnis der spezifisch englischen Zivilisation, deren wesentliches Kennzeichen er in einer prinzipiellen Reformierbarkeit des politischen Systems und der daraus resultierenden relativen Mäßigung der politischen Leidenschaften sah. Die Revolution von 1688, so schrieb er einmal im Hinblick auf die Reihe der Revolutionen, welche den Kontinent in der Zeit von 1789 bis 1848 erschütterten, sei die gewaltloseste und segensreichste aller Revolutionen gewesen und ihr größtes Lob sei, dass sie – und das gilt noch heute – die letzte in England gewesen sei. Macaulays Lebenswerk war dem Bestreben gewidmet, diese politischen Grundüberzeugungen in der Vergangenheit zu verankern, um ihnen im traditionsbewussten England das Gewicht zu verschaffen, welches sie im politischen Tageskampf der Gegenwart und in der Zukunft benötigten. Bei seinen Landsleuten stieß er damit auf große Resonanz. Bestärkt durch die beispiellosen wirtschaftlichen und weltpolitischen Erfolge Englands im 19. Jahrhundert berauschten sie sich an Macaulays fortschrittsgewisser Formel, dass ihre Generation dank der spezifisch englischen Lösung des Macht- und Führungsproblems die „aufgeklärteste des aufgeklärtesten Volkes aller Zeiten“ sei.

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Todernstes Spiel – Kult und Sport am Beispiel des altmexikanischen Ballspieles

 

 

Wer die präkolumbianischen Ruinen Mittelamerikas besucht, dem fällt auf, dass sich zwischen feierlichen Plattformen und Pyramiden immer wieder auch Ballspielplätze befinden. Auffällig ist dies deswegen, weil es sich bei den gewaltigen steinernen Resten der untergegangen indianischen Zivilisationen mit ihren monumentalen Podesten, Treppen und Schrägen um die Überreste der Sakralzonen der alten Städte handelt. Die Ballspielplätze liegen meist in unmittelbarer Nähe der wichtigsten Pyramiden und sind von allerhand sonstigen Zeremonialbauwerken von elementarer Geometrie umgeben. Schon die Lage der Spielfelder zeigt daher, dass es hier um mehr als Sport und Spiel ging. Tatsächlich wurden in diesen Arenen kultische und damit außerordentlich ernste Dinge verhandelt. Nach allem, was wir wissen, stand bei einigen Völkern dabei sogar das Leben auf dem Spiel.

 

Der Gedanke, dass der Sport kultische Funktionen haben kann, ist den christlich geprägten Gesellschaften fremd. Wir wissen eben noch, dass die Olympischen Spiele Altgriechenlands religiöse Bezüge hatten. Der Sport wurde in Europa aber schon in der Antike säkularisiert. Zweitausend Jahre leibfeindliches Christentum haben ein übriges dazu getan, einen möglichen Zusammenhang von Sport und Kult aus unserem Bewusstsein zu tilgen. Nach dem altchristlichen Menschenbild liegen Kult und Sport geradezu gegensätzliche Prinzipien zu Grunde. Die Stiftung von Sinn ist danach im wesentlichen eine Sache des Geistes und muss gewissermaßen gegen den Körper durchgesetzt werden. Spielerische körperliche Aktivität macht somit für sich keinen höheren Sinn.

 

In unserem Kulturkreis können wir daher über den ursprünglichen Zusammenhang von Kult und Sport nicht viel erfahren. Aufschluss hierüber können wir aber von der Betrachtung der präkolumbianischen Kulturen Mesoamerikas erwarten, bei denen Kult und Sport nie getrennt wurden. Dies gilt um so mehr, als die indianischen Zivilisationen weder das Rad noch Zugtiere kannten mit der Folge, dass der körperlichen Aktivität des Menschen ein besonders hoher Stellenwert zukam. Tatsächlich wurde auf den Ballspielplätzen des alten Mexiko denn auch ein Sport praktiziert, der besonders anschaulich zeigt, dass beim Spiel mit dem Ball wesentlich mehr als der Ball im Spiel ist.

 

Archeologische Funde zeigen, dass die Anfänge des altmexikanischen Ballspieles tief in der Geschichte liegen. Es wurde offenbar bereits über tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung bei den Olmeken gespielt, dem sagenhaften kulturellen Muttervolk Mesoamerikas, dessen markanteste Hinterlassenschaft die „ballartigen“ monumentalen Kopfskulpturen sind, die man an der mexikanischen Golfküste fand. Wie viele andere kulturelle Errungenschaften der Olmeken wurde das Ballspiel von allen indianischen Völkern der Region übernommen und weiterentwickelt. Welche Bedeutung es in der mesoamerikanischen Kultur schließlich erlangte, spiegelt sich in der Tatsache, dass viele Zeremonialstädte mehrere Ballspielplätze besaßen. In der mayanisch-toltekischen Stadt Chichén-Itzá im Norden der Halbinsel Yukatan etwa wurden acht, in der zweitausend Kilometer davon entfernten Totonaken-Stadt El Tajín, 200 km nordöstlich von Mexiko City, sogar siebzehn Ballspielplätze gefunden. Als die Spanier Anfang des 16. Jahrhunderts in Mittelamerika einfielen, war das Ballspiel bei den Völkern, die damals dort lebten, noch in Gebrauch. Die christlichen Eroberer sorgten jedoch, wie bei allem, was mit der indianischen Religion zusammenhing, auf’s Gründlichste dafür, dass es bald in Vergessenheit geriet. Dadurch ist der Traditionszusammenhang des Spieles vollständig verloren gegangen.

 

Die präkolumbianischen Kulturen sind erst vor relativ kurzer Zeit aus dem Dornröschenschlaf geweckt worden, in den sie teilweise schon lange vor der Ankunft der Spanier gefallen waren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Welt durch die Berichte europäischer und amerikanischer Reisender, die die Ruinen der Maya Städte im Dschungel aufgesucht hatten, auf die erstaunlichen Leistungen der indianischen Kulturen aufmerksam. Seitdem versucht man, die Zusammenhänge dieser Kulturen, deren Besonderheit, legt man unsere Maßstäbe zugrunde, eine höchst merkwürdige Mischung von Avanciertheit und Retardierung ist, in mühsamer Kleinarbeit zu rekonstruieren. Dabei ist man auch auf das vergessene Ballspiel gestoßen. Mittlerweile ist das Spiel im Zuge einer Rückbesinnung auf altmexikanische Traditionen an einigen Orten sogar wieder aufgenommen worden.

 

Unser Wissen über das altmexikanische Ballspiel ist dennoch begrenzt. Am besten Bescheid wissen wir über die Anlagen, auf denen das Spiel ausgetragen wurde. Ballspielplätze sind in mehr oder weniger gutem Erhaltungszustand bei Ausgrabungen überall in Mittelamerika gefunden worden. Sie bestanden in der Regel aus einem rechteckigen Platz, der von Mauern oder Wällen umgeben war, die in der Mitte tribünenartig in das eigentliche Spielfeld hineinsprangen. Das Spielfeld wurde dadurch im Mittelteil verengt und hatte so in etwa die Form einer römischen Eins. Die Größe der Arenen variierte erheblich. Einige Ballspielplätze waren kürzer als ein Basketballfeld, andere länger als ein Fußballplatz. Den größten Ballspielplatz fand man in Chichén-Itzá. Die Anlage, die inzwischen vollständig wiederhergestellt ist, ist so gewaltig, dass zweifelhaft ist, ob sie überhaupt bespielbar war. Das Spielfeld hat eine Länge von nicht weniger als 164 Metern und ist in der Mitte 36 und an den Enden 70 Meter breit. Mit ihren hohen Mauern, auf denen feierliche Tempel stehen, erinnert sie an die Arenen des europäischen Altertums, wie man sie etwa in dem amerikanischen Monumentalfilm „Ben Hur“ dargestellt hat.

 

Die genauen Regeln des Ballspieles sind uns mangels einer näheren Beschreibung oder gar eines überlieferten Regelbuches leider nicht bekannt. Wir wissen aber, dass es sich um ein Mannschaftsspiel handelte, das in seiner Grundstruktur dem heutigen Volleyballspiel ähnelte und Elemente von Basketball enthielt. Der Ball war eine massive, elastische Kugel, die meist in etwa die Größe eines Handballes hatte und aus Kautschuk bestand, einem Material, das man vom Gummibaum gewann, der im Siedlungsgebiet der Olmeken an der Golfküste heimisch ist. Dieser Ball wurde wie beim Volleyballspiel über eine Mittellinie gespielt und durfte den Boden nicht berühren. Zusätzlich war er möglichst durch zwei Ringe von der ungefähren Größe eines Basketballkorbes zu schießen, welche an der Mittellinie in einigen Metern Höhe senkrecht an der Seitenbegrenzung des Spielfeldes angebracht waren. (Die aufwendig ornamentierten, steinernen Ringe haben die Spanier übrigens mit Vorliebe als Mühlsteine benutzt, was geradezu symbolisch für die Mischung von Sendungsbewusstsein und Nützlichkeitsdenken des europäischen Kolonialismus ist.) Die besondere Herausforderung an die Geschicklichkeit bestand darin, dass die Spieler den Ball nur mit dem Gesäß, den Hüften, den Schultern oder den Knien befördern durften. Da das Spielgerät ziemlich hart war und einiges Gewicht hatte, wurden diese Körperteile und die Hände, mit denen man sich beim Gesäßstoß am Boden abstützte, mit Lederpolstern oder Holzschienen geschützt, eine Art der Aus(f)rüstung, die sich noch heute in einigen typisch amerikanischen Sportarten wie American Football oder Baseball findet. Der gepolsterte Gürtel, den die Akteure beim Spiel trugen, erlangte im alten Mexiko geradezu eine eigenständige kultische Bedeutung. Solche Gürteljoche wurden, in Stein gehauen und prachtvoll geschmückt, überall in der Region gefunden.

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Keine Ursache – grosse Wirkung – Die Entdeckung der Zahl „Null“ und ihre Folgen

 

Die Einführung einer Zahl für das Nichts im Europa der zweiten Hälfte des Mittelalters gilt als einer der folgenreichsten Akte des menschlichen Geistes. Ohne die „Null“, so heißt es, hätten sich weder die technisch-wissenschaftliche Zivilisation des Westens noch die modernen Formen des Wirtschaftens entwickeln können. Merkwürdigerweise ist die Null aber dort, wo sie ihre größte Wirkung entfaltete, nicht erfunden worden. Das Abendland war nicht nur nicht in der Lage, die Null zu selbst zu konzipieren, sondern hatte damit auch noch lange, nachdem es sie von anderen Kulturen übernommen hatte, seine Probleme. Damit befanden sich die Europäer in bester Gesellschaft mit den meisten anderen Völkern. Dies wirft die Frage auf, welche geistigen Widerstände der Erfindung der Null entgegenstanden.

 

Die Null ist zunächst einmal das Herzstück des heute allgemein verbreiteten Positions- oder Stellenwertsystems der Zahlenanordnung, eines Notationsverfahrens, bei dem jede Ziffer eine doppelte Bedeutung hat. Wie jede „normale“ Zahl repräsentiert sie in erster Linie eine bestimmte Menge („2“ etwa bedeutet: 2 x 1). Darüber hinaus hat sie aber noch einen Wert, der sich aus ihrem Verhältnis zu anderen Ziffern, also ihrer Position oder Stellung, ergibt (als letzte Ziffer bedeutet 2: 2 x 1; als vorletzte: 2 x 10; als vorvorletzte: 2 x 100 etc.). Die Null hat in diesem System die Funktion, das Fehlen von Einheiten innerhalb einer Stelle, mit anderen Worten, eine Leerstelle, zu bezeichnen. Das Positionssystem hat den Vorteil, dass man große Zahlen einfach ausdrücken und damit schriftlich rechnen kann. Dies unterscheidet es von den vielfältigen sonstigen Zahlensystemen, die allesamt auf dem kombinierten Additions- und Multiplikationsprinzip beruhen. In Systemen dieser Art werden Zahlen durch bloßes Aneinanderreihen von Zahlensymbolen gebildet, wobei größere Teilzahlen durch Multiplikation von kleineren Zahlen entstehen (die Zahl „757“ etwa wird durch ein Zeichen für 500, zwei Zeichen für 100, eines für 5 x 10, eines für 5 x 1 und zwei für 1 gebildet). Dieses Verfahren macht das Lesen komplexer Zahlen zu einer regelrechten Kopfrechenoperation. Vor allem aber kann man damit nicht schriftlich rechnen. Addition und Subtraktion sind allenfalls noch in einfachen Fällen möglich, Multiplikation und Division sowie alle komplexeren Rechnungen sind ausgeschlossen.

 

Das Positionssystem der Zahlen ist für uns heute so selbstverständlich, dass wir kaum mehr nachvollziehen können, dass es in Europa erst seit einigen Jahrhunderten existiert. Nicht weniger erstaunlich ist, dass es auch der europäischen Antike nicht bekannt war. Dies gilt um so mehr, als wir gemeinhin die Vorstellung haben, die Kultur der Antike sei in Sachen der Entwicklung des Geistes und gerade auch der Mathematik weit fortgeschritten gewesen und habe – nach einem vorübergehenden Schlaf im Mittelalter – durch ihre Wiedererweckung im Zeitalter der Renaissance entscheidend zum Beginn der Neuzeit und damit auch zur Entstehung der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation des Westens beigetragen. Die antiken Zahlensysteme sind Musterbeispiele für das Additionsprinzip. Mit römischen Zahlen – man denke an obiges Beispiel – konnte man nur das Ergebnis einer gegenständlich durchgeführten Rechnung festhalten. Zur eigentlichen Rechnung musste man sich Hilfsmitteln wie der Finger oder des Abakus, des antiken Rechenbrettes, bedienen. Aber auch mit letzterem waren nur begrenzte Rechenoperationen möglich.

 

Welch‘ eine Leistung des Geistes bereits die bloße Entwicklung eines Positionssystemes ist, zeigt die Tatsache, dass es in der Geschichte der Menschheit nur vier Mal konzipiert wurde. Alle anderen Völker schlugen sich mit dem Additionssystem durch.

 

Das älteste Positionssystem stammt von den Babyloniern und ist fast viertausend Jahre alt. Aus Gründen, über die man nur spekulieren kann, basierte es auf dem eher unhandlichen Sexagesimalsystem, einem Verfahren, bei dem die Grundeinheit der Stellen nicht wie im Dezimalsystem die Zahl 10, sondern die Zahl 60 ist. Die Stellenschritte erfolgen daher nicht in Zehnerpotenzen (10, 100, 1000 etc.), sondern in Sechzigerpotenzen (60, 3600, 216.000, etc.). Wegen der Größe dieser Einheiten waren die Babylonier gezwungen, die Zahlen innerhalb der Stellen nach dem Additionssystem zu untergliedern, was das Rechnen noch immer zu einem komplizierten Unterfangen machte. Hinzu kam, dass sich die Babylonier zur Bezeichnung der Leerstellen über ein Jahrtausend mit Provisorien behalfen. Erst einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung wurde ein Zeichen eingeführt, welches die Funktion der Null hatte. Reste des babylonischen Sexagesimalsystem, das nichtsdestoweniger außerordentlich erfolgreich war, finden sich übrigens noch heute in unserer Zeitmessung sowie bei den Bogen- und Winkelmaßen (Stunde, Grad, Minute, Sekunde).

 Ein Positionssystem entstand zu Beginn unserer Zeitrechnung auch in China. Es beruhte auf dem Dezimalsystem, hatte aber nur wenige Zahlzeichen aus senkrechten und waagrechten Strichen, was zur Folge hatte, dass man sich innerhalb der Stellen wieder des Additionssystemes bedienen musste. Ein Zeichen für die Null taucht auch hier mit erheblicher Verspätung, nämlich erst im 8. Jahrhundert auf. Darüber, ob die Null eine Erfindung der chinesischen Mathematiker war, oder ob sie durch buddhistische Mönche von Indien kam, streiten die Gelehrten, wobei sie je nach nationaler Perspektive zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Das einzige Volk außerhalb des eurasischen Kulturraumes, das ein Positionssystem kannte, waren die mesoamerikanischen Mayas. Neben einer höchst dekorativen Bilderzahlschrift, in der die Ziffern im wesentlichen durch Menschenköpfe symbolisiert wurden – wir können sie vor allem auf den Stelen in den versunkenen Mayastädten bewundern – bildeten sie ihre Zahlen auch mittels Punkten und waagrechten Strichen, wobei die Stellen vertikal angeordnet waren. Für die Null verwendeten sie ein Symbol in der Form einer Muschel. Wie alle präkolumbianischen Völker Mittelamerikas benutzten die Mayas das Vigesimalsystem, eine Zahlenordnung, deren Grundeinheit 20 beträgt, was im Positionssystem Stellenschritte von 20, 400, 8000 etc. zur Folge hat. (Dieses System, dessen Ausgangspunkt nicht, wie im Dezimalsystem, die 10 Finger, sondern Finger und Fußzehen waren, kannten übrigens auch die Kelten, was Spuren etwa in der französischen Zahl „quatrevingt“ oder im englischen „score“ hinterlassen hat). Die Mayas, bei denen die Mathematiker höchstes Ansehen genossen, entwickelten offenbar schon früh eine Null zur Kennzeichnung von Leerstellen. Ob sie mit ihrem System schriftlich rechneten, ist allerdings zweifelhaft. So weit wir wissen, benutzten die Mayas ihr Zahlensystem vor allen zur graphischen Darstellung der zum Teil außerordentlich hohen Daten ihres komplizierten Doppelkalenders, (auf einer Stele in Tikal im nördlichen Guatemala etwa fand sich die mythische Zahl von 1.841.641.600 Tagen). Die kalendarische Funktion der Zahlen ist auch der Grund dafür, dass die Mayas das Vigesimalsystem modifizierten. Um Jahreszahlen besser ausdrücken zu können, hatte die zweite Stelle nicht 20 sondern nur 18 Einheiten à 20 (= 360 Tage). Dies verdeutlicht zwar einerseits die erstaunliche geistige Flexibilität der Mayas im Umgang mit Zahlen. Andererseits war ein solches System für das schriftliche Rechnen nicht geeignet. Wie wenig die mesoamerikanischen Völker die Bedeutung des Stellensystems und der Null für das Rechnen erkannt hatten, zeigt denn auch die Tatsache, dass die Azteken, die mit den Mayas unter anderem auch das Kalendersystem teilten, später wieder nur Zahlen verwendeten, die nach dem Additionssystem gebildet waren.

Das vierte Positionssystem schließlich erfanden die Inder. Wann es genau entstand, wissen wir nicht, es wurde aber möglicherweise schon einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung entwickelt. Die einmalige Leistung der Inder bestand darin, die drei Elemente zu kombinieren, die unser System noch heute kennzeichnen. Sie verbanden nicht nur, wie die Chinesen, Positions- und Dezimalsystem, sondern führten dazu auch noch für jede der 10 Ziffern ein eigenes Zeichen ein. Dies machte das schriftliche Rechen endgültig zu einem Kinderspiel. Rechenoperationen, für die Spezialisten früher mehrere Tage benötigten, kann damit ein achtjähriges Kind in wenigen Minuten durchführen. Wann die Inder die Null als eigenes Zeichen einführten, ist ebenfalls nicht sicher, denn die frühesten Urkunden stammen offenbar erst aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. Dies ist, da die Null in China bereits ein Jahrhundert früher dokumentarisch belegt ist, der Grund für den erwähnten Prioritätsstreit zwischen proindischen und chinesischen Gelehrten. Wie die Babylonier und die Mayas haben auch die Inder ihr System in der Hauptsache für astronomische Berechnungen im Dienste der Astrologie eingesetzt. Ihr Ansatz scheint hierbei ziemlich pragmatisch gewesen zu sein. Große Gedanken über die Voraussetzungen und Implikationen der Null haben sie sich offenbar nicht gemacht.

 

Das indische System gelangte im 9. Jahrhundert in den vorderen Orient, von wo es schließlich nach Europa kam. Auf arabischer Seite war hieran maßgeblich der große arabisch-iranische Gelehrte Ibn Musa al Charismi beteiligt, nach dem man das System einschließlich der damit verbundenen Rechenregeln im Abendland ursprünglich „Algorithmus“ – dies ist die latinisierte Form von al Charismi – nannte, ein Begriff der heute allgemein auf eng verkettete Rechenschritte angewandt wird. Die Null hieß bei den Arabern in Anlehnung an das entsprechende indische Wort „Sifr“, was so viel wie „leer“ bedeutete. Als pars pro toto hat diese Bezeichnung schließlich dem ganzen „Ziffern“ – System seinen Namen gegeben.

 

Der erste Abendländer, der sich mit diesen Dingen näher befasste, war der französische Mönch Gerbert von Aurillac, ein hochgebildeter und weitgereister Mann, der das hindu-arabische System während eines Aufenthaltes im maurischen Spanien in den Jahren 967 bis 970 kennenlernte und es später als Lehrer an der Domschule von Reims propagierte. Das Abendland hatte aber erhebliche Probleme, das neue System zu verstehen und zu akzeptieren. So sprachen die Florentiner Behörden noch im Jahre 1299 ein Verbot des arabischen Ziffernsystems aus. Das erste Handelsbuch, das sich der hindu-arabischen Ziffern durchgehend bediente, schrieb der Italiener Giacomo Badoer erst in den Jahren 1436 bis 1460.

 

Warum nun bereiteten die Entwicklung des Positionssystemes und die Null den Menschen und insbesondere den Europäern solche Schwierigkeiten? Der Grund dürfte folgender sein: Die Zahl, für sich schon eine Meilenstein in der Entwicklung des menschlichen Geistes, stand ursprünglich für eine bestimmte Menge, etwa von Sachen. Sie war daher eindeutig. Im Positionssystem hat sie jedoch je nach Stellung einen unterschiedlichen Wert. Dadurch wird sie mehrdeutig. Um eine solche Vorstellung zu entwickeln, muss sich die Zahl von ihrem geistigen Ursprung emanzipieren, das heißt abstrakter und damit fungibler werden. Dies setzt eine Flexibilität des Geistes voraus, die sich in der Regel nur in Hochkulturen findet. Die Konzeption der Null als Zahl bedeutet noch eine darüber hinausgehende Abstraktion. Der Bezug der einzelnen Zahl zu einer bestimmten Menge ist im Positionssystem nur teilweise aufgehoben. Im Grunde findet ja in jeder Stelle nur eine Multiplikation der Zahl mit der Einheit dieser Stelle statt, was wieder zu einer bestimmten Menge führt (in der dritten Stelle etwa bedeutet „3“ 3 x 100 = 300). Die Konzeption der Null setzt aber voraus, dass der Bezug zu einer Menge völlig wegfällt. Der Inhalt der Null ist Nichts. Welche Schwierigkeiten einer solchen Vorstellung von der Zahl entgegenstanden, zeigt die Tatsache, dass Babylonier, Inder und Chinesen über viele Jahrhunderte keine eigenständige Null konzipierten, obwohl ihre Positionssysteme dies an sich zwingend erforderten. Tatsächlich war die Null bei ihnen, auch nachdem sie sie eingeführt hatten, nur ein technisches Hilfsmittel für das Rechnen mittels des Positionssystemes. Sie war ein Erinnerungszeichen für die Leerstelle. Die Bedeutung der Null als Zahl, das heißt einer Rechengröße, wurde erst wesentlich später erkannt.

 

Von einer derart abstrakten Sicht der Zahl war das Abendland lange weit entfernt. Dabei wirkte sich das Vorbild der Antike geradezu als Hindernis aus. Die mathematischen Vorstellungen Europas wurden seit dem Ende des 4. Jh. v. Chr. von dem antiken Denker Euklid bestimmt. Dieser hatte in seinen „Elementen“, dem Buch, das nach der Bibel wahrscheinlich am meisten gedruckt wurde, die Zahl als eine „aus Einheiten zusammengesetzte Menge“ und damit in eben dem konkreten Sinne definiert, der bereits der Konzeption eines Positionssystems entgegenstand. Auf dieser Basis war die Null als Zahl nicht zu denken. Europa diskutierte vielmehr sogar noch darüber, ob die „1“, die ja keine „Menge“ repräsentierte, eine Zahl oder nur der Ursprung der Zahlen sei, eine falsche Fährte, die schon Aristoteles gelegt hatte.

 

Gegen diese Prinzipien und Autoritäten konnten sich neue Gedanken lange Zeit nicht durchsetzen. Zwar hatte der syrische Bischof Severus Sebokt bereits im Jahre 662 n. Chr. vor einer übertriebenen Wertschätzung der Griechen in der Wissenschaft gewarnt und – leider ohne Einzelheiten mitzuteilen – auf die Überlegenheit der Inder in der Astronomie und Mathematik, insbesondere auf das Rechnen mit 9 (!) Ziffern hingewiesen. Seine Kritik war jedoch folgenlos. Wie wenig das Abendland zu einer funktionsorientierten Sicht der Zahlen in der Lage war, zeigt die Art, wie man noch Jahrhunderte später kosmische Katastrohpenszenarien mit runden Kalenderdaten verband. Zur Jahrtausendwende rechneten viele Christen mit dem fürchterlichen Auftreten des Antichristen, was voraussetzt, dass man Zahlen und ihre Systeme wie feststehende (Tat-)Sachen behandelt.

Die Ironie der Geschichte wollte, dass der Papst der Jahrtausendwende, Silvester II., eben jener Gerbert von Aurillac sein sollte, der mit dem Propagieren des hindu-arabischen Ziffernsystems einen so wichtigen Beitrag zur Flexibilisierung des europäischen Zahlendenkens leistete. Den Zeitgenossen kam eine solche Beweglichkeit des Geistes verständlicherweise verdächtig vor. Gerberts Gelehrsamkeit schien ihnen so ungeheuerlich, dass man meinte, er müsse mit dem Teufel im Bund gewesen sein. Es ist als hätten die Menschen der Jahrtausendwende die subtile Sprengkraft gespürt, die in der Vorstellung von der Zahlqualität des Nichts steckte, ein Gedanke, der im weiteren Verlauf des Jahrtausends dann in der Tat den Weg zur Mathematisierung des europäischen Denkens frei machte und damit mitursächlich für den Untergang der Glaubenswelt des Mittelalters und die Entstehung des modernen Weltbildes wurde.

Weltgeist – punktuell versammelt – Die jüdischen Künstler und Intellektuellen im Wien der Jahrhundertwende

Es gibt Zeiten, in denen sich der Weltgeist an einem Ort zu versammeln scheint. Unversehens finden sich außergewöhnlich viele große Begabungen und wirksame Geister in einer Stadt oder einer Landschaft ein und schaffen in kurzer Zeit neue Welten und Werte. Anschließend sind Generationen, ja nicht selten Jahrhunderte, damit beschäftigt, ihre Hinterlassenschaft zu verstehen und aufzuarbeiten. 

Solche Brutstätten des Geistes sind das Athen des 4. Jh. v. Chr., Florenz und Rom in der Renaissancezeit, Weimar um 1800 und gelegentlich die großen europäischen Metropolen. Eine der letzten großen Versammlungen des Weltgeistes fand um die Wende des 19. zum 20. Jh. inWien statt. Die Besonderheit dieser Veranstaltung, in der unter anderem wesentliche Grundlagen der Moderne gelegt wurden, ist, dass sie im Zeichen einer beispiellosen Explosion jüdischer Geistigkeit stand.

 Mit Siegmund Freud, dem „Entdecker“ des Unbewussten, und Arnold Schönberg, dem „Befreier“ der Töne, lebten in der österreichischen Hauptstadt um die Jahrhundertwende gleich zwei Persönlichkeiten jüdischer Abstammung, die in ihrem Bereich jeweils so etwas wie eine kopernikanische Wende auslösen sollten.

 Eine weitere überragende Gestalt war, um bei der Musik zu bleiben, Gustav Mahler. Fruchtbare Komponisten waren darüber hinaus Karl Goldmark und Erich Wolfgang Korngold. Eine geradezu archetypische Wiener Gestalt war die schillernde Figur des Geigers Fritz Kreisler, der später vor allem die Sehnsucht der Amerikaner nach Alt Wiener Sentiment befriedigte. Dass auch die bedeutenden Opernkomponisten Franz Schreker und Alexander Zemlinski, die seinerzeit in Wien lebten, einen jüdischen Elternteil hatten, sei hier nur am Rande erwähnt. 

In der Literatur sind nicht weniger illustre Namen jüdischer Herkunft zu vermerken. Gleichzeitig lebten und wirkten in Wien Karl Kraus, der langjährige Herausgeber undVerfasser der „Fackel“ und Peter Altenberg, der Dichter des Impressionismus; außerdem Richard Beer-Hofmann, der glänzende Gestalter historischer Stoffe und der unermüdlich auf der Suche nach Sternstunden der Menschheit befindliche Stefan Zweig; schließlich und nicht zuletzt Arthur Schnitzler, dem wir das heiter-melancholische Bild verdanken, das wir mit dem Wien dieser Zeit meist verbinden.

 Hinzu kommen Literaten wie Egon Friedell, der Essayist und spätere Verfasser der faszinierenden „Kulturgeschichte der Neuzeit“ und Alfred Polgar, der Meister feingeschliffener kurzer Prosa. Zu den Literaten wird man heute auch die tragische Figur des philosophischen Frauenverächters Otto Weininger rechnen müssen, der das unerhörte Werk „Geschlecht und Charakter“ verfasste.

 Auch auf allen anderen Gebieten des geistigen Lebens taten sich Juden hervor und dies in so überreichemMaße, dass hier nur noch einige wenige Namen genannt werden können. In der Hauptsache Juden waren es, welche die Wiener Walzer- und Operettentradition in unser Jahrhundert weiterführten, darunter Oscar Straus, Emmerich Kalman und Leo Fall. Eine der größten Berühmtheiten Wiens war seinerzeit der Theatermann Adolf von Sonnenthal. Internationale Reputation hatte der Staatsrechtler Hans Kelsen, derVater der österreichischen Verfassung von 1920. Der feinsinnige Feuilletonist und Schriftsteller Theodor Herzl schließlich, dessen Leben und Werk das Schicksal der Juden in besonderer Weise symbolisiert, sollte gar weltgeschichtliche Bedeutung erlangen. Mit der nur 70-seitigen Broschüre „Der Judenstaat“erzeugte er das mächtige politische Erdbeben des Zionismus, dessen Nachbeben wir noch heute täglich erleben.

 Man muss lange suchen, will man eine Stadt finden, die in einem so kurzen Zeitraum so viele besonders produktive und wirksame Menschen erzeugt hat. Die großen Kultur- undWeltmetropolen habenbedeutende Menschen meist nur angezogen, selten jedoch hervorgebracht. Ein großer Teil dieser jüdischen Künstler und Intellektuellen aber ist in Wien geboren oder dort seit früher Kindheit aufgewachsen. Erstaunlich ist dies vor allem, wenn man berücksichtigt, dass die Juden im Grunde eine kleine Minderheit waren. Im Jahre 1910 betrug ihr Anteil an der Bevölkerung Wiens, wo sie weit stärker als in den sonstigen Teilen des kaiserlich- königlichen Vielvölkerreiches vertreten waren, 8,6 Prozent.

 Bemerkenswert ist auch der kurze Anlauf, der diesen außerordentlich talentierten Köpfen genügte, um an die Spitze des europäischen Kulturlebens zu gelangen. Im östlichen Europa war der jüdische Teil der Bevölkerung Mitte des 19. Jh. den Ghettos, in denen er von den spezifisch europäischen Kulturtraditionen weitgehend abgeschnitten war, noch nicht sehr lange entwachsen. Seine großen Figuren sind daher fast ohne Vermittlung auf die Bühne der abendländischen Kultur getreten. Ein erheblicher Teil kam aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen. Mahler etwa entstammte einer armen und kinderreichen Familie von Schnapsbrennern, Weiningers Vater war Goldschmied, Schönbergs Eltern betrieben ein Schuhgeschäft, er selbst war ursprünglich Bankangestellter. Sonnenthal, der legendäre Darsteller grandsenioraler Eleganz, war von Haus aus Schneidergeselle, Polgar Klavierbauer. Andere wie Freud, Kraus, Zweig, Friedell, Altenberg, Beer-Hofmann und Herzl kamen aus Kaufmanns- und Industriellenfamilien, die es erst in der Welle der Industrialisierung, die Österreich um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfasste, zu Wohlstand gebracht hatten. Nur wenige hatten so etwas wie eine „erbliche Vorbelastung“. Leo Falls Vater etwa war Militärmusiker, Goldmarks Vater Kantor an einer Synagoge und Korngolds Vater – ursprünglich Rechtsanwalt – ein angesehener Musikkritiker.

 Betrachtet man Leben und Werk dieser jüdischen Künstler und Intellektuellen, fällt auf, dass viele von einem außergewöhnlichen Impetus angetrieben wurden. Es ist, als seien sie von dem Vorstellung beherrscht gewesen, etwas ganz Ungewöhnliches und Unerhörtes leisten zu müssen oder als hätten sie sich gedrängt gefühlt, das zu tun, was niemand erwartet oder wovon andere nur zu träumen wagen. Dieser Drang lag sicher im Zuge einer Zeit, die dazu neigte, die Grenzen des Möglichen auszuloten und Noch- Nie-Dargewesenes zu schaffen, zugleich aber auch einem diffusen Glauben an den Fortschritt und die Veränderbarkeit aller Dinge verfallen war. Auf allen Gebieten des Wissens und der Künste wurde seinerzeit vieles neu durchdacht, wobei Altes radikal verworfen aber auch vehement bekräftigt wurde. Bemerkenswert ist, wie viele Künstler und Intellektuelle jüdischer Herkunft sich an der Spitze dieser Bestrebungen finden. Dies gilt keineswegs nur für die Fraktion der Neuerer, sondern auch für die der Traditionalisten, eine Tatsache, die spätere antisemitische Reaktionäre freilich nicht zur Kenntnis nehmen wollten.

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Ornament ein Verbrechen? Plädoyer eines Verteidigers

Der Angeklagte ist bildschön und steht deswegen vor Gericht. Es handelt sich bei ihm um das Ornament an Gebrauchsgegenständen, insbesondere das Bauornament. Dieses ist seit einiger Zeit in den Verdacht geraten, ein Verbrecher zu sein. Seitdem will niemand mehr so recht etwas mit ihm zu tun haben. Den Prozess hat ihm schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Wiener Architekt und Essayist Adolf Loos gemacht. Seine Beschuldigung lautet, der Angeklagte habe jedes Maß und Ziel verloren und sei beliebig geworden. Das Ornament verbrauche immer schneller und müsse daher ständig ersetzt werden. Dieser Wechsel zeige, dass es nicht notwendig und also überflüssig sei.

Unter der Überschrift „Ornament und Verbrechen“ hat Loos seinerzeit eine flammende Anklageschrift verfasst. Darin wirft er dem Angeklagten einen Verstoß gegen ein wichtiges Gesetz der Kulturgeschichte vor. Das Gesetz soll dahingehend lauten, dass gewisse Dinge nur zu bestimmten Zeiten möglich seien. Das Ornament habe nur früher einen Platz unter den Menschen gehabt. Heute sei es ein Verstoß gegen das Gesetz, mithin ein Verbrechen. Aber nicht genug: Loos legt dem Angeklagten auch Verschwendung von Nationalvermögen, Ausbeutung des Ornamentikers, Preistreiberei, Vergeudung von Arbeitskraft, Gesundheit, Material und Kapital, Unfähigkeit zur Entwicklung und mangelnden Zusammenhang mit der Weltordnung zur Last – schwerwiegende und sehr grundsätzliche Anklagepunkte also, welche die höchste Strafe zu rechtfertigen scheinen. Folgerichtig spricht er dem Angeklagten die Existenzberechtigung ab, was so viel wie ein Antrag auf Verhängung der Todesstrafe ist.

Diese Anklageschrift – eine kurzes Werk von merkwürdig prophetischem Tonfall – ist nicht ohne Wirkung geblieben. Ein öffentlich ausgesprochener Verdacht trennt schnell die wahren von den scheinbaren Freunden. Letztere stellten den Kontakt zu ihm sofort ein und wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Seine Anhänger reagierten zunächst empört, verfassten aufgeregte Schutzschriften und suchten Verbündete, die allerdings nicht immer die besten und oft reaktionär waren. Wie so häufig, wenn man sich eines einstigen Vertrauten nicht mehr sicher ist, löste der Verdacht jedoch auch bei den Anhängern des Angeklagten eine schleichende Entfremdung aus. Eine Zeitlang empfanden manche noch so etwas wie Solidarität mit einem alten Freund, der in Verruf geraten ist. Aber auch diese reduzierten den Verkehr mit ihm und sahen ihn immer seltener. Einige deuteten den Kontakt schließlich nur noch schamvoll an. An manchen neu errichteten Gebäuden konnte man nun Stellen finden, wo früher Ornamente angebracht worden wären. Man ließ sie einfach weg, ohne auch den Platz zu beseitigen, der oft durch sie erst entstanden war. Durch die Unentschiedenheit wirkte diese Form des Umgangs mit dem Angeklagten besonders peinlich. Nach einer gewissen Zeit ließ man die Beziehung zum Angeklagten daher ganz einschlafen.

Es kam soweit, dass niemand mehr wagte, sich zum Angeklagten zu bekennen. Seine früheren Freunde schienen einen Schwur antiornamentaler Solidarität abgelegt zu haben. Versuchte jemand auch nur ein klein wenig an die alte Freundschaft zu erinnern, ging sofort ein großes Geheul über falsche Gesinnung und Rückfall los. In der Regel kehrte der unvorsichtige Genosse dann reumütig in das Lager der Verschworenen zurück. Man begann sogar, die Ornamente von den alten Häuserfassaden zu schlagen. Auch entfernte man sie von den Möbeln der Großeltern. Man nannte das Fassadensanierung und Staubfängerbeseitigung. Neue Gebäude schmückte man allenfalls mit selbständigen Kunstwerken. Sie hatten jedoch wenig mit dem Bauwerk zu tun und hätten genauso gut irgendwo anders angebracht werden können.

Irgendwann begann man den alten Freund aber doch zu missen. Zwar wagte niemand so recht zuzugeben, dass er dekorative Bedürfnisse haben könnte. Daher verbarg man sie hinter einem Schutzschild von Ironie und Verfremdung. Gegen den Vorwurf, mit einem Straftäter zu sympathisieren, sicherte man sich etwa dadurch ab, dass man alte Ornamente mit allerlei unpassenden Farben anmalte oder vorhandene Farben ablaugte. Geschmückte alte Gegenstände liebte man unter dem Vorwand, man belustige sich nur über die merkwürdigen Dinge, welche die Vorfahren erzeugt hatten. Uneingestandene Liebe war ohne Zweifel auch der Grund dafür, dass man dekorative Schönheiten aus alter Zeit unvermittelt mit nackter Schmucklosigkeit konfrontierte oder beides vermischte.

Es folgte eine Zeit gespaltenen Ornamentbewusstseins. Man schämte sich nicht mehr der Tatsache, dass man einmal mit dem Angeklagten befreundet war. Aber man erneuerte die Freundschaft nicht. So begann man einerseits, alte Fassaden wieder zu pflegen und originalgetreu zu restaurieren. Schmuck, den Ornamentstürmer entfernt hatten, brachte man für teures Geld wieder an, nicht ohne hitzige Diskussionen über die Frage zu führen, ob verlorengegangenes wieder hergestellt werden dürfe. Andererseits hörte bei neuen Gebäuden die Freundschaft auf. Modernes hatte schmucklos und möglichst auch abweisend zu sein. Inzwischen hatten die Verantwortlichen das Gespür dafür, dass eine leere Wand oder eine phantasielos gegliederte Fassade ein Problem sein könnte, mehr oder weniger verloren. Wo man sich allerdings unbeobachtet glaubte – in Urlaubsorten etwa oder schlecht einsehbaren Gärten -, traf man heimlich mit dem Angeklagten zusammen. Auch an exotischen Plätzen stellte man alle intellektuellen und ökonomischen Bedenken zurück und zollte regionalen Ornamenttraditionen freundschaftlichen Respekt.

Unbeeindruckt von den Streitereien der Ornamentfachleute rissen sich die Sammler um Geschmücktes aus früheren Zeiten. Interessanterweise bevorzugten sie hierbei solches, das in den fruchtbaren Jahrzehnten vor der Anklage und damit in der Zeit entstanden war, die für Loos wegen der Stilhäufung das Ende des Ornamentes eingeläutet hatte. Aus Speichern und Kellern tauchten zahllose dekorative Gegenstände auf und überschwemmten Flohmärkte und Antiquitätengeschäfte. Sie zeugten davon, dass eine starke Opposition die finsteren Zeiten der Ornamentverfolgung im Untergrund überlebt hatte.

An dieser gespaltenen Einstellung hat sich seitdem nichts Grundsätzliches geändert. Zwar wagt man seit einiger Zeit bei Neubauten gelegentlich wieder einen Flirt mit dem Angeklagten. Er beschränkt sich jedoch meist darauf, seine historischen Erscheinungsformen mehr oder weniger passend zu zitieren. Größte Zurückhaltung besteht weiterhin bei neu zu entwickelnden Ornamenten. Diese Unverbindlichkeit zeigt, dass der Verkehr mit dem Angeklagten noch immer alles andere als ungezwungen ist.

 Soweit die Vergangenheit. Wie aber sieht die Zukunft aus? Wie ist der Fall des Angeklagten zu entscheiden? Auf den ersten Blick scheint seine Lage schwierig. Betrachtet man, welche Wirkungen schon das bloße Erheben der Anklage hatte, so erscheint sie geradezu hoffnungslos. Denn die meisten handeln so, als sei die Schuld des Angeklagten schon erwiesen und der Fall entschieden. Zu Recht muss man daher befürchten, dass der Angeklagte keinen fairen Prozess mehr erhalten wird.

Der allgemeinen Vorverurteilung liegt offensichtlich die Auffassung zu Grunde, dass es dem Angeklagten bislang nicht gelungen sei, den Beweis seiner Unschuld zu führen. Diese Haltung ist symptomatisch für die Einstellung, die man dem Angeklagten entgegenbringt. Die Stimmung ist für ihn so ungünstig, dass man auch den Verstoß gegen elementare Garantien des Strafprozesses zu akzeptieren bereit ist, so den Grundsatz, dass die Schuld vom Ankläger zu beweisen ist.

Zum anderen hält man offenbar auch die Tatsache, dass der Angeklagte seit längerer Zeit wenig Unterstützung erhält, für ein Indiz seiner Schuld. Dass dieses Argument wenig taugt, liegt auf der Hand. Die Geschichte kennt genügend Beispiele davon, dass sich die allgemeine Überzeugung von der Schuld eines Angeklagten als unrichtig erwies und man sich später verständnislos fragte, wie ein solches Urteil entstehen konnte. Davon abgesehen ist der Verweis auf den Zeitablauf auch ziemlich kurzsichtig. Immerhin wird gegen den Angeklagten vor dem Gerichtshof der Geschichte verhandelt. Ein Urteil ist hier nicht in wenigen Jahrzehnten zu erwarten, zumal der Verfahrensgegenstand die gesamte Kulturgeschichte umfasst.

Schließlich ist es aber auch garnicht so, dass der Angeklagte von niemandem geliebt oder unterstützt würde. Das Ornament hat Anwälte. Sie haben sich nur lange nicht hervorgewagt. Nicht zuletzt in Hinblick auf die Erfahrungen, die man mit der unterstellten Schuld des Angeklagten gemacht hat, haben sie zu seinen Gunsten folgendes vorzutragen:

Beginnen wir mit dem bisherigen Verfahren. Hier bestehen erhebliche Bedenken, ob das Gericht richtig besetzt und ob es unbefangen ist. Bislang wurde der Prozess vor allem von den professionellen Protagonisten des Kulturlebens und wirtschaftlich Betroffenen betrieben. Die Prozessordnung sieht jedoch die Mitwirkung von Laienrichtern vor. Ohne sie haben die Berufsrichter nicht die qualifizierte Mehrheit, die für eine Verurteilung erforderlich ist.

Die Person des Angeklagten ist bisher nicht ausreichend gewürdigt worden. Zunächst ist festzuhalten, dass Angeklagte unbescholten ist. Er ist nie hinter Schloss und Riegel gewesen und ist auch sonst nicht vorbestraft. Sein Leumund ist vor dem Verfahren, das jetzt anhängig ist, überhaupt nie ernsthaft in Zweifel gezogen worden. Man hat allenfalls darüber gestritten, ob sein Betragen nicht gelegentlich etwas ungezügelt war. In Perioden, die einem gewissen Wildwuchs folgten, konnte man ihn aber meist ohne Probleme wieder am kürzeren Zügel führen.

Was die Person und den Umgang des Angeklagten angeht, so können wir zwar weder sicher sagen, wer seine Eltern waren noch wo oder wann er geboren wurde. Wir wissen aber immerhin, dass er uralt ist und gemeinsam mit den Menschenkindern aufwuchs. Man kann daher sagen, dass er so alt wie die Menschheit ist. Irgendwie hat der Angeklagte immer dazugehört. Anfangs war er der geliebte Spielgenosse der Menschen. Über die Jahrtausende wurde er zu ihrem Busenfreund. Er teilte mit ihnen die besten Stunden, begleitete sie in allen Phasen ihres Lebens und hinterließ Spuren, wo immer er mit ihnen gewesen ist. Der Angeklagte stammt also nicht gerade aus einem Milieu, aus dem Verbrecher kommen.

Sehen wir uns nun das Gesetz an, das die Strafbarkeit des Angeklagten begründen soll. Nach Loos soll es sich aus der bisherigen Kulturgeschichte ergeben und lauten: „die evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstand“. Die Behauptung, dass es sich um ein Gesetz von der Qualität eines Naturgesetzes handelt, hat Loos nicht aufgestellt. Es müsste also gesetztes Recht sein. Wer aber sollte der Gesetzgeber eines solchen Gesetzes sein? Durch welches Verfahren ist es legitimiert? Wir finden keine Antwort auf diese Fragen. Das genannte Gesetz, so ist festzustellen, ist eine Erfindung des Anklägers. Loos selbst hat es, wie er zugibt, der Welt geschenkt. Es ist nicht mehr als eine Behauptung, die im Gewand des Gesetzes daherkommt, um dessen Ansehen in Anspruch nehmen zu können.

Der Struktur nach ist es eines jener Gesetze, die sich angeblich aus der Menschheitsgeschichte ergeben und deren weiteren Gang voraussagen. Typisch für solche „Gesetze“ ist auch, dass nach ihnen ein tiefgreifender Bruch mit der Vergangenheit gerade in dem Augenblick beginnen soll, in dem der Entdecker des Gesetzes lebt. Gesetze dieser Art glaubte man zu Loos‘ Zeiten überall feststellen zu können. Inzwischen wissen wir aber, was von Gesetzen dieses Typus zu halten ist. Der Glaube an ihre radikalen Prophezeiungen hat meist verheerende Wirkungen gehabt.

Erstaunlich ist auch, wie das Gesetz aus den historischen Tatsachen entwickelt wird. Es bedarf schon eines bislang unbekannten Gesetzes der Logik, will man die Entbehrlichkeit eines kulturellen Phänomens aus eben der Geschichte schließen, in der es schon immer vorhanden war.

Nicht weniger bemerkenswert ist, was bei der Formulierung des Gesetzes außer acht gelassen wurde. Naheliegenderweise hätte die Tatsache, dass das Ornament bis zu Loos und seinen Anhängern zum kulturellen Grundbestand der Menschheit gehörte, Anlass zu der Prüfung geben müssen, ob man mit seiner Verdammung nicht die Axt an eine Wurzel gerade der Kultur legt, deren Gesetze man zu befolgen vorgibt. Wenn in diesem Zusammenhang überhaupt etwas den Charakter eines Gesetzes hat, dann vielleicht die Überlegung, dass das, was schon immer war und noch keinem geschadet hat, möglicherweise eine Bedeutung haben könnte. Zumindest folgt aus dieser Überlegung, dass die Beweislast für das Nichtbestehen des behaupteten Gesetzes nicht einfach auf den Angeklagten überwälzt werden kann.

Auch die ökonomischen Argumente, die gegen das Ornament herangezogen werden, sind – ganz abgesehen davon, dass man Freundschaften nicht unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten soll – kaum stichhaltig. Was Loos Preistreiberei nennt, würde man heute als Produktverfeinerung bezeichnen; was er für Vergeudung von Nationalvermögen hält, ist die Steigerung des Bruttosozialproduktes. Niemand würde im übrigen in unseren Tagen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten Einwände gegen häufigen Produktwandel erheben, der sich aus dem Wechsel der Mode ergibt. Solcher Wandel heißt heutzutage Innovation und gilt als Motor der Wirtschaft. Angesichts des Verschleißtempos von Waren, das inzwischen üblich geworden ist, wirkt die ornamentale Halbwertzeit früherer Zeiten, die Loos beklagt, ohnehin wie Betulichkeit.

 Die Behauptung, das Ornament mache „unnötige“ Arbeit, kann heute niemanden schrecken. Das ökonomische Problem ist nicht, Arbeit zu verhindern, sondern zu schaffen. Und muss sich der Ornamentierer wirklich seiner Arbeit schämen oder sie für vergeudet halten? Die Konkurrenz mit Arbeiten wie dem Einbauen von Windschutzscheiben am Montageband der Automobilindustrie dürfte so schwer nicht zu gewinnen sein. Die Behauptung, die Arbeit des Ornamentierers sei vergeudet, ist im übrigen auch falsch. Nichts hat in der Vergangenheit das Überleben eines Gebäudes oder eines anderen Gebrauchsgegenstandes besser garantiert, als das Ornament. Eine behauener Sims etwa macht ein altes Gemäuer zum Kulturdenkmal, eine geschnitzte Kassette einen Schrank zum Sammlerobjekt.

Wenig überzeugend ist die Behauptung, das Ornament sei heute zu teuer. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Produktion des Ornamentes nach den Methoden der Zeiten erfolgen müsse, in denen das Ornament noch sehr verbreitet war. Für Bauwerke etwa bietet sich heute der Beton als ein Material an, welches ohne großen Aufwand jede Form annehmen kann. Auch Bleche können in vielfältiger Weise gepresst werden. Einzelanfertigungen ließen sich in Ländern herstellen, in denen billiger produziert werden kann; leider ist dies schon deswegen nötig, weil in unseren Breiten mit dem Erkalten der Liebe zum Ornament auch die feinen Techniken (und, so ist zu befürchten, auch das Gespür für andere Feinheiten) verlorengegangen sind, die der Entwurf und die Anfertigung von Ornamenten voraussetzen.

Der entscheidende Gesichtspunkt aber ist das Ergebnis. Ein Richter hat ein gedanklich entwickeltes Resultat immer auch darauf zu prüfen, ob es Sinn macht. Dadurch unterscheidet sich seine Betrachtungsweise aufs deutlichste von der des Essayisten. Fragen wir also, ob Ornament Verbrechen sein darf. Eine Antwort auf diese Frage finden wir – ohne uns, wie Loos, auf zweifelhafte Prognosen einlassen zu müssen – in der neueren Geschichte. Anders als die frühen Antiornamentiker befinden wir uns in der „glücklichen“ Lage, schon jetzt feststellen zu können, welche Folgen eine Verurteilung des Angeklagten hätte. Hinter uns liegt eines jener kostspieligen Wirklichkeitsexperimente, die sich das 20. Jahrhundert geleistet hat. Wir können, wie erwähnt, auf einige Jahrzehnte zurückblicken, in denen man gehandelt hat, als sei der Angeklagte bereits verurteilt. Das Ergebnis, darüber braucht man keine großen Worte verlieren, ist wenig erfreulich. Unsere modernen Städte sind, um beim Bauornament zu bleiben, gesichtslos und austauschbar. Mangels Ornament sind uns die meisten Bauwerke gleichgültig geworden. Vielleicht kann man manche bestaunen, lieben jedoch kann man sie kaum. Solche Beziehungen zur Umgebung aber sind gestört. Sie wirken sich belastend auf die Psyche der Betroffenen aus. Inzwischen gibt es denn auch Hinweise darauf, dass schmucklose Architektur ihrerseits kriminell machen kann.

Diese Beziehungsstörungen zeigen, dass wir den Bruch der uralten Freundschaft mit dem Angeklagten nicht verkraftet haben. Emanzipiert und selbstbestimmt, wie wir uns sehen wollten, haben wir uns der Illusion hingegeben, ohne den Angeklagten zurechtkommen zu können. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir jedoch zugeben, dass er uns fehlt. Eben dies ist doch der Grund dafür, dass wir immer mehr in Erinnerungen schwelgen und allenthalben versuchen, uns die früheren gemeinsamen Erlebnisse mit dem Angeklagten zu vergegenwärtigen. Aber unsere Besuche in alten Schlössern, Kirchen und historischen Stadtkernen und all die Liebe und Pflege, die wir dort hinwenden, sind nur Ersatzhandlungen. Was uns fehlt ist eine lebendige Beziehung zu diesem Freund. Wer könnte, wer wollte dekretieren, dass eine solche Freundschaft ein für allemal vorbei sein soll?

Damit aber wird deutlich, worum es in diesem Verfahren eigentlich geht. Hinter der Frage, ob der Angeklagte leben und die volle Freiheit wiedererlangen darf, steht die Frage nach unserem Verhältnis zur Wirklichkeit. Eine alte Erfahrung zeigt: wer schmückt, liebt. Das Ornament ist daher nichts anderes als eine Liebeserklärung an die Wirklichkeit. Der Mangel daran aber ist die Lieblosigkeit.

Die Herabkunft des Ganges – Wasserkulturen des indischen Raumes

 

Wasser spielt im Süden und Südosten Asiens eine besondere Rolle. Wer über den indischen Subkontinent fliegt, bemerkt einerseits riesige Stromsysteme, welche sintflutartige Wassermengen abführen können, andererseits unzählige „Tanks“, Wassersammelstellen, mit deren Hilfe man das lebenspendende Nass im ständigen Kampf gegen die verzehrende Sonne Südasiens über die Trockenzeit zu retten versucht. Besonders in Indien hängen Wohl und Wehe vom Kommen und Gehen des Monsuns ab. Wie elementar das Problem des Wassers hier ist, zeigt der besondere Schutz, den die „Tanks“ genießen. Ihre Beschädigung ist von Alters her mit schweren Strafen bedroht. Nach dem Arthashastra, dem altindischen Staatslehrbuch aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., stand auf der Zerstörung eines mit Wasser gefüllten „Tanks“ die Todesstrafe. Der Täter wurde in dem „Tank“ ertränkt, gegen den er gefrevelt hatte. Das Wasser bedachte man mit allen Insignien der Verehrung. Wo es einer Quelle entsprang, baute man aufwendige Brunnen, zu denen häufig ein Tempel gehörte. In Nordwesten Indiens etwa schuf man riesige, nicht selten wunderbar dekorierte Treppenanlagen, über die man zu den Quellen gelangte, die meist tief unter der Erdoberfläche lagen. Bedeutende Tempel wurden an Seen oder wichtigen Kreuzungspunkten des Wassers gebaut. Haridwar etwa, die Stelle, an der Ganges aus dem Himalaya in die Ebene tritt, ist einer der heiligsten Orte Indiens. Alle 12 Jahre findet dort das Kumbb Mela, das „Wasserfest“ statt, an den mehrere Millionen Pilger teilnehmen. Generell gehört zu einem Tempel möglichst ein rechteckiger Tank, dessen unter Umständen gewaltige Ausmaße sich nach der Bedeutung des Tempels richten.

 

Wasser, das ist im indischen Raum allerdings nicht bloß die physische Lebensgrundlage von mehr als einer Milliarde Menschen, die weitgehend von der Wasserpflanze Reis leben. Wasser hat die indische Zivilisation auch in einem tieferen Sinn geprägt. Das unfeste Element ist ohne Zweifel eine wesentliche Ursache für das Fließende und eigentümlich Bewegliche, welches mehr oder weniger alle Erscheinungsformen der originären Kulturen des indischen Raumes charakterisiert.

 

Bleiben wir zunächst bei den geographischen Grundlagen. Dies sind in erster Linie die großen Flüsse, allen voran die sieben Ströme, die ihren Ursprung im Himalaja haben. Diese Flüsse, die so gigantisch sind wie das Gebirgsmassiv, dem sie entstammen, liefern nicht nur einen wesentlichen Teil des Wassers, ohne das sich eine höhere Zivilisation nicht entwickeln kann. Sie sind schon deswegen Grundlage der indischen Zivilisation, weil die Hochkulturen des Subkontinentes weitgehend auf dem fruchtbaren Schwemmland entstanden sind, welches die großen Flüsse vom Dach der Welt gespült haben.

 

Die drei großen Ströme Vorderindiens entspringen in unmittelbarer Nachbarschaft im Zentrum des Himalaja. Der Indus wählt den Weg nach Westen, gräbt sich tausend Kilometer hinter der Hauptkette des Gebirges durch und wendet sich nach einer großen Schleife durch Kaschmir südwärts dem arabischen Meer zu. Der Fluss, der mit seinem Namen, der nichts anderes als Fluss bedeutet, den ganzen Subkontinent repräsentiert, ist der Altvater der Hochkulturen des indischen Raumes und die Lebensader des fruchtbaren Fünfstromlandes, einer Region, in der sich vor fast 5000 Jahren mit der Induskultur eine der ersten Stadtzivilisationen der Erde entwickelte. Ebenfalls hinter der Hauptkette des Himalaja entspringt der Brahmaputra. In bemerkenswerter Symmetrie umfängt er, spiegelbildlich zum Indus, den östlichen Teil des Himalaja. Nach einer Schleife durch Assam wendet auch er sich nach Süden, wo er sich mit dem Ganges zu einem gemeinsamen Delta vereinigt. Das bengalische Delta, das größte der Erde, ist gleichfalls uraltes Siedlungsgebiet. Heute leben auf seinem labilen Schwemmland die Menschen in größerer Dichte als auf jedem anderem Fleck des Globus. Der Ganges schließlich fließt ohne Umschweife in die Ebene, die seinen Namen trägt. Mit seinen zahlreichen Nebenflüssen bildet er die Seele des indischen Kernlandes am Fuße des Himalaja. An seinem Ufer lag einst Patalipuram, die Hauptstadt des Maurya-Reiches, die der griechische Gesandte Megastenes Ende des 4. Jh. v. Chr. als die prächtigste Metropole der Welt beschrieb.

 

Auch die gewaltigen Ströme Hinterindiens sind anfangs vereint. In einmaliger Engführung fließen vier Flüsse, nur durch eine Bergkette voneinander getrennt, wie durch parallel geführte Rinnen vom Dach der Welt, um schließlich tausende Kilometer voneinander entfernt ins Meer zu münden. Der Irawadi, der die zentralburmesische Ebene zu einem der reichsten Reisanbaugebiete der Welt macht, strebt zum Golf von Bengalen. Dort endet auch der Saluen, ein hierzulande kaum bekannter Fluss, der Burma im Osten entwässert und immerhin noch mehr als doppelt so lang wie Deutschlands größter Fluss, die Elbe, ist. Der dritte im Bunde ist der Mekong, was „Mutter der Gewässer“ bedeutet. Er durchzieht auf seinem 4.500 Kilometern langen Lauf die chinesische Provinz Yünnan sowie Laos und Kambodscha, um schließlich im Süden Vietnams in einem weiten Delta ins südchinesische Meer zu münden. Der vierte schließlich ist niemand geringeres als der Jangtsekiang, einer der längsten Flüsse der Erde. Vom osttibetanischen Flussstreff kommend durchquert er das chinesische Riesenreich, bis er sich bei Schanghai in den stillen Ozean ergießt. Ähnlich lang ist die Reise des Gelben Flusses, der in der Nachbarschaft der genannten vier Ströme entspringt, sich allerdings gleich nach Osten wendet, um nach einer großen Schleife durch den Norden Chinas südlich von Peking in das Gelbe Meer zu fließen.

 

Bei so viel Wasser ist es nicht verwunderlich, dass sich, zumal angesichts eines begünstigenden Klimas, am und um das nasse Element einige außerordentliche menschliche Lebensformen entwickelt haben.

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Indische Tatsachen – Fälschung der Geschichte – Geschichte der Fälschung

Im südindischen Mahabalipuram wird der Besucher in einem nahe den berühmten altindischen Felsbauten befindlichen Hotel, das durch seinen Baustil und allerhand Ausstellungsstücke an die Kolonialzeit erinnert, an der Theke mit folgendem Text konfrontiert:

„Ich habe Indien der Länge und der Breite nach bereist und habe keinen einzigen Bettler und keinen Dieb gesehen. Ich habe in diesem Land einen solchen Reichtum, solch` hohe moralische Werte und Menschen von solchem Format gefunden, dass ich nicht glaube, dass wir dieses Land jemals erobern können, wenn wir nicht das eigentliche Rückrad dieser Nation brechen, nämlich ihr spirituelles und kulturelles Erbe; und daher schlage ich vor, dass wir ihr altes und altertümliches Bildungssystem, ihre Kultur verdrängen; denn wenn die Inder denken, dass alles Ausländische und Englische gut und besser als ihr Eigenes ist, werden sie ihre Selbstachtung verlieren, ihr angeborenes Selbstverständnis, und sie werden dass sein, was wir wollen, eine wirklich beherrschte Nation.“

Der Unterschrift nach handelt es bei dem Text um eine Passage aus einer Rede, welche der große englische Schriftsteller und Politiker Lord Thomas Babington Macaulay am 2.2.1835 im britischen Parlament gehalten hat.

 Man braucht kein besonderer Kenner der Figur Macaulays zu sein, um sich darüber zu wundern, dass sich der profilierte Lord derart unverblümt zur Kolonialpolitik geäußert hätte. Verwunderlich ist dies schon deswegen, weil Macaulay diese Sätze im Parlament und damit in seiner Eigenschaft als Politiker gesagt haben soll. Politiker aber, zumindest die demokratischer Staaten, pflegen eventuelle zweifelhafte Absichten in aller Regel in kunstvoller Verpackung zu präsentieren. Wenn eben möglich versuchen sie, dieselben als Wohltat oder jedenfalls als unabweisbare Notwendigkeit darzustellen. Hinzu kommt, dass die Kolonialpolitik als prinzipiell fragwürdiges Geschäft ein geradezu paradigmatischer Fall für die Notwendigkeit derartiger Verpackungskünste war. Zu ihrer Rechtfertigung hat man daher in der Regel einen besonders hohen Ton angeschlagen. Meist hieß es, dass man den zurückgebliebenen Völkern die Segnungen der Zivilisation oder des Christentums bringen wolle oder gar müsse. Dass ausgerechnet ein Formulierungskünstler wie Macaulay in einer so prekären Frage fundamentale Gesetze der politischen Kommunikation völlig außer Acht gelassen haben sollte, wäre schon für sich Grund genug, der genannten Textpassage mit Misstrauen zu begegnen.

Man braucht auch keine besonders guten Kenntnisse über Macaulay und die indischen Verhältnisse, um sich am Inhalt des Textes zu stoßen. Der extreme Kontrast seiner Grundpositionen erinnert reichlich auffällig an die plakative Charakterzeichnung der Figuren in indischen Dramen und in Bollywood Filmen, wo ganz Böse gerne ganz Guten gegenübergestellt werden. Die alte indische Sozialkultur wird eingangs des Textes derart rosig dargestellt, dass man sogleich spürt, dass der Satz in einem üblen Kontrapunkt enden soll. Tatsächlich wird dem englischen Lord denn auch ein Zynismus und eine Skrupellosigkeit und Gemeinheit unterstellt, wie man sie aus schlechten Filmen oder allenfalls noch von Psychopathen oder Verbrechern kennt. Zur Spezies der letzteren, der sicher manche Politiker angehören, wurde Macaulay allerdings bislang gerade nicht gezählt. Er gilt geradezu als das Muster eines Gentleman.

 

Ebenfalls schon auf den ersten Blick fällt auf, dass in dem Text mit der übermäßigen Wertschätzung des (Westlich)Ausländischen und dem Beklagen eines Mangels an heimischer Tradition ein Topos aus der aktuellen indischen Gesellschaftsdiskussion angesprochen wird. Das Thema treibt neben Traditionalisten und Außenhandelsstatistikern nicht zuletzt die einheimischen Warenproduzenten um, die auf dem indischen Markt möglichst wenig Konkurrenz durch die Produkte ausländischer Anbieter haben möchten, welche die Inder zum Bedauern der einheimischen Produzenten aber meist attraktiver finden. Dass Macaulay der Ansicht gewesen sein soll, in Indien eine Vorliebe für Ausländisches mit einer Bildungsreform erzeugen zu können, klingt nicht sonderlich überzeugend. Man wird daher bei dieser Behauptung den Verdacht nicht los, dass mit ihr einem Geschehen, das tatsächlich eingetreten ist und von Manchen nicht geschätzt wird, nachträglich eine passende Ursache unterschoben werden soll. Dies gilt umso mehr, als sich ein ähnlicher Wertschätzungsbonus des Westlich-Ausländischen auch in anderen – nicht zuletzt unterentwickelten – Ländern findet, darunter auch solchen, deren Bildungssystem gerade nicht von England geprägt ist.

 Wer nähere Kenntnisse über Macaulay hat, stellt außerdem schnell fest, dass der Lord im Jahre 1835 gar keine Rede im britischen Parlament gehalten haben kann. Macaulay befand sich 1835 nicht in England. Er war von 1834 bis 1838 in Indien.

 Der Kenner Macaulays weiß im Übrigen, dass Gedanken, wie sie in dem genannten Text enthalten sind, weder mit seiner privaten noch mit seiner politischen Biographie in Einklang zu bringen sind. Macaulay stammte aus einem Elternhaus, das sich ganz dem Kampf gegen die Exzesse des Kolonialismus verschrieben hatte. Sein Vater, den er hoch verehrte, gehörte der legendären Clapham Sect an, die unter mit ihrem politischen Frontman Lord Wilberforce nach zahlreichen Anläufen im Jahre 1807 das Verbot des Sklavenhandels und 1833 schließlich auch das Verbot der Sklaverei durchsetzte –  der Vater wurde dafür sogar mit einer Gedenkstätte in Westminster Abbey geehrt. Die Einstellung, die hinter diesem Engagement stand, hat Macaulay stark geprägt. Er war davon überzeugt, dass der soziale und politische Fortschritt, für den er in seinem Heimatland kämpfte, auch und gerade bei den kolonisierten Völkern möglich sei. Der prominente Liberale war zwar wesentlich an der Gestaltung der englischen Kolonialpolitik betreffend Indien beteiligt. Er war mehrere Jahre im politischen Aufsichtsrat der „East India Company“, die Indien damals regierte, und war in den genannten vier Jahren von 1834 bis 1838 sogar Mitglied der indischen Kolonialregierung. Seine Auffassungen über Kolonialpolitik und insbesondere über das Verhältnis von England und Indien waren aber bei weitem nicht so einfach oder gar so finster, wie es das genannte „Zitat“ suggeriert. Macaulay sah den Zweck seiner Mission keineswegs nur darin, die Interessen Englands durchzusetzen. Er setzte sich im Gegenteil mit großem Engagement dafür ein, die Rechte der riesigen einheimischen Mehrheit zu stärken und die ausufernden Ansprüche der wenigen englischen Siedler zu begrenzen (was ihn bei letzteren alles andere als beliebt machte). In einer Rede, die er am 10. Juli 1833, also noch vor seiner Abreise nach Indien, im Rahmen der Aussprache über ein neues Regierungsstatut für Indien tatsächlich im britischen Parlament hielt, hat er etwa über die Rolle der englischen Siedler, die unter Berufung auf ihre politische Freiheit eine ausschließlich für sie zuständige Gerichtsbarkeit verlangten, Folgendes gesagt: „Niemand liebt die politische Freiheit mehr als ich. Aber ein Privileg, dessen sich nur wenige Individuen erfreuen können, inmitten einer Bevölkerung, die dieses Privileg nicht hat, kann nicht Freiheit genannt werden. Es ist Tyrannei.“ Und er fügte mit Blick auf die indische Rechtstradition, die er übrigens mit einem egalitären Strafgesetzbuch beendete, hinzu, es sei bereits „das schlimmste aller Rechtssysteme, eine mildes Strafgesetz für die Brahmanen“ zu haben, „die aus dem Kopf des Schöpfers entsprungen sind und ein strenges Gesetz für die Sudras, die aus seinen Füssen stammen. Indien hat schon genug unter der Kastentrennung gelitten und unter den tief wurzelnden Vorurteilen, welche diese Trennung erzeugt. Gott bewahre, dass wir es mit dem Fluch einer neuen Kaste überziehen, dass wir ihm neue Brahmanen schicken, die berechtigt wären, die gesamte einheimische Bevölkerung als Parias zu behandeln!“ Er kam in dieser Rede, in der er das außerordentlich komplizierte Geflecht der englisch-indischen Beziehungen brilliant analysierte, zu dem Schluss, es wäre „der stolzeste Tag der englischen Geschichte“ (!), wenn Indien als Folge der englischen Kolonialpolitik eines Tages in die Lage versetzt würde, sich selbst gut zu regieren. „Niemals“, so fügte er hinzu „würde ich versuchen, dies zu verhindern oder zu verzögern.“ Macaulay war also ganz im Gegensatz zu dem Eindruck, den das „Zitat“ vermitteln will, so etwas wie der erste Propagandist einer (künftigen) Freiheit Indiens – wobei er die Bedingungen, unter denen diese über hundert Jahre später tatsächlich eintreten sollte, erstaunlich genau voraussah.

 

Schließlich kann, das zeigen bereits die Auszüge aus der genannten Rede, derjenige, der sich kundig machen will, leicht feststellen, dass Macaulay die sozialen Verhältnissen im Indien seiner Zeit alles andere als positiv einschätzte. Er hielt die Grundlagen der indischen Gesellschaft vielmehr für ziemlich unzivilisiert, weitgehend sogar für barbarisch und unmoralisch und die Inder für ränkevoll und falsch. Dass er die indischen Verhältnisse in einer Weise gelobt hätte, wie dies eingangs des genannten Textes der Fall ist, ist daher auszuschließen.

 

Angesichts all dieser Ungereimtheiten ist klar, dass der genannte Text nicht von Macaulay stammen kann. Es handelt sich offensichtlich um eine Fälschung.

 

Die normale Reaktion auf eine derart plumpe Fälschung wäre eigentlich, sie nicht zu beachten. Dass sie dennoch unser Interesse und unseren Jagdinstinkt weckt, liegt zum einen darin, dass sie in Indien seit dem Jahre 2002, als sie erstmals auftauchte, eine erstaunliche Resonanz erfahren hat. Das „Zitat“ hat nicht nur den Hoteldirektor von Mahabalipuram so überzeugt, dass er es an prominenter Stelle platzierte. Es wurde auch in zahlreichen Internetseiten kolportiert. Binnen kurzem fand es Eingang in ein offizielles Dokument der Planungskommission der indischen Regierung. Selbst der indische Staatspräsident hat es in einer Rede vom 2.9.2004 verwendet.

 

Interessant ist die Fälschung außerdem, weil sie alles andere als geschickt ist. Der Fälscher hat nicht nur reichlich dick aufgetragen. Er hat sich auch nicht die Mühe gemacht, die offenkundigen Unstimmigkeiten bei der Datierung des „Zitates“ zu vermeiden. Im Gegenteil, er hat die Fälschung auch noch kurzerhand mit einem Datum versehen, unter dem Macaulay tatsächlich eine berühmte (und berüchtigte) Stellungnahme zur indischen Bildungspolitik abgegeben hat, die „minutes“ vom 2.2.1835, die allerdings für die indische Kolonialregierung geschrieben wurden. Den Fälscher hat also weder gestört, dass man so grundlegende Tatsachen, wie die, ob Macaulay 1835 in England war, mittlerweile in Sekundenschnelle per Mausklick überprüfen kann. Es war ihm auch egal, dass man leicht feststellen kann, was Macaulay seinerzeit zur Bildungspolitik gesagt hat (tatsächlich findet in den „minutes“ vom 2.2.1835 natürlich nichts, was in die genannte Richtung geht). Es stellt sich daher die Frage, wieso sich der Fälscher so wenig um Plausibilität bemüht hat, insbesondere, wieso er nicht, wie alle guten Fälscher, die Nähe der Tatsachen wenigstens so weit gesucht hat, wie dies möglich war oder sich von Tatsachen, die leicht zu überprüfen waren, möglichst fern gehalten hat. Die Vermutung liegt nahe, dass er glaubte, sein Ziel auch ohne derartige Vorsichtsmaßnahmen erreichen zu können. Er hatte offensichtlich nicht nur keine Ehrfurcht vor der Wahrheit, sondern auch keine Furcht vor den Tatsachen. Er muss also davon ausgegangen sein, die Tatsachen würden seinen Zwecken auch dann nicht schaden, wenn sie, was zu erwarten war, bekannt würden.

 

All dies reizt dazu, zu fragen, wie es zu einer solchen Fälschung kommen konnte, wer der Fälscher war, was ihn antrieb und wieso er sich für die gewählte Vorgehensweise entschied. Nun, wer genau der Fälscher war, können wir nicht sagen. Er hat aber einige Spuren hinterlassen, die Rückschlüsse auf seine Gedanken und sein Weltbild zulassen.

 

Die geschilderte laxe Einstellung gegenüber den Tatsachen deutet zunächst einmal darauf hin, dass der Fälscher mit einer unkritischen Akzeptanz seiner Behauptungen bei denen rechnete, an die sich die Fälschung richtete. Eine solche Haltung konnte er naturgemäß am ehesten voraussetzen, wenn er annehmen konnte, dass die Adressaten des Textes ein Interesse an falschen Tatsachen oder kein Interesse an ihrer Widerlegung hatten. Wir können also nähere Erkenntnisse über den Fälscher erwarten, wenn wir fragen, welches Interesse Inder vom Anfang des 21. Jh. daran haben können, einen englischen Lord aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert so heftig zu denunzieren.

 

Man könnte zunächst einmal vermuten, dass ein solches Interesse das Resultat des Traumas ist, welches die Unterwerfung einer uralten Hochkultur unter eine Fremdherrschaft hinterlassen musste. Macaulay wäre hierfür eine durchaus die geeignete Projektionsfigur. Er war, wie gesagt, nicht nur ein maßgeblicher Protagonist der englischen Kolonialpolitik. Er gilt auch als Vater der Anglisierung und damit der Europäisierung des Subkontinents, wobei die „minutes“ vom 2.2.1835 eine wichtige Rolle gespielt haben. Wie die Erwähnung des Datums in der Unterschrift des „Zitats“ und das angesprochene bildungspolitische Thema zeigen, war dies unserem Fälscher bekannt (und hat ihm offensichtlich nicht gefallen). Macaulay verfasste die Stellungnahme vom 2.2.1835 im Zusammenhang mit einem Streit über die Ausrichtung des höheren indischen Bildungssystems, der in der indischen Kolonialregierung seit Anfang des 19. Jahrhunderts schwelte. Es ging dabei darum, ob die einheimische Führungselite wie bislang orientalisch, das heißt in Sanskrit, Arabisch und Persisch, oder in englischer Sprache zu erziehen sei. Für beide Standpunkte gab es gute Argumente, die von gewichtigen Persönlichkeiten höchst engagiert vertreten wurden. Es war der kulturhistorisch weit ausholenden Argumentation und der suggestiven Rhetorik des renommierten und routinierten Essayisten Macaulay in seinen „minutes“ zu verdanken, dass sich der damalige Generalgouverneur von Indien, Lord Bentinck, für die anglizistische Lösung entschied. Die Bedeutung dieser Weichenstellung war außerordentlich. Sie gab der Entwicklung des Subkontinents den Impuls in Richtung Westen, Demokratie, Aufklärung und Verwissenschaftlichung, den der Fälscher und seine Anhänger offensichtlich bedauern. Der englische Lord ist daher die geborene Reizfigur für alle Altindien-Nostalgiker. Dies gilt umso mehr, als er sich für die Rolle des kulturellen Bösewichts besonders gut eignet. Macaulay litt nicht nur nicht an mangelndem Selbstbewusstsein, sondern pflegte sich auch sehr plastisch auszudrücken. Und er hielt, wie angedeutet, mit seiner mangelnden Begeisterung für die indische Kultur nicht hinter dem Berg. In den „minutes“ vom 2.2.1835 finden sich Formulierungen und Vergleiche, die aus der Sicht seiner Kritiker wunderbare Angriffspunkte bieten, etwa wenn er zur Begründung der Überlegenheit der westlichen Kultur unangefochten eurozentrisch feststellte, ein einziges Bücherbrett in einer guten europäischen Bibliothek sei so viel wert, wie die ganze einheimische Literatur Indiens und Arabiens; oder wenn er behauptete, die gesamte historische – und das war aus damaliger Sicht weitgehend die sozial relevante – Information, die in all den asiatischen Büchern stecke, befände sich schon in den dürftigsten Kurzausgaben, welche man in den englischen Vorschulen benutze.

 

Die Massivität, mit welcher der Fälscher versucht, den Ruf Macaulays zu ruinieren, deutet allerdings darauf hin, dass es ihm nicht nur darum geht, längst geschlagene Schlachten noch einmal aufzurollen. Sein Interesse an Macaulay, das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass er mit der Überbetonung des Ausländischen ein Problem des heutigen Indien anspricht, hat offensichtlich auch einen sehr gegenwärtigen Grund. Wir können daher erwarten, dass sich uns dieser Grund offenbart, wenn wir uns näher mit Macaulays Gedanken über Indien befassen.

 

Macaulay war ein aufgeklärter Demokrat. Schon in seinem Heimatland kämpfte er in den legendären Redeschlachten über die „Reform Bill“ von 1830 für die Verbreiterung der demokratischen Basis durch Ausweitung der Wahlberechtigung auf die bürgerlichen Schichten der Städte. Ein politisches System nach englischem Muster schwebte ihm auch für Indien vor. Er ging jedoch realistischerweise davon aus, dass das Land hierfür mangels einer modernen Denkweise noch nicht reif sei. Sein Bestreben ging daher dahin, zunächst einmal die Grundvoraussetzungen für ein demokratisches Steuerungsmodell zu schaffen. Als ein wesentliches Hindernis erschien ihm dabei die traditionelle Struktur der indischen Gesellschaft, wonach die Menschen in Gruppen von gänzlich unterschiedlicher Wertigkeit eingeteilt waren. Er kam ihm daher darauf an, in Indien erst einmal ein Bewusstsein von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen zu schaffen. Als fortschritts- und büchergläubiger Liberaler mit einem Faible für historische Parallelen meinte er, dieses Ziel sei dadurch zu erreichen, dass man in Indien einen ähnlichen Prozess in Gang setzt, wie ihn Europa ab dem 15. Jahrhundert durchlaufen hatte. Schon in der Unterhausrede vom 10. Juli 1833 vertrat er die Ansicht, Indien sei nach dem Zusammenbruch des Reiches der Großmoghulen, welche die Engländer vorfanden, in einer Lage vergleichbar derjenigen gewesen, in welcher sich Europa nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches befunden habe. Hier wie dort sei auf die Auflösung der alten Strukturen eine dunkle Periode gefolgt, in Europa das Mittelalter, in Indien staatliche Zersplitterung und der daraus resultierende Verlust der Unabhängigkeit. So wie Europa den Weg aus seiner dunklen Periode über die Wiederentdeckung der griechischen und römischen Literatur gefunden habe, würde Indien seinen Weg in eine aufgeklärte Zukunft über die englische Sprache und der darin verfassten Literatur nehmen, in der nun einmal das beste Wissen der Welt zusammengetragen sei. Wie in Europa würde sich in Indien dann die Vorstellung von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen und letztendlich auch die Demokratie einstellen.

 

Macaulays Hoffnungen haben sich, wie wir heute wissen, insofern verwirklicht, als westliches Gedankengut nicht zuletzt über die englische Sprache tatsächlich in hohem Maße Eingang nach Indien gefunden hat. In der Folge wurden viele soziale Missstände beseitigt. Das diskriminierende Kastensystem etwa ist offiziell abgeschafft. Das Land hat heute eine demokratische Verfassung, deren Vater, Bimrao Ambedkar, sogar ein Unberührbarer war.

 

Dass Macaulay weiterhin aktuell ist, hat seinen Grund nun aber darin, dass der Fortschritt in der Praxis bei weitem nicht so groß ist, wie es der Lord in seiner mechanistischen Denkweise erwartet hatte. Der erstrebte Kulturtransfer scheiterte weitgehend an der Veränderungsresistenz der kulturellen Grundlagen Indiens, die in drei Jahrtausenden auch die gewaltigsten politischen Turbulenzen und Systemänderungen überstanden haben und welche die gesellschaftlichen Verhältnisse weiterhin bis in die feinsten Verästelungen bestimmen. Insbesondere das Kastensystem einschließlich der Ausgrenzung der Kastenlosen wird allen offiziellen Parolen zum Trotz noch immer weitgehend praktiziert. Für diejenigen, die unter diesem System leiden, gilt daher Macaulay heute als derjenige, der das Tor öffnete, durch welches ein Denken nach Indien einströmte, welches, wenn überhaupt irgend etwas, diese Grundlagen weiter erschüttern könnte. Der lange verstorbene englische Lord ist insbesondere für die intellektuellen Köpfe der Dalits, jenen 200 bis 250 Millionen Indern, die nach traditioneller indischer Vorstellung als Kastenlose außerhalb der regulären Gesellschaft stehen, so etwas wie ein Schutzheiliger geworden. Macaulay wird, zumal er auch die Unabhängigkeit Indiens voraussah, geradezu als eine frühe Inkarnation Mahatma Gandhis angesehen, der die Dalits, zweifellos unter dem Einfluss westlicher sozialer Vorstellungen zu „Kindern Gottes“ (Harijans) erklärte, ein Begriff, der schon im christlichen Westen Träger des Gleichheitsgedankens war. Einige Führer der Dalits, die in Indien inzwischen als Macaulayts bezeichnet werden, gehen sogar so weit, ihren Schutzpatron als einen der größten Philosophen zu bezeichnen, den unser Planet je hervorgebracht hat (was zumindest zeigt, dass das Problem, welches sie belastet, als außerordentlich groß empfunden wird).

 

Damit sind wir dem Motiv für die Fälschungstat ein wesentliches Stück nähergekommen. Es liegt auf der Hand, dass sich die indischen Traditionalisten davon, dass sich die Dalits zur Untermauerung ihrer Forderung nach Gleichheit ausgerechnet auf einen englischen Lord berufen, nicht nur als Hindus sondern auch Vertreter der indischen Nation herausgefordert fühlen. Wir dürfen unseren Fälscher daher in diesen Kreisen vermuten. Er und seine Adressaten haben ein Interesse daran, Macaulays Ruf in den Schmutz zu ziehen. Das Interesse aber ist eines der wichtigsten Elemente des Tatmotivs. Tatsächlich gilt Macaulay vor allem den Hindunationalisten neben den drei anderen „Ms“ – Moslems, Marxisten und Missionare – als einer der großen Zerstörer der altindischen Kultur, die sie sich – damit schließt sich der Kreis – wie am Anfang des „Zitates“ angedeutet, ohne all die Übel vorstellen, welche sie in der heutigen indischen Gesellschaft beklagen. Sinnigerweise können sie sich dabei nicht zuletzt auf die Schilderungen einiger früher Indienbesucher berufen, die, was Reisende gelegentlich tun, in ihren Berichten möglicherweise auch etwas dick aufgetragen haben, so der Grieche Megastenes, der Indien um 320 v. Chr. besuchte und die Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit seiner Einwohner rühmte oder der Chinese Yuan Chwang, der im 6. Jh. nach Chr. berichtete, die Inder kennten keine List und keinen Trug.

 

Es bleibt noch die Frage, warum der Fälscher meinte, so plump vorgehen zu können. Der Grund hierfür ist offenbar, dass er nicht nur von einem mangelnden Interesse seiner Adressaten an den Tatsachen ausgegangen ist, sondern auch von einer begrenzten Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Er scheint geglaubt haben, dass seine Leser nicht ohne weiteres in der Lage seien, Tatsachen von Behauptungen zu unterscheiden, dass also Tatsachen ihre Meinungen in besonders geringem Ausmaß beeinflussen. Dies führt uns zu einem Problem, das Indienbesuchern schon immer aufgestoßen ist und das sie nicht wenig verwirrt hat. Wer Indien der Länge und der Breite nach bereist der wird – und zwar schon bei ganz alltäglichen Dingen – in einem Ausmaß, das für einen Europäer schwer fassbar ist, mit Verhaltens- und Denkweisen konfrontiert, welche von der Vernachlässigung oder Missachtung von Tatsachen zeugen. Die Tatsachen bzw. die Behauptung derselben sind in einem für uns völlig ungewohnten Ausmaß mit Bedeutung aufgeladen. Sie scheinen weitgehend ein Instrument zur Gestaltung sozialer Beziehungen zu sein, was naturgemäß immer dann besonders störend ist, wenn Nützlichkeitserwägungen im Spiel sind. Vor allem europäische Beobachter haben sich über diesen Umgang mit den Tatsachen daher enttäuscht, meist sogar entrüstet geäußert (und die Schilderung dieses Phänomens gerne zur Demonstration ihrer eigenen Wahrheitsliebe verwendet).

 

Für Macaulay war diese Eigenart des indischen Denkens ein weiteres grundlegendes Hindernis auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft. Die Ursache hierfür sah er nicht zuletzt in der traditionellen indischen Literatur, die bis dato dem höheren Unterricht zu Grunde gelegt wurde, und in der es in der Tat ungewöhnlich tatsachenfremd zugeht. In den „minutes“ vom 2.2.1835 stellte er fest, dass in Indien medizinische Lehren herrschten, die einem englischen Pferdearzt zur Schande gereichen würden, eine Astronomie, die bei Mädchen eines englischen Internats Gelächter hervorrufen würde, eine Geschichtsdarstellung, die voller Könige von 30 Fuß Größe sei, deren Herrschaft 30.000 Jahre andauerte, und eine Geografie, die Seen aus Butter und Syrup kenne. Oberste Priorität war daher für ihn, in Indien eine wissenschaftliche, das heißt an Tatsachen orientierte Denkweise zu etablieren. Er war überzeugt davon, dass die traditionelle Denkweise Indiens, die der Europas im Mittelalter ähnlich sei, durch die Einführung moderner europäischer Literatur ebenfalls bald überwunden werde.

 

Der Lord mit der Neigung zur geistigen Koloniegründung hat sich über die Möglichkeiten des Kulturtransfers auch hier gewaltig getäuscht. Er hat nicht gesehen – und als eurozentrischer Rationalist vermutlich auch nicht sehen können – wie sehr europäisch unsere Art des Interesses an den Tatsachen ist und wie tief das Desinteresse daran in der indischen Kultur verwurzelt ist. Ein Denkgebäude, das den indischen Geist besonders gut zum Ausdruck bringt, ist etwa die Philosophie des Avaita Vedanta, die Schankara, der als der größte Denker Indiens gilt, im 8. Jahrhundert nach Chr. auf ihren Höhepunkt geführt hat. Nach dieser Philosophie, die sich unmittelbar auf die altindischen Texte der Upanishaden bezieht, ist die Welt der Tatsachen mit ihren kausalen Verhältnissen nur scheinbar wirklich. Sie verhülle wie ein täuschender Schleier, den die Inder Maya nennen, die eigentliche Wirklichkeit. Das wahre Interesse der menschlichen Erkenntnis sei darauf gerichtet, den Schleier der Maya zu durchstoßen und zum eigentlichen Sein durchzudringen, in dem alle Unterscheidungen und Kausalitäten und auch alle moralischen Bewertungen keine Rolle mehr spielen. Es versteht sich, dass es die Tatsachen in einer Kultur, die von solchen Gedanken beherrscht wird, nicht gerade einfach haben.

 

Nun hat Indien sicherlich nicht das Monopol für Tatsachenwidrigkeit. Die „Falschheit“ ist eine Grundfunktion des menschlichen Geistes, dem freilich in Indien eine besondere dominante Rolle zugewiesen ist. Nietzsche stellte sogar einmal fest, nichts sei unbegreiflicher, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, als gewönne die Tatsachenwidrigkeit in einer Zeit, in der die Medien eine immer größere Rolle bei der Vermittlung der Tatsachen spielen, gerade auch in unserer angeblich so tatsachenorientierten Kultur zunehmend an Boden. Der Fall Macaulay geht aber über dieses allgemeine Problem hinaus. Er ist symptomatisch dafür, welche Hemmnisse dem Export einer Tatsachenorientierung und Wissenschaftlichkeit europäischer Genese, die wir wie Macaulay gerne als universelles Prinzip ansehen, in anderen Kulturen entgegenstehen. Es ist von geradezu symbolischer Bedeutung, dass ausgerechnet ein Mann wie der indische Präsident Kalam das falsche Macaulay-Zitat verwendete. Kalam ist ein Mann der Wissenschaft. Er hat als Vater des indischen Raketenprogramms wesentlich dazu beigetragen, dass das Land in einem wichtigen Bereich des technologisch-wissenschaftlichen Denkens zur Weltspitze aufschließen konnte. Jahrelang war er der oberste Wissenschaftsberater der indischen Regierung. Er müsste also eigentlich ein Mann der Denkart sein, wie ihn sich Macaulay für Indien gewünscht hatte. Dennoch ist ihm nicht aufgefallen, dass an dem „Zitat“ des Mannes, der die Genauigkeit des Denkens nach Indien bringen wollte, nichts mit den Tatsachen übereinstimmen kann.

(Näheres zu Person und Leben Macaulays findet sich im dem Essay „Politischer Kopf“ in diesem Blog – vgl.  Inhaltsverzeichnis IV, 13)

 

 

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<!–[if !supportFootnotes]–>[1]<!–[endif]–> I have travelled across the length and breadth of India and I have not seen one person who is a beggar, who is a thief. Such wealth I have seen in this country, such high moral values, people of such calibre, that I do not think we would ever conquer this country, unless we break the very backbone of this nation, which is her spiritual and cultural heritage, and, therefore, I propose that we replace her old and ancient education system, her culture, for if the Indians think that all that is foreign and English is good and greater than their own, they will lose their self-esteem, their native self-culture and they will become what we want them, a truly dominated nation.