Archiv der Kategorie: Musikgeschichte

1749 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Feuerwerksmusik

Im Oktober 1748 endete der Österreichische Erbfolgekrieg mit dem Frieden von Aachen. Da England daraus als erste Seemacht Europas hervorging, hatte man allen Grund zu Feiern. In London begannen daher Vorbereitungen für eine große Friedensfeier, in deren Zentrum ein gigantisches Feuerwerk stehen sollte. Händel, der mit dem „Dettinger Te Deum“ bereits im Jahre 1743 einen musikalischen Beitrag zur Feier eines Sieges der Engländer in diesem Krieg beigetragen hatte, wurde auch dieses Mal mit der Komposition der Festmusik beauftragt.

 Das Ganze ging nicht ohne Probleme vonstatten. König Georg II. wünschte ausdrücklich, daß das Orchester nur aus Kriegsinstrumenten, das heißt aus Bläsern und Schlagzeugern bestehen und daher keine „fidles“ enthalten sollte. Händel hingegen bestand auf einem Orchester mit Streichern und Bläsern. Über diese Frage gab es allerhand Diskussionen und hitzigen Schriftverkehr, in dem Händel von den Hofleuten als ziemlich stur und eingebildet dargestellt wird. Allen Befürchtungen zum Trotz gab der Komponist aber schließlich ein Stück weit nach. Er ließ die Feuerwerksmusik beim Festakt von 100 Bläsern ohne Streicher spielen, vermerkte aber danach in der Partitur, daß und an welcher Stelle Streicher einzusetzen seien.

 Ein zweiter Streitpunkt war die Frage einer öffentlichen Generalprobe. Händel war aus Gründen des  Überraschungseffektes strikt dagegen, daß man das Geheimnis der Musik schon vor dem eigentlichen Ereignis lüftete. Der Leiter der Vauxhall-Gärten hatte dem Organisator der Festveranstaltung, dem Herzog von Montagu, für den Festakt aber seine ganze kostspielige Illuminationstechnik einschließlich 30 Dienern zu deren Bedienung kostenlos für den Fall angeboten, daß die Generalprobe in seinen Gärten stattfinde. Händel ließ derart prosaische Gesichtspunkte, die den Verwaltungsmann natürlich überzeugten, zunächst nicht gelten. Daher erwog der Herzog von Montagu, der die Kosten des Ereignisses zu bestreiten hatte, bereits, Händel den Auftrag zu entziehen. Zu seinem Glück gab der Komponist schließlich auch hier nach. Die öffentliche Probe, die am 21. April 1749 stattfand, war für ihn ein weit größerer Erfolg als die Aufführung selbst. Zur Probe kamen über 12.000 begeisterte Zuhörer, die, wie das „Gentlemen Magazine“ anschließend berichtete, einen so gewaltigen Verkehrsstau verursachten, daß drei Stunden lang keine Kutsche über die London Bridge kam.

 Das große Ereignis fand schließlich am 27. April 1749 statt. Zu diesem Zweck hatte man im Green Park in monatelanger Arbeit eine riesige palladianeske Festarchitektur errichtet. Die hölzerne Konstruktion von 140 m Länge und über 30 m Höhe, die eine Plattform für das Orchester und die Zurüstungen für das Feuerwerk trug, bestand aus einem Triumphbogen und flankierenden Kolonnaden und war mit Statuen und allerhand symbolischen Reliefs geschmückt. Der Abend verlief, wie gesagt, für Händel eher enttäuschend. Denn anders als bei der Generalprobe, als er ganz im Mittelpunkt stand, ging sein Beitrag im allgemeinen Getümmel weitgehend unter. Hinzu kam, daß das Feuerwerk und die Illumination offenbar nicht richtig klappten und ein Teil der Festarchitektur in Flammen aufging. Frustriert über die für ihn ungewohnte Nebenrolle spielte Händel die Feuerwerksmusik daher bereits einen Monat später wieder bei einem Wohltätigkeitskonzert, diesmal ohne „störendes“ Feuerwerk und ohne Zweifel mit Streichern, um die delikaten Klangkontraste zu erzielen, die das Werk kennzeichnen.

1739 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Concerti grossi Op.6

Händel schrieb in den ersten beiden Dritteln seines schöpferischen Lebens hauptsächlich Opern. Bis zum Jahre 1737 komponierte er nicht weniger als 40 Bühnenwerke, meist Heldenopern in antikem Umfeld, die er mit Opernkompagnien aufführte, an denen er wirtschaftlich beteiligt war. Seine geschäftlichen Verhältnisse waren dabei ziemlich verwickelt. Ein Opernunternehmen löste das andere ab, nicht zuletzt weil die Finanzlage immer wieder prekär war. Mitte der 30-er Jahre des 18. Jahrhunderts ging schließlich alles bergab. Das deutsch-englische Gespann Johann Pepusch und John Gay hatte die Heldenoper mit ihrer „Bettleroper“, dem Vorbild für Brechts „Dreigroschenoper“, so treffend persifliert, daß das Genre unmöglich gemacht war. Die Folge war, daß der einstmals blühende englische Markt für Heldenopern zusammenbrach. Händel, der vollkommen erschöpft war, erlitt seinerseits einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Durch einen Schlaganfall war er teilweise gelähmt und schien am Ende zu sein. Er ging in eine längere Kur nach Aachen. Wundersamerweise kehrte er völlig geheilt zurück.

 

Mit frischen Kräften und mit beispiellosem Elan stürzte sich Händel danach in neue musikalische Projekte. Zunächst entstand eine Reihe von Instrumentalwerken, Musikstücke, die so etwas wie die Zwischenaktmusik für die beiden letzten Abschnitte seines musikalischen Lebensdramas sind. Diese „Gelegenheitswerke“ bilden die Überleitung vom tragischen Ende der Opernzeit zur großen Periode des Oratorienschaffens mit ihrem Heldenschluß, dessen Protagonist Händel selber ist.

 

Die 12 Concerti grossi Op.6 schrieb Händel im Herbst 1739 binnen eines Monats. Auch im Konzertleben hatten sie zunächst die Funktion von Zwischenaktmusiken. Sie wurden in der Hauptsache zwischen Teilen von Oratorien oder anderen „Hauptwerken“ gespielt.

 

Erstmals aufgeführt wurden die Werke in der Wintersaison 1739/40 im Rahmen von Händels großen privaten Konzertveranstaltungen. Die ersten Stücke kamen, wie man einer Ankündigung der London Daily Post vom 17.11.1739 entnehmen kann, am 22. November 1739 im Lincoln’s Inn Fields Theater zu Gehör. Da das Wetter seinerzeit außerordentlich kalt war, vermerkte die Daily Post: „Es werden besondere Vorkehrungen getroffen, um das Haus warm zu halten, und zur Bequemlichkeit wird der Durchgang von der Straße zum Tor überdacht sein.“ Da dies offenbar Obdachlose anzog – eine merkwürdige Reminiszenz an die Bettleroper – , sah sich Händel bei einer weiteren Aufführung zu dem Hinweis veranlaßt: „Es wird mit besonderer Sorgfalt darauf geachtet, daß Wachpersonal die Gänge frei von Gesindel hält.“

 

Die Form der 12 Concerti grossi, die ausschließlich für Streichorchester geschrieben sind, übernahm Händel im wesentlichen von Corelli, der diesen Werktypus zur Vollendung brachte. Trotz der kurzen Entstehungszeit – manche Konzerte wurden in einem Tag komponiert – hat Händel darin sein ganzes Können aufgeboten. Wegen des außerordentlichen Panoramas an musikalischen Formen und Stimmungen und der meisterlichen Verarbeitung werden sie allgemein als seine besten Instrumentalwerke angesehen.

1734 Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) – Concerti grossi Op.3

Die Art wie Händels 6 Concerti grossi Op.3 mit der hohen englischen Politik verwoben sind, deutet auf eine Bedeutung der Musik in der Gesellschaft der Barockzeit hin, von der heutige Komponisten nur noch träumen können. Für und gegen einen Musiker zu sein, war ein Akt der Staatspolitik. So war etwa der Thronfolger, der Prince of Wales, mit den oppositionellen Tories gegen Händel, weil sein Vater, König Georg II, von der Whig-Partei gestützt wurde, in deren Kreisen sich die Anhänger Händels befanden. Die Chroniken berichten, der Thronfolger habe dem König in hitzigem Streit sogar einmal die unerhörten Worte an den Kopf geworfen, daß Händels Musik ihm ein „Gegenstand der Abscheu“ sei.  

Die Auseinandersetzung um Händel wurde aber nicht nur verbal ausgetragen. Im staatspolitisch-musikalischen und familiären Kampf auf höchster Ebene wurde mit allen Mitteln gekämpft, wobei selbst Opernhäuser zu politischen Waffen wurden. Bekanntlich betätigte sich Händel in den ersten beiden Jahrzehnten seines Aufenthaltes in England in der Hauptsache als Opernunternehmer (wozu auch das Komponieren von Opern gehörte). Die Tories, die über den deutschen Komponisten Händel den ebenfalls aus Deutschland, nämlich aus dem Hause Hannover stammenden König zu treffen trachteten, gründeten daher ein Gegenunternehmen, die sogenannte „Adelsoper“. Dieses Konkurrenzunternehmen hatte die Protektion des Thronfolgers. Das Patronat für Händels Operntruppe hingegen hatte die Schwester des Thronfolgers, Princess Anne, die eine Anhängerin Händels und dessen Lieblingsschülerin war. Der Streit ging auf Biegen und Brechen und endete mit dem vorläufigen finanziellen und gesundheitlichen Ruin Händels.  Als Dank dafür, daß Princess Anne ihm in diesen Auseinandersetzungen immer treu geblieben war, widmete ihr Händel zu ihrer Hochzeit im Jahre 1734.

Die Herausgabe der Werke erfolgte zunächst wohl ohne Wissen des Komponisten durch seinen Verleger John Walsh, der Musik aus Händels Feder, die in verschiedenen Kontexten entstanden war, zusammenstellte und unter der Bezeichnung „Six Concerti grossi“ herausgab. Er beabsichtigte damit, an den wirtschaftlichen Erfolg der sechs Concerti grossi von Corelli anzuknüpfen, die in ganz Europa gespielt wurden. Diese Art der Kompilation erklärt, warum die Werke formal vom Typus des italienischen Concerto grosso abweichen. Mit Ausnahme des vierten Konzertes hat keines der Werke die traditionelle viersätzige Form des italienischen Concerto grosso. Es fehlt auch die typische Gegenüberstellung von Solo- und Tuttipassagen. Nichtsdestoweniger weisen die Konzerte umfangreiche, mitunter sehr virtuose Soli auf. Auch der Corelli-Sound ist unverkennbar, was nicht nur darauf zurückzuführen sein dürfte, das der italienische Meister europaweit Maßstäbe setzte, sondern auch daran, dass Händel in seiner Zeit in Rom viel mit ihm zu tun hatte – Corelli war Geiger in dem Orchester, für das Händel eine Reihe von Werken schrieb.  

Ob der Prince of Wales auch diese Stücke aus politischen Gründen für „abscheulich“ halten mußte, ist nicht bekannt. Ohne die parteipolitischen Scheuklappen der Engländer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dürfen wir sie heute einfach schön finden.

1726 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Kreuzstabkantate (Nr.56)

Bachs umfangreiches Kantatenwerk ist weitgehend in den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Thomaskantor in Leipzig entstanden. In dem Ehrgeiz, möglichst eigene und immer wieder neue Werke aufzuführen, komponierte er in den Jahren 1723 bis 1727 offenbar fünf volle Kantatenjahrgänge. Davon sind uns im wesentlichen die ersten drei Jahrgänge erhalten geblieben; das heißt, daß zwei Fünftel der Bach’schen Kantaten als verschollen gelten müssen. Die Werke wurden jeweils in den sonn- und feiertäglichen Festgottesdiensten der Leipziger Hauptkirchen St. Nicolai und St. Thomä aufgeführt.

 

Wie es Bach möglich war, über Jahre jede Woche ein neues Werk von der Komplexität seiner Kantaten zu schreiben und zur Aufführung zu bringen, kann man heute kaum mehr nachvollziehen. Aus der Tatsache, daß die erhaltenen Originalstimmen mehr oder weniger unkorrigiert sind, kann man jedoch entnehmen, daß es dabei ziemlich hektisch zuging. Offenbar fand die letzte Fixierung musikalischer und technischer Einzelheiten teilweise mündlich statt. Eine ausreichende Einstudierung war in der Regel nicht möglich. Häufig waren die Abschriften der Stimmen Bach erst am Vortag der Aufführung fertig. Bach verließ sich offenbar weitgehend auf die Prima-vista-Fähigkeiten seiner Instrumentalisten und der „ersten Kantorei“ der Thomaner, zu der nur die erfahrenen Mitglieder gehörten. Den hohen Anforderungen waren naturgemäß nur wenige Personen gewachsen. Daher waren die Stimmen des Chores jeweils nur mit 3 Sängern und die Streicherstimmen mit 2- oder 3 Spielern besetzt.

 

Die „Kreuzstabkantate“ stammt aus dem weitgehend verschollenen Kantaten-Jahrgang von 1726. Sie ist – eine Ausnahme bei Bach – nur für eine Solostimme und Orchester geschrieben.

1717- 1723 Johann Sebastian Bach (1685-1750) – Konzert für drei Trompeten und Orchester

Bach hat den Einsatz seiner musikalischen Ressourcen teilweise in einer Weise optimiert, die an moderne Verwaltungs- und Produktionstechniken erinnert. Heute ist es zur Verringerung von Aufwand und Kosten üblich, Produkte von vorneherein so zu konzipieren, dass ihre Grundelemente für verschiedene Waren und Leistungen verwendet werden können. In den Verwaltungen etwa wird in großem Maße mit Textbausteinen, in der Massengüterindustrie mit „Plattformen“ und in der Popmusik mit „Samplern“ gearbeitet. Auf ganz ähnliche Weise hat Bach seine musikalische Produktion „gesteuert“. Er hat in erheblichem Maße musikalisches Material früherer Werke in späteren Kompositionen wiederverwendet. So bekannte „Originalwerke“ wie die „H-moll Messe“ oder das „Weihnachtsoratorium“ sind weitgehend aus Elementen bereits vorhanden gewesener Werke zusammengesetzt. Für ein derartiges „Recycling“, das in der Barockzeit gängige Praxis war, hat sich der etwas schiefe Begriff "Parodie" eingebürgert.

Erstaunlich ist dabei die Flexibilität Bachs im Umgang mit dem musikalischen Material. Bei der Übertragung vorhandener Musik auf ein neues Vokalwerk etwa musste sich kurzerhand der Text des neuen Werkes an die vorhandene Musik anpassen, womit das „normale“ Verhältnis von Text und Musik auf den Kopf gestellt wurde. Bach hat die Probleme, die daraus resultieren, zwar teils durch kleine, bezeichnende Retuschen des musikalischen Ausgangsmaterials gelöst. Teils wurden die neuen Texte aber auch einfach auf die vorhandene Musik geschrieben, wobei der Inhalt der Musik unter Umständen eine ganz andere Richtung erhielt

Das Verfahren, unterschiedliche Produkte aus gemeinsamen Elementen herzustellen, erlaubt es in gewissem Maße, den Produktionsprozess umzukehren und frühere Werke aus späteren zu rekonstruieren. Auf diese Weise sind in letzter Zeit mehrere verschollene Instrumentalwerke Bachs „wiedererstanden“. Sie stammen meist aus Bachs Köthener Zeit (1717-23), in der er sich fast ausschließlich mit Instrumentalmusik beschäftigte.

Das Konzert für drei Trompeten und Orchester wurde von dem Bachspezialisten Diethart Hellmann aus zwei Vokalwerken Bachs rekonstruiert, die zu Beginn seiner Leipziger Zeit entstanden. Bach hatte im Frühjahr 1725 sowohl eine Schäferkantate für den Weißenburger Hof als auch ein Osteroratorium zu schreiben. Wiewohl die Sujets nicht hätten weiter auseinander liegen können, verwendete er für beide Werke das gleiche musikalische Material. Dieses basiert, wie man aus verschiedenen Umständen entnehmen kann, offenbar weitgehend auf einem Konzert für drei Trompeten aus der Köthener Zeit, das verlorengegangen ist.

Weitere Texte zu Werken von Bach und rd. 70 anderen  Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1717- 1723 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Konzert für 2 Violinen und Orchester d-moll

Über die Entstehung von Bachs Konzerten für Violine ist wenig bekannt. Wahrscheinlich sind sie allesamt in seiner Köthener Zeit (1717 bis 1723) entstanden, in der sich Bach im wesentlichen mit Instrumentalmusik zu beschäftigen hatte. Transkriptionen, die Bach später in Leipzig vornahm, zeigen, dass er in dieser Zeit außer den erhaltenen drei Werken noch sechs weitere Konzerte für Violine schrieb. Merkwürdigerweise hat man von diesen Konzerten aber keine Originalstimmen gefunden. Sie sind uns nur in der Form bekannt, die ihnen Bach bei der Übertragung auf das Cembalo gab. Nach allem, was wir wissen, scheinen die verbliebenen Konzerte aber die Filetstücke dieser Gattung in Bachs Werk zu sein. 

Dies gilt ohne Zweifel für das Doppelkonzert, das schon wegen seines „himmlischen“ zweiten Satzes nicht nur zu den schönsten Werken Bachs sondern der ganzen Geigenliteratur gehört. Die beiden vitalen Ecksätze sind darüber hinaus geradezu ein Muster kompakter und zwingender Kompositionskunst. Alles ist mit einer solchen Notwendigkeit auseinander hergeleitet, dass es unmöglich ist, sich auch nur eine Note dazu- oder wegdenken. Wenn man unter klassisch die vollkommene Stimmigkeit des Ganzen und seiner Teile versteht, dann ist dieses Werk der Prototyp des Klassischen. Im Gegensatz zu den beiden Soloviolinkonzerten, in denen das Element des motivischen Wettstreites zwischen Solist und Orchester im Vordergrund steht, ist das Doppelkonzert eher ein Werk des einträchtigen Miteinanders der Soloinstrumente gegen das Orchester. Die Soloviolinen präsentieren die Themen zunächst wie bei einem Kanon, vereinen und trennen sich zu variierenden Exkursen, um schließlich in vollkommener Harmonie wieder zu einander zu finden. Diese Art des  Zusammenwirkens eigenständiger Subjekte dürfte wohl der Grund dafür gewesen sein, dass das Werk auf dem Höhepunkt des kalten Krieges zum Instrument der politischen Symbolik werden konnte. Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts berichteten die Wochenschauen in großer Aufmachung über ein musikalisches Ost-West-Gipfeltreffen, bei dem Yehudi Menuhin und David Oistrach als die künstlerischen Repräsentanten der verfeindeten Politblöcke erstmals zusammenkamen, um mit dem Doppelkonzert friedliche Koexistenz darzustellen.

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1718-21 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Brandenburgische Konzerte

Die sechs Brandenburgischen Konzerte hat Bach schlicht als "Sechs Konzerte für mehrere Instrumente" bezeichnet. Ihren heutigen Namen haben sie erst im 19. Jahrhundert erhalten. Pate stand hierbei der Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg, der jüngste Sohn des Großen Kurfürsten. Dieser hatte im Sommer 1718 in Karlsbad, wohin Bach seinen damaligen Dienstherren Fürst Leopold von Anhalt-Köthen zur Kur begleitet hatte, Interesse an neuen Werken des Köthener Hofmusikus gezeigt. Bach ließ sich fast drei Jahre Zeit, um dem Auftrag nachzukommen. Im Frühjahr 1721 schließlich übersandte er die sechs Brandenburgischen Konzerte, die er mit seinen Kollegen in Köthen offenbar zuvor getestet hatte. In der Widmung vom 24.3.1721 stellt der große Mann in einem Untertanentonfall, dessen beschämende Notwendigkeit man sich heute kaum mehr vorstellen kann, sein Licht reichlich unter den Scheffel. In Karlsbad, so schreibt er in französischer Sprache, habe er wahrnehmen können, "daß Eure Hoheit einiges Vergnügen an den schwachen Gaben hatten, die mir der Himmel für die Musik geschenkt hat." Und er bringt die ergebenste Bitte vor, die Konzerte "in ihrer Unvollkommenheit nicht mit der Strenge des feinen und erlesenen Geschmackes zu beurteilen, der, wie alle Welt weiß, Eurer Hoheit für die Musik zu eigen ist, sondern vielmehr den tiefen Respekt und den ergebensten Gehorsam, die ich Eurer Hoheit damit zu bezeigen versuche, wohlwollend in Betracht zu ziehen."

Bach muß gewußt haben, daß diese Darstellung am wahren Sachverhalt weit vorbei ging. Denn diese Werke zeugen nicht nur von dem „erlesenen Geschmack“ des Autors, sondern tragen wie vieles, was Bach in seiner Köthener Zeit komponierte, den Stempel des absolut Außerordentlichen. Der Komponist wollte, das zeigt bereits die lange Entstehungszeit, etwas ganz Besonderes vorlegen.

Daß die Brandenburgischen Konzerte in Köthen entstanden, hat viel mit den dortigen Arbeitsbedingungen zu tun. Bachs Arbeitgeber, der junge Fürst Leopold, war ein Kunstenthusiast, der nicht nur großen musikalischen Sachverstand hatte, sondern mit einiger Fertigkeit auch selbst musizierte. Am Hofe gab es ein "Collegium musicum" von versierten Instrumentalisten, dem Bach vorstand, und das offenbar die schwierigsten Werke bewältigen konnten. Möglichkeiten zu kirchenmusikalischer Betätigung gab es hingegen weniger. Der Hof hing der calvinistischen Konfession an, in der die Kirchenmusik verpönt war. Da es mangels Oper oder eines versierten Chores auch sonst kaum Gelegenheit zur Aufführung von Vokalmusik gab, war Bach daher gezwungen, sich weit überwiegend mit Instrumentalmusik zu beschäftigen.

Es ist als habe Bach geahnt, daß er später nicht mehr im gleichen Maße dazu kommen würde, Instrumentalmusik zu schreiben. Jedenfalls schuf er in Köthen nicht nur eine Fülle von Werken für diese Gattung, sondern versuchte in jeder Sparte auch Einmaliges und Exemplarisches zu schaffen. In Köthen entstanden – u.a. mit den zwei- und dreistimmigen Inventionen, den englischen und französischen Suiten und dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers – nicht nur wesentliche Teile des heute noch bestehenden Kosmos‘ der Klaviermusik, sondern mit den Solosonaten, Partiten, Duos und Violinkonzerten auch Grundlagenwerke für Streicher und Bläser. Diese Kompositionen, die nach wie vor zum Anspruchsvollsten gehören, was für diese Instrumente geschrieben wurde, zeigen, auf welch‘ beachtlichem Niveau an dem kleinen anhaltinischen Hof musiziert wurde.

Der Geist des Experiments herrscht auch bei den Brandenburgischen Konzerten. Bach hat sich darin jeweils ein besonderes musikalisches Problem gestellt und es auf außerordentlich zwingende Weise gelöst. Ausgangspunkt ist immer einer der traditionellen Konzerttypen der Barockzeit. In dessen Formen lotet Bach die musikalischen Möglichkeiten recht gewagter Besetzungskombinationen aus. Zugleich führt er die polyphone Themenverarbeitung auf einen neuen Höhepunkt.

Das Konzert Nr. 3 ist ein Gruppenkonzert für Streichorchester, wobei die Stimmen mehrfach geteilt sind. Das Werk besteht im Grunde nur aus zwei schnellen Sätzen. Der in barocken Konzerten übliche langsame Mittelsatz ist kühn auf zwei Takte verkürzt. Den kanonartigen Themenkopf des letzten Satzes hat Bach aus einem der Werke aus „Sinfonie e concerti a cinque“ entnommen, die Albinoni im Jahre 1700 veröffentlicht hatte.

Im Konzert Nr. 4 ist dem Streichorchester ein apartes Concertino aus zwei Blockflöten und einer Violine gegenübergestellt. Was von der Anlage her einem Concerto grosso im Sinne Corellis entspricht, wird in Richtung auf das virtuose Solokonzert weiterentwickelt, wobei die Violine die größten Abenteuer zu bestehen hat.

Völlig aus dem Rahmen der Konzertform und der Konvention fällt im 5. Konzert die monumentale Cembalokadenz, die nach langem variantenreichen Vorspiel in einem fulminanten kaskadenartigen Höllensturz endet, um dann, als wäre nichts gewesen, friedlich plätschernd weiterzufließen. Hier zeigt Bach, der sonst so seriös ist, dass in ihm zumindest in ästhetischer Hinsicht ein Revolutionär versteckt ist.

Ob der „erlesene Geschmack“ des Brandenburgers ausreichte, das Außerordentliche dieser Werke zu erkennen, wissen wir nicht. Bekannt ist nur, daß man die Manuskripte nach dem Tode des Markgrafen im Jahre 1734 in zwei Konvoluten mit insgesamt 177 Konzerten verschiedenster Komponisten fand und daß sie ohne Angabe von Bachs Namen als "Konzerte" inventarisiert wurden. Ihr Wert wurde – wie der der anderen 171 Konzerte – mit je vier Groschen veranschlagt.

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1717-23 Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) – Orchester-Ouvertüren

Bachs Orchesterouvertüren, von denen vier erhalten geblieben sind, sind wohl in seiner Zeit als Leiter der Kammermusikdienste am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen entstanden. Nach dort war der Komponist im Jahre 1717 von Weimar gekommen, wo er die Stelle des Hoforganisten innehatte. Weimar hatte er aus Verärgerung darüber verlassen, daß er bei der Neubesetzung der ersten Kapellmeisterstelle übergangen worden war. Der dortige Fürst, der trotz der Zurückstellung Bachs offenbar wußte, was er an ihm hatte, wollte ihn allerdings zunächst gar nicht gehen lassen. Bach scheint daraufhin mehr als seinerzeit ziemlich auf seine Entlassung gedrängt zu haben. Am 6. November 1717 jedenfalls, so ergibt sich aus einem überlieferten Aktenvermerk, wurde er "wegen halsstarriger Bezeugung von zu erzwingender Demission" von einem Landrichter, der das Pech hatte, Recht und Musik nicht unter einen Hut bringen zu können, verhaftet und erst nach vier Wochen wieder freigelassen.

 

Zu Bachs Kompositionen der Köthener Zeit gehören einige seiner bedeutendsten Kammermusikwerke, Kompositionen, die von Spieler und Hörer eine intensive Auseinandersetzung verlangen. Daneben hat Bach in Köthen aber auch höfische Unterhaltungsmusik wie die Orchester-Ouvertüren geschrieben. Die Ouvertüren, so genannt nach dem dominierenden Einleitungssatz, sind Folgen (Suiten) von Tanzsätzen aus verschiedenen Ländern Europas, in denen sich die Grazie und die Eleganz des internationalen höfischen Barocks spiegelt. Goethe, so wird berichtet, habe, als ihm der junge Mendelssohn im Jahre 1830 einen der Einleitungssätze vorspielte, vor seinem geistigen Auge eine Reihe geputzter Leute feierlich eine große Treppe heruntersteigen sehen.

 

In diesen heiteren Werken ist nicht der deutsch-tiefsinnige Grübler, sondern ein weltmännischer Europäer am Werk. Wie bei Bach selbstverständlich ist die Musik bei aller Volkstümlichkeit aber mit kunstvoller polyphoner Gestaltung verbunden. Die Besonderheit der 4. Suite ist die „venezianische“ Mehrchörigkeit, bei der drei homogene Quartette, bestehend aus Blechsatz mit Pauken, Holzbläsern und Streichern, miteinander konzertieren.

 

Darüber hinaus hat Bach den tradierten Formen auch hier gelegentlich ganz Außergewöhnliches abgewonnen. So sprengt die „Air“ der D-Dur Suite (Nr. 3), die zu Bachs vielleicht populärstem Werk werden sollte, die Grenzen der bis dato bekannten Ausdrucksmöglichkeiten und weist in eine romantische Zukunft hinein.

 

Mit den Werken, die in Köthen entstanden, hat sich Bach an die Spitze der Entwicklung der europäischen Instrumentalmusik gestellt. Tief in Inneren ist er jedoch Vokal- und insbesondere Kirchenmusiker geblieben. Bereits im Jahre 1720 drängte es ihn wieder auf einen Organistenstuhl. Daher verhandelte er mit der Gemeinde St. Jakobi in Hamburg, wo damals das wichtigste Musikzentrum Norddeutschlands war, über die Übernahme des dortigen Kantorenamtes. Zum Glück für die Liebhaber seiner Instrumentalmusik zog er aber im letzten Moment zurück, so daß er bis 1723, als er mit dem Amt des Thomaskantors in Leipzig eine der großen kirchenmusikalischen Stellen Deutschlands übernahm, in Köthen weitere bedeutende Instrumentalkompositionen schreiben konnte. Sein Interesse an der Hamburger Stelle hatte allerdings zur Folge, daß ein gewisser Johann Joachim Heitmann, über den in musikalischer Hinsicht sonst nichts weiter zu berichten ist, in die Fußnoten der Musikgeschichte einging. Er verdankt dies der Tatsache, daß er nach Übernahme der Kantorenstelle 4.000 Mark an die Gemeinde St. Jakobi spendete, was ihn in den Verdacht brachte, auf diese Weise den großen Johann Sebastian Bach ausgestochen zu haben.

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Reinhard Keiser (1674-1739) – Markuspassion (in der Fassung J.S.Bachs von 1712)

Der Sachse Reinhard Keiser wirkte im wesentlichen in Hamburg, wo zu seiner Zeit die wichtigste deutschsprachige Musikbühne Deutschlands war. Er ist wohl der fruchtbarste Opernkomponist, den Deutschland hervorbrachte. Mit mindestens 70 Opern hält er – jedenfalls der Zahl nach – den deutschen Rekord in dieser Disziplin (nach seiner eigenen Zählung waren es sogar 116 musikdramatische Werke). Davon abgesehen umfasst Keisers Oeuvre zahlreiche andere Werke, darunter sehr viel Kirchenmusik (er hat allein sechs Passionen komponiert). Dennoch ist Keiser selbst der interessierten Öffentlichkeit kaum bekannt. Dies liegt nicht nur daran, daß er als Opernkomponist im wesentlichen das stark strapazierte Genre der Heldenoper in antikem Ambiente bediente, das schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Mode kam (er schrieb allerdings auch Werke mit alltagsbezogenen oder gar revolutionären Sujets, so die Oper Masaniello furioso, in der die Steuerwillkür des Adels gegeißelt und in erstaunlicher Offenheit zum Aufruhr augerufen wird).

Keisers schwache öffentliche Präsenz dürfte vor allem damit zu tun haben, daß er im Urteil einiger führender Vertreter der Musikpublizistik lange Zeit schlecht weg kam. Insbesondere die Anhänger Händels hatten es auf ihn abgesehen. Seit Friedrich Chrysander, der große Händelforscher des 19. Jahrhunderts, über Keiser sagte, seine „Sittlichkeit war gleich Null“, er sei „dem Luxus äußerst ergeben, brünstig verliebt, leichtsinnig und eitel gewesen“, und habe im übrigen auch den Kontrapunkt nicht beherrscht, war sein Ruf angekratzt. Noch in Riemanns Musiklexikon aus dem Jahre 1929 hieß es über Keiser, ihm habe die „Ausdauer und die sittliche Kraft zu ernsterer Arbeit gefehlt“. Seine letzte Oper habe gegenüber der ersten keinen Fortschritt aufgewiesen (was nachweislich falsch ist).

Die negative Beurteilung von Keisers Charakter beruht ausgerechnet auf den Äußerungen seines Freundes Johann Mattheson. Der große barocke Musikschriftsteller und Musiker Mattheson, der ebenfalls in Hamburg wirkte, hatte in seinem biographisch-lexikalischen Buch „Grundlagen einer Ehrenpforte“ aus dem Jahre 1740, mit dem er den wichtigsten Musikern seiner Zeit ein Denkmal setzte, auch einiges über die Qualitäten Keisers als Weltmann festgehalten. Insbesondere berichtete er in – möglicherweise allzu beredten Worten – über Keisers legendäre Hamburger Winterkonzerte, an denen Mattheson teilweise selbst beteiligt war. Bei diesen barocken Spektakeln wurde nicht nur hervorragend musiziert, sondern auch aufs Opulenteste für das leibliche Wohl eines mondänen Publikums gesorgt. Keisers Kritiker, die in einer weniger barocken Zeit lebten, suchten sich aus Matthesons Schilderungen das, was sie für ihre Zwecke gebrauchen konnten und versahen es mit einem sauertöpfischen Akzent. Daß Mattheson den Musiker Keiser in der „Ehrenpforte“ und auch ansonsten über alles lobte und ihn „le premier homme du monde“ nannte, haben sie dagegen unter den Tisch fallen lassen; ebenso wie übrigens das an gleicher Stelle mitgeteilte Epigramm, welches Georg Philipp Telemann, Keisers großer Nachfolger im Hamburger Musikleben, zu dessen Tod im Jahre 1739 verfasste. Darin heißt es mit Blick auf die musikalische Erfindungskraft Keisers schlicht, er sei „größte Geist zu seiner Zeit gewesen“.

Dabei ist erstaunlich, daß gerade die Anhänger Händels so voreingenommen gegenüber Keiser waren. Händels eigenes Urteil über Keiser war nämlich ganz anders. Er spielte als junger Mann die zweite Geige in Keisers Hamburger Orchester und empfand große Bewunderung für den elf Jahre älteren Kollegen. Händel, der sich später ebenfalls intensiv auf dem Markt der antikisierenden Heldenoper engagierte, machte sogar in erheblichem Umfang musikalische Anleihen bei seinem Vorbild. Vielleicht hängt die Ablehnung Keisers damit zusammen, daß er den posthumen Preisrichtern aus dem Händellager als allzu ernsthafter Konkurrent ihres Schützlings im Wettbewerb um dem Titel des besten barocken Opernkomponisten aus Deutschland erschien (ein Titel, den Mattheson seinem Freund Keiser in der „Ehrenpforte“ sogar ohne die Einschränkung auf Deutschland verlieh).

Tatsächlich war Keiser einer der führenden Komponisten seiner Zeit. Allgemein bewundert wurde vor allem seine scheinbar unerschöpfliche melodische Erfindungskraft und sein Sinn für das Lyrische. In der Tat sprudelt es in seinen Opern nur so vor Einfällen. Als musikalischer Praktiker war er ein entscheidender Wegbereiter des aufkommenden „galanten Stiles“, welcher zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Wiener Klassik werden sollte. Zu dieser Auffassung von Musik gehörte der Vorrang des Melodischen vor der Konstruktion, was in musikdramatischen Werken nicht nur eine erhebliche Steigerung und Differenzierung des Ausdrucks, sondern auch eine erhöhte Textverständlichkeit ermöglichte (dies hatte freilich jene Einschränkung des Kontrapunktes zur Folge, die Keisers Kritiker später als Unfähigkeit bezeichneten). Keiser hatte im übrigen auch großen Einfluß auf die Musiktheorie seiner Zeit. Matthesons monumentalem literarischem Hauptwerk „Der vollkommene Kapellmeister“, das unter anderem eine hoch komplexe musikalische Affektenlehre enthält, liegen weitgehend Keisers Ansichten zu Grunde. Sieht man all dies zusammen, stellt sich die Frage, wie die Kulturnation Deutschland eigentlich mit ihren großen Repräsentanten umgeht.

Keisers hohes Ansehen spiegelt sich nicht zuletzt in der Wertschätzung, die ihm Bach entgegenbrachte, den es eine Zeit lang ebenfalls mächtig in die Musikmetropole Hamburg zog (Keiser seinerseits sammelte seine ersten musikalischen Erfahrungen im Leipziger Thomanerchor, den Bach später übernehmen sollte). Wiewohl eigentlich mehr ein Vertreter der stilistischen Gegenrichtung des „gebundenen Stiles“ brachte Bach Keisers Markuspassion mindestens drei Mal zur Aufführung (1712 in Weimar, 1726 und zwischen 1743 und 1748 in Leipzig). Dabei stellte er von dem Werk, wie damals üblich, eine eigene Version her, bei der die jeweiligen Erfordernisse und Gegebenheiten der Besetzung berücksichtigt wurden. In der Weimarer Fassung etwa fügte Bach zwei Choräle hinzu (ob er ihr Autor ist, ist angesichts der etwas ungelenken Harmonieführung allerdings zweifelhaft). In der letzten Fassung ersetzte er sieben Arien von Keiser ausgerechnet durch Arien einer Passion von Händel. Wie Kaiser seine Passion selbst aufgeführt hat, wissen wir nicht. Eine Originalversion des Werkes wurde bislang nicht gefunden. Was wir heute davon wissen, beruht auf mehr oder weniger bearbeiteten Aufführungsmaterialien verschiedener Kantoren. Nicht zuletzt deswegen wird teilweise angezweifelt, ob die Passion von Keiser stammt.  

Keisers Passion war in vieler Hinsicht das Vorbild für Bachs Passionen. Dies fällt bereits beim formalen Aufbau auf. Bach übernahm die Abfolge von Chören, Evangeliumserzählung, Arien und Chorälen. Auch in der Arientechnik und in der Behandlung der Rezitative gibt es Parallelen. Besonders deutlich ist dies bei den Jesus Worten, die bei Bach und Keiser mit einem weichen Streicher-Akkompagnato unterlegt sind. Auf Bach abgefärbt hat im übrigen der Sinn des ausgewiesenen Theatermusikers Keiser für Dramaturgie.

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Carl Maria von Webers Ausweisung aus Stuttgart – eine Schwierigkeit für seine Biographen

Am 9. Februar 1810 wurde der Komponist Carl Maria von Weber in Stuttgart wegen des Verdachts der Untreue, des Diebstahls und der Beteiligung an Wehrdienstmanipulationen festgenommen. Man durchsuchte seine Wohnung, beschlagnahmte seine Papiere und hielt ihn drei Wochen in Haft. Auf Anweisung König Friedrichs von Württemberg wurde er schließlich auf Lebenszeit des Landes verwiesen und über die Grenze nach Baden abgeschoben.

Diese Episode in Webers Leben hat seine Biographen vor einige Probleme gestellt. Sollte die reine Romantikerseele, von der Richard Wagner in einer Grabesrede sagte: „Nie hat ein deutscherer Musiker gelebt, als Du“, sollte der Schöpfer der deutschen Nationaloper in jungen Jahren in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sein? Es konnte nicht sein, weil es nicht sein durfte.

Liest man die Darstellung der Stuttgarter Ereignisse in den Weber-Biographien, so ergibt sich ein merkwürdiges Bild. Beginnend mit dem monumentalen Lebensbild, welches Webers Sohn Max Maria im Jahre 1862 veröffentlichte, tauchen über die schwäbischen Geschehnisse im Laufe der Zeit aus unbekannter Quelle immer neue dramatisierende Details auf. Eher beiläufige Bemerkungen früherer Biographen werden immer weiter ausgeschmückt und im Sinne einer bestimmten schriftstellerischen Absicht ergänzt. Mancher Sachverhalt wird dabei bis in sein Gegenteil verkehrt. In einem allerdings sind sich fast alle Biographen einig, darüber nämlich, dass die Vorwürfe, die man Weber in jenen turbulenten Wochen des Februars 1810 machte, nicht berechtigt waren. Geradezu rührend ist man darum bemüht, dem gestrauchelten jungen Mann noch nachträglich Argumente zu seiner Verteidigung zuzuflüstern. Manche der posthumen Verteidigungsvorbringen klingen freilich weit hergeholt und wären, hätte Weber sie selbst vorgebracht, mangels Schlüssigkeit kaum geeignet gewesen, ihm vor einem Gericht aus der Klemme zu helfen. Zu deutlich ist das Bestreben, den Heros mit allen Mitteln aus den Niederungen des Gesetzesbruchs zu ziehen.

Erschwert war eine unbefangene Diskussion der Dinge dadurch, dass das nationale Lager, welches Weber als den Schöpfer der deutschen Nationaloper und Vertoner von Körners Freiheitsliedern für sich zu vereinnahmen versuchte, zur Entlastung seines Helden angestrengt darum bemüht war, die Stuttgarter Ereignisse in einen politischen Kontext zu stellen. Man suggerierte, Webers Konfrontation mit König Ludwig habe etwas mit dem Selbstfindungsprozess der Deutschen Nation am Anfang des 19. Jahrhunderts zu tun. Zu diesem Zweck wurde der schwäbische Herrscher, der einem Königstitel von Napoleons Gnaden trug und seine Tochter Katharina mit dem Bruder des französischen Eroberers, Jérôme von Westphalen, verheiratet hatte, zum persönlichen Gegenspieler Webers stilisiert und kräftig dämonisiert. Webers Rausschmiss aus Württemberg sollte als der Schlusspunkt einer schon länger schwärenden Auseinandersetzung zwischen dem rechtschaffen national gesinnten Weber und dem despotischen „Franzosenkönig“ erscheinen. Der junge Mann aber, das ist die Moral der Geschichte, geht aus diesen Verstrickungen geläutert hervor. Stuttgart wird als der große Wendepunkt in seinem Lebenskampf dargestellt. Angesichts des Abgrundes von Verrat und Treulosigkeit, den er am schwäbischen Hof erlebte, entsagt Weber den Verführungen des oberflächlichen (Hof-) Lebens und folgt nur seiner wahren, nämlich künstlerischen Bestimmung (die zur deutschen Nationaloper führt).

Was nun war aber wirklich passiert? Die Prozessakten, die sich noch im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv befinden, ergeben folgendes Bild: Weber, der zum Zeitpunkt seiner Verhaftung, 23 Jahre alt war, weilte seinerzeit nicht in musikalischer Funktion in Stuttgart, sondern als Sekretär des Herzogs Ludwig von Württemberg, dem Bruder des Königs. Als solcher hatte er sich unter anderem um dessen zerrüttete Finanzen zu kümmern. In diesem Zusammenhang warf man ihm drei Vergehen vor. Der Hauptvorwurf lautete, er habe sich 1000 Gulden vom Metzger Hönes aus Schwieberdingen gegen die Zusage geliehen, für die Entlassung von dessen Sohn aus dem Wehrdienst zu sorgen. Der zweite Vorwurf ging dahin, er habe sich 55 Friedrichsd’or (dies entsprach etwa Webers Jahresgehalt), mit denen er Schulden des Herzogs hätte bezahlen sollen, von dessen Bankkonto abgehoben und für eigene Zwecke verwendet. Schließlich hatte man bei der Durchsuchung von Webers Wohnung, die wegen dieser Vorwürfe erfolgte, Silber aus dem herzoglichen Haushalt gefunden, was zum Verdacht des Diebstahls führte.

Da der Vorwurf der Wehrdienstmanipulation die Interessen des Königs berührte, schaltete sich dieser selbst in die Ermittlungen ein. Allerdings dürfte hierfür weniger die Person Webers als die Tatsache ausschlaggebend gewesen sein, dass der König Anlass zu der Annahme hatte, sein Bruder Ludwig sei in die Sache verwickelt. Webers Arbeitgeber litt nämlich unter chronischer Ebbe in seiner Privatschatulle, einem Zustand, dem er dadurch entgegenzuwirken versuchte, dass er Wehrdienstpflichtigen hinter dem Rücken seines königlichen Bruders gegen „Kautionen“ scheinbare Stellungen am Hofe verschaffte, was seinerzeit die Befreiung vom Wehrdienst zur Folge hatte. Angesichts des hohen Verschleißes an Soldatenleben in der napoleonischen Zeit war dies manchen besorgten Eltern einige Gulden wert.

Weber selbst wurde unmittelbar nach der Verhaftung von einem Ermittlungsbeamten verhört. Den Vorwurf, er habe Silber des Herzogs gestohlen, wies er zurück. Dass 55 Friedrichsd’or fehlten gab er zu, ließ sich aber dahingehend ein, eine ihm bekannte Person, die er nicht nennen könne, habe die Tat begangen. Auf Vorhalt, dass dann sein Vater, der bei Weber wohnte, der Täter sein müsse, räumte er schließlich ein, dass er den verschwundenen Betrag selbst „unter seine Privatgelder gebracht habe“. Er machte aber geltend, noch Forderungen gegen den Herzog zu haben, dem er immer wieder Geld habe leihen müssen. Dass er eine Anleihe vom Metzger Hönig erhalte habe, bestätigte er, bestritt aber, davon gewusst zu haben, dass dessen Sohn dafür vom Wehrdienst befreit werden sollte. Er räumte aber ein, dass sein Reitknecht Huber, der den Kredit eingefädelt habe, möglicherweise solche Versprechungen gemacht haben könnte.

Die Recherchen wegen der genannten Vorwürfe waren zwei Tage nach der Verhaftung Webers abgeschlossen. Der Vorwurf des Silberdiebstahls galt als ausgeräumt. Weber hatte offenbar eine nicht näher mitgeteilte plausible Erklärung für den Silberfund in seiner Wohnung geben können. Hinsichtlich der veruntreuten Gelder schlossen der Herzog und Weber einen Vergleich, in dem beide Parteien auf eventuell noch bestehende Ansprüche verzichteten. Der Vorwurf der Bestechlichkeit bzw. der Beteiligung an Wehrdienstmanipulationen wurde stillschweigend fallengelassen.

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Ein Kampf um Clara – Schumann und Schilling und der Musikzeitschriften krieg zwischen Stuttgart und Leipzig

Nach Stuttgart ginge ich gern, schrieb Robert Schumann im Februar 1839 aus Wien an seine Verlobte Clara Wieck. „Ich kenne die Stadt; sie ist reizend und die Menschen viel besser und gebildeter als die Wiener“. Dieser für Stuttgart ziemlich schmeichelhafte Vergleich war Schumanns Antwort auf eine Anfrage seiner Verlobten, ob er bereit sei, nach Stuttgart zu ziehen, wo sie glaubte, für ihn eine Arbeitsstelle und damit die Grundlage für die heiß ersehnte Eheschließung gefunden zu haben. Der Heirat der Verlobten standen seinerzeit vor allem wirtschaftliche Probleme entgegen. Clara Wieck, deren Konterfei sinnigerweise einmal unsere 100-DM Scheine schmückte, hoffte sie mit der Übersiedlung nach Stuttgart endlich lösen zu können.

Trotz dieser günstigen Beurteilung ist Stuttgart, wie man weiß, keine Schumannstadt geworden und die außerordentlich unglücklich Verlobten mussten noch über 1 1/2 harte Jahre warten, bis sie, nach einem äußerst schmutzigen Prozess gegen Claras Vater, Friedrich Wieck, den Ehebund schließen konnten. Das genannte Arbeitsplatzangebot aber – es stammte von dem Stuttgarter Musikschriftsteller Schilling – sollte Schumann noch eine Zeit lang mit Stuttgart verbinden. Es wurde zum Ausgangspunkt einer großartigen literarischen Polemik, die über zwei Jahre zwischen Stuttgart und Leipzig tobte und so heftig war, dass sie am Ende nicht nur in Strafprozessen mündete, sondern auch noch eine der daran beteiligten Musikzeitschriften zerstört auf der Walstatt hinterließ.

Wenn auch der eher miese Stuttgarter Gegenspieler Schumanns heute vergessen ist und kaum mehr als Fußnoten in der Schumannliteratur abgibt, so verdanken wir dieser Kontroverse doch einige bemerkenswerte briefliche Äußerungen Schumanns über sich und sein künstlerisches Selbstverständnis und die glänzende Satire „Die Verschwörung der Heller“, mit der er den Streit (fast) in dichterische Höhen hob.

Die Geschichte ist aus dem Stoff, aus dem Theaterstücke oder Hollywoodfilme und auch so mancher heutige Skandal gemacht sind. Zwei Temperamente, wie man sie sich nicht gegensätzlicher denken kann, stehen sich gegenüber: auf der einen Seite ein sensibler, noch wenig bekannter Komponist und brotloser Intellektueller – auf der anderen ein mit Titeln, Orden und allen sonstigen schützenden Attributen bürgerlichen Ansehens versehener skrupelloser Musikunternehmer, der sich höchster Protektion erfreuen kann. Äußerlich scheint es um große Ziele zu gehen. Der Beobachter glaubt einem Kampf auf Biegen und Brechen um die Macht auf dem seinerzeit bedeutsamen Markt der musikalischen Publizistik beizuwohnen. Der Anspruchsvollere mag sich darüber hinaus als Zeuge eines intellektuellen Streites über die großen künstlerischen Ideen der Epoche sehen, eines Ringens der progressiven, neuromantischen Musikrichtung, zu deren Exponenten Schumann gehörte, mit einer an den Klassikern, an Haydn, Mozart und Beethoven orientierten konservativen Musikauffassung, die seinerzeit in Stuttgart mit Lindpaintner, Ignaz Lachner und Molique stark vertreten war.

In Wirklichkeit geht es, den Regeln dieser Dramen entsprechend, um eine Frau. Es ist eine höchst private Rivalität, die da verdeckt und doch vor aller Öffentlichkeit ausgetragen wird, das Nachbeben einer Konkurrenz um eine begnadete, junge und dazu noch schöne Klaviervirtuosin. Am Ende siegt trotz aller Warnungen des hellsichtigen Künstlers der Bösewicht. Er kann seine Stellung so lange halten bis er genügend Geld von denen ergaunert hat, die ihn gestützt haben und setzt sich nach Amerika ab. Sein Kontrahent aber stirbt fast gleichzeitig im Wahnsinn.  

Wer war dieser Stuttgarter, den Schumann schon 20 Jahre vor seinem spektakulärem Abgang aus Stuttgart im Jahre 1858 vollkommen durchschaut hatte und der sich dort trotzdem noch so lange halten konnte? Wie war es möglich, dass er Schumann so aus der Reserve locken konnte, dass dieser von seinem Heimatgericht wegen seiner Äußerungen über Schilling sogar mit einer Strafe belegt wurde?

 Eine höchst aufschlussreiche Auskunft über diesen Dr. Gustav Schilling findet sich in der Selbstdarstellung aus dem Jahre 1842, die er, ohne sich als Autor zu nennen, in einem seiner lexikalischen Werke veröffentlichte. Er stammte aus dem Hannover’schen, wo er im Jahre 1805 als Sohn eines Pastors geboren wurde (er war also 5 Jahre älter als Schumann). Von Haus aus war er Theologe. Seine Examina bestand er, wie er versichert, „mit bestem Erfolge“ und erwarb sich danach „einen solchen Ruf als Prediger, dass seine Vorträge stets bei vollem Hause gegeben wurden“. An einer Universität, deren Namen er verschweigt, obwohl er die sonstigen Stationen seines Lebens sehr genau angibt, promovierte er über die göttliche Offenbarung. Seine große Leidenschaft war das Schreiben. Er schrieb über alles was ihm vor die Feder kam. Zu seinen nichtmusikalischen Werken gehört etwa die 800 Seiten starke theologische Schrift über die „äußere“ Kanzelberedsamkeit „die ungemein Glück machte und seinen Namen nebst einigen siegreichen Diskussionen unter die berühmteren der theologischen Literatur setzte“. „Von allen Seiten gut aufgenommen“ wurde nach seinem Bericht der didaktische Roman „Guido“. Auch zu seinem Einstand in Württemberg, wo er sich 1830 in Stuttgart niederließ, legte er Werk aus seiner Feder vor. Er überreichte König Wilhelm „in tiefster Untertänigkeit“ eine Denkschrift mit dem Titel „Was ist schuld an den heillosen Gärungen der Zeit und wie kann denselben abgeholfen werden?“, in der er einen deutlich antidemokratischen Standpunkt vertrat.  

In seiner Selbstdarstellung verschweigt er ein weiteres, zu Anfang seiner Stuttgarter Zeit verfasstes Werk mit dem Titel: „Aestetische Beleuchtung des königlichen Hoftheaters in Stuttgart, in dem er seinen Gedanken über die Schauspielkunst ziemlich freien Lauf läßt. Vielleicht unterschlug er dieses Opus, mit dem er offensichtlich die Stuttgarter Theaterszene zu erobern gedachte, weil in diesem Fall die Behauptung, „es sei von allen Seiten gut aufgenommen worden“, selbst für einen Schilling zu dreist gewesen wäre. Der Stil dieses „zeitgemäßen Wortes an alle Theaterdirektoren, alle Künstler und das gesamte kunstliebende Publikum“ hatte nämlich den Direktor des Stuttgarter Katharinenstifts und „quiescierenden Theater-Recensenten“ August Zoller auf den Plan gebracht. Wie sehr Zoller – selbst ein begeisterter Schriftsteller – sich über Schilling aufregte, zeigt die Tatsache, dass er postwendend eine nicht weniger als 60-seitige Schrift unter dem Titel „Aestetischen Beleuchtung der nichtaestetischen Verdunklung der Stuttgarter Hofbühne“ verfasste, in der er die Phrasendrescherei und Altklugheit des damals 27-jährigen Schilling gnadenlos offenlegte. Unter anderem verwahrte sich der Schulmann, der aus Deizisau am Neckar stammte, dass dieser „Norddeutsche“ sich herablasse, uns blödsinnigen Schwaben die Augen zu öffnen“. Bemerkenswert ist, dass diese überdeutliche Kritik nicht anders als die spätere durch Schumann bei Schilling und seiner Umgebung ohne jede Wirkung blieb. 

Mehr noch als von der Theologie fühlte sich Schilling vom damals stark expandierenden Musikmarkt angezogen. In Stuttgart gründete er ein sog. Stöpel’sches Institut, eine private Musikschule. In der Folge fröhnte er auch auf diesem Gebiet seinen schriftstellerischen Neigungen und veröffentlichte eine nicht versiegende Flut von weitschweifigen Musikbüchern, wobei er in immer neuen Variationen bei anderen oder sich selbst abschrieb. Unter anderem plünderte er immer wieder das 6-bändige „Universalexikon der Tonkunst“, das er 1834 bis 1838 mit einigen Mitarbeitern für den Stuttgarter Buchhändler Köhler herausgegeben hatte. Auch der Vorwurf des Plagiats, der von mehreren Seiten, u.a. in der von Schumann redigierten „Neuen Zeitschrift für Musik“ (NZfZ) erhobene wurde, hinderte ihn nicht daran, ständig neue Bücher auf den Markt zu werfen. Allein von 1839 bis 1850 verfasste er auf diese Weise nicht weniger als 21 dickleibige Bücher über Musik und Musiker, was selbst wenn man berücksichtigt, dass er abschrieb, eine bemerkenswerte Fleißleistung war. Erstaunlich ist, dass es ihm gelang, immer neue Verleger zu finden, obwohl sich die von ihm düpierten Verleger in drastischer Weise öffentlich über ihn beschwerten.  

Der durchaus vorhandene Erfolg des Vielschreibers beruhte wohl nicht zuletzt darauf, dass seine wichtigsten Vermarktungsinstrumente, Posten, Orden und Ehren, zugleich auch seine Waffen gegen die Plagiatsvorwürfe waren. Hinzu kam der gute Draht zu den Mächtigen. Demonstrativ trug Schilling Orden der Könige von Preußen und Belgien und verschiedene Verdienstmedaillen vor sich her. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Schumann wurde er zum Hofrat von Hohenzollern-Hechingen ernannt.  

Schließlich war Schilling Gründer und „permanenter Sekretär“ des „Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft“, für den er den Wahlspruch „Omnia ad majorem Dei gloriam“ ausgewählt hatte, einer konservativ ausgerichteten Vereinigung von Musikern und Musikpublizisten, deren Präsident der Komponist Louis Spohr war. Auch diese im Jahre 1939 erfolgte Gründung diente der Befriedigung seiner Schreibwut. Alle Mitglieder, zu denen ohne sein Wissen auch Schumann gemacht worden war, mussten – gegen Entgelt, wie sich versteht – die im wesentlichen von Schilling selbst bestückte Zeitschrift des Vereins, die „Jahrbücher“ beziehen, die sich, wie er in der bereits erwähnten Selbstdarstellung aus dem Jahre 1842 schrieb „zum gelesensten und wertvollstem musikalischen Journale aufgeschwungen hat“.  

Diese Zeitschrift war der Punkt an der sich der Streit mit Schumann entzündete. Schilling beabsichtigte, Schumann zu seinem „Kompagnon“ zu machen, ausgerechnet den Mann also, der nicht nur als Komponist die neuromantische Schule vertrat, die der Nationalverein bekämpfte, sondern als verantwortlicher Redakteur der NZfM auch noch deren literarisches Haupt und Schillings Konkurrent auf dem Zeitschriftenmarkt war. Eine besondere Brisanz erhielt der kühne Vorstoß dadurch, dass er Clara Wieck zu seinem Werkzeug erkoren hatte. Die ahnungslose junge Frau, in die er sich zu allem Überfluss auch noch verliebt hatte, wurde damit unbewusst zur Überbringerin des Fedehandschuhs gegen ihren Verlobten.  

Die 19-jährige, schon hochberühmte Clara Wieck befand sich im Januar 1839 auf Konzertreise in Stuttgart, wobei sie, wie alle hier gastierenden Künstler, auch Schilling kennenlernte. Für Schilling, der schon über sie geschrieben hatte, war es offenbar ein Leichtes, ihr Vertrauen zu gewinnen. Zutraulich plauderte sie auch über private Dinge und berichtete insbesondere über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die der Ehe mit Schumann entgegenstanden. Schilling witterte sofort seine Chance und bot an, Schumann könne an seiner, Schillings, eben herauskommender Zeitschrift mitwirken. Clara Wieck war begeistert von Schilling und dem Angebot. Fern ab von Leipzig, wo der Vater ihr alle erdenklichen Schwierigkeiten bereitete, sah sie plötzlich für Schumann und sich selbst die Möglichkeit einer gesicherten Existenz und damit die Chance, die ersehnte Ehe schließen zu können. An ihren Verlobten schrieb sie: „Er ist so herzensgut und sagt jedem die Wahrheit heraus“. Ihre Begeisterung übertrug sie gleich auf ganz Stuttgart: „Würdest Du dich entschließen, nach Stuttgart zu gehen? Ach, wie schön sind die Berge um die ganze Stadt herum; es ist entzückend und die Menschen von Herzen gut und teilnehmend. Mich hat man hier förmlich überschüttet mit Wohltaten“.  

Schumann erhielt Claras Brief zusammen mit einen Brief von Schilling in Wien, wo er seinerseits die Möglichkeiten für den Aufbaus einer wirtschaftlichen Existenz sondierte. Er hatte die Absicht, mit seiner Zeitschrift von Leipzig, wo er keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten mehr sah, in die kaiserlich-königliche Hauptstadt mit ihrer großen musikalischen Tradition umzusiedeln, hatte hierbei aber ernüchternde Erfahrungen gemacht. Dies ist der Grund für den anfangs zitierten Vergleich Stuttgarts mit Wien, der für die württembergische Zentrale so überaus günstig ausfiel. Was Schillings Angebot anging, hielt sich seine Begeisterung freilich in Grenzen. Schumann kannte Schilling und seine Werke und durchschaute dessen Absicht, ihn als seinen ärgsten Kritiker und wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten. Was ihn hingegen ernsthaft beunruhigte, war die Tatsache, dass Schilling seine Verlobte so stark beeindrucken konnte. Gewisse Äußerungen in seinem Brief nährten zudem den Verdacht, dass Schilling sich in sie verliebt habe.  

Besorgt antwortete er an Clara, er müsse sie hinsichtlich der Person des Dr. Schilling leider aus ihren schönen Träumen wecken, Schilling sei „ein trefflicher Spekulant“…, ein „ausgezeichneter Wind- und Courmacher. Seine schriftstellerischen Fähigkeiten kennzeichnete er mit dem Vergleich, er sei „ein sehr fleißiger Bücherschreiber, ohngefähr wie Czerni ein Komponist.“ Die Chancen einer neuen Musikzeitschrift beurteilte Schumann skeptisch, da sie nicht dem Bedürfnis der Zeit folge, „vollends in Stuttgart, wo kein Musikhandel, kein Künstlerdurchzug, kein Publicum“. 

Besonders missfallen haben muss Schumann aber die Tatsache, dass es Schilling gelungen war, Clara zu imponieren und bei ihr die Angst auszulösen, er, Schumann, könne sich mit seiner Zeitschrift nicht gegen Schilling behaupten. Dies veranlasste ihn zu einer Äußerung, mit der Dreißigjährige auf bemerkenswerte Weise sein künstlerisches Selbstverständnis offenbarte. „Offen gestanden, Clärchen, es hat mich ein wenig von Dir gekränkt und ich dachte ich stünde bei Dir in mehr Ansehen als dass Du jemals an die Compangnieschaft mit solchem Renommisten gedacht hättest…“. „Mir gegenüber“, schreibt er mit Bezug auf Schillings Angebot, „der ich mir zutrauen kann, den leisesten Fortschritt der Zeit zu sehen, als Componist immer fortschreitend und wenn auch in kleiner Sphäre die Zukunft vorbereitend? Da muss ich lächeln, wenn der Schilling von meinen „geistigen Kräften“ reden will, der so weit ich es weiß, kaum eine oberflächliche Vorstellung von meinem Streben hat, für dessen ganzes Kunsttreiben ich nicht einen Papillion hingebe.“ 

Die Situation spitze sich zu als sich Schumanns Befürchtung, Schilling habe sich in Clara verliebt, bestätigte und dieser, wiewohl verheiratet, mit einem erstaunlichen Frontalangriff versuchte, Clara „abtrünnig“ zu machen. Völlig außer sich verlangte Schumann von Clara, dass sie Schilling deutlich zurechtweise. Ja er verstieg sich soweit, damit zu drohen, er werde sich eine Zeit von ihr trennen, wenn sie Schilling nicht eine eindeutige Abfuhr erteile. Schilling war es gelungenen, eine ernstliche Verstimmung zwischen den Verlobten auszulösen. Wenige Wochen nach der Stuttgarter Verwicklung fiel es allerdings auch Clara wie Schuppen von den Augen. „Erstaunen muss ich“ schrieb sie an Robert aus Paris, wohin sie inzwischen weitergeresit war, „über Deine Menschenkenntnis, denn Deine Schilderung Schillings war doch gar zu zutreffend.“  

Soweit das private Vorspiel. Offensichtlich motiviert durch Schillings Eingriff in seine Privatsphäre nahm Schumann den Fedehandschuh eben dort auf, wo ihn Schilling hingeworfen hatte. Er blieb seinem Widersacher mit seiner Zeitschrift auf den Fersen. Ende 1840 und Anfang 1841 erschienen in der NZfM zwei äußerst scharfe Kritiken über zwei „grundlegende“ und wie immer geschwätzige Werke Schillings, einer „Ästetik der Tonkunst“ und einer „Kompositionslehre“. Durch satzweise Gegenüberstellung führten die Autoren, es waren Freunde Schumanns, den Nachweis, dass Schilling andere Werke seitenweise abgeschrieben hatte. Sein erstaunlich ungeniertes Verfahren illustriert die Umformulierung des folgenden Satzes. Er lautet im Original: „Man hat von dem Rhythmus, welches griechische Wort technisch geworden ist, manche Definitionen gegeben…“ Bei Schilling heißt es: „Auf die verschiedenste Weise schon hat man das griechische Wort Rhythmus, das vollkommen technisch geworden ist, zu erklären versucht.“  

Dieser Schlag saß. Schilling sah sich gegen des „Neides Geifer, der Lästerzunge Gift, der Gemeinheit noch gemeineren Spott“ zur Verteidigung genötigt. Eilig veröffentlichte er unter dem Titel „Schumanns NZfM und ich“ eine – wie immer weitschweifige – Apologie -, „um das Treiben einer gemeinen Clique aufzudecken und von dem Kot, den sie um sich wirft, meine Schuhe zu reinigen“. Nach dem Muster, das sich schon immer großer, heute vielleicht sogar zunehmender Beliebtheit erfreut, drehte er den Spieß dreist herum. Der Autor eines Buches über die Kanzelberedsamkeit zog alle Register der Rhetorik und versuchte zu beweisen, dass der Angriff eigentlich dem Nationalverein und seiner Kunstauffassung gelte. Schumann aber drohte er mit dem „strafenden Gericht“.

Schumann antwortete, „um auf das marktschreierische Treiben dieses Pfuschers“ noch deutlicher aufmerksam zu machen, mit einer Zusammenstellung von Fundstellen, an denen man weiteres über Schillings Plagiate nachlesen könne, darunter auf die Warnungen der Stuttgarter Buchhändler Metzler und Köhler, die sich über „Raubauszüge“ aus dem Universallexikon, dessen Rechte Köhler besaß, beschwerten.

Von Schilling folgte ein „Letztes Wort“ mit einem Bandwurmsatz von 267 Worten. Lang konnte er seine Feder allerdings nicht im Zaum halten. Schon kurz nach dem „letzten Wort“ kam der erste Ausflug auf die dichterische Ebene. Er schrieb einen „Bericht des chinesisch-neuromantischen Oberinspektors Schuh-Wah-Kah-Man an den kaiserlichen Gouverneur Zo-Il-Reb-Ji über die Beaufsichtigung der Komposition und musikalischen Presse im himmlischen d.h. neuromantischen Reiche.“ Schumann erscheint in diesem Bericht, als gestrenger chinesischer Zensor, der in der Provinz „Teuto Schwa“ dafür sorgt, dass die dortigen „Bücher- Werk- und Werkchenschreiber“ keine Meinungen entwickeln, die von denen der Mandarine abweichen.  

Bevor die Auseinandersetzung weitere dichterische Blüten trieb, hatte das strafende Gericht das Wort. Auf Klage Schillings wurde Schumann am 25.6.1842 vom Leipziger Stadtgericht wegen Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe von sechs Tagen verurteilt, die auf Appellation in eine Geldstrafe von 5 Talern umgewandelt wurde. U.a wurde Schumann die Bemerkung angekreidet: „Ich kann mich leider von dem wertlosesten aller Kupfermünzen, von diesem Hohenzollern-Hechingischen Schilling nicht losreißen.“  

Schilling kostete seinem Triumph aus und ging alsbald wieder zum literarischen Angriff über. Wohlbewandert in den Machenschaften der Heuchler hatte er in seiner Zeitschrift eine Serie über „Musikalische Tartüffe“ begonnen, in der Schumann jetzt einen Ehrenplatz eingeräumt bekam. Schillings Erfolg beim strafenden Gericht ließ Schumann keine Ruhe. Er machte den Fehler, Schilling auf das juristische Gebiet zu folgen, indem er seinerseits eine Klage in Stuttgart abhängig machte. Doch die Stuttgarter Richter hielten – vorläufig noch – zu ihren Hofrat. Schumanns Klage wurde im August 1842 zurückgewiesen. Offenbar sah Schumann ein, dass dieser Ausflug auf das undurchsichtige Terrain, auf dem er schon einmal gescheitert war, ein Fehler war. Sehr schnell besann er sich auf seine eigentlichen Waffen und holte – erstmalig eigenhändig – zum einem Schlag aus, der seinen Widersacher schwer anschlagen sollte. In der NZfM erschien am 27.9.1842 der – von Schumann mit seinem Pseudonym „Florestan“ gezeichnete – Artikel „Die Verschwörung der Heller“. In dieser glänzenden Satire verlagert Schumann – listig auf seine inkriminierte monetäre Bemerkung über Schilling zurückgreifend – das ganze Geschehen in das Münzwesen. Schilling ist darin ein Heller mit dem Wert 0,1, der es nicht verwinden kann, dass er kein Goldstück ist. Die Frustration des Kupfers, „das zu rasseln weiß“, wird insbesondere dadurch verstärkt, dass „eine unerbittliche Hand“ die angestrebte Verbindung zu einer „schönen Dukatin“ auseinanderreißt, in die er sich verliebt hatte. Am Ende zettelt 0,1 eine große Verschwörung der Heller gegen die verhassten Goldstücke an, die aber in einer Waage endet, in der “ das wenige Gold das Kupfer lachend und deckenhoch in die Höhe zieht“.

 Mit dieser „Romanze in Prosa“ setzte Schumann den Schlußstein in das mittlerweile imposante publizistische Streitgebäude. Schumann war zwar vor den weltlichen Instanzen unterlegen. Er hatte aber den Krieg der Zeitschriften gewonnen.

Noch im Jahre 1842 musste Schilling seine Zeitschrift einstellen, wenige Monate nachdem er sie als „das Archiv“ bezeichnet hatte, „aus welchem die künftige Musikgeschichte einzig und allein ihre verlässlichsten Akten und Data zu schöpfen hat“. Schumanns NZFM hingegen wurde zur führenden Musikzeitschrift Deutschlands und wird noch heute fortgeführt. Mit diesem Sieg war Schumanns „Interesse“ an Schilling beendet. Künftig würdigten er und seine Zeitschrift Schilling keines weiteren Wortes mehr.  

Schilling weiteres Schicksal entsprach Schumanns erster Einschätzung. Im Januar 1857, ein halbes Jahr nach Schumann Tod, verschwand Schilling plötzlich „mit einem ansehnlichen Geldbetrag“ aus Stuttgart und flüchtete vor der mittlerweile doch hellhörig gewordenen Stuttgarter Justiz nach Amerika. Das erstaunte Stuttgarter Publikum erfuhr aus der „Schwäbischen Chronik“, dass ihr „in allen Kreisen bekannter“ Mitbürger seine Schreibarbeiten inzwischen erheblich vereinfacht hatte. In den letzten Jahren hatte er statt Bücher ( ab)zuschreiben nur mehr ungedeckte Wechsel unterschrieben. Schillings hinterlassene Schulden beliefen sich auf nicht weniger als 170 000 Gulden, was damals ein Vermögen war. Er begab sich nach New York und schrieb dort wieder über Musiker. Nach drei Jahren musste er wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten nach Kanada flüchten, kehrte aber später wieder in die USA zurück, wo er 1881 in Nebraska starb. 

Es fragt sich, wie es möglich war, dass sich ein Betrüger wie Schilling so lange im damals ja noch eher kleinstädtischen Stuttgart halten konnte, dessen Bürger Schumann wegen ihrer Bildung doch so gelobt hatte. Immerhin betrieb er seine unseriösen Geschäfte in aller Öffentlichkeit. Sicherlich, Titel, Orden, Ehren, Beziehungen zu hohen Häusern – das waren schon immer auch die Schutzschilde, hinter denen Hochstabler und Betrüger öffentlich ihren Geschäften nachgingen. Bei den pietistischen Schwaben dürften darüber hinaus das theologische Mäntelchen des Dr. Schilling und der Anschein der Gelehrsamkeit seine Wirkung nicht verfehlt haben. Dennoch bleibt es erstaunlich, dass ein Mann, den Schumann bereits 20 Jahre vor seinem unrühmlichen Abgang aus Stuttgart vollkommen durchschaut hatte, die Schwaben so lange ungeschoren an der Nase herumführen konnte.

Musik ohne Hörer? Zeitprobleme der zeitgenössischen Musik

 

Als in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 in Berlin die deutsche Wiedervereinigung gefeiert wurde, erklang im klassizistischen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt, wo sich die Honoratioren versammelt hatten, die neunte Symphonie von Beethoven. Bei den anschließenden Feierlichkeiten für das breite Publikum, die auf der Treppe des Reichstagsgebäudes stattfanden, spielte man Werke von Bach, Haydn und Brahms. Ein neuerer oder gar ein lebender Komponist kam nicht zu Wort.

Dies ist zugespitzt die Lage, in der sich die Kunstmusik, die als zeitgenössisch bezeichnet wird, hierzulande im allgemeinen befindet. Zwischen den Menschen und der Musik, die ihrer Zeit entsprechen soll, bestehen „Unstimmigkeiten“. Wie tief sie gehen, wird deutlich, wenn man sich vorstellt, man hätte an jenen Abend auf der Reichstagstreppe avantgardistische Musik etwa von Lachenmann, Schnebel oder Rihm gespielt. Es kann kaum Zweifel darüber geben, dass dies die Stimmung nicht getroffen hätte. Was also ist los mit der zeitgenössischen Kunstmusik? Findet sie ohne die Zeitgenossen statt?

Dafür, dass dem so ist, spricht nicht zuletzt der Opern- und Konzertbetrieb, in dem zeitgenössische Musik nur eine Nebenrolle spielt. In die gleiche Richtung deuten die Umsatzzahlen des Handels mit Tonträgern. Dabei kann man kaum sagen, dass die neue Musik zu wenig gefördert würde. Zahlreiche renommierte Personen und Institutionen, allen voran die Rundfunkanstalten, fühlen sich dem „Erbe unserer Zeit“ verpflichtet. Die Bereitschaft der Macher selbst die „unerhörtesten“ Dinge zu tolerieren, grenzt gelegentlich an Selbstverleugnung. Es fehlt „nur“ die Resonanz beim Publikum. Vor allem die ausübenden Musikliebhaber, das Rückgrad einer jeden lebendigen Musikkultur, haben sich von der neuen Musik abgewandt, eine Tatsache, welche die meisten neueren Komponisten nicht etwa, wie man erwarten könnte, mit verstärkter Zuwendung zu den praktizierenden Laien, sondern mit einem geradezu ostentativen Desinteresse an ihnen quittieren. Der Bekanntheitsgrad von Werken der neuen Musik ist dem entsprechend außerordentlich gering. Kein Werk aus den europäischen Kernlanden der Musik, das nach dem zweiten Weltkrieg entstand, hat in ähnlicher Weise ins allgemeine Bewusstsein der Musikinteressierten dringen können wie die Kompositionen der Meister, die bei den Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit zu Wort kamen. Das letzte Werk der „zeitgenössischen“ Musik, das eine vergleichbare Wirkung erzielte, ist „Carmina Burana“ von Carl Orff, eine Komposition, die bereits im Jahre 1937 entstand.

All dies ist schon deswegen schwer zu verstehen, weil es in der Vergangenheit immer anders war. Für die erwähnten „Klassiker“ war es eine Selbstverständlichkeit, Musik schreiben, mit der ihre Zeitgenossen etwas anfangen konnten. Bach, dem man von allen Komponisten seiner Zeit sicher am wenigsten nachsagen kann, dass er sich beim Publikum angebiedert habe, komponierte im Wesentlichen für den aktuellen kirchlichen und höfischen Bedarf. Dazu gehörten auch Werke für wichtige gesellschaftliche Ereignisse. Der Thomaskantor gab sich dafür nicht weniger Mühe, als für die Stücke, die ihm ganz persönlich am Herzen lagen. Dies zeigt etwa die Tatsache, dass er Werke, die er für Geburtstags- und Jubiläumsfeierlichkeiten des sächsischen Hofes schrieb, später ohne weiteres in sein berühmtes Weihnachtsoratorium umarbeiten konnte. Haydn schrieb „natürlich“ Musik, die seinem Arbeitgeber Fürst Esterhazy und dessen Umgebung gefiel und von ihnen in der Regel auch gespielt werden konnte. Dass er deswegen unakzeptable Kompromisse beim künstlerischen Gehalt gemacht hätte, kann man kaum behaupten. Selbst ein künstlerischer Einzelgänger wie Beethoven, der mit seinem esoterischen Spätwerk so etwas wie das Muster einer Musik schuf, die ihrer Zeit Rätsel aufgab, war sich auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft nicht zu schade, die Festmusik für die Feierlichkeiten des Wiener Kongresses zu schreiben.

Der Präsenz der Komponisten in ihrer Gegenwart entsprach die Bedeutung, welche die Musik in der Gesellschaft ihrer Zeit hatte. Im England der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Royals über Händels Musik entzweit. König Georg II. und seine Tochter Anne waren ihre Anhänger, der Prince of Wales hingegen soll sie, so versichern die Hofberichterstatter, als den „Gegenstand seiner Abscheu“ bezeichnet haben. Der Familienzwist im englischen Königshaus war nicht nur ästhetischer Natur. Hintergrund waren vielmehr höchst aktuelle parteipolitische Musikaffinitäten. Die Anhänger Händels saßen in der Whig-Partei, die den König unterstützte, während der Thronfolger, aus welchen tiefenpsychologischen Gründen auch immer, mit den oppositionellen Tories im Bunde stand. Diese Art der „Gegenwärtigkeit“ war für Händel, der weder durch eine Beamtenstellung abgesichert war, noch auf Subventionen für schwer verkäufliche Musikprodukte hoffen konnte, keineswegs komfortabel. Der staatspolitisch-musikalische Kampf ging auf Biegen oder Brechen, wobei sogar Opernhäuser zu politischen Waffen wurden. So gründeten die Tories unter dem Patronat des Thronfolgers eine eigene Oper, die sogenannte Adelsoper, zu dem Zweck, Händels privates Opernunternehmen, das die Prinzessin protegierte, in den Ruin zu treiben. Händel erlitt darüber einen finanziellen und auch einen schweren körperlichen Zusammenbruch. Erst in seinem letzten Lebensdrittel sollte er zum gefeierten englischen Nationalkomponisten werden, der schließlich – als einziger Ausländer – sogar mit einem Grabmal in der Ruhmeshalle von Westminster Abbey „verewigt“ wurde.

Im 19. Jahrhundert spielte die zeitgenössische Musik eine wichtige Rolle bei der Emanzipation und Selbstdefinition des Bürgertums. Die Gleichzeitigkeit von Musikschöpfung und Rezeption spiegelt sich in den prächtigen Opernhäusern und Konzerthallen, welche man in den Städten baute und in denen man sich nicht zuletzt in den Werken der zeitgenössischen Komponisten feierte. Exemplarisch hierfür ist die Art, wie die dritte Symphonie von Brahms aufgenommen wurde. Bei ihrer Uraufführung am 2. Dezember 1883 im wenige Jahre zuvor errichteten repräsentativen Musikvereinssaal in Wien war alles anwesend, was in Stadt und Land Rang und Namen hatte. Im Publikum versuchte der Wagner-Brucknerflügel gegen das neue Werk zu opponieren, wurde aber vom frenetischen Applaus der großen Mehrheit zum Schweigen gebracht. Unmittelbar im Anschluss an die Uraufführung ging Brahms mit dem neuen Werk auf eine Konzerttournee durch ganz Deutschland, bei der er begeistert gefeiert wurde. Bei der ersten Aufführung in Berlin musste der dritte Satz der Symphonie wiederholt werden. In Meiningen setzte Hans von Bülow das Werk an den Anfang und das Ende des gleichen Konzertes. Wenige Wochen nach der ersten Aufführung, am 11.1.1884, konnte Brahms an seinen Freund Heinrich von Herzogenberg bereits schreiben: „In acht Tagen denke ich Ihnen die leider zu berühmte F-Dur Symphonie für zwei Klaviere zu schicken. Dieser ihr jetzt anklebenden Eigenschaft wegen hätte ich Lust, meine Konzerte abzusagen“. Kurz darauf wurde das Werk schon von Liebhabervereinigungen gespielt.

Heute können Komponisten von Musik, die einen vergleichbaren Anspruch erhebt wie die Musik von Händel oder Brahms, nur noch davon träumen, dass ihre Werke Gegenstand hoher Politik oder Uraufführungen gesellschaftliche Ereignisse wären. Bei Konzerten müssen sie eher damit rechnen, dass die Kritiker die Befürworter zum Schweigen bringen als umgekehrt. Triumphale Konzertourneen, bei denen neue Werke oder Teile davon wiederholt werden (müssen), finden nicht mehr statt und an Auszügen für Klavier zu vier Händen besteht meist schon mangels Spielbarkeit der Stücke kein Bedarf. Dass der Komponist seines Erfolges überdrüssig würde und neue Werke von Liebhabern aufgeführt werden, dürfte die große Ausnahme sein. Zeitgenössische Musik wird nicht selten nur ein einziges Mal aufgeführt. Viele Werke können sich nicht einmal dieser Aufmerksamkeit erfreuen. Karl Heinz Stockhausen, ein exponierter Protagonist der neuen Musik, klagt darüber, dass in seiner Schublade zwanzig größere Orchesterwerke aus seiner „Feder“ liegen, die keiner spielen will.

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