Briefe aus der Wendezeit – Teil 5

 

Berlin, 22.03.90

 

Lieber Klaus!

 

Nun haben wir es also fast geschafft. Es ist wie im Westen. Zum 3-fachen Westpreis gibt es in unseren Läden Apfelsinen, Kiwis, Weintrauben, Ananas und Erdbeeren, Coca Cola, Fanta, Pizza, herrlich anzusehenden Schinken, und auch der Kohl ist derselbe wie bei Euch – Helmut!

 

Er ist nun wirklich der Kanzler aller Deutschen, bestellt die neue ostdeutsche Regierungspartei nach Bonn zum Befehlsempfang, und diese Marionetten tun so, als müßte das so sein. Vielleicht ist diese Hemmungslosigkeit aber auch ganz normal. Schließlich haben die Leute ja wirklich eher Kohl als den Steinbeißer de Maiziere gewählt.

 

Genauer gesagt, sie haben die versprochene schnelle D-Mark gewählt, denn was ist ein Ostmarkgehalt gegen eine D-Mark-Arbeitslosenunterstützung. So konnte denn auch die von mir erwartete handfeste Drohung aus Bonn für den Fall eines SPD-Sieges ausbleiben – unser gebildetes Volk wußte auch so, was sich gehört. (Bei der Kommunalwahl wird es allerdings anders aussehen. Da werden die Leute wohl mehr den sozialen Schlenker bevorzugen, damit sich ihre Mieten nicht vervielfachen usw.)

 

Wenn mir auch die Schwarzen nicht passen, sehe ich doch ohne Bitterkeit auf das Wahlergebnis, denn das Wichtigste ist wohl doch, daß überhaupt eine handlungsfähige und legitimierte Regierung entstehen wird.

 

Bei aller auch von mir im Prinzip geteilten allgemeinen Achtung vor Modrow, der das Schifflein immerhin ohne Tote und Totalverlust über die Klippen holpern ließ – ein kräftiger Happen Anarchie herrscht bei uns doch und es gibt eine gewisse Sehnsucht nach „Ruhe und Ordnung“. Man kann nur hoffen, daß sich nicht so viele Abgeordnete als Stasi-Mitarbeiter herausstellen, daß eine Neuwahl fällig wird.

 

Wer erschrocken ist, daß so etwas vorkommt, sollte sich vor Augen halten, daß jeder 50. Erwachsene so oder so bei der „Firma“ angestellt war und so müßten denn etwa 8 Stasi-Leute in der neuen Volkskammer sitzen, wenn diese – was natürlich Quatsch ist – ein getreues Abbild des Bevölkerungsdurchschnittes lieferte.

 

Da aber die Abgeordneten in der Regel auch schon vor ihrer neuen (?) Politkarriere immer mehr als (Sch)nur Durchschnittsmenschen waren…

 

Na, wir werden ja sehen. Eines sollte man aber vielleicht den Bundesbürgern erklären: Wer in unserem System das Privileg genoß, als Anwalt arbeiten zu dürfen, der mußte selbstverständlich (mindestens am Anfang seiner Karriere) als ausgesprochen systemkonform gelten, und durfte auch später nur in erlaubtem Umfang aus der Reihe tanzen.

 

Der Fall Schnur ist daher so verwunderlich nicht und wird wohl auch nicht der letzte gewesen sein.

 

Insgesamt ist die allgemeine Stimmung am besten mit „müde“ zu umreißen. Man wartet voll Hoffnung oder auch verbissen, aber in jedem Fall ergeben, auf das, was uns der dicke Helmut da so bescheren wird. Mit der deutschen Einheit scheint er es nicht mehr so eilig zu haben wie noch vor drei Tagen. Ich auch nicht, insofern ist es mir recht.

 

Freuen wir uns also auf die D-Mark. Auch hier gibt es inzwischen relativierende Aussagen, aber ich denke doch, die wenigstens wird ja wohl kommen, damit der Herr Lafontaine nicht ganz so schnell recht erhält.

 

Paula wird ab 1. Juli sowieso arbeitslos (Stand per gestern) und ich sitze bei der Post noch einigermaßen sicher, also schreckt uns auch die Wirtschaftsunion nicht, und bei der Sozialunion können wir uns nur kräftig verbessern.

 

Insgesamt glaube ich aber, daß der produzierende Bereich in viel stärkerem Maße als alle glauben, erst einmal in die Knie gehen wird – es sei denn, wir werden alle Porzellanmaler in Meißen und bei Euch gibt es genug Leute, die mit einem 5000-DM-Service frühstücken wollen.

 

Immerhin ist ja zu bedenken, daß unsere Industrie zuletzt schlechter als 4:1 verkauft hat, und selbst wenn die Löhne sich zunächst auf etwa halbem West-Niveau einpegeln (Dies entspräche übrigens der BRD-Arbeitslosenhilfe und ist insofern erstmal eine natürliche Untergrenze und auch die nur zu halten, wenn die Leute tatsächlich den Enthusiasmus aufbringen, für das gleiche Geld zur Arbeit zu gehen, das sie ein paar Kilometer weiter erhalten könnten, ohne einen Finger krumm zu machen) bleibt immer noch das Effektivitätsgefälle durch schlechte Organisation, Energieverschwendung, Konstruktionsmängeln usw. Gar nicht zu reden von veralteten Anlagen. Andererseits könnte man über den Steuerhebel einiges kompensieren und irgendwelche Kuponschneider müssen bei uns ja auch (noch) nicht mit ernährt werden.

 

Man darf also erwarten, daß es einige Zeit ziemlich wild zugehen wird, bis die Radikalkur anschlägt. Immerhin steht ja auch die Bundesrepublik mit dem Tropf bereit, falls der Patient Anstalten macht, seinen Geist aufzugeben, denn eine so große Leiche kann schließlich auch keiner verkraften.

 

Immer noch interessante Zeiten, wenn auch der Dampf so ziemlich raus ist. Vielleicht ist das ganz gut so. Die Leute besinnen sich dadurch ein wenig und die Verbissenheit läßt nach.

 

 

Dear Judy!

I’m so sorry, reading about your experiences at your first visit in our wild country. Please, come to Berlin, and all will be better! By the way: Altenberg is a GDR-famous small town in Erzgebirge, southly of Dresden, near by the Czech border. The people like it to go to Altenberg for wintersports.

 

(Ich weiß, daß mein Englisch schaurig ist, aber ich wollte wenigstens meinen guten Willen demonstrieren – wenn schon keiner mehr demonstriert hier)

 

Offenbar ist Euch der erste Kontakt mit dem real existiert habenden Sozialismus doch ein wenig in die Glieder gefahren, entnehme ich Deinem letzten Brief. Wie einem Bundi zumute ist, wenn er zu uns kommt, kann man (durch Inversion) ein wenig aus den Gesichtern unserer Leute ableiten, wenn sie aus der BRD kommen. Alle sagen, auch Westberlin sei nichts dagegen und dazu machen sie meist dieses Ach-bei-uns-ist-ja-doch-alles-Scheiße- Gesicht.

 

Na, wir sind gespannt, und zwar auf die Alltäglichkeiten wohl am meisten. Ich habe bisher zum Beispiel noch nie eine echte Westwohnung gesehen usw. Auch einige soziale Sachen interessieren uns, es gibt da furchtbar widersprüchliche und vor allem unvollständige Aussagen. Was verdienen die Leute wirklich, muß man vom Sozialhilfesatz die Miete bezahlen, wie ist das mit der Krankschreibung u.v.a.m.

 

Das Interesse ist vor allem deshalb so hoch, weil man sich einbilden kann, hier die einmalige Chance zu haben, einen „Blick in die Zukunft“ zu tun, und außerdem merkt man erst so richtig, wie wenig man über das andere System weiß, seit man es selbst besichtigen kann. Ich denke, es geht Euch ähnlich.

 

Soweit für heute, herzliche Grüße an die ganze Familie (auch von meiner Fast-Hausfrau)

 

 

PS: Wir haben uns inzwischen für Mai einen Zug ausgeguckt und die Platzkarten bestellt. Wenn es Euch recht ist, würden wir am Sonntag, dem 13.5. um 8.31 Uhr früh in Stuttgart eintreffen (mit dem Zug aus Nürnberg). Es wäre schön, wenn uns dann jemand abholen könnte. Falls ihr uns so lange aushaltet, würden wir dann am Mittwoch Abend (21.41 Uhr) wieder abrücken. Schreibt bitte, ob es bei Euch klappt.


Berlin, 02.04.90

 

Lieber Klaus!

 

Gleich zu Beginn die „technischen“ Fragen zu Deiner Post: Nach Deinem Anruf habe ich die Gelegenheit genutzt und unseren Briefwechsel erst einmal geordnet abgeheftet. Er hat inzwischen einen sehr beeindruckenden Umfang angenommen. Unser gesamtdeutsches Gemeinschaftswerk umfaßt z.Z. mehr als 100 Blatt! Ich bin stolz auf uns. Zu Deinen letzten Briefen kann ich berichten: Alle sind da! Die Briefe vom 30. Jan, 5, 10., und 20. Febr, auch einer vom 14. Febr, den Du am Telefon nicht erwähnt hattest. Aber das war’s dann auch. Im Februar jede Woche ein Brief von Dir und im März gar keiner.

 

Am Sonnabend allerdings kam er dann, Dein Brief aus Bad H. vom 8.3. – abgestempelt am 2.3.! Wenn Du die Post 2 Wochen in der Tasche trägst, brauchen wir uns ja nicht zu wundern, daß sie nicht ankommt. (Hoffentlich habe ich jetzt nicht Judy in die Pfanne gehauen.)

 

Nunmehr soll Dir also rasch auch Antwort zuteil werden.

 

Ich kann mir vorstellen, wie interessant es für Dich gewesen sein muß, einmal mit einem östlichen Amtsbruder zu sprechen, und ich meine, Du hast auch sofort den Finger auf den richtigen Punkt gelegt, denn dieser Amtsbruder ist eben nur dem Namen nach einer (gewesen) und er wird wie alle seine Kollegen hier arg daran knabbern, nunmehr auch einer der Sache nach zu werden. Unsere betroffenen Bürger werden es nicht minder schwer haben dabei. Unser „Rechtssystem“ ist ein schönes Beispiel echter Klassenjustiz. Man stößt allenthalbend darauf, wenn man sich damit befaßt – und da es kaum vernünftige anwaltliche Unterstützung bei uns gab, mußte man dies notgedrungen. Wie viele andere habe auch ich mich so unfreiwillig zum Amateur-Juristen mausern müssen, vor allem auf den Terrains des Zivil-, Arbeits-, und Patentrechts.

 

Wenn man sich eingehender mit unseren Gesetzen beschäftigt, stößt man sehr schnell darauf, daß praktisch jeder Paragraph irgendeine Klausel enthält, die der Willkür des Staates alle Möglichkeiten einräumt. Sollte diese Klausel fehlen, findet man sie ganz sicher in einem der folgenden Paragraphen. Hinzu kommen noch etliche Ungereimtheiten, bei denen überhaupt nicht klar ist, welchen Zweck sie erfüllen könnten. (Unser neues Patentrecht kennt z.B. keinen Patentinhaber, unser Zivilrecht kennt kein Pachtverhältnis usw, es ist ein einziges Wischiwaschi.)

 

So herrschte bei uns also schon immer ein „regelrechtes“ Rechtschaos, das – so komisch es auch klingt – nur dadurch überhaupt handhabbar wurde, daß im Zweifelsfalle eben immer der Grundsatz „zu Gunsten des Staates“ galt. Wenn dieser nun wegfällt – ohgottogott! Nach Übernahme des bundesdeutschen Rechtes werden sich hier für eine lange Zeit wirklich Rechtskundigen ungeheure Möglichkeiten ergeben, dieses Recht für sich zu nutzen. Stinkreich ist das mindeste, was ein einigermaßen skrupelloser „Rechts“-Pfiffikus demnächst hier werden kann.

 

Womit wir wieder mal bei der Moral wären, die sich ja wie ein roter Faden durch fast alle Deine Briefe zieht. Unsere bisherige Moral war für praktisch jedermann – ob er das nun wahrhaben wollte oder nicht – auf unserer Ideologie gegründet. Es galt als moralisch, sich unter totaler Hintanstellung persönlicher Bedürfnisse für die Gesellschaft als Ganzes einzusetzen, und es war unmoralisch, an sich zu denken. Daß das gesellschaftliche Entwicklungsziel immer nebulöser wurde und die Nomenklatura ihre Interessen schließlich für die gesamtgesellschaftlichen ausgab, ist dabei so ziemlich zweitrangig gewesen. Mehr oder weniger stark hat jeder dieses Grundprinzip akzeptiert. Es war eine spezielle Art der Gottgefälligkeit, das Gemeinwohl. Kaum jemand war beispielsweise bei uns bereit zuzugeben, er hätte irgendwie irgendwo irgendwann auf Kosten anderer gelebt. Keiner, der nicht betonte, wie fleißig er in seinem (volkseigenen) Betrieb sei, keiner, der gern zugab, einfach nur „Glück“ gehabt zu haben oder protegiert worden zu sein. Keiner, der offen irgendwelche „gesellschaftlich notwendigen“ Tätigkeiten verweigerte – und nicht nur aus Angst um das berufliche Fortkommen, denn dem berühmten „einfachen Arbeiter“ konnte bei uns in dieser Hinsicht kaum etwas passieren, aber auch der dachte sich lieber irgendwelche Ausflüchte aus, statt einfach „Nein!“ zu sagen. (Vielleicht stammen daher einerseits die vielen individuellen DDR-Nischen und andererseits die absolute Unfähigkeit der alten Führung, die reale Situation in der Bevölkerung richtig einzuschätzen.)

 

Es war (und ist) für uns deshalb auch fast unmöglich, sich eine Gesellschaftsordnung, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt, überhaupt als „moralisch“ vorzustellen. Vielleicht erinnerst Du Dich, daß ich damals nicht so recht glauben wollte, daß breite Bevölkerungsschichten bei Euch bereit sind, zu Gunsten karitativer Zwecke persönlich zu verzichten. Ich vermutete bei (größeren) Spendenaktionen im Westen immer irgendwelche religiösen Motive, oder den Versuch, irgendwie Steuern zu sparen. Dahinter steckt, daß wahrscheinlich fast jede Moralauffassung sich selbst immer gern als die alleinseligmachende sieht.

 

Nun aber stehen wir da. Immer wieder drängt sich der Vergleich mit den feudalen Strukturen vergangener Jahrhunderte auf, und so auch hier: Was machen die Mönchlein, nachdem sie nun endlich erkannt haben, daß es gar keinen Gott gibt? Sie erschießen sich, oder beginnen nachzuholen, was sie bisher vermeintlich versäumt haben.

 

Man darf es ihnen nicht allzu übel nehmen. Unsere alte Moral ist im Eimer und für eine neue sind wir nicht reich genug. Die Leute wollen D-Mark und Urlaub in Mallorca, Umweltschutz nur wenn er nichts kostet, und Ausländer höchstens im Zirkus. Wie Brecht sagt: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral.“ Gesund zu leben ist wahrscheinlich erst nach der „Freßwelle“ aktuell – und die haben wir eben noch vor uns. (Ich meine das ziemlich ernst. Unser Sohn hat sich zu seinem 9. Geburtstag am 01.04. eine Ananas gewünscht, die es dank unserer herrlichen Revolution neben anderen unbezahlbaren Obstsorten jetzt hier zu kaufen gibt – und er hat sie bekommen. Es war in seinen Augen ein durchaus gleichberechtigtes Geschenk neben der neuen Schulmappe, einer Angel, Zündplätzchen usw.)

 

Übrigens: Auch die Moral im Westen scheint derzeit ja nicht gerade auf Verzicht zu Gunsten der Brüder und Schwestern zu zielen. Man mag ja Kohl nachsagen was man will, aber er hat stets einen Instinkt dafür, was seine Schäfchen gerade hören wollen, und wenn er jetzt Anstalten macht, durch Verkauf ausschließlich der ostdeutschen Felle (die er uns gerade über die Ohren zieht), die Einheit zu finanzieren, ist das für mich ein deutliches Zeichen für die gegenwärtige allgemeine Stimmung bei Euch.

 

Nun will der kleine Bruder natürlich nicht undankbar sein. Aber Fakt ist, daß – abgesehen von dem freundlicherweise gezahlten Begrüßungsgeld – 5 Monate nach der Revolution materiell hier noch keiner besser lebt, aber viele schon schlechter, und im Westen ja wohl noch niemand auch nur eine Mark weniger im Beutel hat, oder?

 

Das heißt nicht, daß sich für uns nicht schon einiges verbessert hätte. Neben der Reisefreiheit haben wir immerhin jetzt samstags schulfrei, den Trabant gibt es ohne Anmeldung, die ersten Westwaren liegen in den Geschäften, und es ist kein Problem mehr, eine Fernsehzeitung zu abonieren. Aber das war’s dann auch schon. Alles andere ist eben nur Hoffnung. Und da bin ich dann auch bei der Übersiedlerproblematik (Du siehst, ich arbeite systematisch Deine letzten Briefe ab):

 

Die Grenzen wie Du schreibst „partiell zu schließen“ ist m.E. erstens sowieso nicht möglich und zweitens auch kein sinnvoller Weg. Es gibt nur eine Lösung: Das Kapital muß zu den Menschen und mit ihm der Wohlstand, sonst läuft es eben umgekehrt. Das gilt im übrigen natürlich nicht nur für Deutschland, sondern für die gesamte Welt – und nicht erst seit der Grenzöffnung. Diejenigen, die früher unter Einsatz ihres Lebens in den Westen flüchteten, sind in ihrer überwiegenden Mehrheit auch damals schon nicht in Richtung Freiheit, sondern in Richtung Wohlstand getürmt.

 

Nur hat der seinerzeit notwendige persönliche Einsatz die Menschen bei Euch stets so beeindruckt, daß sie nur zu leicht den hinter der Grenze abgegebenen statements geglaubt haben. (Wer hört schon gern, der arme Verwandte sei nicht wegen der netten Tante Erna, sondern nur wegen des kalten Buffets gekommen)

 

Ich habe früher hierzu gern ein Gedankenexperiment unternommen und mich gefragt: Wer wäre wohl durch die Elbe geschwommen, hätte Ballons genäht und Tunnel gegraben, wenn trotz unserer traurigen politischen Verhältnisse bei uns das bundesdeutsche Bruttosozialprodukt erzielt worden wäre, und im Westen – mit allen herrlichen Freiheiten – das unsere?

 

Was also tun? Praktikabel ist sicher zweierlei: Zum einen – und hier gehe ich in gewissem Sinne mit Deiner Grenzschließungsthese mit – muß man dafür sorgen, daß unsere Leute im Westen nicht als Lohndrücker auftreten können. Hier sollte doch der DGB Manns genug sein, dies ab einer bestimmten Größenordnung zu verhindern. Den Rest erledigt dann der begrenzte Arbeitsmarkt von selbst. Ebenso darf man natürlich nicht diese – schon immer – unsinnigen „Eingliederungshilfen“ gewähren. Bei uns hat niemand dafür Verständnis und im Hinblick auf das weiter oben gesagte, bin ich im übrigen schon immer der Auffassung gewesen, daß es sich hier ausschließlich um gezielte Maßnahmen zur Schwächung der DDR gehandelt hat, die nunmehr endgültig absurd sind. Sie wären auch früher schon nur bei den (nach meiner Schätzung) 4 bis 5% wirklich Verfolgten gerechtfertigt gewesen. (Wer im Gefängnis war weil er in den Westen wollte ist in diesem Sinne für mich kein Verfolgter, wenn er dies vorhatte, um seine Lebensbedingungen zu verbessern).

 

Und zweitens wird der Bundesrepublik nichts anderes übrigbleiben, als endlich spürbare Verbesserungen IN der DDR einzuleiten. Die Leute hier wollen ja nicht unbedingt gleich auf das Niveau bundesdeutscher Einkommen springen, aber sie müssen natürlich spüren, daß es endlich auch mit ihrem Lebensniveau vorangeht, und zwar stetig und unaufhaltsam. Wenn die Bundesregierung den headtrick schaffen sollte, dies ohne Griff in Eure Taschen zu tun, freut mich das natürlich für Euch. Aber ich glaube nicht daran.

 

Noch eine letzte Bemerkung zu „Kapital zu den Menschen“: Natürlich ist das Quatsch mit den 49%. Aber es ist auch ein wenig verständlich, wenn man bedenkt, daß „Kapital“ bei uns 40 Jahre lang als Synonym für Bosheit schlechthin galt. Das Problem erledigt sich demnächst sicher von selbst. Es ist z.Z. für niemanden hier zu begreifen, wo denn bei höheren Beteiligungen der Haken liegen sollte. Unsere (alten) Betriebsleiter – einmal losgelassen – agieren wie die schlimmsten Frühkapitalisten und insofern sehe ich einer höheren Westbeteiligung sehr gelassen entgegen und lediglich die Gefahr, daß die alten Herren ihre/unsere (!) Betriebe zu billig verramschen, um selbst möglichst ungeschoren davonzukommen. Aber das Thema Moral hatten wir ja schon.

 

So, daß soll es für diesmal gewesen sein. Ich lege noch ein „Werk“ bei, daß ich für die Aktion von Bertelsmann geschrieben habe. Du siehst, ich kann es nicht lassen, meinen „schriftstellerischen Durchbruch“ zu erzwingen. Es ist ein wenig geschwollen und hier und da konfus, drückt aber, wie ich meine, gerade auch deshalb so ungefähr mein derzeit reichlich verwirrtes Innenleben aus.

 

Viele Grüße an Judy und die Kinder

 

Dein Frank

 

PS: Wie war ich am Telefon? Ging’s? Seid nicht böse, falls nicht.

 

 


Stuttgart, 8.4.90

Lieber Frank,

das (zur Zeit) Beindruckendste an Eurer Revolution ist die Tatsache, daß die Lieferfrist des Trabbi binnen weniger Monate von 15 Jahren auf Null gefallen ist. Da kannst Du einmal sehen, wie „leistungsfähig“ der Kapitalismus ist – oder eigentlich: wie weit sich der Sozialismus (der DDR) von der (wirtschaftlichen) Wirklichkeit entfernt hatte. Die ganze Verdrehtheit dieses Systems zeigt sich darin, daß es in ihm gelingen konnte, eine Antiware wie diesen Trabbi zu einem der begehrtesten Wirtschaftsgüter hoch zu stilisieren. Schon die Hartnäckigkeit, mit der er seine äußere Form gegen alle Gepflogenheiten eines Marktes (zugegeben der Eitelkeiten) verteidigte (von der Technik ganz zu schweigen), macht ihn zu einem Unikum der Wirtschaftsgeschichte (eine vergleichbare Traditionspflege gibt es, Extreme berühren sich, nur noch in der Modellpolitik von Rolls-Royce; aber der Vergleich hinkt „ein wenig“).

Dieses hartnäckige Festhalten an unhaltbaren Ergebnissen ist für mich überhaupt das wirklich Eindrucksvolle (= Bedenkliche) am Sozialismus (der DDR). Über politische und ökonomische Theorien kann man trefflich streiten – über Ergebnisse nur noch in begrenztem Maße. Man könnte bereits darüber ins Grübeln kommen, daß das Ergebnis – normalerweise Notregler des kybernetischen Systems Gesellschaft – hier nicht korrigierend wirksam wurde, insbesondere nachdem dem diese Sicherung zuvor schon einmal durchgebrannt war. (Das fällt mir im Augenblick ein, wenn ich an Deutschland denke: die Frage, wie es um die politische Normalität der Deutschen bestellt ist.). Wirklich bedenklich wird es aber, wenn misslungene Ergebnisse nicht nur er(ge)duldet, sondern auch noch mit einem aberwitzigen Aufwand verteidigt werden (ich denke da vor allem an die Innenverteidigung à la Stasi), ein Aufwand, dessen Umfang für sich allein schon ein Indiz für die Schwäche des verteidigten Ergebnisses hätte sein müssen, ganz davon abgesehen, daß es durch diese Verteidigung, die alle Merkmale einer Belagerung trug, noch kräftig verschlechtert wurde – nicht nur ökonomisch, weil sie reichlich teuer war, sondern vor allem durch die Vergiftung der gesellschaftlichen Beziehungen, womit eben das untergraben wurde, was es eigentlich zu verteidigen galt. Gegen diesen gesellschaftlichen Murks ist der Trabbi geradezu ein Produkt politökonomischer Vernunft. Immerhin wurde man nicht bestraft, wenn man ihn nicht kaufte.

Aber zurück zum Beindruckendsten an Eurer Revolution. Nachdem Du mich unter dieser Überschrift bereits zwei Mal auf das Erwachen meiner Schreibwut angesprochen hast, will ich mich nun doch über mein Schweigen vor dieser Revolution äußern. Wenn Wut die Folge eines inneren Staus ist, dann trifft Dein Wort von der Schreibwut den Sachverhalt nicht schlecht. Vor Eurer Revolution litt ich am inneren Schreibstau und zwar aus zwei Gründen. Zum einen war da die bereits erwähnte Vergiftung der gesellschaftlichen Beziehungen durch die Stasi – sie wirkte auch zwischen den Gesellschaften. Zwar wußte ich früher noch nichts von dem absurden Umfang ihrer Aktivitäten. Aber irgendwie hatte ich immer die Befürchtung, eine Korrespondenz könnte Weiterungen nach sich ziehen, sei es, daß man Euch unter Druck setzen würde, uns anzuzapfen, sei es, daß man durch die Überwachung des Briefverkehrs auf uns aufmerksam würde und uns auf andere Weise anginge. Nach Allem, was man jetzt über das Gesellschaftsmonster erfahren hat, lag ich mit meinen Ahnungen gar nicht so falsch und womöglich habe ich durch meine Ungeselligkeit auch Euch einige Probleme erspart. Und dann wußte man – trotz entgegenstehenden Gefühls – nicht einmal, ob man Eurer Person sicher sein konnte. Man hatte immer wieder davon gehört, daß der Stasi bei Bedarf auch Gefühle nutzte. Und so beginnt man, seine spontanen Eindrücke in Zweifel zu ziehen – das eben ist ja die Vergiftung, die solche Institutionen erzeugen. Es ist wie in jenem Agentenfilm, den ich kürzlich gesehen habe: Ein Ostagent verliebt sich ihm Rahmen eines Auftrages in eine Westagentin. Er beschwört die Reinheit seiner Gefühle und legt tausend Proben seiner Lauterkeit ab. Sein ganzes Wesen strahlt Wahrhaftigkeit aus, aber der Zuschauer glaubt ihm kein Wort. All dies könnte das besonders gekonnte Handwerk eines Agenten sein! Tatsächlich ist er aber wirklich ehrlich der Film zieht seine ganze Spannung daraus, dass man die Zweifel gegen die Handlung bis zum happy end behält; ein geübter Filmkonsument hätte freilich den Braten riechen können – der Ostagent wurde nämlich von Omar Sharif gespielt, und dessen Liebesschwüre sind immer echt, aber – Vertrackheit – der Regisseur könnte mit diesen Erwartungen gerechnet haben) . Das sind die Abwege der Phantasie in einer Stasigesellschaft und man kann sich nur fragen, welch‘ merkwürdige Phantasie diejenigen hatten, die sich diesen gesellschaftlichen Unsinn ausgedacht haben.

Trotz dieser Befürchtungen habe ich mich doch ein paar Mal hingesetzt und Briefe an Euch angefangen – kräftig angetrieben durch Judi, die mich durch deren wiederholte Ankündigungen anlässlich der Übersendung von Paketen in Zugzwang versetzte. Aber dabei stellte sich eine weitere Schwierigkeit ein. Wenn ich von dem schrieb, was hier so alles passiert ist – meist berichtet man ja über irgendwelche herausragende Ereignisse, wie Urlaube, besondere Aktivitäten etc. – erschien mir dies bei nochmaligem Durchlesen ziemlich unpassend. Die Gespräche, die wir in Ungarn geführt hatten, hatten uns nur zu deutlich gemacht, welche Diskrepanz im Lebensstil zwischen Ost und West herrschte und daß ihr Euch dessen gar nicht so recht bewusst ward. Ich hatte das Gefühl, daß ich mit allem, was ich in der Nachfolge einer solchen Urlaubsbekanntschaft mitteilte, immer wieder diese Diskrepanz herausstellte. Schon in Ungarn gab es eine Bemerkung, die uns ziemlich unter die Haut ging. Bei der Besichtigung unseres Wohnmobils sagtest Du, daß so etwas für Euch erst im nächsten Leben möglich sein werde (ein Glück, es hat schon jetzt angefangen). Das gleiche Problem bestand auch beim politischen Gedankenaustausch. Abgesehen davon, daß es nicht ungefährlich war, sah ich kaum einen Sinn darin, Probleme zu artikulieren, für die es keine Lösung zu geben schien. Also blieben die Briefe in der Schublade und ich schob die Sache mit einem permanenten schlechten Gewissen vor mich her – bis zu eben jenem 4. November, an dem die „Wut“ durchbrach. Es ist kein Zufall, daß unsere Korrespondenz an diesem Tag beginnt. An diesem Tag endet bei Euch und bei mir die Sprachlosigkeit.

So und jetzt kannst Du zwischen einem sofort abgeschickten Brief ohne die schon lange angekündigte Antwort auf Deinen Grundsatzbrief vom 15.2. und eben jener Antwort plus einem weiteren Herumtragen des Briefes „in meiner Tasche“ wählen. Nicht dass Du etwa meinst, ich sei angesichts Deiner Anhänglichkeit an Marx’sche Begriffsschemata wieder in Sprachlosigkeit verfallen. Ich brauche auch keine Wut für einen Durchbruch, sondern schlicht und einfach ein wenig Zeit, um auf große Gedanken eine kleine Antwort zu formulieren. Immerhin habe ich keine so praktisch vorgefertigte Begriffsreihe wie Du, in die ich alles so geschickt einbetten kann.

Also Du siehst, daß ich die Entscheidung für Dich bereits getroffen habe: ich schicke den Brief sofort ab.

Anbei noch ein Aufsatz von Prof. Zöllner, einem meiner juristischen Lehrer über den Stand des Arbeitsrechtes in der Bundesrepublik, für den Hobbyjuristen.

Gruß

Klaus


Rübehorst Sa. 14.4.90

 

Lieber Klaus

 

herzliche Ostergrüße aus Rübenhorst. Wir sind über die Feiertage auf die Ranch der Schwiegereltern gefahren und hören uns ein wenig um, wie denn so die Stimmung auf dem Lande ist. Rübehorst ist ein Dorf mit 150 Seelen, Poststelle, Kosum-Verkaufsstelle (stundenweise geöffnet, Brot Milch, und Wurst nur auf Bestellung), Kneipe (häufig geöffnet) Kriegerdenkmal, Wartehäuschen für den Schulbus, eine gepflasterte Strasse (Kopfsteine – wie romantisch, aber immerhin 4 Straßenlaternen) – und Schluß. Außer dem morgentlichen Schulbus gibt es keinen public traffic, die nächste Bahnstation ist 3 km entfernt. Von dort kann man mit der „Brandenburgischen Städtebahn“ in die Kreisstadt Rathenow. Dort gibt es sogar eine (!) Ampelkreuzung – ein Muß für alle Fahrschüler in 20 km Umkreis. Die Gegend ist erst von vom alten Alten Fritzen besiedelt worden und war bis nach dem Krieg sehr sumpfig. Das sog. R ?Rhinluch gehört zum Rückstandsgebiet der Havel. Früher standen hier im Frühjahr die Wiesen bis an die Dorfränder regelmäßig unter Wasser. Inzwischen hat die Melioriation viel verbessert. Ein umfangreiches System von Gräben und Pumpwerken sorgt für einen vernünftigen Wasserhaushalt, so dass viele Wiesen in ein ertragreiches Ackerland umgewandelt werden konnten. Die Leute leben hier praktisch alle von der Landwirtschaft. Die Arbeit bei der LPG brachte ein erträgliches Einkommen, wer außerdem noch privat Vieh hielt, konnte reich werden. Die aufgekauften Schweine wurden subventioniert, man fütterte sie mit subventioniertem Brot und Kartoffeln und brauchte sich um die Effektivität damit keine Gedanken zu machen, es bleib blieb fast zwangsläufig ein Gewinn.

 

Da es andererseits wenig Möglichkeiten gibt, sein Geld auszugeben, (meine Schwiegereltern haben z.B. noch nie (!) eine gemeinsame Urlaubsreise in ihrer 40-jährigen Ehe unternommen – nicht mal innerhalb der DDR) haben die Bäuerlein hier fast alle dicke Konten, jedenfalls die, welche ihr Geld nicht versaufen (die Kneipe in diesem winzigen Kaff ist nicht umsonst rentablel). Kein Wunder also, dass auf dem Lande praktisch alles Kohl und die D-Mark gewählt hat. Etlichen scheint es allerdings wieder leid zu tun. Die Bauern- Demos vorige Woche sind in gewissem Sinne symptomatisch. Man ist hier jahrzehntelang gewöhnt, als vom Staat gehätschelte Monopolerzeuger zu arbeiten, die Probleme der miesen Effektivität sind riesig und so liegt es nahe, lieber wieder nach dem Staat zu schreien, als sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.

 

Der Katzenjammer ist ziemlich groß. Die diesjährige Ernte wird wohl in jedem Fall schon für D-Mark verkauft werden und damit ist klar, dass sich die Getreidepreise mindestens halbieren werden, egal zu welchem Kurs die formale Umstellung erfolgt. Völlig neu ist das Gefühl, keinen gesicherten Absatz mehr zu haben. Seit Milch, Eier und Fleisch von G. Mittag nicht mehr für ein Butterbrot Richtung Westen verramscht werden, haben wir plötzlich einen Eier- und Butterberg , natürlich (?) ohne dass der Handel daran dächte, die Preise herunter zu setzen, oder unserer Milch endlich Mal mehr als die vor 10 Jahren festsetzten festgesetzten 2,2 % Fett zu gönnen. (Bei der Butter ist es ähnlich. Es gibt Sorten, die sind weiß, wie dieses Blatt. Ein alter Witz besagt, das neue „Delikat“-Butter in den Handel kommen soll, mit einem Plastehahn als Zubehör, um das Wasser abzulassen.)

 

Also, die Pferdekur für unsere Wirtschaft ist der schnellste, aber auf dem Lande ein recht harter Weg. Etwa die Hälfte der Beschäftigten wird aus der Landwirtschaft heraus müssen, um die verfügbaren Flächen effektiv zu bewirtschaften (In Gegenden mit extrem leichten Böden, wie in der Uckermark – nichts als Sand !- wird überhaupt keine Landwirtschaft mehr möglich sein) Damit verbunden kippen auch andere Branchen. Paulas Schwester und ihr Mann, die hier leben, werden ebenfalls zum Jahresende entlassen. Sie sind beide Veterinäringenieure (den Beruf gibt es im Westen nicht, eine Art Tierarzt – Assistent) und durch die abzubauenden Tierbestände sind gerade ausreichend Jobs für die Tierärzte selbst übrig.

 

Notwendig wäre also, neue Firmen hierher zu ziehen, aber die unfähigen Verwaltungen stellen sich dabei geradezu herzzereißend dämlich an. In der Nähe gibt es z.B. eine relativ moderne Lagerhalle. Statt sie als Grundstück für einen möglichst personalintensiven Investor anzubieten, wird sie als reines Lager vermietet und bringt Arbeit und Brot nur für einen Gabelstaplerfahrer und zwei Pförtner…

 

Man kann also insgesamt nur hoffen, dass man bei uns in wunderbarerweise Weise und in Windeseile lernt, zu wirtschaften und dass das berühmte soziale Netz zu einem recht frühen Zeitpunkt geknüpft wird und einigermaßen hält, sonst würde ich mich nicht wundern, wenn die CDU-Wähler des 18. März am 7. Oktober ihren „alten Kaiser wiederhaben“ wollen.

 

Interessant ist, wie auch bei uns die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten jeder Revolution immer wieder durchbrechen: Angeschoben von einigen Intellektuellen, zu deren Entsetzen von den Massen weitergetragen, und ausgenutzt schließlich von den Anfang anfangs Unbeteiligen. Wie im Bilderbuch!

 

Dennoch: Gut, dass das Alte hinweggefegt wurde. Die Illusion aller Beteiligten besteht aber wohl gerade darin, zu glauben, man könnte sich nur genau der alten Systemteile entledigen, die einen selbst bedrückt haben, und jene erhalten, die nur andere bedrückten.

 

Unsere Künstler wollten die künstlerische Freiheit, aber natürlich auch die alten Privilegien, unsere Arbeiter wollten die Löhne der Marktwirtschaft, aber Honeckers Arbeitsmarkt, unsere Käufer wollten das Angebot des KaDeWe, aber die Preise des Konsum, die Partei wollte den Sturz Honeckers, aber nicht den des Sozialismus, und und und.

 

Alle habe so oder so – und Gott sei Dank – am alten gesägt und sehen nun erschrocken, dass auch andere an anderer Stelle mittaten und so nicht die erhoffte gezielte Demontage, sondern der lärmende Zusammenbruch erreicht ist.

 

Zwar nicht aktiv, aber dennoch als mittelbar Beteiligte scheinen auch die Leute im Westen recht erschrocken. „Mauer weg“ und „Deutschland, einig Vaterland“ – au fein! Aber Trabbimief und Lastenausgleich – um Gottes Willen!. Deutsche Einheit, am besten gleich mit Schlesien – aber bitte zum Nulltarif. Bei uns stand in der Zeitung, eine Meinungsumfrage hätte ergeben, mehr als 2/3 der Bundesbürger lehnen eine 1:1 Währungsunion ab, jeder vierte von denen meint sogar, 7:1 würde für uns genügen. Ich denke dass können nur die Rechenunfähigen und Vollidioten sein. Also meint jemand ernsthaft, 200 bis 300 DM pro Familie wäre für uns doofe Zonis gut genug. „Wir sind ein Volk!“, na ich danke. Dann schon lieber eine Föderation mit Tscheschen und Ungarn als mit Bayern und Niedersachsen. Aber ich will sachlich bleiben.

 

Viele Viel wird in der Zukunft davon abhängen, ob die DDR tatsächlich in das Neue Deutschland „etwas einbringen“ kann. Was das sein könnte, ist eine geradezu ängstliche Frage unserer zahlreichen Reporter bei allen möglichen Anlässen. Die Antworten sind meist recht hilflos oder onkelhaft westlich. Wie es scheint sind die Tugenden des Verzichts und die Solidarität der Ärmlichen nicht so recht brauchbar für unsere rosige Zukunft. Das Kernproblem ist wohl dabei, dass unsere tatsächlich vorhandenen sozialistischen Ansätze bei der „Umkehr in die Zukunft“ nicht so recht brauchbar [1] sind, bzw. stören. Die strapazierte Frage, was die DDR denn außer 15 Millionen Menschen und Rübehorster Kopfsteinpflaster in die 4. Republik einbringen wird, ist aus heutiger Sicht mit einem klaren: Nichts ! zu beantworten – es sei denn, die Vereinigung bewirkte einen gesamtdeutschen Linksrutsch. Dafür stehen die Zeichen hier inzwischen (oder zwischenzeitlich?) gar nicht mehr so schlecht. Ich glaube, die Kommunalwahl in 3 Wochen wird dies deutlich machen. Es ist eben doch etwas anderes als Übersiedler mit dem entsprechenden Wind aus der Bundeskasse neu zu starten, oder mit dem ganzen Land in die BRD zu türmen. Unsere „so-wahr-mit-Gott-helfe“ Minister werden es schwer haben, die nötige Aufbruchstimmung unter der Fahne der Eigeninitiative zu erzeugen. Die Leute sind 60 Jahre lang an der Hand geführt worden und sollen nun aus eigener Kraft plötzlich das Richtige tun, sich in einer neuen Welt zurechtfinden – und dabei viel mehr allein gelassen als das berühmte Drittel bei Euch? . Wie soll das gehen? Der Vertrauensvorschuß auf den CDU-Geldsack ist jedenfalls aufgebraucht. Der Souverän sitzt zu Hause, schmollt und plärrt. Eine weitere Krise der Revolution kündigt sich an. Das Volk hat den König verjagt und will jetzt das billige Brot sehen. Wer es ihm zeigt, dem wird des folgen. Die Schwarzen haben den Bogen offensichtlich überspannt. Man wollte die Konkursmasse so billig wie möglich übernehmen und da kam Angst und Verunsicherung bei den Massen gerade recht. Nun will hier keiner begreifen, weshalb er jetzt schlechter leben soll als unter der verjagten Bonzokratie?.- Kohl sitzt jetzt in dem Dilemma, einen schönen Happen Großdeutschland dazu gekauft zu haben – was ihm viel Beifall eingebracht hat – aber er traut sich nicht der Verwandtschaft den Preis zu nennen (Vielleicht hat er deshalb bisher nicht danach gefragt), geschweige denn, ihn zu bezahlen. Und ein Kauf war es allemal. Auch die Völker sind käuflich. Warum sollte unseres da besser sein. Bevor er im Dezember alles meschugge gemacht hat mit seinen Parolen vom „bundesdeutschen Lebensniveau in Fünf fünf Jahren“ lief bei uns ja noch alles „planmäßig und (halbwegs) proportional“ – soweit das in einer Revolution eben möglich ist. Nun sind 10% der 5 Jahre um und zur Bundestagswahl werden es 20 % sein und selbstverständlich soll der Wähler bis dahin noch nicht zur Kasse gebeten sein. Schade, dass wir noch nicht mitwählen…

 

Die Intellektuellen sind auch jetzt ihrer Zeit wieder mal voraus – sie haben mehrheitlich die Nase bereits voll von der gegenwärtigen Entwicklung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie als erste bluten müssen. Sie stellen das Gros der ersten Arbeitslosen. Die Bauern werden folgen und damit fallen die ersten CDU-Hochburgen erst einmal wieder zusammen. Nun waren sie pfiffig genug, sie die SPD mit in die Verantwortung einzubinden (in die war dumm genug, zuzugreifen). Ein besseres Geschenk hätte man unter diesen Bedingungen der linken Opposition (mit der altneuen PDS) gar nicht machen können. Die brauchen jetzt nur noch schön laut auf die alten „Errungenschaften“ zu verweisen und wenn es ihnen dann noch gelingt, die alten Stalinisten weiter im Hintergrund zu halten, ist ihnen der Zulauf fast gewiß. Was wir dann in unser gemeinsames Deutschland einbringen, wird eine starke – bundesweite – PDS sein, die nur einen Schönheitsfehler hat, nämlich den, nicht durch eine saubere Spaltung aus der alten SED hervorgegangen zu sein, sondern dieses Erneuerungswischiwaschi zur Rettung der „Einheit der Arbeiterklasse“ und der Parteikasse. Für die 5% -Hürde einer 91-er Bundestagswahl ist sie jedenfalls allemal profiliert genug, und so sehen ich dann höchstinteressante Mehrheitsverhältnisse am Horizont des Reichstages und auch andere werden sie sehen. Kohl überlegt wahrscheinlich derzeit fieberhaft, wie er uns etwas zustecken kann, ohne Euch etwas wegzunehmen. Ich wünsche ihm viel Erfolg dabei, aber trotz der traditionell guten Kontakte der CDU nach OBEN werden sich Wunderdinge wohl nicht so leicht bewerkstelligen lassen. Einige reale Möglichkeiten gibt es dennoch: Rüstung, Übersiedlungshilfe, Mehreinnahmen durch die Konjunktur, vorsichtiger Abbau der öffentlichen Investitionen, höhere Neuverschuldung. Vielleicht reicht es für die „Anschub – Finanzierung“. Das wäre dann schön für unsere Kasse und schlecht für den Linksruck. Scheiß- Geld.

 

Wie man leicht sieht, ist das mein Denkgebäude noch immer nicht wieder klar und geschlossen, aber ich denke, Du verstehst das ein wenig. Viele Grüsse an Judi und die Kinder (wir freuen uns schon auf den Mai). Bis bald

 

Dein Frank


Stuttgart, 22.4.90

Lieber Frank,

während ich noch immer über der Antwort auf Deinen Brief vom 15.2. brüte, kommt Dein „Landschaftsgemälde“ aus Rübehorst. Ich will daher aus der „Höhe“ fundamenaler Erwägungen, in die ich mich z.Zt. verstiegen habe, doch erst einmal wieder zu den Tagesereignissen zurückkehren, damit ich den Anschluss an Deine diversen Briefe nicht vollständig verliere. Sie kommt noch, die grundsätzliche Auseinandersetzung. Aber da man sich in den Höhen, in denen sie stattfindet, ohnehin im Zeitlosen (wahrscheinlich auch im Nutzlosen) befindet, kommt es auf ein paar weitere „Tage“ nun auch nicht mehr an. Daher zunächst einmal wieder zum lieben Geld.

Die „Unbefangenheit“, mit der bei Euch jetzt der Umtausch von 1:1 gefordert wird, ist für mich in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Ich habe bislang wenig dazu gehört, wie man die negativen Aspekte eines solchen Umtauschkurses verarbeiten will. Schließlich werden bei 1:1 auch die Schulden in diesem „günstigen“ Verhältnis umgestellt. Flott haben einige Hobbyökonomen denn gleich gefordert, man solle doch im Zuge des allgemeinen Aufwaschs gleich auch die Schulden erlassen. Denn viele Betriebe könnten diese ohnehin nicht in DM bezahlen. Schön gedacht und wahrhaft christlich (oder sozialistisch?). Ungeschickterweise sind die Schulden (der Betriebe) zugleich die Guthaben der Sparer (bei der ausleihenden Bank). Und unter dieser Bezeichnung sollen eben dieselben christlicherweise (oder soll ich sagen sozialistischerweise?) natürlich wieder erhalten werden. Das Ganze läuft also auf die Quadratur des Kreises hinaus – es sei denn die Rechnung wird mit einem ziemlich reichen Onkel gemacht, der den Sparern ihre Guthaben garantiert. Aber das mit den Onkeln hat so seine Tücken. Meist sind sie nicht so reich, wie man sich das vorstellt. Oder es stellt sich, wenn es ums Zahlen geht, heraus, daß es sich bei dem Onkel um einen doch eher entfernten Verwandten handelt. Und dann hat der auch noch eigene Kinder, denen er in der Vergangenheit immer vorgejammert hat, wie arm er sei und die sich jetzt natürlich wundern würden, wenn plötzlich so viel Geld für die Verwandtschaft da sein soll. Überhaupt weiß ich nicht, ob das mit den Onkeln so sinnvoll ist. Man kann sich an solche Onkel ganz schön gewöhnen und das ist weder für die Psyche noch für die Leistungsbereitschaft sehr gesund. Es kann daher m.E. nur darum gehen, Strukturen zu schaffen, die einen reichen Onkel möglichst schnell überflüssig machen (wozu sicher eine gewisse Anschubfinanzierung gehört). Nach dem, was man von Ökonomen so hört, ist dies bei einem Umtauschkurs von 1:1 nicht gewährleistet, weil damit die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Wirtschaft zweifelhaft ist. (Wenn Oskar Lafontaine diesen Kurs jetzt einfordert, ist das eine ziemliche Demagogie. Sein Verhalten erinnert mich an jenen Ehemann, der seine Frau in flagranti erwischt hat, den Revolver zieht und den Ertappten befiehlt: weitermachen!). Der Umstellungskurs hat, folgt man wiederum jenen Ökonomen, offenbar auf ganz andere Weise mit den Löhnen zu tun, als man bei Euch annimmt, insbesondere kann nicht davon die Rede sein, die Löhne zu halbieren oder gar auf „200 – 300“ DM zu reduzieren. In dieser Befürchtung steckt mir sowieso reichlich viel Klassenkampf und Konspirationstheorie. Sie beruht im übrigen auf einer Einschätzung der Rolle der Gewerkschaften als bloßem Reisebüro, wie sie bei Euch existierte. Hier reden sie ein gewichtiges Wörtchen mit bei der Lohnbemessung. Wenn es auch zu glauben schwer fällt: Im „Kapitalismus“ denkt man tatsächlich auch an die Menschen und nicht nur ans Geld – übrigens, falls Dir der von mir postulierte (induktive) Moralüberschuß eine zu schwache Garantie hierfür sein sollte, auch aus „guten“ Gründen, nämlich einem gesunden Eigennutz; bei den Politikern, weil sie wieder gewählt werden wollen und bei den Ökonomen, weil sie stabile Verhältnisse brauchen. Der wegen seines scheinbar harten Gutachtens so arg gescholtene Bundesbankpräsident Pöhl, immerhin ein Sozialdemokrat, hat m.E. die ökonomischen Zusammenhänge ziemlich plausibel gemacht. Ich weiß nicht, ob Eure Pfarrer, von Haus aus ja nicht gerade Spezialisten fürs Greifbare, dem folgen können (oder wollen). Ost-SPD- fraktionsvorsitzender Pfarrer Schröder machte jedenfalls bei einer kürzlichen Fernsehdiskussion mit dem brillanten Bundesbankpräsidenten einen eher unbeholfenen Eindruck. Er brachte immer etwas von Volkspsychologie hervor (das ist sein Metier), was jedoch eine etwas schmale Basis für ökonomische Grundentscheidungen ist. Es liegt ja nahe, daß die Pfarrer, alter Gewohnheit folgend, den Segen lieber von oben erflehen, als auf die Schaffung wirtschaftlicher Werte auf der niederen Ebene der Wirtschaftssubjekte zu warten. Da aber liegt der Knackpunkt. Die wirtschaftlichen Werte müssen selbst geschaffen und können nicht herbeiadministriert werden. In der Marktwirtschaft aber sind sie dazu noch eine ziemlich relative Angelegenheit. Sie sind praktisch nur durch ihre Bewährung auf dem Markt existent. Der Ruf nach dem Onkel oder der Bundesregierung nützt daher nur wenig. Regierungen können in diesem Geschäft nur Rahmenbedingungen, nicht aber die wirtschaftlichen Werte schaffen.

Überhaupt Eure Pfarrer! Sie sind ein merkwürdiges Ergebnis Eurer bürgerlichen Revolution. Die französische Revolution hat sie weggefegt, bei Euch werden sie hochgespült. Theologen als Erben des Atheismus! Hoffentlich liegt darin nicht die oben genannte Logik des gemeinsamen Glaubens an den Segen von oben. Aber die Pfarrer sind nicht zuletzt auch für die wohltuenden neuen Töne in der Politik verantwortlich, die man aus Euren Landen hört und die letztere geradezu sympathisch machen könnte. Es fehlt an jener auftrumpfenden Arroganz und Besitzerattitude, die hier üblich geworden ist, dieser Wichtigtuerei und Anmaßung, bei der man geradezu ein schlechtes Gewissen bekommt (wohl auch bekommen soll), wenn man die Herrscher daran erinnert, daß sie Beauftragte des Volkes sind (wie Du siehst, habe ich entschieden etwas gegen Dauerberufspolitiker, die im Laufe der Zeit ihre eigenen Interessen und ihren Auftrag durcheinanderbringen dazu mehr in dem beiliegen Aufsatz von Holzer). Ob die z.T. so sympathische Erscheinungsform Eurer Politiker so bleiben wird, ist zu bezweifeln. Vermutlich ist es nur der Mangel an Professionalität, der sie so menschlich macht.

Und da ist natürlich ein Pfarrer, der mir besonders zusagt. Ein Pfarrer als Verteidigungsminister ist allein schon eine glänzende Kombination (jedenfalls seit die waffensegnenden Popen in unseren Breiten am Aussterben sind). Noch besser gefällt mir, dass er Wehrdienstverweigerer ist. Das ist Zukunftsmusik.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel des neuen Revolutionstypus ist für mich übrigens Vaclav Havel. Er ist schon auf Grund seiner Biographie und seines Werkes eine Rarität an der Spitze eines Staates. Seine noble und im ganz praktischen Sinne „vernünftige“ Einstellung zu Deutschland und seiner Vergangenheit hat die Krämerseelen einiger sich in unseren Angelegenheiten sehr wichtig vorkommender „Staatsmänner“ (einschließlich eines solchen weiblichen Geschlechts) sehr plastisch werden lassen. Die Herren Mitterand und Masowiecki sehen da mit ihrer trotzigen Achsenbildung aus der politischen Mottenkiste ziemlich kleinkariert aus, von der Lady jenseits des Ärmelkanals mit „ihren“ Atomraketen in Deutschland ganz zu schweigen (ausnehmen muß ich ausdrücklich den „Indianerhäuptling“, der eine Friedenspfeife – jedenfalls mit uns – zu rauchen weiß.). Nur eines kann ich dem ansonsten so erfrischend unkonventionellen Havel nicht verzeihen, dass es ihm nicht gelungen ist, das unsägliche militärische Zeremoniell bei Staatsempfängen abzuschaffen (offenbar wollte er es abschaffen). Selbst den Papst hat er diese Tage damit „konfrontiert“. Wenn es einem derart eingefleischten Zivilisten nicht gelingt, klarzumachen, dass dieses Brimborium für einen zivilen Staat unpassend ist, wem sollte es dann gelingen. Oder sollte es doch passen?

24.4. Mittlerweile liegt das Umtauschangebot aus Bonn vor. Onkel Kohl hat die Spendierhosen angezogen und es allen recht gemacht. Hoffentlich hat er auch alle Rechnungen gemacht und ist nicht nur seinem Hang zum Populismus erlegen. Die hiesigen Befürchtungen, er könne sich übernommen haben, werden aber immerhin gemildert durch die Erleichterung darüber, daß Eure Anwälte und Pfarrer die Annahme dieses „größte Geschenks der Wirtschaftsgeschichte“ wohlwollend prüfen wollen, obwohl es für Pfarrer Schröder nur ein „Happen“ ist (die Kirche hatte schon immer einen etwas größeren Magen). Ich habe gegen ein „Übernehmen“ gar nicht so viel einzuwenden. Da die Steuern nicht erhöht werden sollen, wird man sparen müssen und ernsthaft Luft ist eigentlich nur im Militärhaushalt. So könnte die Vereinigung unserer Länder zum Motor der Abrüstung werden.

Gruss

Klaus

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