Archiv der Kategorie: Aphorismus

Ein- und Ausfälle – Zur geistigen Überlastung moderner Architekten

Wenn man davon ausgeht, dass das Zurückführen der prinzipiell uferlosen Produktivität des Geistes auf handhabbare Größen, womit sich der Mensch nach Luhmann in erster Linie beschäftigt (er nennt es die Reduktion der Komplexität), im Wesentlichen kompensatorischer Natur ist, dann müssen die meisten modernen Architekten kurz vor der geistigen Überlastung stehen. Ihr Hang zur extremen Reduktion der Formen zeigt ein überwältigendes Bedürfnis danach, sich die Dinge zu vereinfachen.

Ein- und Ausfälle – Kann man dem Schicksal aus dem Weg gehen?

Wer die Zukunft wissen will, um ihr aus dem Weg gehen zu können, geht davon aus, dass sie nicht feststehe. Damit stellt er die Möglichkeit in Frage, etwas über die Zukunft zu erfahren.

Ein- und Ausfälle – Die Mächtigen und ihre Anhänger

Wer sich einem Mächtigen anschließt, glaubt, er werde dadurch ebenfalls stark. Er übersieht dabei, dass die Stärke der Mächtigen meist in der Schwäche derer besteht, die sich ihm anschließen.

Ein- und Ausfälle – Alles nur ein Vermittlungsproblem?

Im Medienzeitalter sieht man überall Vermittlungsprobleme (z.B. wenn ein avantgardistisches Konzert keine oder ratlose Hörer hat). Als wenn es nicht auch originären Unsinn gäbe.

Ein- und Ausfälle – Nichts als (die) Wahrheit

Lessing sagte, wenn Gott ihn wählen ließe zwischen dem Besitz der reinen Wahrheit und dem immer regen Trieb nach Wahrheit mit der Möglichkeit, sich immer und ewig zu irren, würde er sich für letzteren entscheiden (weil die reine Wahrheit nur für Gott allein sei). Der Gedanke ist menschlich (bescheiden), führt aber nicht weit. Niemand gibt uns die Wahl.

Ein- und Ausfälle – Geld und Welt

Dem modernen Menschen ist es zwar gelungen, die Welt weitgehend in Geld zu verwandeln und damit austauschbar zu machen. Sein Problem ist nur die Rückverwandlung von Geld in Welt. Dies ist der Grund dafür, dass Geld allein nicht glücklich macht.

Ein- und Ausfälle – Einfach und wahr?

Richtig ist in der Regel, dass die Wahrheit einfach ist. Einfache Wahrheiten sind allerdings meist falsch.

Ein- und Ausfälle – Zur Statik von Gedankengebäuden

Große Gedankengebäude sind mit Vorsicht zu genießen. Je wirklichkeitsferner Gedanken sind, desto leichter lassen sie sich systematisieren.

 

Ein- und Ausfälle – Faust und die Deutschen

Mit seinem unaufhaltsamen (Erkenntnis-)Drang, der dazu in Tatkraft umgemünzt werden konnte, erschien Faust den Deutschen doch immer irgendwie als ein toller Hecht. Dabei ist ihnen ein wenig aus dem Blick geraten, dass ihn der Teufel am Haken hatte.

Ein- und Ausfälle – Medien und Gewalt

Schon immer hat man versucht, Leid und Grausamkeit dadurch zu bekämpfen, dass man sie drastisch darstellt. Aber da die Wirklichkeit dazu neigt, die Darstellung zu übertreffen, muss diese wieder die Wirklichkeit überbieten, die Wirklichkeit dann wieder die Darstellung etc. Auf diese Weise werden Leid und Grausamkeit schließlich von ihrer Darstellung erzeugt.

 

Ein- und Ausfälle – Das Böse und die Freiheit

Die Existenz des Bösen in der Welt begründen die Theologen gerne damit, dass es die notwendige Folge der Freiheit sei. Die Freiheit sei das höchste Gut, das Gott dem Menschen habe schenken können. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen.

 

Es handelt sich um ein merkwürdiges Geschenk. Für die Guten ist es nutzlos, da sie nicht davon Gebrauch machen können. Sie sollen ja nur das Gute wählen. Nutzen können es damit ausschließlich die Bösen (was die Frage aufwirft, warum Gott ihnen ein Geschenk, dazu ein solches, macht). Die Nutzung des Geschenkes durch die Bösen wiederum müssen die Guten verhindern, andernfalls sie selbst zu Bösen werden.

Ein- und Ausfälle – Mensch und Gottesurteil

Gottesurteile zeichnen sich dadurch aus, dass aus dem Eintritt oder dem Ausbleiben eines vorher festgelegten Erfolges auf eine bestimmte Ursache geschlossen wird, die mit dem Erfolg unmittelbar nichts zu tun hat (man wirft etwa eine Frau, die als Hexe verdächtigt wird, in tiefes Wasser; kann sie sich retten, ist der Beweis ihrer Unschuld, ertrinkt sie, der Beweis ihrer Schuld geführt). Dabei gilt ein solches Urteil als umso göttlicher, je unwahrscheinlicher der Eintritt oder das Ausbleiben des Erfolges ist (man wirft etwa eine gefesselte Frau in das Wasser). Die Logik dabei ist, dass der Beweis eines Eingreifens Gottes besonders deutlich sei, wenn etwas geschehe, was nur ein Gott bewerkstelligen könne. Dies aber heißt nichts anderes, als dass das Urteil um so göttlicher ist, je mehr der Mensch im Spiel ist. Denn je unwahrscheinlicher der Mensch – durch die Gestaltung der Urteilsbedingungen – den Eintritt oder das Ausbleiben des Erfolges macht, desto weniger will er, dass ihm Gott in die Quere kommt.

Ein- und Ausfälle – Denk ich an Amerika in der Nacht (zum 4. November)

Das Verhältnis von Angriff und Verteidigung ist bekanntlich außerordentlich komplex. Unstreitig ist, dass man sich verteidigen darf, wenn man angegriffen wird. Vielleicht darf man sich auch verteidigen, wenn ein Angriff nur droht. Das Problem ist, dass man sich über die Frage, was ein Angriff ist und wann er droht sowie darüber, wann und mit welchen Mitteln man sich verteidigen darf, trefflich streiten kann. Erschwert wird die Sache noch dadurch, dass man sich einen Angriff einbilden und ihn – aber auch eine Verteidigung – fingieren oder provozieren kann. Juristen und Eheleute können davon ein Lied mit außerordentlich vielen Strophen singen.

 

 

Wirklich kompliziert wird es allerdings, wenn Herr A (oder B), der sich über die Verhältnisse bei seinem Nachbarn, der unstreitig ein Schuft ist, ärgert und ihn auch außerhalb seines Hauses für gefährlich hält, allerdings ohne letzteres allzu genau nachgeprüft zu haben, wenn also Herr A (oder B) in das Haus des Nachbarn einbricht, um ihn unschädlich zu machen und, nachdem er festgestellt hat, dass dieser nicht so gefährlich ist, wie er dachte, dort mit der Begründung bleibt, er müsse das Haus, das er durch seinen Einbruch erst richtig in Unordnung gebracht hat, wieder aufräumen, mit der Folge, dass jeder der ursprünglichen Bewohner, der sich dagegen wehrt, als Angreifer angesehen wird, gegen den sich Herr A (oder B) meint verteidigen zu dürfen.

Ein- und Ausfälle – Die Afrikaner und das Absolute

Im Jahre 1845 reiste der Theologe Johannes Rebmann aus Gerlingen, der spätere Entdecker des Kilimanscharo, nach Schwarzafrika, um den (absoluten) Weltgeist, den sein Landsmann Georg Friedrich Hegel aus der Nachbarstadt Stuttgart ein paar Jahre zuvor entdeckt hatte, auf die riesige Weltregion südlich der Sahara aufmerksam zu machen. Rebmanns Versuche, die Bevölkerung Kenias davon zu überzeugen, dass das Christentum im Besitz der einzigen Wahrheit sei, waren aber nur von mäßigem Erfolg gekrönt. Nach zwei Jahrzehnten hatte er gerade einmal acht Menschen getauft. Enttäuscht schrieb er in die schwäbische Heimat, wo man den Besitz der Wahrheit zu schätzen weiß, die Neger hätten überhaupt keinen Sinn für das Absolute. Offenbar hatten die störrischen Afrikaner eher einen Sinn für das Relative (auch des Christentums), was möglicherweise damit zusammenhing, dass sie vom Weltgeist übersehen worden waren.

Ein- und Ausfälle – Lüge und Wahrhaftigkeit

Im sozialen Leben ist es mit der Wahrhaftigkeit wie mit dem euklidischen Raum im modernen Weltbild. Sie ist ein Spezialfall ihres Gegenteils.

 

Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass die Gradlinigkeit von Flächen und Räumen das Fundament der Welt sei. Es war, gemessen an der Länge der Zeit, in der sich der Mensch um die Erkenntnis der Welt bemüht, eine kurze Zeit. Kaum 200 Jahre nachdem Newton die scheinbar unumstößlichen Gesetze des euklidischen Raumes aufgestellt hatte, zerfielen sie. Heute wissen wir, dass die gerade Linie nur ein Sonderfall der Krümmung und der dreidimensionale Raum nur ein Spezialfall des Raum-Zeit-Kontinuums ist.

 

Von der Wahrhaftigkeit hat man eine Zeitlang geglaubt, dass sie das Fundament der Gesellschaft sei. Auch das galt, gemessen an der Länge der Entwicklungsgeschichte menschlicher Gesellschaften, allenfalls für eine kurze Zeit. Es war dies, nimmt man es genau, im wesentlichen das Zeitalter der Aufklärung, das in etwa identisch ist mit der Zeit, in der Newtons Theorien herrschten. Heute wissen wir, dass die Unwahrhaftigkeit eine anthropologische Funktion und somit die Wahrhaftigkeit nur ein Spezialfall der Lüge ist.

 

 

 

 

Ein- und Ausfälle – Lesen und Schreiben

Lesen fesselt, Schreiben befreit.

Ein- und Ausfälle – Geist und Materie, eine Berg- und Talfahrt

Welch eine Karriere! Am Anfang fragte man sich, wie etwas Unausgedehntes und Immaterielles wie der Geist mit dem Körper zusammenpasst, der materiell und ausgedehnt ist. Da man darauf keine Antwort fand, kam man zu dem Schluss, dass der Geist von anderer Wesensart als die Materie sei. Dann bemerkte man, dass die Möglichkeiten des Geistes weiter waren, als die der Materie. Daher meinte man, dass der Geist die wichtigere Form des Seins sein müsse. Dann stellte man auch noch fest, dass der Geist keine Grenzen kennt. Dadurch kam man auf die Idee, dass er etwas Absolutes sei. Von da war es nicht mehr weit zu der Vorstellung, dass er das Höchste sein müsse. Daraus folgte die Konzeption eines absoluten Wesens, das nichts als Geist sei. All dies hatte zur Folge, dass man die Materie und damit den Körper für nicht so wichtig hielt. Dadurch aber kam man in Konflikt mit dem Leben, das nun einmal ziemlich wesentlich eine Sache der Materie und damit des Körpers ist. Damit begann der schwierige Rückzug von den Höhen des Geistes, von denen man noch immer nicht richtig auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt ist.

Ein- und Ausfälle – Wert und Wollen

Spinoza ist der Meinung, dass der Mensch etwas nicht deswegen begehrt, weil es gut ist, sondern, dass er etwas gut findet, weil er es begehrt. Das würde erklären, warum der Mensch so viel Unsinn gut findet.

 

Ein- und Ausfälle – Die Basilika als sozialer Raum

Die Basilika war eigentlich immer ein Ort, an dem sich zentrale Teile des sozialen Lebens abspielten. Im Altertum war sie Markthalle und Gerichtsgebäude, im Mittelalter Kirche, in der Renaissance gelegentlich wieder Ort des weltlichen Lebens (etwa im Falle der Basilica palladiana von Vicenza, die Rathaus war). Eigentlich erstaunlich, dass in unserer Zeit noch niemand auf die Idee kam, Shopping-Center als Basilika zu bezeichnen.

Ein- und Ausfälle – Europas Differenzen

Die Europäer machen deswegen so viel Aufhebens um ihre Unterschiede, weil es im Grunde so wenige gibt.

Ein- und Ausfälle – Varianten der Macht

Macht hat in erster Linie derjenige, der über Dinge verfügen kann, die andere unbedingt benötigen. Eine besondere Form der Macht hat derjenige, der über Dinge verfügt, die andere nur zu benötigen glauben. Eine noch speziellere Form der Macht hat aber, wer über die Fähigkeit verfügt, andere glauben zu machen, dass sie Dinge benötigen, deren Notwendigkeit man nur glauben kann.

Ein- und Ausfälle – Fichte und Schleiermacher im Alltag

Die beiden Geistesheroen Fichte und Schleiermacher stritten vor 200 Jahren darum, ob ein jüdischer Student sich der unsäglichen Ehrenduelle entziehen dürfe, in die ihn seine nichtjüdischen Kommilitonen aus nicht eben prosemitischer Gesinnung immer wieder ziehen wollten. Fichte, der Philosoph der Freiheit des Individuums, der damals in der Verwaltung der Berliner Universität Verantwortung trug, stellte sich hinter den Juden und machte sogar sein berufliches Schicksal davon abhängig, dass man den Juden unterstütze. Schleiermacher, der Verfasser bedeutender Werke zum Begriff der Tugend, der Sitten und der Pflicht, meinte, die Ehrenhändel gehörten zum akademischen Leben, der Jude sei verpflichtet daran teilzunehmen. Beide Herren haben bekanntlich eine Menge großer Gedanken formuliert. Aber auch bei den höchsten Leistungen des Geistes kommt es am Ende darauf an, was (ganz) unten herauskommt.

Ein- und Ausfälle – Ornament und Höflichkeit

Mit dem (Bau)Ornament ist es wie mit der Höflichkeit. Man kann mit dem Mangel daran durchaus leben. Ein solches Leben ist allerdings kaum zu ertragen.

Ein- und Ausfälle – Das „Theater“ von Dydima

Sieben Jahrhunderte lang saßen in Dydimä, dem wichtigsten Orakel Klein-Asiens, ein paar schlaue Leute in einer Kulisse von riesigen Säulen und dachten sich zweideutige Sprüche für ratsuchende Menschen aus. Dann baute man in den gewaltigen Tempel eine kleine Kirche, stellte das Orakel unter Strafe und verbreitete eine ebenso lange Zeit Bibelsprüche. Die Verfasser all der Sprüche waren sich, da sie Profis waren, natürlich darüber im Klaren, dass alles Theater war. Warum das Schauspiel dennoch so lange gegeben wurde? Weil sich die Empfänger der Botschaften, zumal angesichts der schönen Kulisse, daran mit Inbrunst als Laienschauspieler beteiligten.

Ein-und Ausfälle – Die nackten Tatsachen von Ephesus

In Ephesus, der Wirkungsstätte des Apostels Paulus, fand man in prachtvoll ausgestatten Hanghäusern Fresken, in denen unbekleidete Menschen dargestellt waren. Die frühen Christen fühlten sich durch die ungeschminkte Darstellung der menschlichen Mitte gestört, weswegen sie dieselbe unkenntlich machten. Seitdem war der Mensch dort und an den sonstigen Stätten, an denen der Apostel  wirkte, in eine obere und eine untere Hälfte geteilt, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen.

Ein- und Ausfälle – Platons Wiedergeburtslehre

Jede soziale Gruppe versucht, ihre Interessen mit ihren Mitteln zu sichern. Die Philosophen etwa bauen Gedankengebäude für die Allgemeinheit, vergessen aber nicht, sich darin ein ordentliches Zimmer für den Eigengebrauch zu reservieren. So hat Platon im „Symposion“ die turnusmäßige Wartezeit, nach der die Seelen der Kreaturen – durch Erschauen des wahren Seins – jeweils die Chance des Aufstiegs in der Hierarchie der Wiedergeburten erhalten, für Philosophen von 10.000 auf 3.000 Jahre verkürzt (dies gilt allerdings nur für zuverlässige Mitglieder der Zunft: Voraussetzung ist nämlich, dass sie im tausendjährigen Kreislauf dreimal hintereinander das gleiche Philosophen-Leben gewählt haben). Er selbst hat sich in diesem Gedankengebäude gleich eine Zweizimmerwohnung gesichert. Der genannte Vorteil gilt nämlich auch für Päderasten, die auf Weisheitssuche sind.

Ein- und Ausfälle – Funktion des Idealismus

Der philosophische Idealismus insbesondere der europäischen Antike und des Mittelalters muss sich fragen lassen, ob es ihm etwa darum ging eine erkenntnistheoretische Begründung für Führungsansprüche zu liefern. Denn wer, wie etwa Platon und die mittelalterlichen Realisten, postuliert, dass die wahre Realität in Ideen und Allgemeinbegriffen und nicht in den konkreten Dingen sei, schiebt denen die Macht zu, welche die Ideen und Begriffe formulieren und das sind allemal konkrete Menschen. Dem entspricht, dass es bei der Formulierung und Interpretation gesellschaftlicher Grundmythen, die insbesondere die Intellektuellen leisten, in aller Regel ziemlich „menschlich“ zugeht.

Ein- und Ausfälle – Schuld und Sühnebegehren bei Sokrates

Die fehlende Bestrafung für ein begangenes Unrecht, sagt Sokrates im „Gorgias“, sei für den Täter ein so unerträgliches Übel, dass er –  ähnlich dem Kranken, der den Arzt aufsuche – eigentlich freiwillig zum Richter gehen und um Bestrafung bitten müsse. Dies soll auch für den Fall der Todesstrafe gelten. Das ist wahrlich eine philosophische Lebenseinstellung.

Ein- und Ausfälle – Wie sinnvoll ist die Diskriminierung von Minderheiten?

Minderheiten zu diskriminieren ist schon deswegen nicht sonderlich intelligent, weil man sie im Rahmen der Wiedergutmachung, die irgendwann fällig wird, in umgekehrter Hinsicht aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Wettbewerb nehmen muss, was bekanntermaßen Verzogenheit zur Folge hat.

Ein- und Ausfälle – Dantes Göttliche Kommödie als Beginn der Moderne

Von wegen finsteres Mittelalter! Dante, der als dessen perfektester Repräsentant gilt, legte eine beachtliche Hellsichtigkeit an den Tag. Er bezeichnet das Werk, in dem die Weltsicht seines von der Religion geprägten Zeitalters vollendet zum Ausdruck kommt, als „Göttliche Komödie“ (deren wichtigsten Schauplatz, die Hölle, er denn auch wie ein Amphitheater aus konzentrischen Kreisen gestaltet): Weltinterpretation als Schauspiel, als außerordentlich kunstvolle Konstruktion – das ist der Beginn der Moderne – mitten im Mittelalter!

Ein- und Ausfälle – Kapitalismus

Kapitalismus ist, wenn sich die Wenigen behaupten, die behaupten, sie hätten besonders viel von dem verdient, was die Vielen verdient haben.

Ein- und Ausfälle – Antike und Neuzeit

Der Unterschied zwischen Antike und Neuzeit: Caesar ließ das Meer auspeitschen, als es sich nicht so verhielt, wie er es wollte und er dabei eine Flotte verlor. Francis Bacon sagte mehr als eineinhalbtausend Jahre später, dass man der Natur gehorchen müsse, wenn man ihr Befehle erteilen wolle. Im gegebenen Fall hätte er wohl eher zu einem vertieften Studium der Meteorologie oder des Schiffbaus geraten.

Ein-und Ausfälle – Politischer Fortschritt

Fortschritt in der Politik ist das Scheiden von persönlichem und öffentlichem Interesse bei den Mächtigen und das Zusammenführen derselben bei den Machtlosen.

Ein- und Ausfälle – Neue Managerkrankheit?

Man stellt neuerdings erstaunt fest, dass die Manager, welche gerade in ungeheuerlichen Dimensionen versagen, an „Gruppendenken“ leiden, einem Verhalten, das man dergestalt beschreibt, dass die Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft stur an einer selbst gezimmerten Definition der Realität festhalten und alle widersprechenden Informationen ausblenden. Wirklich erstaunt sein kann man über ein solche Verhaltensweise allerdings kaum. Keine kann sich auf höher angesiedelte und besser eingeübte Muster berufen.  

Ein- und Ausfälle (Meinungsfreiheit 5)

Die Meinungsfreiheit wird keineswegs nur deshalb beansprucht, weil man manche Dinge verschieden, sondern weil gewisse Dinge niemand sehen kann.

Ein- und Ausfälle (Exklusivität)

Der Mensch neigt dazu, seine gesellschaftliche Position dadurch zu stärken, dass er andere ausschließt. Mit allen möglichen „Distinguierungen“ werden die Menschen eingeteilt in solche, die zu „Kreisen“ gehören, die gesellschaftliche Vorteile bieten, die „in“ sind, und solchen, die davon ausgeschlossen, also „out“ sind. Solidarische Gesellschaften bemühen sich, dieser Neigung zum Ausschluss Grenzen aufzuzeigen, kompetitive Gesellschaften hingegen bestätigen und verstärken sie. In welchem Maße letzteres in unseren westlichen Gesellschaften der Fall ist, zeigt die Tatsache, dass ein so unsolidarischer Begriff wie „exklusiv“ ausschließlich positiv besetzt ist.

Ein- und Ausfälle – Nathans Weisheit

Man kann aus der Verwandtschaft der drei nahöstlichen Religionen, weise wie Nathan, den Schluss ziehen, dass ihnen ein gemeinsamer wahrer Kern zugrunde liege; oder man kann, was als unweise gilt, aus dem Umstand, dass jede die Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, schließen, dass alle drei (gleich) weit davon entfernt sind.

Ein-und Ausfälle (Goethes Zauberlehrling)

Goethes Zauberlehrling  – eine Parabel über die Uferlosigkeit des Geistes („oben sei ein Kopf!“). Wer nicht das richtige Wort weiß, riskiert, in der Aktivität des Geistes (der Geister) zu ertrinken („Hab ich doch das Wort vergessen“). Besonders gefährlich ist das Spalten „alten Holzes“ mit dem „scharfen Beile“, denn solche (Haar-)Spaltereien vervielfältigen das Übel. Die Lösung des Problems: eine Autorität. Sie ruft die Geister nicht willkürlich (nämlich nicht allein, damit sie „nach seinem Willen leben“) oder aus Geschwätzigkeit (dass „zum Zwecke Wasser fließe“), sondern nur dann, wenn es des Geistes bedarf („denn als Geister, ruft euch nur, zu diesem Zwecke, erst hervor der alte Meister“).

 

Ein-und Ausfälle (Meinungsfreiheit 3)

Meinungsfreiheit bedeutet, dass jeder behaupten kann, im Besitze der (sozialen) Wahrheit zu sein. Daraus resultiert ein Wildwuchs von Strategien zur Glaubhaftmachung der jeweiligen Wahrheit und zur Abwehr von Wahrheitskonkurrenten. Daher ist es unter den Bedingungen von Meinungsfreiheit besonders schwer, eine eigene Meinung zu finden und besonders leicht, dieselbe zu verlieren.

Ein-und Ausfälle (Meinungsfreiheit 2)

Die Meinungsfreiheit wird meist von denen nicht sonderlich geschätzt, die selbst eine starke Meinung haben.