1825 Anton Reicha (1770 – 1836) – Te Deum

Reicha ist ein Musiker, der seiner Profession auf außerordentlich vielfältige Weise nachging. Schon seine Wirkungsstätten sind weit gestreut. Aufgewachsen in Prag, wo er Geige und Flöte lernte, wurde er im Alter von elf Jahren von seinem Onkel, dem seinerzeit berühmten Cellisten und Konzertmeister Josef Reicha, in das renommierte Orchester des Fürsten von Wallerstein geholt. 1785 folgte er seinem Onkel nach Bonn und übernahm die Stelle eines Flötisten in der Hofkapelle. In dieser Zeit befreundete er sich mit dem gleichaltrigen Beethoven, der im selben Orchester die Bratsche spielte. Nach Zwischenstationen im nachrevolutionären Paris und in Hamburg lebte er von 1802 bis 1808 in Wien, wo er Kompositionsunterricht bei Albrechtsberger und Salieri nahm und freundschaftliche Kontakte zu Haydn und Beethoven pflegte. Im Jahre 1808 zog er wieder nach Paris, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Er ging ganz im regen Kulturleben der französischen Metropole auf, nahm die Staatsbürgerschaft Frankreichs an und erhielt mit den Orden der „Legion d`Honeur“ die höchste Auszeichnung, die sein neues Heimatland zu vergeben hatte.

 

Reichas musikalische Biographie ist nicht weniger vielseitig. Er hat Werke in fast allen Gattungen komponiert. Dabei neigte er zum Experimentieren und zur Beschäftigung mit komplizierten musikalischen Problemstellungen. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dem Kontrapunkt, insbesondere der Fuge, die sich in den meisten seiner Werke findet. Als gelernter Bläser suchte er auch immer wieder nach neuen Möglichkeiten zum Einsatz der Blasinstrumente, was zu zahlreichen Werken mit Bläserbeteiligung führte (geschätzt sind vor allen seine vielen Bläserquintette). Eine von Reichas innovativen Ideen war ein Doppelquartett für je vier Streicher und Bläser, bei dem jedes Quartett so selbständig ist, dass es auch für sich gespielt werden kann. Reichas Neigung zur musikalischen Reflexion brachte ihn schließlich dazu, seine Gedanken niederzuschreiben. Diese – ursprünglich in französischer Sprache verfassten – Schriften wurden, vor allem nachdem sie Carl Czerni in deutsch herausgebracht hatte, so bekannt, dass sie Reichas Ruf als Komponist lange Zeit überstrahlten. Darüber hinaus war er auch als Lehrer tätig (er war Professor für Kontrapunktik am Konservatorium in Paris). Seine Schüler ermunterte er offenbar, sich Freiheiten zu nehmen. Zu ihnen gehören so große Neuerer wie Berlioz und Liszt, aber auch Gounod, Onslow und César Franck.

 

Das „Te Deum“ ist eines der wenigen kirchenmusikalischen Werke Reichas. Es entstand aus unbekanntem Anlass im Jahre 1825 in Paris. Bei aller Verwurzelung in der Tradition der Kirchenmusik und der Wiener Klassik zeigt es deutlich die Vorlieben des experimentierfreudigen Komponisten. An Fugen der verschiedensten Art und ausgefeilter Kontrapunktik herrscht kein Mangel. Die Bläser werden in einer Weise geführt, die seinerzeit für Chororatorien höchst ungewöhnlich war. Die Art wie Reicha immer wieder mehr oder weniger autonome Bläserpassagen in das musikalische Geschehen einschiebt, erinnert an seine Idee vom Doppelquartett.

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