Ein- und Ausfälle – Westliches und Asiatisches Denken

Es fällt auf, dass sich an den Bemühungen um die Entzifferung der Mayaschrift ausschließlich Europäer beteiligen – Vertreter von Europas ost- und westliche Dependancen wie Amerika und Russland inklusive. Diese Tatsache illustriert besonders schön, dass das wissenschaftliche Denken, welches Europa entwickelte, nach wie vor eine besondere Qualität hat. Daran ändert auch nichts der Umstand, dass sich Wissenschaft von Europa  inzwischen über die Welt und nicht zuletzt auch nach Asien verbreitet hat. 

Europäer haben immer auch dadurch Erkenntnisse über die Organisation und Funktionsweise von Gesellschaften sowie die Strukturen kultureller Prozesse zu erlangen versucht, dass sie ihre Welt mit anderen Lebenswelten verglichen haben. Da sich die eurasischen   Kulturen, die eine ähnliche Höhe aufweisen und sich daher als Vergleichsobjekte anbieten würden, alle gegenseitig beeinflusst haben, können sie jedoch nur in begrenztem Maße erkenntnisfördernde Gegenbilder abgegeben. Besonders fruchtbare Erkenntnisse kann man aber von der Erforschung von Kulturen erhoffen, die sich weitgehend unabhängig von den eurasischen Kulturen zu einer ähnlichen Höhe entwickelt haben. Dies  ist bei den mesoamerikanischen Kulturen der Fall.  Die Bemühungen um die Entzifferung der Mayaschrift sind allein schon für das Verständnis des Entstehens und der Funktionsweise der Schrift  als eines fundamentalen kulturellen Prozesses (und im Übrigen für das inhaltliche Verständnis dieser Hochkultur) von entscheidender Bedeutung. Gerade Chinesen oder Japaner müssten, da ihre Schrift in vielen Punkten Parallelen zur Mayaschrift aufweist,  an der Entzifferung dieser Schrift interessiert sein. Dennoch beteiligen sich daran, wie gesagt, keine Asiaten.  

Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass in Europa im Hintergrund des Forschen in besonderem Maße das „Warum“, in Asien aber  eher das „Wozu“ steht. Mit der Entzifferung einer toten Schrift und dem Verständnis einer erloschenen Kultur, die dahinter zum Vorschein kommt, kann man aber nur sehr grundsätzliche Fragen, eben die nach dem „Warum“ beantworten. Solche Erkenntnisse sind zunächst einmal zu wenig zu gebrauchen. 

Die weitgehende Beschränkung des Nachdenkens auf das „Wozu“ ist  insbesondere in Ostasien tief verwurzelt. Im alten China gab es zwar eine sehr hoch entwickelte Technologie aber wenig Forschung, die den Dingen auf den Grund ging. Damit fehlte es an einem Denken, welches Grundlagen für gänzlich neue Sichtweisen der Welt legen kann. Diese Kulturen haben daher auch nur wenige echte wissenschaftliche Erkenntnisse und insbesondere  wenig Überraschendes betreffend das Verständnis der allgemeinen Zusammenhänge der menschlichen Kultur hervorgebracht, ein Grund dafür, dass überkommene gesellschaftliche Strukturen hier über lange Zeit weitgehend stabil blieben. Es dürfte aber auch ein wesentlicher Grund dafür sein, dass diese Gesellschaften mangels Übung im Umgang mit der Frage nach dem „Warum“ völlig destabilisiert wurden, als sie sich, wie etwa in der chinesischen Kulturrevolution oder in dem kambodschanischen Sozialexperiment der 70-er Jahre,  die fundamentale europäische Denkweise zu Eigen zu machen und alles Überkommene in Frage zu stellen versuchten.

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