Ein – und Ausfälle – Ornament und Instrumentierung

Ein Bauwerk ohne Ornament ist wie ein Orchesterwerk ohne Partitur. Bei der Komposition eines Orchesterwerkes erstellt der Komponist zunächst nur das Particell. Es enthält den Ideengang, also die musikalische Essenz seines Werkes; bei einem Bauwerk würde man sagen, die technische Grundstruktur, die man benötigt, um den Zweck des Gebäudes zu erreichen. Sein eigentliches Gesicht erhält das Werk aber erst mit der Instrumentierung, das heißt mit dem  Erstellen der Partitur. Denn darin legt der Komponist fest, in welcher Weise die musikalischen Gedanken in Erscheinung treten sollen; in der Baukunst würde man sagen, wie die Außenhaut des Bauwerkes aussehen soll. In der Musik ist klar, dass die instrumentale Auskleidung eine eigene Kunst ist, die das Werk um einen wesentlichen Bestandteil bereichert. Ihre Notwendigkeit resultiert dabei durchaus nicht nur aus dem Zweck, den Ideengang zu verdeutlichen. Der Instrumentalisierung kommt vielmehr eigenständige ästhetische Bedeutung zu. In der Baukunst hat sich hingegen der Gedanke breit gemacht, dass sich die (Erscheinungs)Form im Wesentlichen aus der (Grund)Funktion des Bauwerkes ergeben soll. Auf  die Musik übertragen wäre dies die weitgehende Reduktion der kompositorischen Tätigkeit auf das Erstellen des Particells. Die Folge sind architektonische Werke ohne rechtes Gesicht.     

 

 

Advertisements

Eine Antwort zu “Ein – und Ausfälle – Ornament und Instrumentierung

  1. Ich glaube, du sitzt einem allgemeinen Missverständnis auf. Funktionale Architektur ohne Ornament bedeutet nicht Verzicht auf Ästhetik oder Sinnlichkeit. Es bedeutet nur Verzicht auf ein Ornament, das ohne jeden Bezug zum Gebäude an die Fassade geklebt wird, so wie das im späten Historismus der Fall war. Dennoch spielen Materialität, Verarbeitung, Sichtachsen, Proportion, Eleganz, Details und andere Begriffe eine wichtige Rolle.
    Wenn ich eine graue Hose kaufe, ist die auch nicht automatisch unattraktiv und „ohne rechtes Gesicht“, nur weil da keine Applikationen oder sonstwas drauf sind. Bei der Hose kann es auch um den Sitz gehen, um den Schnitt, um den Stoff, um die Bügelfalte, was auch immer. So ähnlich ist das mit moderner Architektur.
    Bei klassischer Musik kenne ich mich nicht aus. Aber ich vermute, dort könnte man das ähnlich sehen. Ein Musikstück, das Verzierungen nur um der Verzierung willen enthält, erzeugt keine Befriedigung.
    Dennoch ein angenehmer Blog. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s