1893 Eugen D`Albert (1864-1932) Streichquartett Nr. 2 Es-Dur

 

Eugen D`Albert ist einer jener zahlreichen Sterne mittlerer Größe am Komponistenhimmel, die von den großen Gestirnen so überstrahlt werden, daß sie unserem Blick weitgehend entzogen sind. Seine Musik ist heute mehr oder weniger vergessen. In den einschlägigen Nachschlagewerken taucht er, wenn überhaupt, nur am Rande auf. Und doch ist er eine durchaus bemerkenswerte Persönlichkeit, eine Künstlerfigur, die sich zwischen vielen Welten bewegte und einen außerordentlich bunten Werdegang hatte.

 

Schon seine äußeren Lebensdaten sind ungewöhnlich. D`Albert, der es auf sechs Ehen brachte, was für seine Zeit nicht eben gewöhnlich ist, hatte französisch-italienische Vorfahren, wurde in Schottland geboren, verbrachte seine Jugend in England, fühlte sich aber von der deutschen Kultur angezogen, lebte deswegen später vor allem in Österreich und Deutschland, konzertierte als Pianist in ganz Europa und in Amerika, war schließlich Schweizer Staatsangehöriger und starb in Lettland. Noch bemerkenswerter war seine musikalische Begabung. Sein Lehrer Franz Liszt nannte ihn wegen seiner stupenden pianistischen Fähigkeiten „Albertus Magnus“. Auch die sonstigen Zeitgenossen schätzten ihn außerordentlich. Er stand in Kontakt zu allen großen Musikerpersönlichkeiten seiner Epoche. Legendär waren seine Interpretationen der beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms mit dem Komponisten am Dirigentenpult. Im Duo trat er auch mit der nicht minder berühmten Pianistin Teresa Carreno auf, mit der einige Jahre verheiratet war.

 

Die Zeitgenossen sahen in D`Albert vor allem den großen Klaviervirtuosen. Für ihn selbst stand jedoch das Komponieren im Vordergrund. Sein musikschöpferisches Werk ist dabei nicht weniger bunt als seine Person. Mit Ausnahme der extremen Avantgarde spiegeln sich in seinen Kompositionen alle Paradigmen und Richtungswechsel seiner bewegten Zeit von der Nachfolge Wagners über Märchenromantik, Konversationsstück, Verismus, Symbolismus und Expressionismus bis zu Jazz, Kabarettstil und Großstadt-Sachlichkeit. Der Kern seines Oevres besteht aus 22 Opern, von denen einige, wie „Tiefland“ und „Die toten Augen“ sehr erfolgreich waren. Er schrieb aber auch allerhand andere Werke, darunter eine Symphonie, zwei Klavierkonzerte, ein wunderschönes Cellokonzert, Chorwerke und Lieder.

 

D`Alberts Betrag zur Kammermusik besteht aus zwei Streichquartetten, die in den Jahren 1886 und 1893 entstanden. Sie zeigen einen Komponisten, der ganz auf der Höhe der Musikentwicklung seiner Zeit steht und nicht nur den satztechnischen Anforderungen der anspruchsvollen Gattung, sondern auch den klanglichen Bedürfnissen eines Streicherensembles auf beste Weise gerecht wird. Es völlig unverständlich, daß diese Werke in den einschlägigen Quartettmusikführern nicht einmal erwähnt werden. Insbesondere das zweite Quartett ist eine wunderbare Spätfrucht der Romantik. Das Werk, das Johannes Brahms gewidmet ist, ist durch einen außerordentlich dichten und stark polyphonen Satz, eine hochentwickelte spätromantische Harmonik und eine sehr differenzierte Rhythmik gekennzeichnet, was erhebliche Anforderungen an die Instrumentalisten stellt. Die verschiedenen Klangebenen und die Linien der „endlosen Melodien“, die bei aller Komplexität des Satzes immer gut erkennbar bleiben, sind auf das Kunstvollste miteinander verwoben, wodurch sich immer neue Perspektiven des Klangmaterials eröffnen. In den beiden Ecksätzen zeigt D`Albert solide Satzkunst und Themenarbeit. Die Mittelsätze enthalten bemerkenswerte Charakterstudien. Im diffizilen Scherzo, das Anklänge an den Impressionismus zeigt, werden – getrennt durch einen weit offenklaffenden Tonraum – extreme Beweglichkeit auf der einen und tiefe Ruhe auf der anderen Seite miteinander konfrontiert. Der Satz, den der damalige Kritikerpapst Eduard Hanslick wegen seiner „geistreichen Zuspitzungen“ lobte, mußte bei der Uraufführung wiederholt werden. Außerordentlich beeindruckend ist der langsame dritte Satz, wo in weit ausgreifenden Deklamationen ein hochkomplexes Seelendrama wagnerischer Färbung entfaltet wird.

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