1811 Franz Schubert (1797 – 1828) – Ouvertüre c-moll

Nicht anders als Mozart ist Schubert früh gestorben, hinterließ aber ein ganzes Lebenswerk. Dabei war die Zeit, die ihm für sein Riesenoevre zur Verfügung stand, noch kürzer, als die, welche das Schicksal seinem großen Vorgänger eingeräumt hatte. Schubert starb nicht nur drei Jahre jünger als Mozart, sondern war, als er zu komponieren begann, auch wesentlich älter als dieser. Seine ersten Versuche, Musik zu notieren, datieren „erst“ aus seinem 14. Lebensjahr. Allerdings holte er die verlorene Zeit schnell dadurch auf, daß er die Phase tastender Anfängerversuche mehr oder weniger ausließ. Schon eines seiner ersten Stücke, die Ouvertüre in c-moll (sie trägt die Nr. 8 im mehr als 1000 Musikstücke umfassenden Deutschverzeichnis), tritt uns wie ein Werk aus reifer Zeit entgegen. Der Ton dieser Komposition aus dem Jahre 1811, die Schubert ursprünglich für Streichquintett schrieb, ist so ernst und bedeutend und das musikalische Material so ökonomisch eingesetzt, daß man nie das Gefühl bekommt, man habe es mit dem Werk eines Jugendlichen oder gar eines Anfängers zu tun.

 

Der musikalische Schnellstart des jungen Schubert hat seinen Grund ohne Zweifel auch darin, daß der hochsensible Adept in seiner Heimatstadt große Musik mit der Luft einatmen konnte. Schubert, das zwölfte Kind eines Volksschullehrers, war im Jahre 1808 nicht zuletzt wegen seines schönen Soprans in das Wiener Stadtkonvikt aufgenommen worden, der Pflanzschule für die Hofsängerknaben, deren Leiter niemand geringeres als Mozarts Gegenspieler Salieri war. Im Orchester des Konviktes, wo er die Geige spielte, lernte Schubert die Musik der Wiener Klassik kennen, wobei es ihm insbesondere die langsamen Einleitungen der Symphonien Haydns, der 1808 noch in Wien lebte, sowie Mozarts g-moll Symphonie angetan hatten. Gewissermaßen um die Ecke herum wohnte Beethoven, dessen 5. und 6. Symphonie ebenfalls im Jahre 1808 in Wien uraufgeführt wurden. Gelegentlich durften die Schüler des Konviktes auch die Hofoper besuchen, wo sie Mozarts Opern kennenlernten. So ist es denn kein Wunder, daß Schuberts Ouvertüre in c-moll von der feierlichen Einleitung im Sinne Haydns bis hin zum klopfenden Grundmotiv in der Art von Beethovens c-moll-Symphonie die Luft der Wiener Klassik atmet. Das Ganze ist wie der Vorspann zu einem bedeutungsschweren imaginären Drama, welches Schubert auszuführen gedachte, wenn er sich auch die Kompositionsmittel der Wiener Tradition angeeignet haben würde, die ihm seinerzeit noch fehlten. Nach dem Verklingen der letzten schweren Unisono-Schläge könnte ein Verwandter von Mozarts Sarastro oder seines steinernen Gastes auf die Bühne treten.

 

Die Ouvertüre teilte das Schicksal der meisten Instrumentalwerke Schuberts und wurde zu seinen Lebzeiten sicher nie gespielt. Die Uraufführung fand erst im Jahre 1948 in New York statt. Der erste Druck erfolgte im Jahre 1970. Schubert selbst scheint über die Ouvertüre alsbald zu neuen Taten geschritten zu sein. Da er offenbar schneller komponierte, als er sich Notenpapier besorgen konnte, hat er auf der Rückseite des Manuskriptes, das auf den 29.6.1811 datiert ist, mit Datum vom 12.7.1811 bereits sein nächstes Werk notiert. Diese Eile war sicher einer der Gründe dafür, daß er in so kurzer Zeit ein so umfangreiches Werk schaffen konnte.

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