Schlagwort-Archive: Aphorismus

Ein- und Ausfälle (Barock 4)

In Buenos Aires, wo man es in der Belle Epoque gerne flamboyant-beweglich im Stile des französischen Barock hatte, fallen zwei Bauten aus dem ansonsten eher heiteren Rahmen der Stadtlandschaft. Es handelt sich um die Gebäude der Fakultäten für Rechts- und Ingenieurwissenschaft. Beide sind im strengsten und düstersten dorischen Stil gebaut. Ihre Fassaden bestehen aus einer Reihe von massigen Säulen und Kapitälen, auf denen ein schweres Architrav lastet, wobei die Säulen offensichtlich weit mehr Gewicht aufnehmen können, als sie tatsächlich zu tragen haben. Die Erbauer der beiden Gebäude wollten ohne Zweifel zum Ausdruck bringen, dass die Fragen, die hier verhandelt werden, von großem Gewicht sind und man für sie die solidesten Lösungen habe. Dass man das Gebäude des Rechtes gerne so fest und seriös hätte wie die Konstruktion eines Ingenieurs, entspricht sicher den Wünschen der Menschen. Ehrlicher wäre allerdings gewesen, die juristische Fakultät im flamboyanten Stil zu bauen.

Ein- und Ausfälle (China 20)

Auf die Frage, wer für sie der größte Held sei, nannten junge Akademiker aus China Konfutius, ihre Kollegen aus Deutschland Franz Beckenbauer und Michael Schumacher. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass der Satz falsch ist, eine Kultur sei so groß wie ihre Vorbilder.

Ein – und Ausfälle (China 19)

In einer Weltsicht, die von einem persönlichen Verhältnis des Einzelnen zu einer allmächtigen und allwissenden Institution ausgeht, die im Jenseits angesiedelt ist, werden bei der Formulierung ethischer Postulate Fragen der Gestaltung dieses asymmetrischen, irrealen und persönlichen Verhältnisses im Vordergrund stehen, Fragen der Regelung des realen Miteinanders prinzipiell gleichartiger Menschen im Diesseits hingegen tendenziell zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Für die alten Chinesen, die eine übergeordnete Institution dieser Art nicht kannten, war neben der Vollkommenheit der Persönlichkeit hingegen vor allem die Einbindung des Individuums in das gesellschaftliche Ganze wichtig, weswegen zum chinesischen Begriff der Tugend (De) etwa auch die Beachtung der Riten gehörte, in denen sich die soziale Einbettung des Einzelnen spiegelte.

Ein- und Ausfälle (China 18)

Was die Normgeber der großen Kulturkreise von der Normtreue des Menschen halten, kann man aus den Mitteln ersehen, mit denen sie die Befestigung der Norm sicherzustellen und den Einzelnen zu einem normgerechten Verhalten zu bringen versuchten. In unserem Kulturkreis versprachen man dem Normtreuen zu diesem Zwecke ein ewiges Leben in einem überaus herrlichen Himmel. Dem Normverletzer hingegen drohte man eine unglaublich grausame, ebenso ewige Hölle an. In Indien hielt man zur Durchsetzung der Normen ebenfalls extreme Szenarien für notwendig. Man drohte dem Normuntreuen nach dem Tod mit neuer Geburt auf einer niedrigeren Stufe des Lebens und versprach dem Normtreuen den Aufstieg in der Lebenshierarchie. Als höchste Belohnung winkte bei besonderer Anstrengung sogar die Möglichkeit des Ausstiegs auf dem Kreislauf der Wiedergeburten. Die Chinesen waren bei der Wahl der Mittel zur Befestigung der Normen dagegen auffallend mäßig. Sie stilisierten ihre Normgeber zu Heroen, um sie zu Vorbildern zu machen, begnügten sich also im Wesentlichen mit Geschichtsfälschungen. Die interessante Frage ist, was bei der Wahl des Mittels der Normbefestigung Ursache und was Wirkung ist. Haben der Westen (einschließlich des Nahen Ostens) und die Inder so dick auftragen müssen, weil die Menschen besonders schwer in den (sozialen) Griff zu bekommen waren, oder waren die Menschen hier so schwer zu lenken, weil sie diese Art der Normbegründung und -bestärkung nicht recht überzeugte? Es fällt jedenfalls auf,  dass man in China trotz der Mäßigung bei der Normbefestigung eine Menge gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ausgelassen hat, welche bei uns auch die drastischsten Versprechungen und Strafen nicht verhindert haben.

Ein- und Ausfälle (China 17)

Für Konfutius ist die Musik das Medium, mit dem der Mensch seine Sehnsucht nach dem Einssein mit dem Kosmos befriedigt. Dadurch, so lehrte er, werde der Mensch gütig und aufrecht. Moderne Komponisten des Westens versuchen hingegen immer wieder, dem Menschen mit der Musik zu verdeutlichen, wie wenig eins er mit dem Kosmos (oder, wie man heute sagen würde, dem idealen gesellschaftlichen Ganzen) ist. Dahinter steckt eine pädagogische Absicht. Die Konfrontation mit den Problemen der modernen Verhältnisse soll die Menschen sensibilisieren und damit veränderungsbereit machen. Ob dieses Konzept aufgeht, ist zweifelhaft. In Umkehrschluss aus der Lehre des Konfutius könnte es auch sein, dass eine Musik, welche die Sehnsucht des Menschen nach dem Einssein mit dem „Kosmos“ nicht befriedigt, dazu führt, dass er weniger empfänglich für die segensreichen Wirkungen der Musik, im schlimmsten Falle also dass er herzlos und unaufrecht wird.

Ein- und Ausfälle (China 16)

Im alten China gab es den Beruf des Juristen nicht. Offenbar war den Menschen im wesentlichen auch so klar, was man darf und soll. Juristen braucht man erst, wenn dies nicht mehr der Fall ist. Die Unklarheit beginnt, wenn man anfängt zu fragen, welche andere Möglichkeiten es gibt. Diese Frage stellen nicht zuletzt diejenigen, welche aus der Reihe tanzen wollen. (wovon es im alten China offenbar nicht so viele gab).

Ein- und Ausfälle (China 15)

China kannte von alters her keinen Adel, keine Verehrung des Militärs, keine Kirche, die meinte, alles am besten zu wissen, keinen Kolonialismus, keine Religionskriege, keinen Rassismus und keinen Nationalismus, dafür aber einen relativ gerechten Zugang des Volkes zu öffentlichen Ämtern und die tatsächliche Verantwortung der Regierung für das Wohl des Volkes, mit anderen Worten China hatte das oder das nicht, was sich Europa erst in neuerer Zeit mühsam ab- oder anzugewöhnen begonnen hat.

Ein- und Ausfälle (China 14)

Im alten China herrschte die Vorstellung, dass sich Recht und Moral dadurch entwickeln, dass der Herrscher seinem Volk mit gutem Beispiel vorangehe. Dies hielt das Bedürfnis der Menschen in Grenzen, an die Spitze der Gesellschaft zu streben. Im Abendland hingegen nahmen die Herrschenden aus angeblich übergeordneten Gesichtspunkten heraus gerne in Anspruch, außerhalb des Rechtes zu stehen. Dies hatte zur Folge, dass die oberen Ränge der Gesellschaft sehr attraktiv erschienen. Dies scheint eine wesentliche Ursache dafür zu sein, dass sich im Westen ein Gesellschaftsmodell entwickelte, dessen Leitmotiv der soziale Aufstieg ist.