Schlagwort-Archive: Malaysia

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 12

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

31.3.19 85

 

Flussfahrt. Den Plan einer Wanderung zur Fledermaushöhle, den der Malaye gestern anregte, haben wir fallengelassen. Stattdessen mieten wir für den Tag ein einfaches hölzernes Kanu, einen Einbaum dessen Kanten man mit Brettern leicht erhöht hat. Ausgestattet mit Proviant und Lektüre geht es auf Dschungelflusswanderung. Wir bewegen das nicht eben leichte Boot mit vier einfachen Paddeln bestehend aus einem Stock, an dem ein Holzbrett befestigt ist.

Die Fahrt geht den Nebenfluss des Tembeling hinauf, an dem wir gestern entlang gelaufen waren. Anfangs ist die Strömung schwach, das Wasser tief und dunkel. Wir kommen daher recht gut voran. Mit kühner Statik hängen große Bäume in den Fluss. Sie spenden willkommenen Schatten. Nach etwa einer Stunde passieren wir unseren gestrigen Badeplatz. Jetzt stoßen wir in Neuland vor. Das Wasser wird flacher und schneller. An einigen Stellen müssen wir uns mit allen vier Paddeln kräftig ins Zeug legen. Dann kommen wieder ruhigere Passagen. Offene Strecken wechseln mit tunnelartigen Passagen aus dichtem Bewuchs, in denen tausend Lichtreste auf dem Wasser tanzen.

Schließlich liegt vor uns eine lange schattige Gerade mit unruhigem, flachem Wasser. Hier kommen wir an die Grenzen unserer Wasserkraft. Cinqui und ich müssen aussteigen und das Boot schieben und ziehen. Zum Glück bietet sich ein Rastplatz in der Sonne an. Es ist ein umgestürzter Urwaldriese, der am Ufer im Wasser liegt. Sein Stamm ist so geräumig, dass man quer darauf liegen kann. Zum Ufer hin bildet er eine kleine Lagune. Die Kinder beginnen alsbald, dieselbe für Schiffsaktivitäten zu nutzen.

Wir haben uns gerade auf unserem Baumstrand eingerichtet, da kommt ein Boot den Fluss hinunter – mit guten Bekannten, dem Bundeswehroffizier, dem Elektriker und dem Studenten. Sie sind den Fluss ein gutes Stück weiter hinaufgefahren und berichten von Stromschnellen und recht abenteuerlichem Wasser. Aus Sorge um ihr Gepäck, vor allem die Kameras, haben sie die Fahrt jedoch abgebrochen.

Eine Weile genießen wir gemeinsam die Stille des Flusses. Dann regt sich Tatendrang. Wir, das heißt der Elektriker, der Student, Cinque und ich beschließen, eine Expedition weiter den Fluss hinauf zu machen, ohne Gepäck. Das Boot ist mit uns bis an die Grenze seiner Belastbarkeit gefüllt. Zuerst gilt es, das flache Stück zu überwinden, an dem wir zuvor gescheitert waren, was unter dem Gelächter der Zurückgebliebenen zunächst misslingt. Wir treiben in die falsche Richtung ab. Dann kämpfen wir uns in ruhigere Gewässer vor. Nach einiger Zeit erreichen wir die ersten Stromschnellen. Sie zwingen uns, das Boot zu verlassen und es mit vereinten Kräften durch das turbulente Wasser zu schieben. Es folgen ein ruhigeres Stück, erneute Stromschnellen und wieder Aussteigen, Ziehen und Schieben. Dies wiederholt sich mehrere Male und ist einigermaßen anstrengend. Am meisten werden jedoch die Füße in Mitleidenschaft gezogen, die immer wieder zwischen die großen glatten Steine des Flussbodens rutschen. Cinqui und ich haben immerhin Sandalen an. Das sind zwar auch nicht gerade die idealen Wildwasserwanderschuhe. Es geht uns aber immer noch besser als unseren barfüßigen Begleitern, die ihre Hilfe beim Überwinden von Stromschnellen wegen wunder Füße bald einstellen müssen. Da es nicht überall möglich ist, die Stromschnellen zu Fuß zu umlaufen, müssen wir die beiden im Boot gegen die ohnehin schon verstärkte Strömung ziehen. In der tropischen Mittagshitze ist also Schwerstarbeit zu leisten. Sie wird allerdings durch die permanente Wasserkühlung erleichtert.

Die Uferlandschaft wird inzwischen immer grandioser. Bäume von mehreren Metern Dicke hängen in oft abenteuerlicher Schräglage in den Fluss hinein. Einer der Riesen ist erst kürzlich abgebrochen und streckt nun seinen mächtigen zerzausten Stumpf in die Höhe. Schließlich gelangen wir an die sogenannte obere Badestelle, dem letzten Punkt, den Motorboote noch erreichen können. Der Fluss weitet sich hier zu einem weiten runden Bassin mit fast stehendem Wasser, das weitgehend im Schatten riesiger Bäume liegt – ein Bild weiherhaften Friedens an dem sonst eher unruhigen Gewässer.

Am anderen Ende des Bassins fließt der Fluss beschaulich durch ein tiefes Felsenbett. Es wäre ein Jammer, hier umzukehren. Nun da wir diese Region, die für Paddelboote an sich nicht mehr zugänglich ist, erreicht haben, packt uns der Ehrgeiz. Die Strapazen der "Fahrt" sind plötzlich vergessen. Mit vereinten neuen Kräften paddeln wir bis zu einer Verengung, durch die der Fluss mit beachtlicher Geschwindigkeit hindurchrauscht. Wir klettern auf die Felsen am Ufer und ziehen das Boot gemeinsam an der Schnur durch die reißende Strömung. Es folgt wieder ruhigeres Wasser bis unweigerlich die nächste Stromschnelle erreicht ist, die allerdings steiniger als alle vorangegangenen ist.

Wir überwinden noch zwei oder drei weitere Eng- und Flachstellen bis wir nach rund fünf Stunden strapaziösen Kampfes an der Grenze des Machbaren angekommen sind. Das Gefälle der Flusses wird immer stärker, große Steine versperren den Weg und die Stromschnellen nehmen den Charakter von Wasserfällen an. Wir machen das Boot fest und erklettern eine 30 bis 40 Meter lange Moräne aus ausgelaugtem angeschwemmtem, Pflanzenmaterial, um den weiteren Verlauf des Flusses zu sichten. Dabei stellt sich heraus, dass es keinen Sinn macht, weiter vorzudringen. Wenn wir weiterkommen wollten, müssten wir das schwere Boot über erhebliche Strecken tragen. So brechen wir die Expedition ab. Alle haben das Gefühl, etwas Außerordentliches erlebt zu haben. Unsere zufällig zusammengekommene Mannschaft ist dabei in kurzer Zeit zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.

Der Lohn der Arbeit sollte die Rückfahrt werden. Mit beachtlichem Tempo geht es flussabwärts. Bei den ersten Stromschnellen saugt die Strömung das Boot noch ohne unser Zutun durch die tiefste Stelle hindurch. Die folgenden Engstellen werden zum Prüfstein unserer Navigationskunst, auf den wir des Öfteren ziemlich unsanft auflaufen. Dann ist es soweit. Das Boot ist mit der Spitze auf einem Stein hängengeblieben, die Strömung dreht es zur Seite bis es schließlich kippt. Die ganze Mannschaft landet kopfüber im rauschenden Fluss.

Beim nächsten Mal schießt das Boot mit so viel Elan in tieferes Wasser, dass die Flut über Bord strömt, worauf wir, im Boot sitzend, langsam untergehen. Wir halten das Boot an der Bordwand fest, damit es uns nicht entgleitet, und fahren unter Wasser weiter. Ein unbeteiligter Beobachter hätte eine merkwürdige Szene gesehen: drei Männer und ein Kind, die, bis zur Brust im Wasser, in einer stabilen Reihe regungslos den Fluss hinunter gleiten

Nach einem weiteren Umsturz treiben wir ein längeres tiefes Stück kieloben. Zur Abwechselung liegen wir eine zeitlang auf dem Rücken des Bootes, bis sich die Möglichkeit ergibt, es wieder umzudrehen und zu entwässern.

Zu dieser feuchten und turbulenten Flussfahrt gesellt sich noch ein kräftiges Tropengewitter. Donner grollt, während das Boot auf Steine kracht und nass werden wir, ob wir im Boot oder im Wasser sind. Ein kenterndes Boot im Dschungel, eine unerschrockene, tatkräftige und eingeschworene Mannschaft kämpft bei permanentem Frohsinn gegen die Naturgewalten der grünen Hölle – es wäre Zigarettenreklame, wenn es nicht wahr wäre.

Wir passieren unseren Baumstrand. Er ist leer. Judi, die Kleinen und der Bundeswehroffizier haben, nachdem sich die Expedition weit über die in Aussicht genommene Zeit ausgedehnt hatte, nicht länger auf uns gewartet. Das "Schlimmste" ist nun hinter uns. Allerdings haben wir auch jetzt noch keine Ruhe. Das Boot hat in den Stromschnellen ein Leck abbekommen. Der Wassereinbruch ist so stark, dass das Boot in wenigen Minuten volläuft und nur noch schwer zu manövrieren ist. Mangels Schöpfkelle – wir haben sie als lästiges "Gepäck" im anderen Boot gelassen – müssen wir das Wasser jetzt mit Händen und Paddeln hinausbefördern.

Erschöpft treiben wir den immer ruhiger werdenden Fluss hinab. Über uns breitet sich ein grandioser Gewitterwolkenhimmel aus. Unter den herabhängenden Bäumen ist es dunkel. Die Ruhe nach dem Sturm ist eingekehrt. Die ungewöhnliche Flussfahrt endet an der Mündung des Tembeling, dessen reißende Fluten hinabzufahren auch ein Abenteuer wäre – allerdings nur in eine Richtung.

Beim abendlichen Travellerstreff im Restaurant berichtet jeder über seine Erlebnisse. Auch unsere Mund läuft über. Uli, der Bundeswehroffizier, erzählt von seinen fast hautnahen wild life Erfahrungen. Vor einigen Tagen übernachtete er in einem „hide“, etwa sechs bis acht Stunden vom Camp entfernt. Nachts rieb sich ein Elefant an den Stützen, auf denen die Schlafstatt angebracht ist, mit entsprechenden Fernwirkungen in der Höhe. Insgesamt sei das wild life aber auch dort draußen eher spärlich gewesen. Engere Berührung mit dem wild life haben wir noch an "unserem" um die Ecke gelegenen „hide“.

Am späten Abend begibt sich die ganze Corona voll Abenteuerlust in den finsteren Urwald, um wild life zu erleben. Diesmal haben wir Taschenlampen dabei, die klären sollen, ob wir es bei den bislang gesichteten Schatten mit einem Spiel der Natur oder der Phantasie zu tun hatten. Genügend Licht bringen jedoch auch die Taschenlampen nicht in die "Dinge", sodass es bei der erlkönighaften Zweideutigkeit bleibt. Nach andächtigem Schweigen und durch Ehrfurcht vor dem nächtlichen Urwald gekühltem Abenteuermut geht jeder zu seiner Schlafstatt zurück.

Wie hautnah die Berührung mit dem wild life war, zeigt sich erst, als ich bereits im Bett liege. Auf meinem Bettlaken ist plötzlich ein frischer Blutstropfen. Während ich herauszufinden suche, wie er dorthin kam, beginne ich ernsthaft an meiner Fähigkeit zweifeln, Natur und Phantasie auseinander zu halten. Das Bett ist vollständig von einem Moskitonetz umgeben. Daher kann jede Ursache außerhalb des Bettes ausgeschlossen werden. Dennoch sind alle Recherchen nach einer natürlichen Ursache des Blutfleckens, die nach Lage der Dinge an meinen Beinen sein muss, ohne Erfolg. Die Verwirrung steigert sich, als noch ein zweiter und ein dritter Blutfleck hinzukommen. Damit bricht die Hypothese zusammen, es könne sich vielleicht doch um einen älteren Blutfleck handeln. Da absolut nichts zu finden ist, was das Blut erklären könnte scheinen die malyaischen Nachtgeister am Werk zu sein.

Das Rätsel löst sich dann aber, wie könnte es anders sein, auf westlich-rationale Weise. Der Gewitterregen vom Nachmittag hat die „leaches“ aktiviert, die wegen ihrer mangelnden Tätigkeit in der Natur bei uns schon in den Verdacht geraten sind, in der Hauptsache die Phantasie der Traveller zu beunruhigen. Eines der harmlosen Tierchen mit dem schlechten Ruf hat sich bei unserer nächtlichen Pirsch unter meinem kleinen Zeh eingegraben, wo es fast nicht zu sehen ist. Freiwillig verlässt es das lauschige und offensichtlich nahrhafte Plätzchen nicht. Es muss erst mit einer brennenden Zigarette nachgehofen werden. Kurz darauf entdecke ich einen weiteren der stillen Gäste am anderen Bein. Unbemerkt hat er sich bis an die Wade hinauf geschlichen. Am Morgen erfahren wir, dass auch andere Teilnehmer unserer kurzen Nachtexpedition den gleichen ungebetenen Besuch festgestellt haben.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 11

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

30.3.1985

Dschungelwanderung. Ausgestattet mit Rucksack, Trinkwasser und Proviant – im Restaurant gab es Kuchen, gebackene Bananen, etc. – geht es auf den großen Marsch durch den Dschungel. Die Schuhe werden mit Baygon eingespritzt, um die „leaches“ abzuschrecken. Bald ist das fast schon gewohnte Dschungelbild um uns: Brettwurzelbäume, Palmlichtungen, wilde Lianenformen. Der Weg – er ist einigermaßen hergerichtet – führt einen steilen Berg hinauf, der kein Ende nehmen will. Es ist still. Von Ferne hallen nur die gellenden Rufe der Gibbons durch den Wald, affenähnliche Tiere, die man nie zu Gesicht bekommt. Gelegentlich sieht man die „leaches“ am Boden. Sie sind wie kleine Würmer, die sich in die Höhe recken, um so ihr Opfer angehen zu können. Von unserem Baygonspray scheinen sie beeindruckt zu sein. Zwei Deutsche von der gestrigen Runde begegnen uns – wer sonst.

Nach einem extremen Steilstück lichtet sich schließlich der Wald. Wir treten auf eine kleine Felsplatte. Vor uns breitet sich ein weiter Blick über die Dschungellandschaft des Nationalparkes aus. Steil abfallend liegt unter uns eine waldige Tiefe, durch die ein braunes Gewässer fließt. Der Blick verliert sich in weiter Ferne. Das ist er nun, der älteste Dschungel der Welt. Naturgeschichtliche Dimensionen tun sich auf. 130 Millionen Jahre alt soll der Wald sein, will heißen, dass sich die klimatischen und biologischen Verhältnisse so lange nicht verändert haben. Man kann sich in die Rolle eines Entdeckers versetzen, der, auf einer Höhe angekommen, plötzlich unberührtes (durch bewusst entdeckende Menschen unberührtes!) Land unter sich ausgebreitet sieht, und der sich mit einem kribbelnden Gefühl ins Unbekannte aufmacht, um völlig neue Horizonte zu eröffnen. Irgendwo dort in der vollkommen unerschlossenen Wildnis liegt der Gunang Tahan, Malaysias höchster Berg mit 2200 Metern. Ein Schild unten im Camp zeigt in seine Himmelsrichtung mit dem Vermerk: 8 Tage. Es gibt Abenteurer, die sich mit Hilfe eines einheimischen Führers dorthin auf den "Weg" machen. Proviant für zwei Wochen ist mitzunehmen.

Auf der Felsplattform trifft sich ein Großteil des gestrigen Abendtisches. Man ruht aus von den Strapazen des Aufstieges und genießt den Ausblick. Der Weg bleibt noch ein Stück auf der Höhe. Wieder öffnet sich der Blick in die Weite der Landschaft. Wir sitzen in einer Schutzhütte und lassen Gedanken und Gefühle in die Ferne ziehen.

Der Abstieg geht extrem Steil die Bergflanke hinab. Er ist mit Stufen und Geländern gesichert. Dann befinden wir uns in der Tiefe, über die unser Blick eben schweifte. Wir sind im dichtesten Dschungel mit großartigen Solitärbäumen – manche Brettwurzeln sind 6 bis 8 Meter hoch und bilden Nischen in denen man bequem wohnen könnte. Ein Tier wird gesichtet. Es ist ein dicker etwa 30 Zentimeter langer Tausendfüßler – wild life. Es gibt abenteuerlich verdrehte Lianenkonstruktionen, in denen die Kinder tollen. Gelegentlich passieren wir Lichtungen mit Bananenstauden und sonstigem Gewächs, dessen saftiggrüne Blätter in der Sonne aufleuchten. Auch eine Reihe von kleinen Bachschluchten ist zu überqueren. Der Weg lässt erahnen, dass wir uns am Rande eines Flusstales befinden.

Mitten im Dschungel findet eine merkwürdige Begegnung statt. Die denkbar entferntesten Pole menschlichen Lebens treffen aufeinander. Eine kleine Gruppe von Personen gänzlich unmalayischen Aussehens kommt uns entgegen. Voran geht eine Frau, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist. Um die Schultern trägt sie ein Tuch, in dem sich ein wenige Wochen alter Säugling befindet. Es folgen zwei Kinder, etwa 10 bis 14 Jahre alt, ebenfalls barfuss und fast ganz nackt – sie tragen Bananen und ähnliches; dahinter ein Mann, bekleidet mit einer kurzen Hose und Turnschuhen. In seinem Rucksack befindet sich ein Kanister, der nach Petrolium riecht. Die Personen erinnern im Aussehen an die australischen Ureinwohner, sind dunkelhäutig und haben schwarzes krauses Haar. Auf bezeichnende Weise kontrastiert dies mit den leuchtenden Blondschöpfen unserer Kinder. Zwei Familien, durch Jahrtausende der Entwicklung von einander getrennt, stehen sich gegenüber: dunkelhäutige Waldbewohner auf der ältesten heute noch existierenden Stufe menschlichen Lebens und weiße Zivilisationsmenschen des entgegengesetzten Extrems.

Zum Glück gibt das Baby einen schnellen Anknüpfungspunkt. Stolz packt die Mutter den kleinen Jungen aus dem Schultertuch. Man hat ihm die Haare bis auf ein kleines Bündel über der Stirn abgeschnitten. Ein sprachloser Austausch von Reaktionen der Rührung findet statt. In elementaren Punkten sind die Zivilisationen dann doch wieder nicht sehr weit voneinander entfernt. Dann geht jede Familie wieder ihres Weges. Die Waldmenschen verschwinden hinter Palmblättern. Sie lassen uns in weichreichenden Gedanken über den Menschen und seine erstaunliche Entwicklung zurück. Es wäre interessant zu wissen, was den Waldmenschen jetzt durch den Kopf geht. Die kurze Begegnung ist zweifellos das denkwürdigste Erlebnis dieser Reise.

Nach kurzer Wanderung erreichen wir den Fluss und damit die versprochene, von den Kinder lange herbeigesehnte Badegelegenheit. Zuerst ist einige Skepsis zu überwinden. Das Wasser erscheint merkwürdig dunkel. Bei näherer Inspektion zeigt sich aber, dass es glasklar ist und seine dunkel-braune Färbung von einigen Schwebstoffen bezieht. Woher sollte es auch schmutzig sein? Krokodile oder ähnlich badewidriges Getier gibt es, wie man uns schon im Camp versicherte, im System des Tembeling und seiner Nebenflüsse nicht. Also tauchen wir in die herrlich kühle Flut. Die Kinder fangen sich einen kleinen Baumstamm ein, der daher geschwommenen kommt, und bauen mit allerlei Stöcken ein Boot. Damit fahren sie am Ufer auf und ab.

Es ist ein stiller Ort. Der Fluss – er ist zirka 20 Meter breit – fließt ruhig dahin. Man hört allenfalls gelegentliche Vogelstimmen. Ein größerer leuchtend blauer Vogel streift immer wieder in steifem Flug knapp über die Wasseroberfläche. Sonst ist von Tieren nichts zu sehen. Schräg vor uns liegt eine kleine Insel im Fluss. Dahinter biegt der Fluss nach rechts ab. Dadurch macht die Waldwand des gegenüberliegenden Ufers eine eindrucksvolle Biegung.

Nach und nach finden sich weitere Dschungelwanderer ein. Ein Australier spricht mich auf meinen Beruf als Staatsanwalt an, den er – die Travellerswelt ist klein – schon vor diesem Dschungeltreff irgendwie erfahren hat. So entspinnt sich fern jeglicher Zivilisation ein langes Gespräch über Wirtschafts- und Computerkriminalität, organisiertes Verbrechen und sonstige Gebrechen hochentwickelter Gesellschaften. Noch merkwürdiger ist das Gespräch, das ich mit einem jungen Deutschen vom gestrigen Abendtisch führe. Wir befassen uns, während wir im Tropenfluss stehen, mit einem der hochkarätigsten Produkte europäischen Sommerfrischenbedürfnisses: palladianischen Villen. Ausführlich diskutieren wir, gelegentlich in die kühlen Fluten tauchend, Probleme der Renovierung dieser hochartifiziellen Lustgebäude im fernen Italien. Mein Gesprächspartner ist Architekt und hat längere Zeit an der Wiederherstellung einer palladianischen Villenanlage gearbeitet. Auf die Arbeit stieß er durch Zufall auf einer Italienreise. Spontan entschloss er sich gegen Kost und Logis – in der Villa – mitzuarbeiten. Er blieb ein Jahr als dienstbarer Kostgänger – eine europäische Variante des Travellerlebens. Im Laufe seiner Tätigkeit lernte er, da die Villenbesitzer alle in Verbindung miteinander stehen, zahlreiche andere Villen kennen, von Palladio aber auch von anderen Baumeistern. Er forschte in alten Papieren und Plänen und kam so zu höchst intimen Kenntnissen über die italienische Villenkultur. Mitten im Dschungel öffnet sich, kaum dass wir die Waldmenschen hinter uns gelassen, eine Schatzkiste, in der die prächtigsten Edelsteine europäischer Kultur funkeln – wahrlich, es gibt auch geistige Abenteuer.

Mit herannahender Essenszeit – man muss zwei Stunden im Voraus bestellen – machen wir uns auf den Rückweg zum Camp. Hierzu brauchen wir nur dem Fluss zu folgen. Das Camp liegt an der Einmündung dieses Flusses in den wesentlich reißenderen Tembeling. Auf einer Wegkreuzung kurz vor dem Camp stehen einige einfache Hütten aus Palmblättern. Auf dem Platz, den sie bilden, spielen einige Waldmenschen mit einem Ball aus geflochtenen Zweigen Fußball. Auch ein Lederfußball kommt zum Vorschein. Wir befinden uns praktisch mitten in der guten Stube der Waldmenschen. Eine "Hütte" aus geflochtenen Matten steht auf Stelzen. Darin wird offenbar geschlafen. Daneben stehen Hütten, die praktisch nur aus einem A-förmigen Palmblattdach bestehen, das über dem nackten Boden steht und nur etwa einen Meter hoch ist. Darin sitzen Frauen und kochen auf einem Holzfeuer. Der Rauch zieht durch das Palmdach ins Freie. In der Hütte steht ein Kofferradio, aus dem Popmusik tönt. Einige Kinder – sie laufen praktisch nackt umher – haben offensichtlich eine Hautkrankheit. Ihre Haut ist am ganzen Körper aufgesprungen, sodass sie von lauter weißen Schuppen übersät sind.

Hier in der Nähe des Camps – wohl auch von ihm – lebt offenbar die Übergangsform der Waldmenschen. Sehr überzeugend sieht das nicht aus. Das Schicksal der australischen Ureinwohner und der Indianer kommt einem in den Sinn. Nicht weit von den Waldmenschen befindet sich das Kraftwerk des Camps, eine schwere Dieselturbine, die einen Höllenlärm macht.

Während wir auf das Abendessen warten, gehe ich mit Sassi und Lucy zur Bootsanlegestelle. Von der Höhe des Steilufers blickt man auf den Tembeling, der mehr als 10 Meter unter uns fließt. In der Regenzeit steigt er stark an und füllt das tiefe Bett fast bis auf unsere Höhe aus. Die Zeichen seines gewaltigen Wirkens sind an der ausgewaschenen Uferböschung deutlich zu sehen. Es herrscht eine tropische Abendstimmung mit leuchtenden Himmelsfarben. In der Ferne zuckt Wetterleuchten aus einem Gebirge von Wolken.

Abends bunte Runde im Restaurant. Die Australier von Cherating – Waltzing Mathilde – sind eingetroffen. Ein neuseeländischer Arzt mit Freundin ist dabei und die Deutschen von gestern. Zu uns gesellt sich ein junger malayischer Mann und macht uns bereitwillig allerlei Tourenvorschläge für den nächsten Tag. Er scheint einer jener erstaunlich unaufdringlichen Führer zu sein, die im Camp auf Aufträge warten. Auf sympatisch -malayische Weise berücksichtigen sie auch die Interessen der zu Werbenden, etwa indem sie sagen, bei welchen Touren man sie nicht benötigt. Er empfiehlt eine Wanderung auf der anderen Seite des Tembeling – zur Fledermaushöhle.

Ein Diavortrag über das Camp und den Dschungel wird gezeigt. Er ist eine willkommnene Nachbereitung unserer Tageswanderung. Es soll hier 400 verschiedene Baumarten auf einem Quadratkilometer geben. Auf dem Weg zu unserem Bungalow läuft uns der Bootsgenosse von der Hinfahrt über den Weg. Wir laden ihn auf unsere Veranda ein. Der Abendplausch in den Bambussesseln hat wahrhaft koloniale Züge und erinnert an Kipling oder Vicky Baum. Unser Gast macht mit Hilfe von Empfehlungsschreiben irgendwelcher Doktores, die die Empfänger offenbar für wichtig halten, eine Reise durch alle möglichen Naturreservate Asiens. Allerdings scheinen ihn, wie seine Erzählungen zeigen, weniger die Natur als die aufwendige Betreuung und die kostenlose Bewirtung zu interessieren. In Taman Negara hat man offenbar mehr Programm für ihn gemacht, als ihm lieb war. Er ist im Dschungel zusammengebrochen, aus Salzmangel, wie er meint.

Nochmals zieht es uns zum benachbarten Hide. In der Finsternis tasten wir uns bis zum Hochsitz vor. Angestrengt starren wir in das Dunkel. Das Ergebnis ist nicht weniger unklar, als am gestrigen Abend. Es bleibt offen, ob wir der Natur oder unserer Imagination nachspähen.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 10

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

29.3.1985

Frühes Aufstehen, höchst eiliges Frühstück und ab auf die Straße. Dort soll – zu unbestimmter Zeit – ein Bus nach Kuantan abfahren, der uns zum Anschlussbus nach Jerantut bringen soll. Es gibt weder eine Haltestelle noch einen Fahrplan. Wir warten. Nichts tut sich.

Die Zeit wird knapp. Um 14 Uhr müssen wir an einem Bootssteg im Zentrum der Halbinsel sein. Schließlich ist genug gewartet, wir gehen über zu aktiver Verkehrspolitik, per Anhalter. Ein netter junger Mann nimmt uns in seinem Kleinbus mit. Mit der Ruhe und der Selbstsicherheit eines Malayen fährt er in Richtung Kuantan. Unterwegs biegt er in eine Siedlung ab, als habe er dort etwas zu erledigen. Er hält aus dem Auto ein lässiges Schwätzchen mit einem Mann, der zufällig auf der Straße zu stehen scheint, ihm aber offenbar bekannt ist. Dann fährt er weiter, so als habe er seine Erledigung beendet. Alles geschieht ohne Eile und Drang. Ein bestimmter Zweck seiner Fahrt ist nicht zu erkennen. Er bringt uns aber, ohne etwas dafür zu wollen, direkt zum Busbahnhof, wo unser Bus nach Jerantut noch wartet.

Vertrauen erweckend sieht der Bus nicht aus. Es ist nicht klimatisiert und auch nicht gerade geräuscharm. Mit Höllenlärm knattert er in das Landesinnere hinein. Die Straße führt durch hügeliges Land mit weitläufigen Palmen- und Gummiplantagen. Erste Rast machen wir nach 80 Kilometern auf dem geschäftigen Busbahnhof von Temerloh, gleich neben einer großen vielzwiebeltürmigen Moschee. Dort versorgen wir uns mit Mangos und gebratenen Bananen. Im Schneckentempo geht es dann weiter nach Norden. Der Bus wird immer langsamer. Dann kommt die zweite Rast – in einer Werkstatt. Mit der landesüblichen Gelassenheit und mit angemessenen Pausen versucht man irgendeinem technischen Problem auf die Spur zu kommen. Eine Information über Grund und Dauer der Unterbrechung ist nicht vorgesehen.

Es ist heiß. Die Geduld der Passagiere ist asiatisch. Nach einer halben Stunde – es ist halb Eins – frage ich vorsichtig an, wann es weitergehe. Man antwortet mit beschwichtigenden Gesten. Vermutlich wundert man sich über diesen unruhigen Europäer. Nichts tut sich. Es folgen: weitere Nachfrage – Vertrösten; dringliche Nachfrage – der Anschein von Aktivitäten; eindringliche Schilderung unserer Lage (mangels Sprachkenntnisse auf beiden Seiten unter Einsatz von Händen und Füßen) – Ankündigung eines Ersatzbusses; Drohen mit Verlassen des Gebäudes zu Fuß – erneutes Versprechen eines Ersatzbusses; endgültiger Entschluss, es per Anhalter zu versuchen, In-die-Tat-Umsetzen durch Schultern der Rucksäcke und zielstrebiges Ausschreiten in Richtung Tor. Da endlich kommt bei Mannschaft und Fahrgästen Bewegung in Richtung auf einen Ersatzbus auf, der schon die ganze Zeit auf dem Hof stand.

Auf fast leerer Straße – die Verkehrsmenge nähert sich hier im Landesinneren dem Faktor Null – und mit begrüßenswertem Tempo geht es nun nach Jerantut. Dort kommen wir kurz nach halb zwei Uhr an, was uns tatsächlich noch eine Chance gibt, unser Dschungelboot zu erreichen. Sofort beginnen Verhandlungen wegen eines Taxis zur Weiterfahrt nach Tembeling. Mit einem altersschwachen Peugeot-Diesel geht die Fahrt auf einer Strasse weiter, die wie eine Berg- und Talbahn  kerzengrade über die Hügel gelegt ist. Wenn es rauf geht, könnte man alle Hoffnung verlieren. Runter holt der alte Wagen aber alles wieder auf. Dann hofft man, dass die Bremsen funktionieren. Der Fahrer scheint darauf zu vertrauen, nicht benutzen zu müssen. Punkt zwei Uhr sind wir an der Anlegestelle. In der Eile lassen wir unseren gesamten Proviant im Taxi liegen, darunter die Kinderspielzeugschokolade, die wir  eigens für die 60 Kilometer lange Bootsfahrt gekauft haben.

Man wartet bereits auf uns. Wir sind namentlich per Telex angekündigt worden. Die lange Bootsfahrt ist, wie sich herausstellt, höchst exklusiv. Außer uns sind nur noch ein wenig gesprächiger Deutscher und drei Mann Besatzung mit von der Partie. Auch unser Gefährt ist eine Überraschung. Das hölzerne Boot ist vollkommen flach, zirka 15 Meter lang und nur etwas über einen Meter breit.

Es geht sofort los. Auf unsere Bitte hält man kurz nach dem Start noch einmal an, damit wir in Tembeling unsere verlorengegangenen Vorräte ergänzen können. Der Ort ist eine gänzlich unmalayische Ansammlung von Rosthütten, die auf dem Steilufer des Flusses Telom steht. Den Müll, meist Plastik und Blechverpackungen weltweit bekannter Produkte, kippt man direkt aus den Häusern auf das Ufer, sodass dieses eine einzige Müllhalde ist. Der letzte Außenposten der Zivilisation ist zugleich auch ihre übelste Steigerung.

Schnell erledigen wir die wichtigsten Einkäufe, besorgen Bananen, Bisquits, und Getränke. Im Stehen trinken wir noch einen heißen Tee – wer weiß, wann es wieder was zu trinken gibt. Vor allem benötigen wir einen Spray gegen die berüchtigten "leaches", Blutegel, die einen überall im Dschungel anfallen sollen. Man empfiehlt uns Baygon, hergestellt in Leverkusen.

Es geht wirklich los. Pfeilschnell schießt das Boot, angetrieben von einem starken Außenbordmotor, in den Fluß Tembeling, der genau gegenüber dem gleichnamigen Ort in den größeren Telom mündet. In rasender Fahrt geht es nun den glatten Fluss hinauf. Die starke Gegenströmung und unsere niedrige Sitzposition verstärken den Eindruck hoher Geschwindigkeit. Zunächst sieht man noch Menschen am Ufer. Gelegentlich wird ein Boot entladen. Auch baden Leute in den braunen Fluten. Dann werden die Anzeichen von Besiedlung in diesem Gebiet, das nur noch mit Booten zugänglich ist, immer dünner.

Der Dschungel breitet sich bald bis an das Ufer aus. Wie eine große grüne Wand zieht er sich den Kurven des Flusses entlang. Zeitweilig geht es durch bergiges Gebiet. Das Boot rast mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Kurven, die nun enger werden. So ähnlich muss sich ein Skifahrer beim Riesenslalom fühlen. Auf den Bergen sieht man dichten Urwald. Über allem ragen die Baumriesen in den Himmel. Einmal liegen Wasserbüffel auf einer Sandbank.

Dann beginnt Taman Negara, der Nationalpark. Von da an fahren wir nur noch durch dichten Wald. Ab und zu liegen gestürzte Urwaldriesen im Wasser. Drei  Stunden lang starren wir wie gebannt in die unberührte Landschaft. Dann treffen wir an der Mündung eines Nebenflusses auf allerlei Betriebsamkeit. Hoch auf dem Ufer liegt, mitten im ältesten Urwald der Welt, das Camp.

Die Unterbringung ist alles andere als unzivilisiert. Wir bekommen einen geräumigen Doppelbungalow. Er hat zwei vollständige Wohneinheiten, jeder mit einer veritablen Badewanne. Verbunden sind die beiden Teile durch eine schattige Terrasse mit bequemen Sitzmöbeln. Ein eigener Terrassenventilator sorgt auch im Freien für Kühlung. Gleich unter uns fließt, tief eingegraben, der Tembeling. Koloniale Gefühle kommen auf.

Wir machen einen kleinen Rundgang durch das Camp, das zirka 150 bis 200 Leute beherbergen kann. Die vielen flachen Gebäude sind so auseinandergezogen, dass die Verbindung zur Landschaft erhalten bleibt. In der beginnenden Dämmerung unterziehen wir den Dschungel einem kurzen kritischen Test. Er muss sich natürlich an Tioman messen lassen. Zu unserer leichten Enttäuschung besteht er den Test nicht. Tioman verdirbt alle Maßstäbe. Ohne Tioman hätten wir vermutlich auch über Cherating keine merkwürdigen Fragen gestellt.

Immerhin soll es hier aber die Möglichkeit geben, Urwaldtiere zu beobachten. Die besten Beobachtungsplätze, "hides" genannt, sind weit draußen im Dschungel. Man übernachtet in Schutzhütten direkt am Beobachtungsort. Ein hide ist aber auch direkt am Camp. In der Dämmerung schleichen wir durch ein Stück Dschungel und klettern auf einen Hochsitz. Vor uns liegt eine ziemlich weite Lichtung. Darin sind ein paar Schatten erkennbar. Lange rätseln wir, ob sie sich bewegen, was der Beweis dafür wäre, dass es sich um Tiere und nicht bloß um aufgewühlten Boden handelt. Sehr lebhaft sind die möglichen Tiere jedenfalls nicht. Die Indizien für ihre Existenz bleiben im wahrsten Sinne des Wortes schemenhaft.

Wesentlich deutlicher machen sich allerhand Kleintiere bemerkbar. Auch sie kann man nicht sehen, dafür umso besser hören. Um uns findet ein Dschungelkonzert von bislang nicht gekannten Dimensionen statt. Lautstarke Insekten, vor allem Zikaden, kennt man ja auch in europäischen Breiten. Gemessen am Tonvolumen, das man hier antrifft, sind deren Klänge aber die reinste Kammermusik. Hier ist ein Riesenorchester am Werk, dessen Mitglieder im Dauerfortissimo spielen. Hinzu kommt, dass auch die Zahl der Instrumententypen vervielfacht ist. Ganz unterschiedliche Melodien bilden unendlich viele Kontrapunkte. Manche spielen ein Thema an, das ein paar Meter weiter von einem anderen erwidert wird. Andere scheinen alleine vor sich hin zu musizieren. Unter jedem Blatt scheint ein Musikant zu sitzen, der seine Stimme gegen allen anderen zu Gehör bringen will. Und Blätter gibt es genügend im Dschungel.

Abendessen in einem der beiden Restaurants – es gibt Nasi Goreng. Während des Essens erscheinen an der offenen Seitenwand des Restaurants zwei überdimensionale "Rehe", etwa so groß wie Pferde. Sie lassen sich von den Touristen füttern. Auch gegen das Streicheln ihres rauhen Felles haben sie keine Einwände – original wild life im Touristenrestaurant.

Eine Gruppe deutschsprachiger Touristen findet sich zusammen, bürgerliche Travellers: ein ehemaliger Bundeswehroffizier, der seit Jahren auf allen Kontinenten herumreist, ein Elektriker aus Berlin, ein Gartenarchitekt, ein Schüler und andere. Man bleibt bis das Restaurant schließt.

Heimweg zum Bungalow – in der Ferne verklingt das Dschungelkonzert. Kurz nach Mitternacht wird das Dieselkraftwerk abgeschaltet. Damit gibt es kein Licht mehr im Haus. Auch der Ventilator fällt aus. Durch den luftigen Bungalow zieht jedoch angenehme Waldluft. Auf der Veranda tollen sich in der Nacht irgendwelche Tiere. Zu sehen bekommt man sie nicht. Wahrscheinlich wissen sie, dass es nachts kein Licht gibt.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985- Teil 9

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

28.3.1985

Man lässt uns nicht darben. Das Frühstück ist opulent. Anschließend ziehen wir in einen geräumigen Doppelbungalow. Die Kinder haben die eine Hälfte, wir die andere. Plötzlich erschallt der Ruf, es würden Kreiselspiele gezeigt. Vorne an der Straße ist eine Busladung Pauschaltouristen angekommen, lauter Deutsche. Drei makellos gekleidete Malayen führen ihnen das traditionelle Kreiselspiel vor. Nach gebührend gravitätischer Vorbereitung werden die fast 40 Zentimeter breiten schweren Kreisel auf eine Platte gesetzt. Man zieht kräftig an einem Band. Dann drehen sich die Kreisel "regungslos" bis zu 20 Minuten lang. Die Menge betrachtet sie leicht ratlos und klatscht artig Applaus, wenn nach theatralischer Aktion wieder ein Kreisel in Gang gesetzt ist. Der Höhepunkt ist das Werfen der Kreisel, was, nach den Gesichtern der Akteure zu urteilen, das Schwierigste ist. Die Kreisel werden aus einigen Metern Entfernung auf die Platte geschleudert, wo sie wiederum ihre endlosen Kreise ziehen. Auch ein Affe wird vorgeführt. Er darf ein paar Kokosnüsse von einer Palme holen.

Cherating hat sich im Übrigen gemausert. Einige der unscheinbaren Hütten am Straßenrand haben sich in Souvenirläden verwandelt. Man kann dort unter Anderem verkleinerte Versionen der Kreisel kaufen. Die Frage bleibt allerdings: warum gerade in Cherating? Kampongromantik am Straßenrand?

Die Aufmerksamkeit der Gruppe verlagert sich auf unsere Kinder. Man fragt sie, was sie, leicht geschürzt und braungebrannt wie sie sind, hier mitten in der Schulzeit im fernen Malaysia tun. Ein übersprudelnder Sassi stiehlt den kreiselschleudernden Edelmalayen schließlich ganz die Schau. Er erzählt von seinen unpauschalierten Erlebnissen auf Tioman.

In der Nähe soll sich ein Club Méditerranée mit einem schönen Strand befinden. Vielleicht, denken wir,  löst sich dort das Rätsel von Cherating. Wir wandern also entlang der Landstraße, um zum Clubgelände zu gelangen. Nach einer dreiviertel Stunde treffen wir auf einen schnurgeraden Strand. In nobler Abgeschiedenheit befindet sich dort die Anlage des Clubs, eine Luxusburg aus ineinander verschachtelten und aufeinander geschichteten Kampongelementen. Zu nahe dürfen wir ihr nicht kommen. Der Torwächter pfeift uns sofort zurück. Man kann sich also fast wie zu Hause fühlen.

Lange hält es uns nicht an diesem ungastlichen Ort. Der Strand entspricht durchaus nicht dem, was man hierzulande beanspruchen kann. Im Gegensatz zu Cherating ist er schmal und sehr steil, wodurch die Wellen kurz und heftig brechen. Kein Mensch badet außer uns. Auch im Club scheint nicht gerade sprühendes Leben zu herrschen. Der Clubstrand ist genauso leer wie der unsrige. Wahrscheinlich baden sie dort im Schwimmbad. Hier ist das Rätsel von Cherating also auch nicht zu lösen.

Am frühen Nachmittag kehren wir, des öden Strandes müde, ins "lebhaftere" Cherating zurück. Die Sonne zeigt mehr als je zuvor, was sie in diesen Breiten vermag. Der Rückweg wird zur Qual. "Daheim" erholen wir uns im Travellersverschlag bei Tee und Spezereien. Danach genießen wir die ruhige Nachmittagsstimmung an "unserem" Strand. Einige Einheimische und Travellers sind da. Man kann von Strandleben sprechen.

Mit tiefer gehender Sonne strebt man zurück zum Futternapf im Kampong. Die Travellerschar wartet an den langen Tischen und ist gespannt darauf, was sich die Gastgeber diesmal ausgedacht haben, um sich Freude an unserem Appetit zu verschaffen. Das Mahl, das mit allerlei tropischen Zutaten versehen ist, lässt wieder nichts zu wünschen übrig.

Abends Travellergespräche. Ein junger Italiener, einer der seltenen Weltenbummler dieser Nation, unterhält die Gesellschaft bis spät in den Abend hinein. Er berichtet lebhaft von seinen jahrelangen Reisen auf allen fünf Kontinenten und macht sich über die mangelnde Abenteuerlust seiner Landsleute lustig. Wenn er zwischen seinen Reisen wieder einmal einen Versuch gemacht habe, in seinem lombardischen Heimatdorf zu leben, sei er bereits nach wenigen Wochen wieder reif für weitere Abenteuer gewesen. Mit von der abendlichen Partie ist im Übrigen ein Heer von Moskitos, die man erst zu spät mit Räucherspiralen vertreibt. Allgemeines Jucken und Kratzen ist die Folge.

Erstmals schlafen wir auch unter Moskitonetzen. Es ist angenehm "kühl" im Bungalow – wir haben die Fenster geöffnet. Die malayischen Nachtgeister verschonen uns aber. Wahrscheinlich sind sie nationalistisch.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 8

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

27.3.1985

Morgens stehen allerlei Thermoskannen mit heißem Wasser bereit. Wir können damit nicht nur, wie geraten, unseren eigenen Tee zubereiten, sondern auch noch den unabdingbaren Vorrat für die Reise auffüllen. Anschließend findet das Frühstück wieder in der Bäckerei unter dem Hotel statt. Das Gepäck lassen wir zunächst einmal im Hotel.

Die Befürchtung, wir könnten wesentliche touristische Aspekte von Kuantan übersehen haben, treibt uns auf die Suche nach dem lokalen Tourist-Office. Zufällig verhandelt dort gerade jemand über die Einreise in den Nationalpark Taman Negara, von dem wir unterwegs immer wieder gehört haben. Nach Gerüchten, die in Travellerskreisen kursieren, soll man ihn zur Zeit eigentlich nicht besuchen können. Wie sich nun herausstellt, ist es doch möglich, muss aber beim zuständigen Ministerium in Kuala Lumpur besonders beantragt werden. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es, wie hier, durch das Tourist-Office und dazu noch alsbald geschieht. Der freundliche Manager setzt Telefon und Telexgerät in Bewegung und verkündet nach erstaunlich kurzer Zeit, dass wir am übernächsten Tag einreisen können. Punkt 14 Uhr müssten wir an einer Anlegestelle in Tembeling, einem kleinen Ort im Zentrum der Halbinsel sein, von wo uns ein Boot sechzig Kilometer in den Dschungel fahre. Für die Kinder, so verkündet er stolz, habe er eine kostenlose Bootsfahrt erreichen können.

Das gibt uns Zeit für Cherating. Schon vor hunderten von Kilometern, an der Grenze, hat man uns diesen Ort in einem Atemzug mit Tioman empfohlen. Also packen wir erwartungsfroh unsere sieben Sachen und begeben uns zum Busbahnhof. Abfahrt ist jede Stunde. Cherating, über das wir nichts wissen, scheint ein bedeutender Ort zu sein.

Ein Bummelbus, der an jeder Ecke hält, bringt uns etwa vierzig Kilometer weiter nach Norden. An einer nicht weiter auffälligen Stelle hält er. Der Schaffner verkündet, wir seien in Cherating. Wir steigen aus, der Bus fährt weiter und wir stehen alleine mitten in der Landschaft. Außer ein paar Kampongs unter Kokospalmen ist nicht viel zu sehen, kein Strand, keine spektakuläre Landschaft. Wo ist Cherating?

Am Stamm einer Palme finden wir ein leicht lädiertes Schild, das auf eine Unterkunft hinweist, die uns schon an der Grenze genannt wurde. Offensichtlich sind wir am richtigen Ort, es fragt sich nur warum. Wir folgen dem Schild. Schon nach wenigen Metern verläuft sich der Weg zwischen den Kampongs. Als wir etwas verunsichert in einem der Häuser nachfragen, bedeutet man uns, das wir das Ziel erreicht hätten, eben dies sei der gesuchte Ort. Ein Bett sei allerdings nicht frei. Dennoch weist man uns nicht ab, sondern ist höchst bemüht, uns anderweitig unterzubringen. Man fragt bei Verwandten in der Nachbarschaft nach. Von dort kommt der Dolmetscher, ein großer älterer Engländer im Sarong, weißhaarig, hager, mit mächtigem weißem Bart und nacktem Oberkörper – George Bernard Shaw in Tropenausgabe. Er erklärt, dass wir die erste Nacht im Nachbarkampong schlafen können. Dann werde ein Bungalow frei.

Wieder einmal vertreiben wir einen dienstbaren Kostgänger. Der alte Engländer – er gehört offenbar zum Inventar des Hauses – räumt sein eigenes Zimmer. Wir bekommen zwei Doppelzimmer am Rande des riesigen Hauptraumes, abgetrennt von diesem durch eine jener Wände, die nicht bis an die Decke gehen. Man legt großen Wert auf Sauberkeit. Den blitzsauberen Hauptraum dürfen wir nicht mit Schuhen betreten. Er ist etwa hundert Quadratmeter groß, spärlich möbliert, aber mit einem Fernseher und dazugehöriger Sitzgruppe ausgestattet. So wohnen wir denn einmal in einem Kampong, dem einstöckigen auf Pfählen stehenden traditionellen Holzgebäude, und im wahrsten Sinne des Wortes unter einem Dach mit einer malayischen Familie. Die Kinder fühlen sich sofort zu Hause. Sie springen um den Kampong herum und kümmern sich um eine junge Ziege, die eine Verletzung am Fuß hat.

Wir werden weiter in die Regeln von Cherating eingeführt. Die Verpflegung – man bietet Halbpension – erfolgt im benachbarten Kampong. Dort hat man für die Travellers einen Verschlag mit langen Tischen angebaut, in den man uns hineinbittet. Sogleich bietet man uns Tee und Bisquits, gebackene Hörnchen mit Fleischfüllung und Bananen in unbegrenzter Menge an, ein ständiger und kostenloser Service, der praktisch auf Vollpension hinausläuft. Mit stetem Lächeln und aufmunternder Freundlichkeit werden wir geradezu genötigt, ordentlich zuzupacken. Jeder Biss scheint den Wirtsleuten ein persönliches Vergnügen zu bereiten – ein erstaunlicher Mangel an gastronomischer Professionalität, wenn man bedenkt, dass die Häufung von Reisenden, wie hier, in der Regel regelmäßig den gegenteiligen Effekt erzeugt.

Wir begeben uns zum Strand. Er liegt nicht etwa vor der Haustür, wie man angesichts der "Berühmtheit " von Cherating erwarten könnte. Zuerst ist ein sumpfiger Kokospalmenwald zu durchqueren, in dem einige verlassene und verkommene Kampongs stehen. Der Sumpf resultiert aus den Abwässern der Kampongs, die direkt in den Sand abgelassen werden. In Bodenvertiefungen treten sie wieder an die Oberfläche. Manchmal bilden sie Tümpel, in denen eine große Zahl kleiner springender Fische lebt. Als wir uns nähern, erheben sie sich in einer großen Wolke und fliehen davon.

Der Strand ist wenig spektakulär, eine lange flache Bucht, die auf der einen Seite in niedrige Felsen übergeht. Vermutlich sind solche Buchten an dieser Küste zuhauf zu finden. Unmittelbar am Strand sind eine kleine, ausgestorbene Ferienkolonie aus winzigen Häuschen und ein Restaurant mit lauter Musik aber keinen Gästen. Überhaupt ist so gut wie kein Betrieb – off season Stimmung. Warum gerade Cherating? Die Lage ist es auch nicht. Wahrscheinlich ist es "nur" ein gut propagierter Familienbetrieb zur Bewirtung von Travellers.

Das Meer ist flach. Um untertauchen zu können, muss man eine längere Wanderung zurücklegen. Wir baden in den milden Wellen und spielen mit den Kindern Fangen im Wasser. Eine kleine Felsenbucht dient als Heimathafen.

Abends ist allgemeines Treffen im Verschlag. Zirka 20 bis 30 Travellers, meist junge Leute, finden sich ein. Reisende mit kleinen Kindern hat man hier noch nie gesehen, daher einige Verwunderung und Fragen. Man speist gemeinsam. Das Mahl ist opulent und reichlich, Grundton malayisch. Bei uns sitzt zunächst ein Paar aus Australien, das nicht eben vor Temperament sprüht. Die Unterhaltung ist stockend. Aufregendstes Thema ist – aus der Sicht des weiblichen Teiles des Paares – die Tatsache, dass Australiens bekanntester Song und gewissermaßen die inoffizielle Nationalhymne, "Waltzing Mathilde", vom Komponisten ins Ausland verkauft wurde – die Bedeutung des Ereignisses lässt sich erst ermessen, wenn man sich vorstellt, "Hänschen Klein" würde an einen japanischen Mischkonzern verkauft.

Ein junger Deutscher berichtet von Hakenwürmern, die er sich beim Barfusslaufen – auf Tioman, wie er meint – zugezogen habe. Jetzt muss er am Tag 20 verschiedene Tabletten schlucken, um die kleinen Tiere daran zu hindern, durch die Blutbahn ins Gehirn vorzudringen, wo sie offenbar einiges Unheil anrichten können. Sie sollen sich insbesondere in der Nähe von offenen Toiletten aufhalten. Nachdenklich betrachten wir danach unsere eigenen Füße und rekonstruieren unsere Toilettenbesuche. Wir meinen, immer Schuhe getragen zu haben. Dott ging gerne barfuss, hoffentlich nicht auch auf die Toilette.

Der Rest des Abends ist zu einem erheblichen Teil mit dem Versuch ausgefüllt, die Kinder vom malaysichen Fernsehen weg und ins Bett zu bekommen. Die Erfinder des Kampong haben nicht mit den modernen Medien gerechnet. So nimmt man, da die Wände nicht bis zur Decke gehen, im Schlafzimmer am Fernsehgeschehen im Hauptraum teil.

Man lädt uns ein, mit vor dem Fernseher Platz zu nehmen. Es läuft ein amerikanischer Film mit Untertitel – Weltkultur im Kampong. Amerika beherrscht überhaupt den Bildschirm. In den malaysichen Tageszeitungen werden die neuesten Episoden der Endlosserie "Denver Clan" regelmäßig in großer Aufmachung besprochen. Die Nation leidet mit Christel und Blake. Wie lange wird sich die weiche malayische Seele halten gegen die permanenten Attacken einer Alexis auf Takt und Scham?

In unserem Kampong ist die europäische und asiatische Seele vorerst noch harmonisch vereint. Die Herrin des Hauses, eine freundliche Malayin mittleren Alters, liegt neben dem Riesen aus England, der sie gelegentlich streichelt, auf dem Sofa. Er selbst hat den Sanftmut der Malayen angenommen. Sein ganzes Wesen ist Abgeklärtheit und Weichheit, allerdings von der bewussten und gewollten Art, die einem Europäer wohl allein möglich ist. Peinlich achtet er darauf, dass die Regeln eingehalten werden, vielleicht zu peinlich. Nach dem Waschen – draußen unter der Himmelsdusche – habe ich vergessen, meine Schuhe auszuziehen. Sofort ergreift er vorwurfsvoll schweigend den Besen und kehrt mir nach. Schmutz war wohl kaum wegzukehren, aber der Regelverstoß.

Die Nacht ist heiß und unruhig. In unserem Zimmer steht die Luft. Es fehlt ein Ventilator. Dennoch hat man uns gebeten, das Fenster nicht zu öffnen – aus Angst vor nächtlichen Einsteigern. Die asiatische Seele denkt dabei vermutlich nicht nur an menschliche Störenfriede. Wir halten uns an die Regeln und bringen den malayischen Nachtgeistern ein schweißnasses Opfer dar. Draußen auf der nahen Landstraße donnern die ganze Nacht zahllose Lastwagen entlang. Sie transportieren abgeholzte Urwaldriesen, meterdicke Stämme, aus deren Holz die Vertäferung irgendeiner Chefetage in Amerika, Japan oder Europa gefertigt werden wird. Auch die Geister der westlichen Welt verlangen ihr nächtliches Opfer.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 7

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

26.3.1985

Am Morgen klagen die Kinder über allzu große Naturnähe. Ameisen haben die Hütte heimgesucht und eine unruhige Nacht beschert.

Es heißt Abschied nehmen. Unser Abgang aus dem Paradies ähnelt dem von Adam und Eva – er findet unter Druck, Zeitdruck statt. In uninsularer Eile hetzen wir in der Frühe zu Nazri’s Strand zurück, von wo es – von wo sonst? – zum Festland geht. Unsere Seelenlage entspricht dem Zustand jener großen Kokospalme am Wegesrand, die über Nacht umgestürzt ist und nun mit ihrer prächtigen Krone im Wasser liegt.

Das Boot liegt schon „auf“ dem Strand. Wir haben gerade noch Zeit, unser Gepäck von den Polen zu holen und hineinzuklettern. Good bye Tioman, good bye deinen Stränden, Korallen, Dschungelbächen, tiefsinnigen Gesprächen, good bye der Palmenidylle, dem Dschungel, dem Tropenkonzert – good bye paradise.

Mit auf dem Boot sind Dott und John. Die Kinder finden bald weitere Bekannte, ein paar Deutsche, die sie auf der Insel kennen gelernt haben. Stolz betrachten wir im Vorbeifahren noch einmal „unsere“ Dschungelwand. Viel zu sehen ist leider nicht. Der obere Teil ist, ebenso wie die Berge im Innern der Insel, von dunklen Wolken eingehüllt. Dafür liegt sehenswerte „Landschaft“ diesmal über dem Meer. Hier türmen sich mächtige Wolkengebirge.

Ich habe einen abgasfreien Platz auf dem wenige Quadratmeter großen Dach des Bootes gefunden. Ein kühler Regenschauer zwingt mich allerdings kurzfristig, darunter Schutz zu suchen. Nachbar auf meiner luftigen Terrasse ist ein Engländer. Er ist Soldat, Ausbilder eines in Hongkong stationierten Gurkaregiments, das er zur Zeit in den Wäldern Malaysias in Überlebenstechnik und Dschungelkampf trainiert – Gelegenheit also nach den gesammelten eigenen Erfahrungen, den Fachmann „sachkundig“ zu befragen. Er berichtet, dass das Leben im Dschungel keinesfalls besonders schwierig sei. Es sei zwar recht feucht, wegen des allgegenwärtigen Schattens sei es aber nicht übermäßig heiß. Von der Tierwelt drohe praktisch keine Gefahr. Die meisten Tiere, insbesondere die Schlangen, verzögen sich aufgeschreckt durch die Bodenerschütterungen, die der Mensch verursacht, schon lange, bevor sie in Sichtweite kämen. Man bekomme daher allenfalls einmal eine Wasserschlange zu Gesicht, da diese die Erschütterungen im Wasser nicht spüren könne. Wasserschlangen seien aber völlig harmlos. Nachts könne man sich gegen versehentliche Kontakte mit gefährlichen Tieren schützen, indem man um sich einen Kreis aus Zweigen eines bestimmten Baumes lege. Die starken Ausdünstungen dieser Pflanze hielten jegliches Getier fern. Allerdings verursachten sie bei manchen Menschen schwere Allergien.

Das südchinesische Meer ist an diesem Tage eher pazifisch gestimmt. Die Meerfahrt ist ein einziges Vergnügen. Es gibt keine bleichen Gesichter und keine danieder gestreckten Traveller. Die Kinder turnen auf dem kleinen Boot herum und unterhalten die Reisenden. Als die kleinen Inseln vor der Küste in Sicht kommen, wissen wir, dass wir auch von Piraten verschont geblieben sind. Angeblich sollen die Piraten, die ihr Unwesen im nördlichen Teil des südchinesischen Meeres treiben und dort insbesondere die Vietnamflüchtlinge überfallen, mit ihren Schnellbooten gelegentlich auch in diesen Breiten auftauchen. Mit einer gewissen Erleichterung fahren wir daher in den geschäftigen Fluss ein, in dem es von Seelenverkäufern nur so wimmelt. Teilweise sind fünf Boote seitlich aneinander geparkt. Bald haben wir wieder festes Land unter den Füßen.

In der Mittagshitze ist zunächst der Weg in die Innenstadt von Mersing zu bewältigen. Dort beginnt unter Beteiligung der einheimischen Bevölkerung ein großes Palaver über die weiteren Verkehrsverbindungen. Gibt es einen Bus nach Norden, fährt er noch am gleichen Tag, nachmittags, abends? Jeder hat andere Informationen. Es gilt Abschied von den Travellers zu nehmen, von Dott vor allem und John.

Wir lassen uns zunächst einmal in einem Restaurant nieder, genießen eine heiße chinesische Suppe und feiern anschließend ein wahres Ananasfest. Von dort gehe ich mit Sassi auf die Suche nach einer Busstation. In den Läden, in denen wir Informationen zu erhalten versuchen – Geschäftsleute können in der Regel am besten Englisch – gibt es alles, von der Zange über Töpfe bis zu jungen Enten. Dicht gedrängt piepsen letztere in einem flachen Korb, der am Boden steht. Sassi fragt gleich nach dem Preis, der nach unseren Maßstäben verschwindend ist. Er ist fest entschlossen, eines der kuscheligen Tierchen  zu kaufen, notfalls von seinem Taschengeld. Nur mit Mühe gelingt es mir, ihn davon zu überzeugen, dass Enten keine besonders guten Reisebegleiter sind.

Entgegen allen Befürchtungen bekomme ich in einem Restaurant Tickets für einen Bus, der noch am gleichen Tag fahren soll. Einen genauen Zeitpunkt für die Abfahrt kann man zwar nicht sagen, wir sollen im Vorraum des Restaurants warten, bis er kommt. Also warten wir mit einigen Einheimischen, in jedes mögliche Schicksal ergeben.

Allzu lange lässt der Bus dann nicht einmal auf sich warten. Überraschenderweise weist er sogar einen beachtlichen zivilisatorischen Komfort auf – getönte Scheiben und eine Klimaanlage. Kann man sich gegen solche Annehmlichkeiten wehren? Tioman und das Paradies sind schon weit weg, jetzt stellen sich andere Probleme!

Erste Busfahrt in Malaysia. Unser Ziel ist zunächst einmal Kuantan, 250 Kilometer weiter nördlich. Das Küstengebiet, durch das die Straße führt, ist ziemlich dicht besiedelt. Überall finden sich, wie üblich unzusammenhängende, Kampongs. Nur selten gewinnt man den Eindruck einer geschlossenen Ortschaft. Die Malayen müssen einen gewissen Hang zur Absonderung haben. Es wäre interessant, zu wissen, was die sozialen Voraussetzungen dieser verstreuten Siedlungsform sind und welche Besonderheiten des gesellschaftlichen Lebens sie erzeugt haben.

Malerisch, wie man nach den Beschreibungen insbesondere regierungsamtlicher Provenienz erwarten konnte, ist die flache Küstenlandschaft nicht. Irgendwo weit außerhalb einer mittelgroßen Stadt machen wir 20 Minuten Rast auf einem größeren Asphaltfleck. Da man nichts weiter tun kann, füttern wir ein paar frei umherlaufende Ziegen mit Bananenschalen.

Gegen Abend erreichen wir Kuantan bei leichtem Regen. Ein Hotel ist bald gefunden. Wir wohnen, unseren Gepflogenheiten entsprechend, altchinesich, das heißt in einem weitläufigen Gebäude, das an einer lauten Straße liegt, nach allen Seiten offen ist, Zimmerwände hat, die nicht bis an die Decke gehen und leicht verstaubt ist. Wir sind die einzigen „Weißen“ im Hotel. Schon als wir nach einem Zimmer fragten, hat man uns erstaunt angeschaut.

Nach Abschluss der Duschzeremonien gibt es etwas zu Essen in der Bäckerei, die zum Hotel gehört. Auf unsere Frage nach einem Getränk empfiehlt man uns, Teebeutel zu kaufen und im Hotel heißes Wasser zu bestellen. Das sei wesentlich billiger, als draußen in einem Restaurant Tee zu trinken – irgendwie praktisch diese Chinesen.

Kleiner Rundgang durch die umliegenden Geschäftsstraßen, die Kinder toben noch etwas in den weitläufigen und verschachtelten Gängen des Hotels bis sie bettreif sind.

Wir machen einen weiteren Spaziergang durch die Stadt. Eine Straßengarküche lockt mit einem Pfannengericht. Der junge Koch gibt sich für uns besondere Mühe und zaubert, assistiert von seiner stolzen Mutter, mit artistischer Fingerfertigkeit aus allerlei Zutaten einen höchst schmackhaften Imbiss. Die Freude an seiner Tätigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Ein Supermarkt ist noch geöffnet. Es gibt alles, was die Malaysier dringend benötigen: Honig aus Australien, Mineralwasser aus Frankreich, Popcorn aus Amerika. Ein Zentrum abendlichen Lebens können wir nicht finden, daher gehen wir früh zu Bett.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 6

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

25.3.1985

Am Morgen liegt das Schulboot am Landungssteg. Es bringt die Kinder von Guara für 14 Tage in ihre Schulquartiere auf der Hauptseite der Insel. Dort wohnen sie bei Verwandten und Bekannten. Die Kinder warten, sauber herausgeputzt, mit ihren besorgten Müttern am Pier auf die Abfahrt des Bootes. Allerlei Gepäck und Verpflegung muss untergebracht werden. Zwischen Bergen von Kokosnüssen und sonstiger Last sitzen die Kinder auf dem offenen Deck. Judi und die beiden Kleinen entschließen sich, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem Schiff zurückzufahren. Sie gesellen sich zu den zierlichen Malayenkindern, unter denen sie wie Riesen aussehen.

Die wahren Dschungelenthusiasten wählen den Fußweg – schon eingedenk der hohen Wellen, in denen wir gestern gebadet hatten. Auch hatten wir die Dschungelfotos wegen der schlechten Lichtverhältnisse im Wald noch zurückgestellt. Sie mussten unbedingt nachgeholt werden. Das Boot – es ist von der üblichen Bauart – schaukelt aus der Bucht. Dott, die eigentlich mitfahren wollte, hat es verpasst, weil es früher abgefahren ist als geplant – auch das gibt es in Asien. Es sollte allerdings ihr Glück sein. Kurze Zeit später erscheint nämlich John und sucht – nicht ganz unbesorgt – seine eskapatistische Gemahlin, wozu er sich offensichtlich schon in aller Frühe auf die Beine gemacht hat.

Nach einem letzten Wellenbad machen Cinqui und ich sich ebenfalls auf den Rückweg. Wir durchqueren wieder die flache Bucht mit ihren Kokospalmen. Natürlich holen wir uns eine letzte Abkühlung in „unserem“ Fluss am Ende der Bucht. Es folgt der lang ansteigende Weg ohne Schatten. Die Sonne steht im Zenit. Schon bald sehnen wir uns wieder nach Wasser. Da der Weg weit oberhalb der Täler verläuft, ist Wasser auf dieser Seite des Aufstiegs rar. Später können wir es zwar hören, finden jedoch keinen Zugang. Endlich kommt der Dschungelpool. Er besteht aus einem kreisrunden Loch von etwa sieben Metern Durchmesser, ist zwei Meter tief und mit klarstem fließendem Wasser gefüllt. Wir nehmen darin ein ausgiebiges Bad.

Nach dieser Erfrischung ist der weitere Weg schon wesentlich angenehmer, zumal wir das schlimmste hinter uns haben und uns der Schattenzone nähern. Abseits des Weges entdecken wir das weich ausgewaschene Tal eines Wildbaches, der unter einem Gewirr von abgebrochenen Ästen und umgestützten Bäumen hindurchrauscht. Abenteuerliche Lianen spannen sich hier sogar quer über das Flussbett. Es folgt der steile Abstieg über Stock und Stein. Jetzt öffnen sich aufregende Blicke in die Tiefe, etwa entlang der Schneise, die ein gestürzter Urwaldriese irgendwann einmal geschlagen hat. Überhaupt ist es die Gemengelage von toter und lebender Natur, die einen so berührt, vielleicht, weil sie deutlich macht, wie einseitig unser Bild von der Natur ist. Es ist sehr von den „aufgeräumten“ Kulturlandschaften Europas geprägt. Mehrfach rasten wir am Rande eines kleinen Baches, kühlen uns die Füße und staunen.

Viel zu schnell ist alles wieder vorbei. Noch einmal eröffnen sich Ausblicke, von denen man das Ganze der durchstiegenen grünen Wand mit den hellen Stämmen der Riesen überblicken kann. Die Dorfmoschee ist erreicht, dann folgen Kulturlandschaft, Häuser und die flache Bucht. Es bleibt noch der heiße Gang zu Nazri’s, der uns sehr lang erscheint.

Vom Rest der Familie ist dort nichts zu sehen. Wir warten am Strand, gehen dann in Richtung ABC-Strand auf Suche. Von dort kommen uns Judi und die beiden Kleinen bereits entgegen. Sie berichten von einer grandiosen Fahrt entlang den unzugänglichen Steilküsten der Insel und von reichlich Seekrankheit bei den malayischen Schulkindern.

Nachdem der Hüttenbann in Guara gebrochen wurde, entschließen wir uns, tiefsitzenden Sehnsüchten folgend, die letzte Nacht im Paradies zu verbringen, wo es natürlich nur Hütten gibt. Damit emanzipieren wir uns endlich von Nazri, der uns jetzt wie der letzte Außenposten einer fragwürdig gewordenen westlichen Zivilisation erscheint. In der malerischen Kolonie am Rande des Paradiesbaches finden sich tatsächlich zwei passende Hütten. Die Kinder bestehen nicht einmal darauf, dass sie in unmittelbarer Nachbarschaft stehen.

Den Abend verbringen wir philosophierenderweise im Restaurant am ABC-Strand bei einer neuen Variation des Malayendinners, das die Köchin vermutlich für europäisch hält: Fisch, Reis mit Soße, Gemüse – diesmal mit Bananen. Die Weltprobleme loten wir mit einem holländischen Travellerspaar aus. Das Gespräch, das bis tief in die Nacht geht, wird eine Art Stoffsammlung zum Thema „Soziale Funktion der Religionen“, die einem Religionssoziologen, hätte er mitgeschrieben, monatelanges Literaturstudium erspart hätte. In tiefster Finsternis suchen wir mit Petroleumlampen unsere Hütte auf für eine Nacht am Rande des Dschungels, in dem ein Riesenorchester aus allem möglichen Kleingetier ein lautstarkes Konzert veranstaltet.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985