Monatsarchiv: Januar 2009

Ein- und Ausfälle – Abstraktion und Schöpfertum

Das Problem der Nachgeborenen: Die Tatsache, dass man aus zeitlicher Distanz den abstrakten Kern im Werk eines schöpferischen Vorgängers relativ leicht erkennt, verleitet zu der Vorstellung, dieser sei das entscheidende Element der schöpferischen Aktivität. Der schöpferische Vorgang resultiert aber weitgehend aus der begrenzten Einsicht in die abstrakten Zusammenhänge. Er besteht in dem tastenden Versuch, sich aus der konkreten Verstrickung in einen Stoff ein Stück weit ins Allgemeine zu lösen, nicht aber darin, endgültig zum abstrakten Kern vorzudringen.

Werbeanzeigen

1883 Anton Bruckner (1824- 1896) Symphonie Nr. 7 E-dur

Bruckners symphonisches Gesamtwerk ist so etwas wie das Gegenstück zu den „Carceri“ des italienischen Kupferstechers Giovanni Battista Piranesi. Im den 16 Radierungen der „Carceri“ werden monumentale, offenbar subterrane Architekturen mit düsterer unterweltlicher Ausstattung dargestellt, die aus gewaltigen, immer wieder ähnlichen, aber auf  rätselhafte Weise zusammengefügten Bauteilen bestehen, mit denen Raumperspektiven eröffnet werden, welche seinerzeit unerhört waren. Obwohl jedes der Bilder ein eigenständiges Werk ist, spürt man, dass die verschiedenen Architekturen miteinander in Verbindung stehen. In ähnlicher Weise erscheinen Bruckners neun autorisierte Symphonien (und sein Streichquintett) wie eine einzige monumentale – allerdings himmelstrebende – Klangarchitektur. Auch die Symphonien bestehen aus gewaltigen, sich ähnelnden Einzelteilen, die auf merkwürdige Weise zusammengesetzt sind und bis dato ungehörte Klangperspektiven eröffnen. Wie bei Piranesi scheint jedes Einzelwerk nur einen Aspekt eines seltsamen, riesigen Gesamtkomplexes abzubilden. Dies hat zu dem bon mot geführt, Bruckner habe nur eine einzige Symphonie geschrieben, diese aber gleich neun Mal. Auch Bruckner selbst hat seine Kompositionsarbeit offenbar im Sinne des Schaffens an einem einheitlichen Werk verstanden. Dies zeigt die Tatsache, dass er ständig an der Gesamtheit der gigantischen Klangbaustelle arbeitete. Immer wieder nahm er sich Teile daraus vor, um sie im Lichte der Erkenntnisse zu überarbeiten, die er bei der Erstellung anderer Teile gewonnen hatte.

 

Der hohe Grad an Homogenität des symphonischen Gesamtwerks bedeutet freilich nicht, dass die einzelnen Bauteile nicht in sich vollendet wären oder keine unverwechselbare Individualität hätten. Jede der einzelnen Symphonien stellt vielmehr einen eigenständigen Flügel des Gesamtwerkes dar. Dabei ragt die siebte Symphonie als besonders prachtvoller, in sich wohl proportionierter Hauptflügel aus der Großarchitektur heraus. Das zugleich eingängige und komplexe Werk hat den Weltruhm des Komponisten begründet.

 

Bruckners symphonisches Werk hatte anfangs einen schweren Stand. Dies lag zum einen an der Kompositionsweise, die für damalige Verhältnisse revolutionär war – nicht zuletzt an den ungewöhnlichen oder gar fehlenden Übergängen zwischen den Satzelementen (eine Weiterentwicklung Schubert`scher Kompositionsprinzipien) oder an der eigentümlichen Wellentechnik, bei  welcher der musikalische Einfall mehr oder weniger zum bloßen Baustein gewaltiger dynamischer Prozesse wird. Zum anderen war für Bruckner ein Problem, dass er sich von Richard Wagner vereinnahmen ließ, der über ihn Einfluss in Wien zu erlangen versuchte. Dadurch wurde er in die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern des umstrittenen Sachsen auf der einen und des Wiener Platzhirsches Brahms auf der anderen Seite gezogen. Insbesondere geriet er in das Fadenkreuz des Großkritikers Eduard Hanslick, der Wagner heftig bekämpfte. Selbst der sonst eher zurückhaltende Brahms, der in diesem Streit zum Gegenpol Wagners und Bruckners aufgebaut wurde, ließ sich in der Hitze des Gefechtes zu der unvorsichtigen Einschätzung verleiten, Bruckners Symphonien seien nichts als Schwindel, der bald vergessen sei. Noch im Jahre 1890, sechs Jahre nach ihrer ersten Aufführung in Leipzig (durch Arthur Nikisch), hieß es in dem erfolgreichen Konzertführer von Kretschmar über die „Siebte“: „Höhere Originalität und technische Reife suche man in dem Werke nicht. Selbst der Kontrapunkt ist steif und der Entwicklung der Ideen fehlt die Logik, der Zusammenhang und das Maß in einem Grade, der in gedruckten Symphonien unerhört ist. … Der Entwurf der Hauptsätze scheint vom Zufall der täglichen Arbeitslaune bestimmt.“

 

Heute weiß man, wie sehr sich Bruckners Gegner geirrt haben. Gerade an der „Siebten“ wird der kunstvolle Entwurf, etwa in der Wechselbezüglichkeit der Themen und Tonarten, und die einleuchtende Struktur bewundert. Davon abgesehen fällt das Werk durch die ausgreifende Melodik insbesondere des ersten Satzes auf. Der Anhänglichkeit des Komponisten an Wagner schließlich haben wir nicht nur Bruckners außerordentliche harmonische Beweglichkeit im Allgemeinen, sondern speziell in der „Siebten“ auch einige der ergreifendsten Passagen des Gesamtwerkes zu verdanken. Gegen Ende der Arbeit am zweiten Satz, der als das Zentrum der Symphonie angesehen werden muss, erfuhr Bruckner vom Tode Wagners in Venedig. In der Coda dieses Satzes, in dem ohnehin schon vier „Wagnertuben“ eingesetzt werden, erwies Bruckner dem verehrten Meister daraufhin mit in wunderbararer Harmonie verlöschenden  Akkorden des Tubenquartettes eine letzte Reverenz.

Weitere Texte zu Werken von Bruckner und rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Zu Piranesi und den “Carceri” siehe auf dieser Website den Philosophischen Roman Piranesis Räume

Ein- und Ausfälle – Gott und die induktive Logik

Macaulay meinte, Bacons induktive Logik sei nicht besonders originell und verdiene daher nicht so viel Beachtung. Schließlich werde sie seit Anbeginn der Menschheit praktiziert. Zum Beweis führt er an, dass ein Mensch, welchem nach dem Genuss von Fleischpastete immer schlecht wird, aus den speziellen Ereignissen sehr schnell den allgemeineren Schluss zieht, dass ihm Fleischpastete nicht bekomme. Es mag sein, dass die Methode alt ist und schon vielfach praktiziert wird. Wie wichtig es dennoch war (und noch immer ist), nachdrücklich auf sie hinzuweisen, zeigt etwa die Tatsache, dass zahllose Menschen, die unendlich viele Male Gott nicht gesehen haben,  daraus nicht etwa den Schluss ziehen, es gebe ihn nicht.

Ein- und Ausfälle – Gewissheit und Zweifel

Das Verhältnis von Gewissheit und Zweifel ist wie das von Schwerelosigkeit und freiem Fall. Obwohl ihrer Substanz nach Gegensätze kann ihr Erscheinungsbild vollkommen gleich sein. Deswegen kann man Erkenntnisse über das eine jeweils durch Beobachtungen am anderen gewinnen.

Ein- und Ausfälle – Asiatisches und westliches Menschenbild

Nach asiatischer Vorstellung ist der Mensch ein Tropfen, der von etwas aufgeworfen wird, was vom Himmel in das Meer fällt, und der bald darauf wieder in das unteilbare Meer zurückfällt. Nach westlicher Vorstellung ist der Mensch ein Samenkorn, das vom Himmel auf ein Feld fällt, dort Wurzeln schlägt und ein Individuum, ein Unteilbares wird.

Ein- und Ausfälle – Gerichtsverfahren und Individuum

Wo man meinte, dass sich der Mensch vor einem jüngsten Gericht als Einzelner zu verantworten habe, entstand die Vorstellung, dass er ein Individuum sei (vielleicht war es auch umgekehrt). Wo man hingegen annahm, der Mensch kehre nach seinem Tod in das große Ganze zurück, sah man ihn in erster Linie als Teil der Gesellschaft (wobei die Kausalität auch hier nicht gesichert ist). So gesehen bezeichnet das Gerichtsverfahren den Unterschied zwischen westlicher und östlicher Kultur.

Ein-und Ausfälle – Die sauren Früchte der modernen Architektur

Eine der „unfruchtbarsten“ architektonischen  Ideen der Moderne ist ohne Zweifel die Vorstellung, man könne aus dem gestalterischen Ideengut der Vergangenheit die ausschmückenden Details herausfiltern und dann mittels der abstrakten Strukturen bauen, die verbleiben. Solche Gebäude sind wie Früchte, die man zu früh gepflückt hat. Ihnen fehlt die Süße, die sie genießbar macht. Im Unterschied zu Früchten reifen sie allerdings nicht nach. Im Laufe der Zeit stoßen sie einem sogar immer häufiger sauer auf.