Monatsarchiv: Oktober 2008

Ein- und Ausfälle – Wert und Wollen

Spinoza ist der Meinung, dass der Mensch etwas nicht deswegen begehrt, weil es gut ist, sondern, dass er etwas gut findet, weil er es begehrt. Das würde erklären, warum der Mensch so viel Unsinn gut findet.

 

Ein- und Ausfälle – Papst und Politik

Petrarca beschrieb den päpstlichen Hof von Avignon als die Kloake der Welt, ein maßloser Ort, an dem sich die Niedertracht und Gemeinheit aus aller Welt versammelt habe. Dies galt auch schon für das mittelalterliche Rom, das der Papst nicht zuletzt deswegen in Richtung Provence verlassen hatte, weil er derartigen Verhältnissen entgehen wollte. Heute gilt die Residenz des Papstes eher als ein Ort, den man mit Maß und – wenn auch gelegentlich etwas unflexibler – Moral verbindet. Selbst viele Nichtkatholiken und Nichtchristen zollen ihm einen gewissen Respekt.

Dieser Wandel in der Bewertung des Ortes, an dem der Papst residiert, hat offensichtlich etwas mit dem Verlust des politischen Gewichtes zu tun, den der Platz inzwischen erlitten hat. Denn damit ist er für all das Gelichter uninteressant geworden, das die Nähe der Mächtigen sucht. Die (katholische) Kirche, die doch ganz davon lebt, dass man ihr glaubt, hat diesen Mechanismus des Verlierens bzw. Erlangens von Glaubwürdigkeit erst sehr spät verstanden. Sie strebte immer nach politischem Gewicht. Vor allem tat sie alles, um ihrem Machtstreben eine territoriale Basis zu verschaffen. Von Pipin ließ sie sich den Kirchenstaat schenken, nachdem sie ihm zur Krone von Frankreich  verholfen hatte. Im Mittelalter, dessen Verhältnisse Petrarca beschreibt, schreckte sie nicht vor der falschen und mit handfesten Fälschungen unterlegten Behauptung zurück, der Kaiser Konstantin, ihr erster großer politischer Kohabitant, habe ihr nicht nur ganz Italien geschenkt, sondern auch die Oberhoheit  über die – westliche – Hälfte des römischen Reiches  verliehen. In der Renaissance nahm sie für die Rückeroberung verloren gegangener Teile des Kirchenstaates mit Cesare Borghia einen Kondottiere in Dienst, der als der Inbegriff von Maßlosigkeit und Skrupellosigkeit galt. Auch später hat sich die Kirche massiv gegen den Verlust ihres immer wieder bedrohten Territoriums gewehrt, des physischen Ortes also, an dem sich Niedertracht und Gemeinheit so gut versammeln konnten.

Ein- und Ausfälle – Vezelais`wechselvolles Wirtschaftsschicksal

Jede Zeit führt die sozialen Grundkonflikte in ihren Formen durch. Im Mittelalter etwa fand wirtschaftlicher Wettbewerb wie folgt statt: Ursprünglich konnte das burgundische Städtchen Vezelais behaupten, die sterblichen Überreste der Heiligen Maria Magdalena zu besitzen mit der Folge, dass es Ziel eines großen Wallfahrtstourismus war. Für die Bewohner von Vezelais hatte dies all die positiven wirtschaftlichen Wirkungen, welche der Ansturm zahlreicher Menschen mit sich zu bringen pflegt, die verköstigt und untergebracht werden und Andenken mitnehmen wollen. Vezelais war dadurch ein bedeutender Wirtschaftsstandort. Ende des 13. Jahrhunderts verbreitete sich aber die Kunde, dass man die Überbleibsel der heiligen Dame in St. Maximin in der Provence „entdeckt“ habe. Dies führte zu einer Auseinandersetzung zwischen beiden Orten darüber, wer die echten Reliquien besitze. Der Streit kam vor den Papst und dieser stellte 1295 in so etwas wie einem Warenzeichenverfahren per Bulle fest, dass sich die wahren Gebeine der Maria Magdalena in St. Maximin befänden. Nur dieser Ort könne daher Markenschutz beanspruchen. Daraufhin ging, wie bei negativen Schlagzeilen über Waren und Dienstleistungen die Regel, die Nachfrage nach Vezelaisreisen rapide zurück. Die Pilgerwirtschaft verfiel und der Ort versank in die Bedeutungslosigkeit. Daraus ist Vezelais, dank der Tatsache, dass man sich inzwischen weniger für mögliche alte Gebeine, als für die Gebäude interessiert, die darum gebaut wurden, erst in neuerer Zeit wieder aufgetaucht. Die Frage ist, ob es sich bei der päpstlichen Entscheidung von 1295 um einen Akt administrativer Wirtschaftslenkung handelte oder ob sich das Oberhaupt der Christenheit vor den Karren eines Verdrängungswettbewerbers spannen ließ. Aus der Bibel oder anderen Quellen jedenfalls konnte über den Verbleib der heiligen Reste kaum etwas Handfestes entnommen werden.

Ein- und Ausfälle – Die Basilika als sozialer Raum

Die Basilika war eigentlich immer ein Ort, an dem sich zentrale Teile des sozialen Lebens abspielten. Im Altertum war sie Markthalle und Gerichtsgebäude, im Mittelalter Kirche, in der Renaissance gelegentlich wieder Ort des weltlichen Lebens (etwa im Falle der Basilica palladiana von Vicenza, die Rathaus war). Eigentlich erstaunlich, dass in unserer Zeit noch niemand auf die Idee kam, Shopping-Center als Basilika zu bezeichnen.

Ein- und Ausfälle – Markt und Menschlichkeit

Die Tatsache, dass der Marktmechanismus an jedem Fleck der Erde zu gelten scheint, deutet darauf hin, dass er eine anthropologische Konstante ist. Für den Menschen wäre dies nicht eben schmeichelhaft. Denn bei der Bestimmung des Preises durch Angebot und Nachfrage geht es in aller Regel nicht gerade vornehm zu. Wer herausfinden will, welcher Preis erzielt werden kann oder zu bezahlen ist, kann kaum den aufrechten Gang wagen. Er muss stets auf der Hut sein, muss taktierend ausloten, wie weit er gehen kann, darf sich nicht in die Karten schauen lassen, darf sich keine Blöße geben und muss den Mangel derselben vortäuschen. Darüber hinaus muss er bereit sein, sein Gegenüber in die Enge zu treiben und bei ihm Probleme zu konstruieren oder zu provozieren. Mit anderen Worten, die Beteiligung am Marktgeschehen setzt die Bereitschaft voraus, listig und unehrlich zu sein und die Schwächen anderer auszukundschaften und auszunutzen. „Bestes“ Beispiel: der Markt für illegale Drogen.

 

An Versuchen, der Neigung des Menschen zu derart marktmäßigem Verhalten entgegenzuwirken, hat es in der Menschheitsgeschichte nicht gefehlt. Das christliche Mittelalter kannte das Verbot des Zinses und der unangemessenen Bereicherung, die bürgerliche Gesellschaft den ehrbaren Kaufmann. Die Moderne erfand die soziale Marktwirtschaft und die Planwirtschaft, wobei letztere sogar glaubte, weitgehend ohne Markt auszukommen. Sehr erfolgreich waren all diese Versuche nicht. Die Beschränkungen des Mittelalters verschwanden mit dem Niedergang des Christentums, der ehrbare Kaufmann droht zur Rarität zu werden, die soziale Marktwirtschaft gilt mittlerweile als Hindernis für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln und die Planwirtschaft ist am Weltmarkt gescheitert.

 

Im großen und ganzen scheint der Kampf gegen unangemessenes Martktverhalten in den modernen Gesellschaften verloren zu sein. Seit dem Zusammenbruch des Sozialismus, dem man bezeichnenderweise nachsagte, er sei von einem falschen Menschenbild ausgegangen, ist der Markt zum mehr oder weniger konkurrenzlosen Verhaltensmodell geworden. Monopole aber tun dem Markt nicht gut.

Ein- und Ausfälle – Europas Differenzen

Die Europäer machen deswegen so viel Aufhebens um ihre Unterschiede, weil es im Grunde so wenige gibt.

Ein- und Ausfälle – Varianten der Macht

Macht hat in erster Linie derjenige, der über Dinge verfügen kann, die andere unbedingt benötigen. Eine besondere Form der Macht hat derjenige, der über Dinge verfügt, die andere nur zu benötigen glauben. Eine noch speziellere Form der Macht hat aber, wer über die Fähigkeit verfügt, andere glauben zu machen, dass sie Dinge benötigen, deren Notwendigkeit man nur glauben kann.