Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 12

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31.3.19 85

 

Flussfahrt. Den Plan einer Wanderung zur Fledermaushöhle, den der Malaye gestern anregte, haben wir fallengelassen. Stattdessen mieten wir für den Tag ein einfaches hölzernes Kanu, einen Einbaum dessen Kanten man mit Brettern leicht erhöht hat. Ausgestattet mit Proviant und Lektüre geht es auf Dschungelflusswanderung. Wir bewegen das nicht eben leichte Boot mit vier einfachen Paddeln bestehend aus einem Stock, an dem ein Holzbrett befestigt ist.

Die Fahrt geht den Nebenfluss des Tembeling hinauf, an dem wir gestern entlang gelaufen waren. Anfangs ist die Strömung schwach, das Wasser tief und dunkel. Wir kommen daher recht gut voran. Mit kühner Statik hängen große Bäume in den Fluss. Sie spenden willkommenen Schatten. Nach etwa einer Stunde passieren wir unseren gestrigen Badeplatz. Jetzt stoßen wir in Neuland vor. Das Wasser wird flacher und schneller. An einigen Stellen müssen wir uns mit allen vier Paddeln kräftig ins Zeug legen. Dann kommen wieder ruhigere Passagen. Offene Strecken wechseln mit tunnelartigen Passagen aus dichtem Bewuchs, in denen tausend Lichtreste auf dem Wasser tanzen.

Schließlich liegt vor uns eine lange schattige Gerade mit unruhigem, flachem Wasser. Hier kommen wir an die Grenzen unserer Wasserkraft. Cinqui und ich müssen aussteigen und das Boot schieben und ziehen. Zum Glück bietet sich ein Rastplatz in der Sonne an. Es ist ein umgestürzter Urwaldriese, der am Ufer im Wasser liegt. Sein Stamm ist so geräumig, dass man quer darauf liegen kann. Zum Ufer hin bildet er eine kleine Lagune. Die Kinder beginnen alsbald, dieselbe für Schiffsaktivitäten zu nutzen.

Wir haben uns gerade auf unserem Baumstrand eingerichtet, da kommt ein Boot den Fluss hinunter – mit guten Bekannten, dem Bundeswehroffizier, dem Elektriker und dem Studenten. Sie sind den Fluss ein gutes Stück weiter hinaufgefahren und berichten von Stromschnellen und recht abenteuerlichem Wasser. Aus Sorge um ihr Gepäck, vor allem die Kameras, haben sie die Fahrt jedoch abgebrochen.

Eine Weile genießen wir gemeinsam die Stille des Flusses. Dann regt sich Tatendrang. Wir, das heißt der Elektriker, der Student, Cinque und ich beschließen, eine Expedition weiter den Fluss hinauf zu machen, ohne Gepäck. Das Boot ist mit uns bis an die Grenze seiner Belastbarkeit gefüllt. Zuerst gilt es, das flache Stück zu überwinden, an dem wir zuvor gescheitert waren, was unter dem Gelächter der Zurückgebliebenen zunächst misslingt. Wir treiben in die falsche Richtung ab. Dann kämpfen wir uns in ruhigere Gewässer vor. Nach einiger Zeit erreichen wir die ersten Stromschnellen. Sie zwingen uns, das Boot zu verlassen und es mit vereinten Kräften durch das turbulente Wasser zu schieben. Es folgen ein ruhigeres Stück, erneute Stromschnellen und wieder Aussteigen, Ziehen und Schieben. Dies wiederholt sich mehrere Male und ist einigermaßen anstrengend. Am meisten werden jedoch die Füße in Mitleidenschaft gezogen, die immer wieder zwischen die großen glatten Steine des Flussbodens rutschen. Cinqui und ich haben immerhin Sandalen an. Das sind zwar auch nicht gerade die idealen Wildwasserwanderschuhe. Es geht uns aber immer noch besser als unseren barfüßigen Begleitern, die ihre Hilfe beim Überwinden von Stromschnellen wegen wunder Füße bald einstellen müssen. Da es nicht überall möglich ist, die Stromschnellen zu Fuß zu umlaufen, müssen wir die beiden im Boot gegen die ohnehin schon verstärkte Strömung ziehen. In der tropischen Mittagshitze ist also Schwerstarbeit zu leisten. Sie wird allerdings durch die permanente Wasserkühlung erleichtert.

Die Uferlandschaft wird inzwischen immer grandioser. Bäume von mehreren Metern Dicke hängen in oft abenteuerlicher Schräglage in den Fluss hinein. Einer der Riesen ist erst kürzlich abgebrochen und streckt nun seinen mächtigen zerzausten Stumpf in die Höhe. Schließlich gelangen wir an die sogenannte obere Badestelle, dem letzten Punkt, den Motorboote noch erreichen können. Der Fluss weitet sich hier zu einem weiten runden Bassin mit fast stehendem Wasser, das weitgehend im Schatten riesiger Bäume liegt – ein Bild weiherhaften Friedens an dem sonst eher unruhigen Gewässer.

Am anderen Ende des Bassins fließt der Fluss beschaulich durch ein tiefes Felsenbett. Es wäre ein Jammer, hier umzukehren. Nun da wir diese Region, die für Paddelboote an sich nicht mehr zugänglich ist, erreicht haben, packt uns der Ehrgeiz. Die Strapazen der "Fahrt" sind plötzlich vergessen. Mit vereinten neuen Kräften paddeln wir bis zu einer Verengung, durch die der Fluss mit beachtlicher Geschwindigkeit hindurchrauscht. Wir klettern auf die Felsen am Ufer und ziehen das Boot gemeinsam an der Schnur durch die reißende Strömung. Es folgt wieder ruhigeres Wasser bis unweigerlich die nächste Stromschnelle erreicht ist, die allerdings steiniger als alle vorangegangenen ist.

Wir überwinden noch zwei oder drei weitere Eng- und Flachstellen bis wir nach rund fünf Stunden strapaziösen Kampfes an der Grenze des Machbaren angekommen sind. Das Gefälle der Flusses wird immer stärker, große Steine versperren den Weg und die Stromschnellen nehmen den Charakter von Wasserfällen an. Wir machen das Boot fest und erklettern eine 30 bis 40 Meter lange Moräne aus ausgelaugtem angeschwemmtem, Pflanzenmaterial, um den weiteren Verlauf des Flusses zu sichten. Dabei stellt sich heraus, dass es keinen Sinn macht, weiter vorzudringen. Wenn wir weiterkommen wollten, müssten wir das schwere Boot über erhebliche Strecken tragen. So brechen wir die Expedition ab. Alle haben das Gefühl, etwas Außerordentliches erlebt zu haben. Unsere zufällig zusammengekommene Mannschaft ist dabei in kurzer Zeit zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.

Der Lohn der Arbeit sollte die Rückfahrt werden. Mit beachtlichem Tempo geht es flussabwärts. Bei den ersten Stromschnellen saugt die Strömung das Boot noch ohne unser Zutun durch die tiefste Stelle hindurch. Die folgenden Engstellen werden zum Prüfstein unserer Navigationskunst, auf den wir des Öfteren ziemlich unsanft auflaufen. Dann ist es soweit. Das Boot ist mit der Spitze auf einem Stein hängengeblieben, die Strömung dreht es zur Seite bis es schließlich kippt. Die ganze Mannschaft landet kopfüber im rauschenden Fluss.

Beim nächsten Mal schießt das Boot mit so viel Elan in tieferes Wasser, dass die Flut über Bord strömt, worauf wir, im Boot sitzend, langsam untergehen. Wir halten das Boot an der Bordwand fest, damit es uns nicht entgleitet, und fahren unter Wasser weiter. Ein unbeteiligter Beobachter hätte eine merkwürdige Szene gesehen: drei Männer und ein Kind, die, bis zur Brust im Wasser, in einer stabilen Reihe regungslos den Fluss hinunter gleiten

Nach einem weiteren Umsturz treiben wir ein längeres tiefes Stück kieloben. Zur Abwechselung liegen wir eine zeitlang auf dem Rücken des Bootes, bis sich die Möglichkeit ergibt, es wieder umzudrehen und zu entwässern.

Zu dieser feuchten und turbulenten Flussfahrt gesellt sich noch ein kräftiges Tropengewitter. Donner grollt, während das Boot auf Steine kracht und nass werden wir, ob wir im Boot oder im Wasser sind. Ein kenterndes Boot im Dschungel, eine unerschrockene, tatkräftige und eingeschworene Mannschaft kämpft bei permanentem Frohsinn gegen die Naturgewalten der grünen Hölle – es wäre Zigarettenreklame, wenn es nicht wahr wäre.

Wir passieren unseren Baumstrand. Er ist leer. Judi, die Kleinen und der Bundeswehroffizier haben, nachdem sich die Expedition weit über die in Aussicht genommene Zeit ausgedehnt hatte, nicht länger auf uns gewartet. Das "Schlimmste" ist nun hinter uns. Allerdings haben wir auch jetzt noch keine Ruhe. Das Boot hat in den Stromschnellen ein Leck abbekommen. Der Wassereinbruch ist so stark, dass das Boot in wenigen Minuten volläuft und nur noch schwer zu manövrieren ist. Mangels Schöpfkelle – wir haben sie als lästiges "Gepäck" im anderen Boot gelassen – müssen wir das Wasser jetzt mit Händen und Paddeln hinausbefördern.

Erschöpft treiben wir den immer ruhiger werdenden Fluss hinab. Über uns breitet sich ein grandioser Gewitterwolkenhimmel aus. Unter den herabhängenden Bäumen ist es dunkel. Die Ruhe nach dem Sturm ist eingekehrt. Die ungewöhnliche Flussfahrt endet an der Mündung des Tembeling, dessen reißende Fluten hinabzufahren auch ein Abenteuer wäre – allerdings nur in eine Richtung.

Beim abendlichen Travellerstreff im Restaurant berichtet jeder über seine Erlebnisse. Auch unsere Mund läuft über. Uli, der Bundeswehroffizier, erzählt von seinen fast hautnahen wild life Erfahrungen. Vor einigen Tagen übernachtete er in einem „hide“, etwa sechs bis acht Stunden vom Camp entfernt. Nachts rieb sich ein Elefant an den Stützen, auf denen die Schlafstatt angebracht ist, mit entsprechenden Fernwirkungen in der Höhe. Insgesamt sei das wild life aber auch dort draußen eher spärlich gewesen. Engere Berührung mit dem wild life haben wir noch an "unserem" um die Ecke gelegenen „hide“.

Am späten Abend begibt sich die ganze Corona voll Abenteuerlust in den finsteren Urwald, um wild life zu erleben. Diesmal haben wir Taschenlampen dabei, die klären sollen, ob wir es bei den bislang gesichteten Schatten mit einem Spiel der Natur oder der Phantasie zu tun hatten. Genügend Licht bringen jedoch auch die Taschenlampen nicht in die "Dinge", sodass es bei der erlkönighaften Zweideutigkeit bleibt. Nach andächtigem Schweigen und durch Ehrfurcht vor dem nächtlichen Urwald gekühltem Abenteuermut geht jeder zu seiner Schlafstatt zurück.

Wie hautnah die Berührung mit dem wild life war, zeigt sich erst, als ich bereits im Bett liege. Auf meinem Bettlaken ist plötzlich ein frischer Blutstropfen. Während ich herauszufinden suche, wie er dorthin kam, beginne ich ernsthaft an meiner Fähigkeit zweifeln, Natur und Phantasie auseinander zu halten. Das Bett ist vollständig von einem Moskitonetz umgeben. Daher kann jede Ursache außerhalb des Bettes ausgeschlossen werden. Dennoch sind alle Recherchen nach einer natürlichen Ursache des Blutfleckens, die nach Lage der Dinge an meinen Beinen sein muss, ohne Erfolg. Die Verwirrung steigert sich, als noch ein zweiter und ein dritter Blutfleck hinzukommen. Damit bricht die Hypothese zusammen, es könne sich vielleicht doch um einen älteren Blutfleck handeln. Da absolut nichts zu finden ist, was das Blut erklären könnte scheinen die malyaischen Nachtgeister am Werk zu sein.

Das Rätsel löst sich dann aber, wie könnte es anders sein, auf westlich-rationale Weise. Der Gewitterregen vom Nachmittag hat die „leaches“ aktiviert, die wegen ihrer mangelnden Tätigkeit in der Natur bei uns schon in den Verdacht geraten sind, in der Hauptsache die Phantasie der Traveller zu beunruhigen. Eines der harmlosen Tierchen mit dem schlechten Ruf hat sich bei unserer nächtlichen Pirsch unter meinem kleinen Zeh eingegraben, wo es fast nicht zu sehen ist. Freiwillig verlässt es das lauschige und offensichtlich nahrhafte Plätzchen nicht. Es muss erst mit einer brennenden Zigarette nachgehofen werden. Kurz darauf entdecke ich einen weiteren der stillen Gäste am anderen Bein. Unbemerkt hat er sich bis an die Wade hinauf geschlichen. Am Morgen erfahren wir, dass auch andere Teilnehmer unserer kurzen Nachtexpedition den gleichen ungebetenen Besuch festgestellt haben.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 11

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30.3.1985

Dschungelwanderung. Ausgestattet mit Rucksack, Trinkwasser und Proviant – im Restaurant gab es Kuchen, gebackene Bananen, etc. – geht es auf den großen Marsch durch den Dschungel. Die Schuhe werden mit Baygon eingespritzt, um die „leaches“ abzuschrecken. Bald ist das fast schon gewohnte Dschungelbild um uns: Brettwurzelbäume, Palmlichtungen, wilde Lianenformen. Der Weg – er ist einigermaßen hergerichtet – führt einen steilen Berg hinauf, der kein Ende nehmen will. Es ist still. Von Ferne hallen nur die gellenden Rufe der Gibbons durch den Wald, affenähnliche Tiere, die man nie zu Gesicht bekommt. Gelegentlich sieht man die „leaches“ am Boden. Sie sind wie kleine Würmer, die sich in die Höhe recken, um so ihr Opfer angehen zu können. Von unserem Baygonspray scheinen sie beeindruckt zu sein. Zwei Deutsche von der gestrigen Runde begegnen uns – wer sonst.

Nach einem extremen Steilstück lichtet sich schließlich der Wald. Wir treten auf eine kleine Felsplatte. Vor uns breitet sich ein weiter Blick über die Dschungellandschaft des Nationalparkes aus. Steil abfallend liegt unter uns eine waldige Tiefe, durch die ein braunes Gewässer fließt. Der Blick verliert sich in weiter Ferne. Das ist er nun, der älteste Dschungel der Welt. Naturgeschichtliche Dimensionen tun sich auf. 130 Millionen Jahre alt soll der Wald sein, will heißen, dass sich die klimatischen und biologischen Verhältnisse so lange nicht verändert haben. Man kann sich in die Rolle eines Entdeckers versetzen, der, auf einer Höhe angekommen, plötzlich unberührtes (durch bewusst entdeckende Menschen unberührtes!) Land unter sich ausgebreitet sieht, und der sich mit einem kribbelnden Gefühl ins Unbekannte aufmacht, um völlig neue Horizonte zu eröffnen. Irgendwo dort in der vollkommen unerschlossenen Wildnis liegt der Gunang Tahan, Malaysias höchster Berg mit 2200 Metern. Ein Schild unten im Camp zeigt in seine Himmelsrichtung mit dem Vermerk: 8 Tage. Es gibt Abenteurer, die sich mit Hilfe eines einheimischen Führers dorthin auf den "Weg" machen. Proviant für zwei Wochen ist mitzunehmen.

Auf der Felsplattform trifft sich ein Großteil des gestrigen Abendtisches. Man ruht aus von den Strapazen des Aufstieges und genießt den Ausblick. Der Weg bleibt noch ein Stück auf der Höhe. Wieder öffnet sich der Blick in die Weite der Landschaft. Wir sitzen in einer Schutzhütte und lassen Gedanken und Gefühle in die Ferne ziehen.

Der Abstieg geht extrem Steil die Bergflanke hinab. Er ist mit Stufen und Geländern gesichert. Dann befinden wir uns in der Tiefe, über die unser Blick eben schweifte. Wir sind im dichtesten Dschungel mit großartigen Solitärbäumen – manche Brettwurzeln sind 6 bis 8 Meter hoch und bilden Nischen in denen man bequem wohnen könnte. Ein Tier wird gesichtet. Es ist ein dicker etwa 30 Zentimeter langer Tausendfüßler – wild life. Es gibt abenteuerlich verdrehte Lianenkonstruktionen, in denen die Kinder tollen. Gelegentlich passieren wir Lichtungen mit Bananenstauden und sonstigem Gewächs, dessen saftiggrüne Blätter in der Sonne aufleuchten. Auch eine Reihe von kleinen Bachschluchten ist zu überqueren. Der Weg lässt erahnen, dass wir uns am Rande eines Flusstales befinden.

Mitten im Dschungel findet eine merkwürdige Begegnung statt. Die denkbar entferntesten Pole menschlichen Lebens treffen aufeinander. Eine kleine Gruppe von Personen gänzlich unmalayischen Aussehens kommt uns entgegen. Voran geht eine Frau, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist. Um die Schultern trägt sie ein Tuch, in dem sich ein wenige Wochen alter Säugling befindet. Es folgen zwei Kinder, etwa 10 bis 14 Jahre alt, ebenfalls barfuss und fast ganz nackt – sie tragen Bananen und ähnliches; dahinter ein Mann, bekleidet mit einer kurzen Hose und Turnschuhen. In seinem Rucksack befindet sich ein Kanister, der nach Petrolium riecht. Die Personen erinnern im Aussehen an die australischen Ureinwohner, sind dunkelhäutig und haben schwarzes krauses Haar. Auf bezeichnende Weise kontrastiert dies mit den leuchtenden Blondschöpfen unserer Kinder. Zwei Familien, durch Jahrtausende der Entwicklung von einander getrennt, stehen sich gegenüber: dunkelhäutige Waldbewohner auf der ältesten heute noch existierenden Stufe menschlichen Lebens und weiße Zivilisationsmenschen des entgegengesetzten Extrems.

Zum Glück gibt das Baby einen schnellen Anknüpfungspunkt. Stolz packt die Mutter den kleinen Jungen aus dem Schultertuch. Man hat ihm die Haare bis auf ein kleines Bündel über der Stirn abgeschnitten. Ein sprachloser Austausch von Reaktionen der Rührung findet statt. In elementaren Punkten sind die Zivilisationen dann doch wieder nicht sehr weit voneinander entfernt. Dann geht jede Familie wieder ihres Weges. Die Waldmenschen verschwinden hinter Palmblättern. Sie lassen uns in weichreichenden Gedanken über den Menschen und seine erstaunliche Entwicklung zurück. Es wäre interessant zu wissen, was den Waldmenschen jetzt durch den Kopf geht. Die kurze Begegnung ist zweifellos das denkwürdigste Erlebnis dieser Reise.

Nach kurzer Wanderung erreichen wir den Fluss und damit die versprochene, von den Kinder lange herbeigesehnte Badegelegenheit. Zuerst ist einige Skepsis zu überwinden. Das Wasser erscheint merkwürdig dunkel. Bei näherer Inspektion zeigt sich aber, dass es glasklar ist und seine dunkel-braune Färbung von einigen Schwebstoffen bezieht. Woher sollte es auch schmutzig sein? Krokodile oder ähnlich badewidriges Getier gibt es, wie man uns schon im Camp versicherte, im System des Tembeling und seiner Nebenflüsse nicht. Also tauchen wir in die herrlich kühle Flut. Die Kinder fangen sich einen kleinen Baumstamm ein, der daher geschwommenen kommt, und bauen mit allerlei Stöcken ein Boot. Damit fahren sie am Ufer auf und ab.

Es ist ein stiller Ort. Der Fluss – er ist zirka 20 Meter breit – fließt ruhig dahin. Man hört allenfalls gelegentliche Vogelstimmen. Ein größerer leuchtend blauer Vogel streift immer wieder in steifem Flug knapp über die Wasseroberfläche. Sonst ist von Tieren nichts zu sehen. Schräg vor uns liegt eine kleine Insel im Fluss. Dahinter biegt der Fluss nach rechts ab. Dadurch macht die Waldwand des gegenüberliegenden Ufers eine eindrucksvolle Biegung.

Nach und nach finden sich weitere Dschungelwanderer ein. Ein Australier spricht mich auf meinen Beruf als Staatsanwalt an, den er – die Travellerswelt ist klein – schon vor diesem Dschungeltreff irgendwie erfahren hat. So entspinnt sich fern jeglicher Zivilisation ein langes Gespräch über Wirtschafts- und Computerkriminalität, organisiertes Verbrechen und sonstige Gebrechen hochentwickelter Gesellschaften. Noch merkwürdiger ist das Gespräch, das ich mit einem jungen Deutschen vom gestrigen Abendtisch führe. Wir befassen uns, während wir im Tropenfluss stehen, mit einem der hochkarätigsten Produkte europäischen Sommerfrischenbedürfnisses: palladianischen Villen. Ausführlich diskutieren wir, gelegentlich in die kühlen Fluten tauchend, Probleme der Renovierung dieser hochartifiziellen Lustgebäude im fernen Italien. Mein Gesprächspartner ist Architekt und hat längere Zeit an der Wiederherstellung einer palladianischen Villenanlage gearbeitet. Auf die Arbeit stieß er durch Zufall auf einer Italienreise. Spontan entschloss er sich gegen Kost und Logis – in der Villa – mitzuarbeiten. Er blieb ein Jahr als dienstbarer Kostgänger – eine europäische Variante des Travellerlebens. Im Laufe seiner Tätigkeit lernte er, da die Villenbesitzer alle in Verbindung miteinander stehen, zahlreiche andere Villen kennen, von Palladio aber auch von anderen Baumeistern. Er forschte in alten Papieren und Plänen und kam so zu höchst intimen Kenntnissen über die italienische Villenkultur. Mitten im Dschungel öffnet sich, kaum dass wir die Waldmenschen hinter uns gelassen, eine Schatzkiste, in der die prächtigsten Edelsteine europäischer Kultur funkeln – wahrlich, es gibt auch geistige Abenteuer.

Mit herannahender Essenszeit – man muss zwei Stunden im Voraus bestellen – machen wir uns auf den Rückweg zum Camp. Hierzu brauchen wir nur dem Fluss zu folgen. Das Camp liegt an der Einmündung dieses Flusses in den wesentlich reißenderen Tembeling. Auf einer Wegkreuzung kurz vor dem Camp stehen einige einfache Hütten aus Palmblättern. Auf dem Platz, den sie bilden, spielen einige Waldmenschen mit einem Ball aus geflochtenen Zweigen Fußball. Auch ein Lederfußball kommt zum Vorschein. Wir befinden uns praktisch mitten in der guten Stube der Waldmenschen. Eine "Hütte" aus geflochtenen Matten steht auf Stelzen. Darin wird offenbar geschlafen. Daneben stehen Hütten, die praktisch nur aus einem A-förmigen Palmblattdach bestehen, das über dem nackten Boden steht und nur etwa einen Meter hoch ist. Darin sitzen Frauen und kochen auf einem Holzfeuer. Der Rauch zieht durch das Palmdach ins Freie. In der Hütte steht ein Kofferradio, aus dem Popmusik tönt. Einige Kinder – sie laufen praktisch nackt umher – haben offensichtlich eine Hautkrankheit. Ihre Haut ist am ganzen Körper aufgesprungen, sodass sie von lauter weißen Schuppen übersät sind.

Hier in der Nähe des Camps – wohl auch von ihm – lebt offenbar die Übergangsform der Waldmenschen. Sehr überzeugend sieht das nicht aus. Das Schicksal der australischen Ureinwohner und der Indianer kommt einem in den Sinn. Nicht weit von den Waldmenschen befindet sich das Kraftwerk des Camps, eine schwere Dieselturbine, die einen Höllenlärm macht.

Während wir auf das Abendessen warten, gehe ich mit Sassi und Lucy zur Bootsanlegestelle. Von der Höhe des Steilufers blickt man auf den Tembeling, der mehr als 10 Meter unter uns fließt. In der Regenzeit steigt er stark an und füllt das tiefe Bett fast bis auf unsere Höhe aus. Die Zeichen seines gewaltigen Wirkens sind an der ausgewaschenen Uferböschung deutlich zu sehen. Es herrscht eine tropische Abendstimmung mit leuchtenden Himmelsfarben. In der Ferne zuckt Wetterleuchten aus einem Gebirge von Wolken.

Abends bunte Runde im Restaurant. Die Australier von Cherating – Waltzing Mathilde – sind eingetroffen. Ein neuseeländischer Arzt mit Freundin ist dabei und die Deutschen von gestern. Zu uns gesellt sich ein junger malayischer Mann und macht uns bereitwillig allerlei Tourenvorschläge für den nächsten Tag. Er scheint einer jener erstaunlich unaufdringlichen Führer zu sein, die im Camp auf Aufträge warten. Auf sympatisch -malayische Weise berücksichtigen sie auch die Interessen der zu Werbenden, etwa indem sie sagen, bei welchen Touren man sie nicht benötigt. Er empfiehlt eine Wanderung auf der anderen Seite des Tembeling – zur Fledermaushöhle.

Ein Diavortrag über das Camp und den Dschungel wird gezeigt. Er ist eine willkommnene Nachbereitung unserer Tageswanderung. Es soll hier 400 verschiedene Baumarten auf einem Quadratkilometer geben. Auf dem Weg zu unserem Bungalow läuft uns der Bootsgenosse von der Hinfahrt über den Weg. Wir laden ihn auf unsere Veranda ein. Der Abendplausch in den Bambussesseln hat wahrhaft koloniale Züge und erinnert an Kipling oder Vicky Baum. Unser Gast macht mit Hilfe von Empfehlungsschreiben irgendwelcher Doktores, die die Empfänger offenbar für wichtig halten, eine Reise durch alle möglichen Naturreservate Asiens. Allerdings scheinen ihn, wie seine Erzählungen zeigen, weniger die Natur als die aufwendige Betreuung und die kostenlose Bewirtung zu interessieren. In Taman Negara hat man offenbar mehr Programm für ihn gemacht, als ihm lieb war. Er ist im Dschungel zusammengebrochen, aus Salzmangel, wie er meint.

Nochmals zieht es uns zum benachbarten Hide. In der Finsternis tasten wir uns bis zum Hochsitz vor. Angestrengt starren wir in das Dunkel. Das Ergebnis ist nicht weniger unklar, als am gestrigen Abend. Es bleibt offen, ob wir der Natur oder unserer Imagination nachspähen.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 10

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29.3.1985

Frühes Aufstehen, höchst eiliges Frühstück und ab auf die Straße. Dort soll – zu unbestimmter Zeit – ein Bus nach Kuantan abfahren, der uns zum Anschlussbus nach Jerantut bringen soll. Es gibt weder eine Haltestelle noch einen Fahrplan. Wir warten. Nichts tut sich.

Die Zeit wird knapp. Um 14 Uhr müssen wir an einem Bootssteg im Zentrum der Halbinsel sein. Schließlich ist genug gewartet, wir gehen über zu aktiver Verkehrspolitik, per Anhalter. Ein netter junger Mann nimmt uns in seinem Kleinbus mit. Mit der Ruhe und der Selbstsicherheit eines Malayen fährt er in Richtung Kuantan. Unterwegs biegt er in eine Siedlung ab, als habe er dort etwas zu erledigen. Er hält aus dem Auto ein lässiges Schwätzchen mit einem Mann, der zufällig auf der Straße zu stehen scheint, ihm aber offenbar bekannt ist. Dann fährt er weiter, so als habe er seine Erledigung beendet. Alles geschieht ohne Eile und Drang. Ein bestimmter Zweck seiner Fahrt ist nicht zu erkennen. Er bringt uns aber, ohne etwas dafür zu wollen, direkt zum Busbahnhof, wo unser Bus nach Jerantut noch wartet.

Vertrauen erweckend sieht der Bus nicht aus. Es ist nicht klimatisiert und auch nicht gerade geräuscharm. Mit Höllenlärm knattert er in das Landesinnere hinein. Die Straße führt durch hügeliges Land mit weitläufigen Palmen- und Gummiplantagen. Erste Rast machen wir nach 80 Kilometern auf dem geschäftigen Busbahnhof von Temerloh, gleich neben einer großen vielzwiebeltürmigen Moschee. Dort versorgen wir uns mit Mangos und gebratenen Bananen. Im Schneckentempo geht es dann weiter nach Norden. Der Bus wird immer langsamer. Dann kommt die zweite Rast – in einer Werkstatt. Mit der landesüblichen Gelassenheit und mit angemessenen Pausen versucht man irgendeinem technischen Problem auf die Spur zu kommen. Eine Information über Grund und Dauer der Unterbrechung ist nicht vorgesehen.

Es ist heiß. Die Geduld der Passagiere ist asiatisch. Nach einer halben Stunde – es ist halb Eins – frage ich vorsichtig an, wann es weitergehe. Man antwortet mit beschwichtigenden Gesten. Vermutlich wundert man sich über diesen unruhigen Europäer. Nichts tut sich. Es folgen: weitere Nachfrage – Vertrösten; dringliche Nachfrage – der Anschein von Aktivitäten; eindringliche Schilderung unserer Lage (mangels Sprachkenntnisse auf beiden Seiten unter Einsatz von Händen und Füßen) – Ankündigung eines Ersatzbusses; Drohen mit Verlassen des Gebäudes zu Fuß – erneutes Versprechen eines Ersatzbusses; endgültiger Entschluss, es per Anhalter zu versuchen, In-die-Tat-Umsetzen durch Schultern der Rucksäcke und zielstrebiges Ausschreiten in Richtung Tor. Da endlich kommt bei Mannschaft und Fahrgästen Bewegung in Richtung auf einen Ersatzbus auf, der schon die ganze Zeit auf dem Hof stand.

Auf fast leerer Straße – die Verkehrsmenge nähert sich hier im Landesinneren dem Faktor Null – und mit begrüßenswertem Tempo geht es nun nach Jerantut. Dort kommen wir kurz nach halb zwei Uhr an, was uns tatsächlich noch eine Chance gibt, unser Dschungelboot zu erreichen. Sofort beginnen Verhandlungen wegen eines Taxis zur Weiterfahrt nach Tembeling. Mit einem altersschwachen Peugeot-Diesel geht die Fahrt auf einer Strasse weiter, die wie eine Berg- und Talbahn  kerzengrade über die Hügel gelegt ist. Wenn es rauf geht, könnte man alle Hoffnung verlieren. Runter holt der alte Wagen aber alles wieder auf. Dann hofft man, dass die Bremsen funktionieren. Der Fahrer scheint darauf zu vertrauen, nicht benutzen zu müssen. Punkt zwei Uhr sind wir an der Anlegestelle. In der Eile lassen wir unseren gesamten Proviant im Taxi liegen, darunter die Kinderspielzeugschokolade, die wir  eigens für die 60 Kilometer lange Bootsfahrt gekauft haben.

Man wartet bereits auf uns. Wir sind namentlich per Telex angekündigt worden. Die lange Bootsfahrt ist, wie sich herausstellt, höchst exklusiv. Außer uns sind nur noch ein wenig gesprächiger Deutscher und drei Mann Besatzung mit von der Partie. Auch unser Gefährt ist eine Überraschung. Das hölzerne Boot ist vollkommen flach, zirka 15 Meter lang und nur etwas über einen Meter breit.

Es geht sofort los. Auf unsere Bitte hält man kurz nach dem Start noch einmal an, damit wir in Tembeling unsere verlorengegangenen Vorräte ergänzen können. Der Ort ist eine gänzlich unmalayische Ansammlung von Rosthütten, die auf dem Steilufer des Flusses Telom steht. Den Müll, meist Plastik und Blechverpackungen weltweit bekannter Produkte, kippt man direkt aus den Häusern auf das Ufer, sodass dieses eine einzige Müllhalde ist. Der letzte Außenposten der Zivilisation ist zugleich auch ihre übelste Steigerung.

Schnell erledigen wir die wichtigsten Einkäufe, besorgen Bananen, Bisquits, und Getränke. Im Stehen trinken wir noch einen heißen Tee – wer weiß, wann es wieder was zu trinken gibt. Vor allem benötigen wir einen Spray gegen die berüchtigten "leaches", Blutegel, die einen überall im Dschungel anfallen sollen. Man empfiehlt uns Baygon, hergestellt in Leverkusen.

Es geht wirklich los. Pfeilschnell schießt das Boot, angetrieben von einem starken Außenbordmotor, in den Fluß Tembeling, der genau gegenüber dem gleichnamigen Ort in den größeren Telom mündet. In rasender Fahrt geht es nun den glatten Fluss hinauf. Die starke Gegenströmung und unsere niedrige Sitzposition verstärken den Eindruck hoher Geschwindigkeit. Zunächst sieht man noch Menschen am Ufer. Gelegentlich wird ein Boot entladen. Auch baden Leute in den braunen Fluten. Dann werden die Anzeichen von Besiedlung in diesem Gebiet, das nur noch mit Booten zugänglich ist, immer dünner.

Der Dschungel breitet sich bald bis an das Ufer aus. Wie eine große grüne Wand zieht er sich den Kurven des Flusses entlang. Zeitweilig geht es durch bergiges Gebiet. Das Boot rast mit unverminderter Geschwindigkeit durch die Kurven, die nun enger werden. So ähnlich muss sich ein Skifahrer beim Riesenslalom fühlen. Auf den Bergen sieht man dichten Urwald. Über allem ragen die Baumriesen in den Himmel. Einmal liegen Wasserbüffel auf einer Sandbank.

Dann beginnt Taman Negara, der Nationalpark. Von da an fahren wir nur noch durch dichten Wald. Ab und zu liegen gestürzte Urwaldriesen im Wasser. Drei  Stunden lang starren wir wie gebannt in die unberührte Landschaft. Dann treffen wir an der Mündung eines Nebenflusses auf allerlei Betriebsamkeit. Hoch auf dem Ufer liegt, mitten im ältesten Urwald der Welt, das Camp.

Die Unterbringung ist alles andere als unzivilisiert. Wir bekommen einen geräumigen Doppelbungalow. Er hat zwei vollständige Wohneinheiten, jeder mit einer veritablen Badewanne. Verbunden sind die beiden Teile durch eine schattige Terrasse mit bequemen Sitzmöbeln. Ein eigener Terrassenventilator sorgt auch im Freien für Kühlung. Gleich unter uns fließt, tief eingegraben, der Tembeling. Koloniale Gefühle kommen auf.

Wir machen einen kleinen Rundgang durch das Camp, das zirka 150 bis 200 Leute beherbergen kann. Die vielen flachen Gebäude sind so auseinandergezogen, dass die Verbindung zur Landschaft erhalten bleibt. In der beginnenden Dämmerung unterziehen wir den Dschungel einem kurzen kritischen Test. Er muss sich natürlich an Tioman messen lassen. Zu unserer leichten Enttäuschung besteht er den Test nicht. Tioman verdirbt alle Maßstäbe. Ohne Tioman hätten wir vermutlich auch über Cherating keine merkwürdigen Fragen gestellt.

Immerhin soll es hier aber die Möglichkeit geben, Urwaldtiere zu beobachten. Die besten Beobachtungsplätze, "hides" genannt, sind weit draußen im Dschungel. Man übernachtet in Schutzhütten direkt am Beobachtungsort. Ein hide ist aber auch direkt am Camp. In der Dämmerung schleichen wir durch ein Stück Dschungel und klettern auf einen Hochsitz. Vor uns liegt eine ziemlich weite Lichtung. Darin sind ein paar Schatten erkennbar. Lange rätseln wir, ob sie sich bewegen, was der Beweis dafür wäre, dass es sich um Tiere und nicht bloß um aufgewühlten Boden handelt. Sehr lebhaft sind die möglichen Tiere jedenfalls nicht. Die Indizien für ihre Existenz bleiben im wahrsten Sinne des Wortes schemenhaft.

Wesentlich deutlicher machen sich allerhand Kleintiere bemerkbar. Auch sie kann man nicht sehen, dafür umso besser hören. Um uns findet ein Dschungelkonzert von bislang nicht gekannten Dimensionen statt. Lautstarke Insekten, vor allem Zikaden, kennt man ja auch in europäischen Breiten. Gemessen am Tonvolumen, das man hier antrifft, sind deren Klänge aber die reinste Kammermusik. Hier ist ein Riesenorchester am Werk, dessen Mitglieder im Dauerfortissimo spielen. Hinzu kommt, dass auch die Zahl der Instrumententypen vervielfacht ist. Ganz unterschiedliche Melodien bilden unendlich viele Kontrapunkte. Manche spielen ein Thema an, das ein paar Meter weiter von einem anderen erwidert wird. Andere scheinen alleine vor sich hin zu musizieren. Unter jedem Blatt scheint ein Musikant zu sitzen, der seine Stimme gegen allen anderen zu Gehör bringen will. Und Blätter gibt es genügend im Dschungel.

Abendessen in einem der beiden Restaurants – es gibt Nasi Goreng. Während des Essens erscheinen an der offenen Seitenwand des Restaurants zwei überdimensionale "Rehe", etwa so groß wie Pferde. Sie lassen sich von den Touristen füttern. Auch gegen das Streicheln ihres rauhen Felles haben sie keine Einwände – original wild life im Touristenrestaurant.

Eine Gruppe deutschsprachiger Touristen findet sich zusammen, bürgerliche Travellers: ein ehemaliger Bundeswehroffizier, der seit Jahren auf allen Kontinenten herumreist, ein Elektriker aus Berlin, ein Gartenarchitekt, ein Schüler und andere. Man bleibt bis das Restaurant schließt.

Heimweg zum Bungalow – in der Ferne verklingt das Dschungelkonzert. Kurz nach Mitternacht wird das Dieselkraftwerk abgeschaltet. Damit gibt es kein Licht mehr im Haus. Auch der Ventilator fällt aus. Durch den luftigen Bungalow zieht jedoch angenehme Waldluft. Auf der Veranda tollen sich in der Nacht irgendwelche Tiere. Zu sehen bekommt man sie nicht. Wahrscheinlich wissen sie, dass es nachts kein Licht gibt.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985- Teil 9

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28.3.1985

Man lässt uns nicht darben. Das Frühstück ist opulent. Anschließend ziehen wir in einen geräumigen Doppelbungalow. Die Kinder haben die eine Hälfte, wir die andere. Plötzlich erschallt der Ruf, es würden Kreiselspiele gezeigt. Vorne an der Straße ist eine Busladung Pauschaltouristen angekommen, lauter Deutsche. Drei makellos gekleidete Malayen führen ihnen das traditionelle Kreiselspiel vor. Nach gebührend gravitätischer Vorbereitung werden die fast 40 Zentimeter breiten schweren Kreisel auf eine Platte gesetzt. Man zieht kräftig an einem Band. Dann drehen sich die Kreisel "regungslos" bis zu 20 Minuten lang. Die Menge betrachtet sie leicht ratlos und klatscht artig Applaus, wenn nach theatralischer Aktion wieder ein Kreisel in Gang gesetzt ist. Der Höhepunkt ist das Werfen der Kreisel, was, nach den Gesichtern der Akteure zu urteilen, das Schwierigste ist. Die Kreisel werden aus einigen Metern Entfernung auf die Platte geschleudert, wo sie wiederum ihre endlosen Kreise ziehen. Auch ein Affe wird vorgeführt. Er darf ein paar Kokosnüsse von einer Palme holen.

Cherating hat sich im Übrigen gemausert. Einige der unscheinbaren Hütten am Straßenrand haben sich in Souvenirläden verwandelt. Man kann dort unter Anderem verkleinerte Versionen der Kreisel kaufen. Die Frage bleibt allerdings: warum gerade in Cherating? Kampongromantik am Straßenrand?

Die Aufmerksamkeit der Gruppe verlagert sich auf unsere Kinder. Man fragt sie, was sie, leicht geschürzt und braungebrannt wie sie sind, hier mitten in der Schulzeit im fernen Malaysia tun. Ein übersprudelnder Sassi stiehlt den kreiselschleudernden Edelmalayen schließlich ganz die Schau. Er erzählt von seinen unpauschalierten Erlebnissen auf Tioman.

In der Nähe soll sich ein Club Méditerranée mit einem schönen Strand befinden. Vielleicht, denken wir,  löst sich dort das Rätsel von Cherating. Wir wandern also entlang der Landstraße, um zum Clubgelände zu gelangen. Nach einer dreiviertel Stunde treffen wir auf einen schnurgeraden Strand. In nobler Abgeschiedenheit befindet sich dort die Anlage des Clubs, eine Luxusburg aus ineinander verschachtelten und aufeinander geschichteten Kampongelementen. Zu nahe dürfen wir ihr nicht kommen. Der Torwächter pfeift uns sofort zurück. Man kann sich also fast wie zu Hause fühlen.

Lange hält es uns nicht an diesem ungastlichen Ort. Der Strand entspricht durchaus nicht dem, was man hierzulande beanspruchen kann. Im Gegensatz zu Cherating ist er schmal und sehr steil, wodurch die Wellen kurz und heftig brechen. Kein Mensch badet außer uns. Auch im Club scheint nicht gerade sprühendes Leben zu herrschen. Der Clubstrand ist genauso leer wie der unsrige. Wahrscheinlich baden sie dort im Schwimmbad. Hier ist das Rätsel von Cherating also auch nicht zu lösen.

Am frühen Nachmittag kehren wir, des öden Strandes müde, ins "lebhaftere" Cherating zurück. Die Sonne zeigt mehr als je zuvor, was sie in diesen Breiten vermag. Der Rückweg wird zur Qual. "Daheim" erholen wir uns im Travellersverschlag bei Tee und Spezereien. Danach genießen wir die ruhige Nachmittagsstimmung an "unserem" Strand. Einige Einheimische und Travellers sind da. Man kann von Strandleben sprechen.

Mit tiefer gehender Sonne strebt man zurück zum Futternapf im Kampong. Die Travellerschar wartet an den langen Tischen und ist gespannt darauf, was sich die Gastgeber diesmal ausgedacht haben, um sich Freude an unserem Appetit zu verschaffen. Das Mahl, das mit allerlei tropischen Zutaten versehen ist, lässt wieder nichts zu wünschen übrig.

Abends Travellergespräche. Ein junger Italiener, einer der seltenen Weltenbummler dieser Nation, unterhält die Gesellschaft bis spät in den Abend hinein. Er berichtet lebhaft von seinen jahrelangen Reisen auf allen fünf Kontinenten und macht sich über die mangelnde Abenteuerlust seiner Landsleute lustig. Wenn er zwischen seinen Reisen wieder einmal einen Versuch gemacht habe, in seinem lombardischen Heimatdorf zu leben, sei er bereits nach wenigen Wochen wieder reif für weitere Abenteuer gewesen. Mit von der abendlichen Partie ist im Übrigen ein Heer von Moskitos, die man erst zu spät mit Räucherspiralen vertreibt. Allgemeines Jucken und Kratzen ist die Folge.

Erstmals schlafen wir auch unter Moskitonetzen. Es ist angenehm "kühl" im Bungalow – wir haben die Fenster geöffnet. Die malayischen Nachtgeister verschonen uns aber. Wahrscheinlich sind sie nationalistisch.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 8

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

27.3.1985

Morgens stehen allerlei Thermoskannen mit heißem Wasser bereit. Wir können damit nicht nur, wie geraten, unseren eigenen Tee zubereiten, sondern auch noch den unabdingbaren Vorrat für die Reise auffüllen. Anschließend findet das Frühstück wieder in der Bäckerei unter dem Hotel statt. Das Gepäck lassen wir zunächst einmal im Hotel.

Die Befürchtung, wir könnten wesentliche touristische Aspekte von Kuantan übersehen haben, treibt uns auf die Suche nach dem lokalen Tourist-Office. Zufällig verhandelt dort gerade jemand über die Einreise in den Nationalpark Taman Negara, von dem wir unterwegs immer wieder gehört haben. Nach Gerüchten, die in Travellerskreisen kursieren, soll man ihn zur Zeit eigentlich nicht besuchen können. Wie sich nun herausstellt, ist es doch möglich, muss aber beim zuständigen Ministerium in Kuala Lumpur besonders beantragt werden. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es, wie hier, durch das Tourist-Office und dazu noch alsbald geschieht. Der freundliche Manager setzt Telefon und Telexgerät in Bewegung und verkündet nach erstaunlich kurzer Zeit, dass wir am übernächsten Tag einreisen können. Punkt 14 Uhr müssten wir an einer Anlegestelle in Tembeling, einem kleinen Ort im Zentrum der Halbinsel sein, von wo uns ein Boot sechzig Kilometer in den Dschungel fahre. Für die Kinder, so verkündet er stolz, habe er eine kostenlose Bootsfahrt erreichen können.

Das gibt uns Zeit für Cherating. Schon vor hunderten von Kilometern, an der Grenze, hat man uns diesen Ort in einem Atemzug mit Tioman empfohlen. Also packen wir erwartungsfroh unsere sieben Sachen und begeben uns zum Busbahnhof. Abfahrt ist jede Stunde. Cherating, über das wir nichts wissen, scheint ein bedeutender Ort zu sein.

Ein Bummelbus, der an jeder Ecke hält, bringt uns etwa vierzig Kilometer weiter nach Norden. An einer nicht weiter auffälligen Stelle hält er. Der Schaffner verkündet, wir seien in Cherating. Wir steigen aus, der Bus fährt weiter und wir stehen alleine mitten in der Landschaft. Außer ein paar Kampongs unter Kokospalmen ist nicht viel zu sehen, kein Strand, keine spektakuläre Landschaft. Wo ist Cherating?

Am Stamm einer Palme finden wir ein leicht lädiertes Schild, das auf eine Unterkunft hinweist, die uns schon an der Grenze genannt wurde. Offensichtlich sind wir am richtigen Ort, es fragt sich nur warum. Wir folgen dem Schild. Schon nach wenigen Metern verläuft sich der Weg zwischen den Kampongs. Als wir etwas verunsichert in einem der Häuser nachfragen, bedeutet man uns, das wir das Ziel erreicht hätten, eben dies sei der gesuchte Ort. Ein Bett sei allerdings nicht frei. Dennoch weist man uns nicht ab, sondern ist höchst bemüht, uns anderweitig unterzubringen. Man fragt bei Verwandten in der Nachbarschaft nach. Von dort kommt der Dolmetscher, ein großer älterer Engländer im Sarong, weißhaarig, hager, mit mächtigem weißem Bart und nacktem Oberkörper – George Bernard Shaw in Tropenausgabe. Er erklärt, dass wir die erste Nacht im Nachbarkampong schlafen können. Dann werde ein Bungalow frei.

Wieder einmal vertreiben wir einen dienstbaren Kostgänger. Der alte Engländer – er gehört offenbar zum Inventar des Hauses – räumt sein eigenes Zimmer. Wir bekommen zwei Doppelzimmer am Rande des riesigen Hauptraumes, abgetrennt von diesem durch eine jener Wände, die nicht bis an die Decke gehen. Man legt großen Wert auf Sauberkeit. Den blitzsauberen Hauptraum dürfen wir nicht mit Schuhen betreten. Er ist etwa hundert Quadratmeter groß, spärlich möbliert, aber mit einem Fernseher und dazugehöriger Sitzgruppe ausgestattet. So wohnen wir denn einmal in einem Kampong, dem einstöckigen auf Pfählen stehenden traditionellen Holzgebäude, und im wahrsten Sinne des Wortes unter einem Dach mit einer malayischen Familie. Die Kinder fühlen sich sofort zu Hause. Sie springen um den Kampong herum und kümmern sich um eine junge Ziege, die eine Verletzung am Fuß hat.

Wir werden weiter in die Regeln von Cherating eingeführt. Die Verpflegung – man bietet Halbpension – erfolgt im benachbarten Kampong. Dort hat man für die Travellers einen Verschlag mit langen Tischen angebaut, in den man uns hineinbittet. Sogleich bietet man uns Tee und Bisquits, gebackene Hörnchen mit Fleischfüllung und Bananen in unbegrenzter Menge an, ein ständiger und kostenloser Service, der praktisch auf Vollpension hinausläuft. Mit stetem Lächeln und aufmunternder Freundlichkeit werden wir geradezu genötigt, ordentlich zuzupacken. Jeder Biss scheint den Wirtsleuten ein persönliches Vergnügen zu bereiten – ein erstaunlicher Mangel an gastronomischer Professionalität, wenn man bedenkt, dass die Häufung von Reisenden, wie hier, in der Regel regelmäßig den gegenteiligen Effekt erzeugt.

Wir begeben uns zum Strand. Er liegt nicht etwa vor der Haustür, wie man angesichts der "Berühmtheit " von Cherating erwarten könnte. Zuerst ist ein sumpfiger Kokospalmenwald zu durchqueren, in dem einige verlassene und verkommene Kampongs stehen. Der Sumpf resultiert aus den Abwässern der Kampongs, die direkt in den Sand abgelassen werden. In Bodenvertiefungen treten sie wieder an die Oberfläche. Manchmal bilden sie Tümpel, in denen eine große Zahl kleiner springender Fische lebt. Als wir uns nähern, erheben sie sich in einer großen Wolke und fliehen davon.

Der Strand ist wenig spektakulär, eine lange flache Bucht, die auf der einen Seite in niedrige Felsen übergeht. Vermutlich sind solche Buchten an dieser Küste zuhauf zu finden. Unmittelbar am Strand sind eine kleine, ausgestorbene Ferienkolonie aus winzigen Häuschen und ein Restaurant mit lauter Musik aber keinen Gästen. Überhaupt ist so gut wie kein Betrieb – off season Stimmung. Warum gerade Cherating? Die Lage ist es auch nicht. Wahrscheinlich ist es "nur" ein gut propagierter Familienbetrieb zur Bewirtung von Travellers.

Das Meer ist flach. Um untertauchen zu können, muss man eine längere Wanderung zurücklegen. Wir baden in den milden Wellen und spielen mit den Kindern Fangen im Wasser. Eine kleine Felsenbucht dient als Heimathafen.

Abends ist allgemeines Treffen im Verschlag. Zirka 20 bis 30 Travellers, meist junge Leute, finden sich ein. Reisende mit kleinen Kindern hat man hier noch nie gesehen, daher einige Verwunderung und Fragen. Man speist gemeinsam. Das Mahl ist opulent und reichlich, Grundton malayisch. Bei uns sitzt zunächst ein Paar aus Australien, das nicht eben vor Temperament sprüht. Die Unterhaltung ist stockend. Aufregendstes Thema ist – aus der Sicht des weiblichen Teiles des Paares – die Tatsache, dass Australiens bekanntester Song und gewissermaßen die inoffizielle Nationalhymne, "Waltzing Mathilde", vom Komponisten ins Ausland verkauft wurde – die Bedeutung des Ereignisses lässt sich erst ermessen, wenn man sich vorstellt, "Hänschen Klein" würde an einen japanischen Mischkonzern verkauft.

Ein junger Deutscher berichtet von Hakenwürmern, die er sich beim Barfusslaufen – auf Tioman, wie er meint – zugezogen habe. Jetzt muss er am Tag 20 verschiedene Tabletten schlucken, um die kleinen Tiere daran zu hindern, durch die Blutbahn ins Gehirn vorzudringen, wo sie offenbar einiges Unheil anrichten können. Sie sollen sich insbesondere in der Nähe von offenen Toiletten aufhalten. Nachdenklich betrachten wir danach unsere eigenen Füße und rekonstruieren unsere Toilettenbesuche. Wir meinen, immer Schuhe getragen zu haben. Dott ging gerne barfuss, hoffentlich nicht auch auf die Toilette.

Der Rest des Abends ist zu einem erheblichen Teil mit dem Versuch ausgefüllt, die Kinder vom malaysichen Fernsehen weg und ins Bett zu bekommen. Die Erfinder des Kampong haben nicht mit den modernen Medien gerechnet. So nimmt man, da die Wände nicht bis zur Decke gehen, im Schlafzimmer am Fernsehgeschehen im Hauptraum teil.

Man lädt uns ein, mit vor dem Fernseher Platz zu nehmen. Es läuft ein amerikanischer Film mit Untertitel – Weltkultur im Kampong. Amerika beherrscht überhaupt den Bildschirm. In den malaysichen Tageszeitungen werden die neuesten Episoden der Endlosserie "Denver Clan" regelmäßig in großer Aufmachung besprochen. Die Nation leidet mit Christel und Blake. Wie lange wird sich die weiche malayische Seele halten gegen die permanenten Attacken einer Alexis auf Takt und Scham?

In unserem Kampong ist die europäische und asiatische Seele vorerst noch harmonisch vereint. Die Herrin des Hauses, eine freundliche Malayin mittleren Alters, liegt neben dem Riesen aus England, der sie gelegentlich streichelt, auf dem Sofa. Er selbst hat den Sanftmut der Malayen angenommen. Sein ganzes Wesen ist Abgeklärtheit und Weichheit, allerdings von der bewussten und gewollten Art, die einem Europäer wohl allein möglich ist. Peinlich achtet er darauf, dass die Regeln eingehalten werden, vielleicht zu peinlich. Nach dem Waschen – draußen unter der Himmelsdusche – habe ich vergessen, meine Schuhe auszuziehen. Sofort ergreift er vorwurfsvoll schweigend den Besen und kehrt mir nach. Schmutz war wohl kaum wegzukehren, aber der Regelverstoß.

Die Nacht ist heiß und unruhig. In unserem Zimmer steht die Luft. Es fehlt ein Ventilator. Dennoch hat man uns gebeten, das Fenster nicht zu öffnen – aus Angst vor nächtlichen Einsteigern. Die asiatische Seele denkt dabei vermutlich nicht nur an menschliche Störenfriede. Wir halten uns an die Regeln und bringen den malayischen Nachtgeistern ein schweißnasses Opfer dar. Draußen auf der nahen Landstraße donnern die ganze Nacht zahllose Lastwagen entlang. Sie transportieren abgeholzte Urwaldriesen, meterdicke Stämme, aus deren Holz die Vertäferung irgendeiner Chefetage in Amerika, Japan oder Europa gefertigt werden wird. Auch die Geister der westlichen Welt verlangen ihr nächtliches Opfer.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

1872 Georges Bizet (1838 – 1875) Arlésienne-Suiten 1 und 2

Bizet ist in allem ein Gewächs der Stadt Paris. Mit Ausnahme von zwei Reisen verbrachte er sein ganzes Leben in der französischen Metropole. Als Künstler allerdings sollte er die Stadt immer wieder verlassen. Dies war auch bei seiner Arlésienne-Musik der Fall, die ihn in die Provence führte.

Bizet zeigte früh eine besondere musikalische Begabung, weswegen ihn seine Eltern, die beide Musiker waren, schon mit dem Erreichen des Mindestalters von 10 Jahren auf das Konservatorium schickten. Dort wurde er mit führenden Figuren der Pariser Musikszene wie Berlioz, Gounod und Halevy aber auch Rossini bekannt, die ihn nach Kräften förderten. Im Alter von 19 Jahren erhielt er das begehrte staatliche Stipendium des „Prix de Rome“, welches der Grundstein für viele französische Künstlerkarrieren war. Dieses war eine der beiden Gelegenheiten, bei denen er Paris verließ.

Das Pariser Musikleben drehte sich im 19. Jh. vor allem um Bühnenmusik. Es spielte sich unter der Führung einiger rühriger Impressarios weitgehend im Dreieck der großen musiktheatralischen Institutionen Opéra, Théatre Lyrique und Opéra-Comique ab, die sich mit spektakulären Aufführungen und Neuerscheinungen gegenseitig zu überbieten versuchten. Komponisten aus ganz Europa versuchten hier Fuß zu fassen. So ist es kein Wunder, dass es auch Bizet zur der Bühne zog, auf der sich die großen Dramen der Kunstwelt vollzogen. In seinem kurzen Leben hat er denn auch nicht weniger als 12 musikalische Bühnenwerke komponiert, darunter mit der Oper „Carmen“ das erfolgreichste musiktheatralische Werk der Klassik überhaupt.

Im weiteren Sinne ein Bühnenwerk ist auch Bizets Arlésienne-Musik, die nach den Glanznummern aus „Carmen“ seine bekannteste Komposition ist. Dabei handelt es sich um Musikeinlagen zu einem Schauspiel des provencalischen Schriftstellers Alfonse Daudet. Dieser war zunächst als Erzähler in Erscheinung getreten, suchte aber ebenfalls den Erfolg auf der Bühne. Nachdem Daudet mit reinen Theaterstücken wenig Erfolg hatte, versuchte er es mit der Kombination von Musik und Schauspiel nach Art eines Vaudeville, einem „Theatergenre zur kommerziellen Unterhaltung eines subbürgerlichen Publikums“, zu dem Musikeinlagen gehörten. Unter dem Titel L`Arlésienne dramatisierte er hierfür eine beliebte, nur wenige Seiten lange melodramatische Episode aus seinem Werk „Briefe aus meiner Mühle“, die im bäuerlichen Milieu der Provence spielt.

Den Auftrag hierzu hatte er von Léon Carvalho erhalten, der seinerzeit dem Théatre de Vaudeville vorstand. Der notorische Impressario hat in seiner Karriere die ganze Dramatik des Theaterlebens erfahren – angefangen vom Bankrott des Théatre Lyrique über bedeutende Uraufführungen in der Opéra-Comique – so „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach und Massenets „Manon“ -  bis hin zum verheerenden Brand dieses Theaters mit über 100 Toten einschließlich einer entsprechenden Anklage, Freispruch in zweiter Instanz und Wiedereinsetzung in seine Funktionen. Carvalho bediente mit Vorliebe das Bedürfnis der Hauptstädter nach Exotik. Da dem Publikum der Weltstadt bereits die Provence exotisch erschien, witterte er bei Daudets Stoff Bühnenwirksamkeit. Mit der Musik zu dem Schauspiel beauftragte er Bizet, den er als ausgewiesenen Exotiker kannte. Dieser hatte für ihn und das Théatre Lyrique schon seine in fremdländischem Ambiente angesiedelten Opern „Die Perlenfischer“ (Ceylon), „La jolie fille de Perth“ (Schottland) und „Ivan IV“ (Altrussland) komponiert (letztere kam übrigens nie auf den Spielplan, sondern wurde erst während der deutschen Besatzung von Paris im zweiten Weltkrieg von einem Schwaben, dem Studienrat Dr. Hartmann aus Horb am Neckar wieder entdeckt; er führte sie 1946 auszugsweise an einem so „exotischen“ Ort wie Schloss Mühren bei Horb mit Klavierbegleitung auf).

Bizet war für Carvalho nicht zuletzt deswegen der geeignete Mann für die provencalische Thematik, weil dieser ihm begeistert von seinen Erlebnissen in Südfrankreich berichtet hatte, das er auf dem Weg zum Antritt seines Romstipendiums bereist hatte. Schon damals hatte Bizet an seine Eltern geschrieben:  „Es ist malerisch, imposant, und ein Künstler muss einfach davon profitieren.“ Die Wirkung war fünfzehn Jahre später noch nicht verflogen. Bizet ging mit großer Ernsthaftigkeit an die eher periphere Aufgabe und schrieb für die drei Akte des Schauspiels insgesamt 27 kurze höchst charakteristische Stücke. Dabei verwendete er auch provencalische Melodien. Neben dem mehrfach variierten markanten Thema aus dem Vorspiel, das so etwas wie das Markenzeichen der Arlésienne-Musik wurde, ist dies in der „Farandole“ und in „Er dou Guet“ der Fall.

„L´Arlésienne“ ist ähnlich wie Carmen ein Eifersuchtsdrama. In beiden Fällen ist die weibliche Hauptfigur eine femme fatale, die einen einfachen und rechtschaffenen Mann in die Verzweiflung und zur Zerstörung seines Lebens treibt. Die Frau aus der Stadt Arles tritt in dem Stück allerdings nie auf, sondern hängt nur wie ein drohend unbestimmtes Schicksal über der ländlichen Familie. Die entfesselten Gefühle und Zwiespältigkeiten des Geschehens hat Bizet in kongenialer Weise in Musik gefasst.

Eine Besonderheit der Komposition, die ursprünglich für ein Ensemble von nur 26 Instrumenten, darunter 5 Celli und nur eine Bratsche geschrieben war, ist die Verwendung des Saxophons. Das Instrument, das der belgische  Instrumentenbauer Sax rund vier Jahrzehnte zuvor erfunden hatte, war bis dato nur in der Militärmusik etabliert. Im Schauspiel dient es zur Charakterisierung der Figur des „Innocent“, des geistig zurückgebliebenen, zugleich aber merkwürdig hellsichtigen Bruders der männlichen Hauptperson, der, wiewohl in einer Nebenrolle, die heimliche Schlüsselfigur der  psychologisierenden Handlung ist.

Anders als von Daudet erhofft, war dem Schauspiel, das am 1. Oktober 1872 erstmals über die Bühne des Théatre de Vaudeville ging, kein Erfolg beschieden. Es verschwand nach nur elf Aufführungen in der Theaterversenkung mit der Folge, dass Daudet nie wieder etwas für die Bühne schrieb. Nicht in Vergessenheit geriet aber Bizets Musik, der eigentlich nur eine Nebenrolle zugedacht war. Schon vier Wochen nach der Uraufführung führte Jules Pasdeloup,  ein anderer der großen Pariser Impressarios und bedeutender germanophiler Dirigent, im Circe d`Hiver mit großem Erfolg die erste Arlésienne-Suite auf, die der Komponist selbst zusammengestellt und für großes Orchester neu instrumentiert hatte. Nicht einmal 3 Jahre später sollte Pasdeloup Teile daraus bei der Beerdigung Bizets spielen, der im Alter von 36 Jahren starb, nachdem er auf eine letzte imaginierte Reise nach Südspanien gegangen war, die ihm posthum Weltruhm einbringen sollte.

Die zweite Arlésienne-Suite fertigte später Ernest Giraud, Bizets Studienfreund, gemeinsamer Rompreisträger und Kollege in Sachen Bühnenmusik. Neben weiteren Teilen der Schauspielmusik verwendete er auch Material aus „La jolie fille de Perth“.

Weitere Texte zu Werken Bizets und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1877 Peter Tschaikowski (1840 – 1893) Symphonie Nr. 4 f-moll

Tschaikowskis 4. Symphonie trägt die Widmung „Für meinen besten Freund“. Bei Tschaikowski, der bekanntlich homoerotisch veranlagt war, dies aber unter den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen auf keinen Fall öffentlich werden lassen durfte, könnte man bei einer derart auffällig unbestimmten Widmung vermuten, dass damit ein Mann gemeint sei, den er nicht kompromittieren wollte. Tatsächlich handelte es sich aber um eine Frau. Über fast eineinhalb Jahrzehnte unterhielt Tschaikowski zu dieser Frau eine Beziehung, wie man sie mit einem besten Freund haben könnte.

Bei der Frau handelte es sich um Nadeshda von Meck. Als die Mutter von achtzehn Kindern, von denen elf erwachsen wurden, Ende 1876 mit einem Kompositionsauftrag erstmals Kontakt zu dem Komponisten suchte, war sie 45 Jahre alt und hatte gerade ihren Mann, einen reich gewordenen Eisenbahnunternehmer verloren. In der Folge sollte sich zwischen ihr und Tschaikowski eine der merkwürdigsten Romanzen der Kulturgeschichte entwickeln. Die beiden verkehrten ausschließlich in der virtuellen Welt der Briefe, von denen sie in den vierzehn Jahren ihrer Beziehung insgesamt rund 1200, im Durchschnitt also einen alle vier Tage wechselten. In dieser Sphäre schriftlicher Selbstdarstellung ließen sie ihren Gedanken und Gefühlen außerordentlich freien Lauf. Aus der ohne Zweifel begründeten Befürchtung, die Wirklichkeit könne demgegenüber enttäuschend sein, achteten sie sorgfältig darauf, dass sie sich nie persönlich begegneten, suchten aber, was die Spannung durch Quasi-Intimität erhöhte, immer wieder auch die Nähe, etwa durch den gleichzeitigen Aufenthalt am selben Urlaubsort. Die Beziehung zu Frau von Meck war für Tschaikowski und damit für die Musikgeschichte schon deswegen von großer Bedeutung, weil sie ihn finanziell unterstützte, ab 1878 sogar so großzügig, dass er seine aufreibende Tätigkeit als Lehrer am Moskauer Konservatorium aufgeben und sich ganz der Komposition widmen konnte. Darüber hinaus ist das Verhältnis für die Nachwelt auch deshalb wichtig, weil der Briefwechsel, auch wenn darin seitens Tschaikowski manches stilisiert gewesen und der Bestätigung der Erwartungen einer Gönnerin gedient haben sollte, tiefe Einblicke in die Gedanken und Seelenwelt des Menschen und Komponisten aber auch des Zeitgenossen Tschaikowski ermöglicht. Denn wie kaum einer anderen Person offenbarte er Frau von Meck auch sein künstlerisches Selbstverständnis und teilte ihr Einzelheiten seines Schaffensprozesses mit. Dies gilt in besonderem Maße im Falle der 4. Symphonie, von der er im Verhältnis zur Nadeshda von Meck als „unserer Symphonie“ sprach.

Die Komposition des Werkes, die Tschaikowski im Winter 1876/77 begann, fiel in die Anfangszeit der Beziehung zu Frau von Meck, eine Zeit, in der Tschaikowski mit massiven Problemen zu kämpfen hatte. Nicht nur, dass er erhebliche finanzielle Schwierigkeiten hatte, weswegen er sich im Mai 1877 genötigt sah, Frau von Meck, die ihn durch überhöhte Zahlungen ihrer Kompositionsaufträge ohnehin schon unterstützte, um ein größeres Darlehen zu bitten (bei dieser Gelegenheit bot er ihr auch die Widmung der Symphonie an). Er befürchtete seinerzeit vor allem, dass seine homoerotische Veranlagung publik werden könnte. Wohl um die bereits umlaufenden Gerüchte zu entkräften, hatte er sich in der zweiten Jahreshälfte 1876 entschlossen, zu „heiraten, wen es auch sei“. Im Juli 1877 hatte er sich schließlich in eine Ehe mit einer Frau gestürzt, die er kaum kannte. Das Manöver endete nach wenigen Wochen im psychischen Desaster und einer „leidenschaftlichen Sehnsucht nach dem Tode.“ Am Ende flüchtete Tschaikowski, seine Frau verlassend, für sieben Monate nach Westeuropa. Dort zur Ruhe gekommen konnte er die Arbeit an der Symphonie, die längere Zeit unterbrochen war, im Herbst 1877 abschließen. Mit ihr und der Oper „Eugen Onegin“, an der er gleichzeitig arbeitete, sollte er seinen Weltruhm begründen.

Über all diese Turbulenzen hat Tschaikowski mit Nadeshda von Meck im Laufe des Jahres 1877 ausführlich korrespondiert. Als sie ihn nach der Uraufführung der Symphonie, die am 10. Februar 1878 in seiner Abwesenheit in Moskau stattfand, fragte, ob dem Werk ein „Programm“ zu Grunde liege, gab er ihr und nur ihr, wie er betonte, dann eine nachträgliche Deutung im Lichte dieses annus horribilis. Diese Auslegung hat seitdem die Sicht auf die Komposition weitgehend bestimmt.

Das Samenkorn des Werkes, aus dem alles wachse, so schreibt er am 17. Februar 1878 aus Florenz, wo er noch immer „auf der Flucht“ ist, sei das Fanfarenmotiv der Einleitung. Es stehe für das „Fatum, die verhängnisvollen Macht, die unser Streben nach Glück verhindert und eifersüchtig darüber wacht, dass Glück und Frieden nie vollkommen werden, eine Macht, die wie ein Damoklesschwert über unserem Haupte hängt und unsere Seele unentwegt vergiftet.“ In einem Brief an seinen Bruder Modest hat er sich hierüber deutlicher in dem Sinne geäußert, dass damit die ständige Angst vor der Zerstörung seiner gesellschaftlichen Stellung angesichts seiner Veranlagung gemeint sei. Vor der Bedrohung, so fährt Tschaikowski gegenüber Frau v. Meck fort, flüchte sich der Mensch in Träume, die ihm das Glück vorgaukeln. Doch letztlich sei „das Leben nur ein unaufhörlicher Wechsel von düsterer Wirklichkeit und flüchtigen Träumen.“ Dies, so Tschaikowski,  sei „in etwa“ das Programm des ersten Satzes, der nach Länge, Gewicht und kompositionstechnischem Aufwand das Kernstück der Symphonie ist. Für die Deutung des zweiten Satzes imaginiert Tschaikowski eine Person, die das Leben, welches sie müde gemacht hat, vor sich Revue passieren lässt. „Traurig ist es und doch süß“, so resümiert er, „sich in die Vergangenheit zu verlieren …“ Im dritten Satz kommen, so Tschaikowski, keine besonderen Gefühle zum Ausdruck. Es seien launige Arabesken und flüchtige Bilder, die einem etwa im leichten Weinrausch oder beim Einschlummern durch den Kopf ziehen, „unverständlich, bizarr und zerrissen“. Das besondere dieses Satzes ist, dass die Streicher hier ausschließlich Pizzicato spielen. In vierten Satz schließlich sucht der in sich selbst gefangene Mensch, ähnlich wie Faust beim Osterspaziergang, den Ausweg, indem er sich unter das Volk mischt. Der Satz beginne mit dem „Bild eines Volksfestes an einem Feiertage“. Doch auch hier melde sich das Fatum. Am Ende aber zeige dem bedrohten Mensch die Art wie das Volk sich freue und glücklich sei: „Es gibt doch noch einfache und unwüchsige Freude – Du kannst noch leben!“

Tschaikowski hat natürlich gewusst, dass eine derart eindeutige Interpretation seines und überhaupt eines Musikwerkes dieser Art kaum möglich ist. Deswegen schickte er seiner Deutung im gleichen Brief nicht nur eine ausführliche Schilderung der Eigengesetzlichkeit (und Rauschhaftigkeit) des Schaffensprozesses voraus, sondern relativierte seine Auslegung auch gleich wieder. Beim nochmaligen Durchlesen, so schrieb er, sei er erschreckt, ob der Unvollständigkeit und Unklarheit des Programms, das er entworfen habe. „Zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich Gelegenheit gehabt, meine musikalischen Ideen und Gestalten in Worte zu kleiden und in Sätze zu fassen. Diese Aufgabe habe ich aber nur sehr schlecht gelöst.“ Das erste sollte denn auch das letzte Mal bleiben, dass Tschaikowski sich auf das Unterfangen einer derartigen Selbstinterpretation einließ.

Wiewohl in Tschaikowski 4. Symphonie ohne Zweifel Persönliches und Musikalisches im Sinne eines Bekenntnisses untrennbar miteinander verbunden ist , kann die geschilderte Interpretation wohl nur auf dem Hintergrund seiner Beziehung zu Nadeshda von Meck verstanden werden. Gegenüber seinem Schüler Tanejew äußerte er sich nur wenige Wochen später denn auch ganz anders. Auf dessen „Vorwurf“, die Symphonie klinge nach Programmmusik, antwortete Tschaikowski in einem ausführlichen „Verteidigungsbrief“ vom 8. 4. 1878, das Werk habe natürlich ein Programm, aber keines „das man in bloße Worte fassen könne“. Ein solches „würde komisch wirken und ganz gewiss ausgelacht werden.“ Er könne es sich aber andererseits „absolut nicht wünschen, dass aus meiner Feder jemals symphonische Werke entstehen könnten, welche nichts auszudrücken hätten und bloße Akkorde und Harmonien sowie Rhythmen- und Modulationsspiel bedeuten würden.“ Die Musik solle vielmehr „alles  ausdrücken, wofür es keine Worte gibt und geben kann, was aber doch aus dem menschlichen Herzen herausdrängt und ausgesprochen werden will.“ Dem Musiker Tanejew bietet Tschaikowski dann eine eher musikhistorische Deutung seiner Symphonie an. „Glauben sie ja nicht, dass ich jetzt vor ihnen mit tiefen Gefühlen oder großen Gedanken prahlen wollte. Ich hatte durchaus nicht das Bestreben, in diesem Werk neue Ideen auszusprechen. Im Grunde genommen ist nämlich meine Symphonie eine Nachahmung der 5. Symphonie Beethovens, das heißt ich habe nicht ihren musikalischen Inhalt nachgeahmt, sondern nur ihre musikalische Grundidee entlehnt.“ Und Beethovens Symphonie habe nicht etwa nur „irgendein Programm, es kann vielmehr nicht die geringste Meinungsverschiedenheit darüber bestehen, was sie eigentlich ausdrücken will.“

Weitere Texte zu Werken Tschaikowskis und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 7

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

26.3.1985

Am Morgen klagen die Kinder über allzu große Naturnähe. Ameisen haben die Hütte heimgesucht und eine unruhige Nacht beschert.

Es heißt Abschied nehmen. Unser Abgang aus dem Paradies ähnelt dem von Adam und Eva – er findet unter Druck, Zeitdruck statt. In uninsularer Eile hetzen wir in der Frühe zu Nazri’s Strand zurück, von wo es – von wo sonst? – zum Festland geht. Unsere Seelenlage entspricht dem Zustand jener großen Kokospalme am Wegesrand, die über Nacht umgestürzt ist und nun mit ihrer prächtigen Krone im Wasser liegt.

Das Boot liegt schon „auf“ dem Strand. Wir haben gerade noch Zeit, unser Gepäck von den Polen zu holen und hineinzuklettern. Good bye Tioman, good bye deinen Stränden, Korallen, Dschungelbächen, tiefsinnigen Gesprächen, good bye der Palmenidylle, dem Dschungel, dem Tropenkonzert – good bye paradise.

Mit auf dem Boot sind Dott und John. Die Kinder finden bald weitere Bekannte, ein paar Deutsche, die sie auf der Insel kennen gelernt haben. Stolz betrachten wir im Vorbeifahren noch einmal „unsere“ Dschungelwand. Viel zu sehen ist leider nicht. Der obere Teil ist, ebenso wie die Berge im Innern der Insel, von dunklen Wolken eingehüllt. Dafür liegt sehenswerte „Landschaft“ diesmal über dem Meer. Hier türmen sich mächtige Wolkengebirge.

Ich habe einen abgasfreien Platz auf dem wenige Quadratmeter großen Dach des Bootes gefunden. Ein kühler Regenschauer zwingt mich allerdings kurzfristig, darunter Schutz zu suchen. Nachbar auf meiner luftigen Terrasse ist ein Engländer. Er ist Soldat, Ausbilder eines in Hongkong stationierten Gurkaregiments, das er zur Zeit in den Wäldern Malaysias in Überlebenstechnik und Dschungelkampf trainiert – Gelegenheit also nach den gesammelten eigenen Erfahrungen, den Fachmann „sachkundig“ zu befragen. Er berichtet, dass das Leben im Dschungel keinesfalls besonders schwierig sei. Es sei zwar recht feucht, wegen des allgegenwärtigen Schattens sei es aber nicht übermäßig heiß. Von der Tierwelt drohe praktisch keine Gefahr. Die meisten Tiere, insbesondere die Schlangen, verzögen sich aufgeschreckt durch die Bodenerschütterungen, die der Mensch verursacht, schon lange, bevor sie in Sichtweite kämen. Man bekomme daher allenfalls einmal eine Wasserschlange zu Gesicht, da diese die Erschütterungen im Wasser nicht spüren könne. Wasserschlangen seien aber völlig harmlos. Nachts könne man sich gegen versehentliche Kontakte mit gefährlichen Tieren schützen, indem man um sich einen Kreis aus Zweigen eines bestimmten Baumes lege. Die starken Ausdünstungen dieser Pflanze hielten jegliches Getier fern. Allerdings verursachten sie bei manchen Menschen schwere Allergien.

Das südchinesische Meer ist an diesem Tage eher pazifisch gestimmt. Die Meerfahrt ist ein einziges Vergnügen. Es gibt keine bleichen Gesichter und keine danieder gestreckten Traveller. Die Kinder turnen auf dem kleinen Boot herum und unterhalten die Reisenden. Als die kleinen Inseln vor der Küste in Sicht kommen, wissen wir, dass wir auch von Piraten verschont geblieben sind. Angeblich sollen die Piraten, die ihr Unwesen im nördlichen Teil des südchinesischen Meeres treiben und dort insbesondere die Vietnamflüchtlinge überfallen, mit ihren Schnellbooten gelegentlich auch in diesen Breiten auftauchen. Mit einer gewissen Erleichterung fahren wir daher in den geschäftigen Fluss ein, in dem es von Seelenverkäufern nur so wimmelt. Teilweise sind fünf Boote seitlich aneinander geparkt. Bald haben wir wieder festes Land unter den Füßen.

In der Mittagshitze ist zunächst der Weg in die Innenstadt von Mersing zu bewältigen. Dort beginnt unter Beteiligung der einheimischen Bevölkerung ein großes Palaver über die weiteren Verkehrsverbindungen. Gibt es einen Bus nach Norden, fährt er noch am gleichen Tag, nachmittags, abends? Jeder hat andere Informationen. Es gilt Abschied von den Travellers zu nehmen, von Dott vor allem und John.

Wir lassen uns zunächst einmal in einem Restaurant nieder, genießen eine heiße chinesische Suppe und feiern anschließend ein wahres Ananasfest. Von dort gehe ich mit Sassi auf die Suche nach einer Busstation. In den Läden, in denen wir Informationen zu erhalten versuchen – Geschäftsleute können in der Regel am besten Englisch – gibt es alles, von der Zange über Töpfe bis zu jungen Enten. Dicht gedrängt piepsen letztere in einem flachen Korb, der am Boden steht. Sassi fragt gleich nach dem Preis, der nach unseren Maßstäben verschwindend ist. Er ist fest entschlossen, eines der kuscheligen Tierchen  zu kaufen, notfalls von seinem Taschengeld. Nur mit Mühe gelingt es mir, ihn davon zu überzeugen, dass Enten keine besonders guten Reisebegleiter sind.

Entgegen allen Befürchtungen bekomme ich in einem Restaurant Tickets für einen Bus, der noch am gleichen Tag fahren soll. Einen genauen Zeitpunkt für die Abfahrt kann man zwar nicht sagen, wir sollen im Vorraum des Restaurants warten, bis er kommt. Also warten wir mit einigen Einheimischen, in jedes mögliche Schicksal ergeben.

Allzu lange lässt der Bus dann nicht einmal auf sich warten. Überraschenderweise weist er sogar einen beachtlichen zivilisatorischen Komfort auf – getönte Scheiben und eine Klimaanlage. Kann man sich gegen solche Annehmlichkeiten wehren? Tioman und das Paradies sind schon weit weg, jetzt stellen sich andere Probleme!

Erste Busfahrt in Malaysia. Unser Ziel ist zunächst einmal Kuantan, 250 Kilometer weiter nördlich. Das Küstengebiet, durch das die Straße führt, ist ziemlich dicht besiedelt. Überall finden sich, wie üblich unzusammenhängende, Kampongs. Nur selten gewinnt man den Eindruck einer geschlossenen Ortschaft. Die Malayen müssen einen gewissen Hang zur Absonderung haben. Es wäre interessant, zu wissen, was die sozialen Voraussetzungen dieser verstreuten Siedlungsform sind und welche Besonderheiten des gesellschaftlichen Lebens sie erzeugt haben.

Malerisch, wie man nach den Beschreibungen insbesondere regierungsamtlicher Provenienz erwarten konnte, ist die flache Küstenlandschaft nicht. Irgendwo weit außerhalb einer mittelgroßen Stadt machen wir 20 Minuten Rast auf einem größeren Asphaltfleck. Da man nichts weiter tun kann, füttern wir ein paar frei umherlaufende Ziegen mit Bananenschalen.

Gegen Abend erreichen wir Kuantan bei leichtem Regen. Ein Hotel ist bald gefunden. Wir wohnen, unseren Gepflogenheiten entsprechend, altchinesich, das heißt in einem weitläufigen Gebäude, das an einer lauten Straße liegt, nach allen Seiten offen ist, Zimmerwände hat, die nicht bis an die Decke gehen und leicht verstaubt ist. Wir sind die einzigen „Weißen“ im Hotel. Schon als wir nach einem Zimmer fragten, hat man uns erstaunt angeschaut.

Nach Abschluss der Duschzeremonien gibt es etwas zu Essen in der Bäckerei, die zum Hotel gehört. Auf unsere Frage nach einem Getränk empfiehlt man uns, Teebeutel zu kaufen und im Hotel heißes Wasser zu bestellen. Das sei wesentlich billiger, als draußen in einem Restaurant Tee zu trinken – irgendwie praktisch diese Chinesen.

Kleiner Rundgang durch die umliegenden Geschäftsstraßen, die Kinder toben noch etwas in den weitläufigen und verschachtelten Gängen des Hotels bis sie bettreif sind.

Wir machen einen weiteren Spaziergang durch die Stadt. Eine Straßengarküche lockt mit einem Pfannengericht. Der junge Koch gibt sich für uns besondere Mühe und zaubert, assistiert von seiner stolzen Mutter, mit artistischer Fingerfertigkeit aus allerlei Zutaten einen höchst schmackhaften Imbiss. Die Freude an seiner Tätigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Ein Supermarkt ist noch geöffnet. Es gibt alles, was die Malaysier dringend benötigen: Honig aus Australien, Mineralwasser aus Frankreich, Popcorn aus Amerika. Ein Zentrum abendlichen Lebens können wir nicht finden, daher gehen wir früh zu Bett.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 6

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25.3.1985

Am Morgen liegt das Schulboot am Landungssteg. Es bringt die Kinder von Guara für 14 Tage in ihre Schulquartiere auf der Hauptseite der Insel. Dort wohnen sie bei Verwandten und Bekannten. Die Kinder warten, sauber herausgeputzt, mit ihren besorgten Müttern am Pier auf die Abfahrt des Bootes. Allerlei Gepäck und Verpflegung muss untergebracht werden. Zwischen Bergen von Kokosnüssen und sonstiger Last sitzen die Kinder auf dem offenen Deck. Judi und die beiden Kleinen entschließen sich, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem Schiff zurückzufahren. Sie gesellen sich zu den zierlichen Malayenkindern, unter denen sie wie Riesen aussehen.

Die wahren Dschungelenthusiasten wählen den Fußweg – schon eingedenk der hohen Wellen, in denen wir gestern gebadet hatten. Auch hatten wir die Dschungelfotos wegen der schlechten Lichtverhältnisse im Wald noch zurückgestellt. Sie mussten unbedingt nachgeholt werden. Das Boot – es ist von der üblichen Bauart – schaukelt aus der Bucht. Dott, die eigentlich mitfahren wollte, hat es verpasst, weil es früher abgefahren ist als geplant – auch das gibt es in Asien. Es sollte allerdings ihr Glück sein. Kurze Zeit später erscheint nämlich John und sucht – nicht ganz unbesorgt – seine eskapatistische Gemahlin, wozu er sich offensichtlich schon in aller Frühe auf die Beine gemacht hat.

Nach einem letzten Wellenbad machen Cinqui und ich sich ebenfalls auf den Rückweg. Wir durchqueren wieder die flache Bucht mit ihren Kokospalmen. Natürlich holen wir uns eine letzte Abkühlung in „unserem“ Fluss am Ende der Bucht. Es folgt der lang ansteigende Weg ohne Schatten. Die Sonne steht im Zenit. Schon bald sehnen wir uns wieder nach Wasser. Da der Weg weit oberhalb der Täler verläuft, ist Wasser auf dieser Seite des Aufstiegs rar. Später können wir es zwar hören, finden jedoch keinen Zugang. Endlich kommt der Dschungelpool. Er besteht aus einem kreisrunden Loch von etwa sieben Metern Durchmesser, ist zwei Meter tief und mit klarstem fließendem Wasser gefüllt. Wir nehmen darin ein ausgiebiges Bad.

Nach dieser Erfrischung ist der weitere Weg schon wesentlich angenehmer, zumal wir das schlimmste hinter uns haben und uns der Schattenzone nähern. Abseits des Weges entdecken wir das weich ausgewaschene Tal eines Wildbaches, der unter einem Gewirr von abgebrochenen Ästen und umgestützten Bäumen hindurchrauscht. Abenteuerliche Lianen spannen sich hier sogar quer über das Flussbett. Es folgt der steile Abstieg über Stock und Stein. Jetzt öffnen sich aufregende Blicke in die Tiefe, etwa entlang der Schneise, die ein gestürzter Urwaldriese irgendwann einmal geschlagen hat. Überhaupt ist es die Gemengelage von toter und lebender Natur, die einen so berührt, vielleicht, weil sie deutlich macht, wie einseitig unser Bild von der Natur ist. Es ist sehr von den „aufgeräumten“ Kulturlandschaften Europas geprägt. Mehrfach rasten wir am Rande eines kleinen Baches, kühlen uns die Füße und staunen.

Viel zu schnell ist alles wieder vorbei. Noch einmal eröffnen sich Ausblicke, von denen man das Ganze der durchstiegenen grünen Wand mit den hellen Stämmen der Riesen überblicken kann. Die Dorfmoschee ist erreicht, dann folgen Kulturlandschaft, Häuser und die flache Bucht. Es bleibt noch der heiße Gang zu Nazri’s, der uns sehr lang erscheint.

Vom Rest der Familie ist dort nichts zu sehen. Wir warten am Strand, gehen dann in Richtung ABC-Strand auf Suche. Von dort kommen uns Judi und die beiden Kleinen bereits entgegen. Sie berichten von einer grandiosen Fahrt entlang den unzugänglichen Steilküsten der Insel und von reichlich Seekrankheit bei den malayischen Schulkindern.

Nachdem der Hüttenbann in Guara gebrochen wurde, entschließen wir uns, tiefsitzenden Sehnsüchten folgend, die letzte Nacht im Paradies zu verbringen, wo es natürlich nur Hütten gibt. Damit emanzipieren wir uns endlich von Nazri, der uns jetzt wie der letzte Außenposten einer fragwürdig gewordenen westlichen Zivilisation erscheint. In der malerischen Kolonie am Rande des Paradiesbaches finden sich tatsächlich zwei passende Hütten. Die Kinder bestehen nicht einmal darauf, dass sie in unmittelbarer Nachbarschaft stehen.

Den Abend verbringen wir philosophierenderweise im Restaurant am ABC-Strand bei einer neuen Variation des Malayendinners, das die Köchin vermutlich für europäisch hält: Fisch, Reis mit Soße, Gemüse – diesmal mit Bananen. Die Weltprobleme loten wir mit einem holländischen Travellerspaar aus. Das Gespräch, das bis tief in die Nacht geht, wird eine Art Stoffsammlung zum Thema „Soziale Funktion der Religionen“, die einem Religionssoziologen, hätte er mitgeschrieben, monatelanges Literaturstudium erspart hätte. In tiefster Finsternis suchen wir mit Petroleumlampen unsere Hütte auf für eine Nacht am Rande des Dschungels, in dem ein Riesenorchester aus allem möglichen Kleingetier ein lautstarkes Konzert veranstaltet.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 5

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24.3.1985

Inselüberquerung. Wir stehen früh auf, um die Kühle des Morgens für den Aufstieg zu nutzen. Vom Gepäck nehmen wir nur das allernötigste mit, das heißt so viel wie nichts. Der Rest bleibt bei den Polen. Wir müssen zunächst nach Tekek, das sich als weitläufiges Dorf aus Kamponghäusern und ein paar Läden mit dürftigem Angebot erweist. Hier machen wir unsere letzten Einkäufe. Die Wegzehrung ist nicht gerade kulinarisch. Sie besteht im Wesentlichen aus ein paar jener trockenen Bisquits, die man überall in Asien zu kaufen bekommt.

Dann verlassen wir das bekannte Terrain. Eigentlich soll der Weg ganz einfach zu finden sein. Es hieß, dass es nur einen Weg durch das Innere der Insel gebe, den man somit kaum verpassen könne. Dennoch müssen wir schon bald nachfragen. Die Antwort der Einheimischen beschränkt sich im Wesentlichen darauf, in Richtung auf die steile, vom Dschungel überwucherte Bergwand zu zeigen, die hinter dem Ort aufsteigt. Auf diese Weise gelangen wir bis zur Moschee, die – erstaunlich groß – als letztes Gebäude über dem Dorf thront. Danach ist kein Mensch mehr anzutreffen.

Wir ziehen zunächst durch leicht hügeliges, dichtgrünes Land, auf dem Bananen und Kautschukbäume angebaut werden. Dann beginnt ein lockerer Wald. Schon bald verlieren wir die Orientierung und gehen statt bergauf in den dichteren Wald wieder hinunter in angebautes Gebiet. Der Weg wird immer undeutlicher. Schließlich erreicht er die Qualität jener Pfade, die bei gelegentlichem Umherstreunen im Gebüsch entstehen. Das kann unmöglich die Haupttraversale der ganzen Insel sein. Als wir schließlich in einer Pflanzung landen und der Weg einfach aufhört, verlangen die Kinder, denen die Sache ohnehin nicht geheuer ist, den Abbruch des Unternehmens. Wir müssen uns entschließen, einen Teilrückzug anzutreten.

Da erscheint, barfüssig und in kurzen Hosen, als dea ex silva Dott. Nach unserem gestrigen Gespräch, bei dem wir auch unseren Plan erwähnt hatten, die Insel zu überqueren, hat sie sich spontan entschlossen, uns zu folgen. John, den sie davon nicht überzeugen konnte – er wollte lieber malen – hat sie mit der Bitte zurückgelassen, sich keine Sorgen zu machen, wenn sie über Nacht wegbleibe. Allerdings kam sie zu spät bei Nazri an, wo sie sich uns anschließen wollte. So hat sie sich, mit einem Rucksack bewaffnet, alleine und wie gesagt barfuss auf den Weg durch den Dschungel gemacht.

Damit ist die Stimmung der Kinder gerettet. Wenn die alte Dame den Weg alleine wagt, kann es nur halb so schlimm sein. Hinzu kommt, dass wir den richtigen Weg wiederfinden. Er hat sich bei einer Abzweigung ganz im Bodengewächs versteckt und wird erst danach wieder als häufiger benutzter Pfad erkennbar. Dott, offensichtlich gewohnt, das Tempo zu bestimmen, übernimmt die Führung. Noch geübt von ihren Trecks im Himalaya, steigt sie flotten Schrittes den Berg hinauf. Schon bald fließt uns, nicht aber ihr, der Schweiß am ganzen Körper entlang.

Doch das Schauspiel dieses Dschungels lässt die Anstrengung vergessen. Er ist wie im Bilderbuch. Wir sind wirklich in der grünen Hölle. Zwanzig Jahre habe ich nach einem solchen Dschungel gesucht. Wie enttäuschend waren die Monsunwälder Indiens. Wie oft hatte man in Indonesien angesichts einer Häufung von Palmen geglaubt, im Dschungel zu sein. Es war jedoch immer nur eine überreiche Kulturlandschaft. Und wenn man dem wahren Dschungel einmal nah zu sein schien, saß man bestimmt in einem Bus oder Zug und konnte nicht aussteigen. Hier aber sind wir endlich mitten darin. Der Dschungel ist so wild und unberührt, wie er es vermutlich nur auf einer Insel sein kann, die mangels Straßen auch keine Holzwirtschaft kennt.

Majestätisch breiten die Baumriesen hoch oben ihre weiten Kronen aus. Durch den steil aufsteigenden Hang wirken sie noch größer als sie ohnehin schon sind. Die ersten Äste zweigen häufig erst in vierzig oder fünfzig Meter Höhe ab. Von dort hängen, als seien sie von Menschenhand befestigt, Lianen bis zum Boden, schlank und biegsam, wie Seile. Unter dem Schirm der Riesen wächst, was man in unseren Breiten für eine Waldvegetation von normaler Größe hält. Dazu gehören dichte Palmwälder, in denen es ziemlich dunkel ist. Palmblätter von sechs bis acht Meter Länge hängen uns wie ein Vorhang im Weg. Prächtige Nestfarne thronen auf Felsnasen oder in Astgabeln. Einer hat in seiner Mitte ein „Wasserbecken“ von nicht weniger als einem Meter Durchmesser. Auf dem Boden schließlich sind Tod und Leben chaotisch gemischt. Kreuz und quer liegen gestürzte Baumriesen und Äste über den Felsterrassen. Aus ihren vermodernden Leibern wachsen Farne, Orchideen, Sträucher und wieder neue Bäume. Durch das wilde Durcheinander schlängeln sich kleine, saubere Bäche. Sie kreuzen in schöner Regelmäßigkeit unseren Weg, als wollten sie Erfrischung anbieten.

Der Weg wird schließlich immer steiler und ähnelt mehr und mehr einer Felsentreppe. Ziemlich weit oben wird der schweißtreibende Aufstieg mit einem kühlen Bad in einem mächtig rauschenden Wasserfall belohnt. Dott, wie immer voran, entledigt sich kurzerhand ihrer Kleider und begibt sich als erste unter die schäumende Flut. Der restliche Aufstieg ist bei deutlich kühlerer Luft eine Kleinigkeit. Wir passieren das Prachtexemplar eines Brettwurzelbaumes. Seine weitausladenden niedrigen „Bretter“ bilden eine komplizierte Skulptur aus geschwungenen Linien. Ein Jugendstilkünstler hätte sie nicht eleganter gruppieren und aufeinander beziehen können.

Jenseits des Passes sind noch zahlreiche gestürzte Bäume zu überwinden. Die Insel ist kürzlich von einem Taifun heimgesucht worden, der hier deutliche Spuren hinterlassen hat. Den Kindern gibt dies Gelegenheit zum Klettern und Schaukeln – Vertrauen bildende Maßnahmen. Dann beruhigt sich der Weg, wird ebener und auch breiter. Der Wald verwandelt langsam seinen Charakter. Er wird zusehends lichter und geht schließlich in eine Kulturlandschaft über, die hauptsächlich von Kautschukbäumen bestimmt wird. Nur noch gelegentlich ragt ein Urwaldsolitär mit wilder Geste aus der zivilisierten Umgebung.

Für uns bedeutet dies zunächst einmal ein Ende des Schattens. Die Sonne steht senkrecht über uns. Der Weg ist nun angelegt, ist aber offensichtlich erst kürzlich vom Regen bis zu einem Meter tief aufgerissen worden. Gelegentlich sieht man unter einem kleinen Dach Inselbewohner, die mit Hilfe von allerlei Gefäßen und einer Mangel Gummimatten aus dem milchweißen Saft der Bäume herstellen. Am Wegesrand raschelt es. Bei näherem Hinsehen finden wir ein etwa ein Meter langes Tier, das einem Waran ähnelt. Es scheint durch uns nicht weiter beunruhigt zu sein und geht seiner Wege.

Der nun stetig abfallende Weg führt in die weite Bucht von Guara. Unvermittelt liegt in der gleißenden Mittagssonne ein Meer von Kokospalmen zu unseren Füßen; dahinter der blaue Ozean – Inselzauber. Beim Abstieg in die Bucht werden wir Zeugen eines vegetarischen Kampfes. Eine Schlingpflanze hat einen ganzen Wald überfallen. Die Bäume sind vollständig unter den großen Blättern des Eroberers begraben. Die oben haben den Platz an der Sonne, was ihrem Gedeihen offensichtlich zuträglich ist, die unten führen ein Schattendasein, was ihnen nicht bekommt und zu ihrem Absterben führt – Pflanzenkolonialismus.

Unten in der Bucht angekommen bietet sich alsbald Gelegenheit, sich vom Schweiß des Abstiegs zu befreien. Aus den Felsen tritt hier ein kleiner Fluss in die Ebene, in dem wir ein erfrischendes Bad nehmen. Aus der Sicht der malayischen Kinder, die nichtsahnend mit ihren selbstgebastelten Booten vom Typ Seelenverkäufer im Fluss spielen, muss die Szene ziemlich merkwürdig erscheinen. Da fällt eine weiße Horde aus den Bergen und Kinder, Eltern und „Großmutter“ stürzen sich in die Fluten.

Weiter geht der Weg nun durch die flache Bucht nach Guara. Etwa 200 Menschen leben hier in verstreuten Kampongs. Als Mittelpunkt des Ortes kann der Landungssteg gelten, wo sich auch das „Haupthotel“ befindet. Es gibt ein Zimmer und ein paar A-Hütten zu mieten. Es scheint, dass die Kinder inzwischen Vertrauen zu den Hütten entwickelt haben. Also wagen wir einen zweiten Hüttenanlauf. Der Zustand des angebotenen Zimmers erleichtert uns die Entscheidung. Die Hütten liegen am Rande des breiten Sandstrandes, der sich entlang der weiten Bucht zieht.

Wer hätte gedacht, dass gegenüber der Ruhe und Abgeschiedenheit des ABC- Strandes noch eine Steigerung möglich sein könnte. Nur eine Handvoll Touristen halten sich hier auf. Unser Einfall verdoppelt den Bestand. Auch die Betreuung ist höchst familiär. Im einzigen „Restaurant“ werden wir von zwei Neuseeländerinnen – sie gehören zu den 4 oder 5 Touristen – aufs freundlichste bedient. Sie verdienen sich auf diese Weise einen kostenlosen Aufenthalt an diesem gesegneten Fleckchen Erde. Zu ihrer Dienstverpflichtung gehört allerdings, wie wir jetzt erfahren, dass sie die Hütten für uns räumen mussten.

Die Küche des Etablissements, das an Einfachheit alles überbietet, was auf der anderen Seite der Insel zu finden ist, weist einige Neuheiten auf. Es gibt diverse Pfannekuchen und einen wahrhaft opulenten Obstsalat. Gemessen an den Preisen, die hier verlangt werden, erscheinen Nasri und seine Konkurrenten geradezu als Halsabschneider, ganz abgesehen davon, dass auch noch Besseres geboten wird. Man fragt sich, was man finden würde, wenn man sich nicht noch weiter von Nazri entfernen könnte.

Die Stille der Inselrückseite wird für kurze Zeit unterbrochen, als ein Schwarm junger Chinesen aus Singapur mit mehreren Booten einfällt und den Strand mit Leben füllt. Es ist offenbar der Schulausflug eines Nobelerziehungsinstitutes. Ein allgemeines Geschnatter bricht aus. Große Töpfe mit Reis werden auf den Strand gebracht, Plastikkanister mit Wasser ausgepackt und Styropurschälchen mit Fleisch verteilt. Es scheint, als sei die Gesellschaft mit einer Zeitmaschine aus einer anderen Welt gekommen. So plötzlich, wie sie eingefallen sind, verschwinden sie wieder und der Inselfrieden kehrt zurück.

Wir baden in den Wellen, die hier, auf der seezugewandten Seite der Insel, deutlich größer als auf am anderen Ende sind. Später machen wir einen Spaziergang entlang der Bucht. Die beiden Neuseeländerinnen, die ohne uns wenig zu tun haben, schließen sich uns an. Auf dem völlig leeren Strand liegt der Rest eines gestrandeten Schiffes. Die Wellen haben es kahlgefressen bis auf Kiel, Bug und Motorblock. Das Gerippe wirkt wie ein memento mori für die Benutzer der landesüblichen Universalseetransporter, zu denen auch unser Boot aus Mersing gehörte.

Auch hier wird die Bucht geteilt durch schwarze Eruptivquader. Wir müssen sie überklettern, um den nächsten Strand zu erreichen. Dieser bildet eine weite Kurve von über einem Kilometer Länge. Außer uns ist kein Mensch hier. Die Kinder sammeln mit den Neuseeländerinnen Muscheln. Am Ende der Bucht mündet ein regelrechter Fluss in das Meer. Hinter dem Strand bildet er einen kleinen See, der sich in der Tiefe des Dschungels verliert. Man kann darüber spekulieren, in welche Welt man käme, wenn man ihm mit einem Kanu folgen könnte. Ein tiefes Tal ist zu erkennen, das ins steilaufsteigende Gebirge führt.

Wegen der Tiefe der Bucht kann man hier auch die hohen Berge im Zentrum der Insel ahnen, die immer von dunklen Wolken verhangen sind. Im Grunde ist die ganze Insel ein einziger großer Vulkan, der auf dem Meeresgrund steht und über die Wasseroberfläche herausragt. Die Quader an den Buchtenden scheinen die blankgewaschenen Ausläufer der Lavaströme zu sein, die von seiner Spitze ins Meer geflossenen sind.

Beachtliche Wellen donnern in diesem Teil der Bucht, der dem offenen Meer ausgesetzt ist, auf den Strand. Wir baden längere Zeit im Getöse und lassen uns von den Wellen lange Strecken tragen. Die Kinder müssen sich mit den Ausläufern der Wellen begnügen.

Den Rückweg nehmen wir durch das Hinterland, wo die Kampongs malerisch in den Wiesen stehen – Hühner darum und Hunde. Die Überquerung eines Flusses verlangt Balancierkünste. Die Brücke besteht aus dem umgelegten Stamm einer Kokospalme und die ist bekanntlich schlank. Auch ein veritabler Fußballplatz findet sich. Die Inseljugend tummelt sich hier und im angrenzenden Gasthaus.

Zum Abendessen wollen wir uns, die Gunst der Preise nutzend, etwas Besonderes leisten. Wir bestellen ein ganzes Huhn. Daraufhin fängt man vor unseren hungrigen Augen eines der Federtiere, die um das Gasthaus herum laufen, bricht ihm, das sich heftig sträubt, den Hals und serviert es eine halbe Stunde später – Naturnähe!

Der Abend, den wir im Restaurant verbringen, ist sehr still. In den luftigen A-Hütten, bei denen die Hitze des Tages aus dem Palmblattdach entweichen kann, schläft es sich angenehmer als in Nasri’s Luxuslanghaus. Es fehlt der nächtliche Wärmestoß, der durch den Ausfall des Ventilators verursacht wird. Ganz ungestört ist die Nachtruhe allerdings auch hier nicht. Ein Hahn, vermutlich der Herr des verspeisten Huhnes, kräht ausdauernd neben unserer Hütte. Er lässt sich erst durch eine massive Intervention mittels eines Schuhs von seinem Stammplatz vertreiben. Dadurch komme ich freilich in den Genuss einer einzigartigen Morgendämmerung – schwerste Tropenwolken vor tiefrotem Himmel.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 4

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23.3.1985

Früh morgens blökt eine Kuh mit großer Ausdauer in unser Fenster hinein.

Wir mieten bei Nazir Taucherbrillen und Schnorchel und entdecken eine neue Welt. Unmittelbar am Strand gibt es Korallen. Meist sind es ausgedehnte Korallenfriedhöfe. Dazwischen finden sich aber immer wieder intakte Stellen. Dort nehmen die merkwürdigen Gebilde zwischen Pflanze und Tier höchst bizarre Formen und kräftige Farben an. Alles ist übersät von leuchtenden Korallenfischen; dreißig bis vierzig Zentimeter lange sind dabei, die vollkommen durchsichtig sind, und Schwärme winziger Flimmerlinge, in die man eintauchen kann. Dazwischen ist alles, was sich eine überreiche Phantasie nur erdenken kann. Besonders beeindruckende Exemplare von Korallen finden sich hinter dem Felsvorsprung, der die Bucht abtrennt. Es sind große, einzeln stehende Knollen, auf deren Oberfläche sich Windungen von penibelster Genauigkeit befinden. Das Gehirn hat, um Oberfläche zu gewinnen, ähnliche Muster entwickelt.

Man gerät unweigerlich ins Grübeln über die Gründe für den Reichtum an Formen, den eine einzelne Gattung, ein besonderes Lebenssystem, hervorbringt. Unter Wasser scheint er sogar noch größer als darüber zu sein. Bei jeder Form fällt die Funktionalität geradezu ins Auge. Die immer gleiche Problemstellung, möglichst viel Oberfläche zu schaffen, um mit möglichst viel Kleingetier in Kontakt zu kommen, führt zu ganz unterschiedlichen, offensichtlich aber gleichwertigen Lösungen. Vielfalt und Funktionalität sind, wie sich zeigt, keine Gegensätze. Mancher moderne Architekt könnte daraus lernen.

Ein Schwarm junger Polen fällt ein, Studenten, die eine große Asienreise vor sich haben. Wir unterhalten uns eine Weile mit ihnen, die uns Hause so unendlich weit weg zu sein scheinen. Man muss weit reisen, um seine Nachbarn kennen zu lernen.

Nachmittags zieht es uns wieder in das Paradies. In der untergehenden Sonne tauchte ich am ABC-Strand lange in einem riesigen Korallengebiet, das sich entlang des Felsvorsprunges zieht. Der felsige Untergrund hat hier ein starkes Bodenrelief und dadurch eine weitläufige Unterwasserlandschaft mit tiefen Schluchten und jähen Felswänden gebildet. Anders als bei Nazir’s Strand sind die Korallen des Paradieses weitgehend unbeschädigt. Offensichtlich tut Nazir’s unternehmerisches Wachstum, das „natürlich“ vermehrte Abwässer zur Folge hat, den Korallen nicht gut. In der Dämmerung verblassen schließlich die Farben und ich muss von der  schweigend-bizarren Unterwasserwelt fröstelnd Abschied nehmen. Nachträglich denke ich, dass ich mich durch die bunte Glitzerwelt vielleicht doch zu weit habe hinauslocken lassen. Tiger gibt es sicher keine auf Tioman. Aber würde mir jemand 1000 DM für jeden gesichteten Hai bieten?

Das Abendmenu nehmen wir wieder im Restaurant des Paradieses ein. Mit leichten Variationen entspricht es dem vom Vorabend. Zu uns setzen sich Dott und ihr Ehemann John. John ist ein später Aussteiger und Friedensbewegter. Er denkt ernsthaft darüber nach, sich wegen der atomaren Bedrohung auf der nördlichen Erdhalbkugel nach Neuseeland zu verziehen, wo er glaubt der Hölle des Ost-Westkonfliktes entkommen zu können. Wir landen im Laufe der langen Unterhaltung  unweigerlich bei den allgemeinsten Fragen der Weltpolitik.

Es folgt wieder der nächtliche Marsch zu Nazri – langsam bekommen wir Übung darin, Pfade im Dunkeln aufzuspüren. Nachdem die Kinder im Bett sind,  sitzen wir noch ein wenig in Nazri’s Restaurant und sprechen mit den jungen Polen, die erstaunlich weltoffen sind. Wie weit sind wir doch noch davon entfernt, so mit unseren benachbarten Landsleuten sprechen zu können.

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1747 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Doppelchöriges Orchesterkonzert B-Dur

Händels drei doppelchörige Orchesterkonzerte, die in den Jahren 1747 und 1748 entstanden, werden selten gespielt. In den Biographien über den Meister werden sie, wenn überhaupt, nur pauschal neben seinen bekannten Concerti grossi erwähnt. Sie gelten weitgehend als Nebenwerke, die keine besondere Beachtung verdienen. In diesem Zusammenhang wird meist darauf verwiesen, dass Händel hier im Wesentlichen (nur) musikalisches Material benutze, welches er schon anderweitig verwendet habe. Allerdings wäre dies allein kein Grund, ihnen keine Beachtung zu schenken. Händel bedient sich mit einer solchen Wiederverwendung nur einer Verfahrensweise, die in der Barockzeit allgemein üblich war; für sie hat sich der etwas schiefe Begriff „Parodie“ eingebürgert. Diese Praxis hat bekanntlich nicht die schlechtesten Ergebnisse gezeitigt. Einige der besten Werke Johann Sebastian Bachs, das Weihnachtsoratorium etwa und die H-moll Messe, sind auf diese Weise entstanden.

Bei Bach diente die Parodie wohl in erster Linie dazu, musikalisches Material, das meist für einen bestimmten Anlass entstanden war, von dieser Grundlage zu lösen, um es nochmals und  möglichst allgemeiner verwenden zu können und dadurch der Vergessenheit zu entziehen. Häufig gewann er ihm dabei in anderem Kontext auch neue Aspekte ab. Da die betroffenen Werke zuvor selten, oft sogar nur einmal und dazu möglicherweise an einem ganz anderen Ort aufgeführt worden waren, konnte Bach davon ausgehen, dass kaum jemand die Wiederverwendung erkennen würde. Händel verwendete dieses Verfahren in seinen doppelchörigen Orchesterkonzerten hingegen eher im Vertrauen auf ihren Wiedererkennungswert. Wie seine 12 berühmten Concerti grossi Op. 6 und die meisten Orgelkonzerte dienten die doppelchörigen Orchesterkonzerte als Zwischenaktmusiken bei den groß inszenierten Aufführungen seiner Oratorien. Da einige dieser Oratorien inzwischen sehr populär waren, nahm Händel daraus bekanntes Material, um das Publikum zu stimulieren.

Im Falle des Orchesterkonzertes in B-Dur verwendete Händel im 2. Satz Material aus dem schon damals berühmten „Messias“ (fast unverändert aus dem Chor „Und die Herrlichkeit des Herrn“), im 3. Satz aus „Belshazzar“  und  im 5. und 6. Satz aus „Semele“. Darüber hinaus benutzte er noch Musik aus seinen Opern „Ottone“ (4. Satz)  und „Lotario“ (Schlusssatz).

Bei den wieder verwendeten Stücken handelt es sich in der Regel um Chorsätze. In den doppelchörigen Orchesterkonzerten teilt Händel die Stimmen des Chors den Bläsern zu, die so neben dem Orchester den zweiten Chor bilden. Genau genommen sind die Bläser aber wieder in zwei weitgehend selbständige Gruppen unterteilt, weswegen die Konzerte eigentlich 3-chörige Orchesterkonzerte heißen müssten. All das hat Händel schließlich mit der Könnerschaft des Altmeisters zu außerordentlich komplexen und prachtvollen neuen Klanggebilden verarbeitet.

Weitere Texte zu Werken Händels und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1800 Josef Haydn (1732- 1809) Te Deum für Chor und Orchester (HBV XXIII c:2)

Den erhabenen „hymnischen Lobgesang“ des Te Deums haben die Herrscher  des alten Europa, die sich von Gottes Gnaden wähnten, gerne auch im Bezug auf sich selbst gehört. Hadyns (zweite) Vertonung ist aber auf merkwürdige Weise mit den eher irdischen Niederungen des Lebens der Herrschaften verbunden, die sich ähnlich wie die römischen Kaiser den Göttern so nahe glaubten. Die Komposition war ein Auftragswerk der Kaiserin Marie Therese, der Gemahlin Franz I/II, des letzten römischen Kaisers deutscher Nation, nicht zu verwechseln mit der bekannten großen Maria Theresia, deren Neffe und zweiter Nachfolger Franz war. Marie Therese war eine lebenslustige und musikbegeisterte „Italienerin“ aus dem bourbonischen Hause Neapel-Sizilien. Sie liebte die Musik, insbesondere Haydns, und war selbst als Sängerin aktiv. Unter anderem trat sie bei einer Aufführung von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ als Solosopran auf. Haydn attestierte ihr ein angenehmes aber schwaches Organ.

Das Te Deum, auf das die Kaiserin, da alle möglichen Herrscherhäuser Musik von Haydn wollten, lange warten musste, wurde offenbar im Jahre 1800 anlässlich eines Besuchs des englischen Admirals Lord Nelson beim Fürsten Esterhazy, Haydns langjährigem Arbeitgeber, in Eisenstadt uraufgeführt. Die Umstände der Aufführung waren nicht ohne Pikanterie. Nelson war seinerzeit mit Königin Karolina von Neapel-Sizilien, der Mutter von Marie Therese und Tochter Maria Theresias, auf Besuch in Wien. In seinem Schlepptau befanden sich der englische Botschafter Lord Hamilton und seine berühmt-berüchtigte Frau Emma.

Die schöne und musisch begabte Lady Hamilton war die Femme fatale der Zeit. Sie kam aus kleinsten Verhältnissen und  trieb sich in ihren jungen Jahren in den Londoner Vergnügungsvierteln herum. Als Maitresse von Adeligen war sie mit den Vorlieben der englischen upper class vertraut geworden und hatte sich in diesen Kreisen einen gewissen Platz verschafft. 1786 schob sie ihr Liebhaber Lord Greville, der sie, um eine reiche Adelige heiraten zu können, loswerden wollte, zu seinem wohlhabenden Onkel Lord Hamilton, dem englischen Botschafter in Neapel, ab, den er im Gegenzug aufforderte, ihn, Greville, zu seinem Erben einzusetzen. In Neapel erregte Emma Aufsehen mit ihrer schönen Stimme und vor allem mit ihren Attituden-Auftritten, bei denen sie Statuen in verschiedenen Affekten mimte. Viele bedeutende Maler portraitierten sie. Auch Goethe, der sie 1787 in Neapel sah, ließ sich von ihr verzaubern. Im Jahre 1791 heiratete sie Lord Hamilton, der 35 Jahre älter als sie war, was in der „besseren“ Gesellschaft für allerhand Gesprächsstoff sorgte. Nach der Heirat gewährte man ihr Zutritt zum neapolitanischen Hof. Sie wurde bald die Vertraute von Königin Karolina und ging im Palast von Caserta, dessen Dimensionen den Himmel herausfordern, ein und aus. Dabei war sie an wichtigen politischen Entscheidungen im Rahmen der Napoleonischen Kriege beteiligt. Als Nelson nach dem Sieg über die französische Flotte vor Abukir 1798 nach Neapel kam, umgarnte sie den einäugigen Seehelden, der in England verheiratet war, und wurde seine Geliebte. Ihr alter Lord tolerierte dies offenbar mit stoischer Gelassenheit. Auf diese Weise wurde sie erst recht zum Gegenstand des Gesellschaftsklatsches in ganz Europa. Im Jahre 1800 tourte das „Triangel“, wie Königin Karolina die Drei nannte, durch ganz Europa. Dies  stellte die Verantwortlichen für das höfische Protokoll, die den Helden von Abukir nicht desavouieren konnten,  naturgemäß vor einige Probleme.

Auch bei ihrer Ankunft in Eisenstadt Anfang September 1800 stellte sich die Frage, wie man das seltsame Trio empfangen solle. Da Lady Hamilton die Musik liebte, entschloss man sich, neben festlichen Banketten das Beste aufzubringen, was die Esterhazys zu bieten hatten. Und das war die Musik von Josef Haydn, der inzwischen auch in England großen Ruhm erworben hatte. Man veranstaltete an den zwei Tagen des Besuches in Eisenstadt vier Konzerte. Unter anderem spielte man offenbar Haydns Schöpfung und auf speziellen Wunsch von Lady Hamilton seine Kantate „Ariadne a Naxos“, deren Titelpartie sie, inzwischen von Nelson merklich schwanger, zur Verzückung der Beteiligten selbst sang (der schwedische Botschaftssekretär glaubte, er habe noch nie „irgendwann so etwas Himmlisches je gehört“). Außerdem führte man Haydns Messe "in Angustiis" auf, die seitdem den Namen "Nelsonmesse“ trägt, und eben seinen neuen Lobeshymnus, was, da die Beziehungen zwischen den Ehrengästen weder sonderlich christlich noch lobenswert waren, einen merkwürdigen Beigeschmack gehabt haben muss. Die Herrschaften aus dem k&k-Reich leisteten damit ihren Beitrag zur Deifizierung des Mannes, der die gottlosen revolutionären Franzosen in die Schranken gewiesen und dadurch das Gottesgnadentum gerettet hatte, ein Prozess der Erhöhung, der seinen Abschluss bekanntlich auf jener gewaltigen Säule auf dem Trafalgar Square in London fand, der wie kein anderer Platz für das den ganzen Erdball umspannende englische Empire steht, welches nach der Niederringung der Franzosen erst richtig Gestalt annehmen sollte.

Welchen Eindruck Haydns festliches Chorwerk, das als eines der besten Stücke seiner Spätzeit gilt, hinterließ, ist leider nicht bekannt. Zeitzeugen berichten nur allgemein, dass sich Lady Hamilton bei dem Besuch ständig um den Meister bemüht und darüber die ersterhazy`schen Herrschaften geradezu vernachlässigt habe. Der Komponist habe ihr dafür eine Abschrift eines Liedes geschenkt und im Übrigen noch schnell ein Lobgedicht ihrer Reisebegleiterin auf Nelson vertont. Andererseits schrieb der junge Lord Malmesbury am 10. September 1800 an seinen Vater: „Lady Hamilton ist die ungebildetste, ungeschliffentste, unangenehmste Frau, der ich je begegnete. Die Fürstin (Esterhazy) hat mit großer Freundlichkeit eine Anzahl von Musikern aufgeboten und den berühmten Haydn, der in ihren Diensten steht, um aufzuspielen. Statt ihnen zuzuhören, setzte sie sich an den Pharo-Tisch, spielte Nelsons Karten und gewann zwischen 300 und 400 Gulden."

Weitere Texte zu Werken Haydns und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Ein – und Ausfälle – Das Konkrete als illegitimes Kind des Allgemeinen

Die Emanzipation des Individuums von übermäßig einschränkenden Bindungen durch das Allgemeine, die als wesentliches Merkmal der Moderne gilt, ist auf merkwürdige Weise mit eben diesem Allgemeinen verbunden. Der Gedanke vom eigenständigen Wert des Individuums gilt als eine (Spät)Frucht der christlichen Vorstellung, dass der Mensch Kind und Abbild Gottes sei. Jeder einzelne Mensch wird damit als Ableger des monotheistischen und unsichtbaren Gottes aufgefasst, der einerseits Person zugleich aber der Prototyp des Allgemeinen ist. Die Lage ist ähnlich wie in den Naturwissenschaften, wo die Entdeckung der wirklichen Eigenschaften des Konkreten, welche ebenfalls in der Moderne stattfand, auch weitgehend eine Folge des Denkens in allgemeinen (Natur)Gesetzlichkeiten ist.

 

So richtig im Sinne des Erfinders (des Allgemeinen) war diese Entwicklung allerdings nicht. Zum Individuum gehört die Freiheit, sich gegebenfalls von gewissen allgemeinen Bindungen und Verpflichtungen, darunter auch vom Glauben (an den großen Allgemeinen) lösen zu können. Und in der Naturbetrachtung, in welcher in der Umbruchszeit zur Moderne noch das Allgemeine dominierte, das die Denker der Antike formuliert hatten, weswegen man sie als Naturphilosophie bezeichnete – in der Naturbetrachtung war eine „unvoreingenommene“ Erkenntnis des Konkreten erst möglich, nachdem diese Allgemeinheiten entmachtet worden waren (man denke etwa an die ganz aus allgemeinen Erwägungen abgeleitete „Lehre“ von den vier Elementen und den entsprechenden Körpersäften, die ein Jahrtausend lang das europäische Denken beherrschte). Das Verhältnis des Individuums zum Allgemeinem ist also ambivalent. Das Konkrete scheint so etwas wie ein illegitimes Kind des Allgemeinen zu sein.

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 3

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

22.3.1985

Faulenzen am Strand. Die Kinder sind in ihrem Element. Man spricht mit Reisenden, darunter einem polnischen Offiziellen, vermutlich aus dem auswärtigen Dienst. Beim Zitronensaft in Nazir’s Restaurant stoße ich auf zwei Deutsche, die im Flugzeug nach Singapur neben mir gesessen hatten. Auch andere europäische Träume richten sich auf die ferne Tropeninsel. Man genießt die Ruhe und die Idylle.

Gegen Mittag machen wir einen Spaziergang entlang des Strandes, vorbei an malerisch verstreuten Kampongs, die zwischen allerlei blühenden Sträuchern unter Palmen stehen. Überall sehen wir freundlich lachende Gesichter.
Es herrscht  eine Atmosphäre weichen Friedens. Am späten Nachmittag unternehmen wir eine etwas längere Wanderung zum anderen Ende der Bucht. Alle 100 bis 150 Meter kommt ein Bach mit silbrig klarem Wasser aus dem Dschungel, über den kleine Holzbrücken führen.

Schließlich stoßen wir auf das Paradies. Es liegt am ABC-Strand. Malerisch hintereinander gestaffelt stehen hier einige A-förmige-Hütten in einem lockeren Palmenwald. Junge Leute liegen unter großen Bäumen in Hängematten am Strand, lesen, schreiben Tagebücher oder sinnieren über die Schönheit der Welt, eine stille und ausgeruhte Stimmung. Neben der kleinen Siedlung rauscht der unvermeidliche kleine Bach. Kurz vor seinem Austritt auf den Strand füllt er die Badewanne des Paradieses. Sie besteht aus einer Vertiefung in den glatten runden Felsblöcken, die groß genug ist, dass man im kühlen, rauschenden und kristallklaren Bergwasser untertauchen kann. Dazu plätschert die Paradiesdusche hinein, deren Wasser über Bambusrohre aus dem grünen Palmengewirr des Urwaldes geführt wird. Flugs ist die ganze Familie in der Dschungelbadewanne.

Derart erfrischt geht es dann in den Dschungel. Die Bucht endet hinter dem ABC-Strand mit einem Felsvorsprung aus aufgetürmten schwarzen Quadern. Dahinter führt ein schmaler Pfad steil in den dichtesten Wald hinein. Den Kindern wird es unheimlich, zumal es ziemlich dunkel ist. Cinque schimpft und vermutet überall Schlangen und sonstiges Ungetier, insbesondere Tiger. Zur Beruhigung muss ich zu drastischen Mitteln greifen. Ich verspreche jedem, der einen Tiger sieht 1000 DM. Das überzeugt. Die Kinder wissen gleich, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Tiger zu finden, dann nicht sehr groß sein kann. Tatsächlich gibt es nicht einmal Moskitos in diesem Wald. So sind die Kinder denn auch bald beruhigt, schaukeln in den Lianen und klettern in den riesigen Baumwurzeln herum, unter denen der Weg durchführt.

Nach einigen hundert Metern beruhigt sich der Weg und führt steil hinunter zu einer kleinen Bucht. Ein Dschungelbach hat hier einige Dutzend Meter weißen Sand aus den Bergen gespült und zwischen den Felsen einen verwunschenen Strandwinkel geschaffen. Er gehört uns ganz alleine. Wir genießen die laue Abendsonne. Die Kinder stauen den Bach und lassen das Wasser danach mit großem Hallo wieder auslaufen. Leider zwingt uns der anbrechende Abend, den zauberhaften Ort alsbald wieder zu verlassen. In den Tropen wird es sehr schnell dunkel.

Der Weg durch den Wald ist inzwischen noch dunkler geworden. Als wir am ABC-Strand ankommen, ist es finster. Hier und da wird eine Hütte mit einer Petroleumlampe beleuchtet. Wir nehmen in dem einfachen Restaurant das Abendessen ein, das wir schon auf dem Hinweg bestellt hatten, Es gibt mehrere Gänge, Fisch, Reis mit Soße, Gemüse und Ananas, all das zu Preisen, die deutlich unter denen liegen, die Nazir verlangt. Die Kinder spielen mit einem jungen Affen, den sie mit Reiskörnern füttern. Er findet Gefallen daran und versorgt sich bald selbst. Sobald man ihm den Rücken kehrt, stibitzt er sich Reis vom Teller.

Wir gesellen uns zu „alten“ Bekannten von der gemeinsam durchlittenen Schiffsfahrt. Die Travellers haben meist eine Neigung zum Philosophischen und Kulturkritischen, genug Stoff also für angeregte Gespräche. So diskutiert man bis tief in die Dunkelheit über Travellerschicksale und über Gott und die Welt.

Durch diese Dunkelheit müssen wir schließlich den Heimweg über Brücken ohne Geländer und umgestürzte Bäume antreten. Diesmal haben wir überhaupt kein Licht. Die Nacht ist mondlos. Allein das Sternenlicht lässt den Saumpfad aufscheinen, der kaum mehr als ein Fuß breit ist. Wir machen die ungewohnte Erfahrung, dass auch solches Licht den Weg weisen kann. Wie viel Helligkeit die Sterne erzeugen, merkt man daran, dass wir vollkommen im Dunkeln tappen, wenn diese Lichtquelle unter dichten Bäumen oder Sträuchern ausfällt. Da hilft nur noch, den Wegrand mit den Füßen zu ertasten.

Nachdem die Kinder im Bett sind, gehen wir ein Stück zurück zum sogenannten blauen Restaurant. Dort treffen wir Dott, eine ältere amerikanische Lady mit verwittertem Gesicht voller Vitalität und Abenteuerlust, die ich bereits am Nachmittag am Strand kennen gelernt hatte. Sie ist mit ihrem Mann, einem Architekten, seit über einem halben Jahr auf Travellersweise unterwegs und bewegt sich unter lauter jungen Leuten. Begeistert erzählt sie von ihren monatelangen Trecks im Himalaya. Bei Dott sind eine junge englische Lehrerin, die in Singapur unterrichtet und eine Chinesin, ebenfalls aus Singapur. Alle sind sehr gesprächsfreudig. So entspinnt sich bis tief in die Nacht hinein – die müden Köche haben das Restaurant längst geschlossen – eine angeregte Diskussion, die von der Wirtschaftskriminalität bis zu allerlei Reiseerlebnissen verläuft. Mir gelingt es, die Chinesin, die demnächst eine Europareise antreten will, davon zu überzeugen, dass es in Europa abgesehen von der Schweiz, wo sie allein lohnende Reiseziele vermutete, noch andere Sehenswürdigkeiten gibt. Am Schluss findet ein allgemeiner Adressentausch statt. Fiona, die englische Lehrerin, lädt uns in ihr Haus nach Singapur ein. Wir haben die feste Absicht, dieser Einladung zu folgen.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 2

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

21.3. 19 85

Provianteinkauf – es soll kein Obst auf Tioman geben – Bankgeschäfte etc. Dann geht es zum Hafen, wo großer Betrieb herrscht. Viele Holzboote liegen am Pier, aber auch ein „größeres“ Schiff, das vergleichsweise modern anmutet. Wir folgen den Travellers, die darin verschwinden. Die Überraschung liegt dahinter – eine kleine Holzschaluppe für uns, gerade groß genug, um zehn bis fünfzehn Leute aufzunehmen, die dazu noch auf dem Boden sitzen müssen. Tioman hat offenbar zwei Gesichter: Das größere Schiff fährt zum Luxushotel Merlin, die Travellers zu einen nicht näher benannten Strand mit dem Seelenverkäufer, der weit mehr als die doppelte Zeit braucht.

Die Fahrt geht durch den langen Flusshafen, dann vorbei an zahlreichen Inselchen vor der Küste, die mit Palmen bestanden und von kleinen weißen Strandbuchten umsäumt sind. Einsiedler- oder Paradiesträume kann man aber kaum pflegen. Die Inseln sind wohl zu klein, um Trinkwasser zu haben. Dann das offene Meer. Weit und breit ist kein Reiseziel zu erkennen. Erst nach längerer Zeit tauchen in der Ferne spitze, jähe Felsen auf – Tioman. Doch der Weg dahin ist erst noch durchzustehen. Die kleine Schaluppe schaukelt hilflos in den wachsenden Wellen. Brecher gehen über die Bordwand, bald auch mancher Mageninhalt. Auch mich hat es erwischt. Wellen und die Abgase des Schiffsmotors, die ohne Auspuff seitlich aus dem Schiff geführt werden, sind schließlich zuviel. Dann döst man stundenlang, auf verquere Weise zwischen allerhand Beinen und Gepäck auf dem Boden hingestreckt. Wann sind wir endlich in Tioman?

Die Kinder turnen indessen unbeeindruckt auf dem wackeligen Boot herum. Eigentlich sollte man besser auf sie aufpassen. Aber bei einigen Wellen hat man genug damit zu tun, sich selbst festzuhalten. Die Kinder unterhalten derweil einige weniger von der Seekrankheit befallene Mitreisende. Im Windschatten von Tioman beruhigt sich das Meer schließlich und gibt es etwas Erleichterung.

Das Boot tuckert noch eine ganze Weile an der Insel entlang. Vor uns breitet sich ein prächtiges Panorama aus: Strände mit Kokuspalmen, dahinter steil aufsteigend Berge mit dichtem Urwald, eine tiefgrüne Wand, aus der die weißen Stämme der Baumriesen herausblinken; über allem anfangs noch steile Felsen – hunderte von Metern hoch.

Nach über viereinhalb Stunden endlich Ankunft. Das Boot fährt in eine Bucht. Es gibt keinen Landesteg, man läuft direkt auf den Strand auf. Wir klettern über die Bordwand und waten mit erhobenem Gepäck durch das Wasser zum Ufer. Dort liegen bereits einige Travellers und pflegen der Muße auf dem Strand; es ist sehr einladend hier.

Kein Problem ist es, Unterkunft zu finden. Nazir, der Herr dieses Strandes mit offensichtlich gutem Draht zum Bootskapitän, erwartet uns bereits und bietet kleine A-förmige Hütten mit Palmdach unter Palmen an. Sie bestehen aus einem Raum, haben weder Wasser noch Möbel und natürlich keinen Strom. Wir nehmen zwei Hütten, keine zwanzig Meter vom Strand zum Preis von je 5 DM pro Nacht. Der Blick aus der „Tür“ geht auf das Meer und auf die weiter draußen liegenden Inseln.

Während die Kinder baden, gibt es reichlich Gelegenheit, sich von der strapaziösen Schiffsreise auszuruhen. Es herrscht totale Ruhe. Auf der Insel gibt es keine Autos. Die Bucht ist etwa einen Kilometer breit und nur wenige hundert Meter tief. An ihren beiden Enden türmen sich schwarze Felsquader und riegeln sie von den Nachbarbuchten ab. Kein Bedarf also für Fahrzeuge, man geht zu Fuß. Ein paar dutzend Malayen, die hauptsächlich von der Bewirtung der Travellers leben, wohnen hier in ihren Kampongs. Treffpunkt der Travelers ist Nazir’s Restaurant, das eine kleine Palette einfacher Mahlzeiten und – allerdings nur bis gegen Mittag – kühle Getränke bietet. Unser Strand wird nach dem touristischen Allroundunternehmer, der ihn beherrscht,  Nazir’s Beach genannt.

Gegen Abend gehen wir mit einigen jungen Deutschen in die Hauptbucht, wo sich Tekek befindet, mit wenigen hundert Einwohnern der Hauptort der Insel. Der Weg dauert etwa vierzig Minuten. Hier fahren gelegentlich Mopeds auf den schmalen Wegen. In einem bunt beleuchteten Restaurant verspeisen wir einen ebenso so bunten, weil mit allerlei Früchten dekorierten Fisch von beachtlicher Größe.

Der Heimweg wird zu einer nächtlichen Expedition. Es ist vollkommen düster. Der schmale Weg, der nur mit Mühe zu erkennen ist, führt über einige ziemlich schiefe, teilweise schon halb eingesunkene Brücken. Um die Dinge nicht allzu sehr zu erleichtern, fehlen immer wieder mal ein paar Bohlen. Wir behelfen uns zur Vermeidung eines ungewollten nächtlichen Bades in den sicherlich erfrischenden Dschungelbächen mit einer dürftigen Taschenlampe, die einer unser deutschen Begleiter mit sich führt, ansonsten mit Streichhölzern. Gelegentlich hilft der Schein einer Glühbirne von einem malayischen Haus. In der totalen Finsternis blendet allerdings selbst eine schwache Birne, sodass wir in unmittelbarer Nähe der Häuser überhaupt nichts mehr sehen. Die Birne wird, wie wir kurz darauf feststellen, von einem kleinen „Kraftwerk“ gespeist, das von einem Dieselmotor betrieben wird. Es arbeitet nur abends, was der Grund dafür ist, dass es auf der Insel kalte Getränke nur spät abends und morgens gibt.

Dann muss auch noch der Felsvorsprung, der „unsere“ Bucht abtrennt, überwunden werden. Im Dunkeln scheint er geradezu alpine Qualitäten aufzuweisen. Hände, Füße und Hosenboden sind gefragt.

Vielleicht war es die aufregende Rückwanderung im Dunkeln – die Kinder jedenfalls fühlen sich in der lichtlosen Strandhütte nun doch nicht recht heimisch. So nutzen wir die Möglichkeit, die uns Nazir bietet, in das „moderne“ Haus hinter dem Strand überzuwechseln, wo es, wenn das Kraftwerk in Betrieb ist, Strom und sogar einen Ventilator, dazu einen eigenen Waschraum gibt. Es ist das neueste und modernste Gebäude weit und breit. Nazir baut offenbar immer wieder mal ein Stück an, sodass ein Gebäude ähnlich den altmalayischen Langhäusern entsteht. Der Teil, den wir bewohnen, ist gerade erst fertig geworden und gibt mit seinen sauberen „Polstermöbeln“ den Kindern ein wenig das Gefühl, in geordneten Verhältnissen zu leben. Nazir setzt offensichtlich auf Wachstum. Man kann nur hoffen, dass seine unternehmerischen Ambitionen vom malayischen Phlegma begrenzt werden.

Der Ausklang des Tages findet, während die Kinder schon schlafen, am stockdunklen Strand statt. Die brechenden Wellen erzeugen weiße Bänder, die rasend schnell den Strand entlanglaufen. Dann geht es ins Bett. Der Schlaf wird gegen 1 Uhr unterbrochen, als die Temperatur in unserer modernen Behausung schlagartig ansteigt. Der Ventilator hat seine Tätigkeit einstellt, weil das Kraftwerk der Bucht abgestellt worden ist.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

1857/58 Richard Wagner (1810-1883) Wesendonk-Lieder

Wagner, der in der Hauptsache Vokalmusik komponierte, schrieb die Texte für seine Musik in aller Regel selbst. Die wichtigste Ausnahme von dieser Regel sind die sogenannten Wesendonk-Lieder. Deren Textvorlagen stammen von Mathilde Wesendonk, der Frau des reichen Kaufmannes Otto Wesendonk, welcher den politischen Flüchtling Wagner nach seiner Flucht aus Sachsen im Schweizer Asyl finanziell unterstützte. Die Wesendonks, die an sich aus Deutschland stammten, führten in Zürich ein großes Haus und hielten literarisch-musikalische Gesellschaften ab, zu denen neben Wagner etwa auch Gottfried Keller und Gottfried Semper erschienen. Angeregt durch die Künstler, die in ihrem Haus verkehrten, schrieb Mathilde Wesendonk auch selbst Gedichte. Daß die schwärmerisch-schwermütigen Gelegenheitsdichtungen einer Dilettantin vom Jahrhundert-Musiker Wagner vertont wurden, hatte seinen Grund in der besonderen persönlichen Beziehung zum Komponisten, in der es ziemlich dramatisch zuging.

Ihren Höhepunkt erreichte die Beziehung als Wagner im Spätsommer 1857 der unmittelbare Nachbar der Familie Wesendonk wurde. Seinerzeit bezog der Komponist auf Einladung von Otto Wesendonk mit seiner Frau Minna das „Asyl“, ein älteres Fachwerkhaus, das auf dem Grundstück der imposanten Villa stand, die sich die Wesendonks auf einem „grünen Hügel“ im Stil der italienischen Renaissance erbauen ließen. Über das, was danach geschah, schreibt Wagner später in seiner Autobiographie „Mein Leben“: „Wir waren durch die ländliche Nachbarschaft so nahe gerückt, daß eine starke Vermehrung der Beziehungen bloß durch die einfache tägliche Berührung nicht ausbleiben konnte“. Im Klartext heißt dies, daß Wagner sich endgültig in die fast 20 Jahre jüngere Mathilde verliebte, Besuche, Billette, Botschaften und Briefe hin- und her wechselten, Eifersuchtsszenen in allen Kombinationen abliefen und eben auch Gedichte übergeben und vertont wurden. Welche Hochspannung zwischen Villa und Asyl herrschte, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, daß auf dem Hintergrund der Beziehung zu Mathilde Wesendonk Wagners aufregendstes und revolutionärstes Werk, die Oper „Tristan und Isolde“, entstand, in der es um eine Dreiecksbeziehung mit „liebestödlichem“ Ausgang geht.

Das Drama „Richard und Mathilde“ freilich endete so prosaisch wie dies im richtigen Leben eher der Fall zu sein pflegt. An einem Abend im April 1857 diskutierten die beiden Protagonisten über die Frage, wie die Figur des „Faust“ bei Goethe zu beurteilen sei. In der ihm eigenen Art, Hochgeistiges und Persönliches zu vermischen, nutzte Wagner die Auseinandersetzung dazu, seine Eifersucht auf Mathilde Wesendonks jungen italienischen Sprachlehrer De Sanctis zu Ausdruck zu bringen. Dabei muß er ziemlich aus der Rolle gefallen sein. Am folgenden Morgen versuchte er die Scherben mittels eines Briefes zu kitten, den er mit „Morgenbeichte“ überschrieb. Das Schriftstück, das einige interpretationsfähige Formulierungen enthielt – unter anderem tauchte darin mehrfach das Wort „Liebe“ (mit „!“) auf -, wurde von seiner misstrauischen Ehefrau abgefangen. Sie ging damit postwendend zu Mathilde und machte ihr heftige Vorhaltungen. Die Folge war, daß das komplizierte, künstlerisch verbrämte Beziehungsgeflecht zwischen Villa und Asyl zusammenbrach. Wagner floh, Mathilde mit großer Geste entsagend, nach Venedig, wo er die unaufgelöste Liebesspannung in der Weiterführung des Jahrhundertkunstwerkes „Tristan“ sublimierte.

Die Lieder nach den Texten Mathilde Wesendonks sind menschlich und künstlerisch im Kleinen, was der „Tristan“ im Großen ist. Ihre Musik ist weitgehend vom Tonfall, insbesondere von der irisierenden Harmonik der Oper geprägt. Die Lieder „Im Treibhaus“ und „Träume“, die in ihrem schopenhauerischen Pessimissmus und ihrer buddhistisch angehauchten Allmystik der Gedankenwelt des „Tristan“ inhaltlich besonders nahe stehen, sind als Vorstudien zur Oper anzusehen. Wie wichtig der persönliche Hintergrund der Lieder war, offenbart sich nicht zuletzt darin, daß Wagner unter dem Einfluß offenbar noch immer glühender Gefühle – möglicherweise aber auch in weiterhin werbender Absicht – die Rangfolge der Werke seinerzeit auf den Kopf stellte. In einem „Tagebuch für Mathilde“, welches er in Venedig führte, schrieb er: „Besseres als diese Lieder habe ich nie gemacht, und nur sehr weniges von meinen Werken wird ihnen zur Seite gestellt werden können“.

Die Lieder, die zwischen Herbst 1857 und Sommer 1858 jeweils unmittelbar nach der Abfassung der Gedichte meist an einem Tag komponiert wurden, sind ursprünglich für Klavier und Sopran geschrieben. Instrumentiert wurden sie erst später von Felix Mottl. Die Rechtfertigung und das Modell für die Orchesterfassung lieferte Wagner selbst, indem er das Lied “Träume“ für acht Instrumente setzt.  Diese Fassung brachte er Mathilde am Morgen ihres 29. Geburtstages (23.12.1857) als Überraschungsständchen im Treppenhaus der Wesendonk-Villa dar, was beim Hausherrn, der sich auf Geschäftsreise in New York befand, zu einigen Irritationen und in der Züricher Gesellschaft zu allerhand Gerede führte.

Weitere Texte zu Werken Wagners, und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis; zu Mathilde Wesendonk siehe insb. auch  http://klheitmann.com/2008/08/13/1870-richard-wagner-1813-1883-siegfried-idyll-2/

1833 Felix Mendelssohn-Bartoldy (1809 – 1847) – Hebriden-Ouvertüre (Fingalshöhle) Op. 26

Die im Jahre 1833 entstandene Ouvertüre ist die erste, kleinere Reminiszens an die Schottlandreise des Komponisten im Jahre 1829. Der Ouvertüre folgte zunächst kein Nachspiel. Erst neun Jahre später vollendete Mendelssohn seine große „Schottische Symphonie“, als deren Vorspiel man das schon meisterliche Frühwerk ansehen mag.

Die beiden Werke sind wie die Reise selbst der allgemeinen Schottlandbegeisterung geschuldet, die durch die Gedichte des vermeindlichen altnordischen Homers Ossian, die in Wirklichkeit der Schotte James Macpherson Mitte des 18. Jh geschrieben hatte, ausgelöst und durch die historischen Romane Walter Scotts in der ersten Hälfte des 19 Jh. auf den Höhepunkt getrieben worden war.  Mendelssohn war auf seiner Reise unter anderem auch auf der Hebrideninsel Staffa, wo sich eine von natürlichen Basaltsäulen getragene mächtige Meereshöhle befindet, in welche die romantische Phantasie die Wirkungsstätte von Ossians Vater Fingals projeziert hatte. Außerdem besuchte er Scott in Abbotsford, dem mit altschottischen Requisiten angefüllten und mit vielfachen geschichtlichen Anspielungen ausstaffierten nordischen Tusculum des unermüdlichen Romanverfassers, was den jungen Komponisten beeindruckt und in seinen historisierenden Neigungen bestätigt haben dürfte.

Die Ouvertüre schildert in stimmungsvollen Bildern die schottische Landschaft und das Meer. Der Hörer wird schließlich in die sagenumwobene Höhle Fingals geführt, wo der altgälische Held mit seiner Schar außerhalb der Gesellschaft und nach eigenen Gesetzen das der Jagd und dem Befreiungskrieg gewidmete Leben geführt haben mochte, von dem die Romantiker träumten.

Weitere Texte zu Werken Mendelssohns und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1846 Felix Mendelssohn – Bartholdy (1809- 1847) – Elias

Nach dem überwältigenden Erfolg seines Oratoriums "Paulus", das beim Niederrheinischen Musikfest des Jahres 1836 in Düsseldorf uraufgeführt worden war, faßte Mendelssohn alsbald den Plan zu einem weiteren Werk dieser Gattung. Neben einem "Petrus" und einem "Saul" schwebte ihm dabei schon früh auch ein "Elias" vor. Mit dem Feuerwettstreit und dem – reichlich blutigen – Kampf gegen die Propheten und Anhänger Baals auf der einen, sowie der Gotteserscheinung und der wunderbaren Himmelfahrt auf der anderen Seite schien die Geschichte des streitbaren Gottesmannes die Mischung von Dramatik und Kontemplation zu enthalten, die ein Oratorium in der Nachfolge Händels erforderte. Mangels eines geeigneten Textbuches kam der Plan jedoch schon bald ins Stocken und blieb fast neun Jahre liegen.

Das Oratorienprojekt kam erst wieder in Gang als Mendelssohn im Sommer 1845 die Einladung erhielt, das Birmingham Musik Festival des Jahres 1846 zu dirigieren und hierbei ein eigenes größeres Musikwerk aufzuführen. Der Komponist nahm dies zum Anlaß, den lang gehegten Plan eines "Elias" in die Tat umzusetzen. Angesichts der Größe des Planes und des Anspruches, so etwas wie ein Opus maximum zu schreiben, geriet er dabei aber in erhebliche Zeitnot. Wegen anderer Verpflichtungen konnte er mit der Komposition des "Elias" erst im Februar 1846  beginnen. Ende Mai 1846 war der erste Teil des Werkes beendet. Am 27.6.1846, zwei Monate vor der Uraufführung, schrieb er an seine Schwester Fanny: "Ein ungeheuer großes Stück vom Elias ist noch aufzuschreiben und in England probieren sie schon am ersten Teile… deshalb schließe ich mich ein und muckse nicht eher wieder bis der Elias fertig ist, was aber noch gute drei Wochen dauern kann". Drei Wochen vor der Uraufführung teilte er nach England mit, daß der letzte Teil des Oratoriums abgeschickt sei und daß die Orchesterstimmen gerade kopiert würden. Eine Arie werde er noch persönlich mitbringen. Der letzte Chorstück traf neun Tage vor der Aufführung in England an.

Mendelssohn kam am 17.8.1846 nach London, wo er noch eine Klavierprobe mit den Solisten und eine Orchesterprobe leitete. Am 23.8.1846 fuhren alle Beteiligten einschließlich der "Gentlemen from the press" mit einem Sonderzug nach Birmingham. Dort fand nach zwei weiteren Proben am Morgen des 26.8.1846 im überfüllten Saal des Rathauses mit 396 Mitwirkenden, darunter 271 Sängern, die Uraufführung statt. Das Publikum war von dem Werk begeistert. Auf sein Verlangen mußten acht Stücke wiederholt werden. Die "Times" berichtete, daß "die letzte Note des Werks in lang anhaltendem einvernehmlichen Beifall, brüllend und taubmachend, ertränkt" worden sei.

Kurz nach der Uraufführung wurde das Werk, dessen Ruhm sich schnell über Europa verbreitete, noch mehrfach in England, darunter auch vor Queen Victoria und Prince Albert gespielt. In Holland bereitete man sofort Aufführungen in fünf Städten vor. Aus Österreich erhielt Mendelssohn das Angebot, das Werk möglichst noch im November 1846 mit 1000 Musikern aufzuführen. Der Komponist lehnte jedoch eine weitere Aufführung zunächst ab. Wie viele seiner Werke nahm er auch den "Elias" nach der Uraufführung noch einmal gründlich in die Werkstatt, wobei er einige Stücke anfügte und die dramatischen Partien überarbeitete. Die endgültige – deutsche – Fassung war schließlich im Februar 1847 fertiggestellt. Sie  kam in  Abwesenheit des Komponisten zuerst am 9. Oktober 1847 in Hamburg zu Gehör. Mendelssohn selbst wollte die neue Fassung erstmals im November 1847 in Wien dirigieren. Kurz davor erlitt er jedoch einen Gehirnschlag in dessen Folge er am 4. November 1847, wenige Tage vor der geplanten Aufführung, verstarb.

Das Textbuch des "Elias" folgt im wesentlichen der episodenhaften Schilderung des Lebens und Wirkens des Propheten Elias im alttestamentarischen Buch der Könige. Ausgangspunkt ist, daß das Volk Israel unter der Führung seines Königs Ahab von Jehova abgefallen war und sich dem Baal der Sidonier zugewandt hatte, von denen Ahabs Frau, Isebel, stammte. Gott strafte das Volk deswegen mit einer drei Jahre währenden Dürre, die Elias am Anfang des Oratoriums verkündet. Elias selbst wird gerettet, indem er von Raben am Bach Krith und, nachdem auch dieser ausgetrocknet war, von einer Witwe versorgt wird. Im Haus der Witwe findet das erste Wunder statt. Elias erweckt den verstorbenen Sohn der Witwe wieder zum Leben. Nach Ablauf der drei Dürrejahre fordert Elias, der einzige verbliebene Prophet Jehovas, König Ahab auf, die 450 Propheten Baals und ganz Israel auf dem Berg Kamel zu versammeln, wo man bei einem Opferwettstreit prüfen wolle, welcher der wahre Gott sei. Die Prüfung – beide Parteien hatten von ihrem "Gott" um Feuer für ihr Opfertier zu bitten – geht zu Gunsten Elias aus, der daraufhin die Propheten Baals am Bach Kison tötet. Die Szene ist der dramatische Höhepunkt des Oratoriums. Mit der Wiederkehr des Regens wird der erste Teil des Werkes beendet.

Im zweiten Teil wird die Auseinandersetzung zwischen Ahab und Elias weitergeführt. Isebel hetzt das Volk gegen Elias auf, worauf sich dieser resigniert in die Wüste zurückzieht. Dort fordern ihn Engel auf, den Berg Horeb zu besteigen. Nach einer Wanderung von 40 Tagen und Nächten gelangt Elias auf den Berg, wo ihm der Herr erscheint. Danach steigt Elias hinab in das Land Israel und nimmt den blutigen Kampf gegen den Götzendienst wieder auf, bei dem nur die 7000 Israeliten überleben sollten, die Jehova treu geblieben waren. Das Leben des Propheten endet damit, daß er mit einen feurigen Wagen, der von ebenso feurigen Rossen gezogen wird, in den Himmel auffährt. Am Schluß des Oratoriums werden Bezüge zum Neuen Testament und zum Kommen Christi hergestellt, als dessen Künder Elias erscheint.

Wie mit dem "Paulus" schuf Mendelssohn mit dem hochdramatischen "Elias" ein Oratorium für die Bedürfnisse seiner Zeit. Beide Werke knüpfen zwar an die barocke Oratorientradition an, führen diese jedoch in der Sprache der Frühromantik fort. Dem entsprechend wurden sie von den Zeitgenossen mit Begeisterung aufgenommen. Sie sollten in der Singbewegung des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle spielen. Mit der Wiederentdeckung der großen barocken Oratorien insbesondere Bachs und Händels, an der Mendelssohn entscheidend beteiligt war, ließ das Interesse an den beiden Werken im späten 19. Jahrhundert nach. Weitgehend in Vergessenheit gerieten sie in Deutschland im Zuge des Aufführungsverbotes während der Zeit des Nationalsozialismus, um in den letzten Jahrzehnten eine um so machtvollere Renaissance zu erleben.

Weitere Texte zu Werken Mendelssohns und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia – Teil 1

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Singapur   20.3.1985

Was tun? Wir haben uns in Singapur getroffen. Judi und die Kinder sind aus Australien gekommen, ich selbst aus Europa. Aber der Plan, gemeinsam nach Bali zu fahren, hat sich zerschlagen. Die Flugreise für fünf Personen sprengt entgegen den Erwartungen das Familienbudget. Jetzt lässt die geographische Lage Singapurs am Ende einer zweitausend Kilometer langen Halbinsel nur noch eine Möglichkeit – nach Norden zu reisen. Also Malaysia. Es gibt nicht viel zu überlegen. Das schwere Gepäck bleibt in unserem chinesischen Hotel in der Altstadt von Singapur. Jeder bekommt einen kleinen Rucksack. Noch einmal Duschen mit Hilfe von Blechbüchsen im Hotel, Essen in dem kleinen Restaurant, das sich in seinem Untergeschoß befindet. Wo fährt der Bus nach Malaysia ab? Gleich um die Ecke! Dann also los: Familie mit kleinen Kindern, 6, 7 und 9 Jahre alt, auf Entdeckungsreise in Südostasien, kein Plan, kein Ziel.

Wir wissen nichts über Malaysia. Erste Hinweise gibt es an der Grenze. Zwei freundliche junge Männer in einer winzigen Holzhütte, die offenbar das Tourist Office sein soll, empfehlen nach einem Blick auf unser spärliches Gepäck Tioman – also auf nach Tioman. Es soll eine Insel im südchinesischen Meer sein.

Der Bus endet gleich nach der Grenze. Taxifahrer und Geldwechsler umlagern uns. Aber man muß die ersten Angebote abwehren. Wir laufen den kurzen Weg zum Grenzort Jahor-Baharu. Gut warm ist es. Eine Dusche wäre fällig. Obwohl es erst früher Nachmittag ist, fährt der nächste Bus, wie sich an der Busstation herausstellt, nicht vor dem nächsten Morgen. Das ist nicht mehr die brodelnde Millionenstadt Singapur. Die Dinge gehen hier einen gemächlicheren Gang.

Die Vorstellung, den restlichen Tag und die Nacht in J-B, wie die Einheimischen sagen, zu verbringen, einem Grenzkaff ein paar Kilometer von Singapur, klingt nicht gerade nach Abenteuer. Also treten wir dem Gedanken näher, ein Taxi nach Mersing, das immerhin 200 Kilometer entfernt ist, zu nehmen. Die Entscheidung wird uns dadurch erleichtert, dass es jetzt nur noch die Hälfte von dem kostet, was 500 Meter weiter, an der Grenze, verlangt wurde (40 statt 80 DM).

Ein freundlicher Inder fährt uns durch endlose Plantagenlandschaften – Ölpalmen und Gummibäume in langen Reihen, immer im gleichen Abstand. Dann folgen vielversprechende Dschungelgebiete, Berge, auf denen Riesenbäume in den Himmel ragen, wodurch die dichtbewachsenen Kämme merkwürdig licht erscheinen. Einmal hält der Inder an, zum Kauf von Melonen und Kokusnüssen.

Unser Fahrer erzählt von seiner Familie und seinem Leben in Malaysia. Vor zwanzig Jahren ist er als junger Mann aus Indien eingewandert, um eine Inderin aus der gleichen Kaste zu heiraten. Dass er Indien verlassen habe, sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, meint er. Gott froh sei er, diesem armen, überfüllten Land mit all seinem Elend, den einschnürenden Lebensregeln und seinem unberechenbaren Klima entkommen zu sein. In Malaysia habe er ein ausreichendes Einkommen, besitze ein eigenes Haus in Mersing und könne der Zukunft seiner drei Kinder mit großer Hoffnung entgegensehen. Malaysia sei überhaupt in allem das Gegenteil von Indien, wohlhabend, dünn besiedelt, reich an Bodenschätzen; es gebe Wasser im Überfluss und die Menschen könnten sich freier bewegen.

Unter diesen Lobpreisungen erreichen wir nach dreistündiger Fahrt Mersing. Unser Fahrer sucht uns sogar noch das Hotel. Was er uns zuerst ein Stück außerhalb der Stadt am Meer anbietet, ist zauberhaft, sieht aber nicht nach unserem Geldbeutel aus. Wir sind froh, dass kein Zimmer frei ist. Dann findet er uns ein kleines Hotel in der Stadt, das von einer chinesischen Familie be-trieben wird. Das Zimmer ist Teil der Wohnung, vor unserem Einzug haben darin noch die Kinder der Wirtsfamilie gespielt. Jetzt werfen sie den blonden Neuankömmlingen neugierige Blicke nach.

Wir brechen zur Stadtbesichtigung auf. Mersing ist ein freundliches Provinznest mit einer Moschee, einem indischen und einem chinesischen Tempel und allen sonstigen Einrichtungen, die für die drei Hauptreligionen dieses Landes erforderlich sind. Wir machen einen nächtlichen Spaziergang zum Bootshafen, der sich in der Flussmündung befindet, und hören uns um nach Travellers-Informationen für die Reise nach Tioman. Nach dem Essen in einem Restaurant, das reichlich zu scharf geraten war, gehen die Kinder ins Bett; die Erwachsenen nach einem weiteren Bummel durch die schon ausgestorbene Stadt. Morgen werden wir endgültig festes Land verlassen.

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1832 Fanny Hensel (1806-1847) Ouvertüre C-Dur

„Die verkannte Schwester“, „Wer war Fanny Hensel?“, oder „Mendelssohn Schwester“, lauten die Titel einiger der zahlreichen Bücher, die in den letzten Jahren über diese Musikerin erschienen sind. Das mehr oder weniger erklärte Ziel dieser Veröffentlichungen ist, Fanny Hensel aus dem Schatten ihres Bruders zu ziehen. Es geht aber auch darum zu zeigen, dass die Fähigkeit zum Komponieren keineswegs nur den männlichen Geschlecht gegeben, der tatsächliche Mangel an Komponistinnen vielmehr wesentlich eine Folge der gesellschaftlichen Umstände sei.

Fanny Hensel hatte, wie viele Zeitgenossen bezeugten, eine ähnliche Begabung wie  ihr 3 ½ Jahre jüngerer Bruder. Dies wurde von den Eltern auch nicht verkannt. Sie gaben ihr die gleiche Ausbildung und viele Möglichkeiten, sich musikalisch und gerade auch kompositorisch zur betätigen. Dazu gehörten insbesondere die sog. Sonntagsmusiken vor geladenen Gästen, die man zur Ermunterung der Kinder und zur Präsentation ihrer musikalischen Fähigkeiten ins Leben gerufen hatte. Allerdings hatten die Eltern schon bei Felix erhebliche Probleme mit der Vorstellung, dass er die Musik zum Gegenstand seines Berufes machen könnte. Die jüdische (Bankiers)Familie hatte alles getan, um in den gehobenen Kreisen der Berliner Gesellschaft Fuß zu fassen und dafür sogar den ererbten Glauben aufgegeben. In diesem Kreisen galt es als wenig schicklich, mit Musik Geld zu verdienen. Eine Musikerkarriere kam daher für Felix nur in Frage, nachdem man sich gründlich vergewissert hatten, dass er ganz oben mitspielen und die gesellschaftliche Höhe halten konnte, welche die Familie gerade erreicht hatte.

Für eine Frau kam eine solche Karriere aber noch weniger in Betracht. Vater Abraham schrieb daher seiner musikbegeisterten Tochter bereits als sie 15 Jahre alt war: „Die Musik wird für ihn (Felix) vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tun werden kann und soll.“ Felix teilte diese Auffassung, soweit es eine öffentliche Tätigkeit seiner Schwester betraf. Deswegen wandte er sich immer entschieden gegen eine Veröffentlichung von Fannys Werken. Einige ihrer Klavierstücke hat er unter seinem eigenen Namen drucken lassen, allerdings kaum, um sich ihre Leistung zu Eigen zu machen, sondern wohl um Fannys Werk wenigstens indirekt an die Öffentlichkeit zu bringen.

Fanny hat sich an die familiäre Vorgabe nur teilweise gehalten. Die Musik hatte für sie immer weit mehr als nur ornamentalen Charakter. Mit wenigen Ausnahmen ist sie damit aber tatsächlich nicht an die Öffentlichkeit getreten. Sie beschränkte ihre musikalische Aktivität vielmehr im Wesentlichen auf den häuslichen Kreis. Dazu gehörten allerdings auch die Sonntagsmusiken im großen Gartensaal des herrschaftlichen Anwesens der Familie, die in Berlin zu einer Institution wurden. Fanny hatte diese Musiken, die wegen des Wegzuges ihres Bruders aus Berlin eine Zeit lang eingestellt gewesen waren, im Jahre 1831 mit finanzieller Unterstützung ihres Vaters als eine eigene private Konzertreihe wieder begründet und bis zu ihrem Tode als Organisatorin und regelmäßige Dirigentin geleitet. In diesem Rahmen kamen auch Werke aus ihrer Feder zur Aufführung. Dem Charakter dieser salonartigen Veranstaltungen entsprechend handelt es sich bei ihren Kompositionen im Wesentlichen um „Hausmusik“, Lieder vor allem, Klavierstücke und sonstige Kammermusik.

Ausnahmen von der intimen Form sind einige Chorwerke mit Orchesterbegleitung und insbesondere die Ouvertüre in C-Dur, ihr einziges reines Orchesterwerk. Fanny schrieb dieses Stück, das ersichtlich von Felix Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ inspiriert ist, im Jahre 1832 vermutlich in Hinblick auf den Neubeginn der Sonntagskonzerte. Offensichlich ging es ihr mit dem schwungvollen und konsequent gearbeiteten Werk  in erster Linie darum, gute Laune zu erzeugen. Man kann es daher, ganz ohne Abwertung, als ein Salonstück bezeichnen.

Die Ouvertüre kam erstmalst im Jahre 1834 bei einer Sonntagsmusik mit dem Königsstädter Orchester unter dem Dirigenten Lecerf zur Aufführung. Darüber berichtete Fanny in einem Brief an Felix vom 4. Juni 1834, der auch zeigt, welche Probleme Fanny zunächst auch mit ihrer Rolle als Dirigentin hatte. Zum Verständnis dieses Briefes ist vorauszuschicken, dass seinerzeit im Wesentlichen vom Klavier und/oder mit einem eher groben Stock dirigiert wurde  und dass  Felix Mendelssohn kurz zuvor als einer der ersten damit begonnen hatte, einen Taktstock im heutigen Sinne zu benutzen.  Fanny schreibt zunächst, dass Lecerf sich am Anfang des Konzertes „die Finger zerklopft“ habe, weswegen sie ihm Felix` leichtes Dirigierstäbchen übergeben habe. „Nachher“, fährt sie fort, „ließ ich meine Ouvertüre spielen und stellte mich dabei an das Klavier und da flüsterte mir der Teufel in Lecerfs Gestalt zu, das Stöckchen in die Hand zu nehmen. Hätte ich mich nicht so entsetzlich geschämt, und bei jedem Schlag geniert, so hätte ich ganz ordentlich damit dirigieren können.“ Im Übrigen war sie aber mit ihrem Werk zufrieden. „Es amüsierte mich sehr“, fährt sie fort, „das Stück nach  2 Jahren zum ersten Mal zu hören und ziemlich alles so zu finden, wie ich es mir gedacht hatte.“

Weitere Texte zu Werken von rd. 70 Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1823 Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809- 1847) Konzert für zwei Klaviere und Orchester E-Dur

Anders als die meisten seiner großen Vorgänger und Nachfolger, die aus eher kleinen Verhältnissen kamen, wuchs Mendelssohn in einer sehr wohlhabenden und intakten großbürgerlichen Familie auf. Ihm fehlte es von Haus aus an nichts und er hätte sich, wie so viele „Erben“, auf den Genuss dessen beschränken können, was in seinem Umfeld schon vorhanden war. Umso beeindruckender ist, mit welchem Ergeiz und mit welcher Ernsthaftigkeit sich der junge Felix bereits im Knabenalter der aufwendigen Prozedur einer umfassenden musikalischen Ausbildung unterzog, zumal dies seinerzeit eher Sache derer war, die darauf angewiesen waren, mit Musik Geld zu verdienen, oder sich gesellschaftlich  noch zu etablieren gedachten.

Mendelssohns besonderer Impetus hat neben hoher Begabung ohne Zweifel nicht zuletzt mit seinem familiärem Umfeld zu tun, wo sich Musikbegeisterung und Leistungsbereitschaft auf besondere Weise paarten. Die außerordentliche Wertschätzung, die man in der Familie Mendelssohn der Musik entgegenbrachte, zeigt sich bereits bei Felix` Großvater Moses Mendessohn, dem großen Philosophen der Spätaufklärung. Im elften Kapitel seines Traktates „Über die Empfindungen“ aus dem Jahre 1755 heißt es über die Musik: „Göttliche Tonkunst! Du bist die einzige, die uns mit allen Arten von Vergnügen überrascht! Welch süße Verwirrung von Vollkommenheit, sinnlicher Lust und Schönheit!“ Betrachtet man rückblickend Mendelssohns Gesamtwerk, so will es einem erscheinen, als habe der Enkel diese Worte zum Motto für sein kompositorisches Schaffen genommen. Möglicherweise bedingt durch die glücklichen Umstände, unter denen er aufwuchs, ging sein kreativer Impuls eher dahin, Vollkommes und Schönes zu gestalten als Ausdrucksmöglichkeiten für das Problematische zu suchen.

Leistungsbereitschaft war bei den Mendelssohns Familientradition und hatte ohne Zweifel nicht zuletzt damit zu tun, dass sich die jüdische Familie in der protestantischen Mehrheitsgesellschaft etablieren wollte. Schon Moses Mendelssohn war nicht nur ein bedeutender Denker und „ein vortrefflicher Theoretiker der Musik“ – so Gerbers Lexikon der Tonkünstler von 1790 – sondern auch Direktor einer Seidenfabrik. Seine Söhne gründeten und führten mit großem Engagement eine Bank, welche der Familie binnen kurzem erheblichen Wohlstand brachte. Auch die Mutter des Komponisten stammte aus einer erfolgreichen Bankiersfamilie. Felix Mendelssohns Eltern taten alles, um auch bei ihrem hochbegabten Jungen die Bereitschaft zu fördern, etwas Besonderes zu leisten. Ihr Bildungsplan war allerdings durchaus nicht auf die Musik eingeengt. Dazu gehörte etwa auch das Erlernen alter und neuer Sprachen und des Zeichnens, aber auch des (Brief)Schreibens, Gebiete auf denen Felix ebenfalls erstaunliche Leistungen erbrachte. Als sich aber das außerordentliche musikalische Talent ihres Jungen herauskristallisierte, legten sie besonderes Gewicht auf die Förderung dieser Fähigkeit. Im Gleichschritt mit seiner ebenfalls musikalisch hochbegabten Schwester Fanny erhielt Felix Unterricht von erstklassigen Musikpädagogen. Zugleich sorgten die Eltern dafür, dass die jungen Musikadepten auch die nötigen Erfolgserlebnisse hatten. In ihrem großzügigen Berliner Haus konnten sie die Bühne bieten, auf dem bei den sog. Sonntagskonzerten die jeweils neuesten Werke der Kinder, darunter mehrere Singspiele von Felix  zur Aufführung kamen. Hinzu kam die Ermunterung durch ein soziales Umfeld, das von ihm begeistert war. Bekanntlich schenkte selbst der alternde Goethe dem Jungen seine volle Aufmerksamkeit.

Der frühreife Knabe konnte denn auch von der Musik nicht genug bekommen. Felix begnügte sich nicht mit dem Klavierspiel, sondern studierte parallel dazu gleich auch noch die Violine. Im Alter von zehn Jahren begann er dazu mit musiktheoretischem Unterricht beim Berliner Musikpatriarchen Carl Friedrich Zelter. Zelter befasste das Kind mit so grundlegenden und kniffeligen musikalischen Techniken wie Bezifferter Bass, Fuge und Kontrapunkt, in denen  Felix fleißig Übungsarbeiten fertigte. Ermuntert durch seinen Lehrer fing er aber auch gleich damit an, durchkomponierte Werke im Stile der Klassiker zu schreiben. Bereits in seinem ersten Jahr als Kompositionsschüler schrieb er fast 60 Stücke.

Das Spektrum der Werke des jungen Mendelssohn ist außerordentlich weit und ist in seiner vollen Breite erst in den letzten Jahrzehnten bekannt geworden. Das erste Verzeichnis seiner Werke von 1882 unterdrückte das Jugendwerk und enthielt nur 350 Kompositionen, das neue Verzeichnis von 2009 listet hingegen 750 Werke auf. Zu den Jugendwerken gehören auch zwei Konzerte für zwei Klaviere und Orchester in E-Dur bzw. As-Dur, die Mendelssohn im Alter von 14 bzw. 15 Jahren komponierte. Sie wurden wie die meisten Werke aus dieser Zeit für die Sonntagskonzerte geschrieben.

Das Konzert in E-Dur vollendete Mendelssohn im Oktober 1823 und schenkte es seiner Schwester wohl zum Geburtstag. Als Modell scheint ihm Beethovens 5. Klavierkonzert gedient zu haben, zu dem es verschiedene Parallelen aufweist. Erstmals gespielt wurde das Stück von Felix und Fanny am 7. Dezember des gleichen Jahres bei einer Sonntagsmusik in Anwesenheit des berühmt-berüchtigten Salonklaviervirtuosen Kalkbrenner. Mangels Orchester spielten sie dabei auch die Orchestertutti. Ein weiteres Mal spielten die beiden das Werk ein Jahr später zu Fannys Geburtstag am 14. November 1824. Unter den Zuhörern war diesmal der Klaviervirtuose Ignaz Moscheles, den Felix` Mutter anschließend darum bat, ihrem Sohn Unterricht zu geben. Dabei zeigte Felix ihm auch das inzwischen fertig gestellte zweite Doppelkonzert in As-Dur. Moscheles notierte in seinem Tagebuch: „Der fünfzehnjährige Felix ist einer Erscheinung, wie es keine mehr gibt! Was sind alle Wunderkinder neben ihm? Sie sind eben Wunderkinder und sonst nichts; dieser Felix Mendelssohn ist ein reifer Künstler…“.

Im Doppelkonzert in E-Dur zeigt Mendelssohn nicht nur, dass er voller beglückender melodischer Einfälle ist, kompositorische Finessen wie verschachtelte Fugatos und mehrstimmige Engführungen beherrscht und Themen hoch komplex verarbeiten kann. Das Werk spiegelt auch die geradezu symbiotische Beziehung, welche in menschlicher in künstlerischer Hinsicht zwischen den beiden Geschwistern bestand. In den beiden Ecksätzen werfen sich die beiden Solisten mal improvisationsartig und übermütig, mal streng und formal die Bälle auf gleicher Ebene zu, wobei jeder ausreichend Gelegenheit erhält, technische Brillianz zu demonstrieren. Im langsamen Mittelsatz erscheinen aber zwei deutlich unterschiedene Temperamente. Er wird von einem langen lyrischen Solo des ersten Klaviers eingeleitet, dass weiblich schwärmerische Züge trägt. Dies  kann man wohl  der Schwester zuordnen. Es folgt ein ebenso langes Solo des zweiten Klaviers von deutlich zupackenderem Charakter. Darin dürfen wir sicherlich das Selbstverständnis des Bruders dargestellt sehen. Im dritten Teil musizieren die Beiden schließlich selig in geschwisterlicher Harmonie vereint.

Mendelssohn scheint das E-Dur Konzert besonders geschätzt zu haben, was möglicherweise auch mit dem Bezug zur Schwester zu tun hat. Anders als die meisten anderen Werke seiner frühen Jugend hat er es später nicht verworfen. 1830 überarbeitete er das Stück sogar und führte es mit Moscheles in England auf. Auch Moscheles hielt das Werk in Ehren und spielte es 13 Jahre nach Mendelssohns Tod noch einmal für seine Kollegen am Leipziger Konservatorium, wohin Mendelssohn, der das Konservatorium gegründet hatte, seinen ehemaligen Lehrer als Klavierlehrer geholt hatte. Dabei gab Moscheles den Namen des Komponisten in Anspielung auf die Frühbegabung Mendelssohns zunächst mit F. Knospe an, wahrscheinlich weil er ein unbefangenes Urteil seiner Kollegen hören wollte. Danach lag das Konzert in einem hundertjährigen Dornröschenschlaf im Mendelssohn-Nachlass in der Berliner Staatsbibliothek. Da diese nach dem  zweiten Weltkrieg im Ostteil der alten Reichshauptstadt lag, war es für den Westen zunächst nicht zugänglich. Anfang der 50-er Jahre des 20. Jh. kam dann im Rahmen von Bücherschmuggelgeschäften zwischen Ost- und Westberlin eine Mikrofilmaufnahme der beiden Doppelkonzerte nach New York. Seitdem wird das Werk wieder gerne gespielt.

1918 Alexander Tscherepnin (1899 – 1977) Sonatina für Pauken und Orchester

Alexander Tscherepnin war ein musikalischer Weltbürger. Er wuchs in einer russischen  Künstlerfamilie auf und erhielt Musikunterricht in St. Petersburg und Tiflis. 1922 übersiedelte seine Familie nach Paris, wo er weiter ausgebildet wurde und seine internationale Pianistenkarriere begann. Er heiratete eine Chinesin, gründete einen Musikverlag in Japan, war Kurator des russischen Belaieff-Verlages in Deutschland, Professor in Chicago und hatte immer eine Wohnung in London und Paris. Er gehörte zu den Künstlerkreisen der französischen Hauptstadt, in der er auch seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Weltbürgertum spiegelt sich auch in Tscherepnins umfangreichem kompositorischem Oeuvre. Er experimentierte mit allen möglichen Formen und Besetzungen und bereicherte die Tonalität, vom russischen und französischen Musikidiom ausgehend, durch ostasiatische Elemente. Ein Ballett über die Fresken im indischen Ajanta gehört zu seinem Werk ebenso wie ein – preisgekröntes – Kammerkonzert für die avantgardistischen Donaueschinger Musiktage. Trotz aller Experimentierfreudigkeit hat man den seinerzeit sehr gefragten Komponisten wegen seines Stilpluralismus allerdings nicht so sehr für einen Vertreter der Moderne, sondern eher als Vorläufer der Postmoderne bezeichnet.

Die Sonatina für Pauken und Orchester ist ein Frühwerk Tscherepnins aus dem Jahre 1918, das noch eher traditionelle Züge im Stile der klassischen Moderne trägt. Naturgemäß stehen in dem kurzen Stück, das ursprünglich für Klavier und Pauke geschrieben wurde, rhythmische Finessen im Vordergrund.

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Um 1800 Georg Druschetzky (1745 – 1819) Partita Nr. 6 Es-Dur für Bläseroktett

Georg Druschetzky war ein Musiker aus dem schier unerschöpflichen Reservoir musikalischer Talente, welche Böhmen hervorgebracht hat. „Böhmische Musikanten“ waren in ganz Europa, vor allem aber im weiten Kulturraum der k&k Monarchie als Bedienstete der großen und kleinen Adelshäuser, aber auch beim Militär, beim Staat oder den Gemeinden tätig. Da sich das Interesse der Nachwelt hauptsächlich auf die singulären Musikergestalten richtete, gerieten viele dieser Musiker im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Als man sich in neuerer Zeit verstärkt mit den Bedingungen beschäftigte, unter denen sich die Großen bildeten, stieß man aber unweigerlich wieder auf diese „Kleinmeister“, die den Humus bildeten, aus dem die großen Gestalten wuchsen. Seitdem wird immer deutlicher, wie breit und solide das Fundament der einmaligen europäischen Musikkultur war.

Druschetzky, der zu diesem „Kleinmeistern“ gehört, war noch vor wenigen Jahrzehnten völlig vergessen. In älteren Ausgaben des lexikalischen Standardwerks von Hugo Riemann etwa wurde er nicht erwähnt. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhundert hat man dann aber in Archiven und alten Spezialwerken allerhand Spuren seiner Existenz gefunden und seine Biographie teilweise rekonstruieren können. Dabei sind auch viele seiner Werke wieder entdeckt worden. Es zeigte sich, dass Druschetzky ein außerordentlich rühriger Musiker war, der die Möglichkeiten, die seinem Gewerbe seinerzeit offen standen, ziemlich weit ausgeschöpft hat.

Druschetzky lernte zunächst das Oboenspiel und war fast ein Jahrzehnt Militärmusiker. Dies ist der Hintergrund seiner zahlreichen Kompositionen für Bläserensembles verschiedener Größe und Besetzung, die, wie es in einer zeitgenössischen Darstellung heißt, „bei der kaiserlichen Armee durchgängig bekannt“ waren. Nach seiner Militärzeit war Druschetzky über ein Jahrzehnt Pauker bei der Landschaft Oberösterreich in Linz. Aus dieser Zeit stammt vermutlich seine Vorliebe für Werke, in denen die Pauke als Soloinstrument eingesetzt wird, darunter solche für bis zu sieben Pauken. In der Linzer Zeit versuchte er sich auch als Musikverleger, wobei er offenbar die Noten zum Teil selbst gestochen hat. 1783, zwei Jahre nachdem Mozart den Sprung in die Selbständigkeit in Wien gewagt hatte, versuchte auch Druschetzky eine Existenz in der Hauptstadt des Kaiserreiches aufzubauen. Er gab diesen Versuch, der damals noch sehr schwierig war, aber drei Jahre später zugunsten einer festen Anstellung im Orchester des Fürsten Grassalkovic in Pressburg auf, wo er, zu seinem alten Metier zurückgekehrt, für die Harmoniemusik, das heißt für die Bläser zuständig war. Im Jahre 1800 wechselte er in gleicher Funktion zum Fürstprimas Batthyány, wodurch er nach Ungarn (Pest) kam. Dort beendete er seine Runde durch die k&k Lande, zuletzt in Diensten des habsburgischen Palatin Erzherzog Josef in Buda.

Druschetzkys Gesamtwerk ist bislang nur teilweise erforscht. Bekannt sind inzwischen vor allem viele seiner Bläserstücke. Er komponierte aber auch einiges für Orchester (rund ein dutzend Symphonien, darunter 5 Schlachtenstücke, z.T. für zwei Orchester), zahlreiche kammermusikalische Werke sowie Chor- und Bühnenmusik (u.a. Messen und 2 Opern), wobei den Bläsern und dem Schlagzeug oft eine herausragende Rolle zugeteilt ist. Außerdem bearbeitete er Werke seiner Zeitgenossen für Harmoniemusik, darunter Mozarts „Zauberflöte“ und Haydns „Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“. Als einer der Ersten verwendete der experimentierfreudige Musiker auch die Tonfolge B-A-C-H als Thema, was zeigt, dass er auch historisch gebildet war.

Druscheztky war kein Mann der gelehrten Schreibweise, weswegen in seinen Werken etwa die Durchführung keine große Rolle spielt. Er war, wie seine Partita Nr. 6 zeigt, vielmehr ein Vollblutmusikant, der die Aufmerksamkeit des Hörers durch phantasievolle Wendungen im Rahmen meist achttaktiger Phrasen zu erlangen vermochte. Johann Ernst Altenberg attestierte ihm in seinem "Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeten und Paukenkunst" aus dem Jahre 1795, er habe  "artige Partiten und Suiten zu verschiedenen Blasinstrumenten ediert", sei ein "geschickter Pauker" gewesen und habe "ziemliche Naturgaben  in der musikalische Komposition"  besessen.

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Um 1800 Muzio Clementi (1746 – 1832) Symphonie in D

Seit jemand England das Etikett „Land ohne Musik“ anhing, weil es zwischen Henry Purcell und Edward Elgar, also rund 200 Jahre, keinen namhaften produktiven Musiker der „Klassik“ hervorgebracht habe, kämpft das Land um seinen Ruf als große Musiknation. Natürlich kann England dabei darauf verweisen, dass es auch in der „dunklen Zeit“ ein außerordentlich lebhaftes, wenn auch weitgehend von Importen bestrittenes Musikleben hatte, dass es das Mutterland des bürgerlichen Konzertwesens ist, eine große Chortradition besitzt und manchem Talent vom Kontinent zum Durchbruch oder internationalem Ruhm verholfen hat (Dvorak etwa, aber auch Mendelssohn und Spohr).  Die anglophile Musikwissenschaft war dazu um den Nachweis bemüht, dass englische Musiktheoretiker noch vor den übermächtigen kontinentalen Praktikern den Vorrang der ganz auf sich selbst bezogenen, also vom Wort unabhängigen (Instrumental)Musik propagiert haben und dass England an der Umsetzung der Idee einer dergestalt absoluten Musik führend mitgewirkt habe. Als Kronzeuge für diese These wird dabei nicht zuletzt Muzio Clementi herangezogen.

Über die Frage, ob Clementi ein geeigneter Zeuge für die englische Sache ist, kann man freilich streiten. Clementi wuchs als Kind eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter in Rom auf, wo er auch musikalisch sozialisiert wurde. Er kam allerdings in einem Alter, in dem eine neue Prägung noch möglich ist, auf die britischen Inseln. Als er 14 Jahre alt war, „entdeckte“ der englische Adelige Peter Beckford den hochbegabten Jüngling, der in Rom bereits eine Organistenstelle versah, und erhielt von den Eltern die Erlaubnis, ihn zur weiteren Ausbildung mit nach England zu nehmen. Dort bildete er ihn zum Klaviervirtuosen aus. Das Klavier sollte denn auch in jeder Hinsicht zum Markenzeichen für Clementi werden.

Clementi blieb, wenn man von seinen zum Teil jahrelangen Reisen auf dem Kontinent in seiner ersten Lebenshälfte absieht, für den Rest seines langen Lebens auf der Insel und wurde zu einem führenden Repräsentanten des Londoner Musiklebens. Dazu gehörte, insofern hat er in der Tat englische Wesensart verinnerlicht, auch eine ausgedehnte (musik)unternehmerische Aktivität als Verleger und Klavierfabrikant samt all den Höhen und Tiefen, die eine solche Tätigkeit mit sich bringt. Nicht zuletzt dadurch gelangte er zu einem beachtlichen Vermögen, was ihm auf gut englische Weise auch ein standesgemäßes Leben auf einem Landsitz ermöglichte. Die Verbundenheit mit seiner Wahlheimat dankte ihm dieselbe damit, dass sie ihm als einzigem der vielen musikalischen Importe neben Händel und überhaupt als einem der wenigen "Ausländer" einen Ehrenplatz in Westminster Abbey zugestand. Man gedenkt seiner dort  auf einer Bodenplatte im Kreuzgang als dem "Vater des Pianoforte".

Clementi  war er ein erfolgreicher Klavierlehrer, zu dessen Schülern Johann Baptist Cramer, John Field, Friedrich Kalkbrenner und Ignaz Moscheles gehörten. Unvergesslich ist er allerdings durch seine zahlreichen Kompositionen für Klavier geworden. Insbesondere dürften sich ganze Generationen von Klavierschülern an seine Sonatinen und sein pädagogisches Werk „Gradum ad Parnassum“ und ihren mehr oder weniger erfolgreichen, gelegentlich nicht endenwollenden Versuch erinnern, mit deren Hilfe die Höhen des Klavierspiel zu erklimmen. Musikhistorisch bedeutsam sind Clementis 106 Klaviersonaten, von denen Haydn, ein Begründer der klassischen Form dieses Werktypus, und Beethoven, ihr Vollender, beeinflusst worden sein sollen. Geradezu eine Kriegserklärung an diejenigen, welche die Führungsrolle des Kontinents, insbesondere der Wiener Klassik, bei der Emanzipation der Instrumentalmusik postulieren, ist die These, dass Clementi schon zu einem Zeitpunkt die Bedeutung der nur auf sich selbst bezogenen Musik erkannt habe, als darüber auf dem Kontinent noch allerhand abwertende Meinungen zu hören waren, etwa  dass dieselbe „ein lebhaftes und nicht unangenehmes Geräusch oder aber ein artiges und unterhaltsames aber das Herz nicht beschäftigendes Geschwätz“ sei (so der führende Berliner Popularphilosoph  Johann George Sulzer im Jahre 1774).

Wenig bekannt ist, dass Clementi auch 6 Symphonien komponiert hat. Diese Werke offenbaren einen einfallsreichen und schwungvollen Musikanten, der mit allen Wassern der musikalischen Technik auch der Großform der Musik gewaschen ist und nach dem Vorbild Haydns einen außerordentlich dichten Satz von geradezu sprachlicher Logik zu weben weiß.

Die Symphonie in D hat das klassische viersätzige Formschema und erzielt mit „Pauken und Trompeten“ und reichlich eingesetzten Bläsern ein außerordentlich kompaktes Klangbild.

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1816 Louis Spohr (1784 – 1859) Konzert für Violine und Orchester Nr. 8 (in Form einer Gesangsszene)

Der Braunschweiger Spohr konnte sich eines außerordentlich vielfältigen und erfolgreichen  Musikerlebens erfreuen. 20-jährig  wurde er auf einen Schlag berühmt durch einem Auftritt mit seinem zweiten Violinkonzert in Leipzig. Hier, heißt es, sei zum ersten Mal der Zauber der Geigenromantik zu hören gewesen. Der Kritiker Friedrich Rochlitz schrieb nach diesem Konzert, Spohr „neige am meisten zum Großen und in sanfter Wehmut Schwärmenden“, ein Dictum mit dem Spohr nicht zuletzt wegen seiner Neigung zum „Cromatisieren“ immer wieder charakterisiert werden sollte. Ein Jahr später führte sein Auftreten in Gotha dazu, dass man ihm zum Konzertmeister der dortigen Hofkappelle berief, eine Stelle, die er sieben Jahre ausfüllte. Es folgten, unterbrochen von ausgedehnten Konzertreisen als Geigenvirtuose durch ganz Europa, Kapellmeisterstellen in Wien, Frankfurt und Dresden, wo Spohr Gelegenheit hatte, seinen kompositorischen Wirkungskreis wesentlich auszuweiten. Durch Vermittlung Carl Maria von Webers erhielt Spohr 1822 schließlich die Stelle des Hofkapellmeisters in Kassel. Am hessischen Hof war er  35 Jahre lang der Mittelpunkt eines Musiklebens, das er zu einer außerordentlichen Blüte führte.

Spohr war von  Haus aus eher der Tradition, insbesondere Mozart verpflichtet. Dies hat ihm von Seiten von Publizisten, die dem Fortschritt huldigten, den Vorwurf eingebracht, reaktionär oder zumindest biedermeierlich zu sein, eine Beschreibung, für die sein norddeutsch-korrekter und eher verschlossener persönlicher Habitus möglicherweise einige Ansatzpunkte gab. Ob dies eine zutreffende Beschreibung ist, ist aus heutiger Sicht aber fraglich. Spohr ist sicher eine Grenzfigur zwischen Klassik und Romantik. Wie wenig reaktionär er war, zeigt aber die Tatsache, dass sich keineswegs den neuen Tendenzen in der Musik seiner Zeit verschloss. Unter anderem und führte sehr früh die Opern des jungen Wagners auf.

Spohr war bis zu seinem Lebensende rastlos tätig und komponierte für fast alle Gattungen der Musik. Aus dem umfangreichen Gesamtwerk ragen allerdings die Werke für sein Instrument heraus. Er schrieb 21 Violinkonzerte und zahlreiche weitere Werke, bei denen die Geige im Vordergrund steht, darunter viel Kammermusik. Eine Spezialität sind dabei seine Doppelquartette und ein Quartettkonzert. Gerühmt werden vor allem seine sehr geigerisch empfundenen langsamen Sätze.

Von den Violinkonzerten, die einmal so populär waren, dass sie die Rezeption des singulären Konzertes von  Beethoven erschwerten, hat das 8. Konzert besondere Berühmtheit erlangt. Spohr führte das Werk erstmals am 28. September 1816 in der Mailänder Scala auf. Darüber schreibt er  in seiner Selbstbiographie: „Gestern fand unser Concert im Theater della Scala statt … Das Haus, obgleich vorteilhaft für Musik, verlangt doch in seiner gewaltigen Größe einen sehr kräftigen Ton und ein großes einfaches Spiel. Auch ist es schwer, den Geigenton dort zu hören, wo man immer nur Stimmen zu hören gewohnt ist. Diese Betrachtung und die Ungewissheit, ob die Art meines Spieles und meine Composition auch den Italienern gefallen würde, machte mich bei diesem Debüt in einem Lande, wo man mich noch nicht kennt, etwas furchtsam; da ich indessen schon nach den ersten Takten bemerkte, daß mein Spiel Eingang fand, so schwand diese Furcht bald und ich spielte nun völlig unbefangen. Auch hatte ich die Freude zu sehen, dass ich in dem neuen, in der Schweiz geschriebenen Concerte, welche die Form einer Gesangs-Szene hat, den Geschmack der Italiener sehr glücklich getroffen habe und dass besonders die Gesangsstellen mit großem Enthusiasmus aufgenommen wurden. Dieser lärmende Beifall, so erfreulich und aufmunternd er auch für den Solospieler ist, bleibt doch für Componisten ein gewaltiges Ärgernis. Es wird dadurch aller Zusammenhang gestört, die fleißig gearbeiteten Tutti bleiben völlig unbeachtet und man hört den Solospieler in einem fremden Tone wieder anfangen, ohne dass man weiß, wie das Orchester dahin moduliert hat.“

Die Aufführung war der Höhepunkt einer fast zweijährigen Konzertreise durch Deutschland, die Schweiz und Italien, die Spohrs internationalen Ruf begründete. Nach einem Konzert, das er am 18. Oktober 1816 in Venedig gegeben hatte, besuchte ihn sogar der große Paganini. Ein Teil der Presse baute Spohr in der Folge als dessen Gegenspieler auf. Spohr schreibt in seiner Selbstbiographie, in einer  Rezension habe es geheißen, dass „er die italienische Lieblichkeit mit aller Tiefe des Studiums, welcher unserer Nation eigen sei, verbinde und dass man mir den ersten Rang unter den jetzt lebenden Geigern einräumen müsse“, ein Lobspruch, die ihm zwar die durchaus nachteilige Gegnerschaft der zahlreichen Anhänger des italienischen Wundermannes einbringe, die aber andererseits „auch den eitelsten Künstler zufrieden machen könnte.“

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Ein- und Ausfälle – Ewige Schüler

Manche Menschen versuchen ausgerechnet dadurch groß zu werden, dass sie sich ihr Leben lang als Schüler  eines anderen bezeichnen (lassen).

Ein- und Ausfälle – Lebenstüchtigkeit und schnöde Welt

Zur Lebenstüchtigkeit gehört jedenfalls  die Fähigkeit, seine Erregung über den Unsinn und die Frechheit in der Welt so zu dosieren, dass sie einem nicht schädlich wird.

Ein- und Ausfälle – Rechtsstaat und Gerechtigkeit

Der Rechtsstaat – ein Hort der Gerechtigkeit? Nein – ein Ort eines zuvor nicht bekannten Abbaus von Ungerechtigkeit.

Ein- und Ausfälle – Chinas pragmatische Logik

Der chinesische Philosoph Mo Ti aus den 5 Jh. v. Chr. ging die Frage der (sozialen) Logik ziemlich undogmatisch an. Nach ihm bestehen die drei Gesetze des vernunftmäßigen Denkens

 

            1.) im Studium der Erfahrungen der weisesten Menschen der Vergangenheit – dort, sagt er, finde man die Grundlage;

 

            2.) im Studium der Erfahrung des Volkes; – dadurch gelange man zu einem allgemeinen Überblick;

 

            3.) in der Einführung der dabei gewonnen Erkenntnisse in Gesetzgebung und Regierungspolitik und der anschließenden Prüfung, ob es der Wohlfahrt des Staates förderlich sei oder nicht.

 

Mit diesen schlichten Überlegungen kommt Mo Ti zu Ergebnissen, über welche die Väter der europäischen und indischen Philosophie mit ihren gewaltigen Gedankensystemen auch nicht wesentlich hinausgekommen sind, nämlich dass sozial wirksam die Gedanken sind, die sich

 

            1.) auf große Namen berufen können,

2.) in der Tradition (des Volkes) verwurzelt und

            3.) in der Praxis erprobt sind.

 

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Mo Ti trotz ganz anderer Ausgangspunkte im Detail zu ähnlichen Ergebnissen wie die großen Denker unserer Tradition kommt. Er hält die Existenz eines persönlichen Gottes ebenso für erwiesen, wie die von Geistern und Gespenstern, letztere mit Begründung, weil viele sie gesehen haben. Die Notwendigkeit des (Ahnen)Kultes schließt er daraus, dass er sozialen Zusammenhalt fördere (weil dabei die Menschen auf Grund gemeinsamer Überzeugungen zusammenkommen). Das Prinzip der Nächstenliebe leitet er einfach aus dem Umstand ab, dass dadurch eine Menge sozialer Probleme gelöst würden (weil es die Ausuferung des individuellen Entfaltungsdrangs eindämme). In einem Punkt war er unseren Denkern allerdings weit voraus. Seiner Weisheit letzter Schluss ist das (behutsam angewendete) “Trial and error“- Prinzips als Korrektiv für überschäumende soziale Gestaltungsphantasien. Mit einem derart pragmatischen Prinzip hatten unsere Systemdenker einige Schwierigkeiten. Der Natur ihres Ansatzes entsprechend neigten sie zu logischen Scheingebäuden oder „wissenschaftlichen“ Großversuchen, die zum Teil mit gewaltigen Spesen endeten.

 

Die Tatsache, dass man von so unterschiedlichen Ansätzen zu so ähnlichen Ergebnissen kommt, sagt einiges darüber, wie wenig das Ergebnis des Denkens von der Art der Gedankenführung und wie sehr es davon abhängt, wie wichtig es einem ist.

Ein- und Ausfälle – Zur Diktatur des rechten Winkels

Ein Glück, dass unsere Zeit schnelllebig ist. Man stelle sich vor, der rechte Winkel würde die Architektur so lange dominieren wie einst der Spitzbogen.

Ein-und Ausfälle – Descartes und sein Gottesbeweis

Descartes meinte, man könne die gedanklichen Probleme so lange zerlegen, bis lauter kleine und einfache Fragestellungen übrig bleiben, deren Antwort gewissermaßen auf der Hand liege. Damit verwendete er eine ähnliche Methode der Problembehandlung wie der Computer. Eigentlich müsste er auch zu ähnlich genauen (und letztlich ebenso unfruchtbaren) Ergebnissen wie der Computer  gelangt sein. Dass dies nicht der Fall war, lag daran, dass er seine Methode nicht eben genau anwendete, was ihn (eben doch) als Philosophen ausweist. So konnte er, der doch, um nicht das Opfer bloßer Denkgewohnheiten zu sein, erst einmal alles bezweifeln wollte, etwa zu dem Ergebnis kommen, dass etwas so wenig Zweifelsfestes wie die Existenz Gottes, über jeden Zweifel erhaben sei.

Ein- und Ausfälle – Sorge um die Starken

Die westlichen Kulturen haben sich zu Recht in besonderem Maße um die Schwachen gekümmert. Darüber haben sie allerdings tendenziell die Starken vernachlässigt. Nicht weniger wichtig als die Grenzen der Schwachen zu erweitern, ist aber, den Starken ihre Grenzen aufzuzeigen.

Um 1750 Johann Gottlieb Graun (1701 – 1771) Konzert für Gambe, Basso Continuo und Orchester a-moll

Die Brüder Johann Gottlieb und Karl Heinrich Graun waren zusammen mit Johann Joachim Quantz die führenden Protagonisten einer Richtung der europäischen Kunstmusik, die man gelegentlich als die „Berliner Schule“ bezeichnet hat. Sie prägten in der Mitte des 18. Jh. jahrzehntelang das Musikleben der brandenburgischen Residenzen. Das Schaffen der drei Musiker ist eng mit den Bestrebungen Friedrichs des Großen verbunden, in Berlin einen barocken Musenhof zu schaffen, einen jener uns heute ziemlich exotisch erscheinenden Orte, an denen sich handfeste Realpolitik, ästhetische Selbstdarstellung und Kunstbegeisterung auf merkwürdige Weise mischten. Die Voraussetzungen für einen solchen Musenhof waren in Preußen seinerzeit nicht sonderlich gut. Friedrichs Vater, Friedrich Wilhelm I., war ein Herrscher, der seine Ziele ohne große Umschweife anstrebte. Bei seiner Thronbesteigung im Jahre 1713 entschied er, dass seine – politischen – Ziele auch ohne kostspielige Opfer an die Musen zu erreichen seien. Daher löste er das Berliner Hoforchester kurzerhand auf. Auch seinen designierten Thronfolger Friedrich überließ er nur ungern dem Einfluss der Musen. Er befürchtete offenbar, dass sie den Realitätssinn des künftigen Staatslenkers vernebeln und damit seine politische Entscheidungskraft schwächen könnten. Daher tat er alles, um zu verhindern, dass Friedrich sich allzu intensiv mit den schönen Künsten, insbesondere mit der Musik beschäftigte.

 

Die Entschlusskraft seines Sohnes scheint er damit aber eher gestärkt zu haben. 1728, als er 16 Jahre alt war, begann Friedrich heimlich Flötenunterricht bei Quantz zu nehmen. Zu seinem Vertrauten wählte er sich außerdem den acht Jahre älteren musischen Leutnant v. Katte, mit dem er 1730 vom badischen Steinsfurt aus vor dem prosaisch-gestrengen Vater – nach England – fliehen wollte, was aber misslang, da die beiden offenbar nicht den nötigen Sinn für die Realitäten hatten, die dabei zu beachten gewesen wären. Friedrich Wilhelm I. glaubte nun seine Entschlusskraft dadurch unter Beweis stellen zu müssen, dass er v. Kattes Verurteilung zum Tode veranlasste und seinen Sohn zwecks Gewöhnung an die preußischen Realitäten zwang, an der Vollstreckung der Strafe teilnehmen. Friedrich selbst, den beinahe das gleiche Schicksal getroffen hätte, verlor zunächst seine Stellung als Kronprinz. Er wurde aber Ende 1731 rehabilitiert und zunächst als Kommandeur eines Infanterieregimentes nach Ruppin verbannt, wo er die Niederungen des Staatslebens kennenlernen sollte. Dort ließ man ihn, zumal er inzwischen standesgemäß verheiratet war, weitgehend seinen eigenen Lebensstil pflegen, zu dem wesentlich die Musik gehörte.

 

Friedrich versammelte in Ruppin eine ausgesuchte Schar von Musikern, zu denen seit 1732 auch die Gebrüder Johann Gottlieb und Karl Heinrich Graun gehörten, die sich in Sachsen, wo sie musikalisch sozialisiert wurden, einen gewissen Ruf als solide Musiker erworben hatten (Johann Sebastian Bach etwa hatte seinen Sohn Friedemann zur Ausbildung in die Hände von Johann Gottlieb Graun gegeben). Als Konzertmeister und Vizekonzertmeister des kleinen Ruppiner Ensembles hatten die Grauns, wie damals üblich, neben dem Spieldienst auch Musik für den täglichen Gebrauch oder für Feste und Gottesdienste zu komponieren. Die Musiker, die Friederich, um in Berlin nicht aufzufallen, haushaltstechnisch als Domestiken führen ließ, nahm er mit, als er 1736 nach Rheinsberg übersiedelte. Auf Schloss Rheinsberg, das der Vater dem Sohn wohl schenkte, um ihn wieder an die Welt des Hofes anzunähern, steigerte Friedrich seine musikalischen Aktivitäten beträchtlich. Er betätigte sich nicht mehr nur als Flötist, sondern nun auch als Komponist. Als er 1740 schließlich den preußischen Thron bestieg, war eine seiner ersten Amtshandlungen, seine Musiker zu legalisieren und Quantz, der bislang nur sporadisch von Dresden zum Unterricht kam, mit einem hohen Gehalt nach Berlin zu holen.

 

Das königliche Musikleben spielte sich nun auf drei Ebenen ab. Friedrich selbst pflegte regelmäßig in kleinem Kreis, zu dem auch Franz Benda und Philipp Emanuel Bach gehörten, in seinen Schlössern zu musizieren, wobei der Schwerpunkt auf Werken für Flöte lag. Allein Quantz steuerte hierfür rund 200 Solosonaten und 300 Flötenkonzerte bei. Wie es bei dieser „Kammermusik“ zugegangen sein mag, hat Adolf Menzel später in dem bekannten Gemälde "Das Flötenkonzert von Sanssouci" stimmungsvoll dargestellt.

 

Ein weiterer Teil des Musiklebens war die Oper, die in Berlin mangels entsprechender Räumlichkeiten zuvor ein Schattendasein geführt hatte. Schon kurz nach seinem Regierungsantritt hatte Friedrich die Order gegeben, so schnell wie möglich ein Opernhaus zu bauen. Der Architekt Georg v. Knobelsdorff erstellte, da Friederich ungeduldig drängelte, daraufhin die heute noch bestehende Lindenoper in nur etwas mehr als einem Jahr. Zum Kapellmeister der Oper ernannte Friedrich Karl Heinrich Graun. Da es in Berlin keine geeigneten Darsteller gab, schickte er ihn erst einmal mit einer prall gefüllten Börse nach Italien, um Sänger einzukaufen. Karl Heinrich leitete die Oper, die hauptsächlich zu festlichen Anlässen spielte, bis zum seinem Tode im Jahre 1759. Er komponierte 29 Opern, an deren Gestaltung der König nicht selten persönlich beteiligt war. Friedrich steuerte etwa das ein oder andere Libretto oder Arien bei und verlangte, dass Stücke, die ihm nicht gelungen schienen, neu komponiert werden.

 

Die dritte Ebene des Musiklebens bestand aus den Konzerten der Hofkapelle, die unter der Obhut der Damen des Königshauses standen. Zum Konzertmeister dieses Klangkörpers wurde Johann Gottlieb Graun ernannt, eine Stellung, die auch er bis zu seinem Tode beibehielt. Hierfür entstand vor allem viel Instrumentalmusik.

 

Die Gebrüder Graun komponierten zahllose Werke aller Gattungen, darunter rund 100 Symphonien und dutzende Konzerte für die verschiedensten Instrumente, wobei die Mehrzahl der Instrumentalwerke wohl von Johann Gottlieb stammen dürfte. Das bekannteste Werk, die Passionskantate „Der Tod Jesu“, die bis in das späte im 19. Jh. große Triumphe in Berlin feierte, hat Karl Heinrich komponiert. Wer allerdings im Einzelnen welche der Kompositionen verfasst hat, die unter ihrem Namen geführt werden, ist in vielen Fällen ebenso wenig geklärt wie der genaue Zeitpunkt der Entstehung (häufig ist darüber hinaus schon ihre Urheberschaft zweifelhaft). Die Brüder sind biographisch und stilistisch so etwas wie siamesische Zwillinge, welche die Musikwissenschaft bisher nur teilweise trennen konnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die meisten ihrer Kompositionen lediglich in Handschriften überliefert sind, auf denen, wenn überhaupt, häufig nur der Name „Graun“ vermerkt ist. Abschriften der Werke fanden sich überall in Nord- und Mitteldeutschland und bis nach Skandinavien, was zeigt, dass sie sehr geschätzt waren. Je weiter die Fundorte allerdings von Berlin entfernt sind, desto mehr scheint seinerzeit das Bewusstsein davon abhanden gekommen zu sein, dass es sich um zwei Personen handelte. Auch das 900-seitige außerordentlich penible Werkverzeichnis, das erst 2006 – bezeichnenderweise für beide gemeinsam – herauskam, konnte die Fragen der Datierung und Zuschreibung nur bruchstückhaft klären.

 

Stilistisch liegen die Werke der Gebrüder Graun einerseits im Rahmen des allgemeinen europäischen Kontextes zwischen auslaufendem Barock und dem aufkommenden galanten oder empfindsamen Stil, der zur Klassik überleitete. Anderseits sind sie, wie das gesamte damalige Berliner Musikleben, stark durch die Vorlieben Friedrichs des Großen gekennzeichnet, der in musikalischen, anders als in politischen und denkerischen Dingen, nicht sonderlich experimentierfreudig war. Der König, der militärisch und schriftstellerisch manchen gewagten Coup landete, war in der Kunst kein großer Freund einer Auseinandersetzung mit den Realitäten, sondern meinte, wie ein Beobachter feststellte, „dass die schönen Künste überhaupt angenehm und ergötzend sein müssen und der Ausdruck nie bis zur höchsten Reibung und Erschütterung treiben dürfe.“ Die sächsischen Brüder, die solcherart Vorstellungen bedienten, hat man nicht zuletzt deswegen etwas zwiespältig auch als die „sanften Graun“ bezeichnet.

 

Auch das Gambenkonzert in a-moll ist ein Werk der Zwischenperiode. Es hat mit seiner Basso-Continuo-Basis eine barocke Grundstruktur. Man kann auch den Einfluss Vivaldis heraushören, dessen Werke die Grauns in ihrer frühen Zeit in Dresden, wo man diesen Meister sehr schätzte, kennengelernt haben dürften. Allenthalben ist aber auch der neue Stil zu spüren, der in Berlin vor allem mit Philipp Emanuel Bach vertreten war. Zugleich ist das Konzert unverkennbar von der friederizianischen Ästhetik geprägt. Es handelt sich um Unterhaltungsmusik der Art, die der König offenbar liebte, natürlich auf sehr hohem Niveau.

 

Friederich ist übrigens gegen Ende seines Lebens, vielleicht im Hinblick auf die verschiedenen Kriege, die er geführt hat, schließlich doch noch von den Realitäten eingeholt worden, die einen Staatsmann von den Musen entfremden können. Nach dem Tode Karl Heinrich Grauns verlor er weitgehend das Interesse an der Oper und einige Zeit nachdem Quantz und schließlich auch Johann Gottlieb Graun verstorben waren, stellte er auch das Flötenspiel ein. Es scheint, dass dem handfesten Realpolitiker, im Alter illusionslos geworden, die Vorstellung von einem Musenhof zunehmend exotisch vorgekommen ist.

Weitere Texte zu Werken von rd. 70 Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1717-23 Johann Sebastian Bach (1685-1750) Konzert für Violine, Oboe und Orchester d-moll

Betrachtet man den Lebensweg und das Gesamtwerk Bachs einschließlich der verlorengegangenen aber dokumentierten Werke, so scheint es, als liege der Schwerpunkt seines Schaffens eindeutig bei der Kirchen- und damit im Wesentlichen bei der Vokalmusik. Sein Beitrag zur (weltlichen)Instrumentalmusik ist zwar außerordentlich gewichtig. Im Gegensatz zu seiner Vokalmusik, die von zahlreichen Kompositionen des gleichen Typus gekennzeichnet ist, scheinen in der Instrumentalmusik – auch bei den verschiedenen Werkzyklen – exemplarische Kompositionen zu überwiegen. Ein instrumentalmusikalischer Schwerpunkt ist bei Bach nur in der Zeit seiner Tätigkeit als Leiter der Kammermusik am Hof von Köthen in der Zeit von 1717-23 festzustellen, wo man von ihm praktisch keine Kirchenmusik erwartete. Bachs Werk ist aber, wie wir wissen, nur sehr unvollständig überliefert. Dies hat immer wieder zu Spekulationen darüber geführt, ob von den Verlusten möglicherweise das Instrumentalwerk besonders betroffen, ob es tatsächlich also wesentlich größer sei, als es auf uns gekommen ist. Anlass dazu war zum einen, dass Bach neben seiner Kantorentätigkeit auch noch verschiedene musikalische Collegien leitete, für die er, so glaubte – und hoffte man vor allem -, verloren gegangene Instrumentalmusik geschrieben haben könnte, zumal er, wie das Beispiel der Brandenburgischen Konzerte zeigt, mit dem Notenmaterial nicht unbedingt penibel umging (er hat diese „einmaligen“ Werke offenbar ohne ein Belegexemplar zurückzubehalten nach Berlin geschickt). Zum anderen wurde die Vermutung dadurch genährt, dass im Laufe der Zeit immer wieder Hinweise auf verschollene Instrumentalwerke des Meisters auftauchten. Sie ergaben sich weitgehend daraus, dass Bach einmal erarbeitetes musikalisches Material häufig in anderen, nicht zuletzt Vokalwerken wiederverwandte oder dass er vorhandene Werke nochmals für andere Instrumente einrichtete. So geht man inzwischen davon aus, dass Bach neben den drei original überlieferten Konzerten für Violine(n) noch sechs weitere Werke für dieses Instrument geschrieben hat. Grundlage für diese Annahme sind die Konzerte für ein oder mehrere Cembali, die er in Leipzig wohl auf der Basis von Werken aus der Köthener Zeit für Konzerte des Telemannschen Vereins umgeschrieben hat.

Unter diesen Konzerten, von denen Abschriften aus Bachs Zeit erhalten sind, befindet sich eines in c-moll für zwei Cembali, bei dem stilistische Erwägungen zu dem Schluss geführt haben, dass ihm ein Werk für zwei Melodieinstrumente zu Grunde liegen müsse. Eine erste Vermutung ging dahin, dass das ursprüngliche Konzert für zwei Violinen geschrieben gewesen sei. Man glaubte an ein Gegenstück zu dem exemplarischen Doppelkonzert in d-moll, zumal Bach in seiner Leipziger Zeit, auch dieses für zwei Cembali umgeschrieben und ebenfalls nach c-moll transponiert hat. Bei näherer Betrachtung fiel jedoch auf, dass die beiden Solostimmen nicht wie in dem bekannten Doppelkonzert symmetrisch angelegt waren, sondern sich auf bezeichnende Weise von einander unterschieden. Während das erste Cembalo auffallend viele Sechszehntel-Figuren aufwies, wie sie für Bachs Geigenstimmen typisch sind, hatte das zweite Cembalo eher Kantilenen der Art zu spielen, die er ansonsten Blasinstrumenten wie der Oboe anvertraute. Auf diese Weise rekonstruierte man unter Rücktransponierung nach d-moll eine sehr überzeugende Fassung eines Konzertes für Violine und Oboe. Diese hat sich mittlerweile als vermutliches Originalwerk durchgesetzt und damit vielleicht die Vertreter des Gedankens von der unbedingten Priorität des Originals besänftigt, die den lockeren Umgang des Meisters mit Originalwerken ziemlich bedenklich fanden. Einer seiner größten Liebhaber, Albert Schweitzer, hatte in seinem großen Bachbuch aus dem Jahre 1908 noch geschrieben: „Wie Bach es wagen durfte, die zwei singenden Violinstimmen aus dem Largo dieses Werkes (gemeint ist das Doppelkonzert) dem Cembalo mit seinem abgerissenen Ton preiszugeben, möge er vor sich selbst verantworten. Hätte er es nicht in Person getan, würden wir heute in des Altmeisters Namen gegen solch unbachische Übertragungen protestieren. Es ist nicht der einzige Fall, wo es Bach seinen Propheten schwer macht, in seinem Namen wider die Rotte Korah böser Transkriptoren aufzutreten.“

Weitere Texte zu Werken Bachs und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Kampf der Kulturen – wie kommt der Westen aus der Defensive?

Der Westen ist seit einiger Zeit nicht mehr der unbestrittene Hort des sozialen Fortschritts. In vielen Teilen der Welt werden die sog. westlichen Werte heute mit Skepsis betrachtet. In manchen sind sie fast schon zum Schimpfwort geworden. Insbesondere von muslimischer Seite wird mit zunehmendem Selbstbewusstsein behauptet, dass der Liberalismus westlicher Prägung gescheitert sei. In den traditionsgeprägten Gesellschaften, die zahlenmäßig die westlichen Gesellschaften weit überwiegen, sieht man den Grund des Scheiterns in erster Linie darin, dass den westlichen Zivilisationen die Spiritualität abhanden gekommen sei. Diese Entwicklung wird als eine Folge der Aufklärung gesehen, einem sozialen Prozess, den der Westen für eine seiner größten Errungenschaften hält und auf den er daher immer besonders stolz gewesen ist. Auf Seiten derer, die das westliche Gesellschaftsmodell in Frage stellen, ist man davon überzeugt, dass das kritische Befragen der Grundlagen der Religion, welches mit der Aufklärung begann, dem „Heiligen“ seinen Nimbus und damit seine soziale Wirkungskraft genommen habe. Dies habe zu Werterelativismus und damit zur Beliebigkeit sozialer Normen geführt. Das Ergebnis sei schließlich der blanke Materialismus und in seiner Folge ein ausufernder Kapitalismus einschließlich eines politischen und wirtschaftlichen Kolonialismus, dem es nicht darum gehe, soziale Probleme zu lösen, sondern darum, individuelle oder nationale Interessen durchzusetzen.

 

Wer sich mit dieser Kritik an den westlichen Werten auseinandersetzen will, tut zunächst einmal gut daran, zu akzeptieren, dass das westliche Denken durchaus in hohem Maße problematische soziale Ergebnisse produziert hat.

 

Die Befreiung von unnötig einengenden und missbrauchsanfälligen traditionellen Normen, die typisch für die westliche Gesellschaftsentwicklung ist, hat nicht nur die Freiheit des Individuums, sondern auch die Notwendigkeit und Pflicht zu seiner Selbstgestaltung begründet. Tatsache ist, dass viele Menschen an dieser Aufgabe scheitern, sei es, weil die Natur oder ihre soziale Umwelt ihnen nicht die nötigen Fähigkeiten mitgegeben haben, sei es, weil das soziale System ihnen nicht ausreichend Chancen einräumt hat. In welchem Ausmaß die liberale Lebensform Gefahren produziert, die sehr schwer zu meistern sind, zeigt überaus augenfällig die Anzahl der Sucht- und Medienopfer und der Menschen, die sozial oder psychisch destabilisiert oder gar entgleist sind. Auch wenn ihre Methoden im einzelnen nicht zu akzeptieren sind, kann man kann daher nur zu gut verstehen, dass Eltern mit traditionellen Hintergrund Probleme damit haben, ihre Kinder einer Welt zu überlassen, in der derartige Gefahren überall zu lauern scheinen. Dies gilt umso mehr als naturgemäß junge Menschen aus traditionellen Gesellschaften mit der Freiheit, der sie bei uns ausgesetzt sind, besondere Schwierigkeiten haben und daher überproportional oft scheitern.

 

Nicht ohne Recht wird aus den traditionellen Gesellschaften bei uns auch ein ausufernder Pluralismus und eine geringe soziale Solidarität kritisiert. Die Atomisierung der Gesellschaft – eine Folge des Verfalls der überkommenen familiären Strukturen durch Individualisierung aber auch Deregionalisierung – hat viele problematische Folgen. Zu nennen wäre hier etwa die Regellosigkeit in der Kindererziehung, was zur Folge hat, dass Kinder häufig kein klares Wertegerüst mitbekommen und damit ziemlich hilflos gegenüber gesellschaftlichen Manipulationsmächten wie Werbung und Starkult sind, die bekanntlich nicht eben soziale Ziele verfolgen. Ein weiteres Beispiel ist die Situation vieler alter Menschen. Sie werden viel zu häufig in trostlosen Heimen „konzentriert“ oder werden sich alleine überlassen, wodurch es etwa möglich wird, dass tausende alter Menschen bei einer Hitzewelle unbemerkt sterben können. Die Auslagerung sozialer Aufgaben auf staatliche und sonstige Institutionen führt tendenziell zu einer Reduktion der Lösungen auf dem niedrigsten Nenner, etwa indem man Hilfebedürftige in erster Linie mit Geld versorgt. Für die Befriedigung der wirklich substanziellen – sozialen – Bedürfnisse hat in den westlichen Gesellschaften der Einzelne weitgehend selbst zu sorgen. Anders als in den traditionellen Gesellschaften, wo der Einzelne fest in soziale Gruppierungen eingebettet ist, scheitern bei uns sehr viele Menschen an diesen Fragen und vereinsamen.

 

In hohem Maße problematisch ist auch, dass in den westlichen Gesellschaften zunehmend das Gefühl für den sozialen Sinn der wirtschaftlichen Aktivität verloren geht. Die Möglichkeit zur Akkumulation von wirtschaftlichem Potential, die unsere Gesellschaftssystem dem Einzelnen oder Zusammenschlüssen von Individuen einräumt, wird immer weniger als Mittel zur Stimulierung der wirtschaftlichen Dynamik im Dienste gesamtgesellschaftlicher Ziele, sondern als der eigentliche Zweck des Wirtschaftens gesehen. Die Folge ist eine ungeheure Konzentration wirtschaftlicher Ressourcen, zu deren Erzeugung gigantische Machtspiele veranstaltet werden. Mittlerweile ist in den westlichen Gesellschaften, die sich doch einmal mit viel Aufwand von ihren anciennes régimes befreit haben, eine neue (Geld)Aristokratie oder eigentlich eine Oligarchie an die Macht gekommen, die Wirtschaftsfeldzüge nach dem Muster früherer Kabinettskriege führt. Die (Selbst)Überschätzung ihrer Protagonisten spiegelt sich in „fürstlichen“ Vorstandsgehältern, die Zweck – Mittel – Vertauschung etwa darin, dass hochprofitable Unternehmen Personal zur Steigerung der Kapitalrendite „freisetzen“. Im Falle des Umgangs mit alten Menschen führt die wirtschaftsliberale Denkweise zu vollkommen untragbaren Ergebnissen. Zum Schutz kommerzieller Altenpflegedienste, die letztlich ohnehin nicht bezahlbar sind, wird etwa in Deutschland bezahlbaren ausländischen Hilfskräften das Tätigwerden im Haushalt pflegebedürftiger Personen bis zur Verhinderung erschwert, mit der Folge, dass diese Personen in Heime gebracht werden, wo sie meist schnell versterben.

 

Nicht zu bezweifeln ist auch, dass der Westen die Welt – nicht zuletzt unter Berufung auf seine liberalen Werte – lange in kaum zu unverantwortender Weise zu seinem Nutzen dominiert hat. Dies schlägt heute auf ihn zurück und verleiht antiwestlichen Stimmungen starke Impulse.

 

Die Konfrontation mit den offenkundigen negativen Seiten des westlichen Lebensstiles hat in einigen traditionellen Gesellschaften eine Rückbesinnung auf ihre Wurzeln bewirkt. Dabei ist die Radikalität, in die man mitunter verfällt, nichts anderes als das Gegenstück zu der Vorstellung von den Gefahren, die man glaubt abwehren zu müssen. Es ist nicht ohne Grund, dass die radikalste Kehrtwende einer muslimischen Gesellschaft im Iran stattfand, wo man unter der Herrschaft des Schah ausgiebig Gelegenheit hatte, die Probleme zu beobachten, die das westliche Denken mit sich brachte. Aus dieser Rückbesinnung resultieren Spannungen zwischen den Gesellschaftsmodellen, die man mittlerweile als Kampf der Kulturen bezeichnet.

 

Die Frage ist, wie der Westen auf diese Spannungen reagieren kann und sollte.

 

Eine mögliche Reaktion des Westens ist, darauf zu hoffen, dass in den traditionellen Gesellschaften, insbesondere in der muslimischen Welt, die Aufklärung nachgeholt wird. Hintergrund dieses Denkens ist die Vorstellung, der „rückständige“ Zustand dieser muslimischen Gesellschaften resultiere daraus, dass es dort keine Aufklärung gegeben habe. Da die Aufklärung bei uns meist als eine notwendige Folge des modernen wissenschaftlichen Weltbildes gesehen wird, geht man daher davon aus, dass sie in den muslimischen Gesellschaften, zumal unter den Bedingungen der Globalisierung, früher oder später von selbst einsetzen werde; gegebenenfalls, so meinen manche, müsse der Westen nachhelfen. Man erwartet also, dass die islamischen Gesellschaften eine ähnliche Entwicklung wie die westlichen Gesellschaften nehmen. Darauf, dass dies in absehbarer Zeit oder überhaupt der Fall sein wird, sollte man aber besser nicht zu sehr vertrauen. Die europäische Aufklärung war in erster Linie eine Folge der Unzufriedenheit der Menschen mit den sozialen Systemen ihrer Zeit und den Welterklärungsmodellen, die ihnen zugrunde lagen. Der westliche Mensch stellte das alte soziale System vor allem deswegen in Frage, weil es eine sehr ungleiche Verteilung von Ressourcen und Chancen und stark beschränkte politische Gestaltungsmöglichen produzierte. Das, was danach folgen sollte, hat man sich in den schönsten Farben ausgemalt und tatsächlich ist vieles ja auch eingetreten. Die Probleme des neuen Gesellschaftsmodells, die schon bei der ersten großen Probe auf´s Exempel, der Französischen Revolution, massiv in Erscheinung traten (im Form von uferlosen „Umgestaltungen“ einschließlich der rücksichtslosen Vernichtung all derer und all dessen, was dem im Wege zu sein schien), die Probleme hat man aber weitgehend beiseite geschoben. Die problematischen Folgen der Aufklärung sind heute offenkundig und scheinen sich sogar noch zuzuspitzen. Anders als die europäischen Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung können die islamischen Gesellschaften sie daher jetzt in ihrer vollen Ausprägung besichtigen. Dies ist ohne Zweifel ein Grund dafür, dass in diesen Gesellschaften das Bedürfnis nach Veränderung der sozialen Verhältnisse im Sinne des Westens wesentlich geringer ist, als in den seinerzeit hoffnungsfrohen Gesellschaften Europas. Damit erhält dort aber auch der Drang zur geistigen Aufklärung wesentlich schwächere Impulse als im alten Europa. Dies gilt umso mehr als die Struktur der islamischen Gesellschaften bei allen Exzessen, die insbesondere der Ölreichtum mancher Regionen hervorgebracht hat, im Grunde egalitär ist und in ihrem Inneren sozialethische Aspekte einen hohen Stellenwert haben. Die Menschen dieser Gesellschaften verspüren nur ein begrenztes Bedürfnis nach Veränderung.

 

Eine andere Reaktion des Westens ist der Versuch, seinerseits das Rad der Geistesgeschichte zurückzudrehen. Es besteht in den westlichen Gesellschaften eine wachsende Tendenz, aus der Tatsache, dass die Probleme der modernen Gesellschaften parallel zum Zerfall der alten (religiösen) Welterklärungsmodelle einsetzten, zu schließen, die Wiederherstellung dieser Modelle würde auch die Probleme reduzieren. Daher beschwört man immer häufiger die christlichen Grundlagen des Abendlandes. Ob solchen Bestrebungen Erfolg beschieden sein wird, ist jedoch eher zweifelhaft. Zu einen sind viele der Probleme aus voraufklärerischer Zeit, für die in unseren Gesellschaften einigermaßen brauchbare Lösungen gefunden wurden, weitgehend gegen die Kräfte der alten Systeme und ihre Denkmodelle durchgesetzt worden – man denke etwa an die Gleichberechtigung der Frau, die Meinungsfreiheit oder die Arbeitnehmerrechte. Diese Prozesse rückabzuwickeln ist, auch wenn es in Teilbereichen immer wieder versucht wird, schwer vorstellbar. Zum anderen ist der Prozess der Aufklärung aus prinzipiellen Gründen nicht mehr vollständig zurückzudrehen. Die Zweifel an den religiösen Welterklärungsmodellen sind so grundlegend, dass diese Modelle bei aller Sehnsucht der Menschen nach einfacher Orientierung nicht mehr die Überzeugungskraft erlangen können, die sie einmal gehabt haben. Ohne ihren absoluten Anspruch bewirken diese Modelle aber eher das Gegenteil von dem, was man sich von ihnen erhofft. Infrage gestellte Absolutismen und Irrationalismen sind entweder weitgehend wirkungslos oder schlagen wild um sich; letzteres lässt sich etwa an den Religionskriegen zeigen, die nicht zuletzt während der Aufklärungszeit stattfanden zeigen. Meist führen sie auch zu einer drastischen Absenkung des Kulturniveaus. Dies lässt sich an der ausufernden Esoterik beobachten, welche die hilflosen Individuen in immer phantastischere Gedankengebäude flüchten lässt. Das Beispiel Amerikas, wo die Religion zunehmend betont wird, zeigt im übrigen wie in einem Sozialexperiment, wie wenig die Probleme, welche die westlichen Gesellschaften erzeugen, mit diesem Ansatz zu lösen sind. Amerika hat die typischen Probleme unseres Lebensmodells nicht nur nicht bewältigen können, sondern in vieler Hinsicht auf die Spitze getrieben.

 

Der Weg aus der westlichen Krise wird wohl nur über ein hohes Maß an Selbstkritik und anschließende Formulierung klarer problem- und ergebnisorientierter Normen möglich sein. Wir werden uns vermehrt damit befassen müssen, dass der westliche Gesellschaftsentwurf mit seiner starken Betonung der Selbstbestimmung des Individuums höchst anspruchsvoll und daher außerordentlich risikoreich ist, dass er ohne Zweifel wunderbare Chancen bietet aber eben auch erheblich Gefahren. Das aber bedeutet, dass wir uns mehr um die Gefahren kümmern müssen. Die geschichtliche Entwicklung brachte es mit sich, dass die Freiheit in erster Linie als ein Abwehrrecht gegenüber den Mächten verstanden wurde, die ihr entgegenstanden. Heute müssen wir uns jedoch vornehmlich mit der Frage beschäftigen, wie die Auswüchse der Freiheit zu beschränken sind. Das Problem lässt sich besonders schön am folgenden Beispiel illustrieren: Seit Jahren gibt es wohlbegründete Hinweise darauf, dass die Gewalt, die heute pausenlos in den Medien in den Medien gezeigt wird, insbesondere für die Jugend in hohem Maße schädlich sein dürfte. Dennoch kann ein führender Politiker auf die Frage, warum diesem offenkundigen  Misstand, der allein der Freiheit gewisser Gewerbetreibender dient, von Seiten der Politik nicht ernsthaft entgegengetreten wird, antworten, das sei bei unserer freiheitlichen Verfassung nicht oder nur schwer möglich. Hier beißt sich die Katze der Freiheit verhängnisvoll in den Schwanz. Die Freiheit, die dem Individuum dienen soll, kann kaum als Begründung dafür herangezogen werden, dass man tatenlos Entwicklungen zusieht, die es beschädigen oder gar zerstören können.

 

Wir werden uns daher mehr auf die soziale Gestaltungspflicht als dem Gegenstück der Freiheit des Individuums konzentrieren müssen. Allgemein formulierte Grundsätze des Zusammenlebens, die ja unser Grundgesetz durchaus enthält, reichen dabei aber nicht aus (man denke nur an die weitgehend wirkungslosen Appelle zum Schutz der Nichtraucher oder zur Rücksicht im Straßenverkehr). Daher wird man für ganz konkrete Probleme auch konkrete Regeln formulieren müssen. Da nur die politischen Instanzen das Mandat und die Möglichkeit der Durchsetzung solcher Normen haben, müssen diese – nach angemessener gesellschaftlicher Diskussion – auch von diesen Instanzen formuliert und durchgesetzt werden. Dabei wird man auch an Fragen herangehen müssen, die man bislang weitgehend der Wirtschaft, etwa die Höhe der Gewinne und der Vorstandsgehälter oder die Grenzen der Werbung, oder die man den Individuen überlassen hat, so die Erziehung der Kinder und der Umgang mit alten Menschen. Wenn wir den sehr praktischen Fragen, welche die traditionellen Kulturen an uns stellen, wirkliche, das heißt praktizierte Antworten entgegenzusetzen haben, wird der Westen dann wohl auch aus der Defensive herauskommen, in der er sich zur Zeit befindet.

Ein- und Ausfälle – Wiedergeburtslehre und Ewigkeitsphantasie

In der modernen Gesellschaft verkehrt sich der Sinn der alten Wiedergeburtslehre in sein Gegenteil. Der Gedanke von der Wiedergeburt, der in Südasien beheimatet ist und bis in die europäische Antike wirkte, drückte ursprünglich die schier unendliche Größe des menschlichen Leidens aus. Dem entsprechend richtete sich alles Bestreben darauf, den endlosen Kreislauf der Wiedergeburten verlassen und damit das Leiden beenden zu können. In der modernen Spaßgesellschaft hat die Wiedergeburtslehre hingegen in erster Linie die Funktion, das Leben, das als allzu kurz empfunden wird, zu verlängern, um so weitere Erlebnismöglichkeiten ausschöpfen zu können. Paradoxerweise bedienen jedoch beide Ansätze Ewigkeitsphantasien. So wie Platon aus der Wiedergeburtslehre die Unsterblichkeit der Seele ableitete, versucht der Erlebnishungrige mit ihrer Hilfe die Zumutung des Todes zu reduzieren.

Ein- und Ausfälle – Finanzkrise und Regietheater

Als besonderes Merkmal der Finanzkrise hat man die hemmungs- und rücksichtslose Selbstverwirklichung festgestellt, die sehr Wenige mit den Mitteln sehr Vieler betreiben. Diese Wenigen bedienen sich der Resourcen, die im Laufe langer Zeit im Ganzen der Gesellschaft entstanden und gesammelt wurden, um sehr persönliche Zwecke zu verfolgen, Zwecke, die nicht selten weit aus dem Rahmen fallen, innerhalb dem sich die Maßstäbe der Verhaltensmöglichkeiten bilden, welche den Vielen offenstehen. Hinzu kommt, dass sich Misserfolge in erster Linie bei den Vielen auswirken, welche den Wenigen die Mittel für ihre Aktivitäten zur Verfügung gestellt haben. Für die Wenigen selbst führen sie hingegen auffällig häufig dazu, dass sie ihre Zwecke erreichen. Man kann sich sogar des Verdachtes nicht erwehren, dass sie Dinge so gestaltet haben, dass sich auch oder gerade der Misserfolg zur ihren Gunsten auswirkt. Typisch für die Verhaltensweise der Wenigen ist im Übrigen die Bereitschaft, Gestaltungsmöglichkeiten bis zum Extrem zu belasten und dabei die Beschädigung oder gar den Zusammenbruch des Systems zu riskieren, von dem die Vielen und sie selbst leben.

 

Da besondere Verhaltensweisen in der Gesellschaft meist Ausdruck allgemeinerer Strömungen sind, findet sich das geschilderte Verhalten auch anderen Bereichen – etwa beim Regietheater.

 

Ein- und Ausfälle – Menschliche Schwäche und Normbefestigung

Traditionelle Gesellschaften nennen es göttliche Gebote, aufgeklärte überpositives Recht oder Naturrecht -  immer geht es darum, die grundlegenden Werte der Gesellschaft so weit wie möglich der freien Verfügung zu entziehen. Der Grund für diesen mystischen Aufwand ist der Zweifel an der Vernunft des Menschen. Man traut ihm nicht zu, dass er die Schlüsse, die zur Verbindlichkeit der Grundnormen führen müssen, problemlos nachvollzieht, sei es, dass er nicht in der Lage ist, seine Vorurteile zu beseitigen, sei es, dass er seinen Egoismus nicht zügeln will. So gesehen haben alle Gesellschaftssysteme autoritäre Grundlagen.

Ein- und Ausfälle – Augustinus und der Krieg

Ein Krieg ist gerecht, sagt Augustinus, wenn Gott ihn befiehlt. Sollte Augustinus, der doch als einer der Meisterdenker Europas gilt, nicht intelligent genug gewesen sein, zu wissen, dass der Befehl Gottes nur durch den Menschen formuliert werden kann?