Archiv der Kategorie: Orgelkonzert

1896 Enrico Bossi (1861- 1925) Orgelkonzert a-moll

Die Komponisten der italienischen Romantik sind, soweit es sich nicht um Opernkomponisten handelt, hierzulande kaum bekannt. Dies zeigte sich sehr deutlich als vor einigen Jahrzehnten die „Messa per Rossini“ gefunden wurde, die Verdi anlässlich des Todes von Rossini im Jahre 1868 gemeinsam mit zwölf der berühmtesten Komponisten Italiens komponierte. Außer Verdi selbst war selbst den Musikkennern keiner der anderen Komponisten ein Begriff, wiewohl diese, wie die Uraufführung des Werkes in Stuttgart im Jahre 1988 zeigte, offensichtlich sehr versierte Könner waren. Ähnliches gilt für den Italiener Enrico Bossi, der zu den Spätromantikern zu zählen ist. Er war zu seiner Zeit ein hochberühmter Organist und Orgeltheoretiker, ein erfolgreicher Komponist sowie ein geachteter Kompositionslehrer an verschiedenen großen Instituten seines Heimatlandes. Konzertreisen führten ihn weit in die Welt hinaus – er verstarb auf der Rückreise von einer Reise nach Amerika im Jahre 1925 auf einem Schiff im Atlantik.

Bossi, der einer Dynastie von Organisten entstammt und auch eine solche begründete, hinterließ ein großes Ouevre mit Werken aller Gattungen. Berühmt waren vor allem seine Vokalwerke, deren Gegenstand die großen Themen der christlich-abendländischen Überlieferung und Geschichte waren. Einen Schwerpunkt seines Gesamtwerkes bilden naturgemäß Kompositionen für Orgel. Darunter ist auch ein Orgelkonzert aus dem Jahre 1896 mit der aparten Besetzung Orgel, Streichorchester, vier Hörner und Pauken. Das dreisätzige Stück ist, wiewohl es nicht eben viele große Orgelkonzerte gibt, so wenig bekannt wie sein Autor. In einem wichtigen deutschsprachigen Orgelmusikführer etwa wird es nicht erwähnt. Dabei handelt es sich um ein wahrhaft eindrucksvolles Werk reifster Spätromantik, das die expressiven Möglichkeiten der romantischen Orgel, die Bossi in Italien einführte, voll zur Geltung bringt. Zarte Passagen, die den aufkommenden musikalischen Impressionismus ahnen lassen, stehen neben gewaltigen Klangapotheosen und erdbebenartige Tiefen, singuläre Tonszenarien, wie sie nur die Königin der Instrumente erzeugen kann. Bemerkenswert sind die dichte thematische Verarbeitung, die hohe harmonische Flexibilität mit phantasiereichen Modulationen und die bei aller Komplexität wunderbar schlüssige Form. Insoweit hat offensichtlich die zeitgenössische mitteleuropäische Symphonik und die Harmonik Richard Wagners Pate gestanden. Das Orchester ist der kongeniale Partner des Soloinstrumentes. Es ist nicht nur auf das Dichteste in das musikalische Geschehen verwoben, sondern auch mit großen Soli betraut, so die tiefen Streicher, die dabei bis zu vierfach geteilt werden, oder das fulminant schmetternde Hornquartett.

Alles in Allem ist nicht nachzuvollziehen, wieso dieses mitreißende Werk in unseren Breiten bislang keinen Nachhall gefunden hat.

1756 Josef Haydn (1732–1809) Konzert für Orgel und Orchester C- Dur Hoboken Verz. XVIII:1

Haydns Orgelkonzert in C-Dur ist ein Werk seiner Frühzeit als Musiker. Gerade über diese Zeit ist aber noch weniger bekannt als über Haydns Leben insgesamt. Wir wissen nur aus einem autobiographischen Brief aus dem Jahre 1776 von ihm selbst, dass er, nachdem er im Alter von 17 Jahren wegen Stimmbruchs aus den Chorknabendienst am Wiener Stephansdom entlassen wurde, zunächst auf der Straße stand und sich „in Unterrichtung der Jugend ganze 8 Jahr Kummerhaft herumschleppen“ mußte. „Durch dieses Elende brot“, so merkt Haydn an, „gehen viele genien zu grund, da ihnen die Zeit zum studieren manglet.“ Auch er selbst wäre diesem Schicksal nicht entgangen, wenn er seinen „Compositions Eyfer nicht in der Nacht fortgesetzt hätte.“ Seine ersten Biographen berichten, dass sich Haydn in dieser Zeit weitgehend autodidaktisch an Hand von zwei Klassikern der Kompositionslehre fortgebildet habe, dem Kontrapunktlehrbuch „Gradum ad parnassum“ von Johann Josef Fux aus dem Jahre 1725 und Johann Mathessons „Der vollkommene Kapellmeister“ von 1739. Starken Einfluss auf sein musikalisches Verständnis hatten auch die ersten sechs Sonaten von Carl Philippp Emanuel Bach, einem wichtigen Wegbereiter des empfindsamen Stils. Haydn sagte einmal: „Wer mich gründlich kennt, der muß finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke.“ Vor allen aber, so heißt es in seiner biographischen Skizze von 1776, „schrieb ich fleißig, doch nicht ganz gegründet, bis ich endlich die Gnade hatte, von dem berühmten Herrn Porpora … die ächten Fundamente der Setzkunst zu erlehrnen.“ Haydn war zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr im Übrigen ein musikalischer Gelegenheitsarbeiter, der hier und dort einsprang, wo ein nicht unbegabter Musiker benötigt wurde.

Ein Gelegenheitswerk ist auch das Orgelkonzert in C-Dur, welche nach Haydns eigener, allerdings fast 50 Jahre später erfolgten Datierung im Jahre 1756 entstand. Das Werk soll nach Angaben des frühen Haydn-Biographen Griesinger für die Zeremonie des feierlichen Klostergelübtes seiner Schülerin Therese Keller geschrieben worden sein, die am 12. Mai 1756 stattfand. Ebenfalls nach diesen Angaben waren zwischen Lehrer und Schülerin zarte Bande gewachsen, die aber durch die Entschlossenheit der Eltern des Mädchens, ihre zweite Tochter im Kloster unterzubringen, jäh unterbrochen wurden. Ähnlich wie Mozart und Dvorak heiratete Haydn später die Schwester seiner frühen Liebe, was auch in seinem Fall nur die zweitbeste Wahl war. Haydns Ehe wird sogar als sehr unglücklich geschildert.

Vielleicht ist dieser emotionale Aspekt der Grund dafür, dass Haydn das Orgelkonzert – und ein Salve Regina, das möglicherweise für den gleichen Anlass entstand – fast fünfzig Jahre lang aufbewahrte. Erst im Jahre 1803, sechs Jahre vor seinem Tod, bot er das Werk dem Verleger Breitkopf an, und zwar – was bei Haydns ausgeprägtem Geschäftssinn auffällt – ohne hierfür eine Gegenleistung zu verlangen. Griesinger, der die Verhandlungen mit Breitkopf führte, teilte diesem mit, er solle ihm von Haydn sagen, "welch` alten Bart es habe.“ Später schreibt er noch, das Konzert sei „vielleicht über die Epoche des heutigen Geschmacks aber in seiner Art und für den Sammler Haydn`scher Musik gewiß merkwürdig.“

Das ungewöhnlich lange Werk ist ein Dokument der Zeit des stilistischen Umbruchs, in der Haydn aufwuchs, und der Suche nach seinem persönlichen Stil, welcher wesentlich den Stil der Epoche prägen sollte. Reste überkommener formaler Strukturen und Floskeln barocker Rhetorik finden sich daher neben Elementen des aufkommenden galanten Stils. Eine besondere persönliche Note ist, wie allgemein beim frühen Haydn, noch nicht festzustellen. Auffällig ist allerdings, dass es sich bei dem Werk nicht, wie bei den Orgelkonzerten dieser Zeit üblich, um bloße unterhaltsame Spielmusik handelt, sondern dass immer wieder, selbst im tänzerischen 3/8 Takt des Finales, ernste Töne zu hören sind. Möglicherweise hat dies mit dem besonderen Anlass des Entstehens und Haydns persönlicher Betroffenheit zu tun.

Weitere Texte zu Werken von Haydn und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1736 Georg Friedrich Händel (1685-1759) Harfenkonzert (Op. 4 Nr. 6)

Händel schrieb seine Instrumentalmusik nicht selten als Einlage für seine musikdramatischen Werke (zu denen in gewissem Sinne auch seine Oratorien zu zählen sind). Das Konzert für Harfe und Orchester etwa ist 1736 als Harfeneinlage für das Oratorium "Das Alexanderfest" entstanden, wo es zur Illustration des Gesanges des griechischen Sängers Timotheus diente. Das Harfenkonzert ist eines der wenigen Konzerte für dieses Instrument, welches uns von einem der ganz großen Komponisten hinterlassen wurde. Dem entsprechend wird es von den Harfenistinnen – Männer beschäftigen sich merkwürdigerweise kaum mit diesem prächtigen Instrument – besonders geliebt.

Da Händel nicht zuletzt auch Musikunternehmer und daher an der möglichst breiten Vermarktung seiner Werke interessiert war, veröffentlichte er das Harfenkonzert später auch in einer Fassung für Orgel. Es ist das letzte seiner ersten sechs Orgelkonzerte (Op.4), die 1738 erschienen. Die Ausgabe von 1738 enthält den merkwürdigen Hinweis, daß sie von Händels eigenen Exemplar gedruckt und von ihm selbst durchgesehen sei. Hintergrund dieses Vermerkes war, daß Händel ein Raubdrucker zuvorgekommen war, der entweder Fehler gemacht hatte oder dem man, um vom Kauf des Raubdruckes abzuschrecken, Fehler unterstellte.

Die Orgelkonzerte sind unkomplizierte und höchst eingängige Musikstücke ohne polyphone "Verhäkelungen" und – merkwürdigerweise – ohne Einsatz des Pedals. Händel selbst spielte sie in Kirchenkonzerten, zu denen das bürgerliche Publikum in Massen strömte. Allerdings präsentierte er sie keineswegs so "einfach", wie es der Notentext nahezulegen scheint.  Eine "Originalaufnahme" aus der Mitte des 18. Jh., die kürzlich gefunden wurde, zeigt, dass Händel die Konzerte mit unzähligen Verzierungen vorgetragen hat. Bei dem Tonträger handelt es sich um eine Walze für einen Spielautomaten, auf der drei Orgelkonzerte "eingespielt" sind. In den langsamen Sätzen ist dabei beinahe jede Note mit einem Ornament versehen. Auch in den schnellen Sätzen finden sich viele schmückende oder variierende Einschübe. Da die Einspielung von Händels langjährigem Mitarbeiter John Christopher Smith stammt, der selbst im Stile seines Meisters komponierte, kann man davon ausgehen, dass seine Interpretation der Spielweise Händels entspricht. Dass insbesondere die frühe Barockzeit eine ausgefeilte musikalische Ornamentik kannte, ist keine Neuigkeit. Dass davon aber in einer so außerordentlich verschwenderischen Weise Gebrauch gemacht wurde, war für die Fachwelt eine Überraschung. Wer allerdings das Barock insgesamt im Blick hatte, fragte sich schon immer, wie der ornamentalen Exuberanzen der barocken (Innen)Architektur, die sich im Rokoko geradezu zum horror vacui steigerten, und die eher schlanke Struktur der (wie gedruckt gespielten) barocken Musik miteinander in Einklang zu bringen waren.

Weitere Texte zu Werken von Händel und  rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis