Beethovens dritte Symphonie, die in den Jahren 1802 bis 1805 entstand, hat, wie man weiß, viel mit Napoleon zu tun. Ursprünglich sollte ihr Titel sogar “Bonaparte” lauten. Berühmt ist die Schilderung der Szene, wonach Beethoven das Titelblatt der Partitur, auf dem der Name des Korsen stand, wütend zerriss, als er erfuhr, dass dieser beabsichtige, sich zum Kaiser zu krönen. Dabei habe Beethoven, so berichtet sein Schüler Ferdinand Ries, ausgerufen: “Ist der auch nichts anderes als ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird auch er alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen.”
Auf Grund dieser Umstände wurde die “Eroica” vielfach als ein politisches Werk angesehen. Dem entsprechend wurde sie, ganz oder nur mit ihrem zweiten Satz, immer wieder und in den unterschiedlichsten Kontexten zu politischen Zwecken herangezogen. Wie weit dies ging, zeigt ein Ereignis aus dem Jahre 1892. Seinerzeit widmete Hans von Bülow die Symphonie aus Protest gegen die Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. kurzerhand “dem Bruder Beethovens, dem Beethoven der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck.” Dabei stellte er, Beethovens oben angedeutete Absichten ins genaue Gegenteil verkehrend, den “drei Worten des Wahns”, wie er die Ideale der französischen Revolution “liberté, egalité und fraternité” nannte, reichlich ruppig die “positive Devise Infantrie, Kavallerie und Artillerie” entgegen.
Ob die politische Sicht der Symphonie viel zu ihrem Verständnis beiträgt, ist allerdings eher zweifelhaft. Beethovens Verhältnis zu Napoleon als Politiker war nämlich höchst zwiespältig. Der Korse war für ihn, wie für viele seiner Zeitgenossen, einerseits der Held, von dem man den endgültigen Durchbruch der Ideale der Französischen Revolution erhoffte, andererseits aber auch derjenige, der Beethovens Vaterland und seine Wahlheimat Wien bedrängte und zeitweilig besetzt hielt. Gegenüber dem Kriegsherrn aber fühlte Beethoven die Pflicht zum Widerstand. Die Ironie des Schicksals wollte, dass er sich hierfür auf die Seite eben der Monarchen schlagen musste, in deren Kreis getreten zu sein, er Napoleon vorwarf.
Tatsächlich hat Beethoven immer wieder auch gegen Napoleon agiert. 1796 etwa trat er als Leiter der K.&K.- Regimentsmusik einem Freiwilligencorps bei, das Napoleon aus den “österreichischen” Territorien Italiens vertreiben sollte. Dafür komponierte er politische Lieder, die gegen die “Franken” gerichtet waren. Auch während der Befreiungskriege schrieb er politische Gebrauchsmusik gegen Napoleon. Sinnigerweise sollte er hierbei sogar seine größten musikalischen Triumphe erringen. Mehr als sein gesamtes sonstiges Werk einschließlich der “Eroica”, die Beethoven selbst besonders schätzte, wirkten in der zeitgenössischen Öffentlichkeit seine musikalischen Beiträge zu den Feierlichkeiten des Wiener Kongresses, bei dem die europäischen Herrscherhäuser bekanntlich mit den politischen Ergebnissen der napoleonischen Zeit auch die positiven Errungenschaften der Französischen Revolution weitgehend rückgängig machten. Kaiser und Könige klatschten seinerzeit begeistert Applaus für Beethovens bombastisches Werk “Wellingtons Sieg in der Schlacht bei Vitoria”, von dessen Urheberschaft man ihn, wie von der seiner sonstigen politischen Musik, heute am liebsten freisprechen würde.
Gleichzeitig war Beethoven aber von der Persönlichkeit Napoleons, der sein Altersgenosse war, fasziniert war und verglich sich mit ihm. Parallelen gab es zwischen beiden genug. Beide stammten aus einfachen Verhältnissen und taten sich in einer Zeit, die noch stark vom Standesdenken geprägt war, durch ausgeprägte Individualität und außerordentliche gestalterische Leistungen hervor. Beide setzten sich auch bedenkenlos über die Grenzen der Tradition hinweg, wenn sie ihren Zielen im Wege standen. Napoleons unbändiger Durchsetzungswille korrespondierte mit Beethovens Credo: “Kraft ist die Moral der Menschen, die sich gegenüber anderen auszeichnen, und sie ist auch die meinige”. Der Komponist empfand den Politiker offenbar sogar als Rivalen. Aus dem Jahre 1806 ist von ihm der Satz überliefert: “Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn schlagen”. Beim Tode Napoleons im Jahre 1821 sagte Beethoven schließlich, er habe mit dem Trauermarsch der “Eroica” die Musik zu diesem Ereignis geschrieben.
Wahrscheinlich kommt man dem Verhältnis von “Eroica” und Napoleon daher näher, wenn man in der Komposition ein Selbstportrait Beethovens sieht, welches von der Figur Napoleons beeinflusst ist. Beethoven, der bezeichnenderweise nicht lange vor der “Eroica” das Ballett “Die Geschöpfe des Prometheus” komponierte, sah sich als Individuum, das sich und die Welt ganz aus sich selbst schafft. Der exemplarische Vertreter dieses neuen, “titanischen” Menschentums war neben ihm naturgemäß Napoleon. Diesem Selbstentwurf entsprechend schuf Beethoven mit der “Eroica” ein Werk, das an Umfang, Schwierigkeitsgrad und Komplexität der Themenverarbeitung seinerzeit ohne Vorbild war.
Wie Napoleon sah sich Beethoven auch in einer heroischen Situation. So wie sich dieser politisch gegen die ganze Welt stellte, befand er sich im Kampf gegen die Taubheit, dem denkbar größten Widerstand, der einem Musiker entgegenstehen kann. Wir wissen aus Beethovens ergreifendem “Heiligenstädter Testament”, welches aus der Zeit stammt, in der er die Komposition der “Eroica” begann, dass er sich wegen seiner fortschreitenden Krankheit mit Selbstmordgedanken befasste. Er nahm davon jedoch Abstand, weil er in heroischer Weise gerade gegen die Taubheit Neues und Großes schaffen wollte. Die „Eroica“ ist denn auch bestimmt von dem Kontrast zwischen vorwärtsstürmendem Elan und elegischer Färbung. Diese Stimmungslage spiegelt sich insbesondere im ersten Satz des Werkes, wo sie bereits in den Anfangstakten erscheint. Während hier das vorwärtsdrängende und im letzten Satz das konstruktive Element den Sieg davonträgt, dominiert im langsamen Satz die Auseinandersetzung mit der Depression, die angesichts der Bedeutung, die sich das handelnde Subjekt zulegt, monumentalen Charakter annimmt.
Unter diesen Umständen ist es nur allzu bezeichnend, dass auf jenem Titelblatt der “Eroica”, welches Beethoven im Jahre 1805 so wütend zerriss, sich lediglich zwei Namen befanden: “Ganz oben”, so heißt es im Bericht von Ries, habe “Buonaparte”, unten “Luigi van Beethoven”, dazwischen aber nichts gestanden.
Die „Eroica“ ist das erste der großen musikalisch-geistigen Auseinandersetzungswerke des 19. Jahrhunderts, Werke mit denen ihre Schöpfer, wie Beethoven in diesem Fall, nicht selten über Jahre rangen. Sie ist – am Anfang des neuen Jahrhunderts stehend – der Auftakt zu der grandiosen Entwicklung, welche die Symphonie im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundert nehmen sollte. Auf der Basis dieses Musters wurde die Gattung Symphonie zur zentralen musikalischen Ausdruckform des individualistisch empfindenden Bürgertums, das in dieser Zeit seinen endgültigen politischen und wirtschaftlichen Durchbruch erlebte.
Weitere Texte zu Werken von Beethoven und rd. 70 anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis
“Unter diesen Umständen ist es nur allzu bezeichnend, dass auf jenem Titelblatt der “Eroica”, welches Beethoven im Jahre 1805 so wütend zerriss, sich lediglich zwei Namen befanden: “Ganz oben”, so heißt es im Bericht von Ries, habe “Buonaparte”, unten “Luigi van Beethoven”, dazwischen aber nichts gestanden.”
Echt?! Wie toll! Der wütende Beethoven scheint Humor zu haben.
Sehr geehrter Herr Husss,ich muss Ihnen ledier in vielen Punkten Recht geben und muss sagen, dass ich nicht ganz so optimistisch bin wie Christoph Deeg (obwohl der Versuch Zukunftswerkstatt nicht nur notwendig, sondern auch usserst sinnvoll ist). Meine Skepsis ist eher prinzipieller Natur. Meine langj hrige Erfahrung in Lehre und Forschung der Informationswissenschaften (zu denen wir in Potsdam die Bibliothekswissenschaft z hlen) hat mir vor allem gezeigt, dass das Thema so sehr komplex (Chr. Deeg) ist, dass es im etwas bed chtigen Deutschland immer weniger einholbar wird. Im benachbarten Ausland wurden die Zeichen oftmals schon fr her erkannt (Gro brittanien, Niederlande, Finnland) und entsprechende natioanel Strategien und Innovationsinstitutionen gegr ndet.Zur guten Organisation geh rt ja auch eine gute Konzeption und eine vorhergehende Analyse der Tatbest nde (und sei es per Idee bernahme aus dem Ausland). Aber dazu fehlt es in Deutschland an Gelegenheit: die zentrale Organisation, die hier Beistand h tte geben k nnen das Deutsche Bibliotheksinstitut wurde vor ber 10 Jahren auf f deralen Druck hin abgeschafft und einen sonstigen berbau wie eine ausgebaute universit re Informationswissenschaft findet man in Deutschland kaum. Wer soll also die F hrungsrolle bernehmen, wenn es keine Navigatoren und Steuerm nner gibt? Ausl ndisches Know How ist halt oft immer noch in Englisch und die vorhanden Ergebnisse wohl oft zu sperrig f r eine direkte bertragung in Handlungskonzepte im zersplitterten deutschen Kontext. Und noch etwas klarer: w hrend die Bibliothek darunter leidet, ausschlie lich mit Buch assoziiert zu werden, wird m.E. noch viel schlimmer die Bibliothekswissenschaft als eine Art Hilfswissenschaft der florierenden Buch- und Medienwissenschaften ebenfalls aufs Abstellgleis gefahren. Die Ressourcen, die hier zum berdenken und Navigieren f r das Schiff Bibliothek vorhanden sind, sind konsequenterweise l cherlich gering (ein einziger Lehrstuhl in D). In einem j ngeren Gutachten des Wissenschaftsrates wurde explizit eine Reform der Medienwissenschaften angesto en; die im gleichen Wissenschaftscluster befindlichen Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft jedoch einfach vergessen (!). Und wenn ich dann Politiker von der Informationsgesellschaft reden h re werde ich oft nicht mehr nur traurig. Wenn wir die Bibliotheken als Herz der Informationsgesellschaft (unl ngst Motto des Weltbibliotheksverbandes IFLA) retten wollen, dann geht das m.E. nur durch eine St rkung der Reflektion ber sie, um evident zu machen, was wir sonst verlieren w rden. Es geht nicht (nur) ber Digitalaktivismus.Hans-Christoph HobohmPotsdam
Pingback: N wie Napoleon | Beethovenfest Bonn