Nyepi – das balinesische Neujahrsfest

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Kaum einen Ort in der Welt hat die Natur so verschwenderisch mit dem bedacht, was der Mensch bedarf und schätzt, wie die Insel Bali. Das Tropeneiland hat vieles von dem, was man im Paradies vermutet – ein immerwährend warmes Klima, unbegrenzte Mengen an frischem Wasser, fruchtbare Böden und eine Pflanzenwelt wie in einem botanischen Garten. Dennoch glauben die Balinesen von alters her, dass ihre schöne Insel von Dämonen und Naturgeistern von diffuser Gestalt bevölkert sei, welche überall ihr Wesen, vor allem aber ihr Unwesen treiben. Daran ändert auch nichts der Umstand, dass in Bali eigentlich die wesentlich profilierteren hinduistischen Götter herrschen. Deren reich geschmückte Abbilder kann man auf der Insel zwar überall sehen, vor allem die wuchernden Darstellungen der heroischen Taten, welche die endlosen indischen Epen von ihnen berichten. Das tägliche Leben der Balinesen wird jedoch ganz von den unsichtbaren Aktivitäten der Geister und Dämonen bestimmt, mit welchen es die Inselbewohner schon lange vor der Zeit zu tun hatten, als man begann, die weitläufig ausformulierten Mythen Indiens über ihre vagen Vorstellungen von der diesseitigen und jenseitigen Welt zu stülpen. Überall im Land sind daher auch martialisch aussehende Wächterfiguren aufgestellt, welche diese allgegenwärtigen Wesen in Schach halten sollen. Wahrscheinlich hängt der Respekt der Balinesen vor den Naturgeistern damit zusammen, dass sie häufig auch mit der Unberechenbarkeit und Gewalttätigkeit der Natur konfrontiert werden. Die Insel wird nicht nur regelmäßig von den mitunter extremen Erscheinungen des tropischen Wetters heimgesucht. Sie wird vor allem von mehreren großen Vulkanen beherrscht, die sich immer wieder bedrohlich bemerkbar machen. Die Berge gelten zwar als der Ort, von dem alles Gute kommt. Dies hat insofern auch seine Richtigkeit, als sich an ihnen das reichliche Wasser abregnet, das – über ein äußerst kunstvolles, weit verzweigtes System von Kanälen in die Tiefe geführt – die üppigen Reiskulturen der Insel speist. Außerdem gibt der Auswurf der Vulkane den fruchtbaren Boden her, auf dem man drei Ernten im Jahr erzielen kann. Dies dürfte auch der Grund dafür sein, dass man die Berge zum Sitz der Götter erklärt und an ihren Hängen prachtvolle Tempel erstellte. Letztlich dürfte es sich bei der Verehrung der Vulkane aber um euphemistische Beschwichtigungen handeln. Im Grunde haben die Balinesen eine fundamentale Angst vor den Kräften der Natur, die sich gerade auch durch die feuerspeienden Bergmonster immer wieder in katastrophaler Weise manifestiert haben.

Um die Geister und Dämonen zu besänftigen oder zu befrieden, ist den Balinesen kein Aufwand zu groß. Täglich bringen sie ihnen liebvoll vorbereitete Opfergaben dar, nicht nur in den Dorftempeln und zahllosen Hausschreinen, sondern überall, wo man Aktivitäten der Plagegeister vermutet, vor allem an Wasserstellen, großen Bäumen, Wegkreuzungen und Brücken, ja selbst in den Reisfeldern. Geradezu Orgien des Opferns sind die Tempelfeste, die jedes Dorf mit ungeheurerem Aufwand gemeinschaftlich vorbereitet. Feste feiert man in Bali immer und überall. Es gibt Geburts-, Maturitäts- und Hochzeitsfeste, außerordentlich aufwändige Totenzeremonien, regelmäßige Mondfeiern und alle möglichen Feste zu Ehren der zahlreichen Götterfiguren. Das größte aller Feste aber ist Nyepi, das Neujahrsfest. Dem Mondkalender entsprechend, den man – wie die Götter und ihre Geschichten – von Indien übernahm, wird Nyepi im März oder April gefeiert. Auch bei diesem Fest dreht sich alles um die Dämonen und Geister. Diesmal aber wird mit ihnen respektlos aufgeräumt.

Nyepi kündigte sich uns schon Wochen vor dem eigentlichen Festtag an. In den Städten und Dörfern konnte man überall meist junge Männer sehen, welche in den allgegenwärtigen Versammlungshallen oder unter ausgespannten Regenplanen auch im Freien Ogoh Ogohs fertigten, monströse Puppen aus Pappmaché, Fiberglas und Bambus, die nicht selten vier bis sechs Meter groß sind. Die Ogoh Ogohs, die, selbst böse Dämonen symbolisierend, dem Kampf gegen die bösen Geister dienen, werden teils als Einzelfigurm, teils im heftigen Kampf mit Gegenspielern ausgeführt. Für ihre Darstellung ist, anders als für die sonstigen kultischen Figuren Balis, kein Muster vorgegeben. Die jungen Künstler können ihrer Phantasie daher ungehindert Lauf lassen, eine Freiheit, von der sie unter Verwendung von Elementen der Phantasybranche auch ausgiebig Gebrauch machen. Dem Ideal der Ausgewogenheit und Proportionalität, welches in der traditionellen balinesischen Kunsttätigkeit – klassischen indischen Vorbildern entsprechend – ansonsten vorherrscht, fühlen sie sich dabei nicht verpflichtet. So entstehen bizarre Kreaturen von wüstem Aussehen, die sich mit prekärer Statik in den abenteuerlichsten Posen präsentieren. Besonders beliebt ist, sie auf einem Bein oder kopfüber stürzend darzustellen. Immer wieder blitzt auch ein grotesker Humor auf. Es gibt Ogoh Ogohs, welche eine Flasche der monopolistischen indonesischen Biermarke Bintang hochhalten oder die auf Motorrollern, dem Lieblingsspielzeug der balinesischen Jugend, sitzen. Anfangs herrschte bei den Figuren noch die Farblosigkeit der Grundmaterialien. Mit dem Herannahen des Festes wurden sie immer bunter. Einige Tage vor dem Fest begann man damit, große rechteckige Tragegestelle aus dicken, schachbrettartig zusammengebundenen Bambusstämmen zu fertigen. Darauf brachte man prächtig verzierte Podeste an, auf denen die Figuren befestigt wurden. In den Tagen vor Nyepi konnte man die grellbunten Figuren samt ihren mächtigen Tragegestellen nun überall am Straßenrand stehen sehen.

Zwei Tage vor Nyepi pilgern die Balinesen mit allerhand Kultobjekten in festlichen Prozessionen zum Meer oder anderen Wasserstellen, um Reinigungszeremonien abzuhalten. Einen Tag vor dem Neujahrsfest kommen schließlich die Ogoh Ogohs zur ihrem Auftritt.

Am Morgen dieses Tages fuhren wir mit dem Motorrad von Ubud auf den Mount Batur, einen der Vulkane der Insel. Die Läden an der Strasse nach Petulu, wo man über viele Kilometer die kommerziellen Erzeugnisse der grenzenlosen Phantasie der balinesischen Kunsthandwerker feilbietet, waren fast alle geschlossen. Die Bewohner der Dörfer waren damit beschäftigt, die Straßen zu säubern und aufzuräumen. Die Männer zogen es allerdings oft vor, dem ernsten Geschäft des Hahnenkampfes nachgehen. Auch das Blut der Federtiere, die man für den Auftritt, der oft nur Minuten währt, eineinhalb Jahre hätschelt und pflegt, soll zur Besänftigung der Dämonen fließen. Allerdings wusste man auch an diesem Festtag den kultischen Zweck mit der Wettleidenschaft zu verbinden.

Man hatte Bali in den letzten Tagen mächtig herausgeputzt. In den Tempeln und Schreinen leuchteten allenthalben bunte Schirme und Tücher. In manchen Orten waren am Straßenrand lange Bambusstangen aufgestellt, die sich in hohem Bogen über die Straße beugten und Ornamente aus Palmblättern und sonstigen Pflanzenteilen trugen. In anderen Dörfern hatte man im Abstand von wenigen Metern kleine Schreine aus Bambus aufgestellt, auf denen Opfergaben abgelegt wurden. Auch sie waren mit feinen Ornamenten aus Pflanzen geschmückt, die man in tagelanger gemeinschaftlicher Arbeit sorgfältig geflochten hatte. Hier und da fand sich ein Hauseingang, der besonders aufwändig dekoriert war. Dort wurden die Adressaten des Schmucks auch einmal in besonderem Maße verwöhnt. Neben den üblichen Pflanzenornamenten waren hier etwa Schmuckpaneele aus fein geschnittenen Speckschwarten zu sehen. An den Hauptstraßenkreuzungen der Ortschaften waren Podeste aufgestellt, zu denen die Frauen allerhand Spezereien brachten, die sie häufig elegant auf dem Kopf balancierten. Von silbernen Schalen zusammengehalten türmten sich dabei Schichten von Orangen, Äpfeln, Bananen, Papaias, Mangos, Eiern und Schlangenfrüchten.

Im Laufe des Vormittags brachte man die Ogoh Ogohs mit großem Hallo zu bestimmten Sammelplätzen. Oben auf dem Vulkan in 1600 Metern Höhe verdichtete sich das Geschehen zu einem besonderen eindrucksvollem Schauspiel. Vor dem Tempel von Kintamani, einem der großen Vulkanheiligtümer der Insel, stauten sich Lastwagen, auf deren Ladeflächen Ogoh Ogohs und festlich gekleidete Menschen standen. Trotz des Gedränges herrschte eine fröhliche Stimmung. Der Zug bewegte sich unter lebhafter Anteilnahme der Bevölkerung stockend entlang der Strasse, welche auf dem schmalen Kraterrand verläuft. Auf der einen Seite blickte man in den mehr als ein duzend Kilometer breiten alten Vulkankrater, in dessen Mitte sich neben einem weiten See ein neuer Vulkankegel, selbst immerhin 800 m hoch, gebildet hatte; auf der anderen lag einem das ganze balinesische Tiefland zu Füssen.

Als wir wieder hinunter in das Tiefland fuhren, begannen in vielen Dörfern die Ogoh-Ogoh- Feierlichkeiten. Vielerorts war die Hauptstraße gesperrt. Das ganze Dorf war auf den Beinen oder saß feierlich in Weiß gekleidet auf der Hauptkreuzung der Ortschaft. Lautsprecher übertrugen die Reden derer, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu sagen haben. Auf den Podesten türmten sich die Opfergaben meterhoch. An einer Stelle zerlegten Männer in roten Gewändern auf rituelle Weise ein Rind.

Als wir am frühen Nachmittag zurück in unser Hotel kamen, wurden dort gerade die bösen Geister aufgescheucht. Die Angestellten gingen unter Schlagen von Topfdeckeln und sonstigem Gerät durch den Garten und räucherten mit brennendem Reisig alle Hohlräume aus. Wir wollten für den Nachmittag noch ein Fahrzeug mit Fahrer anmieten, mussten aber eine Zurückhaltung der Anbieter feststellen, die merkwürdig mit ihrer sonstigen Geschäftstüchtigkeit kontrastierte. Immer wieder wurden wir gefragt, wie weit wir fahren wollen. Schließlich stellte sich heraus, dass die Fahrer befürchteten, sie könnten nicht rechtzeitig zurück in Ubud sein. Ab dem späten Nachmittag, so hieß es, seien die Straßen durch die Umzüge völlig verstopft.

Was dies bedeutete, wurde uns klar, als wir uns gegen fünf Uhr zu den Ogoh-Ogoh-Aktivitäten in Ubud aufmachten. Die Monster, die man im Laufe des Morgens auf dem Platz vor dem Königspalast gesammelt hatte, wurden nun unter Beteiligung tausender Zuschauer – zum großen Teil natürlich Touristen – durch die Hauptstraße geführt. Dazu hatten sich die Träger, deren Zahl sich bei den kleineren Figuren auf zehn bis zwanzig, bei den größeren auf mehrere Dutzend belief, in die Quadrate der Bambusgestelle gestellt, wo sie die Streben packen konnten. Auf Kommando hoben sie die gesamte Konstruktion in die Höhe und setzten sich im Laufschritt in Bewegung. Dabei machten sich die Gruppen, die jeweils einheitlich gekleidet waren,  einen Spaß daraus, allerhand überraschende Manöver zu absolvieren, was nicht nur die Ogoh Ogohs in bedenkliche Schwankungen versetzte, sondern auch die Zuschauer immer wieder dazu zwang, sich vor der schwer zu manövrierenden Masse in Sicherheit zu bringen.

Die ersten Trägergruppen bestanden aus Kindern, angefangen von den ganz Kleinen, die fünf bis sechs Jahre alt sein mochten. Sie trugen kleinere Ogoh Ogohs, welche sie in der Schule oder sonstigen Gemeinschaftsinstitutionen gebaut hatten. Dann kamen die Halbwüchsigen mit größeren und schließlich die jungen Männer mit den riesigen und wildesten Figuren. Den Ogoh Ogohs folgte jeweils eine große Gruppe von Musikanten. Aus dem Gamelanorchester waren allerdings nur die Instrumente vertreten, die besonders viel Lärm machen können, im wesentlichen Schlagzeuge und Gongs verschiedener Größe. Ihre Aufgabe war ohne Zweifel, die bösen Geister zu vertreiben. Nach und nach trafen nun alle Ogoh Ogohs auf dem schlammigen Fußballplatz ein, wo die versammelte Menge die Objekte bestaunen und begutachten konnte. Dort wartete man bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann setzten sich die Gruppen wieder in Bewegung. Inzwischen hatte man die Figuren teilweise illuminiert, wodurch sie noch Furcht erregender wirkten. Die Trägergruppen, die in der Wartezeit einige Bintang-Flaschen geleert hatten, steigerten nun ihren Übermut und setzten zu Wendungen an, deren Ausgang für die Umstehenden nur noch schwer abzuschätzen war. Irgendwie schafften es die Träger und Ordner jedoch immer wieder, das vielfüßige Geschehen unter Kontrolle zu bringen. Nachdem man zum Hauptplatz vor dem Königspalast zurückgekehrt war, stellte man die Figuren in Seitenstrassen ab oder brachte sie zum Einäscherungsplatz für die Toten, wo sie unter großem Hallo verbrannt wurden.

Um Mitternacht fuhr ich mit dem Motorrad noch einmal durch Ubud. Die Stadt war inzwischen fast völlig ausgestorben. Am Einäscherungsplatz rauchten noch die Reste einiger Ogoh Ogohs. Der Platz darum war übersät von Essensverpackungen und Bierflaschen. Hier und da saßen in den Gassen die Trägergruppen, grillten Fleisch über einem Feuer und tranken reichlich Bier. Draußen in den Reisfeldern waren einige Gruppen von Jugendlichen unterwegs, welche  Böller in selbstgebastelten Bambuskanonen zur Explosion brachten.

Nyepi selbst, das nun begann,  ist der Tag des Schweigens. Die Menschen dürfen sich nur innerhalb ihrer Häuser bewegen, die traditionellerweise durch allerhand Treppen und rechtwinklige Gänge vor dem Eindringen böser Geister geschützt sind. Keinerlei Lebenszeichen wie Lärm, Licht oder Rauch darf nach Außen dringen. Das gesamte öffentliche Leben der Insel ruht. Auf den Strassen bewegt sich niemand. Ausnahmen gibt es nur in eng geregelten Not- und Sonderfällen. Selbst der Flughafen ist geschlossen. Über die Einhaltung der Ruhe wachen Aufsichtspersonen, die Bußgelder verhängen können. Auch von den Touristen erwartet man, dass sie sich an die Regeln halten. Sie werden höflich gebeten, die Hotels nicht zu verlassen. Es hieß, der Hotelbesitzer hafte, wenn es ihm nicht gelinge, für die Einhaltung des Bewegungsverbotes zu sorgen. In unserem Hotel wurden wir bis zum Nachmittag mit Essen und Trinken versorgt. Mit Ausnahme der Stallwache gingen dann alle Angestellten nach Hause. Wer abends noch essen wollte, musste auf Vorrat bestellen oder sonst Vorsorge treffen. In der sonst so geschäftigen Stadt herrschte ein merkwürdiges Schweigen, das abends geradezu gespenstig wurde, da alle Lichter ausgeschaltet blieben. Auch das weitläufige Gelände des Hotels lag im Dunkeln, sodass man sich zwischen den Bungalows nur tastend bewegen konnte. Nur in den Zimmern war noch Licht.

Über den Hintergrund dieses weltweit wohl einmaligen Brauchtums gab es unterschiedliche Erklärungen. Eine animistisch-naturreligiöse Version ging dahin, dass an diesem Tag die Geister aus dem Meer steigen, um die Insel und ihre Bewohner heimzusuchen. Da sie aber keine Menschen feststellen können und die Insel völlig leblos sei, würden sie unverrichteter Dinge wieder abtauchen, weswegen man vor ihnen erst einmal Ruhe habe. Die indisch-hochkulturelle Version geht dahin, dass Nyepi ein Tag der inneren Einkehr, des Fastens und der Meditation sei, bei dem man besonders intensiv zu sich selbst und den Göttern finde.

Am nächsten Morgen musste ich sehr früh zum Flughafen. Als ich Ubud mit dem Taxi verließ, war es noch dunkel. Auf den Straßen waren nur einige wenige Menschen, die stark verlangsamt wirkten, so als seien sie gerade aus einem schweren Traum aufgewacht. An manchen Kreuzungen lagen zerstörte Ogoh-Ogohs am Boden. Der Taxifahrer, der uns schon öfter gefahren hatte, war entgegen seiner sonstigen Gewohnheit wenig gesprächig. Ich fragte ihn, was er am gestrigen Tag gemacht habe. Er sagte, er habe den ganzen Tag im Bett gelegen und nichts gegessen.

Ein- und Ausfälle – Lessing als Aufklärungshilfe für den Islam

Womit man sich die Wiederholung von endlosen und aufreibenden Auseinandersetzungen sparen könnte: indem man die Moslems dazu bringt, sich mit den religionskritischen Schriften Lessings zu befassen, insbesondere seinen „Axiomata“ zur Bibelkritik und seinen 100 Thesen zur Erziehung des Menschengeschlechtes, in denen er zeigt, dass der Glaube auch ohne die Fixierung auf ein heiliges „Elementarbuch“ weiterleben kann. Es könnte den Moslems helfen, die existenzielle Angst vor dem Verlust der Autorität ihres heiligen Buches zu überwinden, die viele immer noch befällt, wenn sie auch nur anfangen darüber nachdenken, was Offenbarung bedeutet und ob wirklich alles, was in ihrem Grundbuch steht, die Qualität von göttlicher Wahrheit haben muss, eine Angst, welche die christlichen Theologen und in ihrem Gefolge die Herrscher, welche  ihr Recht auf die Macht aus der Religion ableiteten, früher auch einmal mächtig verunsichert und Lessing, der  die Religion nicht zerstören, sondern für eine aufgeklärte Welt retten wollte,  das Leben nicht leicht gemacht  hat.

Ein- und Ausfälle – Der Mensch und die Dinge

Nichts liebt der Mensch mehr als das Spekulieren. Die Geschmeidigkeit des Geistes und der Sprache als dessen Lieblingskind ermöglicht es ihm, die Dinge immer wieder so zu gruppieren, dass sie in jeweils neuen schönen Zusammenhängen erscheinen. Die wundersamen Gebilde, die der Mensch dabei hervorbringt, sind ihm ein steter Quell der schöpferischen Freude und des Staunens. Geistige Naturen finden wenig dabei, wenn sie sich bei dieser Gelegenheit von den Dingen entfernen. Manche lieben auch die Möglichkeiten zur Provokation, welche sich daraus ergeben. Aber auch die, welche den Dingen ganz sachlich auf Spur bleiben wollen, verlieren immer wieder den Kontakt zu ihnen. Die Geschmeidigkeit und damit auch die Ungenauigkeit des Geistes und seiner Sprache führen auch bei größter Sorgfalt geradezu mit Notwendigkeit zu haarfeinen Abweichungen von den Dingen. Angesichts der unausgesetzten Aktivität des menschlichen Geistes können sich diese Abweichungen aber wie bei dem untreuen Bankangestellten, der bei jeder Transaktion seiner Bank den Bruchteil eines Cents für sich abzweigt, zu gewaltigen Summen akkumulieren.

1825 Franz Schubert (1779-1828) Symphonie Nr. 9 C-Dur

Schuberts „Große Symphonie“ in C-Dur hielt man auf Grund eines entsprechenden Vermerks auf der Partitur lange Zeit für ein Werk seines letzten Lebensjahrs. Tatsächlich ist sie aber offenbar schon drei Jahre vorher entstanden. Schubert hat das Datum wohl selbst „gefälscht“, um die Wiener „Gesellschaft der Musikfreunde“ 1828 dazu zu bewegen, dieses „neue“ Werk von ihm aufzuführen. Das Orchester lehnte aber dennoch ab. Die erste Aufführung des Werkes erfolgte erst über zehn Jahre nach dem Tod seines Schöpfers. Auch danach dauerte es noch einige Jahrzehnte, bis die Symphonie, die viele für Schuberts orchestrales Meisterstück halten, die Konzertpodien der Welt erobert hatte. Die „Große Symphonie“ teilt damit das Schicksal ihres – noch bedeutenderen – kammermusikalischen Gegenstückes, dem Streichquintett in C-Dur. Dieses musste sogar weitere zehn Jahre warten, ehe es ans Licht der Öffentlichkeit treten konnte, wo es nun als Stern allererster Größe strahlt. Dass Meisterwerke diese Größenordnung so lange übersehen werden konnten, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.

Darüber wie die Symphonie aufgefunden wurde und wie es zur Uraufführung kam, gibt es einen bewegenden Bericht von Robert Schumann. Danach hatte Schumann nach einem Besuch am Grabe Schuberts das Bedürfnis, mit einer Person zu sprechen, die Schubert noch kannte. Er besuchte daher Schuberts Bruder Ferdinand und dieser zeigte ihm allerhand nachgelassene Manuskripte von Schubert. Mit sicherem Blick suchte Schumann aus den zahlreichen Papieren die „Große Symphonie“ heraus, überredete Ferdinand dazu, eine Kopie zu machen und sandte sie zu Mendelssohn nach Leipzig. Dort wurde die Symphonie am 21.3.1839 im Gewandhaus erstmals aufgeführt.

Noch ganz vom Entdeckerglück beseelt, schildert Schumann, welchen tiefen Eindruck das Werk auf ihn und seine musikalischen Freunde machte. „Diese Symphonie“, schreibt er, „hat unter uns gewirkt wie nach den Beethoven’schen keine noch“. Und er fährt begeistert fort: „Hier ist, außer meisterhafter Technik der Komposition, noch Leben in allen Fasern, Kolorit bis in die feinste Abstufung, Bedeutung überall, schärfster Ausdruck des Einzelnen, und über das Ganze endlich eine Romantik ausgegossen, wie man sie schon anders woher bei Schubert kennt“.

Eine derart warmherzige Aufnahme war dem Werk anfangs freilich keineswegs überall beschieden. Die „Gesellschaft der Musikfreunde“ hatte das Stück mit der Begründung abgelehnt, es sei  zu schwer. Seinerzeit fühlten sich die Bläser, die heute für die wichtige Rolle, die Schubert ihnen zugedacht hat, äußerst dankbar sind, überfordert. Nach Schuberts Tod verweigerten sich die Wiener Orchester auch in den folgenden Jahren dem Werk. 1842 musste eine Aufführung in Paris wegen des Widerstandes des Orchesters abgesagt werden. Zwei Jahre später konnte Mendelssohn den Plan, das Werk in London zu spielen, nicht verwirklichen. Diesmal empfanden es die Streicher als Zumutung, dass sie Begleitfiguren zu Bläserkantilenen bis zu hundert Mal zu wiederholen hatten. Nach der ersten Aufführung in Frankreich im Jahre 1851 schrieb Berlioz zwar: „Die Symphonie ist es wert, unter die erhabensten Schöpfungen unserer Kunst eingereiht zu werden“. Eine zweite Aufführung fand aber erst nach 46 Jahren statt.

Die für damalige Ohren ungewohnte Repetition von Begleitfiguren und die Tatsache, dass Schubert die weit ausschwingenden Melodien in immer neuem Gewand wiederkehren lässt, haben dem Werk den Ruf eingebracht, „Längen“ zu haben. Schon in der Uraufführung wurde die Symphonie daher erheblich gekürzt. Dass in dieser Technik gerade das Neue gegenüber der kontrapunktisch-motivischen Arbeitsweise Beethovens liegt, hat man erst später anerkannt. Mittlerweile hat man die Schönheit der Originalfassung schätzen gelernt und sich allgemein auf eine Schumann zugeschriebene Formel verständigt, wonach die Symphonie „himmlische Längen“ habe. Das Schumannzitat ist freilich selbst in unzulässiger Weise „verlängert“ worden. Schumann spricht nämlich nicht von „Längen“, sondern im Gegenteil von der „himmlischen Länge der Symphonie“.

1866 Johannes Brahms (1833-1897) – Ein Deutsches Requiem

Im Jahre 1853 ergriff Robert Schumann erstmals nach 10-jährigem Schweigen wieder das Wort in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, deren verantwortlicher Redakteur er lange Jahre gewesen war, und veröffentlichte unter dem Titel „Neue Bahnen“ einen Aufsatz, in dem er den damals 20-jährigen Johannes Brahms als einen Künstler vorstellte, „der den höchsten Geist der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen“ sei. In seiner Begeisterung über den Hamburger Stadpfeifersohn,  den er erst wenige Tage zuvor kennengelernt hatte, ließ er sich dabei zu einer Prophezeiung hinreißen, die für den damals noch völlig unbekannten Musiker alles andere als unproblematisch sein mußte „Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird“, so schrieb Schumann, „wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbare Blicke in die Geisterwelt bevor.“ Wie wir heute wissen, ist die – damals noch ziemlichgewagte – Prognose durch die tatsächliche Entwicklung vollständig bestätigt worden. Allerdings sollte der zurückhaltende junge Mann bis dahin noch eine lange und mitunter dornenreiche Strecke zurückzulegen haben. Der erste und zugleich gewaltige Meilenstein auf diesem Weg war das „Requiem“. Brahms wagte sich damit erst 15 Jahre nach Schumanns publizistischem Paukenschlag an die Öffentlichkeit.

Das Werk hat nicht nur deswegen viel mit Schumann zu tun, weil Brahms damit den ersten Schritt zur Einlösung von Schumanns Versprechen aus dem Jahre 1853 tat. Es gibt auch sonst zahlreiche Hinweise darauf, dass der Komponist beim Abfassen des Werkes an seinen Mentor dachte. So entstand der zweite Satz, die Keimzelle des ganzen Werkes, in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit Schumanns Tod im Jahre 1856. Dabei verwendete Brahms offensichtlich Themen, die eine Beziehung zu Schumann hatten, Material, das sich dann durch das ganze Requiem zieht. In den folgenden Jahren ruhte das Werk. Brahms war auf der langen Suche nach seiner Form zur Bewältigung der Massen von Chor- und Orchester, wobei er auch schmerzhafte Mißerfolge – etwa bei seinem ersten Klavierkonzert – hinnehmen mußte.

Wiederaufgenommen wurde die Arbeit am Requiem in der Zeit um Schumanns fünften Todestag, blieb dann aber wieder mehrere Jahre liegen. Unter dem Eindruck des Todes seiner Mutter im Jahre 1865 komponierte Brahms den vierten Teil des Werkes, um es im zehnten Todesjahr Schumanns schließlich zu einem vorläufigen Ende zu führen. Im Sommer 1866 setzte er den Schlußvermerk unter die damals noch 6-teilige Partitur und trug die Komposition in sein persönliches Werkverzeichnis ein.

Bis zur ersten Aufführung des Requiems vergingen noch einmal über eineinhalb Jahre. Brahms, der sich seiner Sache keineswegs sicher war, verschickte die Partitur zunächst an Freunde, um deren Meinung zu erfahren. Clara Schumann, der er zu Weihnachten 1866 einen Klavierauszug sandte, schrieb ihm im Januar 1867. „Ich bin ganz und gar entzückt von Deinem Requiem, er ist ein ganz gewaltiges Stück, ergreift den ganzen Menschen in einer Weise wie wenig Anderes“. Dabei kennzeichnete sie das Werk mit der Formulierung „tiefer Ernst, vereint mit allem Zauber der Poesie“, die man geradezu als das Motto des Werkes bezeichnen kann.

Eine (Teil)Voraufführung fand unter eher ungünstigen Bedingungen – man hatte nicht genügend Probenzeit – im Dezember 1867 in Wien unter der Leitung des Hofkapellmeisters Herbeck statt. Da man glaubte, dem Publikum nicht zu viel schwere Musik zumuten zu können, spielte man nur die ersten drei Sätze. Davor kam – erstmalig komplett übrigens – die außerordentlich liebenswürdige und eingängige Musik zu Rosamunde von Schubert zu Gehör. Die Meinungen der Konzertbesucher über das Requiem waren dabei – sicherlich nicht zuletzt auf Grund des merkwürdigen Kontrastes – stark geteilt. Insbesondere die Fuge über dem Orgelpunkt des tiefen D am Ende des dritten Satzes, eines der gewaltigsten Stücke, die Brahms geschaffen hat, stieß auf Ablehnung, zumal der Pauker das Geschehen offenbar so dominierte, dass das komplexe Geflecht der anderen Stimmen weitgehend unterging. Selbst der Wiener Kritiker Eduard Hanslick, Brahms wichtigster Parteigänger in den kommenden Auseinandersetzungen mit den Wagnerianern, war ratlos und verglich den Orgelpunkt mit „der beängstigenden Empfindung, die man beim Eisenbahn-Fahren durch einen sehr langen Tunnel hat“. (Brahms, der seine Kompositionen gerne bei Spaziergängen vorbereitete, schrieb darüber später: „Was ich an Stiefeln in Winterthur und Baden durchlaufen habe, um den berüchtigten Orgelpunkt zu finden.“).

Die Uraufführung des sechsteiligen Werkes fand schließlich am Karfreitag des Jahres 1866 im Bremer Dom statt, wobei Brahms selbst die Leitung übernahm und für eine sorgfältig Einstudierung sorgte. Anwesend waren viele Freunde des Komponisten und zahlreiche bekannte Musiker, darunter Max Bruch und Joseph Joachim. Auf das Erscheinen von Clara Schumann, die die lange Reise von Baden-Baden trotz psychischer Probleme auf sich genommen hatte, hatte Brahms besonderen Wert gelegt. Ihre Anwesenheit, so hatte er ihr geschrieben, wäre ihm „eine unglaubliche und große Freude. Dies wär mir die halbe Aufführung.“

Die Besucher der Aufführung einschließlich der Kritik waren sich einig, Zeugen eines großen Ereignisses der Musikgeschichte geworden zu sein. Clara Schumann etwa schrieb in ihr Tagebuch: „Mich hat dieses Requiem ergriffen, wie noch nie eine Kirchenmusik. …Ich mußte immer wieder, wie ich Johannes so da stehen sah mit dem Stab in der Hand, an meines teuren Robert Prophezeiung denken, ´laß den mal den Zauberstab ergreifen und mit Chor und Orchester wirken`- welche sich heute erfüllte. Der Stab wurde wirklich zum Zauberstab und bezwang alle, selbst seine Feinde.“

Zwei Monate nach der ersten Bremer Aufführung fügte Brahms – wohl ebenfalls dem Angedenken an seine Mutter – noch den 5. Satz mit dem ergreifenden Sopransolo hinzu. Damit wollte er ohne Zweifel auch der Tendenz entgegenwirken, das Werk mit Stücken anderer Komponisten zu unterteilen, die sich nach den ersten Aufführungen abzuzeichnen begann. Bereits in der Uraufführung hatte man zwischen den dritten und vierten Satz Violin-Soli von Bach, Tartini und Schumann, die Joseph Joachim spielte, sowie je eine Arie aus Bach´s Matthäus-Passion und Händels Messias geschoben. Mit den Arien s0llte die Aufführung des Werkes in der Kirche legitimiert werden. Kirchliche Kreise hatten nämlich bemängelt, dass der Text des Werkes zwar der Bibel entnommen sei, aber keinen Bezug zu Christus habe. Der praktische Nebeneffekt des eingeschobenen Satzes war, dass dem Chor, der durchgehend in außerordentlich anspruchsvollem Einsatz war, eine gewisse Ruhepause verschafft wurde. Die Uraufführung des gesamten Werkes erfolgte schließlich am 18.2.1869 im Gewandhaus in Leipzig.

Das “Deutsche Requiem“ geht anders als die meisten anderen Werke dieser attung nicht von der katholischen Totenmesse mit ihrem lateinischen Textkanon aus, mit der die Ruhe des Toten erbeten wird. Vielmehr geht es Brahms in letztlich überkonfessioneller Absicht darum, an Hand von Bibelstellen, die er selbst auswählte, den Hinterbliebenen Trost zu spenden. Dahinter stehen vor allem die Erfahrungen, die Brahms im Zusammenhang mit der Tragödie Schumanns machte und die zu dem Motto führten: „Das Leben raubt einem mehr als der Tod.“ Welche Bedeutung Schumanns Tod für die Entstehung des Requiems hatte, zeigt nicht zuletzt ein Brief des Komponisten an Joseph Joachim aus dem Jahre 1873. Seinerzeit rechtfertigte Brahms die Ablehnung, ein neues Werk für eine Schumann-Gedenkveranstaltung zu schreiben, mit den Worten: „Dächtest Du der Sache und mir gegenüber einfach, so wüßtest Du, wie sehr und innig ein Stück wie das Requiem überhaupt Schumann gehört. Wie es mir also im geheimen Grunde ganz selbstverständlich erscheinen mußte, dass es ihm auch gesungen werden würde“.

1724 Johann Sebastian Bach (1685-1750) Johannespassion

Das Schicksal der „Johannespassion“ ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sehr die Wertschätzung einer Komposition von den Umständen der Zeit abhängt. Das Werk, das heute als eine der ganz großen Schöpfungen Bachs gilt, stand lange Zeit im Schatten seiner „Matthäuspassion“. Insbesondere die spektakuläre und folgenreiche Wiedererweckung der „Matthäuspassion“ durch Mendelssohn im Jahre 1829 hatte zur Folge, dass sich die Aufmerksamkeit zunächst auf dieses scheinbar größere Schwesterwerk richtete. Gleichzeitig suchte man geradezu nach Gründen dafür, dass die „Johannespassion“ weniger gut geraten sei. Unter anderem hieß es, Bach habe bei ihrer Komposition unter Zeitdruck gestanden, weil er damit in der Karwoche des Jahre 1723 sein neues Amt als Thomaskantor in Leipzig habe antreten wollen, eine Stelle für die er sich erst Ende 1722 beworben hatte. In einigen Chören habe er (daher?) trotz unterschiedlichen Sinnzusammenhanges das gleiche thematische Material verwendet. Darüber hinaus habe er sich mangels eines Textdichters selbst an der Formulierung des Librettos versucht. Dabei sei ein Text herausgekommen, der „in Bezug auf Gewandtheit der Satzfügung und Prägnanz des Wortausdruckes höheren Anforderungen nicht genüge“. In einigen Passagen habe Bach den zugrundeliegenden populären Passionstext von Barthold Heinrich Brocke aus dem Jahre 1715, den bereits Keiser, Telemann, Händel und Mattheson vertont hatten, sogar „hart an die Grenze des blühenden Unsinnes geführt“. Die Umarbeitungen, welche die „Johannespassion“ im Laufe von fast zwei Jahrzehnten erfuhr – es gibt vier Fassungen -, wurden als Indiz dafür herangezogen, dass Bach selbst mit seinem Werk nicht zufrieden war.

Inzwischen wird die „Johannespassion“ mit weniger befangenen Augen gesehen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Vorurteile gegen das Werk im Wesentlichen die Folge eines unangebrachten Messens an der „Matthäuspassion“ waren. So gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Bach bei der Komposition der „Johannespassion“ mehr in Eile gewesen wäre, als er es angesichts seines riesigen Gesamtwerkes und seiner vielfältigen sonstigen Aufgaben eigentlich immer gewesen sein muss. Dass das Werk bereits für die Passionszeit des Jahres 1723 gedacht war, ist ebensowenig erwiesen, wie die Annahme, dass sich Bach selbst als Dichter des Textes betätigt habe. Tatsächlich fand die Uraufführung am Karfreitag des Jahres 1724 statt. Das Wiederaufgreifen von thematischem Material im Verlauf des Gesamtwerkes beruht sicher nicht auf der Einfallslosigkeit des Meisters, der sich damals in den besten Schaffensjahren befand. Es handelt sich vielmehr um ein Stilmittel zur Herstellung der Einheit des Werkes. Auch der Text wird heute mit anderen Augen gesehen. Die Tatsache etwa, dass ein bereits bestehendes Textbuch zugrundegelegt wurde, entsprach gängiger Praxis. Die verwirrende Entstehungsgeschichte schließlich, die dazu führte, dass es keine Ausgabe letzter Hand gibt, hat nachvollziehbare Gründe. Sie erklärt sich zum Teil daraus, dass Bach es offenbar als unter seiner Würde empfand, dem Leipziger Publikum in zwei aufeinanderfolgenden Jahren – das Werk wurde 1725 nochmals gegeben – die gleiche Fassung der Passion vorzuführen. Manche Änderungen dürften ihren Grund auch darin haben, dass die Obrigkeit, die Bachs Arbeit, wie wir wissen, unter theologischen Gesichtspunkten kritisch verfolgte, Textänderungen verlangte, was wegen der Querbezüge zu Anpassungen an verschiedenen Stellen des Werkes führte. Insbesondere die Tatsache, dass Bach in der vierten Fassung von 1741 weitgehend wieder zur ersten Fassung von 1724 zurückkehrte, zeigt, dass er die ursprüngliche Konzeption nicht für missglückt hielt. Alles spricht vielmehr dafür, dass er bereits bei dieser Fassung der „Johannespassion“, die sein erstes großes Werk für Leipzig war, sein ganzes Können aufbot, und dass er sich später nur umständehalber zu Änderungen veranlasst sah.

Die Verwandtschaft der beiden Passionen ist allerdings nicht zu übersehen. Da beiden Werken das Muster der Kantate zu Grunde liegt, haben sie eine ähnliche Struktur. Das Passionsgeschehen wird jeweils aus vier verschiedenen Perspektiven dargestellt. Den Hauptstrang bildet die Bibelerzählung, die in den Rezitativen und in den kurzen Volkschören (turbae) vorgetragen wird. In den Arien wird die Handlung betrachtend kommentiert und in den Chorälen, bei denen es sich in der Regel um seinerzeit bekannte Kirchenlieder handelte, nochmals aus der Sicht der Gemeinde reflektiert. Umrahmt wird das Ganze durch große Anfangs- und Schlusschöre mahnenden und belehrenden Charakters. Besondere Spannung entsteht, wenn die verschiedenen Ebenen zusammengeführt, etwa wenn Choräle in Rezitative oder Arien eingeschoben werden. Auch der Erzähler verlässt an markanten Stellen die Rolle des bloßen Chronisten und nimmt, von der Bassgruppe unterstützt, zum Geschehen musikalisch Stellung. Aus der „Johannespassion“ berühmt geworden sind die Passagen, in denen der Evangelist die Geißelung Christi und die „chromatische“ Seelenlage des Petrus nach der Verleugnung seines Meisters schildert.

Auch sonst haben die beiden Werke geschwisterliche Gemeinsamkeiten. Da der Text des Johannes-Evangeliums wenig Details enthält, die eine musikalische Dramatisierung erlauben, übernahm Bach in die „Johannespassion“ zwei Passagen aus dem Matthäus-Evangelium, die für eine lautmalerische Darstellung besonders geeignet schienen. Es handelt sich um die Schilderung der Naturereignisse beim Tode Christi, namentlich das Erdbeben und das Zerreißen des Vorhanges im Tempel, sowie um die erwähnte Verleugnungsszene des Petrus (beide Stellen hat Bach aus ungeklärten Gründen in der dritten Fassung von 1730 gestrichen, in die vierte Fassung jedoch wieder aufgenommen). Der Chor „O Mensch, bewein Dein Sünde groß“, der mittlerweile den Schluß des ersten Teiles „Matthäuspassion“ bildet, war ursprünglich der Anfangschor der „Johannespassion“ in der dritten Fassung. Schließlich enden beide Passionen mit einem Begräbnis- und Abschiedschor in der Tonart c-moll (in der Johannespassion folgt noch ein Schlußchoral), die mit ihren abwärts führenden Akkordbrechungen die Grablegung Christi symbolisieren.

Ungeachtet der Tatsache, dass die „Matthäuspassion“ eines der Wunderwerke Bachs bleibt, ist die „Johannespassion“ eine Komposition von durchaus eigener Statur. Während bei ersterer das betrachtende Element vorherrscht, steht bei letzterer der dramatische Aspekt im Vordergrund. Dies zeigt sich besonders in der Gerichtsszene der „Johannespassion“, die durch keine Arienbetrachtung oder Choralandacht unterbrochen oder abgemildert, vielmehr durch wilde Turbaechöre geradezu aufgeheizt wird. Der Thomaskantor hat zwei eigenständige musikalische Individuen geschaffen, die je für sich Höhepunkte ihrer Gattung sind und der Passion als dem zentralen Geschehen des christlichen religiösen Denkens jeweils auf ihre Weise höchst eindrücklich gerecht werden.

Weitere Texte zu Werken von Bach und rd. 70 anderen  Komponisten siehe http://klheitmann.com/2009/10/28/komponistenverzeichnis-alphabetisch-2/

Ein- und Ausfälle – Islam und Reform

Es liegt in der Natur von Religionen, die sich auf einen absoluten Gott berufen, dass sie mit Menschen, die in religiösen Dingen anders denken, ein Problem haben. Denn wenn Gott absolut ist, dann kann der Gott des Anderen nicht ebenbürtig sein. Dem entsprechend haben sich Christentum und Islam, die beide einen einzigen und absoluten Gott postulieren, insoweit sehr ähnlich verhalten und vergleichbare Fehler gemacht. Der Unterschied zwischen beiden ist, dass das Christentum ab einem bestimmten Zeitpunkt, jedenfalls im Westen, ein Umfeld hatte, in dem sich Wissenschaft etablierte, m.a.W., in dem die Frage nach dem “Warum“ und somit der Zweifel kultiviert wurde. Damit einher ging mit einer gewissen Notwendigkeit, wenn auch nach heftiger Gegenwehr, eine Relativierung der Ansprüche des Christentums, was zu seiner Reformierbarkeit führte. Das Problem des Islam ist, dass sein Umfeld keine wirkliche Wissenschaft und damit auch keine ausgeprägte Kultur des Zweifels kennt mit der Folge, dass auch der Gedanke an Reformen nicht sonderlich nahe liegt. Die Vorstellung von der grundsätzlichen Gestaltbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse, die eine Relativierung des Status quo voraussetzt,  ist typisch europäisch und kann nicht ohne weiteres auf andere Kulturen übertragen werden. Daher werden wir auf eine Reform des Islam wohl noch einige Zeit warten müssen.  

 

1815 Franz Schubert (1797 – 1828) Messe in G-Dur

Franz Schuberts wuchs in einem Umfeld auf, in dem die Kirchenmusik eine wichtige Rolle spielte. Als Knabe sang er im Kirchenchor seiner Heimatgemeinde Liechtental bei Wien, deren Kapellmeister, sieht man einmal von Schuberts Vater ab, auch sein erster Lehrer war. In Alter von elf Jahren wurde Schubert wegen seiner schönen Stimme als Sängerknabe in die Wiener Hofkapelle aufgenommen. Als solcher hatte er sich regelmäßig an der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes zu beteiligen. Nicht nur die feierlichen kirchlichen Ereignisse, an denen er mitwirkte, sondern auch die bedeutenden sakralen Werke, welche er dabei kennen lernte, haben auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht. „Was anderen eine Last war“, so berichtete seine Schulkamerad und lebenslanger Freund Josef v. Spaun, „nämlich der kirchliche Dienst, war dem jungen Schubert Genuß.“ Auf diese Weise hat Schubert seine kirchenmusikalische Bildung im Wesentlichen in der Aufführungspraxis gewonnen. Bei dieser Prägung ist es kein Wunder, dass sich Schubert, als sich in ihm verstärkt der schöpferische Trieb regte, auch der Kirchenmusik zuwandte. Seine erste Messe schrieb er im Jahre 1814 für seine Heimatgemeinde. Eine zweite, die Messe in G-Dur, folgte ein Jahr später, vermutlich ebenfalls für die Gemeinde Liechtental. Neben anderen sakralen Werken sollten im Laufe seines Lebens noch fünf  weitere Messen folgen.

Bei allen Messen Schuberts fällt auf, dass sie zum Teil erhebliche Abweichungen vom offiziellen katholischen Messtext aufweisen. Über den Grund dieser Abweichungen – meist handelt es sich um Auslassungen – ist viel spekuliert worden. Ein Teil mag auf Versehen oder unvollständige Vorlagen zurückzuführen sein – der Vergleich mit anderen Messen der Zeit zeigt, dass man damals mit dem Messtext relativ frei umging. Einige Änderungen sind aber offensichtlich in kritischer Absicht erfolgt. Dies gilt insbesondere für die Stelle des Credos, an der Glaube an die Kirche bekannt wird. Die Passage „et in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ hat Schubert in allen Messen weggelassen. Hier kommt eine deutlich antiklerikale Einstellung zum Ausdruck, die als Nachwirkung der Aufklärung durchaus zeittypisch ist . Davon war bei aller Milieugebundenheit und Religiosität im Allgemeinen offensichtlich auch schon der adoleszente Schubert erfasst.

Die Messe in G-Dur ist eine sog. Missa brevis, das heißt ein kurzes, für den regulären sonntäglichen Gebrauch verfasstes Werk. Ursprünglich war sie nur für Soli, Chor und Streicher geschrieben. Noch zu Lebzeiten Schuberts hat sein Bruder Ferdinand dem Werk noch Trompeten und Pauken hinzugefügt. Fast 20 Jahre nach Schuberts Tod  hat Ferdinand dann eine Fassung mit Holzbläsern erstellt, ohne jedoch den musikalischen Gehalt des Werkes zu verändern.

Die Messe ist die Komposition eines 18-jährigen, der schon zum Meister gereift ist. Das zeigt sich nicht zuletzt an der kurzen Entstehungszeit. Nach einem Vermerk auf der Partitur hat Schubert sie in sechs Tagen, nämlich in der Zeit vom 2. bis 7. März 1815 geschrieben. Wiewohl in der Grundhaltung unprätentiös, ist sie doch recht kunstvoll gearbeitet. Die formale Einheit wird etwa durch eine aufsteigende Tonfolge hergestellt, die alle Sätze durchzieht. Das Werk ist erst spät bekannt geworden, ist aber inzwischen wegen seines kantablen Charakters eines der beliebtesten kirchenmusikalischen Stücke Schuberts. Unverkennbar zeigt sich hier der aufkommende Liederkomponist. Im Jahre der Entstehung der Messe hat Schubert u.a. rund 150 Lieder komponiert.

1836 Otto Nicolai (1810 – 1849) Ouvertüre über Luthers Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“ für Chor und Orchester

Bei dem Preußen Otto Nicolai denkt man wie bei dem Franzosen Georges Bizet meist nur an ein Werk. Bei Nicolai ist es die Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“, bei Bizet die Oper „Carmen“. Beide Werke sind Meilensteine der Opernliteratur des 19. Jahrhunderts und haben den Namen ihrer Schöpfer in die ganze Welt getragen. Beide Komponisten verbindet darüber hinaus ein merkwürdig ähnliches Schicksal. Sie kämpften lange um Anerkennung und hatten sogar Schwierigkeiten, ihr Meisterwerk zur Aufführung zu bekommen. Als ihnen schließlich der Durchbruch gelang, konnten sie den Ruhm nicht mehr selbst erleben. Sie starben gegen Ende ihres vierten Lebensjahrzehntes jeweils zwei Monate nach der Uraufführung ihres Hauptwerkes.

Über Nicolais Hauptwerk ist weitgehend in Vergessenheit geraten, dass er, wie Bizet, auch noch einige andere interessante Werke hinterlassen hat. Bei ihm denkt man etwa kaum an Kirchenmusik. Dabei begann Nicolais musikalische Karriere als Organist der preußischen Gesandtschaftskapelle in Rom. In Italien befasste er sich intensiv mit der italienischen Sakralmusik insbesondere Palestrinas und mit der Lehre vom strengen Kontrapunkt des Padre Martini, der großen Einfluss auf die europäische Musikentwicklung hatte und schon den jungen Mozart unterrichtet hatte. Nicolais Ideal war allerdings die Verschmelzung von deutschen und italienischen Elementen, die er bei Mozart in exemplarischer Weise verwirklicht sah. „Deutsche Schule muß sein“ schrieb er einmal, „das ist die erste Bedingung, aber italienische Leichtigkeit muß dazukommen. So ist Mozart entstanden, und wenn ich seinen Geist hätte, so könnte ich auch was Gutes machen.“

 

 Als Resultat seiner kirchenmusikalischen und kontrapunktischen Studien entstand im Jahre 1836 in Italien die Ouvertüre über Luthers Choral „Eine feste Burg ist unser Gott.“ – „im Styl des 18. Jahrhunderts nach deutschen Studien“, wie Nicolai vermerkte. Tatsächlich steht darin das deutsche Element deutlich im Vordergrund. Nicolai wollte offensichtlich zeigen, dass er eine komplexe musikalische Konstruktion beherrscht und hat ein Stück nach allen Regeln deutscher Fugenkunst geschrieben, worunter allerdings die Leichtigkeit deutlich gelitten hat. Die Wahl des protestantischen Themas und die nicht eben sinnliche Faktur deuten wie auch die spätere Verwendung darauf hin, dass Nicolai mit dem Werk nach seinen italienischen Lehrjahren auf seine preußisch-protestantische Heimat zielte. Nachdem er das Stück in Wien, wo er nach seiner Zeit in Italien engagiert war, mehrfach aufgeführt und überarbeitet hatte, sandte er es 1843 als „Protestantische Kirchen Ouvertüre“ an König Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin in der Hoffnung auf eine „angemessene Anstellung.“ Zunächst erhielt er dafür aber nur eine goldene Medaille für Kunst. Ein Jahr später machte er anlässlich der 300-Jahrfeier der Universität seiner Heimatstadt Königsberg einen zweiten Versuch mit einer Aufführung in Gegenwart des Königs. Hierfür ließ er einen goldverzierten Prachtband des Werkes erstellen, das inzwischen „Kirchliche Fest-Ouvertüre“ betitelt war. Dafür erhielt er aber auch nur eine goldene Dose und zwei Gedenkmünzen samt der Versicherung, dass sich der König darüber „sehr vorteilhaft geäußert“ habe. Die erstrebte Anstellung in Berlin bekam Nicolai erst im Jahre 1849, als er Wien verließ, weil  man dort seine „Lustigen Weiber“ nicht spielen wollte. In der preußischen Hauptstadt starb er noch im gleichen Jahr an einem Schlaganfall, wie gesagt kurz nach der Uraufführung seines Meisterwerkes.

1856 Georges Bizet (1838 – 1875) Symphonie C-Dur

Bizet war eine ähnliche musikalische Frühbegabung wie Mozart, Mendelssohn oder Schubert. Er kam bereits mit neun Jahren mit einer Sondererlaubnis in die Klavierklasse des Pariser Konservatoriums. Von da an genoss er das Wohlwollen der eng verflochtenen Pariser Musikaristokratie. Einer seiner Lehrer war Gounod – mit ihm verband ihn eine lebenslange Freundschaft –, ein weiterer Halévy – dessen Tochter sollte er später heiraten. Berlioz und Liszt verfolgten seine rasche Entwicklung mit Aufmerksamkeit. Dem vorherrschenden französischen Interesse entsprechend wandte sich Bizet schon früh der Musikdramatik zu. Sein ganzes künstlerisches Leben war er mit Bühnenprojektenbeschäftigt. Sie wurden aber entweder nicht vollendet oder waren nur mäßig erfolgreich. Bizet ließ sich davon jedoch nie entmutigen. Man kann seine verschiedenen musikdramatischen Anläufe als Teile eines langen Prozesses der Vervollkommnung sehen, der schließlich in einem Meisterwerk der ersten Güte, der Oper  „Carmen“ enden sollte.

Insbesondere in seinen frühen Lehrjahren schrieb Bizet aber auch eine Reihe von Instrumentalwerken, die zum großen Teil nicht veröffentlicht wurden. Dazu gehört auch die Symphonie in C-Dur, die er im Alter von siebzehn Jahren komponierte. Sie ist auf dem Manuskript ausdrücklich als Nr. 1 gekennzeichnet, was darauf hindeutet, dass ihr noch weitere Werke derselben Gattung folgen sollten, was aber nicht der Fall war. Die viersätzige Symphonie lehnt sich sicher an bekannte Muster der deutschen Klassik und an die 1. Symphonie von Gounod aus dem Jahre 1855 an, von der Bizet seinerzeit eine Fassung für zwei Klaviere fertigte. Neben einer bemerkenswerten Beherrschung der kompositorischen Technik offenbart das Werk aber auch ein erstaunliches künstlerisches Selbstbewusstsein des jungen Mannes. Hervorgehoben wird allgemein die gekonnte Instrumentation. Kenner sehen in dem Stück darüber hinaus auch schon den späteren ausgereiften Komponisten angedeutet. So wird die klassische Grundhaltung immer wieder durch opernhafte Elemente durchbrochen. Im langsamen Satz, dem Schwerpunkt des Werkes, fand man „die gleichen eigentümlichen Rhythmen, die lang und schmachtend ausgesponnenen Melodien und in der Coda die Verbindung von Chromatik und Orgelpunkt, wie er sie späterhin so eigenartig zu verwenden pflegte.“ Die orientalischen Anklänge dieses hoch expressiven Satzes weisen schon auf Bizets späteren Exotismus.

Das Werk ist zu Bizets Lebzeiten wohl nie gespielt worden. Der Kompositionsschüler hat es aus Gründen, über die man nur spekulieren kann, offenbar unter Verschluss gehalten. Ja es scheint, dass nicht einmal sein Lehrer Halévy und sein Freund Gounod davon wussten. Beide haben das Werk nie erwähnt. Dass Bizet die Symphonie gegenüber Gounod verschwieg, hat man damit zu erklären versucht, dass er sich darin musikalisch sehr stark an seinen Freund angelehnt habe. Tatsächlich ist nicht nur die Grundhaltung des Werkes durch Gounods erste Symphonie geprägt. Auch die Idee, eine lang gezogenen Kantilene, wie im zweiten Satz, mit taktweise modulierenden Achtelketten zu unterlegen, scheint von Gounods ein paar Jahre zuvor entstandenem Ave Maria inspiriert, der berühmten Paraphrase über ein Präludium des Altmeisters Johann Sebastian Bach. Letzterem zollt Bizet denn auch mit einem überraschenden kleinen Fugato im barocken Stil anspielungsreich Respekt.

An die Öffentlichkeit gelangte die Symphonie ein halbes Jahrhundert nach dem Tod ihres Schöpfers, als der schottische Musikwissenschaftler Parker das Manuskript fand. Felix Weingärtner führte sie dann 1935 erstmals in Basel auf. Seitdem hat die Symphonie erhebliche Beliebtheit erlangt. Insbesondere die Tänzer fühlten sich von der klaren Rhythmik, der  übersichtlichen Gliederung und dem  leichten Tonfall aber auch vom optimistischen Schwung dieses jugendlichen Geniestreiches angezogen. Es gibt eine ganze Reihe von Choreographien auf diese Musik, darunter auch eine vom großen George Balanchine.

Weitere Texte zu Werken von Bizet und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1807 Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) Coriolan-Ouvertüre

Kaum ein Werk ist so typisch für die Kompositionshaltung des reifen Beethoven wie die Coriolan-Ouvertüre. Ihre Kennzeichen sind eine geballte, geradezu trotzige Energie, hohe emotionale Sensibilität, schlüssige und unmittelbar verständliche Themenverarbeitung und eine übersichtliche Form. Beethoven hat das Werk im Jahre 1807 ohne besonderen Auftrag für das inzwischen vergessene Trauerspiel seines Bekannten Heinrich von Collin geschrieben, das seinerzeit am Wiener Hoftheater gegeben wurde. Er spielte es erstmals in einem von ihm geleiteten reinen Uraufführungskonzert im März 1807 in Wien im Palais seines großen Gönners Fürst Lobkowitz. Bei diesem denkwürdigen Ereignis kamen nach der Ouvertüre noch sein 4. Klavierkonzert und seine 4. Symphonie zur ersten Aufführung. Mit dem „Coriolan“ kreierte Beethoven nicht nur den Typus der Konzertouvertüre sondern bei dessen Uraufführung mit der Abfolge Ouvertüre, Solistenkonzert und Symphonie zugleich das Muster des klassischen Konzertes, das noch heute verwendet wird.

In der Ouvertüre werden im formalen Rahmen eines modifizierten Sonatensatzes zwei stark kontrastierende Themen gegenüber gestellt. Richard Wagner hat daher das dramatische musikalische Geschehen, welches sich in der Folge entwickelt, in einer „Programmatischen Erläuterung“ von 1852 in eine direkte Beziehung zur Handlung der Coriolan-Legende gesetzt. Diese Geschichte ist insbesondere von Livius und Plutarch überliefert und gehört in diversen Versionen und Interpretationen zum Kanon der europäischen Kulturtradition. Der tragische Stoff wurde insbesondere immer wieder literarisch verwendet, nicht zuletzt von Shakespeare in seinem Altersdrama „Coriolan“. Auch die Maler, etwa Guercino und Tiepolo, haben sich davon anregen lassen.

Die Geschichte hat vermutlich keinen historischen Kern, sondern ist, ähnlich wie die Ableitung des julischen Kaiserhauses aus Troja in Vergils „Äneis“, möglicherweise im Zusammenhang mit der Stilisierung einer Familiengeschichte entstanden. Nach der Legende, die im fünften Jahrhundert v. Chr. spielt, hat sich der Patrizier Gnaeus Martius Coriolanus, den das Volk von Rom wegen seines übermäßigen Stolzes nicht zum Konsul wählte, gegen das Volk und die Volkstribunen als seine Vertreter gewandt, woraufhin er wegen Verfassungsbruchs verurteilt und auf ewig des Landes verwiesen wurde. Danach verbündete er sich voller Trotz mit den ärgsten Feinden Roms, den Volskern, welche er eben noch im Auftrag Roms bekriegt hatte – den Beinamen Coriolanus hatte er wegen der Eroberung der Volskerstadt Corioli erhalten. Mit den Volskern zog Coriolanus gegen seine Heimatstadt und belagerte sie. Als alle Versuche, die Sache friedlich beizulegen, an seiner Unbeugsamkeit scheiterten, kamen schließlich die römischen Frauen unter Führung seiner Mutter und seiner Ehegattin vor die Tore der Stadt und flehten um Frieden, woraufhin Coriolanus nachgab. Dies aber bedeutete seinen Tod. In der Version Plutarchs wird er von den erbosten Volskern erschlagen, in der Version, die Beethoven zu Grunde legte, stirbt er im ausweglosen Konflikt zwischen Vaterlandsliebe und Hochmut von eigener Hand.

Beethoven hat die motivisch-thematische Verarbeitung und die harmonischen Beziehungen in diesem kurzen Werk, mit dem er – für seine Verhältnisse kurze – zwei Monate beschäftigt war, sehr differenziert durchgeführt. Darüber aber, ob  die ohne Zweifel illustrativ wirkende Musik die dramatische Handlung im Einzelnen nachzeichnet oder ob, wofür die Sonatensatzform spricht, im Vordergrund nicht eher rein musikalische, wenn auch von der Handlung inspirierte Gesichtspunkte stehen, streiten sich die Gelehrten.

Weitere Texte zu Werken von Beethoven und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1869 Anton Bruckner (1824-1896) Nullte Symphonie d-moll

Über fast drei Jahrzehnte lebte Bruckner schüchtern und bescheiden zunächst als Dorfschulmeister, dann als Kirchenmusiker in der Provinz und fiel allenfalls durch sein gekonntes Orgelspiel auf. In einem Alter, in dem andere schöpferische Menschen den Höhepunkt ihrer Meisterschaft erreicht oder jedenfalls deutlich sichtbare Schritte in dessen Richtung hinter sich haben, nahm Bruckner noch immer die Rolle des Schülers ein. Noch mit Ende 30 reiste er als scheinbar ewiger Musikstudent brav von Linz zum Kompositionsunterricht nach Wien und bestand darauf, für seine Übungsarbeiten Zensuren zu erhalten. Er bewegte sich im Wesentlichen in kirchlichen Kreisen seiner oberösterreichischen Heimat, für die er vor allem Chorwerke im Kirchenmusikstil komponierte. Der spätere Neuerer ist in diesen Werken noch in keiner Weise zu erkennen.

Nach der schier endlosen Inkubationszeit bricht dann aber – im Alter von 40 Jahren – der künstlerische Ausdruckswille mit großer Macht aus ihm heraus. Der kleine Kirchenmusiker aus der Provinz nimmt sich nichts Geringeres vor als in Wien, der Welthauptstadt der Musik, auf grandiose Weise die Großform der weltlichen Musik wieder zu beleben. Zu einem Zeitpunkt, in der die Entwicklung der Symphonie als (absolute) Werkform stagniert – die Symphoniker Mendelssohn und Schumann lebten nicht mehr, Brahms wagte sich noch nicht an diese Gattung – macht sich der unbekannte Gebrauchsmusiker aus Linz mit geradezu auftrumpfender Geste daran, die Paradegattung der absoluten Musik in neue, ungeahnte Höhen zu führen. In seiner zweiten Lebenshälfte, in der er verantwortliche Stellungen im Wiener Musikleben innehatte, widmet sich Bruckner ganz der Erschaffung des singulären Kosmos seiner neun Symphonien, die sein Bild bis heute im Wesentlichen prägen.

Nach einigen orchestralen Übungen, die den späteren Meister noch nicht erkennen lassen, beginnt der Bau des symphonischen Großgebäudes im Jahre 1866 mit der ersten Symphonie, mit der Bruckners persönlicher Stil fast unvermittelt in die Musikwelt tritt. Er ist unter anderem gekennzeichnet durch eine herausragende Rolle der Blechblasinstrumente, feierlichen Choräle, eine lapidare Kontrapunktik vor allen in den Schlusssätzen und Generalpausen, in denen das musikalische Geschehen abrupt abbricht, um gänzlich anderen musikalischen Gedanken Platz zu machen. Spezifisch ist ferner das „Modul“-Verfahren, ein geradezu modernistisch anmutendes thematisch-harmonisches Baukastensystem, mittels dessen Bruckner durch ständig modulierendes Repetieren musikalischer Partikel riesige Klanggebäude Stück für Stück auf- und wieder abbaut. Auch die Themen- und Harmonieführung fällt weit aus dem Rahmen dessen, was in Bruckners Zeit vorgebildet ist.

Diese Elemente enthält weitgehend auch die „Nullte“, die nicht, wie man auf Grund ihres Namens lange meinte, vor der ersten Symphonie sondern erst 1869 entstanden sein dürfte. Bruckner versucht hier weiteres Neuland zu erschließen. Das Werk trägt unverkennbar experimentelle Züge. Der erste Satz etwa enthält eine ausgedehnte Studie über das Thema Synkope, das in allen möglichen Facetten ausgeleuchtet wird. Bruckner selbst merkt, dass er mit der Komposition eine Grenze überschritten hat. Gegenüber seinem Mentor, dem Geiger Ignaz Dorn in Wien fragt er: „Mein lieber Dorn, geh, schau einmal das an, darf man denn das schreiben?“ Skeptische Bemerkungen einiger Freunde verunsichern den sensiblen Meisters, der das Werk nach einigen erfolglosen Versuchen, es zur Aufführung zu bringen, schließlich beiseite legt. Kurz vor seinem Tod, als Bruckner seine Werke – wieder einmal – durchgeht und bearbeitet, schreibt er auf die Partitur „verworfen, ganz ungiltig, annulliert, nur ein Versuch“ und malt auf das Titelblatt eine große Null. Daraus rührt Bezeichnung der Symphonie.

Bruckners Symphonien hatten wegen der neuen Töne, die daran angeschlagen werden,  anfangs insgesamt einen schweren Stand. Allen Anfeindungen und Selbstzweifeln ihres Autors zum Trotz haben sie aber inzwischen ihren Weg in die Welt gemacht. Eine Ausnahme stellte aber lange Zeit und stellt noch immer die „Nullte“ dar. Sie wurde erst im Jahre 1924 im Rahmen einer Gesamtaufführung aller Werke des Meisters in Klosterneuburg bei Wien uraufgeführt. Inzwischen ist zwar klar geworden, dass man das verwerfende Urteil ihres Schöpfers nicht allzu wörtlich nehmen darf. Dennoch führt das Werk weiterhin ein weniger beachtetes Dasein.

Weitere Texte zu Werken von Bruckner und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1778 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) Konzert für Flöte und Harfe C-Dur, KV 299

Mozart schrieb das Konzert während seines Aufenthaltes in Paris im Jahre 1778 für den Herzog von Guines und seine Tochter. Der Herzog war nach Mozarts Darstellung ein „unvergleichlicher“ Flötist, seine Tochter spielte offenbar recht gut Harfe und war Mozarts Kompositionsschülerin. Von den Doppelpaarung Herzog/Tochter und Flöte/Harfe war Mozart aber nicht eben begeistert. Zum einen waren Flöte und Harfe die beiden Instrumente, die er am wenigsten liebte. Zum anderen unterrichtete er nicht gerne. Die Lehrtätigkeit war für ihn ein notwendiges Übel zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes und zur Anbahnung von Kontakten zu möglichen Auftraggebern von Kompositionen. Daher nahm er Angebote zum Unterricht nur sehr ungern an, und dies obwohl die Pariser Reise gerade dazu diente, dringend benötigtes Geld zur Begleichung von Schulden seiner Familie zu beschaffen. Gegenüber seinem Vater schrieb er dazu aus Paris: „Sie dürfen nicht annehmen, dass es Faulheit ist – nein! – sondern weil es ganz wider mein Genie, wider meine Lebensart ist – Sie wissen, dass ich sozusagen in der Musik stecke – dass ich den ganzen Tag damit umgehe – dass ich gern speculiere, studiere, überlege; nun bin ich hier durch diese Lebensart dessen behindert.“ Hinzu kam, dass die Tochter des Herzogs wenig Interesse am Komponieren zeigte und dazu offenbar auch nicht sonderlich begabt war. Seinem Vater gegenüber klagte Mozart: „Sie ennuiert sich gleich, aber ich kann ihr nicht helfen… Sie hat gar keine Gedanken, es kömmt nichts“. Der Herzog wiederum, von dem sich Mozart finanziell Einiges versprochen hatte, erwies sich als Geizhals. Er bezahlte das Konzert für Flöte und Harfe nicht nur monatelang nicht, sondern versuchte nachträglich auch noch, den Preis für den Kompositionsunterricht der Tochter zu drücken. Als er die junge Dame verloben konnte, war nämlich die Notwendigkeit weiteren Unterrichts entfallen. Der hohe Herr wollte den kleinen deutschen Angestellten nun mit drei Louisd´or abspeisen, was der selbstbewusste 22-Jährige entrüstet zurückwies.

Auch ansonsten war Mozart mit den Verhältnissen, die er fünfzehn Jahre nach seinem letzten Besuch in der französischen Metropole vorfand, alles andere als zufrieden. Seine Briefe an den Vater sind voller Klagen – über demütigende Behandlung durch die aristokratischen Auftraggeber, über den „unbeschreiblichen Dreck“ auf den Strassen, die großen Entfernungen in der Stadt und die hohen Preise. „Überhaupt hat sich“, so schreibt er,  „Paris viel verändert, die Franzosen haben lange nicht mehr so viel Politesse als vor 15 Jahren, sie gränzen jetzt stark an die Grobheit, und hoffärtig sind sie abscheulich.“ Auch den Geschmack und die Bildung der Franzosen in Sachen Musik fand er wenig entwickelt. Was die Musik angehe, so schreibt er, „bin ich unter lauter vieher und bestien …Ich danke Gott, wenn ich mit gesundem gusto davon komme, ich bette alle tag gott, daß er mit die Gnade gebe, daß ich hier standhaft aushalten kann, daß ich mir und der deutschen Nation Ehre mache…“. 

Von all diesen Problemen spiegelt sich im dem Konzert für Flöte und Harfe ebenso wenig wie von der mangelnden Liebe Mozarts zu den beiden Soloinstrumenten. Es ist ein ausgesprochen heiteres Werk, das so locker mit immer neuen Gedanken spielt, das man meinen könnte, der Lehrer habe seiner gedankenarmen Schülerin zeigen wollen, wie eine Komposition auszusehen habe.

 Die Kombination von solistischer Harfe und Flöte ist in der Musikgeschichte so gut wie einmalig geblieben. Dies ist umso erstaunlicher als der Zusammenklang der beiden Instrumente  wunderbar stimmig ist. Insbesondere wenn man eine historische Flöte verwendet, haben sie einen ähnlich seidenweichen Ton. Die feine Stimmung, die hier dabei herausgekommen ist,  hat ihr Pendant in der dekorativen Delikatesse des Pariser Salons, welche sich bei allen Vorbehalten Mozarts gegen den französischen Stil dann doch in diesem Werk  spiegelt.

Robert Schumanns Stuttgarter Abenteuer

Ein Kampf um Clara

Schumann und Schilling und der Musikzeitschriftenkrieg zwischen Stuttgart und Leipzig

Ein musikhistorisch-wirtschaftskriminelles Liebesdrama in zwei Akten samt Prolog und Epilog

Aus Briefen und Schriften der Beteiligten zusammengestellt und erläutert von

Klaus Heitmann

 Dramatis personae:      Erzähler

                                               Robert Schumann

                                              Clara Wieck, spätere Clara Schumann

                                              Gustav Schilling, Stuttgarter Musikschriftsteller

Ort der Handlung:        Stuttgart

Zeit:                                    1839-42

 Um Originalzitate wesentlich erweiterte Fassung des Essays “Ein Kampf um Clara” (vgl. V,8)

 

PROLOG

Erzähler

Nach Stuttgart ginge ich gern, schrieb Robert Schumann im Februar 1839 aus Wien seine Verlobte Clara Wieck. „Ich kenne die Stadt; sie ist reizend und dieMenschen viel besser und gebildeter als die Wiener“. Dieser für Stuttgart ziemlich schmeichelhafte Vergleich war Schumanns Antwort auf eine Anfrage seiner Verlobten, ob er bereit sei, nach Stuttgart zu ziehen, wo sie glaubte, für ihn eine Arbeitsstelle und damit die Grundlage für die heiß ersehnte Eheschließung gefunden zu haben Der Heirat der Verlobten standen seinerzeit gerade wirtschaftliche Probleme entgegen. Vor allem ihr Vater, Schumanns ehemaliger Lehrer und Mitbegründer der Musikzeitschrift Friedrich Wieck, versuchte die Verbindung mit allen Mitteln zu verhindern, zum Einem weil er Schumann nicht für zuverlässig hielt, zum anderen weil er nicht glaubte, dass er seiner schon berühmten Tochter einen angemessen Lebensunterhalt gewährleisten könne. Clara Wieck, deren Konterfei sinnigerweise einmal unsere 100-DM Scheine schmückte, hoffte die Probleme mit der Übersiedlung nach Stuttgart endlich lösen zu können.

 Trotz dieser günstigen Beurteilung ist Stuttgart, wie man weiß, keine Schumannstadt geworden und die außerordentlich unglücklich Verlobten mussten noch über 1 1/2 harte Jahre warten, bis sie, nach einem äußerst schmutzigen Prozess gegen Claras Vater den Ehebund schließen konnten. Das genannte Arbeitsplatzangebot aber – es stammte von dem Stuttgarter Musikschriftsteller Schilling – sollte Schumann noch eine Zeit lang mit Stuttgart verbinden. Es wurde zum Ausgangspunkt einer großartigen literarischen Polemik, die über zwei Jahre zwischen Stuttgart und Leipzig tobte und so heftig war, dass sie am Ende nicht nur in Strafprozessen mündete, sondern auch noch eine der daran beteiligten Musikzeitschriften zerstört auf der Walstatt hinterließ.

Wenn auch der eher miese Stuttgarter Gegenspieler Schumanns heute vergessen ist und kaum mehr als Fußnoten in der Schumannliteratur abgibt, so verdanken wir dieser Kontroverse doch einige bemerkenswerte briefliche Äußerungen Schumanns über sich, sein Verhältnis zu Clara Schumann und sein künstlerisches Selbstverständnis und die glänzende Satire „Die Verschwörung der Heller“, mit der er den Streit (fast) in dichterische Höhen hob.

Die Geschichte ist aus dem Stoff, aus dem Theaterstücke oder Hollywoodfilme und aus dem – auch heute noch – so mancher Skandal gemacht sind. Zwei Temperamente, wie man sie sich nicht gegensätzlicher denken kann, stehen sich gegenüber: auf der einen Seite ein sensibler, noch wenig bekannter Komponist und ziemlich brotloser Intellektueller – auf der anderen ein mit Titeln, Orden und allen sonstigen schützenden Attributen bürgerlichen Ansehens versehener skrupelloser Musikunternehmer, der sich höchster Protektion erfreuen kann. Äußerlich scheint es um große Ziele zu gehen. Der Beobachter glaubt einem Kampf auf Biegen und Brechen um die Macht auf dem seinerzeit bedeutsamen Markt der musikalischen Publizistik beizuwohnen. Der Anspruchsvollere mag sich darüber hinaus als Zeuge eines intellektuellen Streites über die großen künstlerischen Ideen der Epoche sehen, eines Ringens der progressiven, neuromantischen Musikrichtung, zu deren Exponenten Schumann gehörte, mit einer an den Klassikern, an Haydn, Mozart und Beethoven orientierten konservativen Musikauffassung, die seinerzeit in Stuttgart mit Lindpaintner, Ignaz Lachner und Molique stark vertreten war.

In Wirklichkeit geht es, den Regeln solcher Dramen entsprechend, um eine Frau. Es ist eine höchst private Rivalität, die da verdeckt und doch vor aller Öffentlichkeit ausgetragen wird, das Nachbeben einer Konkurrenz um eine begnadete, junge und dazu noch schöne Klaviervirtuosin. Am Ende siegt trotz aller Warnungen des hellsichtigen Künstlers der Bösewicht. Er kann seine Stellung so lange halten bis er genügend Geld von denen ergaunert hat, die ihn gestützt haben und setzt sich nach Amerika ab. Sein Kontrahent aber stirbt fast gleichzeitig im Wahnsinn.

Wer war dieser Stuttgarter, den Schumann schon 20 Jahre vor seinem spektakulärem Abgang aus dem schwäbischen Hauptstadt im Jahre 1858 vollkommen durchschaut hatte und der sich dort trotzdem noch so lange halten konnte? Wie war es möglich, dass er Schumann so aus der Reserve locken konnte, dass dieser von seinem Heimatgericht wegen seiner Äußerungen über Schilling sogar mit einer Strafe belegt wurde?

Eine höchst aufschlussreiche Auskunft über diesen Dr. Gustav Schilling findet sich in der Selbstdarstellung, die er im Jahre 1842 in seiner „Sammlung durchaus authentischer Lebensnachrichten über in Europa lebende ausgezeichnete Tonkünstler, Musikgelehrte, Componisten, Virtuosen, Sänger etc.“ veröffentlichte, wobei er unverfroren und in bezeichnender Unschärfe, zugleich aber auch in plumper Überdeutlichkeit anmerkt: „Nach dem Französischen von einem Mitarbeiter, nicht vom Herausgeber bearbeitet.“

Gustav Schilling

Schilling, Gustav, Hofrath und Dr. phil. in Stuttgart, auch Mitglied mehrer gelehrten und musikalischen Gesellschaften und Vereine, Inhaber mehrer Verdienstmedaillen um Kunst und Wissenschaft u. s. w., geb. zu Schwiegershausen im Königreich Hannover am 3. November 1803. ……

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1838-41 Hector Berlioz (1803-1869) – Nuits d´été – 6 Orchesterlieder

Mit Berlioz verbindet man kaum die Vorstellung von musikalischer Intimität. Der Franzose steht nicht nur für eine gewaltige „Aufrüstung“ des Orchesterklangs – das  ideale Orchester musste nach seinen Vorstellungen über 450 Mann stark sein. Auch bei der Wahl seiner Sujets neigt er zum Grandiosen und Heroischen. Die Titel seiner Werke lauten etwa „Phantastische Symphonie“, „Faust Verdammung“, „Große Totenmesse“, „Große und triumphale Trauersymphonie“ oder „Der Fall Troyas“. Man spürt in seinen Werken die Nachwirkungen der Riesengestalt Napoleons, dessen postmortaler Kult aufkam, als sich Berliozs künstlerische Gestalt zu formen begann. Dem entsprechend monumental war der Auftritt des Komponisten auf die musikalische Bühne seiner Zeit. Er war gerade 27 Jahre alt, als er mit der „Phantastischen Symphonie“ alle herkömmlichen Formen und Inhalte sprengte (und dabei die moderne Programmmusik kreierte). Heinrich Heine, der mit ihm befreundet war, nannte ihn eine kolossale Nachtigal.

In den „Nuits d´été“ haben wir es jedoch mit einem anderen Berlioz zu tun. Der Komponist tritt hier als intimer Interpret lyrischer Werke auf. Das Werk ist dazu ausdrücklich für „kleines“ Orchester geschrieben (was bei Berlioz allerdings bedeutet, dass es noch immer verhältnismäßig groß ist). Der Tonfall ist nachdenklich und zurückhaltend. Es geht nicht um den großen Auftritt, sondern um sehr intime Fragen.

Man hat den Grund für die unprätentiöse Ausrichtung dieses Liederzyklus (mit dem Berlioz übrigens den Typus des Orchesterliedes schuf) als Ausdruck einer künstlerischen Krise des Komponisten und als Gegenstück zur „Phantastischen Symphonie“ gedeutet. Diese war nicht nur nicht nur der Versuch Berliozs, mit Hilfe exzessiver Paukenschläge einen entsprechenden Auftritt im professionellen Lager zu inszenieren. Künstlerisch war sie – auf dem Hintergrund der seinerzeit noch unerfüllten Liebe des Komponisten zu der bekannten irischen Shakespeare-Darstellerin Henriette Smithson – vor allem eine ins Rausch- und Fieberhafte gesteigerte Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Liebe. Die Liebe und ihre Fährnisse sind hier offensichtlich ein Symbol für das Problem des romantischen (musikalischen) Kunstschaffens. Dem entsprechend trägt das Werk, in dem die handelnde Person von einer „idée fixe“, eben der Liebe, beherrscht wird, den Untertitel „Episoden aus dem Leben eines Künstlers“.

Im Liederzyklus „Nuits d´été“ aus den Jahren 1838 bis 1841 geht es dagegen um das Phänomen der schwindenden Liebe. Berlioz hatte 1833, drei Jahre nach dem Entstehen der „Phantastischen Symphonie“, sein Ziel erreicht und Henriette Smithson geheiratet. Die Jahre um die Hochzeit und danach waren seine fruchtbarste Zeit. Aus Briefen wissen wir aber, dass er sich gegen Ende der 30er Jahre künstlerisch verbraucht, geradezu „100 Jahre alt“ fühlte. Diese Krise des Künstlers traf offenbar mit der Entfremdung zusammen, die seinerzeit im Verhältnis zu Henriette Smithson eingetreten war. So wie er in der „Phantastischen Symphonie“ die Entzündung der Phantasie durch die Liebe mittels einer exzessiven Steigerung der musikalischen Mittel symbolisierte, stellt er nun in den „Nuits d´été“ das Problem der ersterbenden Schaffenskraft am Beispiel der erkaltenden Liebe durch eine Reduktion der Mittel dar.

Die Textvorlagen entnahm Berlioz aus dem 1838 erschienenen Gedichtband „Die Komödie des Todes“ von Théophile Gautier, aus dem er gezielt die Gedichte wählte, die sich mit dem Mangel an Liebeserfüllung befassen. Der Titel „Sommernächte“ steht daher, anders als man auf den ersten Blick erwartet, nicht für laue und heitere Stunden, sondern für Abschied und Vergänglichkeit.

Weitere Texte zu Werken zahlreicher anderer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

1722 Tomaso Albinoni (1671- 1751) – Concerti a cinque Op. 9

Albinoni stammte aus einem wohlhabenden Fabrikantenhaus in Venedig und konnte es sich anfangs leisten, die Musik als "dilletore", das heißt als Liebhaber zu betreiben. Er wuchs jedoch schon bald in den blühenden Musikbetrieb seiner Heimatstadt hinein, der er sein Leben lang verbunden blieb. Der Dekorationsbedarf der venezianischen Gesellschaft war in der Musik – wie in der Malerei und Architektur – praktisch grenzenlos. Daraus erklärt sich die ungeheure Fruchtbarkeit der venezianischen Musiker dieser Zeit, zu denen etwa auch Vivaldi zählte. In Palästen, Kirchen, Waisenhäusern und Akademien wurde ständig musiziert. Darüber hinaus hatte die Stadt gleich mehrere Opernhäuser (zu Albinonis Zeiten nie weniger als sechs, in der Regel aber mehr). Für diese Häuser, die so etwas wie das Kino der damaligen Zeit gewesen sein müssen, schrieb Albinoni ungefähr 80 Opern, wobei er in manchen Jahren fünf Werke dieser Gattung herausbrachte. Daneben komponierte er auch allerhand Instrumentalmusik, die in ganz Europa geschätzt und auch in nicht geringem Maße gefälscht wurde. Er beeinflusste damit nicht zuletzt Johann Sebastian Bach, der u.a. das Thema und die Struktur des Schlusssatzes seines 3. Brandenburgischen Konzertes direkt von Albinoni übernahm.

Albinonis Instrumentalkompositionen sind in Konvoluten von jeweils 12 Werken erschienen. Neben Sonaten handelt es sich hauptsächlich um Konzerte, Werke für kleines Orchester, bei denen einzelne Instrumente, fast ausschließlich Violine oder Oboe, gelegentlich solistisch hervortreten, ohne dass man von einem wirklichen Solokonzert sprechen kann. Im Aufbau hält sich Albinoni dabei weitgehend an die Muster seines Landsmannes und Altersgenossen Vivaldi, mit dem er um die Wette komponierte. Beim Konzert op. 9 Nr. 3 besteht auch eine thematische Beziehung zu Vivaldi. In den Solopassagen des ersten Satzes hört man eine Tonfolge, die man aus dem allbekannten Hauptthema des Orchesterritornells von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ kennt.

Die 12 Konzerte op. 9 sind „Concerti a cinque“, eine Spezialität Albinonis, bei der zu den üblichen vier Stimmen eine weitere hinzutritt. Sie wurden im Jahre 1722 veröffentlicht, als der Venezianer auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und seines Ruhmes war. Sein guter Ruf hatte seinerzeit dazu geführt, dass er man ihn mit der Komposition zweier Bühnenwerken für die Hochzeitsfeierlichkeiten des bayrischen Kurprinzen Karl Albrecht, dem  späteren Kaiser Karl VII, beauftragte. Albinoni verließ, was er offenbar nur selten tat, zu diesem Zweck seine Heimatstadt und kam für zwei Monate nach München. In der Zeitschrift „Critica Musica“, die der große Hamburger Musikschriftsteller Johann Matthesson herausgab, hieß es darüber, „die Oper Li veri amici, welche der rechte Albinoni komponiert und selbstens die Violine mitgespielt hat, ist unvergleichlich gewesen, sodaß kein Musicus, deren doch unterschiedliche von fremden Orten in München angekommen sind, die geringste Ausstellung zu machen gewusst.“ Wie groß der Ruhm Albinonis seinerzeit war, erhellt aus der Anmerkung, die Matthesson zu der Formulierung "der rechte Albinoni“ machte. Sie beruhe darauf, dass „sich ein gewisser frecher Mensch fast durch ganz Deutschland für den Tomaso Albinoni von Venedig fälschlich ausgegeben hat.“ Im Zusammenhang mit seinem Auftritt in München hat Albinoni seine Concerti op. 9 dem Gambe spielenden bayrischen Kurfürsten Max Emanuel gewidmet, zumal dieser an seinem Hof fünf Musiker beschäftigte, welche Oboe spielten, ein Instrument, das Albinoni in Italien erstmals konzertierend einsetzte.

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Ein- und Ausfälle – Die Deutschen und die moderne Architektur

Mit den Anfängen der neuen Architektur ist es in Deutschland keine einfache Sache, insbesondere wenn dabei die Nationalsozialisten im Spiel sind. Theodor Fischer etwa, ein äußerst origineller Kopf an der Wende zur neuen Architektur und weit vor der Nazizeit geboren (1862), musste sich kurz vor seinem Lebensende (1938) noch mit Sympathiebekundungen für die Nazis kompromittieren und trat in deren Partei ein. Paul Bonatz, sein Schüler, baute den Stuttgarter Bahnhof vor der Nazizeit und trat nie in die NSDAP ein. Der Bahnhof sieht aber so aus, als könnte er in der Nazizeit gebaut worden sein. Die Nazis fanden diese Art von Architektur denn auch gut und beauftragten Bonatz später mit allerlei monumentalen Bauten. Unter anderem  gaben sie ihm eine wichtige Rolle bei der Planung der gigantomanischen Architektur für München als Hauptstadt der Bewegung. Da man seinen Stuttgarter Bahnhof schätzte, sollte er auch dort den Bahnhof bauen, und zwar in Dimensionen, wie sie sich nur größenwahnsinnige Nazis ausdenken konnten. Für Bonatz war dies zunächst kein Problem. 1943 verließ er dann aber Deutschland im Streit mit den Nazis – wegen des Bahnhofes -  in Richtung Türkei. Dies könnte ihm zu Gute gehalten werden. Nun war Bonatz aber auch gegen die bauhäuslerische Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die unter der Federführung Mies van der Rohes, einem der Gründerväter der neuen Architektur, entstand. Und gegen diese Siedlung und überhaupt gegen das Bauhaus waren auch die Nazis. Dies könnte Bonatz wieder in einem fragwürdigen Licht erscheinen lassen. Aber die Sache ist noch komplizierter. Bonatz` Widerstand gegen die Siedlung kann auch für ihn sprechen. Denn die Weißenhofsiedlung und das Bauhaus muss man nicht unbedingt segensreich finden. Das aber darf man in Deutschland nicht ohne weiteres sagen, weil die Nazis dagegen waren. Und dann hat Bonatz in Stuttgart das phantasievolle Kunstgebäude Theodor Fischers aus den Jahren vor dem ersten Weltkrieg, das im zweiten Weltkrieg zerstört worden war, so reduziert wiederaufgebaut, dass es so aussieht, als könnte es in der Nazizeit gebaut worden sein.

Dass es noch anders geht, zeigt das Beispiel von Martin Elsässer, einem weiteren großen Vertreter der überaus interessanten Zeit des Übergangs vom Historismus zur Moderne. Er war Schüler von Fischer und Bonatz und hat vor dem ersten Weltkrieg so schöne Bauten wie die Stuttgarter Markthalle und in den 20-er Jahren expressionistische Großprojekte, etwa die Frankfurter Großmarkthalle gebaut. Elsässer wollte mit den Nazis nichts zu tun haben und erhielt daher keine Aufträge mehr. Nach dem Krieg hatte er, anders als manche Nazikollaborateure, Probleme, beruflich wieder Fuß zu fassen und musste um seine Altersversorgung kämpfen. In den 70-er Jahren wollte man sogar seine Markthalle in Stuttgart abreißen, was aber am Bürgerprotest scheiterte. Inzwischen ehrt man ihn. Seine Frankfurter Großmarkthalle wird Teil des hypermodernen Komplexes
der Europäischen Zentralbank.

Wie anfangs gesagt: mit den Anfängen der neuen Architektur ist es in Deutschland keine einfache Sache, insbesondere wenn dabei die Nationalsozialisten im Spiel sind.

Gottfried August Homilius (1714 – 1785) – “Auf ihr Herzen, seid bereit” – Kantate zum 4. Advent

Homilius ist einer der zahlreichen Komponisten, welche im 18. Jh. in den verstreuten kleinen und großen Residenzen Mitteleuropas wirkten, im Laufe der Zeit aber mehr oder weniger in Vergessenheit gerieten. Dabei spielte Homilius – um ein paar Jahrzehnte versetzt – in Dresden eine Rolle, welche der Johann Sebastian Bachs in Leipzig entspricht. Ähnlich wie Bach, dessen Schüler er gewesen sein soll, war er über drei Jahrzehnte Kantor und Musikdirektor der Hauptkirchen der Stadt, leitete mit dem Kreuzchor einen Knabenchor, der, wie der Leipziger Thomanerchor, auf eine Geschichte von einem halben Jahrtausend zurückblicken konnte, und war Leiter der dazu gehörigen Schule. Wie Bach komponierte er auch eine große Anzahl kirchenmusikalischer Werke. Weltliche Stücke, das unterscheidet ihn von Bach, hat er allerdings nur wenige geschrieben.

Der Schwerpunkt des Ouevres von Homilius liegt bei Kantaten, bei denen er sich an die tradierten Muster hielt, die auch Bach verwendete. Wie die zahlreichen Abschriften zeigen, welche man an verschiedenen Orten gefunden hat, waren diese Werke zu seiner Zeit sehr beliebt. Dem entsprechend hoch wurde er von Zeitgenossen eingeschätzt. Manche hielten ihn für den größten Kirchenkomponisten seiner Zeit in Deutschland. An einigen Orten wurden seine Werke, die stilistisch zwischen Barock und Frühklassik stehen, bis in das 19. Jh. aufgeführt.

Anders als heute, wo man musikalische Werke in einer Art musealem Repetitorium immer wieder aufführt, erwarteten Auftraggeber und Publikum im 18. Jh, dass ein Komponist bei jeder Aufführung möglichst neue Werke präsentiert. Dies ist umso erstaunlicher als seinerzeit mangels Tonaufzeichnungen nach einiger Zeit nur schwer festzustellen war, ob es sich bei einer Komposition um ein neu geschaffenes Werk oder um eine Wiederholung handelte. Diesem Ethos der Originalität entsprechend hat auch Homilius immer wieder neue Kantaten komponiert.  Die Zahl seiner Werke dieser Gattung beläuft sich auf  rund 200 und entspricht damit in etwa der Zahl  der Kantaten, welche von Bach erhalten sind. Da die Kreuzkirche im Siebenjährigen Krieg von preußischen Truppen zerstört worden war, wurden sie meist in der damals noch ziemlich neuen Frauenkirche aufgeführt. So wie Bachs Kantaten eher die Strenge der mittelalterlichen Thomaskirche spiegeln, scheint der Gestus der Kantaten von Homilius durch die spielerische Architektur der Frauenkiche geprägt zu sein.

Homilius Werke wurden zu Lebzeiten nur in geringem Umfang gedruckt. Die Autographen sind bis auf drei Ausnahmen verschollen. Die Kompositionen sind im Wesentlichen als Abschriften überliefert, welche hinsichtlich einzelner Werke allerdings selten identisch sind. Hinzu kommt, dass man nicht in allen Fällen, in denen Abschriften als Stücke von Homilius gekennzeichnet sind, sicher sein kann, dass es sich tatsächlich um ein Werk dieses Komponisten handelt. Es ist also nicht ganz einfach, authentische Fassungen seiner Werke zu erstellen. In neuerer Zeit sind eine Reihe seiner Kompositionen erstmals im Druck erschienen. Dazu gehört auch die Adventskantate “Auf ihr Herzen, seid  bereit”. Das Stück , das ebenfalls in verschiedenen Versionen vorliegt, wurde erstmals 2010, also rund 250 Jahre nach seiner Entstehung,  gedruckt. Das kompakte Werk besteht aus einem Eingangschor, in dessen Trillersequenzen man die Rocaillen der Frauenkirchendekoration zu hören scheint, einer beschwingten Baßarie, zwei adventlich ernsten Sopranrezitativen und einem abschließenden Choral. Mit ihrem feierlich-besinnlichen Duktus ist diese Kantate ohne Zweifel eine schöne Bereicherung des Repertoires an  klassischer Weihnachtsmusik.

Weitere Texte zu Werken zahlreicher anderer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Ein- und Ausfälle – Amt und Protest

Jeder, der einmal ein noch so kleines „Amt“  innehatte, weiß, dass diejenigen, für die er die Arbeit macht, einerseits heil froh sind, sie nicht selbst machen zu müssen, sich aber andererseits dadurch entwertet fühlen, dass sie sich an der Erledigung der Arbeit nur noch begrenzt beteiligen können. Dies führt mit einer gewissen Notwendigkeit zur Empfindlichkeiten. Denn der Delegierende fühlt sich, da er seine Gestaltungsmöglichkeiten zu Gunsten des Delegierten beschränkt, entweder ausgeschlossen oder, da es um seine Sache geht, berechtigt, die Erledigung der Arbeit besonders kritisch  zu verfolgen. Und der Delegierte meint, dass man ihm eine gewisse Dankbarkeit schulde und er daher eine reduzierte Kritik erwarten könne. Erschwert wird dass Ganze noch dadurch, dass  derjenige, welcher Befugnisse an Andere abgibt, befürchten muss, der Andere könne seine Vollmachten missbrauchen. Letzterer muss diese Befürchtung, sofern er ehrbar ist, als Zumutung empfinden, kann dies aber, da er nicht als unkritisierbar erscheinen will, nicht ohne weiteres zum Ausdruck bringen, was aber beim Delegierenden den Verdacht nähren kann, dass er nicht ehrbar sei. Aber nicht genug. Das eigentlich Komplizierte ist, dass man beim Delegierenden nur schwer zwischen berechtigter Kritik, Überempfindlichkeit, Hysterie und Streitlust und auf Seiten des Delegierten zwischen Betroffenheit und frechem Leugnen einer Interessenverflechtung unterscheiden kann.

Ein- und Ausfälle – Rubens als malender Diplomat

Das waren noch Zeiten! Im Jahre 1629 fuhr Peter Paul Rubens nach Erledigung einiger  Malaufträge in Spanien im Auftrag von König Philipp IV., der ihn schätzen gelernt hatte, nach England, um mit König Karl I. über zur Beendigung des anhängigen Krieges zwischen den beiden Staaten zu verhandeln. Seine Mission „untermalte“ er dabei mit einem Bild, auf dem er mit barocker Opulenz und Farbenpracht die reichen Früchte des Friedens darstellte, während Mars und die düsteren Furien des Krieges von Athene kraftvoll zurückgedrängt werden. Im Mittelpunkt des Bildes ist Pax als spärlich bekleidete üppige Rubensschönheit. Sie drückt aus ihrem prallen Busen einen feinen Milchstrahl, der über eine beachtliche Distanz direkt im offenen Mund des kleinen Plutus landet, dem properen Gott des Wohlstandes. Diesem läuft die nahrhafte Milch vor lauter Überfluss schon aus dem Mund heraus.

 

Wie weit sich König Karl durch das Bild hat beeinflussen lassen, wissen wir nicht. Rubens Verhandlungen waren aber von Erfolg gekrönt und der Krieg wurde beendet. Was für Zeiten!

Ein- und Ausfälle – Westliches und Asiatisches Denken

Es fällt auf, dass sich an den Bemühungen um die Entzifferung der Mayaschrift ausschließlich Europäer beteiligen – Vertreter von Europas ost- und westliche Dependancen wie Amerika und Russland inklusive. Diese Tatsache illustriert besonders schön, dass das wissenschaftliche Denken, welches Europa entwickelte, nach wie vor eine besondere Qualität hat. Daran ändert auch nichts der Umstand, dass sich Wissenschaft von Europa  inzwischen über die Welt und nicht zuletzt auch nach Asien verbreitet hat. 

Europäer haben immer auch dadurch Erkenntnisse über die Organisation und Funktionsweise von Gesellschaften sowie die Strukturen kultureller Prozesse zu erlangen versucht, dass sie ihre Welt mit anderen Lebenswelten verglichen haben. Da sich die eurasischen   Kulturen, die eine ähnliche Höhe aufweisen und sich daher als Vergleichsobjekte anbieten würden, alle gegenseitig beeinflusst haben, können sie jedoch nur in begrenztem Maße erkenntnisfördernde Gegenbilder abgegeben. Besonders fruchtbare Erkenntnisse kann man aber von der Erforschung von Kulturen erhoffen, die sich weitgehend unabhängig von den eurasischen Kulturen zu einer ähnlichen Höhe entwickelt haben. Dies  ist bei den mesoamerikanischen Kulturen der Fall.  Die Bemühungen um die Entzifferung der Mayaschrift sind allein schon für das Verständnis des Entstehens und der Funktionsweise der Schrift  als eines fundamentalen kulturellen Prozesses (und im Übrigen für das inhaltliche Verständnis dieser Hochkultur) von entscheidender Bedeutung. Gerade Chinesen oder Japaner müssten, da ihre Schrift in vielen Punkten Parallelen zur Mayaschrift aufweist,  an der Entzifferung dieser Schrift interessiert sein. Dennoch beteiligen sich daran, wie gesagt, keine Asiaten.  

Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass in Europa im Hintergrund des Forschen in besonderem Maße das „Warum“, in Asien aber  eher das „Wozu“ steht. Mit der Entzifferung einer toten Schrift und dem Verständnis einer erloschenen Kultur, die dahinter zum Vorschein kommt, kann man aber nur sehr grundsätzliche Fragen, eben die nach dem „Warum“ beantworten. Solche Erkenntnisse sind zunächst einmal zu wenig zu gebrauchen. 

Die weitgehende Beschränkung des Nachdenkens auf das „Wozu“ ist  insbesondere in Ostasien tief verwurzelt. Im alten China gab es zwar eine sehr hoch entwickelte Technologie aber wenig Forschung, die den Dingen auf den Grund ging. Damit fehlte es an einem Denken, welches Grundlagen für gänzlich neue Sichtweisen der Welt legen kann. Diese Kulturen haben daher auch nur wenige echte wissenschaftliche Erkenntnisse und insbesondere  wenig Überraschendes betreffend das Verständnis der allgemeinen Zusammenhänge der menschlichen Kultur hervorgebracht, ein Grund dafür, dass überkommene gesellschaftliche Strukturen hier über lange Zeit weitgehend stabil blieben. Es dürfte aber auch ein wesentlicher Grund dafür sein, dass diese Gesellschaften mangels Übung im Umgang mit der Frage nach dem „Warum“ völlig destabilisiert wurden, als sie sich, wie etwa in der chinesischen Kulturrevolution oder in dem kambodschanischen Sozialexperiment der 70-er Jahre,  die fundamentale europäische Denkweise zu Eigen zu machen und alles Überkommene in Frage zu stellen versuchten.

Ein- und Ausfälle – Gott und sein Erscheinungsbild

Die abrahamitischen Religionen haben mit der Entfernung der anthropomorphen Götter“bilder“, wie sie etwa die Antike kannte, eine offensichtliche gedankliche Schwäche in der Gotteskonzeption beseitigt: den Widerspruch zwischen der Gestalt Gottes (oder gar der Götter) und den Fähigkeiten und Funktionen, die ihm zugesprochen wurde. Ein Weltschöpfer etwa, der in menschlicher oder gar tierischer Gestalt daherkommt, ist nicht besonders überzeugend, da doch jedem die Begrenztheit der menschlichen (und tierischen) Möglichkeiten vor Augen steht. Allenfalls Fabelwesen, wie sie etwa die südasiatischen Religionen kennen, konnten diesen Widerspruch etwas abmildern (weswegen die Götter dort etwa zahlreiche Arme haben; dieses Phänomen findet sich auch bei indianischen Göttern). Die abrahamitischen Religionen haben die Überbrückung dieser Kluft optimiert, indem sie die absoluten Qualitäten Gottes und sein „Erscheinungsbild“ in Einklang brachten. Sie machten ihn unsichtbar, „unvorstellbar“ (und also auch nicht darstellbar), mit der Folge, dass seine Mängel nicht mehr sofort ins Auge sprangen. Daher haben sie mit einer gewissen logischen Konsequenz auf die Religionen herabgesehen, die diesen Widerspruch nicht gelöst haben. Dies dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass die abrahamitischen Religionen einen so großen Erfolg bei den Intellektuellen hatten. (Allerdings hatte das Christentum zu diesem Dünkel das geringste Recht, da es insbesondere mit der Christusgestalt das anthropomorphe Element durch die Hintertür wieder eingeführt und dazu mit der Dreifaltigkeit einen logisches Durcheinander der Extraklasse schuf.). Insofern haben die abrahamitischen Religionen so etwas wie gedanklichen Fortschritt gebracht. Tatsächlich hat die Beseitigung dieses Widerspruches den wirklichen – realistischen – Logikern denn auch das Leben ziemlich schwer gemacht.

Ein- und Ausfälle – Islam und Gewalt

In einen Prozess, der 2008 in Deutschland gegen einen eine Gruppe von Islamisten geführt wurde, haben die Angeklagten mit einer Ausführlichkeit, die aus Stolz zu resultieren schien, über ihre Pläne berichtet, möglichst viele Amerikaner umzubringen. Auf die Frage, ob sie ihr letztendlich gescheitertes Unterfangen bereuten, gab einer ihrer Anwälte an, daran hindere sie ihre religiöse Überzeugung.  In diesem Satz kommt wohl einer der grundsätzlichsten Unterschiede zwischen (aufgeklärtem) Christentum und Islam zum Ausdruck: die gänzlich unterschiedliche Haltung zum Töten von Menschen. Wenn es um Verstöße gegen religiöse Normen geht, denkt man in islamischen Kulturen recht schnell an die Tötung dessen, der gegen die Norm verstoßen haben soll. Der Koran selbst liefert eine Reihe von Beispielen dafür  (sogar der bloße Abfall vom Glauben wird mit dem Tod bedroht). Und da Politik und Religion in islamischen Kulturen nur sehr unvollkommen getrennt sind, ruft man auch in politischen Dingen schnell nach dem Tod des Gegners(wenn man ihn nicht gleich herbeiführt – ggfs unter Vernichtung möglichst vieler auch unbeteiligter Menschen). Bezeichnend hierfür ist, dass es hier kein Problem zu sein scheint, Sätze wie „Allah ist groß“ und „Tod den Amerikanern etc“ unmittelbar nebeneinander zu stellen. Natürlich hat auch das Christentum in Sachen Normverstoß und Tötungssanktion alles andere als eine reine Weste. Im aufgeklärten Christentum allerdings hat sich die Verbindung dieser beiden Elemente weitgehend gelöst – woraus allerdings auch resultiert, dass man die christlichen Gesellschaften, die diese Verbindung noch nicht vollständig gelöst haben, indem sie etwa noch die Todesstrafe kennen, als wenig aufgeklärt und damit insofern als dem Islam nahe stehend charakterisieren muss.

1919 Edward Elgar (1857-1934) Konzert für Violoncello und Orchester e-moll

Edward Elgars Cellokonzert teilt – zumindest in Deutschland – das Schicksal seines Schöpfers: es wird, nicht anders als der Meister selbst, von der Musikpublizistik äußerst stiefmütterlich behandelt. Der Self-made-Man gilt, wiewohl er die englische Kunstmusik nach einer Durststrecke von 200 Jahren wieder zurück auf die internationale Bühne brachte, offenbar als Figur einer randständigen Region der europäischen Kunstmusik, weswegen er in den gängigen Musikführern meist nur kursorisch abgehandelt wird. Sein Cellokonzert wird dabei sogar häufig überhaupt nicht erwähnt. In der Praxis erfreut sich das Werk hingegen erheblicher Beliebtheit. Wesentlich dazu beigetragen hat Elgars Landsmännin Jaqueline du Pré. Sie spielte das Stück im Alter von 17 Jahren erstmals bei ihrem spektakulären öffentlichen Debüt im Jahre 1962. In ihrer nur elf Jahre dauernden Weltkarriere, die durch die Erkrankung an Multipler Sklerose plötzlich abgebrochenen wurde, hat sie das Werk immer wieder aufgeführt und ihm dabei ihren persönlichen Stempel aufgedrückt. Legendär ist die Filmaufnahme aus dem Jahre 1967, die sie als entrückte, teilweise wie in Trance spielende zugleich aber äußerst präsente Interpretin des Werkes unter der Leitung ihres jungen Ehemannes Daniel Barenboim zeigt.

Das viersätzige Konzert hat in mancher Hinsicht einen problematischen Hintergrund. Man hat im Zusammenhang mit ihm immer wieder von herbstlicher Tönung und von einer Stimmung des Abschiednehmens und der Resignation gesprochen. Tatsächlich markiert das Werk einen Wendepunkt sowohl in Elgars Leben als auch in seiner künstlerischen Karriere. Es entstand unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, einem Ereignis, in dem Elgar das Ende der Epoche des kunstbegeisterten imperialen Englands sah, dessen musikalischer Repräsentant er gewesen ist. Man hat daher die gedämpfte Stimmung des Konzertes als Ausdruck der Trauer über den Untergang einer Lebensform interpretiert.

Für Elgar selbst ging seinerzeit ebenfalls eine Epoche zu Ende. Bedingt durch die wirtschaftlichen Probleme, welche der Krieg nach sich zog, war auch er gezwungen, seinen Lebensstil ändern. Er konnte sich etwa das großzügige Landhaus Severn, welches er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes erworben hatte, nicht länger leisten. Wenige Monate nach der Fertigstellung des Cellokonzertes starb auch noch seine über alles geliebte Frau Alice, die für den eher scheuen Komponisten, der angesichts seiner autodidaktischen Bildung immer wieder von Selbstzweifeln geplagt wurde, gerade auch in Hinblick auf seine schöpferische Tätigkeit die wichtigste Stütze war. Mit ihrem Tod verlor Elgar jegliche Motivation zur Komposition größerer Werke. Erst zehn Jahre später verspürte er wieder nachhaltigere schöpferische Impulse. Der inzwischen betagte Komponist begann auf Anregung von George Bernhard Shaw, mit dem er befreundet war, mit der Arbeit an einer dritten Symphonie und beschäftigte sich mit einer Oper. Die angefangenen Projekte wurden jedoch durch seinen Tod im Jahre 1934 unterbrochen. Das Cellokonzert ist daher das letzte bedeutende Werk aus der Feder des Komponisten geblieben.

Auch das Werk selbst hatte zunächst mit einigen Problemen zu kämpfen. Es fing damit an, dass die Vorbereitung der Uraufführung, die am 27. Oktober 1919 unter denkbar schlechten Vorzeichen stand. Die Präsentation erfolgte im Rahmen des Konzertes, mit dem das London Symphonie Orchestra die Saison eröffnete. Der Hauptteil sollte dabei von dessen neuen Dirigenten Albert Coates, das Cellokonzert von Elgar dirigiert werden. Da Coates einen guten Einstand haben wollte, nahm er die Probenzeit, die zur Verfügung stand, fast ganz für sich in Anspruch. Elgar konnte sein Werk am Tag vor der Uraufführung mit einem Orchester, dessen Dienstzeit bereits abgelaufen war und das dazu die Noten noch nicht gesehen hatte, nur hastig durchspielen. Auch die Zeit für die Einspielspielprobe am folgenden Tag überzog Coates mit ausgiebiger Arbeit am „Waldweben“ von Richard Wagner, einem Komponisten, dem Elgar im Übrigen sehr viel verdankte. Der Meister kam erst zum Zug, als die Probenzeit schon um eine halbe Stunde überschritten war. Nur die Rücksicht auf den seinen Freund Felix Salmond, der den Solopart spielte, hielt Elgar davon ab, der Forderung seiner Frau nachzugeben, die Aufführung abzusagen. Hinzu kam, dass die Londoner kurz nach dem Kriege Anderes im Sinn hatten, als auf ein neues Werk des patriotischen Autors von „Pomp and Circumstances“ zu warten, den sie kurz zuvor noch so hoch gefeiert hatten. Das Konzert war daher schlecht besucht. Der Kritiker des „Observer“ stellte denn auch nicht nur dies bedauernd fest, sondern vor allem, dass Coates Teil des Konzert zwar wunderbar gewesen sei, sich aber „bei Elgar ein so großartiges Orchester wohl noch nie so schlecht dargestellt habe.“ Die Reaktion auf das Konzert war insgesamt eher zurückhaltend.

Nichtsdestoweniger hat das Werk die Musikpodien der Welt erobert. Viele räumen ihm nach dem Konzert von Dvorak den zweiten Platz auf der Rangliste der Werke ein, welche die Ausdrucksmöglichkeiten des Violoncellos auszuschöpfen wissen. Tatsächlich ist ja auch kein anderes Instrument so sehr dazu geeignet, die elegische Stimmung zum  Ausdruck zu bringen, welche in diesem Werk vorherrscht.

Weitere Texte zu Werken von Elgar und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Ein- und Ausfälle – Bausünde oder Bauverbrechen?

Der Begriff „Bausünde“ ist eine viel zu harmlose Beschreibung dessen, was gewisse(nlose) Investoren und ihre architektonischen Helfer der (Um)Welt antun. Er klingt zu sehr nach Vergeltung im Jenseits, an die bzw. an das dieser Menschentypus vermutlich sowieso nicht glaubt. Davon abgesehen ist bei dieser Art von Verfehlung die Möglichkeit von Vergebung konotiert. Richtiger wäre es, von Baudelikten –  dementsprechend in schweren Fällen von Bauverbrechen – zu sprechen. Damit wäre auch klargestellt, dass die Strafe im Hier und Jetzt zu erfolgen hätte.

Ein- und Ausfälle – Chinesische Strafen für schlechte Architektur

 

Der Ming-Kaiser Yong Le soll den Architekten der Verbotenen Stadt von Peking, weil dieser zum wiederholten Male nicht genügend gute Entwürfe für die Ecktürme des Palastes vorgelegt hatte, mit dem Tode bedroht haben, falls er nicht bis zum nächsten Morgen qualitätvollere Pläne vorlege. Der Architekt, der nicht wusste, wie er den Ansprüchen des Kaisers  gerecht werden sollte, sei, so heißt es,  daraufhin in Verzweiflung gefallen und habe sich die ganze Nacht nur damit beschäftigt, seiner geliebten Grille einen schönen Käfig zu bauen. Als der Kaiser am nächsten Morgen kam, um zu sehen, was der Architekt unter der Todesdrohung zu Stande gebracht hatte, habe dieser sich in sein Schicksal ergeben auf sein bevorstehendes Ende vorbereitet. Der Kaiser habe aber die Zeichnung für den Grillenkäfig auf dem Tisch des Architekten entdeckt und geglaubt, dass es sich dabei sich um den Entwurf für die Türme handele. Er sei davon begeistert gewesen und habe den Architekten begnadigt.

 

Ob diese Geschichte wahr ist, wird man angesichts der Art, wie man im alten China Geschichte schrieb und bestimmten Zwecken dienlich machte, wohl nie erfahren. Man kann für den armen Architekten und alle seine Kollegen nur hoffen, dass sie Übertreibungen der Art enthält, wie sie im Zusammenhang mit chinesischen Kaisern üblich waren. Aber auch wenn nicht viel Wahres daran sein sollte, so zeigt die Geschichte in jedem Fall, welch` hohen Stellenwert die Qualität der Architektur im alten China hatte. Das gegenteilige Extrem ist der vollkommene Mangel an Respekt vor der Öffentlichkeit und ihren Repräsentanten, den ungezählte Architekten in unseren Breiten und Zeiten an den Tag legen.

Ein- und Ausfälle – Müssen wir Angst vor den Chinesen haben?

Wir sehen seit einiger Zeit verwundert, wie im Osten des eurasischen Kontinents eine gewaltige Macht entsteht. China zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf von Selbstzerfleischung und ideologisch bedingtem  Missmanagement, in dem es ein Jahrhundert steckte, nachdem es durch den Westen gedemütigt und geschunden worden war. In wenigen Jahrzehnten hat das Reich der Mitte eine Entwicklung durchgemacht, für die der Westen Jahrhunderte gebraucht hat. Das Land ist in dieser Zeit von einem Entwicklungsland zu einer führenden Industrienation geworden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Das chinesische Gesellschaftssystem ermöglicht es, Entscheidungen in einem Tempo zu vorzubereiten und zu verwirklichen, von dem der Westen nur träumen kann. Hinzu kommt, dass die ungeheuren menschlichen Ressourcen des Landes noch weitgehend unausgeschöpft sind. Geht man davon aus, dass sich die Entwicklung in ähnlicher Weise fortsetzt wie in den letzten Jahrzehnten, dann werden in China in den nächsten Jahrzehnten weitere Hunderte von Millionen äußerst fleißiger und hoch motivierter Menschen in den modernen Wirtschaftskreislauf eintreten. Nach allem Ermessen wird der Westen dem nichts Vergleichbares entgegenzusetzen haben. Schon jetzt kann man sich daher ausrechnen, dass sich dadurch die Machtgewichte in der Welt zu Lasten des Westens erheblich verschieben werden. Müssen wir also Angst vor China haben?

 

Nach den Maßstäben, die Europa und seine kulturellen Ableger insbesondere in Amerika in der Vergangenheit entwickelt haben, ist die Angst berechtigt. Der Westen hat seine Stärke und die Schwächen der wenig oder anders entwickelten Länder immer konsequent für seine Zwecke genutzt. Sein Bestreben war in erster Linie die Expansion und die Ausbeutung fremder Ressourcen. Die Mittel, mit denen er operierte, waren dabei alles andere als skrupulös. Wo nötig hat man sich dafür andere Länder kurzerhand einverleibt, indem man sie zu Kolonien erklärte. Im schlimmsten Fall wurde die Bevölkerung gar versklavt oder vernichtet. Das Ergebnis war, dass der Westen vom großen Kuchen der Weltökonomie das bei weitem größte Stück bekam. Unsere Jahrhunderte lange wirtschaftliche (und damit militärische) Übermacht bedeutete für die Unterlegenen also meist nichts Gutes. Würde China die Macht, die es schon hat oder in absehbarer Zeit haben wird, ähnlich nutzen, würde es uns tatsächlich schlimm ergehen.

 

Sind solche Befürchtungen aber berechtigt oder spiegeln sie nur unsere eigene Denkweise? Letztendlich beantworten kann diese Frage naturgemäß niemand. Ein Indiz dafür, wie sich die Dinge entwickeln könnten, kann aber der Blick in die Vergangenheit sein. Denn da sich die Grundlagen einer Kultur in der Regel nur sehr langsam ändern, kann man davon ausgehen, dass die Linien, welche die Vergangenheit eines Kulturkreises bestimmten, im Großen und Ganzen auch noch in der Zukunft weiter gezogen werden. Für den Westen lässt sich feststellen, dass sich die Neigung zur Ausbeutung fremder Ressourcen seit der Antike wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und noch heute vorhanden ist. Wenn die Entwicklung Chinas ebenso konsequent verlaufen sollte, könnten wir beruhigt sein. Chinas Kultur war nämlich nie in vergleichbarer Weise auf Expansion oder Ausbeutung fremder Länder und Menschen gerichtet, wie die westliche Kultur.

 

Wiewohl China über drei Jahrtausende die absolut größte Macht im Osten des eurasischen Kontinents war, hat sie nie einen Kolonialkrieg geführt, geschweige denn, wie der Westen, Eroberungen unter dem Deckmantel der Ausbreitung der angeblich einzigen richtigen Religion betrieben. Dabei wäre es ihm angesichts seiner menschlichen und technischen Ressourcen ein Leichtes gewesen, weniger entwickelte Völker zu unterwerfen. Die Chinesen waren lange vor den Europäern im Besitz von explosiven Substanzen, nutzten sie aber nie, um damit zu schießen, also um Andere damit unter Druck zu setzen. Noch bevor die Europäer sich dazu aufmachten, die Welt mit wenigen kleinen Schiffen zu erforschen und zu erobern, waren die Chinesen mit einer Flotte von riesigen Schiffen auf den Weltmeeren unterwegs. Sie verzichteten aber darauf, ihre Expeditionen oder gar sonstige politische Projekte durch die Unterwerfung und Ausbeutung der entdeckten Länder und Völker zu finanzieren, was Europa wie selbstverständlich tat (man denke an die Finanzierung der spanischen Reconquista durch die Edelmetallimporte aus Amerika). Zwar waren auch die Chinesen nicht unkriegerisch, wiewohl der Beruf des Kriegers bei ihnen – auch dies im Gegensatz zu Europa – kein hohes Ansehen genoss. Bei ihren Kriegen handelte sich aber entweder um innerchinesische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Machtzentren oder um Kriege gegen benachbarte Völker, die der Sicherung der Grenzen dienten. Zu letzterem Zwecke haben die Chinesen zeitweilig auch Grenzvölker beherrscht oder sich über die Grenzen ihres Kulturkreises ausgedehnt. Im Großen und Ganzen ruhte das Reich der Mitte aber in sich selbst. Es war nicht an Expansion sondern an der Sicherung seiner inneren Stabilität interessiert. Das sichtbarste Zeichen dieses Denkens ist die chinesische Mauer. Mit einem Aufwand, dessen Größe nur noch mit der künftigen Wirtschaftskraft Chinas verglichen werden kann, hat man hier ein singuläres Bauwerk geschaffen, das nur dazu diente, sich Ruhe vor fremden Eindringlingen zu verschaffen.

 

Die Befürchtungen betreffend die Rolle Chinas in der heutigen Welt kann man denn auch schwerlich mit dessen Vergangenheit begründen. Sie resultieren vielmehr daraus, dass das politische System des Landes wenig durchschaubar ist und China in neuerer Zeit eine expansive Politik gegenüber Taiwan und Tibet betrieben hat. Was das gegenwärtige politische System betrifft, so handelt es sich um einen Import aus dem Westen des eurasischen Kontinentes, der in der Tat eine starke aggressiv-missionarische Komponente hatte. Nachdem die Schwächen dieses Systems offenbar geworden sind, hat sich sein missionarischer Aspekt stark abgeschwächt, sodass insofern kaum mehr sonderlich aggressive Impulse zu erwarten sind. Was die Politik gegenüber Taiwan und Tibet angeht, so ist ein Vergleich mit dem, was Europa in der Vergangenheit betrieben hat, kaum möglich.  Zu beiden Gebieten hat China historische Beziehungen. Auch wenn insbesondere in Falle Tibets offensichtlich auch geostrategische Aspekte im Spiel sind, erscheint das Verhalten Chinas hier doch in einem anderen Licht als die Eroberungsaktivitäten, welche sich die Europäer meinten leisten zu dürfen.

 

Eine Gefahr für die Welt würde China aber – abgesehen von möglichen Revanchegelüsten, die gut nachvollziehbar wären, für die es aber erstaunlich wenige Anhaltspunkte gibt -  wenn der Kapitalismus, der sich in diesem Land auszubreiten beginnt, notwendigerweise eine aggressive Außenpolitik nach sich ziehen würde, wenn man also auf Grund der Eigengesetzlichkeit des Kapitalismus die Auflösung der restriktiven außenpolitischen Tradition Chinas befürchten müsste. Dafür, dass dies der Fall sein könnte, spricht natürlich die Verbindung von Kapitalismus und Aggressivität, welche man für den Westen zu konstatieren hat. Es spricht aber auch einiges dafür, dass die Neigung zur Aggression in Europa unabhängig vom Kapitalismus entstanden ist. Darauf deutet insbesondere die Tatsache, dass die (Außen)Politik in Europa schon von der Antike bis zu den Kreuzzügen des Mittelalters durch Gewalt gekennzeichnet gewesen ist, ausbeuterisches Verhalten bei uns also bereits lange vor der Entstehung des Kapitalismus gang und gäbe war. Die Kombination von Kapitalismus und Aggressivität ist wohl eine spezifisch europäische Erfindung. Sie kann nicht ohne weiteres auch für China unterstellt werden, das, wie gesagt, eine ganz andere Tradition hat. Deswegen sollten gerade wir diesem erstaunlichen Land nicht mit übermäßigem Misstrauen oder gar Angst entgegentreten – ganz abgesehen davon, dass wir von den Impulsen, welche der Aufstieg Chinas der Weltökonomie gibt, erheblich profitieren.

1896 Enrico Bossi (1861- 1925) Orgelkonzert a-moll

Die Komponisten der italienischen Romantik sind, soweit es sich nicht um Opernkomponisten handelt, hierzulande kaum bekannt. Dies zeigte sich sehr deutlich als vor einigen Jahrzehnten die „Messa per Rossini“ gefunden wurde, die Verdi anlässlich des Todes von Rossini im Jahre 1868 gemeinsam mit zwölf der berühmtesten Komponisten Italiens komponierte. Außer Verdi selbst war selbst den Musikkennern keiner der anderen Komponisten ein Begriff, wiewohl diese, wie die Uraufführung des Werkes in Stuttgart im Jahre 1988 zeigte, offensichtlich sehr versierte Könner waren. Ähnliches gilt für den Italiener Enrico Bossi, der zu den Spätromantikern zu zählen ist. Er war zu seiner Zeit ein hochberühmter Organist und Orgeltheoretiker, ein erfolgreicher Komponist sowie ein geachteter Kompositionslehrer an verschiedenen großen Instituten seines Heimatlandes. Konzertreisen führten ihn weit in die Welt hinaus – er verstarb auf der Rückreise von einer Reise nach Amerika im Jahre 1925 auf einem Schiff im Atlantik.

Bossi, der einer Dynastie von Organisten entstammt und auch eine solche begründete, hinterließ ein großes Ouevre mit Werken aller Gattungen. Berühmt waren vor allem seine Vokalwerke, deren Gegenstand die großen Themen der christlich-abendländischen Überlieferung und Geschichte waren. Einen Schwerpunkt seines Gesamtwerkes bilden naturgemäß Kompositionen für Orgel. Darunter ist auch ein Orgelkonzert aus dem Jahre 1896 mit der aparten Besetzung Orgel, Streichorchester, vier Hörner und Pauken. Das dreisätzige Stück ist, wiewohl es nicht eben viele große Orgelkonzerte gibt, so wenig bekannt wie sein Autor. In einem wichtigen deutschsprachigen Orgelmusikführer etwa wird es nicht erwähnt. Dabei handelt es sich um ein wahrhaft eindrucksvolles Werk reifster Spätromantik, das die expressiven Möglichkeiten der romantischen Orgel, die Bossi in Italien einführte, voll zur Geltung bringt. Zarte Passagen, die den aufkommenden musikalischen Impressionismus ahnen lassen, stehen neben gewaltigen Klangapotheosen und erdbebenartige Tiefen, singuläre Tonszenarien, wie sie nur die Königin der Instrumente erzeugen kann. Bemerkenswert sind die dichte thematische Verarbeitung, die hohe harmonische Flexibilität mit phantasiereichen Modulationen und die bei aller Komplexität wunderbar schlüssige Form. Insoweit hat offensichtlich die zeitgenössische mitteleuropäische Symphonik und die Harmonik Richard Wagners Pate gestanden. Das Orchester ist der kongeniale Partner des Soloinstrumentes. Es ist nicht nur auf das Dichteste in das musikalische Geschehen verwoben, sondern auch mit großen Soli betraut, so die tiefen Streicher, die dabei bis zu vierfach geteilt werden, oder das fulminant schmetternde Hornquartett.

Alles in Allem ist nicht nachzuvollziehen, wieso dieses mitreißende Werk in unseren Breiten bislang keinen Nachhall gefunden hat.

1756 Josef Haydn (1732–1809) Konzert für Orgel und Orchester C- Dur Hoboken Verz. XVIII:1

Haydns Orgelkonzert in C-Dur ist ein Werk seiner Frühzeit als Musiker. Gerade über diese Zeit ist aber noch weniger bekannt als über Haydns Leben insgesamt. Wir wissen nur aus einem autobiographischen Brief aus dem Jahre 1776 von ihm selbst, dass er, nachdem er im Alter von 17 Jahren wegen Stimmbruchs aus den Chorknabendienst am Wiener Stephansdom entlassen wurde, zunächst auf der Straße stand und sich „in Unterrichtung der Jugend ganze 8 Jahr Kummerhaft herumschleppen“ mußte. „Durch dieses Elende brot“, so merkt Haydn an, „gehen viele genien zu grund, da ihnen die Zeit zum studieren manglet.“ Auch er selbst wäre diesem Schicksal nicht entgangen, wenn er seinen „Compositions Eyfer nicht in der Nacht fortgesetzt hätte.“ Seine ersten Biographen berichten, dass sich Haydn in dieser Zeit weitgehend autodidaktisch an Hand von zwei Klassikern der Kompositionslehre fortgebildet habe, dem Kontrapunktlehrbuch „Gradum ad parnassum“ von Johann Josef Fux aus dem Jahre 1725 und Johann Mathessons „Der vollkommene Kapellmeister“ von 1739. Starken Einfluss auf sein musikalisches Verständnis hatten auch die ersten sechs Sonaten von Carl Philippp Emanuel Bach, einem wichtigen Wegbereiter des empfindsamen Stils. Haydn sagte einmal: „Wer mich gründlich kennt, der muß finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke.“ Vor allen aber, so heißt es in seiner biographischen Skizze von 1776, „schrieb ich fleißig, doch nicht ganz gegründet, bis ich endlich die Gnade hatte, von dem berühmten Herrn Porpora … die ächten Fundamente der Setzkunst zu erlehrnen.“ Haydn war zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr im Übrigen ein musikalischer Gelegenheitsarbeiter, der hier und dort einsprang, wo ein nicht unbegabter Musiker benötigt wurde.

Ein Gelegenheitswerk ist auch das Orgelkonzert in C-Dur, welche nach Haydns eigener, allerdings fast 50 Jahre später erfolgten Datierung im Jahre 1756 entstand. Das Werk soll nach Angaben des frühen Haydn-Biographen Griesinger für die Zeremonie des feierlichen Klostergelübtes seiner Schülerin Therese Keller geschrieben worden sein, die am 12. Mai 1756 stattfand. Ebenfalls nach diesen Angaben waren zwischen Lehrer und Schülerin zarte Bande gewachsen, die aber durch die Entschlossenheit der Eltern des Mädchens, ihre zweite Tochter im Kloster unterzubringen, jäh unterbrochen wurden. Ähnlich wie Mozart und Dvorak heiratete Haydn später die Schwester seiner frühen Liebe, was auch in seinem Fall nur die zweitbeste Wahl war. Haydns Ehe wird sogar als sehr unglücklich geschildert.

Vielleicht ist dieser emotionale Aspekt der Grund dafür, dass Haydn das Orgelkonzert – und ein Salve Regina, das möglicherweise für den gleichen Anlass entstand – fast fünfzig Jahre lang aufbewahrte. Erst im Jahre 1803, sechs Jahre vor seinem Tod, bot er das Werk dem Verleger Breitkopf an, und zwar – was bei Haydns ausgeprägtem Geschäftssinn auffällt – ohne hierfür eine Gegenleistung zu verlangen. Griesinger, der die Verhandlungen mit Breitkopf führte, teilte diesem mit, er solle ihm von Haydn sagen, "welch` alten Bart es habe.“ Später schreibt er noch, das Konzert sei „vielleicht über die Epoche des heutigen Geschmacks aber in seiner Art und für den Sammler Haydn`scher Musik gewiß merkwürdig.“

Das ungewöhnlich lange Werk ist ein Dokument der Zeit des stilistischen Umbruchs, in der Haydn aufwuchs, und der Suche nach seinem persönlichen Stil, welcher wesentlich den Stil der Epoche prägen sollte. Reste überkommener formaler Strukturen und Floskeln barocker Rhetorik finden sich daher neben Elementen des aufkommenden galanten Stils. Eine besondere persönliche Note ist, wie allgemein beim frühen Haydn, noch nicht festzustellen. Auffällig ist allerdings, dass es sich bei dem Werk nicht, wie bei den Orgelkonzerten dieser Zeit üblich, um bloße unterhaltsame Spielmusik handelt, sondern dass immer wieder, selbst im tänzerischen 3/8 Takt des Finales, ernste Töne zu hören sind. Möglicherweise hat dies mit dem besonderen Anlass des Entstehens und Haydns persönlicher Betroffenheit zu tun.

Weitere Texte zu Werken von Haydn und zahlreichen anderen Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 19 und Ende

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Es gilt Abschied zu nehmen von Malakka. Fiona, die englische Lehrerin, die wir auf Tioman kennengelernt haben, erwartet uns am Abend in Singapur. Wir holen die Kinder vom Schwimmbad ab, wo es ihnen, wie sie meinen, mindestens so gut ging, wie uns bei den Babachinesen, sammeln das Gepäck im Hotel ein und tragen es durch die stechende Hitze zum Busbahnhof. Da der Bus nach Singapur gerade weggefahren ist, haben wir Zeit, im Busbahnhof zu Mittag zu essen. In seinen Mauern findet sich auf engstem Raum alles, was das asiatische Herz begehrt, Fahrkartenschalter, Garküchen, Läden, und ein Markt, in dem der ganze gewachsene Reichtum des Landes in Körben und Säcken ausgestellt ist – eine Fülle von Obst, Körnern, Hülsenfrüchten.

Wir lassen uns mitten im Gedränge nieder, verspeisen die übliche Nudelsuppe mit Porzellanlöffeln und genehmigen uns geraffeltes Wassereis, ein im wahrsten Sinne des Wortes gemischtes Vergnügen. Das giftgrüne Eis ist mit diversen bunten Gelatinewürfeln, Maiskörnern und Bohnen garniert. Damit investieren wir am letzten Reisetag das gesamte Kapital des Vertrauens in die Hygiene malaysischer Gastwirte, das wir auf der Reise angesammelt haben.

Abfahrt von Malakka und damit vom kulturellen Schlusspunkt einer Reise, die mit so viel Natur begann. Über weite Strecken sind am Straßenrand wieder die romantischen Kampongs. Sie sind so malerisch in Palmenhainen verstreut, dass einem beim Gedanken an die Bäume und Siedlungen in der Heimat, die zur Zeit kahl sind, der Weltschmerz befallen könnte. Hunderte und aberhunderte Mal wiederholt sich die Szenerie. Und doch werden Auge und Gemüt nicht satt von den vorbeifliegenden Bildern tropischen Wohlbefindens. Es ist wie eine Fahrt durch das Paradies. Vielleicht muss man sich das Paradies überhaupt so vorstellen: vorbeifliegend an einem Bus, aus dem man nicht aussteigen kann.

Unterwegs hält der Bus auf einem großen Reisemarkt. Wir kaufen ein Stück der hochgepriesenen Eierfrucht. Sie verbreitet, wie wir alsbald feststellen, einen nicht eben vertrauenserweckenden Geruch. Die Versicherung, dass sich dieser nicht auf den Geschmack auswirke, hält der Wirklichkeit, wie wir meinen, nur unvollkommen stand. Daher brechen wir den Versuch schnell ab. Die kaum angebissene, übrigens nicht billige, Frucht geben wir einem Malayen, der sich über das unerwartete Geschenk freut. Er hat gerade mehrere Taschen voll von dieser (Un-)Kostbarkeit gekauft, wofür er ein Vermögen bezahlt hat. Wir ziehen es vor, bei so banalen Früchten wie Mangos und Ananas zu bleiben.

Weiter südlich häufen sich Gummi- und Palmölplantagen. In endlosen Rhythmen ziehen Palmengewölbe und Kautschukkolonaden an uns vorbei. Nach langer Fahrt tauchen wir – es ist längst dunkel – in das Lichtermeer von Singapur ein. Wir sind wieder in einer anderen Welt. Mehr denn je fällt auf, wie geordnet und durchgestaltet, mit anderen Worten, wie künstlich eine solche Stadtwelt ist. Der Bus fährt durch die endlosen Vororte der Millionenstadt, dann mitten durch das märchenhafte Geglitzer des Zentrums, in dem unter bunt angestrahlten Palmen auf betörende Weise orientalischer Luxus zur Schau gestellt wird. Für die meisten Asiaten ist dies das Paradies.

Die Kinder begrüßen das altmodische Hotel, wo wir unser Gepäck abholen müssen, als sei es ihr Zuhause. Vor zwei Wochen war die Stimmung noch eine andere. Vom blitzblanken Australien kommend war ihnen das altchinesische, leicht schmuddelige Gemäuer in einem der letzten traditionellen Viertel der Stadt noch alles andere als geheuer vorgekommen. Reisen, so zeigt sich erneut, heißt Maßstäbe ändern.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 18

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

4.4.1985

Das Frühstück findet in einem sauberen Miniaturpfannkuchenrestaurant gleich gegenüber dem Hotel statt. Es ist direkt an die große Moschee gebaut. Eine Tür führt von dort ins Innere des Gotteshauses, das wir auf diese Weise besichtigen können. Es ähnelt mit seinem geschlossenen Innenraum dem einer Kirche.

Für das Besichtigungsprogramm des Tages bietet sich wieder die Schwimmbadlösung an. Dadurch erlangen Judi und ich freie Hand für die Paläste der Babachinesen, jene Häuser mit den auffallenden Fassaden, die wir am gestrigen Abend durch Zufall entdeckt haben.

Die Geschichte der Babachinesen scheint aus 1001-Nacht zu sein. Der Kaiser von China kommt darin vor und 500 schöne Brautjungfern. Diese kamen einst mit der Tochter des Kaisers aus dem fernen China, als diese den Sultan von Malakka heiratete. So feierte man ein großes und prächtiges Hochzeitsfest. Es war aber auch Politik im Spiel. Der Kaiser dachte, als er seine Tochter mit dem Muselmanen vermählte, auch ein wenig an die Straße von Malakka. Die Idee, viele Brautjungfern mitzusenden, war Teil seiner Geostrategie und erwies sich als sehr weitsichtig. Die jungen Damen, die ohne Zweifel äußerst anmutig waren, heirateten nämlich hochstehende Malayen. Ihre Nachkommen wurden schließlich die Babachinesen, welche eine besondere Oberschicht bildeten und die malayischen und die chinesischen Traditionen pflegte. Natürlich sorgten sie dafür, dass das Verhältnis zu China freundlich gestaltet wurde – Kolonialismus auf chinesisch. Die Babachinesen wurden reich und leben, da sie nicht gestorben sind, noch heute. Und zwar nicht schlecht, wie eine Besichtigung ihrer Häuser zeigt.

Wir gehen die Straße auf und ab, in der sich die schönsten ihrer Prachthäuser befinden. In einige kann man hineinschauen und stellt fest, dass sie – wiewohl eher schmal – äußerst geräumig sind. Wie Reihenhäuser sind sie in die Tiefe gebaut, entsprechend den günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Babachinesen allerdings ein bisschen weiter, als man es sonst kennt, im Schnitt fünfzig bis siebzig Meter.

Die meisten haben einen Eingangsraum, über den normale Besucher nicht hinauskommen. Auch hier muss man aber nicht darben. Prächtige altchinesische Malereien hängen an den Wänden und die Möbel sind wahre Wunderwerke der Schnitzkunst, ungeheure Anhäufungen von Ornamenten mit Perlmuteinlagen, die kaum zum Benutzen vorgesehen zu sein scheinen. Manche Häuser muten wie chinesische Tempel an. Sie haben große Hallen mit den üblichen schwarz-roten Balkenkonstruktionen. In anderen findet sich das ganze Repertoire europäischer Palastinnenarchitektur – Stuckaturen, Säulen mit Prachtkapitellen, Akanthusrankenfriese etc.

Einige der Häuser kann man besichtigen, darunter das vielleicht prächtigste. Es ist ein wahres Schloss von einem Reihenhaus. Der Eintrittspreis ist ebenfalls hochherrschaftlich. Für einen Schnelldurchgang lässt man uns den Preis nach. Schon der erste Eindruck stellt alles in den Schatten, was wir hier gesehen haben. Die Möbel der Eingangsräume sind wahre Exuberanzen des Ornaments im chinesischen Stil. Dann kommt der Salon, der alles übertrumpft. Man ist im Stil eines asiatischen fin de siècle eingerichtet, elegant und verspielt. Wir dürfen auch die inneren Gemächer betreten. Im Zentrum des Hauses ist ein Atrium, das Licht für die umliegenden Zimmer gibt. In seiner Mitte befindet sich ein Bassin, rund herum läuft ein Rankenfries. Besonders prachtvoll geschnitzt ist die Treppe, die in das Obergeschoß führt.

In der Tiefe des Hauses folgen eine Reihe weiterer Räume. Sie sind mit europäisierenden Möbeln ausgestattet, die im 19. Jahrhundert offenbar in Malakka hergestellt wurden. Ansonsten geht es eher viktorianisch zu. Besonders herausragende Stücke hat man in Vitrinen ausgestellt, den Hochzeitsornat eines Babachinesen aus feinstem Brokat mit Seide, wertvolles chinesisches Porzellan und eine prächtig gedeckte Tafel. Am Ende des "Hauses" gelangen wir in die Küche, die zur Verköstigung einer ziemlich großen Familie ausgelegt ist. Reihenweise hängen blankgeputzte Kupfertöpfe an den Wänden.

Die ganze Anlage ist noch geräumiger als die anderen Familienpaläste der Babachinesen. Man hat drei Häuser zusammengelegt, zwei an der Straßenfront, – dadurch ist das Anwesens ungewöhnlich breit – und ein weiteres im hinteren Bereich. Mit dem Atrium und der Tiefenstaffelung erinnert es an pompeianische Häuser. Vermutlich haben die Architekten – es sollen Europäer gewesen sein – angesichts des heidnischen Reichtums der Babachinesen an die antike Luxusstadt gedacht. Der Stil, der sich hier entwickelt hat, wird daher, nicht zu Unrecht, malakkischer Palladianismus genannt. So fern, wie wir im Dschungel von Taman Negara dachten, war der italienische Vitruv also gar nicht von Malaysia.

Wir haben die Besichtigung schon fast beendet und sind, da wir den niedrigen Preis mit der Zusage eines kurzen und ungeführten Rundgangs erhandelt haben, schon auf dem Sprung, dieses innenarchitektonische Wunderwerk wieder zu verlassen, als uns ein freundlicher mittelalterlicher Herr anspricht und beginnt, uns in gepflegtem Englisch die ausgestellten Dinge zu erläutern. Es stellt sich heraus, dass es der Hausherr persönlich ist. Bereitwillig erzählt er uns über die einzelnen Einrichtungsgegenständen und deren Beziehung zur Familiengeschichte. Damit füllt sich mit Leben, was bislang nur Kunstgewerbe war. Die Bilder an den Wänden werden zu den Eltern und Großeltern unseres Führers, er selbst ist als Kind auf einem Familienfoto zu sehen. Die Gegenstände erhalten eine Funktion und werden mit bestimmten Ereignissen verknüpft. Der alte Buick etwa aus den 30-er Jahren, der auf einem Bild zu sehen ist, ist der Wagen des Großvaters; die fertig gedeckte Tafel ist für die Totenmahlzeit bestimmt, die den Ahnen einmal im Jahr zubereitet wird. Eindrucksvoll berichtet unser Cicerone über den Ahnenkult, der jeweils drei Generationen zurückreicht und die zentrale "religiöse" Pflicht des Chinesen ist.

Die Ahnen zu ehren, hat der nette Herr allerdings Grund genug. Sie legten im 19. Jahrhundert den Grundstein für den offenbar ernormen Besitz der Familie. Als Unternehmer der ersten Generation begannen sie Mitte des letzten Jahrhunderts mit dem Zinnabbau, wurden binnem Kurzem sehr wohlhabend, bauten das Prachthaus und statteten es mit allem Komfort aus, den China und Europa zu bieten hatten. Das Bad ist mit italienischen Fließen gekachelt, die Möbel kommen zum Teil aus England. Und man hatte im fernen Malaysia bereits ein Auto, als dies selbst in Europa noch ein seltener Luxus war. Es versteht sich, dass man hoch gebildet war, Europa bereiste und Pretiosen sammelte. Stolz erläutert uns der Hausherr die herrlichen Stücke von chinesischem Porzellan, die überall im Hause zu finden sind. Die nachfolgenden Generationen haben mit den Pfunden der Ahnen weitergewuchert und auf den jeweils neuesten Märkten Malaysias immer eine führende Rolle gespielt. Unser Führer ist – natürlich – im Ölgeschäft und geht im Ölhochhaus von Kuala Lumpur ein und aus.

Man könnte meinen, dass dieser steinreiche und in großen Geschäften stehende Mann anderes zu tun habe, als ein paar beliebige Touristen durch sein Haus zu führen (das er übrigens nicht mehr bewohnt; er hat sich ein neues Haus gebaut, weil ihm das Reihenhaus zu eng und zu unmodern geworden war.) Das Gegenteil ist der Fall. Mit geradezu naiver Freude an der Geschichte seiner Familie führt er uns durch sein Reich. Zu keinem Zeitpunkt müssen wir den Eindruck gewinnen, dass er die Führung hinter sich bringen wolle. Ganz unbefangen plaudert er über seine Jugend und seine geschäftlichen Erfolge. Schließlich lädt er uns auch noch zu Tee und Gebäck ein.

Jetzt rächt sich unsere Sparsamkeit. Wir müssen bei unserer Legende bleiben, wonach wir in Eile seien. Wiewohl wir liebend gerne noch mehr vom Märchen der Babachinesen gehört hätten, müssen wir, indem wir wartende Kinder vorschieben, auf unseren Abgang drängen. Auch dies geht aber nicht ohne ein Photo vom Hausherrn vor der prächtigen Kolonadenfassade seines Hauses ab. Und er besteht darauf, auch uns davor abzulichten.

Herzlicher Abschied nach dieser höchstpersönlichen Führung durch das Paradies der Babachinesen. (wieder ein Paradies – es scheint deren mehrere zu geben.) Allzu viele Besucher des Palastes dürften diesen Service in Zukunft allerdings nicht genießen. Das Gebäude wurde, auf Bitten des Touristenbüros, erst vor wenigen Tagen für Besucher geöffnet. Noch ist der Besuch der Touristen auch für den Besitzer ein Abenteuer.

Goldenes Malakka. Die Babachinesen setzen seine große Handelstradition fort. Die Stadt war allen politischen Wechselfällen zum Trotz immer ein besonders glücklicher Nutznießer der Eitelkeiten, die das Gold repräsentiert. Erst war es der Pfeffer – klein aber gehaltvoll – ,der hier umgeschlagen wurde. In Europa wurde er mit Gold aufgewogen. Malakka wurde dadurch ein kosmopolitisches Handelszentrum, in dem, wie ein Reisender um 1450 berichtete, 84 Sprachen gesprochen wurden.

Politisch sollte das "braune Gold" der Stadt (wie dem größten Teil der Welt) zum Verhängnis werden. Der Pfeffer wurde zum Gewürz der Weltgeschichte. Aber es wurden europäische Gerichte damit gewürzt. Die Gier nach dem "braunen Gold" und der Wille, unliebsame Zwischenverdiener wie Malakka auszuschalten, war in Europa so groß, dass man die sagenhaften Pfefferinseln zu suchen begann, was das Zeitalter der Entdeckungen auslöste. Malakka wurde dadurch zum Spielball der Kolonialmächte, aber es blieb Drehscheibe des Ostasienhandels.

Als man im 19. Jahrhundert in Malaysia die wichtigsten Zinnvorkommen der Welt fand, profitierte wiederum Malakka vom nunmehr grauen Gold und als alle Welt Autos und also Reifen haben musste, vom Saft der Gummibäume – weißem Gold. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich der Schwerpunkt des Ostasienhandels zwar mehr und mehr nach Singapur. Dann aber wurde schwarzes Gold in Malaysia gefunden. Jetzt hatten die Bürger von Malakka, die bereits vom grauen und weißen Gold reich geworden waren, allen voran die Babachinesen, das Kapital für die erforderlichen Investitionen in die Ölindustrie. Damit verdienen sie sich heute eine goldene Nase.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Um 1715 Georg Philipp Telemann (1681 – 1767)Konzert für zwei Flöten, Violine, Violoncello und Streicher

Telemann hat man lange für einen flachen Vielschreiber und musikalischen Großunternehmer gehalten, der eine Art Fließbandverfahren zur Herstellung von klingender Massenware praktizierte. Diese Bewertung kam im 19. Jh. auf und stützte sich hauptsächlich auf dem ungeheureren Umfang des Telemann`schen Gesamtwerkes, das größer als das von Bach und Händel zusammen ist, die auch nicht gerade im Ruf mangelnder Fruchtbarkeit stehen. Das Urteil kontrastiert allerdings auf`s Deutlichste mit der Wertschätzung, welche die Kenner in ganz Mitteleuropa dem umtriebigen Sachsen zu seinen Lebzeiten entgegen brachten – Johann Sebastian Bach etwa erhielt seine Stelle als Thomaskantor in Leipzig erst, nachdem Telemann abgesagt hatte. Es beruhte auch nicht auf einer wirklichen Kenntnis seiner Kompositionen. Eine solche war schon deswegen kaum möglich, weil man diese Werke im 19. Jh. nicht spielte. Außerdem waren die Noten – eine Folge seiner Beliebtheit – über halb Europa verstreut und im Übrigen weitgehend verschollen. Telemanns Werk war daher auch nicht annähernd zu überblicken. Eine systematische Erfassung erfolgte erst in den letzten Jahrzehnten und selbst diese ist noch voller Lücken. Seitdem hat sich die Einschätzung dieses Komponisten deutlich gewandelt. Je mehr Werke aus den Archiven von Kirchen und Fürstenhäusern gezogen werden, desto deutlicher wird, welch ein außerordentlich einfallsreicher Musiker er war und dass er sich immer auf der Höhe der musikästhetischen Fragestellungen seiner Zeit befand. 

Neben seinem riesigen kirchenmusikalischen Werk hat Telemann auch eine Fülle von Instrumentalmusik für alle möglichen Anlässe geschrieben, darunter eine große Zahl von Konzerten. Bekannt sind heute rund 100 Werke allein dieser Gattung. Weit mehr gelten als verschollen. Bemerkenswert ist die große Breite der Formen. Es gibt drei und viersätzige Konzerte, Werke im französischen oder in Vivaldis Stil, Solo- Doppel- und Gruppenkonzerte mit bis zu vier Soloinstrumenten und Concerti grossi. Auch bei der Besetzung herrscht eine große Vielfalt mit zum Teil sehr aparten Kombinationen, etwa mit so seltenen Instrumenten wie Violetten, Clarinen oder Chalumeaux.

Dem ungeachtet nahm Telemann gegenüber der Form des Konzertes eine skeptische Haltung ein. In einem autobiographischen Text von 1731 begründete er dies damit, dass „ich in den meisten Concerten … zwar viele Schwierigkeiten und krumme Sprünge, aber wenig Harmonie und noch schlechtere Melodie antraff, wovon ich die erstere hasste, weil sie meiner Hand und Bogen unbequem waren und wegen Ermangelung der letzteren Eigenschaften (Harmonie und Melodie), als wozu mein Ohr durch die Frantzösischen Musiquen gewöhnt war, nicht lieben konnte noch imitieren mochte.“ Sein eigenes künstlerisches Credo formulierte er demgegenüber in den Versen:

Ein Satz, der Hexerey in seine Zeilen fasst,

Ich meine, wann das Blatt viel schwehre Gänge führet,

Ist musicierenden fast immer Last,

wobei man offtmals genug Grimassen spühred,

ich sage ferner so: Wer vielen nutzen kann,

Thut besser, als wer nur für wenige schreibet;

Nun dient, was leicht gesetzt, durchgehend jedermann:

Drum wirds am besten seyn, dass man bei diesem bleibet.“ 

Dieses Bekenntnis hat in einer Zeit, in der man „schwer-gängige“ Musik liebte, sicher dazu beigetragen, dass Telemann als künstlerisches Leichtgewicht angesehen wurde. Heute neigt man eher zu der Ansicht, dass er ein Vorläufer der Frühklassik war, die unter anderem mit der  Empfindsamkeit ein ähnliches Musikideal propagierte.

Das viersätzige Konzert für zwei Flöten, Violine, Violoncello und Streicher dürfte wie die meisten seiner Konzerte in Telemanns Zeit als städtischer Musikdirektor in Frankfurt in den Jahren 1712-1721 entstanden sein. Im Vordergrund stehen auch hier nicht der Wettstreit der „Parteien“ oder die virtuose Zuschaustellung der Solisten, sondern die thematische Verknüpfung von Solo und Tutti und damit die Verständlichkeit der Komposition. Jeder der vier Solisten hat dennoch seinen großen Auftritt. Zusammen entwickeln sie dann eine barocke Klangpracht, die ihres Gleichen sucht. Telemanns programmatischen Vorstellungen entsprechend gibt es natürlich genügend Harmonie und gute Melodien. Das gilt in besonderem Maße für den langsamen Satz, in dem  vor dem Hintergrund einer Siciliano-Begleitung auf höchst empfindsame Weise ein liedhaftes Motiv weit ausgesponnen wird. Angesichts dieses eindrucksvollen und zugleich unterhaltsamen Werkes versteht man nur zu gut, warum Telemann in seiner Zeit so außerordentlich hoch geschätzt wurde. Erstaunlich ist allerdings, dass das Stück heute kaum bekannt ist und selten gespielt wird. Dies ist eigentlich nur damit zu erklären, dass das alte Pauschalurteil über diesen großen Musiker noch immer nachwirkt.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies –Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 17

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Wir schlendern durch die Gassen mit ihren aneinandergebauten kleinen Häusern. Hübsche Fassaden finden sich hier und dort. In der Nähe der Tempel kommen wir an einer chinesischen Sargschreinerei vorbei. Die großen geschwungenen Behältnisse aus massivstem Holz – Hauptteil und Abdeckung bestehen jeweils aus einem Stück – sind auf der Straße gestapelt. Sie sind so schwer, dass man mehrere Personen benötigt, um sie auch nur anzuheben. Mancher Urwaldriese landet so auf einem chinesischen Friedhof.

Unerwartet stehen wir vor einem Komplex von rot getünchten Gebäuden. Ein Hauch von Heimat weht um diesen Platz. Hier befand sich das alte holländische Verwaltungszentrum aus dem 17. Jahrhundert. In rötlicher Eintracht stehen "Palast" und Kirche, die Insignien kolonialer Macht, nebeneinander. Von diesem bescheidenen Platz, der sich in einer europäischen Kleinstadt befinden könnte, wurde einst das riesige hinterindische Kolonialreich regiert, ein Reich, das um vieles größer war als das des jeweiligen "Mutterlandes". Es liegt eine merkwürdige Ironie in der Vorstellung, dass die großen Entdecker und Eroberer von einem solchen Provinzstädtchen träumten, wenn sie an Gewürzinseln und Fernosthandel, ja an die Herrschaft über ganz Südostasien dachten. Nur zu deutlich zeigt die idyllische Beschränktheit dieses Machtzentrums, mit welcher Arglosigkeit die Einheimischen den europäischen Welteroberern begegneten. Und sie legt die ganze Schamlosigkeit bloß, mit der sich die "Langnasen" fremden Eigentums bemächtigten.

Wir betreten den verschachtelten ehemaligen Verwaltungspalast. Er ist eher spartanisch eingerichtet. Heute befindet sich dort eine erstaunlich großmütige Ausstellung über die Epoche europäischer Hypertrophie, in der Wahrnehmen und In-Besitz-Nehmen nur schlecht getrennt wurden. Auch vom vorkolonialen Malakka ist einiges zu sehen, vor allem Darstellungen des alten Sultanspalastes, der eine wahre Apotheose malakkischer Spitzgiebeligkeit gewesen sein muss. Man kann düstere Spekulationen darüber anstellen, warum von ihm nichts mehr übrig ist.

Spätestens diese Ausstellung hat ein Problem verdeutlicht. Mit dem Anwachsen des kulturellen und historischen Angebotes beginnt die Interessenlage von Erwachsenen und Kindern auf dieser Reise erstmals deutlich auseinanderzudriften. Erstaunlicherweise findet sich eine Lösung, die beiden "Parteien" gerecht wird. Malakka hat ein Schwimmbad. Ich nehme zur Abkühlung der Gemüter den heißen Gang zurück in die Stadt in Kauf, um im Hotel die Badesachen zu holen. Dann gehen die Kinder einem kühlen Schwimm- und die Eltern einem weniger kühlen Besichtigungsvergnügen nach.

Man muss in Malakka das älteste "europäische" Gebäude Asiens gesehen haben – eine Festung – mit dazu gehörender Kirche versteht sich. Viel ist von der einst mächtigsten portugiesischen Festung im fernen Osten nicht übrig, im Wesentlichen ein prächtiges Tor und die Ruine der Kirche. Albuquerque, der große portugiesische Welteroberer der ersten Generation, ließ das Bollwerk Anfang des 16. Jahrhunderts bauen, nachdem er im Jahre 1511 die schon damals bedeutende Handelsstadt mit nur 800 Portugiesen "eingenommen" hatte. Die Festung war der vorläufige Schlussstein im neuen Weltreich des kleinen europäischen Seefahrervolkes.

Man brauchte damals nicht viel, um ein Weltreich aufzubauen. Eine Festung in Mozambique, die eine oder andere in Indien, eine weitere in Malakka und der Segen des Papstes – das war die Grundlage für die Herrschaft über die Hälfte der – neuen – Welt. Diese hatte Portugal anno domini 1494 – Amerika war gerade entdeckt – im Vertrag von Tordesillas vom Papst zur Aneignung erhalten. Auf westlich-rationale Weise zog man in diesem wohl erstaunlichsten Vertrag der Weltgeschichte in der Nähe der Kapverdischen Inseln kurzerhand einen geraden Strich von Pol zu Pol und teilte so die neue Welt gerecht zwischen den "Findern" Spanien und Portugal. Fünfunddreißig Jahre später, als die "Parteien" dieses Vertrages zu Lasten Dritter nähere Kenntnis von der Lage und dem ungeheuren Umfang der Beute hatten, präzisierten sie die Grenzziehung noch einmal im Vertrag von Saragossa. Bei der Auslegung des Vertrags von Tordesillas waren nämlich unerwartete Schwierigkeiten aufgetreten. Albuquerque hatte die molukkischen Gewürzinseln, um die sich die Welt damals drehte, 1512 von portugiesischer Seite, also von Osten kommend, entdeckt. Die Spanier hatten sie zehn Jahre später von Westen, also von ihrer Seite gefunden. Irgendwo in der Nähe der Molukken verschwimmen nun aber aus europäischer Sicht Ost und West, so dass die schöne klare Grenzziehung von Tordesillas ausgerechnet bei den heißbegehrten Gewürzinseln ins Wanken geriet. Darüber hinaus stritten die ehrenwerten Finder um den „rechtsgültigen“ Aneignungsmodus. Albuquerque hatte die Inseln zwar als Erster entdeckt, er hatte aber – ein unverzeihlicher Fehler für einen rechten Eroberer – vergessen, sie in der erforderlichen förmlichen Weise in Besitz zu nehmen. Das wiederum hatten die verspäteten Spanier nicht versäumt. (wahrscheinlich haben sie eine Fahne in den Strand gesteckt und ein paar hohe Worte in den Wind gesprochen). Nachdem, wie man sieht, beide gute Gründe für ihren Anspruch auf die Inseln hatten, einigte man sich unter Gentlemen. Die Portugiesen bekamen die ostasiatischen Kleinode. Spanien musste sich mit dem unförmigeren amerikanischen Kontinent trösten, was ihm, wie bekannt, nicht sonderlich schwer gefallen ist.

Eine Hinterlassenschaft aus dieser Zeit, ist auch die Portugiesische Siedlung. Wir fahren mit dem Bus einige Kilometer die Küste entlang und schlendern durch die Straßen dieser menschlichen Insel. Hier wohnt, 350 Jahre nach der Vertreibung der Portugiesen durch die Holländer, eine zirka 2000 Personen starke Kolonie, die Traditionen aus der portugiesischen Zeit beibehalten hat. Die Portugiesen hatten keine Einwendungen gegen eine Vermischung der Rassen. Noch heute soll man hier, wenn man genau hinsieht europäische Gesichtszüge feststellen können (man muß in der Tat ziemlich genau hinschauen). Die handvoll Mischlinge, die übrig geblieben ist, hat sich über die Jahrhunderte nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch die portugiesische Sprache erhalten, was angesichts der gänzlich andersartigen Umgebung und der völligen Abkoppelung vom "Mutterland" wie ein soziales Wunder erscheint. In der Siedlung, die einen gewissen Wohlstand ausstrahlt, sind allenthalben Hinweise auf christliche Gebräuche zu sehen. Wahrscheinlich ist das, was von der portugiesischen Sprache übrig geblieben ist, eine Fundgrube für Sprachhistoriker.

Es herrscht eine entspannte Abendstimmung in der lebhaften kleinen Kolonie. Zahlreiche Kinder spielen auf der Straße. Alle scheinen aufgeräumt den lauen Abend zu genießen.

In der anbrechenden Dämmerung laufen wir ein gutes Stück in Richtung Stadt zurück. Den Rest fahren wir mit dem Bus. Ein gesprächiger Inder will wissen, welche Früchte wir in Malaysia kennen gelernt haben. Wärmstens empfiehlt er uns die Eierfrucht, ein stachliges Riesengewächs in der Form eines überdimensionalen Schwartemagens, das hier überall in den Läden zu haben ist. Sie ist vermutlich die größte Baumfrucht, die die Welt kennt, kann mehr als einen halben Meter lang sein und über 10 Kilogramm wiegen. Wehe wem das Obst auf den Kopf fällt.

Fröhlich kommen uns am Schwimmbad die ausgetobten Kinder entgegen. In der Nähe des Strandes essen wir in einer geradezu unasiatisch ordentlichen Ansammlung von Straßengarküchen. Der Nachtisch wird im Hotel in Form eines Ananaswettessens gereicht. Die Kinder meinen, jeder eine ganze Ananas essen zu können. Die Augen sind aber größer als die Mägen.

Wir spazieren noch ein wenig durch die abendlichen Gassen. Gegenüber dem Tempel dringt aus einem Haus lautes Trommeln. Wir schauen in den Eingang hinein und werden Zeugen der Probe für einen wilden Drachentanz. Junge Leute hantieren mit einer furchterregenden Drachenmaske, die von zwei Personen im textilen Körper des langen Ungetiers getragen wird. Der Drache soll sich zu ohrenbetäubenden Trommelschlägen aufbäumen, wozu der eine Träger blitzschnell auf die Schultern des anderen klettern muss. Man ist mit großem Eifer und beachtlicher Akrobatik bei der Sache. Auch die Kleinen – sie sind höchstens 6 bis 8 Jahre alt – dürfen sich beteiligen. Sie versuchen sich an den komplizierten Rhythmen der Trommel, was sie mit Verve und Bravour bewerkstelligen.

Beim letzten Gang durch die Stadt – die Kinder sind bereits im Bett – treffen wir in einer Seitengasse auf eine kleine Halle, die zur Straße hin offen ist. Darin befindet sich eine große Zahl von Chinesen, die nach einem offensichtlich strengen Ritual im Kreis gehen. Die ernsten Mienen und die schwarze Kleidung deuten auf eine Trauerzeremonie. Im hinteren Teil des Raumes ist eine Art Altar aufgebaut, an dem ein Priester hantiert. Nach einiger Zeit schließt er sich dem Marsch der Trauergemeinde an. Ein junger Mann tritt auf die Straße, legt verschiedene Gegenstände aus Papier in die Regenrinne und zündet sie an. Im Raum ist ein ganzer Tisch voller Papiergeschenke für den Toten, darunter Stühle und ein Auto. Nachdem der Marsch beendet ist, hebt im hinteren Teil des Raumes ein lautes Kreischen an. Klageweiber stimmen ein herzerweichendes Geheul an. Danach beginnt sich die Trauergesellschaft zu verlaufen. Man geht seiner Wege, so als habe man die Erfüllung einer Pflicht abgeschlossen. Bei aller Ernsthaftigkeit ist während der ganzen Zeremonie immer Distanz zu spüren gewesen. Das Leid wurde offensichtlich durch das Ritual gebändigt. Es gab keine unkontrollierten Gefühlsausbrüche. Selbst das vehemente Klagegeheul hatte etwas Formales. Nie hatte man den Eindruck, dass der Tod auch für die Lebenden eine Tragödie sei.

Auf unserem Gang durch die Stadt geraten wir in eine schmale Straße, in der sich prächtige Häuserfassaden finden, einige davon sind geradezu palastartig. Wie Reihenhäuser stehen sie unmittelbar aneinander, jede Fassade in einem anderen Stil. Die Palette reicht von klassisch-chinesisch bis zum europäischem Klassizismus. Die Straße bedarf dringend der Nachbearbeitung bei Tageslicht.

Den Rest des Abends verbringen wir in einem größeren Gartenrestaurant, in dem sich das bescheidene Nachtleben von Malakka zu konzentrieren scheint. Junge Leute fahren mit Autos und Motorrädern vor. Sonst tut sich nicht viel. In der Nacht genießen wir unsere Klimaanlage.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 16

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3.4.1985

Abfahrt von K-L. Früh raus, keine Zeit für ein richtiges Frühstück, Rucksäcke auf und zum riesigen Busbahnhof, wo schon großes Gedränge herrscht. Der Bus nach Malakka ist ohne Kühlung, es steht also eine heiße Reise bevor. Die Fahrt durch die Vorstädte von Kuala Lumpur zeigt, dass das Reihenhauszeitalter auch im dünnbesiedelten Malaysia angebrochen ist. Es folgen palmenumrandetes Land, Felder, Plantagen. Irgendwo am Straßenrand, wo der Bus anhält, versuchen wir vergebens, unser mageres Frühstück nachzubessern.

Mit der Annäherung an Malakka ändert sich der Stil der Häuser. Immer häufiger finden sich romantisch anmutende geschweifte Dächer mit spitzen Giebeln, die sich wie Schiffsschnäbel in die Höhe recken. Bei neueren Bauten sind gelegentlich ganze Dachorgien aufeinandergetürmt. Überhaupt ist eine deutliche Betonung des spielerischen Elementes in der Architektur festzustellen, hübsche Schnitzereien finden sich, Erker, prächtige Eingangstreppen. Dazu sind die Häuser malerisch in Palmenhainen verstreut. Die Fahrt durch diese üppige Kulturlandschaft ist eine einzige Freude voller Abwechslung. Irgendwo verlassen wir die stark befahrene Nord-Süd Straße und nähern uns auf kleineren Straßen der alten Hafenstadt Malakka.

Der Name Malakka hat einen großen Klang. Es schwingt etwas von Seefahrtabenteuern darin, Pfeffer ist im Spiel, Piraten und Weltpolitik. Die Stadt beherrschte einst die wichtige Meeresstraße zwischen der malayischen Halbinsel und Sumatra und war Zentrum eines mächtigen Reiches. Ihr Ruhm war so groß, dass man nicht nur dieses Meerestor nach Ostasien, sondern auch die ganze riesige Halbinsel nach ihr benannte.

Der erste Eindruck dieser Stadt von einst welthistorischer Bedeutung ist nicht eben bedeutend. Der Bus hält – unmotiviert, wie es scheint – auf einem kleinen Platz in einem nichtssagenden modernen Viertel. Weit und breit ist nichts von Piraten und Pfefferkontoren zu sehen. Dazu kommt, dass der Versuch, unseren inzwischen mächtig angewachsenen Hunger zu stillen, fehlschlägt. Vergeblich laufen wir die Umgebung der Bushaltestelle nach einem geöffneten Restaurant ab. Es ist zwei Uhr. In einem ordentlichen Büroviertel ist die Mittagszeit dann wohl vorbei.

Ein Passant, den wir nach Hotels gefragt haben, versucht uns – wieder einmal – davon zu überzeugen, dass für uns ein solches nur in den modernen Teilen der Stadt, also in der Nähe der Bushaltestelle, in Frage kommen könne. Als wir uns dennoch auf den Weg ins alte Zentrum begeben, läuft er uns nach, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir die falsche Richtung eingeschlagen hätten. Wir bleiben unserer antiquarischen Linie aber treu. Der Erfolg scheint uns schon bald recht zu geben.

Ein erster Hauch von fernöstlicher Seeromantik zieht vorbei. Wir überqueren einen kleinen Fluss, in dem einige abenteuerlich anmutende Holzdschunken liegen. Das war es aber dann auch schon. Jenseits des Flusses tut sich eine Kleinstadtidylle auf, enge Gassen mit niedrigen Häusern, in deren Untergeschoß sich chinesische Läden befinden, in denen Allesmögliche verkauft wird – das Ganze ziemlich geordnet und nicht gerade exotisch. Eine kleine Moschee von merkwürdig "unislamischem" Aussehen fällt auf. Mit ihrem grünen Dach und den gedrungenen Proportionen sieht sie irgendwie tropisch aus – hier muss Sumatra im Spiel sein. Die riesige Nachbarinsel – sie ist fast viermal so groß wie der malaysische Teil der Halbinsel Malakka – gehörte einmal fast ganz zum Reich von Malakka. Ihr Einfluss spiegelt sich auch in den "fremdländischen", weil nicht-arabischen Formen der großen Moschee wieder, in deren Nähe wir ein Quartier suchen.

Wir finden "unser" Hotel – in einem typischen Altstadtgebäude mit blumengeschmücktem Innenhof. Es gelingt uns sogar, den erhöhten zivilisatorischen Ansprüchen gerecht zu werden, die wir nach allgemeiner lokaler Meinung stellen sollen. Erstmals leisten wir uns den Luxus von air conditioning. Mitenthalten im Preis – er beträgt für uns fünf etwa so viel wie für eine Person in Deutschland – ist auch ein Bad, überflüssigerweise mit heißem Wasser.

Schon kurze Zeit nach dem Einzug in unser kühles Luxusgemach fällt auch ohne Bad oder Dusche alle Klebrigkeit von uns ab. Die Lebensgeister, die von Hitze und Hunger danieder geworfenen waren, erheben sich wieder. Aber wir sind nicht nach Malakka gekommen, um uns an heimatlichen Temperaturen in einem Hotelzimmer zu erfreuen. Also machen wir uns wieder auf den Weg. Beim Verlassen unseres Zimmers wird nun umso deutlicher, welche Verhältnisse draußen herrschen. Feucht-heiße Luft schlägt uns entgegen, dass es uns fast den Atem verschlägt. Nach einiger Zeit hat man sich aber daran wieder gewöhnt.

Was hat Malakka zu bieten? Zunächst hoffentlich etwas zu Essen. Schon wenige Meter von unserem Hotel entfernt, findet sich eine kleine chinesische Spelunke, die wir zum Erstaunen der Einheimischen betreten. Man schenkt uns darob besonders freundliche Aufmerksamkeit und bereitet uns ein sehr schmackhaftes Mahl. Dann kommen andere Köstlichkeiten. In der gleichen Straße befindet sich, nicht weit von der eher bescheidenen großen Moschee, der alte chinesische Tempel, ein wirklich "großes", originales Bauwerk aus einer Zeit, lange bevor die Engländer die Vorfahren der heutigen malaysischen Chinesen als Arbeiter für Plantagen und Zinnminen ins Land holten. Der Tempel wurde Anfang des 18. Jahrhunderts von einem großen chinesischen Baumeister gebaut und soll einer der schönsten außerhalb Chinas sein. Ein ganz anderes und ganz neues malaysisches Abenteuer beginnt.

Nach all der Natur und der nur nachempfundenen religiösen Architektur im jungen Malaysia stehen wir erstmals vor dem gewachsenen Bauwerk einer fernen alten Hochkultur: außen geschweifte Dächer, dezent geschmückt mit feinen, lackierten Szenerien, an der geschwungenen Giebelwand eine Reihe locker hingeworfener Fresken; im Innern raumschaffende Balkenkonstruktionen, Betonung der Breite mehr als der Tiefe, schwarze und tiefrote Farben, durchsetzt mit Gold, überall elegante Schnitzereien; alles sehr ehrwürdig. Viel Betrieb herrscht um den Tempel nicht. Der Mangel an steifer Würde und Weihe fällt auf. Die einheimischen Besucher bewegen sich mehr wie an einem Ort, an dem man zu Hause ist. Eine Frau – sie gehört offenbar zu den Tempelbetreuern – schenkt den Kindern getrocknete Pflaumen, die man wohl im Tempel verspeisen soll. Ganz unbefangen streichelt sie den Kindern über die Blondschöpfe. Im Tempel verrichten Chinesen rituelle Handlungen. Man schüttelt aus einer Blechdose, in der sich ein Bündel dünner Stäbchen befindet, geräuschvoll ein einzelnes Stäbchen heraus. Scheitert der Versuch, der einige Geschicklichkeit erfordert, fällt also mehr als ein Stäbchen auf den Steinboden, wird das Ganze ohne einen Anflug von Peinlichkeit wiederholt. Andere werfen kleine abgerundete Hölzer auf den Boden und lesen sie wieder auf. Es scheint sich um so etwas wie himmlische Glücksspiele zu handeln, eine Mischung von aktiver Zukunftsgestaltung und Schicksalsergebenheit, die, wiewohl sie auch für andere Religionen nicht untypisch ist, hier besonders ins Auge fällt.

Draußen im Hof des Tempels befinden sich einige Blechtonnen, in denen Feuer lodert. Wir beobachten eine alte Frau, die gerade dabei ist, Gegenstände aus Papier zu verbrennen, darunter, wie sich bei näherem Hinsehen erweist, Papierhemden. Mit dieser Beobachtung löst sich ein Rätsel, das sich uns auf dem Weg zum Tempel gestellt hat. In einigen Läden haben wir eine Menge ziemlich fragil erscheinender Bekleidungsstücke gesehen. Vor allem die Schuhe schienen – bei aller Preisgünstigkeit – reichlich leicht gebaut. Sie sind, was uns jetzt klar wird, ebenfalls aus Papier und werden, wie die Hemden, verbrannt, um die Bedürfnisse der Ahnen im Jenseits zu befriedigen. Das gleiche gilt für alle anderen Waren in diesen Geschäften. Liegestühle, Schränke, Betten und Geschirr – der gesamte angebotene Hausrat ist von Papierqualität, was uns, wie offenbar den Ahnen, zunächst auch nicht aufgefallen war. Es scheint, dass die Chinesen bei den Ahnen Bedürfnisse vermuten, die weit über das hinausgehen, was nach unseren Vorstellungen durch himmlische Notwendigkeiten bedingt sein könnte. Sie begnügen sich daher nicht damit, die Ahnen mit Segenswünschen und Fürbitten auszustatten, sondern gewähren ihnen greifbaren Komfort. Erstaunlicherweise lassen sie die Vorfahren sogar am technologischen Fortschritt teilnehmen. Via Verbrennung schicken sie ihnen auch Gegenstände, die ihnen zu Lebzeiten noch nicht bekannt sein konnten. Es gibt Kameras aus Papier, Radios, Videorecorder und Fernsehgeräte. Dabei haben die Fernsehgeräte ein erfrischend kühles Bild von den Schweizer Alpen auf dem Schirm, dem Wunschtraum eines jeden Bewohners der Tropen, die es offenbar auch im Jenseits gibt.

Größere Gegenstände wie Autos und Häuser bieten die Ahnenfachgeschäfte praktischerweise in verkleinerter Form an. Es scheint, dass die Dimensionen im Jenseits variabel sind (eine Vorstellung, an der Einstein seine Freude gehabt hätte). Im Übrigen kann man für wenig Geld Banknoten kaufen. Die riesigen Nennwerte lassen auf eine jenseitsmäßige Inflation schließen, was bei dieser Art der Geldschöpfung freilich kein Wunder ist.

Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, nach welchen Kriterien sich ein Chinese für ein Geld- oder Sachgeschenk entscheidet. Denn wenn man Geld schenken kann, dann muss es im Jenseits ja auch etwas zu kaufen geben. Sieht man von den erwähnten relativistischen und politökonomischen Problemen ab, kann man davon ausgehen, dass es nach der Vorstellung der Chinesen im Jenseits ziemlich irdisch zugeht. Ihnen fehlt offenbar unser abstrakter Begriff von der ewigen Glückseeligkeit, unter der sich bei uns ja auch niemand so recht etwas vorstellen kann. Tatsächlich haben ja auch die chinesischen Kultfiguren, – etwa die allgegenwärtigen Löwen und Drachen – etwas Handfestes und Unideales.

Angesichts dieser chinesischen Vorstellungswelt kommt man unweigerlich ins Grübeln über den Ursprung und die Folgen der Abstraktion im Religiösen. Jetzt fehlt mir Kulit. Wir hätten uns sicher stundenlang darüber unterhalten, ob die religiösen Abstraktionen, insbesondere die Vorstellung von einem unsichtbaren Gott und einem abstrakten Paradies, welche sich in einer Ecke des östlichen Mittelmeerraumes entwickelte, die in abstrakten Dingen generell recht fruchtbar war, die Suche des Abendlandes nach den unsichtbaren Gesetzen der Wissenschaft und der Technologie provozierte, die später zu der stupenden Durchsetzungsfähigkeit der westlich-rationalen Kultur über alle anderen Kulturen der Welt führen sollte, zu Welteroberung und Kolonialismus, am "Ende" aber auch zu politischer Freiheit und zur "Entdeckung" der Menschenrechte.

In unmittelbarer Nachbarbarschaft dieses Tempels findet sich noch ein weiterer chinesischer Tempel. Den Bürgern von Malakka war das prächtige alte Gebäude offenbar nicht gut oder nicht modern genug. So bauten sie in neuester Zeit gleich daneben mit großem Aufwand einen noch größeren Tempel, dessen weite Hallen nur so von Marmor blitzen. Neben dem ehrwürdigen alten Bauwerk wirkt er neureich und hat keine Atmosphäre.

Wir schlendern durch die Gassen mit ihren aneinandergebauten kleinen Häusern. Hübsche Fassaden finden sich hier und dort. In der Nähe der Tempel kommen wir an einer chinesischen Sargschreinerei vorbei. Die großen geschwungenen Behältnisse aus massivstem Holz – Hauptteil und Abdeckung bestehen jeweils aus einem Stück – sind auf der Straße gestapelt. Sie sind so schwer, dass man mehrere Personen benötigt, um sie auch nur anzuheben. Mancher Urwaldriese landet so auf einem chinesischen Friedhof.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 15

2.4.1985

K L. Vom Hotel aus laufen wir im Schatten der schmalen Laubengänge durch die Reste des Chinesenviertels mit seinen überquellenden Läden. Irgendwo geraten wir in einen chinesischen Tempel mit weitläufigen Haupt- und Nebenräumen, alle mit rot-schwarzem Gebälk und reichen Goldornamenten ausgestattet. Dann kommen Viertel aus neuerer Zeit. Leider fehlen hier die erprobten Laubengänge – vermutlich weil diese Art internationaler Architektur hier genauso wie in Toronto aussehen muss, wo man keiner Laubengänge bedarf. Es wird also heiß.

Eine Zeitlang suchen wir Schutz in einem supermodernen riesigen Bankgebäude. In der weiten Schalterhalle herrscht vielrassige Geschäftigkeit. Nonnenhaft verhüllte islamische Malayinnen arbeiten neben Chinesinnen, die nach dem letzten Schick herausgeputzt sind, wahre Paradiesvögel die einen, trocken prosaisch die anderen, dazwischen Inderinnen, modern und mit dem traditionellen Sari gekleidet. Die Männer geben sich modisch und hell. Es ist das bunte Bild einer jugendlich fühlenden Gesellschaft in Aufbruchstimmung. Von Abkapselung und Intoleranz, die Malaysia schon einige Unruhe beschert haben, ist nichts zu spüren.

Erholt von diesen kühlen Hallen begeben wir uns ins "alte" Zuckerbäckerviertel um den Bahnhof. Türmchen und Erkerchen, Dachhelme und Hufeisenbögen – an den kolonialen Verwaltungsgebäuden ist die ganze Pracht islamisch-asiatischer Formen aufgeboten. Dazwischen fällt der Blick auf die neuen Betongebirge, die den Charme von Tafelbergen ausstrahlen. Aus neuerer Zeit ist auch die Nationalmoschee, ein antizuckerbäckerischer Geradlinienbau, der nicht viel mehr als eine beachtliche Ausdehnung und teure Materialen zu bieten hat. Zur Besichtigung müssen wir uns eine dunkle Robe überwerfen. Darunter können wir ermessen, welche heiße Prüfungen Allah für die Ungläubigen bereit hält.

Nach dem religiösen Nationalmonument folgt das weltliche. Wir sind wieder am Ölfirmengebäude. Diesmal gehen wir hinein – schon weil es darin kühl ist. Drinnen glänzt und blitzt es von poliertem Marmor und Messing. Zum vollständigen Klischee von der geldtriefenden Ölbranche fehlt eigentlich nur noch, dass der „Dallas“-Filmbösewicht J. R. Ewing, der hierzulande ein großes Publikum hat, aus einem der Aufzüge tritt. In dem geschäftigen Gebäude herrscht die Reinlichkeit des Kampongs, allerdings multipliziert mit der Anzahl der Stockwerke des Büroturmes. Zwei Frauen gehen ständig mit überdimensionalen Staubwischern über den ohnehin schon spiegelblanken Steinboden der Eingangshalle.

Nicht weit von diesem Geldtempel befindet sich mitten im Stadtzentrum der Cricket-Club, eine naiv-ländliche Kolonialidylle im Tudorstil mit einem ziemlich platzgreifenden saftig grünen Rasen, das Ganze umragt von Wolkenkratzern.

Wir schlendern durch das traditionelle Geschäftsviertel, bewundern die prächtigen indonesischen Batiken mit ihren sattbraunen Farben auf hellem Untergrund und staunen über Korkschnitzereien aus China, haarfeinen Gebilden, die in immer neuen Variationen luftige Pavillons mit geschweiften Dächern zeigen, die in knorrigen, durchweg von zwei Störchen bevölkerten Landschaften stehen. Am Eingang eines jeden Geschäftes sind Verkaufsstände für die vielfältigen technischen Kleinwaren, die in Süd- und Ostasien hergestellt werden, Taschenrechner, Computerspiele, Billigquarzuhren und Ähnliches. Wir decken uns mit Reisemitbrinseln ein. Die Hitze ist auf dem Höhepunkt angekommen. Deswegen suchen wir in den Kaufhäusern vornehmlich die Nähe der Düsen, aus denen die klimatisierte Luft strömt. Manche der berüchtigten tropischen Erkältungen hat darin ihre Ursache.

Mittagsrast – der Schweiß fließt dabei in besonders ergiebigen Strömen. Wir lassen uns in einem jener Restaurants am Straßenrand nieder, in denen die Einheimischen zu essen pflegen, bestehend aus dem überdachten Gang entlang eines Gebäudes, Tischen und Stühlen in dessen Schatten und einer Reihe improvisierter Küchen, die sich halb auf der Straße befinden. Aus den Gasflaschen strömen mit großem Druck die Flammen, mit denen in zahlreichen Kesseln und Pfannen so heftig gekocht und gebraten wird, dass kaum ein magenturburlierendes Bakterium eine Chance auf Überleben haben dürfte. Die ohnehin durch drangvolle Enge und Menschenmassen wohltemperierte Umgebung wird dadurch noch zusätzlich aufgeheizt. Eine jener köstlichen Nudelsuppen, nahe dem Siedepunkt serviert, tut bei stehender Luft ein Übriges, um unseren Flüssigkeitshaushalt in Bewegung zu halten.

Es ist Mittagszeit. Von überall kommen die Berufstätigen und lassen sich in dem engen Gang nieder. Die chinesischen Köche hantieren mit der Fingerfertigkeit von Taschenspielern in ihren Kochgefäßen. Elegant befördern sie die vorbereiteten Zutaten aus zahlreichen Tellern und Schalen in die brodelnden Töpfe und zischenden Pfannen. In wenigen Minuten sind die schmackhaftesten Gerichte hergestellt. Man darf sich allerdings nicht daran stören, dass dazu auch rohe Fischaugen von der Größe einer mittleren Glasmurmel gehören können.

Wir brechen zur großen Batu-Höhle auf. Einer der vielen Kleinbusse bringt uns in mühsamer, immer wieder von Staus unterbrochener Fahrt an den Rand der Stadt. Er hält vor einem steilen Berg, an dessen Fuß umfangreiche Anlagen zum Empfang größerer Publikumsmassen zu sehen sind. Eine lange steile Treppe – schon ihr bloßer Anblick erzeugt Schweißausbrüche – führt in die riesige Höhle. Der Ort ist wahrlich wildromantisch. Oben am Eingang der Höhle hängen Felsspitzen, die wie in Gustav Dore’s Höllenbildern gewissermaßen mit der Schwerkraft nach unten gewachsen zu sein scheinen. Die Höhle – 50 bis 80 Meter hoch und breit und mehr als doppelt so lang – ist eine heilige Stätte der Hindus. In ihrer bizarren Wildheit scheint sie wie geschaffen für die hinduistische Mystik, die zum Düsteren neigt und daher das Höhlenleben liebt. In einigen Felsnischen sind Brahmanen mit nacktem Oberkörper und weißen Streifen im Gesicht, die mit rußigen Flammen hantieren. Man kann in den dunklen Ecken der Höhle die Spuren größerer Brandopfer sehen. Es fällt nicht schwer, sich das große Hindufest vorzustellen, das hier jedes Jahr stattfindet: Zehntausende, in bunte Tücher gehüllt, füllen dann den Felsendom, allenthalben steigt dunkler Rauch auf, Messingschlagwerk erklingt in eintönigen Rhythmen, gelegentlich hebt ohrenbetäubender Lärm von plärrenden Blasinstrumenten an, der im hohen Gewölbe wiederhallt.

Nach hinten öffnet sich die Höhle wieder. Man findet sich am Boden einer kraterartigen Öffnung. Kreisrunde Wände steigen etwa 50 Meter senkrecht in die Höhe, wo man einen Ausschnitt des Himmels sieht. In den Wänden tummeln sich zahlreiche kleine und kleinste Affen. Auf abenteuerliche Weise bewegen sie sich flink in der steilen Wand und meistern gelassen schier unüberwindlich scheinende Klüfte und Überhänge – möglichst noch mit einem Affenbaby am Bauch. Das Vertrauen der Affen in die Beherrschung ihres Körpers scheint unbegrenzt zu sein.

In Sachen Sozialmoral sind die Affen weniger vorbildlich. Wir haben einige Bananen bei uns, die wir an kleinere Affen und eine Mutter mit Kind verteilen wollen – nach dem Motto: erst die Kinder, dann die Frauen und Mütter etc. Dieses Motto wird vom Anführer der Gruppe allerdings nicht geteilt. Schon durch seine bloße Ankunft schlägt er die Mitglieder seiner Horde, welche wir bevorzugen, in die Flucht. Denen, die nicht genügend Abstand halten, macht er durch wildes Nachsetzen klar, wem die Bananen zuerst zustehen. Als es uns – es ist schwierig genug – gelingt, ein paar Bananenstücke an ihm vorbei in die Mäuler seiner hungrigen Untertanen zu schmuggeln, setzt es Hiebe. In wilder Jagd geht es durch die ganze Felswand, wobei erst richtig klar wird, wozu die Affen ihre phänomenale Geschicklichkeit benötigen. Auch gegenüber den Schenkern lässt es der bärbeißige Alte an der nötigen Höflichkeit missen. Er stiehlt den verschreckten Kindern die Bananen geradezu aus der Hand. Ungenügend befriedigten Forderungen versucht er durch Zähnefletschen und Fauchen Nachdruck zu verleihen. Tioman und Taman Negara waren tatsächlich das Paradies. Die Affen hielten sich versteckt, statt den Menschen den Spiegel vorzuhalten.

Wir verlassen dieses Wunderwerk der Natur und fahren mit dem Bus zurück zum Hotel. Gerade haben wir uns vom Schmutz des Tages befreit, da steht Kulit in der Tür, zwei Stunden vor der verabredeten Zeit. Er hätte halt die zwei Stunden gewartet, wenn wir noch nicht da gewesen wären, meint er – asiatische Zeitbegriffe.

Gemeinsam machen wir die Probe auf`s malaysische Modernitätsexempel. Wir haben die Absicht, ein Telefongespräch nach Hause zu führen, um den Zeitpunkt unserer Rückkunft mitzuteilen. Zuerst gilt es, das Auslandsfernamt ausfindig zu machen. Sehr bekannt scheint es nicht zu sein. Dort wo es nach Kulit’s Ansicht sein soll, findet es sich nicht, wo uns Passanten hinschicken ebenso wenig und wo es sein könnte, ist Dienstschluss. Nach einer Odyssee durch Hinterhöfe treten wir schließlich durch eine nicht näher gekennzeichnete Tür, steigen ein schäbiges Treppenhaus hinauf und landen in einem kahlen Wartesaal, welcher das Tor zur Welt darstellt.

Offensichtlich haben wir das alte Malaysia eingeholt. Das weitere Geschehen hat wenig mit den Glitzerfassaden der Bankpaläste und Ölwolkenkratzer zu tun. Es heißt, Formulare ausfüllen; Warten bis die internationale Leitung frei ist; Aufruf, die Kabine zu betreten; erneutes Abfragen der gewünschten Nummer; wieder Warten auf die internationale Leitung; keine Verbindung, weil die Nummer falsch verstanden wurde (warum haben wir eigentlich das Formular ausgefüllt?); Anschluss in Europa angeblich besetzt; Warten; wieder in die Kabine; nochmaliges Abfragen der Nummer; Warten auf die Leitung (gibt es nur eine?); besetzt (vielleicht führt Mutter daheim Dauergespräche); weiter Warten; noch mal in die Kabine; immer noch besetzt (so lange sind ihre Gespräche nun auch wieder nicht); Warten, Warten, Warten. Stunden verrinnen, Hunger breitet sich aus. Soll man lieber ein Telegramm schicken? Machen wir erst noch einen Versuch bei den Nachbarn, besetzt (auch dort Dauergespräche?); es folgen weitere Versuche. Judi verlässt das Telefonlokal, um die Kinder zu füttern. Kulit, in all den technologischen Wirren eine unerschütterliche Stütze unserer Fassung, bleibt mit mir für einen letzten Versuch. Entnervt brechen wir diesen ab. Zweifel kommen auf, ob wir jemals über Kuala Lumpur hinaus gekommen sind. Wir schicken ein Telegramm und verlassen eiligst diese unrühmliche Zentrale internationaler Kommunikation.

Ausgehungert eilen wir dem Rest der Familie nach. Wir treffen ihn im nächsten Sraßenrestaurant beim Kampf mit chinesischen Suppen an, die sich wegen ihrer hohen Temperatur dem Heißhunger verweigern.

Als die todmüden Kinder im Bett sind, ist der Abend weitgehend vorbei. Wir versuchen den Rest, den uns das technologische Desaster noch für philosophische Gespräche übrig gelassen hat, in einem der einfachen Restaurants zu verplaudern. Zu der vorgerückten Stunde werden wir daran aber durch die Redseeligkeit und ausufernde Gastfreundschaft nicht mehr ganz nüchterner Gaststättenbesucher gehindert, die uns immer wieder zum Trinken animieren wollen. Wir ziehen uns daher wieder auf das bereits erprobte Mäuerchen vor unserem Hotel zurück. Kulit berichtet von seinen Plänen, den Betrieb seines Onkels, bei dem er bislang noch wohnt, zu übernehmen. Von den Erlösen will er dann seine Insel kaufen.

Abschied von Kulit mit großer Herzlichkeit. Natürlich tauschen wir Adressen, sprechen gegenseitige Einladungen aus. Wir spüren jedoch, dass wir ihn nie wiedersehen werden. Wir werden wohl nie erfahren, ob er seine Insel im Tropenmeer bekommt oder ob sie und die Orang Asli eines Tages von einer Frau ersetzt werden, die seinen Hang teilt, über den Ursprung der Dinge zu spekulieren.

1791 Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622

Die meisten Musikliebhaber dürften sich schon einmal gefragt haben, welche Musik wir von Mozart noch bekommen hätten, wenn er weitere zwanzig oder gar vierzig Jahre gelebt hätte. Die Frage stellt sich insbesondere angesichts der singulären Werke, welche dieser scheinbar grenzenlos kreative und entwicklungsfähige Musiker in seiner späten Schaffensphase komponierte. Vor allem die Werke seines letzten Lebensjahres verleiten zu Spekulationen darüber, wie es wohl weiter gegangen wäre. Denn nicht nur in der „Zauberflöte“ hört man neue Töne, etwa in der Art Harmonieführung in den Terzetten der drei Damen und der drei Knaben. Auch das Requiem, das in seiner Unvollendetheit wie ein Symbol für das plötzlich abgebrochene Schaffen Mozarts dasteht, lässt neue Perspektiven der Ausdruckskraft erahnen. Und schließlich ist da das Klarinettenkonzert, welches Mozart zwei Monate vor seinem Tod vollendete.

Mit dem Konzert für Klarinette hat Mozart das Referenzwerk für dieses Instrument und eines seiner beliebtesten und eindrucksvollsten Stücke überhaupt geschaffen. Bis heute ist es das Klarinettenkonzert schlechthin. Vor allem in dem inzwischen legendären langsamen Satz hat Mozart die emotionalen und atmosphärischen Möglichkeiten des Instrumentes maßstabsetzend ausgelotet. Ein vergleichbar bedeutendes Werk für dieses Instrument ist nur noch das Klarinettenquintett von Johannes Brahms, das genau 100 Jahre später entstand.

Die Klarinette war damals ein noch sehr junges Instrument. Ihre heutige Form bildete sich erst um die Mitte des 18. Jh. heraus. Mozart lernte die Klarinette 1778 in Mannheim kennen. Begeistert schrieb er seinerzeit an seinen Vater: „Ach wenn wir nur clarinetti hätten! – sie glauben nicht was eine sinfonie mit flauten, oboen und clarinetten einen herrlichen Effekt macht.“ Noch im Mannheim schrieb er seine Konzertante Symphonie für Bläser, bei der die Klarinette als Soloinstrument eingesetzt ist. Fortan integrierte er die Klarinette schrittweise in seine Kompositionen.

In Wien lernte Mozart dann den Klarinettisten Anton Stadler kennen, mit dem er nicht nur in musikalischen Dingen verbunden war. Stadler war offenbar eine labile Persönlichkeit, trank und ging dem Glückspiel nach und pumpte ausgerechnet Mozart, dessen finanzielle Verhältnisse selbst nicht eben geordnet waren, um erhebliche Mengen Geld an. Aber er war auch ein ausgezeichneter Musiker. Bekannt war er vor allem dafür, dass er die tiefen Register der Klarinette beherrschte. Um den Tonraum zu erweitern, ließ er das Instrument sogar durch Verlängerung zur Bassetklarinette weiterentwickeln. Mozart schrieb für ihn zwei bedeutende Werke, 1789 das Klarinettenquintett und 1791 eben das Klarinettenkonzert, beide wohl für die Bassetklarinette.

Der Plan für die Komposition des Konzertes war vermutlich in Prag entstanden, wohin Mozart Ende August 1791 mit seiner Frau und seinem Adlatus Franz Xaver Süßmayr gereist war, um an der Uraufführung seiner Oper „Titus“ im Rahmen der Krönungsfeierlichkeiten für Kaiser Leopold II. teilzunehmen. Dort traf er mit Stadler zusammen, der an der Aufführung mitwirkte. Offenbar sagte er ihm dabei die Komposition des Konzertes zu, das bei einer Benefizveranstaltung am 16. Oktober 1791 in Prag aufgeführt werden sollte. Mitte September kehrte Mozart zurück nach Wien und hatte noch zwei Wochen, um die letzten Teile der „Zauberflöte“ zu schreiben und deren Uraufführung am 30. September vorzubereiten. Eine Woche danach berichtete er nach der Rückkunft aus dem Theater seiner Frau Constance, die in Kur war, brieflich begeistert vom Erfolg der Oper, die täglich gespielt wurde. Zur Feier des Tages, schreibt er, „ließ ich mir …..schwarzen koffé hollen, wobey ich eine herrliche Pfeiffe toback schmauchte; dann instrumentierte ich fast das ganze Rondo vom Stadler“ (gemeint ist der letzte Satz des Klarinettenkonzertes, der, bedenkt man Mozarts Arbeitspensum bis zur Uraufführung der Zauberflöte, wohl nach dieser entstanden sein dürfte, was die gute Stimmung erklären könnte, die in ihm herrscht). Acht Tage später war, wie gesagt, die Aufführung des Konzertes angesetzt. Bis dahin mussten die Stimmen noch ausgeschrieben und nach Prag geschickt werden. Stadler muss das nicht eben einfache Werk also praktisch vom Blatt gespielt haben, was zeigt, wie gut er gewesen ist.

Im gleichen Brief finden sich übrigens interessante Bemerkungen über Stadler und Süßmayr. Mozart schreibt, er sehe nun ein, „dass er [Süßmayr] ein Esel ist – versteht sich, nicht der Stodla [wienerisch für Stadler], der ist nur ein bissel ein Esel, nicht viel – aber der [Süssmayr] – Ja der ist ein rechter Esel.“ Der Hintergrund dieser Bemerkung ist nicht bekannt. Mozart  war sich aber offenbar darüber im Klaren, dass Stadler nicht ganz seriös war, scheint aber, da auch er Künstler und zugleich (Billiard)Spieler war, ein gewisses Verständnis für ihn gehabt zu haben. Dass Stadler nicht sonderlich zuverlässig war, zeigt denn auch die Tatsache,  dass er das Autograph des Konzertes alsbald versetzte, wodurch es verloren gegangen ist. Bis heute weiß man daher nicht sicher, ob das Konzert tatsächlich, wie allgemein angenommen, für Stadlers Bassetklarinette geschrieben ist.

Das Klarinettenkonzert sollte Mozarts letztes Instrumentalwerk bleiben. Danach beschäftigte er sich im Wesentlichen nur noch mit „seinem“ Requiem, das der brave Süßmayr, für den Mozart offenbar weniger Verständnis hatte, nach dem Tod des Meisters, der  am 5.12.1791 eintrat, sehr achtbar vollendete.

Weitere Texte zu Werken Mozarts und rd. 70 weiterer Komponisten siehe Komponisten- und Werkeverzeichnis

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 Teil 14

 Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Die Waldmenschen ziehen, so berichtet er, in Gruppen bis zu zwanzig Personen im Dschungel umher, lassen sich hier und dort nieder und bleiben, solange der natürliche Vorrat an Nahrung am jeweiligen Ort reicht. Sie haben genaue Kenntnisse über die Nutzbarkeit von Pflanzen. Ansonsten würden sie sich von der Jagd ernähren, bei der sie das Blasrohr verwendeten. Über die lose zusammengefügten Kleingruppen hinaus gebe es so gut wie keinen größeren sozialen Zusammenhang, keinen Stamm oder gar Staat. Der Wechsel von einer zur anderen Gruppe sei zwanglos und finde vor allem zur Lösung von Spannungen innerhalb der derselben statt. Die Gruppen stünden prinzipiell in einem freundlichen Verhältnis zueinander. Sie kämen sich auch kaum ins Gehege, denn der tropische Wald biete allen genügend Platz und Mittel zur Befriedigung ihrer äußerst einfachen Bedürfnisse.

Kriminalität sei praktisch unbekannt, Eigentums und Bereicherungsdelikte schon mangels Eigentum an beweglichen Sachen. Die Vorstellung, dass jemandem etwas gehören könnte, was er nicht gerade bei sich trägt, sei ihnen fremd. Es spiegele sich hierin der Mangel an Abstraktionen, ein Umstand, der sich in allen Lebensbereichen auswirke. Es fehle etwa die Vorstellung, dass man eine bloß geistige Beziehung zu einer Sache, dass man also einen Anspruch darauf haben könne. Damit fehlt freilich eine schier unerschöpfliche Quelle des Streitens und Rechtens, des Bedarfs, Normen zu schaffen und damit der Anreiz, immer differenziertere und immer geistigere Fähigkeiten zur Auseinandersetzung auszubilden. Eine zeitlang spekulieren wir über den Rattenschwanz von Konsequenzen, welche sich aus dem Begriff des Eigentums ergeben. Kulit ist überzeugt, er sei die Erbsünde, die den Menschen mit sich und Seinesgleichen entzweit habe. Zu allen Zeiten hätten die Menschen empfunden, dass die Versuche, das Eigentum zu rechtfertigen, eine zweifelhafte Überzeugungskraft haben. Die Folge sei die tendenzielle Instabilität der Systeme, die auf Eigentum aufbauen, Kriege und soziale Spannungen.

Wir kehren zurück zu den Orang Asli. Ansprüche, so meine ich mit meiner europäischen Seele, müsse es doch im Emotionalen geben, ein nicht-materielles Band etwa zwischen Frau und Mann bestehen. Auch hier fehle jede Institution, berichtet Kulit. Zwar gäbe es so etwas wie eine Ehe. Man feiere die Hochzeit in bescheidener Form, etwa indem man einen etwas größeren Affenbraten herrichte. Aber es folgten keine Verpflichtungen daraus. Jeder, auch die Frau, sei frei, sich einen neuen Partner zu suchen. Emotionale Probleme, die daraus resultieren können, löse man, indem man die Gruppe verlasse.

Abstraktionen, fährt Kulit fort, hervorgehobene Positionen also, gäbe es auch im Aufbau der Gruppen kaum. Es gäbe keine Hierarchie, zumindest keine, der man sich nicht ohne weiteres entziehen könne. Ebenso wenig gäbe es ausgeformte religiöse Dogmen oder Riten. Man habe eine numinose Vorstellung von Geistern, die jeder für sich konkretisieren könne. Mangels religiöser Überbauten gäbe es auch keine Machtausübung durch religiösen Druck, kein Ausnützen religiöser Bindungsgefühle für irdische Zwecke. „Begraben“ werde in der Krone der Bäume – damit man näher am Himmel sei, meint Kulit unter Verwendung eines eher islamisch-christlichen Höhenbegriffs.

Wie weit die Orang Asli von unserem Denken entfernt seien, zeige auch eine kaum entwickelte Vorstellung davon, dass eine gezielte Einwirkung auf die Gesundheit möglich sei. Sogar dass andere Menschen, Malayen etwa oder Weiße, dazu in der Lage sein könnten, entziehe sich ihrer Vorstellungskraft, weswegen sie von der Möglichkeit medizinischer Hilfe keinen Gebrauch machten. Ihre häufigen Hauterkrankungen – Pilzkrankheiten von der ständigen Feuchtigkeit des Dschungels, insbesondere vom Schlafen auf dem nackten Boden – nähmen sie wie ein Schicksal auf sich und versuchten keine Hilfe in der Zivilisation zu erlangen.

Ihre Behausungen seien für wenige Wochen gebaut. Sie sollen eigentlich nur vor dem Regen schützen. Überhaupt sei ihnen jeder längerfristige Versorgungs- und Schutzgesichtspunkt unbekannt. Das Klima und die Fülle des Dschungels legten es nicht nahe, solche Perspektiven zu entwerfen. Da die äußeren Bedingungen das ganze Jahr über gleich blieben, sei Vorsorge zur Deckung des Lebensbedarfes nicht erforderlich. Reizvolle Überlegungen lassen sich daran anknüpfen – Gedanken etwa über das Entstehen von Abstraktionen als Folge des Zwangs, über den Tag hinausdenken zu müssen.

Mangels Konfrontation mit anderen, aggressiven Sozialsystemen bestehe auch keine Notwendigkeit, Verteidigungsvorsorge zu treffen. Die weiche Mentalität der malayischen „Nachbarn“, mit denen es in dem weiten und leeren Land ohnehin wenig Berührungspunkte gab, habe kein Bedürfnis für Konkurrenzanstrengungen entstehen lassen. Damit sei aber nie die Entwicklung in Gang gekommen, die durch ständiges Abgrenzen und Vergleichen, vor allem aber über die Rüstungsspirale zum unaufhaltsamen „Fortschritt“ führe. So fehle denn auch der Drang zur Überordnung, zum Übertrumpfen, fehlen die dazugehörigen Abwehrprozesse, die Versuche, den Konkurrenzkampf zu regeln, seine Verkleidung in Ideologie und damit überhaupt das dynamische Element in den Sozialbeziehungen.

Wir geraten ins Schwärmen. Die Orang Asli scheinen uns einen Blick fast in die Stunde Null der menschlichen Sozialbeziehungen zu ermöglichen. Bedingt durch eine seltene Kombination äußerer Umstände wie Klima, insuläre Lage, Reichtum der Natur und dünne Besiedlung, befinden wir uns hier möglicherweise vor Beginn fast all der gesellschaftlichen Prozesse, die moderne Gesellschaften kennzeichnen. Auf dem Negativ des Bildes der „primitiven“ Gesellschaftsform erscheinen plötzlich, deutlich wie auf einem Röntgenbild, die Strukturen unserer eigenen Gesellschaft.

Darüber kommen wir endgültig ins Philosophieren. Eine merkwürdige Mischung biblischer und sozialutopischer Dimensionen tut sich auf. Ist die menschliche Geschichte, wie alte Mythen behaupten, von einem paradiesischen Zustand ausgegangen? War der Sündenfall der Beginn der Sozialprozesse? Wie von selbst ergibt sich daraus die Frage, welche die Menschen noch heute bewegt: Ist das Paradies unwiederbringlich verloren oder bewegen wir uns auf ein neues Paradies zu, für das die Wirren der Sozialprozesse nur ein Durchgangsstadium sind, in dem nach unendlich schmerzhaften Läuterungen ihre Widersprüche „endlich“ aufgehoben sind? Können wir, wenn es ein neues Paradies geben wird, den Weg dahin beeinflussen, die Entwicklung beschleunigen, wie viele Denker meinten? Oder sind alle Spekulationen über alte und neue Paradiese nur aus der Sehnsucht geboren, die der Spiegel des Unvollkommenen ist? Wäre das künftige Paradies also nur die Projektion eines nie gewesenen verlorenen Paradieses in die Zukunft?

Ich beginne mich zu fragen, ob Kulits erstaunlicher Bericht über die Orang Asli von solchen Gedanken geprägt ist. Hat der malayisch-islamische Romantiker auf der Suche nach einem neuen Paradies die alte Vorstellung vom ursprünglichen Paradies, die Islam und Christentum teilen, über die Wirklichkeit der Waldmenschen geworfen? Postuliert er, wie schon die europäische Aufklärung, den „guten Wilden“ zum Zwecke der Besserung moderner Gesellschaften?

Wir kommen auch auf das verlorene Paradies der Orang Asli zu sprechen. Viele Waldmenschen verdingen sich als Führer durch den Urwald, verdienen Geld und kaufen produzierte und damit knappe Dinge. Mit den Gegenständen, die nicht alle haben, beginnen die Probleme. Begehrlichkeit und Neid entstehen, es werde gestohlen, der Diebstahl müsse vertuscht werden, Heimlichkeiten, Spannungen und Rechtskonflikte entstehen, Normen und der Mangel daran werden bewusst. Der ganze Prozess der sozialen Evolution komme mit allerlei Geburtswehen und Verwachsungen stockend in Gang. Er habe die große Sorge, dass die Orang Asli diesen Prozess nicht überstehen, denn er gehe in einem Tempo vonstatten, der ihnen den Atem rauben müsse.

Es ist spät geworden. Wir wandern zurück in die nun ruhiger gewordene Stadt. Nochmals lassen wir uns in der Nähe unseres Hotels auf einem Mäuerchen nieder und führen unser nie erlahmendes Gespräch über Malaysia fort. Erst als Kulit Gefahr läuft, den letzten Bus zu seiner Wohnung zu verpassen, die offenbar ziemlich weit außerhalb liegt, nehmen wir Abschied. Wir verabreden uns auf den nächsten Abend im Hotel.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 13

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1.4.1985

Abschied vom Dschungelcamp. Das Abschiedsgeschenk der Campverwaltung kommt in Form einer saftigen Rechnung für die Anfahrt. Ihr Abrechnungssystem ist ebenso archaisch wie der Dschungel. Auf welchem Niveau rationaler Abstraktion sich unsere westlichen Lebenssysteme befinden, zeigen erst die erstaunlichen Alternativen, die andere Systeme aufzubieten haben. Der Fahrpreis etwa wird im Urwald nicht allgemein aus einer Gesamtkalkulation, sondern mittels Dividieren der Fahrtkosten durch die Anzahl der Fahrgäste eines Bootes jedes Mal individuell errechnet. Da unser Boot mit 6 Personen besetzt war, haben wir also 5/6 des Fahrpreises zu zahlen. Pech für uns, wenn die Campverwaltung das Boot nicht einmal zur Hälfte belegt und auf einigen Sitzen Versorgungsmaterial für das Camp transportiert. Und Glück für unseren mitreisenden Nationalparksammler. Nachdem die stolze Zusage des Tourist Office Managers von Kuantan, dass die Fahrt für die Kinder frei sei, irgendwo im Dickicht von Taman Negara hängengeblieben ist, profitiert unser Mitfahrgast nicht nur ungerechtfertigt von seinen Empfehlungsschreiben, sondern auch noch von unserem Kinderreichtum. Schlaue Travellers haben deswegen schon ausgerechnet, dass es günstiger ist, eine Nacht länger im Camp zu bleiben, als in einem unterbesetzten Boot zurückzufahren. Immerhin haben wir das Glück, wenigstens auf der Rückfahrt in einem gefüllten Boot fahren zu können.

Am Landesteg werden wir von zwei unserer Dschungelfreunde verabschiedet. Die Rückfahrt geht rasend schnell den Fluss hinab, wiewohl die Hinfahrt wegen der Gegenströmung schneller erschien. Es ist ein Morgen, wie man ihn sich nicht eindrucksvoller vorstellen kann. Prächtige Dschungelbilder bieten sich am Flussufer, grüne Wände zunächst, in denen gelegentlich ein Baum in voller Lila-Blüte auffällt, dann dicht gestaffeltes Bergland mit undurchdringlichem Bewuchs. Nach deutlich kürzerer Fahrt kommen wir in Tembeling an. Jetzt ist es der erste Vorposten der Zivilisation.

Wir schnallen die Rucksäcke an und treten den heißen Marsch zur Hauptstraße an, wo der Bus abfahren soll. Ein "freundlicher" Autofahrer – er stand schon an der Bootsanlegestelle – bietet uns eine Fahrt nach Jerantut an. Lässig wirft er hin, dass der Bus höchst selten fahre, der nächste erst ganz spät. Da er damit offensichtlich eine ziemlich unbescheidene Fahrpreisforderung begründen will, lehnen wir dankend ab. Damit geben wir uns allerdings einem ziemlich ungewissen Schicksal hin. Es ist in keiner Weise abzusehen, wann ein Bus fährt. Also üben wir uns in asiatischer Geduld. Wir lassen uns unter einem größeren Baum an der Hauptkreuzung nieder und harren der Dinge.

Schon bald nehmen dieselben einen – auch finanziell – günstigen Verlauf. Ein Bus erscheint und bringt uns in Kürze über die bereits bekannte Berg- und Talbahnstrecke nach Jerantut. Dort steht auch schon ein Anschlussbus nach Temerloh bereit.

Im Bus freunden sich die Kinder mit einem jüngeren Malayen an, den wir schon vom Dschungelcamp kennen. Es ist jener "Führer", der uns vor zwei Tagen so freundlich über mögliche Dschungeltouren beriet. Am Busbahnhof von Temerloh – vor der reich bekuppelten Moschee – hilft er uns, einen Bus in Richtung Kuala Lumpur ausfindig zu machen – der direkte Bus war uns gerade vor der Nase weggefahren. Die Wartezeit bis zur Abfahrt des Busses verbringen wir gemeinsam in einem Restaurant an der Haltestelle und unterhalten uns. Unser neuer Freund – sein Name ist Kulit – spricht ein ziemlich differenziertes Englisch, wenngleich mit starkem Akzent, und hat eine gänzlich offene Art, mit uns umzugehen. Von Beruf ist er Flugzeugmechaniker. Da er ebenfalls nach Kuala Lumpur fährt, bietet er sich uns als Führer an. Wir merken sogleich, dass die Furcht vor aufgedrängten Diensten und den finanziellen Forderungen, die daraus in der Regel resultieren, hier nicht angebracht ist.

Der Bus ist laut und scheppert nervenaufreibend. Wir fahren durch eine hügelige Kampong- und Plantagenlandschaft. Dann wird es ziemlich gebirgig. Vor uns liegen die Camerlon-Highlands, auf denen sich eine der berühmten wohltemperierten Hill Stations befand, in die sich die kolonialen Engländer auf der Flucht vor dem tropischen Klima zurückzuziehen pflegten. Heute ist oben ein großes Casino, dessen ausladender Gebäudekomplex von weitem zu sehen ist. Die ganze Gegend hat etwas gartenhaftes und macht einen sehr gepflegten Eindruck.

Am Fuß der Highlands, in denen Tee angebaut wird, wechseln wir den Bus. Im Busbahnhof ist großes Gedränge. Alles will in die Hauptstadt. Wir haben etwas Zeit, die wir auf dem nahen großen Kinderspielplatz verbringen. In seinen weitausladenden Bäumen hat sich eine besonders reiche Kolonie von Baumfarnen niedergelassen, kreisrunde Prachtexemplare mit auskragendem Rand und einem Durchmesser bis zu zwei Metern.

Die weitere Busfahrt geht durch Hochland und damit durch höchst eindrucksvolle Dschungelberge, weite Hangflächen mit einem Wald dicht wie ein Fell, dessen bräunlich grünes Gesamtbild gelegentlich durch hellgrüne Bananeninseln aufgelockert wird – all das im strahlendsten Nachmittagslicht. Ein Jammer, dass wir wieder einmal im Bus sitzen.

Die vielen Steigungen der Straße scheinen unserem Bus nicht zu schmecken. An einem besonders steilen Stück fängt er an zu zischen und zu spritzen. Der Fahrer hält an, alles steigt aus. Wasser fließt aus dem Kühler. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Befürchtungen und Erinnerungen an die Anfahrt zum Taman Negara kommen auf. Aber man behält auch hier die Ruhe, wartet ein wenig, steigt wieder ein und fährt ab. Es folgen weitere Dschungelberge, dann aber auch schon modernere Siedlungen. Schließlich erreichen wir Kuala Lumpur auf einem Busbahnhof, der weit außerhalb der Stadt liegt. Steigen wir also zum fünften Male an diesem Tage um und fahren mit einem weiteren Bus in die Stadt.

Die Suche nach einem Hotel, das unseren altchinesischen Vorstellungen und unseren finanziellen Verhältnissen entspricht, ist in der explodierenden Metropole nicht einfach. Die Stadt wird zwar zu zwei Dritteln von Chinesen bewohnt, mit dem alten China hat man aber nicht mehr viel im Sinn. Von allen Seiten fressen sich Wolkenkratzer und Einkaufszentren in das alte Chinesenviertel aus zwei- bis dreistöckigen Häusern. Wir ziehen durch die Reste dieses Viertels, klettern finstere Treppen hinauf und hinab, besichtigen und verhandeln, bis die Kinder des schweißtreibenden Spieles müde sind. Dann geht Kulit unter Hintanstellung seiner Bedenken gegen unseren altchinesischen Geschmack aufopferungsvoll mit mir alleine weiter in der fast schon aufgegebenen Hoffnung, ein zugleich preiswertes und nicht allzu lautes Hotel zu finden. Wir finden das Idealhotel: ein geräumiges Zimmer zu einem alten Park, zentrale Lage, Tee steht bereit in chinesischem Porzellan, freundliche chinesische Wirte, denen der unerwartete Kinderbesuch gefällt. Allgemeines Duschen folgt. Kulit gehört schon fast zur Familie. Auch er nutzt die Gelegenheit, um sich zu erfrischen.

Schließlich lädt uns Kulit auch noch zum Abendessen ein. An sich befinden wir uns mitten in einem Viertel mit vielen jener chinesischen Straßenküchen, die wir schätzen gelernt haben. Aber Kulit hat anderes mit uns vor. Zunächst machen wir eine ziemlich ausgedehnte Wanderung durch die Geschäftsviertel der Stadt moderne Zweckarchitektur, wie überall in der Welt, die abends ausgestorben ist. Auf einer Flussinsel steht eine märchenhaft beleuchtete Moschee mit feinen Säulenumgängen in maurischem Stil. Ob sie viel älter ist als die Bankgebäude und Firmenzentralen, ist fraglich, Kuala Lumpur ist eine sehr junge Stadt. Von der Wanderung, deren Zweck unklar bleibt, ist uns ziemlich warm geworden. Ein kräftiger Regenguss überrascht uns und bringt Kühlung. Dann wird klar, warum wir durch die Geschäftsviertel irren. Kulit sucht nach einem Bankautomat, um das nötige Geld zum Bestreiten seiner Einladung abzuheben. Mehrere Anläufe sind ohne Erfolg, was ihm äußerst peinlich ist.

Schließlich erreichen wir einen Platz, auf dem sich eine Reihe von Straßenrestaurants befindet, die sich nicht wesentlich von denen in der Nähe unseres Hotels unterscheiden. Sie sind allenfalls etwas weniger chaotisch angeordnet. Zunächst ist Rechnen angesagt. Was können wir uns leisten? Kulit will auf keinen Fall einen Zuschuss von unserer Seite annehmen. Er verhandelt schließlich mit einem Wirt, der ihm, obwohl er ihn nicht kennt, einen Kredit einräumt, womit dieser ohne Zweifel ein ehernes Gesetz der Straßenbranche bricht. Kulit ist ziemlich aufgeregt und gibt sich alle Mühe, uns so gut wie möglich zu bewirten.

Nach dem Mahl – wir bestellten bescheiden, Kulit selbst aß kaum etwas – Rückmarsch zum Hotel mit müden Kindern. Sie gehen nach diesem langen Tag mit Freuden ins Bett. Eigentlich hätten wir uns jetzt gerne in einer der typischen Spelunken in der Nähe unseres Hotels niedergelassen. Aber Kulit hat wieder andere Pläne. Er führt uns zum Hochhaus der Ölfirmen, einem erst kürzlich fertiggestellten Prachtbau, der als neues Wahrzeichen die Silhouette der Stadt beherrscht. Hoch ragt der riesige weiße Büroturm mit seinen ungeniert maurischen Stilelementen in den Himmel; unten sind weitläufige Anlagen und Unterbauten, in denen es eher amerikanisch zugeht, MacDonalds ist vertreten, blitzblanke Geschäfte und Banken, überall Marmor – zweifelsohne aus Carrara – saubere Helle, entsprechend gekleidete junge Menschen. Ausstattung und Dimensionen dürften in Europa nicht so leicht ihresgleichen finden. Kulit will uns offensichtlich zeigen, wie der neue Stil seines Landes ist.

Wir lassen uns auf einer Terrasse des Riesenkomplexes nieder, vor uns ein herrlicher Blick auf die City von Kuala Lumpur im nächtlichen Beleuchtungszauber, unten erleuchtete Terrassengärten, über uns der weiße Turm aus Tausend-und-eine-Nacht. Hier entwickelt sich ein langes Gespräch, in dem uns Kulit seine erstaunliche malayische Seele ausbreitet.

Wir streifen zunächst Probleme Malaysias, erfahren, dass das Malayische eine indogermanische Sprache mit zahlreichen indischen und chinesischen Einspengseln ist. Lange sprechen wir über die Rolle des Islam in einer Gesellschaft, die kaum zur Hälfte moslemisch ist, in der die Religion Mohammeds aber dennoch Staatsreligion und das Staatsoberhaupt immer einer der malayischen Sultane ist. Bemerkenswert auch, was Kulit über die Macht der islamischen "Kirche" berichtet. Verstöße gegen islamisches Sittenrecht werden von islamischen Gerichten unter Umständen sogar mit Geldstrafen belegt, die dazu auch noch vollstreckt werden können. Gegen derartige Eingriffe in das Gewissensleben gebe es zwar den Appell an die zivilen Gerichte, aber man überlege gerade, diesen abzuschaffen.

Uns ist aufgefallen, dass sich die Frauen in Malaysia ziemlich frei bewegen können. So kommen wir auf die offensichtlich unterschiedliche Handhabung des Islam im "Westen" und in Süd-Ost-Asien zusprechen. Kulit hat eine klimatische Erklärung. Die rigiden Formen des Islam, vor allem in Arabien, sind für ihn die Folge der harten Lebensbedingungen der Steppen- und Wüstenvölker. Mit dem Koran, auf den er allein und direkt zugreifen will, hätten solche Verhärtungen nichts zu tun. Weit distanziert er sich von der islamischen Dogmatik und deren beamteten Sachwaltern. Der islamische Glaube der Bumiputras, der ursprünglichen malayischen Landbevölkerung, sei im Übrigen allenthalben von animistischen Elementen aus der Zeit vor der islamischen Eroberung durchsetzt. Bei der Erläuterung dieses Phänomens lässt der malayische Flugzeugmechaniker Kulit zu unserem größten Erstaunen erkennen, dass er mit philosophischen Fragestellungen aus dem alten Europa vertraut ist. Er vergleicht den Animismus und seine allgegenwärtigen guten und bösen Geister mit dem Pantheismus des niederländischen Philosophen Spinoza.

Überhaupt wird immer deutlicher, wie wenig die gängige Vorstellung vom sozial eingebetteten Asiaten auf ihn zutrifft. Kulit lebt offenbar ein Einzelgängerdasein und versucht im Dschungel zu sich selbst zu finden. Sein Traum ist, sich irgendwann einmal eine einsame Insel vor der Küste zu kaufen, um sich dort als Fischer von aller modernen Welt zurückzuziehen. Jede freie Minute, so berichtet er, verbringe er bei den Waldmenschen, den Orang Asli, im Taman Negara oder in den Wäldern unweit von Kuala Lumpur, durch die wir am Nachmittag gefahren sind. Er kenne ihre Sprache, die mit dem Malayischen nichts gemein habe und sehr einfach sei. Meist begnügten sie sich mit kurzen Zurufen. Er selbst habe sich ein kleines Wörterbuch gemacht.

Was er dann über das Leben der Orang Asli erzählt, klingt wie ein Märchen aus dem Sozialparadies, Rousseau hätte es nicht besser erfinden können.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 12

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31.3.19 85

 

Flussfahrt. Den Plan einer Wanderung zur Fledermaushöhle, den der Malaye gestern anregte, haben wir fallengelassen. Stattdessen mieten wir für den Tag ein einfaches hölzernes Kanu, einen Einbaum dessen Kanten man mit Brettern leicht erhöht hat. Ausgestattet mit Proviant und Lektüre geht es auf Dschungelflusswanderung. Wir bewegen das nicht eben leichte Boot mit vier einfachen Paddeln bestehend aus einem Stock, an dem ein Holzbrett befestigt ist.

Die Fahrt geht den Nebenfluss des Tembeling hinauf, an dem wir gestern entlang gelaufen waren. Anfangs ist die Strömung schwach, das Wasser tief und dunkel. Wir kommen daher recht gut voran. Mit kühner Statik hängen große Bäume in den Fluss. Sie spenden willkommenen Schatten. Nach etwa einer Stunde passieren wir unseren gestrigen Badeplatz. Jetzt stoßen wir in Neuland vor. Das Wasser wird flacher und schneller. An einigen Stellen müssen wir uns mit allen vier Paddeln kräftig ins Zeug legen. Dann kommen wieder ruhigere Passagen. Offene Strecken wechseln mit tunnelartigen Passagen aus dichtem Bewuchs, in denen tausend Lichtreste auf dem Wasser tanzen.

Schließlich liegt vor uns eine lange schattige Gerade mit unruhigem, flachem Wasser. Hier kommen wir an die Grenzen unserer Wasserkraft. Cinqui und ich müssen aussteigen und das Boot schieben und ziehen. Zum Glück bietet sich ein Rastplatz in der Sonne an. Es ist ein umgestürzter Urwaldriese, der am Ufer im Wasser liegt. Sein Stamm ist so geräumig, dass man quer darauf liegen kann. Zum Ufer hin bildet er eine kleine Lagune. Die Kinder beginnen alsbald, dieselbe für Schiffsaktivitäten zu nutzen.

Wir haben uns gerade auf unserem Baumstrand eingerichtet, da kommt ein Boot den Fluss hinunter – mit guten Bekannten, dem Bundeswehroffizier, dem Elektriker und dem Studenten. Sie sind den Fluss ein gutes Stück weiter hinaufgefahren und berichten von Stromschnellen und recht abenteuerlichem Wasser. Aus Sorge um ihr Gepäck, vor allem die Kameras, haben sie die Fahrt jedoch abgebrochen.

Eine Weile genießen wir gemeinsam die Stille des Flusses. Dann regt sich Tatendrang. Wir, das heißt der Elektriker, der Student, Cinque und ich beschließen, eine Expedition weiter den Fluss hinauf zu machen, ohne Gepäck. Das Boot ist mit uns bis an die Grenze seiner Belastbarkeit gefüllt. Zuerst gilt es, das flache Stück zu überwinden, an dem wir zuvor gescheitert waren, was unter dem Gelächter der Zurückgebliebenen zunächst misslingt. Wir treiben in die falsche Richtung ab. Dann kämpfen wir uns in ruhigere Gewässer vor. Nach einiger Zeit erreichen wir die ersten Stromschnellen. Sie zwingen uns, das Boot zu verlassen und es mit vereinten Kräften durch das turbulente Wasser zu schieben. Es folgen ein ruhigeres Stück, erneute Stromschnellen und wieder Aussteigen, Ziehen und Schieben. Dies wiederholt sich mehrere Male und ist einigermaßen anstrengend. Am meisten werden jedoch die Füße in Mitleidenschaft gezogen, die immer wieder zwischen die großen glatten Steine des Flussbodens rutschen. Cinqui und ich haben immerhin Sandalen an. Das sind zwar auch nicht gerade die idealen Wildwasserwanderschuhe. Es geht uns aber immer noch besser als unseren barfüßigen Begleitern, die ihre Hilfe beim Überwinden von Stromschnellen wegen wunder Füße bald einstellen müssen. Da es nicht überall möglich ist, die Stromschnellen zu Fuß zu umlaufen, müssen wir die beiden im Boot gegen die ohnehin schon verstärkte Strömung ziehen. In der tropischen Mittagshitze ist also Schwerstarbeit zu leisten. Sie wird allerdings durch die permanente Wasserkühlung erleichtert.

Die Uferlandschaft wird inzwischen immer grandioser. Bäume von mehreren Metern Dicke hängen in oft abenteuerlicher Schräglage in den Fluss hinein. Einer der Riesen ist erst kürzlich abgebrochen und streckt nun seinen mächtigen zerzausten Stumpf in die Höhe. Schließlich gelangen wir an die sogenannte obere Badestelle, dem letzten Punkt, den Motorboote noch erreichen können. Der Fluss weitet sich hier zu einem weiten runden Bassin mit fast stehendem Wasser, das weitgehend im Schatten riesiger Bäume liegt – ein Bild weiherhaften Friedens an dem sonst eher unruhigen Gewässer.

Am anderen Ende des Bassins fließt der Fluss beschaulich durch ein tiefes Felsenbett. Es wäre ein Jammer, hier umzukehren. Nun da wir diese Region, die für Paddelboote an sich nicht mehr zugänglich ist, erreicht haben, packt uns der Ehrgeiz. Die Strapazen der "Fahrt" sind plötzlich vergessen. Mit vereinten neuen Kräften paddeln wir bis zu einer Verengung, durch die der Fluss mit beachtlicher Geschwindigkeit hindurchrauscht. Wir klettern auf die Felsen am Ufer und ziehen das Boot gemeinsam an der Schnur durch die reißende Strömung. Es folgt wieder ruhigeres Wasser bis unweigerlich die nächste Stromschnelle erreicht ist, die allerdings steiniger als alle vorangegangenen ist.

Wir überwinden noch zwei oder drei weitere Eng- und Flachstellen bis wir nach rund fünf Stunden strapaziösen Kampfes an der Grenze des Machbaren angekommen sind. Das Gefälle der Flusses wird immer stärker, große Steine versperren den Weg und die Stromschnellen nehmen den Charakter von Wasserfällen an. Wir machen das Boot fest und erklettern eine 30 bis 40 Meter lange Moräne aus ausgelaugtem angeschwemmtem, Pflanzenmaterial, um den weiteren Verlauf des Flusses zu sichten. Dabei stellt sich heraus, dass es keinen Sinn macht, weiter vorzudringen. Wenn wir weiterkommen wollten, müssten wir das schwere Boot über erhebliche Strecken tragen. So brechen wir die Expedition ab. Alle haben das Gefühl, etwas Außerordentliches erlebt zu haben. Unsere zufällig zusammengekommene Mannschaft ist dabei in kurzer Zeit zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.

Der Lohn der Arbeit sollte die Rückfahrt werden. Mit beachtlichem Tempo geht es flussabwärts. Bei den ersten Stromschnellen saugt die Strömung das Boot noch ohne unser Zutun durch die tiefste Stelle hindurch. Die folgenden Engstellen werden zum Prüfstein unserer Navigationskunst, auf den wir des Öfteren ziemlich unsanft auflaufen. Dann ist es soweit. Das Boot ist mit der Spitze auf einem Stein hängengeblieben, die Strömung dreht es zur Seite bis es schließlich kippt. Die ganze Mannschaft landet kopfüber im rauschenden Fluss.

Beim nächsten Mal schießt das Boot mit so viel Elan in tieferes Wasser, dass die Flut über Bord strömt, worauf wir, im Boot sitzend, langsam untergehen. Wir halten das Boot an der Bordwand fest, damit es uns nicht entgleitet, und fahren unter Wasser weiter. Ein unbeteiligter Beobachter hätte eine merkwürdige Szene gesehen: drei Männer und ein Kind, die, bis zur Brust im Wasser, in einer stabilen Reihe regungslos den Fluss hinunter gleiten

Nach einem weiteren Umsturz treiben wir ein längeres tiefes Stück kieloben. Zur Abwechselung liegen wir eine zeitlang auf dem Rücken des Bootes, bis sich die Möglichkeit ergibt, es wieder umzudrehen und zu entwässern.

Zu dieser feuchten und turbulenten Flussfahrt gesellt sich noch ein kräftiges Tropengewitter. Donner grollt, während das Boot auf Steine kracht und nass werden wir, ob wir im Boot oder im Wasser sind. Ein kenterndes Boot im Dschungel, eine unerschrockene, tatkräftige und eingeschworene Mannschaft kämpft bei permanentem Frohsinn gegen die Naturgewalten der grünen Hölle – es wäre Zigarettenreklame, wenn es nicht wahr wäre.

Wir passieren unseren Baumstrand. Er ist leer. Judi, die Kleinen und der Bundeswehroffizier haben, nachdem sich die Expedition weit über die in Aussicht genommene Zeit ausgedehnt hatte, nicht länger auf uns gewartet. Das "Schlimmste" ist nun hinter uns. Allerdings haben wir auch jetzt noch keine Ruhe. Das Boot hat in den Stromschnellen ein Leck abbekommen. Der Wassereinbruch ist so stark, dass das Boot in wenigen Minuten volläuft und nur noch schwer zu manövrieren ist. Mangels Schöpfkelle – wir haben sie als lästiges "Gepäck" im anderen Boot gelassen – müssen wir das Wasser jetzt mit Händen und Paddeln hinausbefördern.

Erschöpft treiben wir den immer ruhiger werdenden Fluss hinab. Über uns breitet sich ein grandioser Gewitterwolkenhimmel aus. Unter den herabhängenden Bäumen ist es dunkel. Die Ruhe nach dem Sturm ist eingekehrt. Die ungewöhnliche Flussfahrt endet an der Mündung des Tembeling, dessen reißende Fluten hinabzufahren auch ein Abenteuer wäre – allerdings nur in eine Richtung.

Beim abendlichen Travellerstreff im Restaurant berichtet jeder über seine Erlebnisse. Auch unsere Mund läuft über. Uli, der Bundeswehroffizier, erzählt von seinen fast hautnahen wild life Erfahrungen. Vor einigen Tagen übernachtete er in einem „hide“, etwa sechs bis acht Stunden vom Camp entfernt. Nachts rieb sich ein Elefant an den Stützen, auf denen die Schlafstatt angebracht ist, mit entsprechenden Fernwirkungen in der Höhe. Insgesamt sei das wild life aber auch dort draußen eher spärlich gewesen. Engere Berührung mit dem wild life haben wir noch an "unserem" um die Ecke gelegenen „hide“.

Am späten Abend begibt sich die ganze Corona voll Abenteuerlust in den finsteren Urwald, um wild life zu erleben. Diesmal haben wir Taschenlampen dabei, die klären sollen, ob wir es bei den bislang gesichteten Schatten mit einem Spiel der Natur oder der Phantasie zu tun hatten. Genügend Licht bringen jedoch auch die Taschenlampen nicht in die "Dinge", sodass es bei der erlkönighaften Zweideutigkeit bleibt. Nach andächtigem Schweigen und durch Ehrfurcht vor dem nächtlichen Urwald gekühltem Abenteuermut geht jeder zu seiner Schlafstatt zurück.

Wie hautnah die Berührung mit dem wild life war, zeigt sich erst, als ich bereits im Bett liege. Auf meinem Bettlaken ist plötzlich ein frischer Blutstropfen. Während ich herauszufinden suche, wie er dorthin kam, beginne ich ernsthaft an meiner Fähigkeit zweifeln, Natur und Phantasie auseinander zu halten. Das Bett ist vollständig von einem Moskitonetz umgeben. Daher kann jede Ursache außerhalb des Bettes ausgeschlossen werden. Dennoch sind alle Recherchen nach einer natürlichen Ursache des Blutfleckens, die nach Lage der Dinge an meinen Beinen sein muss, ohne Erfolg. Die Verwirrung steigert sich, als noch ein zweiter und ein dritter Blutfleck hinzukommen. Damit bricht die Hypothese zusammen, es könne sich vielleicht doch um einen älteren Blutfleck handeln. Da absolut nichts zu finden ist, was das Blut erklären könnte scheinen die malyaischen Nachtgeister am Werk zu sein.

Das Rätsel löst sich dann aber, wie könnte es anders sein, auf westlich-rationale Weise. Der Gewitterregen vom Nachmittag hat die „leaches“ aktiviert, die wegen ihrer mangelnden Tätigkeit in der Natur bei uns schon in den Verdacht geraten sind, in der Hauptsache die Phantasie der Traveller zu beunruhigen. Eines der harmlosen Tierchen mit dem schlechten Ruf hat sich bei unserer nächtlichen Pirsch unter meinem kleinen Zeh eingegraben, wo es fast nicht zu sehen ist. Freiwillig verlässt es das lauschige und offensichtlich nahrhafte Plätzchen nicht. Es muss erst mit einer brennenden Zigarette nachgehofen werden. Kurz darauf entdecke ich einen weiteren der stillen Gäste am anderen Bein. Unbemerkt hat er sich bis an die Wade hinauf geschlichen. Am Morgen erfahren wir, dass auch andere Teilnehmer unserer kurzen Nachtexpedition den gleichen ungebetenen Besuch festgestellt haben.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Tagebuch einer Rucksackfamilienreise durch Malaysia im Jahre 1985 – Teil 11

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985 

30.3.1985

Dschungelwanderung. Ausgestattet mit Rucksack, Trinkwasser und Proviant – im Restaurant gab es Kuchen, gebackene Bananen, etc. – geht es auf den großen Marsch durch den Dschungel. Die Schuhe werden mit Baygon eingespritzt, um die „leaches“ abzuschrecken. Bald ist das fast schon gewohnte Dschungelbild um uns: Brettwurzelbäume, Palmlichtungen, wilde Lianenformen. Der Weg – er ist einigermaßen hergerichtet – führt einen steilen Berg hinauf, der kein Ende nehmen will. Es ist still. Von Ferne hallen nur die gellenden Rufe der Gibbons durch den Wald, affenähnliche Tiere, die man nie zu Gesicht bekommt. Gelegentlich sieht man die „leaches“ am Boden. Sie sind wie kleine Würmer, die sich in die Höhe recken, um so ihr Opfer angehen zu können. Von unserem Baygonspray scheinen sie beeindruckt zu sein. Zwei Deutsche von der gestrigen Runde begegnen uns – wer sonst.

Nach einem extremen Steilstück lichtet sich schließlich der Wald. Wir treten auf eine kleine Felsplatte. Vor uns breitet sich ein weiter Blick über die Dschungellandschaft des Nationalparkes aus. Steil abfallend liegt unter uns eine waldige Tiefe, durch die ein braunes Gewässer fließt. Der Blick verliert sich in weiter Ferne. Das ist er nun, der älteste Dschungel der Welt. Naturgeschichtliche Dimensionen tun sich auf. 130 Millionen Jahre alt soll der Wald sein, will heißen, dass sich die klimatischen und biologischen Verhältnisse so lange nicht verändert haben. Man kann sich in die Rolle eines Entdeckers versetzen, der, auf einer Höhe angekommen, plötzlich unberührtes (durch bewusst entdeckende Menschen unberührtes!) Land unter sich ausgebreitet sieht, und der sich mit einem kribbelnden Gefühl ins Unbekannte aufmacht, um völlig neue Horizonte zu eröffnen. Irgendwo dort in der vollkommen unerschlossenen Wildnis liegt der Gunang Tahan, Malaysias höchster Berg mit 2200 Metern. Ein Schild unten im Camp zeigt in seine Himmelsrichtung mit dem Vermerk: 8 Tage. Es gibt Abenteurer, die sich mit Hilfe eines einheimischen Führers dorthin auf den "Weg" machen. Proviant für zwei Wochen ist mitzunehmen.

Auf der Felsplattform trifft sich ein Großteil des gestrigen Abendtisches. Man ruht aus von den Strapazen des Aufstieges und genießt den Ausblick. Der Weg bleibt noch ein Stück auf der Höhe. Wieder öffnet sich der Blick in die Weite der Landschaft. Wir sitzen in einer Schutzhütte und lassen Gedanken und Gefühle in die Ferne ziehen.

Der Abstieg geht extrem Steil die Bergflanke hinab. Er ist mit Stufen und Geländern gesichert. Dann befinden wir uns in der Tiefe, über die unser Blick eben schweifte. Wir sind im dichtesten Dschungel mit großartigen Solitärbäumen – manche Brettwurzeln sind 6 bis 8 Meter hoch und bilden Nischen in denen man bequem wohnen könnte. Ein Tier wird gesichtet. Es ist ein dicker etwa 30 Zentimeter langer Tausendfüßler – wild life. Es gibt abenteuerlich verdrehte Lianenkonstruktionen, in denen die Kinder tollen. Gelegentlich passieren wir Lichtungen mit Bananenstauden und sonstigem Gewächs, dessen saftiggrüne Blätter in der Sonne aufleuchten. Auch eine Reihe von kleinen Bachschluchten ist zu überqueren. Der Weg lässt erahnen, dass wir uns am Rande eines Flusstales befinden.

Mitten im Dschungel findet eine merkwürdige Begegnung statt. Die denkbar entferntesten Pole menschlichen Lebens treffen aufeinander. Eine kleine Gruppe von Personen gänzlich unmalayischen Aussehens kommt uns entgegen. Voran geht eine Frau, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist. Um die Schultern trägt sie ein Tuch, in dem sich ein wenige Wochen alter Säugling befindet. Es folgen zwei Kinder, etwa 10 bis 14 Jahre alt, ebenfalls barfuss und fast ganz nackt – sie tragen Bananen und ähnliches; dahinter ein Mann, bekleidet mit einer kurzen Hose und Turnschuhen. In seinem Rucksack befindet sich ein Kanister, der nach Petrolium riecht. Die Personen erinnern im Aussehen an die australischen Ureinwohner, sind dunkelhäutig und haben schwarzes krauses Haar. Auf bezeichnende Weise kontrastiert dies mit den leuchtenden Blondschöpfen unserer Kinder. Zwei Familien, durch Jahrtausende der Entwicklung von einander getrennt, stehen sich gegenüber: dunkelhäutige Waldbewohner auf der ältesten heute noch existierenden Stufe menschlichen Lebens und weiße Zivilisationsmenschen des entgegengesetzten Extrems.

Zum Glück gibt das Baby einen schnellen Anknüpfungspunkt. Stolz packt die Mutter den kleinen Jungen aus dem Schultertuch. Man hat ihm die Haare bis auf ein kleines Bündel über der Stirn abgeschnitten. Ein sprachloser Austausch von Reaktionen der Rührung findet statt. In elementaren Punkten sind die Zivilisationen dann doch wieder nicht sehr weit voneinander entfernt. Dann geht jede Familie wieder ihres Weges. Die Waldmenschen verschwinden hinter Palmblättern. Sie lassen uns in weichreichenden Gedanken über den Menschen und seine erstaunliche Entwicklung zurück. Es wäre interessant zu wissen, was den Waldmenschen jetzt durch den Kopf geht. Die kurze Begegnung ist zweifellos das denkwürdigste Erlebnis dieser Reise.

Nach kurzer Wanderung erreichen wir den Fluss und damit die versprochene, von den Kinder lange herbeigesehnte Badegelegenheit. Zuerst ist einige Skepsis zu überwinden. Das Wasser erscheint merkwürdig dunkel. Bei näherer Inspektion zeigt sich aber, dass es glasklar ist und seine dunkel-braune Färbung von einigen Schwebstoffen bezieht. Woher sollte es auch schmutzig sein? Krokodile oder ähnlich badewidriges Getier gibt es, wie man uns schon im Camp versicherte, im System des Tembeling und seiner Nebenflüsse nicht. Also tauchen wir in die herrlich kühle Flut. Die Kinder fangen sich einen kleinen Baumstamm ein, der daher geschwommenen kommt, und bauen mit allerlei Stöcken ein Boot. Damit fahren sie am Ufer auf und ab.

Es ist ein stiller Ort. Der Fluss – er ist zirka 20 Meter breit – fließt ruhig dahin. Man hört allenfalls gelegentliche Vogelstimmen. Ein größerer leuchtend blauer Vogel streift immer wieder in steifem Flug knapp über die Wasseroberfläche. Sonst ist von Tieren nichts zu sehen. Schräg vor uns liegt eine kleine Insel im Fluss. Dahinter biegt der Fluss nach rechts ab. Dadurch macht die Waldwand des gegenüberliegenden Ufers eine eindrucksvolle Biegung.

Nach und nach finden sich weitere Dschungelwanderer ein. Ein Australier spricht mich auf meinen Beruf als Staatsanwalt an, den er – die Travellerswelt ist klein – schon vor diesem Dschungeltreff irgendwie erfahren hat. So entspinnt sich fern jeglicher Zivilisation ein langes Gespräch über Wirtschafts- und Computerkriminalität, organisiertes Verbrechen und sonstige Gebrechen hochentwickelter Gesellschaften. Noch merkwürdiger ist das Gespräch, das ich mit einem jungen Deutschen vom gestrigen Abendtisch führe. Wir befassen uns, während wir im Tropenfluss stehen, mit einem der hochkarätigsten Produkte europäischen Sommerfrischenbedürfnisses: palladianischen Villen. Ausführlich diskutieren wir, gelegentlich in die kühlen Fluten tauchend, Probleme der Renovierung dieser hochartifiziellen Lustgebäude im fernen Italien. Mein Gesprächspartner ist Architekt und hat längere Zeit an der Wiederherstellung einer palladianischen Villenanlage gearbeitet. Auf die Arbeit stieß er durch Zufall auf einer Italienreise. Spontan entschloss er sich gegen Kost und Logis – in der Villa – mitzuarbeiten. Er blieb ein Jahr als dienstbarer Kostgänger – eine europäische Variante des Travellerlebens. Im Laufe seiner Tätigkeit lernte er, da die Villenbesitzer alle in Verbindung miteinander stehen, zahlreiche andere Villen kennen, von Palladio aber auch von anderen Baumeistern. Er forschte in alten Papieren und Plänen und kam so zu höchst intimen Kenntnissen über die italienische Villenkultur. Mitten im Dschungel öffnet sich, kaum dass wir die Waldmenschen hinter uns gelassen, eine Schatzkiste, in der die prächtigsten Edelsteine europäischer Kultur funkeln – wahrlich, es gibt auch geistige Abenteuer.

Mit herannahender Essenszeit – man muss zwei Stunden im Voraus bestellen – machen wir uns auf den Rückweg zum Camp. Hierzu brauchen wir nur dem Fluss zu folgen. Das Camp liegt an der Einmündung dieses Flusses in den wesentlich reißenderen Tembeling. Auf einer Wegkreuzung kurz vor dem Camp stehen einige einfache Hütten aus Palmblättern. Auf dem Platz, den sie bilden, spielen einige Waldmenschen mit einem Ball aus geflochtenen Zweigen Fußball. Auch ein Lederfußball kommt zum Vorschein. Wir befinden uns praktisch mitten in der guten Stube der Waldmenschen. Eine "Hütte" aus geflochtenen Matten steht auf Stelzen. Darin wird offenbar geschlafen. Daneben stehen Hütten, die praktisch nur aus einem A-förmigen Palmblattdach bestehen, das über dem nackten Boden steht und nur etwa einen Meter hoch ist. Darin sitzen Frauen und kochen auf einem Holzfeuer. Der Rauch zieht durch das Palmdach ins Freie. In der Hütte steht ein Kofferradio, aus dem Popmusik tönt. Einige Kinder – sie laufen praktisch nackt umher – haben offensichtlich eine Hautkrankheit. Ihre Haut ist am ganzen Körper aufgesprungen, sodass sie von lauter weißen Schuppen übersät sind.

Hier in der Nähe des Camps – wohl auch von ihm – lebt offenbar die Übergangsform der Waldmenschen. Sehr überzeugend sieht das nicht aus. Das Schicksal der australischen Ureinwohner und der Indianer kommt einem in den Sinn. Nicht weit von den Waldmenschen befindet sich das Kraftwerk des Camps, eine schwere Dieselturbine, die einen Höllenlärm macht.

Während wir auf das Abendessen warten, gehe ich mit Sassi und Lucy zur Bootsanlegestelle. Von der Höhe des Steilufers blickt man auf den Tembeling, der mehr als 10 Meter unter uns fließt. In der Regenzeit steigt er stark an und füllt das tiefe Bett fast bis auf unsere Höhe aus. Die Zeichen seines gewaltigen Wirkens sind an der ausgewaschenen Uferböschung deutlich zu sehen. Es herrscht eine tropische Abendstimmung mit leuchtenden Himmelsfarben. In der Ferne zuckt Wetterleuchten aus einem Gebirge von Wolken.

Abends bunte Runde im Restaurant. Die Australier von Cherating – Waltzing Mathilde – sind eingetroffen. Ein neuseeländischer Arzt mit Freundin ist dabei und die Deutschen von gestern. Zu uns gesellt sich ein junger malayischer Mann und macht uns bereitwillig allerlei Tourenvorschläge für den nächsten Tag. Er scheint einer jener erstaunlich unaufdringlichen Führer zu sein, die im Camp auf Aufträge warten. Auf sympatisch -malayische Weise berücksichtigen sie auch die Interessen der zu Werbenden, etwa indem sie sagen, bei welchen Touren man sie nicht benötigt. Er empfiehlt eine Wanderung auf der anderen Seite des Tembeling – zur Fledermaushöhle.

Ein Diavortrag über das Camp und den Dschungel wird gezeigt. Er ist eine willkommnene Nachbereitung unserer Tageswanderung. Es soll hier 400 verschiedene Baumarten auf einem Quadratkilometer geben. Auf dem Weg zu unserem Bungalow läuft uns der Bootsgenosse von der Hinfahrt über den Weg. Wir laden ihn auf unsere Veranda ein. Der Abendplausch in den Bambussesseln hat wahrhaft koloniale Züge und erinnert an Kipling oder Vicky Baum. Unser Gast macht mit Hilfe von Empfehlungsschreiben irgendwelcher Doktores, die die Empfänger offenbar für wichtig halten, eine Reise durch alle möglichen Naturreservate Asiens. Allerdings scheinen ihn, wie seine Erzählungen zeigen, weniger die Natur als die aufwendige Betreuung und die kostenlose Bewirtung zu interessieren. In Taman Negara hat man offenbar mehr Programm für ihn gemacht, als ihm lieb war. Er ist im Dschungel zusammengebrochen, aus Salzmangel, wie er meint.

Nochmals zieht es uns zum benachbarten Hide. In der Finsternis tasten wir uns bis zum Hochsitz vor. Angestrengt starren wir in das Dunkel. Das Ergebnis ist nicht weniger unklar, als am gestrigen Abend. Es bleibt offen, ob wir der Natur oder unserer Imagination nachspähen.

Der vollständige Text befindet sich auf der Seite IX Reisetagebuch Malaysia 1985